Ein Tag wird kommen

Jetzt kommt das “Wagenbach-Quart- und Ö1-Buch des Monats, der 1988 in Rom geborenen Giulia Caminito “Ein Tag wird kommen”, die damit eine italienische Familiengeschichte und die Geschichte ihres Urgroßvaters des Anarchisten Nicola Ugolini geschrieben hat und das von Ö1 und anderen Rezensenten sehr gelobt wird, Anna Jeller hat es auch in ihrem Schaufenster und das mit den texten des Neoverismo wie Pavese, Silone oder Moravia verglichen wird.

Ich muß gestehen, ich habe mich mit dem Lesen etwas schwer getan und denke, daß die zweiunddreißigjährige sicher eine eigene manchmal etwas pathetische Sprache hat, die von der 1952 in Linz geborenen Barbara Kleiner ins Deutsche übersetzt wurde.

Schwierig ist es auch, daß die Geschichte des Dorfes Serra de Conti in den Marken und der Bäckerfamilie Ceresa nicht chronologisch erzählt wird.

Es geht jedenfalls um den Anfang des vorigen Jahrhunderts bis hin zum ersten Weltkrieg, die spanische Grippe komme vor und wird von den Rezensenten als bezug zur Gegenwart und dem Corona-Virus auch lobend erwähnt.

Es geht um zwei Brüder Lupo und Nicola, die eigentlich keine richtigen Brüder sind, aber das ist ein Geheimnis, das sich erst nach und nach entschlüßelt und es geht auch um ein Kloster, das eine aus dem Sudan entführte schwarze Nonne zur Äbtisstin hat, die, wie Giulia Caminito, in ihrem Nachwort erzählt, es genau, wie den anarchistischen Urgroßvater wirklich gegeben hat.

Die beiden Brüder sind sehr verscheiden, der kleine Nicola schwach und ungeschickt und scheint eigentlich nur für den Beruf des Priesters geeignet. Eine Parallele, die man mit den “Halbbart” ziehen kann, obwohl dieses Buch ja in der Schweiz und im vierzehnten Jahrhundert spielt.

Der Bruder Lupo, der Anarchist, beschützt ihn, hält ihn auch von der Arbeit ab und als der erste Weltkrieg kommt und Lupo in den Krieg ziehen soll, zwingt er den Bruder ihn ins Bein zu schießen, damit er nicht eingezogen wird.

Es gibt auch einen Cane genannten zahmen Wolf, der unter dem Bett der Brüder lebt, der wird von einer Schlange gebissen und als Lupo ihn begräbt und danach zurückkommt, ist Nicola verschwunden, er wurde in den Krieg geschickt und, als er zurückkommt, ist er ein Mann und die Brüder wandern dann nach Amerika aus.

Es gibt aber noch den Priester Don Agostino und die Schwester namens Nella, die von ihm, wieder eine Parallele zum “Halbbart” von ihm vergewaltigt wird. Sie geht dann ins Kloster zu Suor Klara, wird später selber Äbtisstin, vorher wird der Mutter Violante, die ein totes Kind zur Welt bringt, aber Nellas Sohn Lupo unterschoben, man sieht Giulia Caminito erzählt ihre Familengeschichte höchst dramatisch und die rote Woche die “Sentimana Rosso” gibt es auch, den Aufstieg Mussolinis und den Faschismus, der dann auf die harte Zeit nach dem ersten Weltkrieg folgt.

Am Cover des Buches ist ein Wolf zu sehen und es ist sicher interessant diese italienische Familiengeschichte, die, wie in der Beschreibung steht, von “Schuld, Anarchie und Wiederstand” handelt, zu lesen und Caminitos schöne Sprache “einfach, stark, vollkommen” wird dabei auch sehr gelobt.

Der Halbbart

Nun kommt Buch vier der deutschen Longlist und das erste das ich nach der Verkündung gelesen habe, obwohl es schon lange auf meinen Bücherstapel lag.

Ich interessiere mich für Bücher ja hauptsächich nach den Autorennamen, so habe ich als mir “Diogenes” seine Herbst oder Sommervorschau schickte Charles Leweinsk und Bernhard Schlink angefragt, sind das ja bekannte nnamen von denen ich schon was gelesen habe und stolperte dann über den Titel “Der Halbbart”, denn, was soll das heißen und dachte erst einmal “Das interessiert mich nicht!”

Dann bin ich noch draufgekommen, es ist wohl ein historischer Roman, denn er spielt im vierzehnten Jahrhundert.

Uje,uje und, als ich dann noch bei einem Podcast, der die Ll bespricht und die Hörer nach den Genres raten ließ, hörte, daß, da nach einem Schelmenroman gefragt wurde, dachte ich, wohl wieder “Uje, uje!” oder “Nein!”, da war ich schon beim Lesen und bin irgendwann darauf gekommen, daß der “Halbbart” damit gemeint sein könnte.

Den 1946 in Zürich geborenen Autor kenne ich genaugenommen seit 2014, denn da stand sein “Kastelau” auf der Longlist und ich habe das Buch in Folge der Longlistleseaktion gewonnen und besprochen, den “Stotterer” habe ich auch gelesen, weil mir “Diogenen” durch das Bloggerdebutlesen Des Genies”, die Vorschau schickte und ich interessiere mich nun einmal für die bekannten Namen.

Da waren wir schon einmal und, um mich nicht wieder zu wiederholen kann ich gleich spoilern, daß ich das Buch, als mein zweites für die shortlist sehen würde, ich habe zwar erst vier gelesen, aber immerhin und es ist wieder ein Buch über das Erzählen und darüber wie Geschichten entstehen und noch darüber hinaus, wie man die Wahrheit von der Lüge unterscheidet oder wie Lüge letztlich durch das Erzählen zur Wahrheit werden kann.

Wahrscheinlich ist es das Alterswerk des Autors, der darin seine ganze Weisheit legt und großen Spaß beim Erzählen hat und dabei auch ein bißchen dreht und wendet, so daß es, was ein guter Roman ja sein muß, wie ich immer höre, etwas Neues und noch nie dagewesenen trotz der Millionen schon geschriebener Romane hat.

Da wäre Erstens, daß der titelgebende “Halbbart” eigentlich gar nicht die Hauptfigur ist und, daß man eigentlich gar nicht soviel von ihm erfährt oder wahrscheinlich nicht alles und Zweites, daß es einen Erzählstil hat, wie ich ihn auch manchmal verwende.

Es tappt sich von Szene zu Szene voran und beginnt mit Wiederholungen. Das tue ich öfter. Der Autor geht darüber hinaus, überspringt auch einiges und Erzähler ist der Sebi oder Eusebius, das ist ein kleiner Bub, im Dorf aufgewachsen, der sehr schwach ist, dadurch nicht zum Bauern geeignet ist und auch nicht zum Soldaten. Dafür vielleicht zum Mönch, sagt man im Dorf, denn er hat ein gutes Gedächtnis.

Es kommt aber immer alles anders, als man denkt, das sage jetzt ich und der Sebi beginnt das Buch, in dem er erzählt, wie der Halbbart ins Dorf gekommen ist, denn der ist eine sonderbare Erscheinung. Hat er ja ein halb verbranntes Gesicht oder einen halbverbrannten Körper und der ist auch sehr gescheit, beziehungsweise versteht er sich auf das Heilen, obwohl er wie er sagte, nie Medizin studierte. Aber das konnte man im vierzehnten Jahrhundert wahrscheinlich auch nicht wirklich.

Der Sebi, der sich mit dem Fremden, der ihm nach und nach seine Geschichte erzählt, anfreundet, hat zwei ältere Brüder den Poli und den Geni und nur noch eine Mutter, die auch bald stirbt, aber eine vernünftige Frau gewesen scheint, die dem Sebi viele Lebensweisheiten in Sprüchen mitgab und eigentlich nicht an Gott glaubte.

Es geht gleich weiter, daß der Geni beim Holzfällen verletzt wird und der Halbbart rät, daß man ihm sein Beim amputieren muß, damit er nicht stirbt und er baut ihm mit Hilfe eines Schmiedes auch noch ein künstliches Bein, so daß er wieder gehen kann-

Dann erzählt er dem Sebi nach und nach seine Geschichte. Er wurde der Gotteslästerei beschuldigt und sollte daher verbrannt werden, konnte sich retten, hat aber alles verloren, wurde auch zur Schau gestellt und dem hämischen Volk ausgeliefert, so hat er einen großen Haß auf die Habsburger. Er wird auch in dem Dorf, der Hexerei veschuldigt, es kommt zu einem Prozeß. Da kann er seine Unschuld beweisen und der Geni, der ein sehr gescheiter Bursch ist, wird sogar zum Gehilfen, Sekretär oder Assistenten oder, wie immer man das damals nannte des Landammanns bestellt und, als die Mutter gestorben ist, wird er zum Vormund des Sebi und schickt ihm ins als sogenanntes Abtmündel ins Kloster.

Dort darf er, die Schafe hüten, beziehungsweise im Garten arbeiten und als ihm der Prinor einen besonderen Auftrag gibt, nämlich ein totes Kind zu begraben, nimmt er entsetzt Reisaus und ist von den Patres aufs Erste einmal enttäuscht.

Rührend fand ich die Szene, wie er die kleine “Perpetua”, wie seine Schwester heißen sollte und er die Kinderleiche daher so nennt, begräbt, in dem er sie, damit sie doch in den Himmel kommt, vorher tauft und ihr später auch ein Holzkreuz schnitzen läßt.

Der andere Bruder, Poli, ist das Gegengteil von Geni, nämlich ein Raufbold, der unbedingt zu den Soldaten will und, auch als Vorbild, den Onkel Alisi hat, der bei den Soldaten war ins Dorf zurückkommt und sich als Familienhaupt in das Haus der Brüder einquartiert, dazu holt er den Sebi, der sich inzwischen unter anderen Namen bei einem Schmied versteckt hat, zurück und will unbedingt einen Soldaten aus ihm machen. Das mißlingt genauso, wie das Angebot des Totengräbers, den er Sebi immer geholfen hat, sein Nachfolger zu werden, der nun weiß. was er werden will, nämlich Geschichtenerzähler und geht deshalb zur Teufels-Anneli in die Lehre und die gibt ihm auch gleich die richtigen Ratschläge, die vom Autor stammen, nämlich, daß man eine Geschichte immer so erzählen muß, wie sie nicht wirklich war, deshalb vielleicht mein literarischer Mißerfolg, weil ich ja gerne realisitsch schreibe, aber, wie heißt es so schön, jede gute Geschichte ist besser als die erfundene Wirklichkeit.

Daniel Kehlmann hat es ja einmal gemeint, daß ein Autor lüget, wenn er erzählt und in den Schreibseminaren lernt ja, “Erzähle das Schlimmste pawas dir passiert ist, dann wird es gut!”

Der Sebi lernt das, beim Teufels-Anneli, die sich selbst vergiftet, weil sie sich mit Käutern betäubt, um besser fabulieren zu können und die guten Ansätze des Lebens, werden durch die Mord- und Rauflust des Onkesl und seinen Kumpanen sofort zerstört, denn zuerst überfällt er mit dem Dorf und dem Neffen das Kloster, dann macht er einen Feldzug gegen die Habsburger und der Sebi, der zu all dem ja ungeeignet ist, steht daneben und erzählt seine Geschichten so, daß er die Wahrheit übertreibt. Da dann nieman,d wie er meint, sie glauben kann. Der Onkel ist aber begeistert und das Teufels-Anneli nimmt ihm zur Seite und meint “Das war eine sehr schöne Geschichte, Eusebius. Man wird sie bstimmt noch lange erzählen, und irgendwann wird sie die Wahheit sein.”

Da merkt man, denke ich, die Schelmenkunst des Erzählers, der ja eigentlich sehr grausame Sachen erzählt und vieles nur anschneidet, so hätte ich wahrscheinlich mehr vom Leben des Halbbart, der am Ende seine Rachsucht auch nicht überlebt oder über die Kinderleiche erfahren und da läßt derAutor, den Sebi sie ihm in einem Fiebertraum noch als Engel erscheinen und dann gibt es eine zarte Liebesgeschichte, die böse endet und leidet auch irgendwie unvollendet bleibt. Denn der Schmid bei dem der Sebi eine Zeitlang in der Lehre war, hat eine Tochter, das Kätterli, in die er sich ein wenig verliebt. Die kommt eines Tages bleich und stumm vom Kirchgang zurück und man erfährt, sie wurde von einem Mönch vergewaltigt. Nachdem das klar ist, verschwindet sie auf ihren Wunsch selbst im Kloster und man hört nie wieder etwas von ihr. Der Schmid schließt sich in seiner Rachsucht, obwohl sonst ein vernünftiger Mann, dem Onkel und Neffen bei ihren Klosterfeldzug, wo alles geschändet und geplündert wird und den Sebi entsetzt daneben stehen läßt, an.

Ein Mann liest Zeitung

Jetzt kommt ein historisches Zeitdokument, ein Roman, der wahrscheinlich wieder als Zeitbericht zu bezeichnen wäre, des von 1886-1970 lebenden Journalisten Justin Steinfeld, der in Hamburg geboren, nachdem er in Schutzhaft 1933 zuerst nach Prag und danach nach England emigirierte, wo er verstarb.

Der Roman der 1984 erstmals von seinem Neffen im “Malik-Verlag” herausgegeben wurde, beschreibt sehr viel Autobiografisches. Anmerkungen, die sich auf den Autor beziehen, gibt es auch und er beschreibt eigentlich nichts anderes, als, daß ein aus Deutschland geflohener Geschäftsmann, den er Leonhard Glanz nennt, in einem Prager Kaffeehaus sitzt, dort einen Kaffee und eine Semmel bestellt und dabei Zeitung liest.

Das passiert mit Anmerkungen und Nachwort des jetzigen Herausgebers versehen, auf fast fünfhundert Seiten und Glanz oder Steinfeld kommen dabei vom Hundersten ins Tausendsten, so daß dem Leser der Bart sogar bis in die Marmorplatte des Kaffeehaustisches hineinwächst.

Der jüdische Geschäftsmann wurde von dem Prokurist, den der Vater protegiert und eingestellt hat, enteignet und in Schutzhaft gebracht.

Jetzt sitzt er da und studiert die Annoucen, darf als Emigrant aber nicht arbeiten. Er studiert auch die Announcen die Wiener Freudenmädchen damals in Zeitungen aufgaben “Junge Dame sucht..”, weil prostitution ja verboten war, die die Nazis dann wieder einführten.

Er schreibt von seiner Schwester, die Klavierspielen lernten, sich verheiratete und sich dann als Kulturförderin mit eigenem Salon betätigte, seine Mutter kommt vor, die als Urne neben dem Vater liegen wollte, aber nicht konnte, weil dieses nicht auffindbar war, die Mutter schwärmte von Schiller und Goethe, der Sklavenhandel kommt vor und viele politische gesellschaftliche und andere Anspielungen, die damals wohl in den Zeitungen standen.

Der Stil wechselt vom expressionisch experimentellen in Gedichtform ab, es kommt zu einem Dialog mit dem Ich, was das Lesen trotz des umfangreichen Anhanges wohl ein wenig schwierig macht.

Es ist aber trotzdem, als sehr Interessantes, weil als sehr authentisches Zeitdokument zu verstehen.

Im Nachwort wird das Leben des Autors erklärt. Er kam aus einer Handelsfamilie, sollte eigentlich auch Geschäftsmann werden, wurde dann Redakteur und schloß sich einer Theatergruppe an.

Fotos von ihm, den Zeitschriften, die er herausgegeben hat und seinen Schwestern, gibt es im Mittelteil auch.

Immer wieder werden kulturelle Anspielungen und kritische Bemerkungen über das Kulturgeschehen gemacht. Hans Henny Jahnn, mit dem er wohl befreundet war, wird erwähnt.

Der Anschluß Österreichs an Deutschland, der Kardinal Innitzer und seine Einstellung zu den Nazis wird erwähnt und der Einmarsch der deutschen Truppen in Prag. Da ist Steinfeld nach England geflohen.

Sein Protagonist, der auch, um einen Teppich betrogen wurde, hat es da viel schwerer, weiß nicht, ob er das tuen soll, kommt auch wohl zuspät, weil die Nazis schon die Brücken besetzt haben, als er es doch tun will.

Das Buch schließt mit der Bemerkung “Ende des ersten Teils”

Einen Zweiten hat es wohl nicht gegeben. Jetzt ist das Buch bei “Schöffling & Co” von Wilfried Weinke herausgegeben worden, der auch das Nachwort geschrieben hat.

Großes Kino

Nachdem ich vor einigen Wochen Ivan Mandys Kino alter Zeiten”, den Erzählzyklus auf die Filmvergangenheit des 1918 geborenen Ungarn gelesen habe, kommt jetzt das “Große Kino” des 1974 in Duisburg geborenen ehemaligen Sozialarbeiters Sascha Reh und das ist interessant, habe ich ja ebenfalls vor einigen Wochen gehört, daß die offenbar etwas provokante Kabarettistin Lisa Eckhart mit ihrem Debutroman “Omama” von einem Hamburger Literaturfestival ausgeladen wurde, weil es gegen sie Antisemitismusdrohungen und daher angekündigte Störkrawalle gab. Sascha Reh hätte auch da lesen sollen und hat mit der Begründung daß sein Roman auch politisch inkorrekt sei, abgesagt.

“Interessant, interessant!”, habe ich gedacht, weil ich mich ja seit vier Jahren mit dem Uli matche, wenn er wieder einmal auf seinen Blog gegen die Linken schimpft oder aufzählt, daß sich Polizisten nicht gegen Clan durchsetzen können und schon wiederein Asylwerber eine Gewalttat begangen hat.

Dann habe ich das Buch aufgeschlagen und war erst recht erstaunt, steht da doch unter den Motti “Es ist ohne weiteres möglich eine gute Story zu schreiben, ohne die Einzelheiten der Reise des Helden zu beachten. Ehrlich gesagt, ist dies sogar der bessere Weg. Christopher Vogler “Die Oydssee des Drehbuchschreibers”.

In diesem buch folgt dann wahrscheinlich die Begründung, warum es doch besser ist, in seinen Romanen, die nach der “Heldenreise” zu arbeiten, gilt Vogler ja als der Oberguro der “Heldenreise”, der sie in die Filmbranche und nach Hollywood brachte und Jurenka Jurk schreibt mich ja jedes Jahr an, um mir mit Gratisseminaren ihre “Ausbildung zum Romanautor” schmackhaft zu machen, die genau nach diesen Prinzipen arbeitet und da ich eine gelehrige Schülerin bin, habe ich bei meinen letzten Texten ja versucht, diese Prinzipen, mit mehr oder weniger Erfolg, füge ich an, zu beachten und da kommt jetzt einer daher und verarscht dieses Heiligtum der Schreibschullehrer und schreibt einen Roman darüber oder besser, wie im Klappentext und am Buchrücken steht “Der neue Roman von Sascha Reh ist eine Gansterkomödie voller Sprachwitz und Sensationskomik, deren Held sich mit Eloquenz und Chuzpe durch die Inselhalbwelt mauschelt.”

Ja, das habe ich mir so vorgestellt, aber nicht, daß da einer nach der Dreiaktstruktur und den fünfzehn Heldenreisenstufen einen politisch inkorrekten roman schreibt. Fängt es ja im ersten Akt mit der Phase des Aufbruchs an, was zum ersten Kapitel “Die Reise des Helden beginnt mit der Vorstellung seiner gewohnten Welt. ein initialer Auslöser setzt die Handlung in Gang” bis zu Kapitel 15 im Akt III “Die Reise des Helden ist zu Ende. Wuppke erhält sein Elixier und kehrt in seine gewöhnliche Welt zurück.”

Was dazwischen auf über dreihundert Seiten folgt ist ein Klamaukstück mit allen billigen Trick und Einfällen, Mord und Totschlag, wie man es sich nur vorstellen kann, das politisch Korrekte bewußt in sein Gegenteil zu verkehren und eine geübte Leserin wie ich, mag die Handlung trivial finden. Daß sich aber einer wirklich traut, die “Heldenreise” zu veraschen finde ich genial und hilft mir vielleicht davon abzulassen und weiter so balal und “Da passiert ja nichts!”, zu schreiben, wie ich es schon vor über vierzig Jahren mit meinen romananfängen tat.

Mal sehen, wie es bei mir weitergeht.

Jetzt einmal zu Carsten Wuppke, dem Helden und ehemaligen Sozialarbeiter, der von der rechten Bahn abgekommen ist, nun eigentlich mit seinem Bewährungshelfer Bewerbungen schreiben soll, aber in den Supermarkt geht ein Joghurt zu kaufen, sich dort mit einem Polizisten anlegt, ein Mofa klaut und die Handlung beginnt.

Er gerät nämlich in die machenschaften des “Chinesen”, das ist, sowohl originell, als auch politisch inkorrekt, ein arabischer mafiaboss, der ihn zwingt, ihm einen Gefallen zu tun und nach Sylt zu reisen, weil er dort eine Heide kaufen will.

Dort gibt man sie nicht her und so stolpert unser Held durch alle Stufen, bis er geläuert zurückkommt und sein Schöpfer Reh, hat dabei nicht an Mord und Totschlag, Sex und Crime etcetera gespart. Er gerät nämlich in das Haus des Bürgermeisterkanditaten und Baulöwen Jorgenssen, der die Heide nicht hergeben will. Der ist auch ein Hobbyfilmer, die Filme, spielen wie der Titel schon verrät, ja auch eine Rolle, hat eine fünzehnjährige Tochter namens Effi, betrügt seine Frau und ein Cousin des Chinesen gibt es auch, der von Wuppke auch einen Gefallen will. Er soll ein italienisches Pärchen abholen, das ein Paket Kokain ins Land schmuggelt, einen Filmstar gibt es auch, der liegt im Spital, Wuppke vergißt bei ihm das Kokain, der Clanboß setzt deshalb seine Buberln an ihn an. Dann kommt die Schwester des Italieners mit ihrem kleinen Sohn angereist und das ist originell, weil der Sechsjährige sich an alle Pistolen heranmacht und gleich einen der beiden Handlanger erschießt. Jetzt muß man die Leiche versorgen. Das ist auch originell und kaum ist das geschehen, kommt der Chinese nach Sylt. Wuppke muß nun handeln, klärt alles auf oder führt es zu einem guten Ende. Ein Polizeikommssar erleidet dabei auch noch einen Schlaganfall. Dann kehrt der Held zurück in seine Welt, geht in Neukölln zum Starbucks und kauft sich dort einen Kaffee.

Ich bin gespannt, wie das Buch in der Literaturwelt ankommt, setzt es sich ja zwischen alle Genres und ob es soviele Leser, die an der Heldenreise interessiert sind, weiß ich auch nicht, hätte es aber auf LL erwartet, dort ist es aber nicht daraufgekommen.

Friß oder stirb

Jetzt kommt die zweite” Kremayr & Scherirau-Herbstneuerscheinung” und das zweite Buch über die Schrecken der Kindheit und die Störungen, die sich beim ganz normalen Erwachsenwerden entwickeln können.

Nämlich “Friß oder Stirb” der Roman über eine Eßstörung der 1982 in Graz geborenen Barbara Rieger von der ich nicht nur ihren ersten Roman “Bis ans Ende Marie”, der auch bei den O-Tönen war, gelesen habe, sondern auch ihren Fotoband “Kinder der Poesie”, den über die Kaffeehausliteraten habe ich nur in der “Geellschaft der Literatur” gehört.

Die beiden Bücher sind eigentlich recht ähnlich im Stil, die Barbara Rieger ist natürlich realistischer, aber die Kapitel sind auch oft abgehackt und unterschiedlich lang und die graphische Gestaltung der “Kremyar& Scheriau-bücher” sind in der ganzen Reihe zu loben.

Ein Gebiß am Cover und dann immer Tonbandccassetten bei den einzelnen Kapiteln, die das Leben von Anna zwischen vierzehn und siebenunddreißig schildern. In drei Teilen geht das vor sich “Hinein”, “Rein raus, rein raus” und dann zum Glück “Hinaus” aus der Störungung.

Beginnen tut es mit der Siebenunddreißigjährigen, die wieder zu ihrer Therapeutin geht und die sagt “Gut sehen Sie aus!” und die Lösung des Buches steht auch gleich darunter ” Anna hat angefangen abzunehmen, als sie aufgehört hat, abnehmen zu wollen”, wenn das nur so einfach wäre, diese Anna und mich würde jetzt natürlich interessieren was und wieviel davon autobiografisch ist, hat dreiundzwanzig Jahre dazu gebraucht und, wie es weitergeht, weiß man nicht, in diesen dreiundzwanzig Jahren hat sie aber angefangen alles in Tagesbücher aufzuschreiben und die läßt sie nun los.

Die Kapitel haben die Altersangaben zum Thema, beginnend mit vierzehn und dann hoch bis siebenunddreißig und eigentlich kann ich wieder schreiben, war es eine ganz normale Kindheit, mit der Mutter und Heinz dem Stiefvater, der Vater hat die Mutter verlassen. Die Mutter spricht nicht viel über ihn, gibt der Tochter aber die Adresse und da gibt es etwas Kontakt.

Die Vierzehnjährige hat Freundinnen, die Petra und die Melli. Es gibt einen Kurt, der in Drogen abgleitet, einen Paul. Später mit Siebzehn einen Amerikaaufenthalt bei einer Gastfamilie, das Gymnasium die Schwierigkeiten mit Mathe und Latein und eine Mutter, die immer wieder zum Essen auffordert und sich wundert, daß das Kind nichts ißt.

Das stopft dann bald alles in sich hinein und kotzt es später wieder aus, hat verschiedene Freunde, geht nach Wien zum Studieren, wohnt in verschiedenen WGs, die Mutter mahnt sie “Du bist so wankelhaft!”, gibt ihr dann die Adresse der Therapeutin, da kommt sie mit Zwanzig hin und mit Siebenunddreißig ist sie geheilt, beziehungsweise endet da das Buch, das sehr dicht, von der oder den Eßstörungen erzählt, als Metapher wird die Tiefkühltruhe oder die gefrorenen Gefühle erwählt, die mangelnde liebe und Anna fragt auch einmal ihre Mutter, wie es ihr gegangen ist, als ihr Vater sie damals verlassen hat.

Die Therapeutin mahnt, was ich auch bei meinen Klienten öfter tue, die Mutter so zu lassen und sich selbst zu ändern und man hat, glaube ich, wenn man das Buch gelesen hat, viel über Eßstörungen erfahren.

Es ist sehr dicht und packend, ob es wirklich ein Roman ist , einen wie ihn sich die Literaturwissenschaftler vorstellen, darüber könnte man streiten und beunruhigend ist das buch in Zeiten, wie diesen, wo die Heranwachsenden wahrscheinlich noch zusätzlich durch die Corona-Pandemie und das Abstand halten traumatisiert wird, allemal.

Triceratops

Jetzt kommt eine Neuererscheinung, eines der beiden Bücher aus der Literaturdschiene des “Kremayr& Scheriau Verlags”, die jetzt ja ihr fünftes Jahresjubiläum feiern, da war ich bei einigen Veranstaltungen und habe viel, nicht alles, von den Neuerscheinungen, die auch einige Debuts enthielten, gelesen.

Zuerst “Triceratops” das Debut des 1983 in Linz geborenen Stephan Roiss der mit Auszügen daraus schon Preise bei der “Floriana” und wo anders gewonnen hat und es auch bei den O-Tönen vorstellen wird.

Am Anfang bin ich über den unverständlichen Titel gestolpert, was heißt denn das? Dann hat “Wikipedia” mir verraten, daß das ein Dinosaurier ist und im Klappentext, der mich zugegeben nicht sehr angesprochen hat, ist etwas von einem kleinen Jungen der Monster malt und einer Mutter, die die Neuroleptikea in der Anstalt mit ungesüßten Fruchttee hinunterschluckt und einem Vater, der die Bibel liest.

Das müßte eine Psychologin eigentlich interessieren, aber vielleicht hat die auch Abwehrmechanismen und bei “Google ” habe ich bei der Beschreibung noch etwas von “Psychologie-Fiction” gelesen. Was ist denn das? Ein neues Genre?

Interessant ist vielleicht auch, daß diesen Herbst und Sommer einige Debutanten sich die Monster erwählt haben, um damit die Traumatisierungen der Kindheit zu beschreiben. Lernt man das in Schreibschulseminaren?

Ulrike Almut Sanding hat das in “Monster wie mir” getan und damit den Kindesmißbrauch und die darauffolgenden Dissoziationen beschrieben.

Stephan Roiss tut es, meine ich, subtiler, in dem er eigentlich eine wahrscheinlich doch eher ganz normale Kindheit und Pubertät mit all ihren Schwierigkeiten in einer schönen knappen Sprache beschreibt, die was ich besonders schön finde, nicht zu auffällig experimentell ist.

Interessant ist auch und das hat die Psychologien nicht so ganz verstanden, obwohl es wahrscheinlich etwas mit der Abspaltung zu tun hat, daß der Erzähler, der, glaube ich, namenlose Junge in der Wir-Form von sich spricht.

Das tun, glaube ich, in der Entwicklungspsychologie wird das gelehrt, die dreijährigen Kinder, aber diesen Jungen begleiten wir ja durch seine Pubertät. Er lebt in Aschbach oder Ottensheim. Dort ist sein Autor aufgewachsen und wir mit den Rad ein paar Mal vorbeigefahren, wenn wir nach Passau wollten, hat einen Vater, der die Bibel liest und immer “In Ordnung!”, sagt.

Eine Mutter, die sich bemüht ihren Kindern all die Liebe, die sie hat, zu geben, was ich auch sympathisch finde, weil ich ja schon mit mehreren Klienten arbeitete, die ihre Mütter als Monster empfanden, die ist es nicht, hat aber den erhängten Vater gefunden. Dann das erste Kind, die große Schwester geboren, während das “Wir” ein Unfall war und die Mutter verschwindet in der Kindheit des Jungen auch mehrmals in der psychiatrischen Anstalt und da ist interessant, daß Stephan Roiss das so nennt, weil es ja heute nicht mehr so heißt.

Der Junge malt Drachen, läßt sich aus der Bibel auch diese Stellen vorlesen, hat eine esoterische Tante und die Aschbach-Großutter zu der er muß, wenn die Mutter in der Anstalt ist und die Schwester doch noch nicht so groß genug, um auf ihn aufzupassen.

Er kaut an den Fingernägeln, hat Narben, kratzt sich ununderbrochen und hat später, im zweiten Teil, als er schon ins Gymnsium geht oder gehen soll eine Glatze.

Aber vorher noch zur Aschbach-Großmutter die später stirbt, die hat auch ihre Geheimnisse mit dem Großvater, der aus dem Krieg zurückkommt und im zweiten Teil geht es um die Pubertät. Da hat die Schwester schon ihren Paul und ist ausgezogen. Die Mutter scheint gesünder und sorgt sich um ihren Sohn, der die Schule schmeißt, schlechte Note schreibt, so daß die Lehrer mahnen, du wirst wiederholen müßen.

Schließt sich den Punks an, beginnt Feuer zu legen, etcetera, während der fromme Bibel- Vater zu trinken anfängt. Paul verläßt die Schwester und die erwürgt ihr acht Monate altes Kind, weil sie ihm das Leben ersparen will und landet selber in der Anstalt, also doch nicht alles so normal, Stephan Roiss erzählt, es aber unaufgeregter, als andere Autoren deren Debuts mit ihren Lebenskrisen ich schon gelesen habe.

Es endet auch versöhnlich, das Wir, das im dritten kurzen Teil zum Jungen geworden ist, besucht die Schwester regelmäßig in der Anstalt, heute heißt das, glaube ich, psychiatrische Klinik, es geht aber dort noch so zu, wie ich den “Steinhof”, der ja heute auch anders heißt oder den es vielleicht gar nicht mehr gibt, erlebte, als ich Psychologie studierte, lernt dort die Patienten, vor allem den alten Konrad kennen, der, weil nur ein “halber Mann” und Schwierigkeiten mit seiner Mutter hatte, die er umbrachte, in der Frauenabteilung untergebracht ist und er scheint dort, was heute wohl auch nicht mehr so ist, schon Jahrzehnte zu leben, füttert aber Vögel mit Brotresten.

Eine alte Frau, die immer den Ausgang sucht, um zum Fleischhacker zu gehen, gibt es auch und der Junge findet, wenn ich mich nicht irre und das Buch richtig interpretiere, in das Leben hinein.

Das nächste Buch aus dem Verlag schildert, glaube ich, eine Eßstörung und dieses hat mir, muß ich sagen, sehr gut gefallen und so bin ich gespannt, ob es auf welche Debutpreislisten kommt?

Das letzte Land

Eigentlich habe ich ja als letztes Buch von meiner Backlist-Liste bevor der “Deutsche Buchpreis” kommt, Marjana Gapaoneko “Der Dorfgescheite”, ein Fund aus dem “Bücherschrank” lesen wollten und habe es schon vorige Woche nach Harland mitgenommen.

Dann war ich nicht so schnell mit dem “Yemen-Cafe” und wollte es nicht wieder nach Wien zurückbringen, so habe ich halt Svenja Leibers “Das letzte Land” auch ein “Bücherschrank-Buch”, das ich mir wahrscheinlich dem Namen nach, den ich wohl irgendwo hörte, genommen habe, geworden und habe von der 1975 in Hamburg geborenen Autorin, die in Berlin lebt, auch noch nichts gelesen.

Das Buch wird im Klappentext und am Buchrücken, als “Kapitaler Bildungsroman” bezeichnet, der ein dreiviertel Jahrhundert oder vielleicht noch etwas weniger umfaßt und sich auch mit der Musik beschäftigt.

Wieder ein Roman, der sich mit der deutschen Kriegsgeschichte auseinandersetzt, könnte man vielleicht weniger hochtrabend sagen und das Besondere ist vielleicht dabei, daß er in einem norddeutschen Dorf spielt, wo die Leute Ruven, Gesche oder Gosche heißen und der Held, Ruven Preuk, Sohn eines Stellmachers ist, wurde wohl 1900 geboren und hat ein musikalisches Gehör. Zuerst will ihm der Vater die Musikalität hinausprügeln, dann sucht er ihm einen Lehrer, der ihm das Geigenspiel beibringt.

Der Erste gibt ihm eine kleine Geige und sagt, mehr kann er ihm nicht beibringen. Der Zweite ist der Jude Goldbaum in dessen Enkelochter Rahel Ruven sich verliebt. Die verschwindet aber und die Nazis kommen auch bald an die Macht, der Jugendfreund wird ein solcher und Ruven, der auf Dorffesten und bei Weihnachtsfeiern spielt, heiratet bald eine Lene. Er wird von einigen jüdischen Familien gefördert, muß dann aber in den Krieg, während Leni mit der Tochter Marie in Hamburg ein jüdisches Paar versteckt.

Rahel und ihren Mann und der Dorffreund Fritz Dordel, jetzt ein Nazipolizist, durchsucht die Wohnung und Lene kann die Versteckten nur retten, in dem sie sich Fritz hingibt. Sie wird schwanger, das Kind läßt sich nicht abtreiben, so schluckt sie Medikamente, bringt aber einen Buben zur Welt, an dem sie dann stirbt.

Ruven kommt zurück, heiratet noch einmal eine stramme Maid, die nicht gut zu Marie ist und Fritz Dordel verschafft Rahel falsche Papiere, wenn sie aus Ruvens Leben, der sie ja liebt, verschwindet. Das tut sie auch und im letzten Kapitel, die sind immer in verschiedene Zeitspannen untergeteilt, also zwischen 1966 und 1975 kommt Ruven, der trotz seiner Begabung keine Solistenkarriere machte, in das Dorf zu seiner Tochter, die inzwischen drei Kinder hat, zurück und söhnt sich mit seinen Rivalen aus, beziehungsweise spielt er ihm mit seinen drei Geigen etwas vor.

Fritz Dordel stirbt an seinem Krebs, vorher läßt er Ruven aber den neuen Namen Rahel zukommen, der ruft dort an, um zu erfahren, Gertrud Meidner ist drei Tage zuvor gestorben.

Nun ja, nun ja, ein bißchen kitschig die Handlung und sehr konstruiert vielleicht, der Sprache ist ungewöhnlich rauh, schöne Wortwendungen sind auch dabei. Ungewöhnlich auch, daß Ruven keine Karriere machte und auch, daß er ein Landkind ist, ungewöhnlich auch die Namen. Den Titel habe ich nicht verstanden.

Aber natürlich ist es wichtig sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und das Ganze einmal von einer etwas anderen Seite zu sehen.

Ob es wirklich realistisch ist, weiß ich nicht und sehr sympathisch ist dieser Ruven mit seinen Frauengeschichten und seiner geheimnisvollen Liebe eigentlich auch nicht.

Yemen Cafe

Jetzt kommt, bevor es an das “Buchpreis-Lesen” geht, noch ein Bücherschrankfund, nämlich Evelyn Schlags 2016 erschienenes “Yemen Cafe”, da war ich bei der Präsentation in der “Alten Schmiede” und die 1952 geborene, die im Waldviertel Lehrerin war, kenne ich schon lang, von ihren Lesungen, einige ihrer Bücher habe ich auch gelesen und jetzt war ich ein bißchen erstaunt, wie banal die Handlung in diesem, Gesellschaftsroman, würde ich sagen, eigentlich ist.

Yemen Cafe, ein Buch, das in einem von Schweizern geführten Krankenhaus in Sanaa, der Hauptstadt von Jemen, der Alfred war schon vor mehr als dreißig Jahren dort und hat mir ein Ketterl mitgebracht, spielt, eines in dem hochrangige Regierungsvertreter behandelt werden und eine der Hauptfiguren ist Jonathan, ein österreichischer Arzt, der eben nicht bei “Ärzten ohne Grenzen” arbeitet, sondern in einem Spital in dem korrupte Beamte und Ausländer behandeln werden und der ist, könnte man sagen, ein Frauenheld, vor den Jemen hat er in Äthiopien, wahrscheinlich bei so etwas wie “Ärzte ohne Grenzen” zusammen mit Delphine, einer Französin, gearbeitet, die ist jetzt nach Frankreich zurückgeflogen, um ihre Mutter zu betreuen und zu Beginn des Buches wird Christian Malte, ein Deutscher, in dem Spital neu anggestellt, der hat eine Frau namens Susanna, in die verguckt Jonathan sich ein bißchen, der eine Designerin, gefällt es im Jemen aber nicht. So fliegt sie zurück nach Berlin zu ihrem Lover und Jonathan lernt Katie kennen, eine junge Amerikanerin, die für eine NGO arbeitet.

Dann gibt es noch Hassan, den Dialysepfleger, der hat zwei Jahre in München Medizin studiert, spricht daher gut Deutsch, bevor er von seinem Vater zurückgerufen wurde, dessen Bruder Khalid ist verschwunden, so wird er von einem Abdul bedrängt, das Spital auszuspionieren und geheime Pläne zu zeichnen.

Es herrscht Terroralalam und Kämpfe zwischen Shiiten und Huthis im Land. Immer wieder werden Verletzte gebracht und eine indische Krankenschwester, die eigentlich heiraten will, gibt es auch. Da muß Jonathan in den Chefetagen vermitteln, daß sie ihr Gehalt bekommt. Ein Arzt wird verdächtigt Medikamente gestohlen zu haben und eine schöne Stelle ist mir noch im Gedächtnis, wo Jonathan Delphine anruft und sie bittet, für ihn ein Glas Rotwein mitzutrinken, da Jemen ist ja ein Land mit Alkoholverbot und sein Fahrer Ali bittet ihn um Geld für Nachhilfestunden für seinen Sohn, dann erzählt er ihm, daß er nun im Militärgymnasium aufgenommen wurde, weil es im Jemen nur etwas bringt, wenn man bei der Armee ist.

Ich frage mich und weiß nicht mehr genau, ob das damals bei der Lesung thematisiert wurde, wieviel Evelyn Schlag für das Buch recherchiert hat und ob sie deshalb im Jemen gewesen ist?

Sprachlich ist es sicher schön geschrieben, dafür wird Evelyn Schlag ja hoch gelobt und hat auch Preise dafür bekommen.

Der Inhalt ist eigentlich banal und, ob man viel über Jemen und die Kämpfe, die sich dort abspielten gerlernt hat, wenn man das Buch gelesen hat, bin ich mir eigentlich auch nicht sicher.

Kann mich aber nicht beklagen, bastle ich mir ja gerade selber eine Handlung, wo nicht so viel passiert, an Hand der Corona-Problematik zusammen und da hat mich das Buch wohl bestärkt, daß ich mir dachte, wenn die Schlag das darf, darf ich es auch und wem es interessiert, mein Handlungsrahmen steht schon ziemlich und am Schluß schmeißt der Uwe Kathis Handy, ja die gibt es auch bei mir, in einen Blumentopf.

Kino alter Zeiten

Jetzt kommt ein Erzählband, den ich eigentlich ins Doml mitnehmen und Stephan Teichgräber zeigen müßte, wenn es seine Workshops noch gibt, nämlich ein schon ziemlich abgenützt wirkendes DDR-Bändchen aus dem “Volk und Welt-Verlag” von 1975 mit, wie in der Beschreibung steht, zwei Erzählzyklen des 1918 geborenen Ungar Ivan Mandy.

Ich habs im Schrank gefunden und auf meine heurige Leseliste gesetzt, dann habe ich, als ich Anfang des Jahres die Bücher heraussuchte, nicht gefunden, länger gesucht und jetzt das Lesen noch geschafft.

Den Autor habe ich nicht gekannt und konnte auch im Netz außer seinen Lebensdaten 1918 in Budapest geboren, 1995 dort gestorben und 1993 für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde, nicht sehr viel finden.

In dem schmalen Büchlein gibt es die schon erwähnten zwei Erzählzyklen, das Titel gebende “Kino” und dann noch “Was gibts Alter?” und das Genre Erzählzyklus, wo sich die Handlung in einzelnen Geschichten fortschwingt war mir auch eher unbekannt, finde ich aber interessant.

Geschichten übers Kino also und da steht in dem eher knapen Beschreibungstext, daß sich Mandy “Den Grautönen” des Lebens widmet und “Das Dassein jener Unsichereren und Empfindsamen, die an den Rand der Gesellschaft geraten sind und vom Erfolg, vom Anderssein überhaupt nur zu träumen wagen. In der Flimmerwelt des Kinos zum Beispiel”, beschreibt.

Es beginnt mit einem “Motto”, da wird nach Filmen gefragt und führt dann zu der Erzählung “Die graue Mütze” hin, wo ein Jungen einem die Mütze eines berühmten Regisseurs zeigt, die er von seinem Onkel, einem Filmvorführer bekommen hat.

Dieser Junge, Karoly Bonaja ist sein Name, will dann gleich nach der Schule mit dem Vater ins Kino gehen und sich die “Wikinger” ansehen. Der kommt aber nicht und hat auch kein Geld. So bleibt ihm nichts anderes über, als sich in die Welt des “Kino-Lebens”, das sind Kinozeitschriften, die im Kasten liegen, zu versenken.

Später geht er mit dem Vater dann doch hin, nicht ins “Roxy” oder ein anderes großes Kino, sondern in ein altes, in dem es nach Käse riecht. Mitten in der Vorstellung schweben die Beiden dann hinaus und der Vater will dem Sohn einen Wikingerhelm kaufen, den er am Markt natürlich nicht bekommt.

Karoly schreibt “Kinoheft” auf sein Schulheft und schreibt dort alle Partner der berühmten Greta Garbo auf, er träumt von der “schönen Telefonistin” “Colleen Moore, lebt mit dem Vater, der Redakteur ist, aber kein Geld hat und so manchmal nur ein Pfund Roggenbrot und etwas Butter nach Hause bringt, so daß sie nicht ins Kino können, in einem Hotel beim Bahnhof und in der letzten Episode läßt der Junge oder Ivan Mandy, der dieser vielleicht einmal war, die Schauspielerin Norma Shearer, die wir schon von früheren Episoden kennen, nach dem Jungen fragen und wirft am “Schluß einen Ball in den dunklen Zuschauerraum des Roxy hinein”.

Sehr eindrucksvoll dieser Gang durch die Kinogeschichte der Neunzehnzwanziger- und Dreißigerjahre, wo es noch Stummfilme und Klavierspieler gab und sehr eindrucksvoll auch, daß damit die DDR-Bürger in den Neunzehnsiebzigerjahren ermuntert wurden, sich in diese Kinowelt eines armen Jungen der Sehnsucht nach der großen Starwelt hat, hineinzubegeben.

Sehr eindrucksvoll und interessant und ein Roman über das Kino steht übrigens demnächst auch noch auf meinem Leseprogramm.

Im zweiten Teil “Was gibt`s, Alter?”, geht es wieder um einen Sohn der mit seinem Vater eine Zeitlang in einem Hotel wohnte. Der ist aber Schriftsteller, heißt Janos Zsamboky und der Zyklus beginnt, wie der erste mit einem “Motto”, diesmal mit einem “Traum”.

Dann besucht er den Vater offenbar in einer Psychiatrie, denn der hat Zwangsvorstellungen, beziehungsweise einen Selbstmordversuch hinter sich und bei der nächsten Geschiche, Kapitel “Besuch bei Mutter” ist die offenbar schon gestorben. Denn er unterschreibt eine Verzichtserklärung, daß die Kleider im <krankenhaus verbleiben. Dann gibt er dem Ankleider das blaue Kleid mit dem weißen Kragen, der ihm rät so schnell, wie möglich die Bestattung zu informieren, um die Mutter wieder loszuwerden. Ein bißchen surreal und geheimnisvoll der Geschichenton, der sich wieder, was ich ja spannend finde und auch schon lang verfolge, zu einem Roman formt.

Dann wühlt Janos in den Notizen seiner Mutter, wo sie Kochrezepte aufgeschrieben hat, aber auch, daß sie von einer O. geschlagen und von einem G. gewürgt wurde, als sie dem Jungen Schokolade brachte und er erinnert sich durch die Wohnung gehend, der Vater hat die Mutter Ilonka bald zu zu einer Tante Vali abgeschoben und sich die Juwelierstochter Olga, die der Junge Tini nennen mußte, als zweite Frau genommen. Der Vater war überhaupt ein recht ambivalenter Typ, Geige spielend und Gedichte schreiben, Journalist, wie der Vater des Jungen aus dem vorigen Text. Er spekulierte auch und zog mit der Familie durch verschiedene Wohnungen, bevor er in dem schäbigen Hotel neben dem Bahnhof landete. Die zweite Frau hat er auch hinausgeschmissen, nachdem er sie um ihr Geld brachte und der Junge hat sich irgendwann geweigert, die Schule zu besuchen. Da hat ihn wohl, wie den Notizen zu entnehmen ist, der Vater oder war es die Tante in eine Besserungsanstalt bringen wollen und der Sohn beugt sich über den Tisch “betrachtet den Haufen” und murmelt “Du hast das erfunden Vater! Das alles hast du erfunden!”

Dann geht es in vier kürzeren Geschichten ins Espresso Barbara, wo er die Serviermädchen kennt und ein Interview über einen seiner Filme geben soll. Eine Fotografin kommt zu Besuch und die letzte Geschichte widmet sich dem “Lich des Erfolgs”, des Schriftstellers.

Der Vater und die Mutter, die in den späteren Geschichten auch mehr zusammen wohnen, kommen immer wieder vor.

Schöne surreale Geschichten könnte man sagen und wahrscheinlich auch den psychoanalytischen Bezug reflektieren. Damit hat es die Verhaltenstheapeutin nicht so sehr, mich interessiert, sondern, wie schon geschrieben, mehr die Frage, wie aus Geschichten ein Roman entsteht und was die diesbezüglichen Kriterien und Vorgangsweien sind und habe wieder einmal viel gelernt und vor allem und nicht zu vergessen, durch den offenen Bücherschrank, einen Schriftsteller kennengelernt, der sonst an mir vorbeigegangen wäre, weil er heute wahrscheinlich sehr vergessen ist.

Goldene Cartoons

“Die besten Bilder aus 10 Jahren Komischen Künste”, steht auf dem Cover des weißen Buches, das, glaube ich, zu der entsprechenden Ausstellung erschienen ist und am Cover gibt es die Ottitsch-Zeichnung “Also ich finds primitiv!!”, die Steinzeitmenschen bei einer Vernissage mit Sekt vor den Höhlenzeichnungen und mit dem 1983 geborenen Oliver Ottitsch hat meine Begegnung mit dem “Holzbaum-Verlag” von dem ich sehr viel, nicht alles, gelesen und gesehen habe, auch angefangen.

Das heißt, nicht ganz, denn das Erste war glaube ich der “Sex mit 45”, dann kam “Kopf hoch” und damals war ich auch noch nicht sicher, ob ich das auf einen literarischen Blog besprechen kann?

Inzwischen kann ich es oder habe sehr viele, nicht alle der “Holzbaum- Publikationen” besprochen, wurde einmal auch gerügt, daß ich soviel spoilere oder nacherzähle und den Humor und die Ironie, die mir ja an sich nicht so liegen, habe ich mit dem kleinen aber feinen Verlag, die die ersten waren, die mir Rezensionsexemplare schicken, auch gelernt.

Inzwischen nehme ich meiner überlangen Leseliste geschuldet auch nicht mehr alles an, aber bei den “Goldenen Cartoons” dem Jubiläumsband konnte ich nicht widerstehen, obwohl ich eigentlich dachte, ich hätte das alles ohnehin schon gesehen, bin ich ja eine getreue “Holzbaum- Rezensentin”.

“Welch ein Irrtum würde!”, wieder Papa Jandl sagen und rechts mit links bewußt verwechseln.

Damit habe ich es auch nicht so sehr oder glaube auch in Zeiten, wie diesen, wo schon soviel verwechselt wurde, ich einen rechten Kritiker habe und einmal auch mit Martin Sellner auf der selben Demo war, nicht, daß man das kann, aber, um mich nicht zu sehr zu verzetteln ein kurzer Rundgang durch das Buch.

“Tja wenn ich einen Hund und vier Kinder unverdaut verschlungen habe, hätte ich auch Bauchschmerzen!”, läßt da Adam gleich zu Beginn den Doktor zu einem großen Bären sagen und Überraschung diesen Cartoon kannte ich, glaube ich, noch nicht.

Bruno Haberzettls Hitler auf der Coah analysiert von Papa Freud habe ich schon gesehen und auch den Cartoon von Dan Piaro, wo der Hund die Coach belegt und “Eigentlich geht es mir gut, ich möchte nur einen Platz wo ich auf derCoach erlaubt bin,” zu der Psychoanalytikerin sagt. Seine Katzencartoons habe ich auch schon mal gesehen, möglicherweise im Katzencartoon.

Daniel Jokesch ist mir auch schon ein alter Bekannter, hat er ja die “Letzten Tage der Menschheit” gezeichnet, davon gibt es nichts zu sehen, nur den Kaiser Franz mit seiner Sissi oder den Furz.

Elisabeth Semrads markante Zeichnungen mit den langen Nasen gibt es zu bewundern, Jean le Fleur hat auch einen eigenen unverwechselbaren Stil und dann gibts natürlich und da habe ich ein bißchen nicht ganz ausgesetzt, die Cartoons und da ein paar Beispiele von katzi, wenn man also wissen will welche Fragen sich täglich stellen oder “Was der der Wiener mit “Steigen Sie auch aus?,” meint”, blickt hinein in das Buch.

Maria Antonia Graff hat die Berggasse 19 ein wenig analysiert und da bin ich nicht sicher ob ich den Cartoon schon kenne.

Martin Zak hat schöne Zeichnungen, zum Beispiel, die, wo ein Hund mit Eis auf Rollschuhen in ein Geschäft will und all das genau verboten ist und er läßt das Mäxchen dem Papa auch verraten, daß es die Mama mit dem Onkel im Bett treibt, die steht daweil in der Küche und verkündet stolz “Schatz weißt du, daß unser Sohn schon schreiben kann?”.

Man soll sich eben nicht zu früh freuen, lautet wahrscheinlich die belehrende Sequenz.

Michael Dufek läßt den Tod aufmarschieren und verrät das Geheimnis, warum Herr Weber 278 Jahre alt wurde?

Es gibt die “To do Liste für den Advent” von ihm und die habe ich wahrscheinlich schon in den “Cartoons über Weihnachten” gesehen.

Der berühmte Nicolas Mahler hat was gezeichnet und dann kommen wir schon zu dem schon erwähnten Oliver <ottitsch, von dem ich ja auch einen Kalender in meiner Praxiswohnung habe und habe auch seine anderen Publikationen durchgesehen.

Rudi Hurzlmeier hat eine Zitrone in ein Huhn verwandelt, Schilling & Blums markante Zeichnungen habe ich auch schon gesehen und den “Dür(r)en Feldhasen” gibt es auch.

Uwe Krumbiegel läßt den Tod in bunten Klamotten aufmarschieren und beschließt das Büchlein, das ich wieder jeden nur empfehlen kann, der sich kurz und bündig in die besten Cartoons der “Komischen Künste”, das Geschäft oder der Galerie im Museumsquartier einlesen will, mit einer Einführung in “Yoga für Fortgeschrittene” und das ist, kann ich schnell noch spoilern auch sehr interessant.