Dies schwarze Leid – Requiem

Nach dem zwei Halbgeschwister ihre Mutter verloren haben, geht es nun gleich weiter mit dem Verlust einer Mutter, die den Tod ihrer zwanzigjährigen Tochter hinausschreit oder ihn expressionistisch verarbeitet, denn Gutti oder Gustave Alsen, die 1869 in Königsberg geboren und dort 1929 gestorben ist, ist eine, wenn auch nach dem zweiten Weltkrieg komplett vergessene, expressionistische Dichterin.

Der kleine feine “Hommunculus-Verlag”, den ich durch das “Debut-Preis-Lesen” kennenlernte, hat das posthum erschienene Buch neu herausgegeben und wenn man im Internet nach Gutti oder Gustave, wie sie eigentlich hieß, Alsen googlet, findet man nicht viel, nur daß der “Hommunculus-Verlag” das “Requiem”, das am Cover, was mir am Buch sehr mißfällt lauter Totenköpfe zeigt, weil es meiner Meinung nach, nicht dem Inhalt des Buches entspricht, herausgegeben hat und beim “Hochroth-Verlag” ist ein anderes Werk der Autorin erschienen.

Nachwort oder Vorwort gibt es, was ich ebenfalls bedauere, in dem Buch keines, so war das Lesen etwas schwer. Ein Lesen ins Ungewisse, in den absoluten Freiraum sozusagen, was ich  auch nicht so mag, denn googlet man bei “Amazon” nach, findet man auch nur “Ein Roman, der sich wie ein Gedicht liest – poetische ausdrucksvolle Sprache”

Das ist nicht sehr viel und so muß man sich beim Lesen der hundertsechzig Seiten auf sein eigenes Gefühl verlassen und liest, autobiografischer Roman, steht, glaube ich, am Buchrücken, so die Beziehungsgeschichte, beziehungsweise, die Erinnerungen, die die Lyrikerin und Übersetzerin, die auch einen literarischen Salon führte, an ihre Tochter hatte.

Es beginnt mit den Märchen und Geschichten, die die künstlerisch interessierte Mutter, der Tochter, die “Mütti” zu ihr sagte, vorlas.

“Der fliegende Robert” gehörte da zu den Favoriten der kleinen Ellen. Der Vater und die Großmutter sind bald verschwunden. Es gibt Briefe nach oder von Paris von einer Madelon. Es gibt einen Edwin und der erste Weltkrieg, den die beiden durchlebten, wird auch immer thematisiert.

Die spanische Grippe gab es und die größer gewordene Tochter besuchte eine Malschule und studierte, um, wenn sie von der Malkunst nicht leben würde können, die Photografie.

Die Tochter fragt die “Mütti” warum sie keine Geschwister hat? Besucht später Bälle und Veranstaltungen und wird  von einer Krankheit erfaßt, von der die Ärzte nicht recht wissen, ob es sich dabei, um eine Gippe oderum etwas anderes halten. Die Glocke wird abgestellt, um die Kranke nicht zu stören und am Schluß ist es dann soweit, daß die Mutter:  “Als ich endlich aus diesem Zustand erwachte, als ich begreifen musste, dass du meine Einzige, den anderen nur noch Vorübergegangene warst, geschah jenes Wunder, von dem ich dir sprach. Du warst in mich zurückgekehrt. Nicht als das kleine hilflose Wesen, das sich vor zwanzig Jahren aus mir befreite. Nein, als die Weitgewanderte, Vielerfahrene, Verstehende, die sich von den anderen entfernt hatte.”, schreibt.

Eine interessantes Buch, das man jetzt wahrscheinlich “Memoir” nennten würde. Eine Entdeckung einer mir völlig unbekannten Autorin, wie ich in diesem Jahr ja durch “Wagenhbach” schon andere Entdeckungen machte.

So habe ich von Jiri Weil vorher auch noch nichts gehört gehabt und Helen Weinzweig war, obwohl erst 2010 gestorben, für mich auch eine literarische Entdeckung und “Hommunculus” läßt auch nicht nach, kommt doch als nächstes der “vergessene Prag-Roman” von Auguste Hauschner, die 1924 in Prag gestorben ist.

hell dunkel

Es ist erstaunlich, welche Themengebiete, die zufällig zusammengewürfelten Frühjahrsneuerscheinungen haben, die ich in der letzten Zeit gelesen habe.

Da geht es vom Mißbrauch und Pädophilie zur Zwangsprostituation. Die Nymphomanie einer Zahnärztin gibt es auch und die 1990 geborene Julia Rothenberg, deren Debut ich im Vorjahr gelesen habe, die eine noch sehr junge Frau und noch eine unter Dreißigjährige ist, setzt mit dem Thema Inzest auch noch einmal ein Tüpfelchen drauf.

Ja, wir wissen, Sex sells und Bücher sind nur interessant, wenn das, was drinnen steht, das Schlimmste ist, was man erlebte oder sich vorstellen kann und noch ein Stückchen mehr.

Julia Rothenberg scheint es mit dem Thema Krankheit und Sterben zu haben, ob autobiografisch erlebt oder fiktiv nachempfunden, habe ich keine Ahnung und in “hell dunkel” geht es auch um ein sehr wichtiges Thema.

Da sind Valerie und Robert, Halbgeschwister. Das “hell dunkel” symbolisiert ihre Verschiedenheit, suggeriert der Klappentext. Das habe ich gar nicht so empfunden, sondern gedacht, daß es hier, um etwas  anderes geht.

Valerie ist neunzehn und geht noch zur Schule. So beginnt das Buch auch beim Sportunterricht. Die Freundinnen heißen Nathalie und Ivana, der Freund Ali oder eigentlich Andreas und da kommen Mails von der Mutter, daß sie gerade mal ins Spital gegangen ist.

Valerie geht nach Hause. Da findet sie den dreiundzwanzigjährigen Halbbrunder Robert, dessen Vater Italiener ist, Valerie scheint keinen Vater zu haben, der in Marburg lebt und dort eine Leere macht, weil er die Schule vor einiger Zeit abgebrochen und Mutter und Schwester verlassen hat.

Er scheint da auf die schiefe Bahn oder in eine Krise geraten zu sein, jedenfalls hat ihn seine Freundin Sandra zu einer “Psychotante” geschickt, aber wenn die anruft, geht er nicht ans Telefon.

Robert ist der fürsorgliche. Er besucht die Mutter im Spital, während Valerie die Schule schwänzt und die Mutter erfahren wir, hat Darmverschluß und schön länger einen Krebs. Aber jetzt ist es unheilbar,  bald zu Ende und sie sollen sich aufs Sterben vorbereiten, erklärt der freundliche Arzt, der selber sehr früh seine Mutter verloren hat.

Er schlägt auch ein Hospitz für die Mutter vor. Die will aber zu Hause sterben und organisiert sich ein mobiles Pflegeteam, so daß die überraschten und alleingeleassenen Geschwister, früh am Morgen, während sie am Wohnzimmerboden miteinander kuscheln, von einem Sanitäterteam aufgeschreckt werden, das die energische Mutter nach Hause bringt.

Sie haben noch  mehr als gekuschelt. Sie haben ungeschützen Verkehr gehabt und wissen jetzt nicht so genau, ob das nicht verboten ist, aber die Pille danach, kann das ja vertuschen.

Blöd nur, daß sie von Mutters besten Freundin im Schwimmbad überrascht wurden und die überrascht sie auch im Wohnzimmer, teilt das Gesehene dann gleich brühwarm der Mutter mit, so daß die ihr Notfallsmorphium nimmt. Robert flüchtet zum Bahnhof, kommt dann aber wieder zurück, die Mutter ruft Valerie herein, teilt ihr mit, daß sie Birigt, den Auftrag sich um ihr Begräbnis zu kümmern, entzogen hat und will sonst nichts anders wissen oder haben, als Valeries Hand.

Als Tüpfelchen dearauf kommt dann noch der mobile Pfleger, schickt die Geschwister hinaus, spritzt der Mutter etwas, was er ihnen nicht verraten will,  rät die Heizung abzudrehen und wir können nur vermuten oder uns fragen, ob, das die Todesspitze war? Die Geschwister gehen jedenfalls am Ende “nachgucken” und sagen “Okay”  und ich schüttele den Kopf und sage, “Nein, das nicht, so weit sind wir noch nicht!”

Obwohl in der Literatur,  wie schon beschrieben , alles noch ein bißchen mehr, als in der Wirklichkeit überhöht und übertrieben sein muß, um wahrgenommen zu werden.

Und, um jetzt nicht mißverstanden zu werden. Ich habe ein sehr gut geschriebenes, sehr eindrückliches und für eine unter Dreißigjährige erstaunlich stimmiges Buch gelesen, das mir schließlich besser, als das der Corinne T. Sievers gefallen hat, auf das ich auch sehr neugierig war, denke daß es ein sehr sehr wichtiges Thema ist, wenn Zwanzigjährige, die sonst niemanden auf der Welt haben, ihre Eltern verlieren, daß sie sich dann in ihrer Verwirrung aneinanderkuscheln, ist auch verständlich. Die Grenze zum Inzest, der ja, ich weiß auch nicht warum, ein großes Tabuthema ist, denn, wenn man aufpasst, daß man nicht schwanger wird, ist ja eigentlich nichts dabei, müßte vielleicht nicht überschritten werden und das dramatische Ende auch nicht, denn liebe Leser und Autoren, das Sterben passiert  ganz von allein und die energische liebevolle Mutter war ja mit ihrer Schmerztherapie auch gut versorgt.

Ich habe auch schon über dieses Thema geschrieben, als mich das Buch von  Ernst Lothar sehr aufregte, hätte aber, füge ich hinzu, mit neunundzwanzig so ein Buch nicht schreiben können.

Vor der Flut

Weiter geht es bei den Neuerscheinungen mit der Frauenliteratur, könnte man so sagen, jetzt geht es aber nach der Gewalt an Frauen, die von Fernanda Melchor und Paul Ingendday beschrieben wurde, zu der weiblichen Erotik und da scheinen die Schweizer Ärtzinnen besonders wagemutig zu sein, hat doch die in Zürich lebende Psychiaterin Csilla Bekes, die auch 2017 bei meinem Geburtstagsfest gelesen hat, im “Verheerenden Tausch”, die sexuellen Phantasien einer Psychiaterin, die mit einer Prostituierten tauscht, beschrieben und die in Deutschland geborene Corinna T. Sievers, die in Zürich praktizierenden Zahnärztin ist, hat beim letzten “Bachmann-Preis” mit ihrem Text “Der Nächste, bitte”, ja so einiges ausgelöst, Wolfgang Tischer war entsetzt, Klaus Kastberger, wollte sich glaube ich, gleich als Patient anmelden und mir hat,  die ich ja bezüglich Porno und Erotik eher prüde bin, das schonungslose Ausleben der weiblichen Sexualität,  die ich als Parodie der Walser und Roth-Bücher verstanden habe, gut gefallen.

Wenn das ein Mann geschrieben hötte, wäre ich entsetzt, aber so hat mir die Zahnärztin, die nicht nur ihre Patienten behandelt, sondern auch durchvögelt und dabei ihre erotischen phantasien auslebt, sehr gefallen.

Jetzt ist der Textauszug als Buch erschienen. Ich habe es begierig gelesen und muß sagen, ich bleibe ein wenig ambivalent zurück.

Judith ist Zahnärztin auf einer norddeutschen Insel. Sie ist zweiundfünzig, also für eine Nymphomanin, als sie sie sich selbst bezeichnet, nicht mehr jung genug. Aber ungefähr so alt wird auch Carinna T. Sievers sein, obwohl im Buch keine Altersangabe angegeben ist.

Sie hat einen Mann, Horvard mit Namen, der ist Psychiater oder und Psychoanalytiker, sogar ein entfernter Verwandter Freuds, zumindestens ein Freudianer und hat kein Interessen an Sex mit ihr, weiß aber von ihren sexuellen Vorlieben und so wird durch das Buch gevögelt oder und auch eine wissenschaftliche Abhandlung über den weiblichen und männlichen Sex gegeben und das ist, was mir sehr gefallen hat und was ich, was mir in KLagenfurt nicht so aufgefallen wäre, als das Besondere an dem Buch empfinden würde.

Der Schreibstil ist eher konventionell, so a la Walser und Roth, künstlerisch und die Handlung eigentlich trivial. So kann ich mich erinnern, daß ich einmal vor Jahren, ein Groschenheftchen gelesen habe, wo es auch, um eine Beziehung zwischen einer Ärztin und einem Psychiater ging, an die mich das Buch erinnerte, obwohl das sicher kein erotischer Roman oder die Parodie darauf war.

Bei “Amazon” habe ich eine “Ein Stern- Rezension” gefunden, wo sich der Autor, offenbar ein geübter Erotikleser, sowohl am Schreibstil, als auch mit dem Alter der Protagonistin seine Schwierigkeiten hatte.

Ja richtig, als  Plädoyer für den Sex der Frau in reiferen Jahren, ist das Ganze auch zu verstehen und das würde wieder einen Pluspunkt  abgeben.

Sonst denke ich, daß ein Buch, das nur von den erotischen Phantasien und deren praktischen Auslebung handelt,  mir zu wenig ist, denn eigentlich denke ich ja, das man Sex haben und nicht darüber lesen muß.

Ein interessantes Buch von dieser Judith auf dieser Nordseeinsel im Winter, die in ihrer leeren Zahnarztpraxis sitzt, denn ihre erotischen Praktiken haben sich herumgersprochen und wahrscheinlich ganz konventionell von ihrem Hovard ausgehalten wird, während sie den Freiherrn Erik, der ihr seinen Sohn und seine Gattin, in die Praxis schickt, vögelt mit ihm dann auch in  einem Fünfsternehotel, während ihr Mann von einen Schwächeanfall umgehauen am Boden ihrer Wohnung liegt, handelt und das ein Ende hat, das ich nicht ganz begriffen habe, weil es mir wahrscheinlich zu überspitzt symbolisch war und sich die nüchterne Verhaltenstherapeutin, die ja keine Freudianerin ist, fragt, ist der Mann jetzt gestorben oder nicht und was hat das mit der Flut zu tun, ist es wahrscheinlich allemal, das, wie am Buchrücken steht “Ein mutiger Text von dem Begehren einer Frau, das über  seine Grenzen geht”

Ein interessantes Buch und ein sehr originelles, denn ich würde mich ganz ehrlich nicht trauen, ein Buch zu schreiben, wo eine Psychotherapeutin ihre Klienten vögelt, würde  wahrscheinlich gar nicht auf die Idee kommen, das tun zu wollen, bin ich ja,wie schon geschrieben, obwohl ich  schon einige erotische Bücher gelesen hab, ein wenig prüde, das von Corinna T. Sievers fand ich aber sehr interessant und das wahrscheinlich auch, weil ich denke, daß man den Männern durchaus Paroli bieten soll und ich eigentlich nicht immer nur die sexuellen Phantasien der mittelalten oder älteren Männer lesen möchte.

Licht über den Wedding

Weiter geht es mit den Neuerscheinungen, in meiner unfreiwilligen Veranstaltungspause flutscht das ja recht schnell hinunter und nach Berlin.

Hat die 1974 geborene Nicola Karlsson ja ein Buch geschrieben, das im dortigen Stadtteil Wedding spielt und die scheint eine Vorliebe für das Sozialkritische, beziehungsweise die Beschreibung der sozial schwächeren Schichten zu haben, was mir ja sehr sympathisch ist und ich in meinen Texten ja auch immer wieder versuche.

Es geht in ein Hochhaus, wo Hannah, eine Modebloggerin eingezogen ist, die ihre Probleme mit dem Leben hat.

Vorerst klingt es ja recht schön und neiderregend, sie bekommt von Modefirmen teuere Klamotten zugeschickt, fotografiert sich damit und lebt davon, aber das regt wahrscheinlich, wie bei den Rezensionsecemplaren bei den Bücherbloggern zu negativen Gefühlen an und so wird sie auch von der fünfzehnjährigen Agnes, die mit ihrem alleinerziehenden trinkenden Vater  Wolf, ein paar Stockwerke weiter unten lebt, als arrogante Tussi erlebt und sie beginnt ihr ein paar Streiche zu spielen.

Sehr gekonnt werden die Schicksale der drei Personen und ihre Probleme miteinander verknüpft.

Hannahs Mitbewohnerin Fee ist gerade ausgezogen, was sie in finanzielle Nöte bringt. Die Mutter leidet an Krebs und auf Hannahs Wohnungstüre steht eines Tages mit roter Farbe das Wort “Nutte” geschrieben. Es wird ihr auch eine tote Katze vor die Tür gelegt und ein kleines Mädchen spricht sie an und bittet sie mit ihr und ihrem Hasen zum Tierarzt zu gehen und läßt sie dann auf der Rechnung sitzen.

Hannah verfällt in Panikattacken und Depressionen und beginnt sich zu vernachläßigen, während Agnes von ihrem betrunkenen Vater ein Auge blau geschlagen bekommt. Das bemerkt, der sie betreuende Sozialarbeiter und setzt den Vater bezüglich des Sorgerechts unter Druck, sich zu den anonymen Alkoholikern hzu begeben.

Der bemüht sich auch redlich,  schafft es aber nicht immer seinen Anforderungen nachzukommen, lernt dort auch eine Frau kennen. Aber weil er nicht sicher ist, ob er wirklich der Vater von Agnes ist, verrät er ihr seine Zweifel und verunsichert die Tochter deshalb natürlich sehr, die zwar gerade einen Mickey kennenlernt, der sich um sie zu kümmern scheint.

Aber das Aufwachsen in Randgebieten mit sozialen Nöten ist in Zeiten, wie diesen und wahrscheinlich überhaupt, nicht so leicht.

Nicola Karlssoen versteht das sehr eindrücklich mit einer sehr schönen Sprache zu erzählen.

Königspark

Weiter geht es mit den Frühjahrsneuerscheinungen und es bleibt gleich beim Thema “Gewalt gegen Frauen”, denn das scheint derzeit sehr aktuell zu sein, hat nicht nur FernandaMelchor, die ja heute ihr Buch in der Hauptbücherei vorstellt, einen Roman darüber geschrieben.

Nein, auch der 1961 in Köln geborene  Schriftsteller und Kulturjournalisten  Paul Ingendday, der lange als Korrespondet in Madrid gelebt hat hat ein Buch über die Zwangsprostitutionen und den Straßenstrich, den es in einem Teil des Madrider “Casa de Campo” gegeben hat oder noch gibt, geschrieben.

Bas Buch ist bei “Piper” erschienen und wurde in Leipzig auf dem “Blauen Sofa” vorgestellt, da habe ich mir das Gespräch mit dem mir bisher unbekannten Autor, der aber schon einmal für den “Leipziger Buchpreis” nominiert war und auch den “Aspekte-Preis” gewonnen hat, angehört und der hat erzählt, daß er mit seinen Kindern immer in einem der Restaurants des “Königsparkt”, schön an einem See gelegen, essen war und dort in Kontakt mit dem Straßenstrich gekommen ist.

Er hat begonnen die Frauen zu interviewen, dann einen Zuhälter erfunden,  und dem Buch, das von der Zwangsprostitution erzählt, auch eine Handlung gegeben.

Denn da ist Nuria, eine etwas dreiundzwangijährige junge Frau, eine Kampfsportlerin und Radfahrerin, die ihre Schwester, als sie ein kleines Mädchen war, verloren hat. Eines Tages war die ältere Isa verschwunden.

Daß sie nach Madirid in einen Escort-Service gegangen ist, hat sich erst später herausgestellt. Jetzt fährt Nuria nachts mit ihrem Fahrrad durch den Park und beschützt oder kümmert sich als eine Art Sozialarbeiterin, um die Mädchen. Sie wird dabei von dem Zuhälter Rico, der das ganze organisert, bezahlt und einen Journalisten gibt es auch, der für seine Zeitung, ähnlich wie Paul Ingdendaay aufdecken will.

Viele der Mädchen sind Zwangsprostiutierte, aus Afrika, Osteuropa, etcetera, die erst ihre Schulden abarbeiten müssen und von den “Wächtern” überwacht und geschlagen werden.

Eine davon ist die Marokannerin Hadeel, die sich mit einem der Travestiten anfreudet. Nuria, die inzwischen in Kontakt mit ihrer Schwester gekommen ist, die mit dem Zuhälter zusammenlebt, geingt es, sie und andere Frauen zu befreien. Endlich kümmert sich die Polizei um das Ganze und alles wird wieder gut, könnte man so sagen.

Ja, richtig, die Handlung ist ein bißchen gewollt und konstruiert. Erfüllt aber wahrscheinlich ihren Zweck in den Straßenstrich und seine Umstände einzuführen und so ist es ein spannendes Buch, das sehr viel über die Gewalt an Frauen, die ja derzeit ein großes Thema ist, aufzeigt und  eine Facette, die es dabei gibt, sehr genau schildert.

Die bessere Geschichte

Nach den Frauentagssachbüchern geht es gleich weiter mit den Frühjahrsneuerscheinungen und Anselm Nefts Roman, der im Vorjahr in Klagenfurt gelesen hat, passt irgendwie auch zum Thema, obwohl er als Internatsroman gehandelt wird und als eine Mischung zwischen “Zögling Törless” und “Humbert Humbert”.

Das ist Tilman Weber, der Erzähler, der seine Mutter früh durch Selbstmord verloren hat. Die Beziehung zu seinem Vater ist  auch nicht so ohne. Als er dreizehn ist und der Vater eine neue Freundin hat, wird er in ein Internat, das heißt, eine freie Schule, ein Vorzeigebild der Reformpädagogik, das die Wielands an der Ostsee gründeten, abgeschoben.

Dort ist alles schick und modern. Es leben immer einige Schüler mit zwei Lehrern in einer Familie zusammen und man brauchte keine Regeln einhalten, hat keine Noten, sondern spielt das Leben eben nach, begibt sich in die Antike, stellt Fragen, etcetera und das Ziel der Pädagogen ist es, aus den Schülern das herauszuholen, was in ihnen steckt.

So weit wird das Wesen einer freien Schule, die ja auch die Anna ungefähr zur gleichen Zeit, wie dieser Tilman sie besuchte, sehr gut erzählt und ich habe in den Neunzigerjahren auch einen Roman über eine freie Schule geschrieben, der es aber nie bis zur Veröffentlichung brachte, weil ich ja erst 2000 selber zu publizieren begann.

Der Roman des 1973 in Bonn geborenen Anselm Neft gehet aber noch viel weiter. Er wird von jenem Tilman, der ein Poe-Fan ist, etwas langatmig erzählt und birgt viele Facetten.

Da ist zuerst einmal dire dreizehnjährige Ella, eine Schülerin, in die der Dreizehnjährige sich gleich verliebt. Er wird nach einigen Aufnahmsprüfungen auch in die Famalie von Salvador und Valerie Wieland aufgenommen und dort herrschen besondere Regeln.

Es gibt auch einen Mediationskeller in dem besondere erotische Spiele gespielt werden. Den Kindern werden auch Wein und Drogen angeboten und alles läuft äußerst freiwillig und nach Wunsch ab. So nimmt Valerie Wieland, den Dreizehnjährigen mit ins Ferienhäuschen und dann in ihr Bett, später steigt noch Salvador dazu und der Junge, der ja nur in Ella verliebt ist, scheint nicht zu begreifen, was da vor sich geht.

Als es aber in der Schule zu einer Anschuldigung kommt und die Sache im Plenum, was es auch in der freien Schule Hofmühlgasse gab, verteidigt er seine Lehrer. Ella verläßt die Schule und so endet der erste Teil.

Das heißt, eigentlich endet er mit dem Tod von Tilmans Vater, der die Schule dann mit Sechszehn verläßt, Abitur in einer öffentlichen Schule macht und später, der zweite Teil spielt siebenundzwanzig Jahre später, ein berühmter Schriftsteller geworden ist, der sich aber und das ist wahrscheinlich das Interessante an dem Roman, denn Internatsromane gibt es ja schon einige und in diesen wurde auch sehr viel hineingepackt, zu jungen Mädchen oder Kindfrauen hingezogen fühlt.

Das erklärt Anselm Neft auch wissenschaftlich, beziehungsweise führt er Beispiele von berühmten Personen an, die sich auch zu Kindern hingezogen fühlten.

Jetzt kommt er wieder in Kontakt mit Ella, denn die will die Wielands  anzeigen und die Mißbrauchsgeschichte aufrollen. Anselm wehrt ab, geht aber zum Begräbnis einer ehemaligen Schülerin, die sich umgebracht hat. Da treffen sich dann die ehemaligen Schüler  und Tilman schwingt hin und weg, als er erfährt, daß Ella eine dreizehnhährige tochter hat, in die er sich sogleich verliebt.

Als ich so ungefähr beim ersten Teil war, habe ich einen Radiobericht über den Roman gehört, wo einer sagte, daß das das beste Buch dieser Saison sei.

Da habe ich noch den Kopf geschüttelt und gedacht, o nein, denn da wird alles, was es nur geht, die verstorbene Mutter war auch noch eine Nixe und das Wasser spielt auch eine symbolische Rolle, in das Buch hiningepackt.

Das trotz der Neunzigerjahre in denen es spielt, seltsam altmodisch klingt. Im zweiten Teil ändert sich das dann. Tilmans Begeheren zu der jungen Lucia  klang dann sehr spannend und nicht so sehr abgelutscht. Darüber läßt sich auch viel nachdenken und diskutieren, obwohl das Buch gegen Ende  wieder abflacht, denn Tilmann, der Lucia seine Liebe gesteht, sie  auch in ein Hotelhzimmer führt, geht nicht zum Äußersten, sondern verläßt Mutter und Tochter, mit der ersteren hat er auch eine Liebesbeziehung, wie der Humbert Humbert, um ins Ausland zu gehen.

Er bekommt dann noch als Rache des Schicksals oder als Selbstbestrafung, eine Autoimmunerkrankung nämlich MS und das Buch endet vielleicht wieder etwas maralinsauer.

Trotzdem ist es aber, das kann ich nicht leugnen sehr interessant und es ist auch eine spannende Verbindung vom Mißbrauch zu der Pädophilie zu kommen, obwohl das in der Praxis natürlich nicht eins zu eins gleichzusetzen ist und die Literatur natürlich davon lebt, zu überhöhen und zu übertreiben, ist es  ein spannendes Buch, das ich gelesen habe, obwohl ich gar nicht so genau weiß, was jetzt mit der “Besseren Geschichte” gemeint ist und, wie sie zu verstehen ist.

Sie sagt, er sagt

Jetzt kommt das letzte Buch aus der “Frauentag-Schwerpunktreihe” und es ist eines, sehr passend über die “Liebe”, die  auch auf der Donnerstagsdemo am Valentinstag sehr gefeiert wurde.

“Gespräche über die Liebe”, die in Wien lebende Journalistin Yvonne  Widler, nennt es kein “Ratgeberbuch” und Maxie Wander hat in der DDR vor Jahrzehnten mit “Guten Morgen du Schöne”, wohl etwas Ähnliches begonnen, Nadine Kegele es in “Lieben muß man unfrisiert” fortgesetzt und Yvonne Widler hat sich auch mit Experten und Expertinnen, Beziehungscoaches, Therapeuten, Scheidungsanwälten und natürlich  Männern und Frauen über dieses Thema unterhalten und es in vier Expertenrunden  beschrieben, um herauszufinden, was das perfekte Rezept für ein länger anhaltendes Miteinander in Zeiten, wo jede zweite Ehe geschieden wird und man nicht sehr lange, weil die Ansprüche ja sehr sehr hoch geworden und man finanzieller auch unabhänger ist, um eine schlechte Ehe auszuhalten, zusammenbleiben muß, eigentlich ist.

Da gäbe es ja die schon bekannte Erkenntnisse, daß die Beziehungen halten, wo jeder unabhängig ist und seine eigene Interessen und Freundeskreis hat.

In Zeiten, wo ja schon unzählige Ratgeberbücher, die Regale und Bibliotheken füllen, muß das natürlich moderner und auch wieder in unverständlchen Englisch ausgedrückt werden, aber interessant ist natürlich, was die Paare dazu sagen und, wie sie ihr Leben und ihr Lieben miteinander beschreiben.

So erzählt ein Scheidungsanwalt warum er seinen Kindern raten würde, zu heiraten und ein sehr erfolgreicher, sehr selbstbewußter Beziehungscoach empfängt Yvonne Widler in seiner schmucken Villa am westlichen Strandrand und stellt ihr überraschende Fragen und zur Idee des Buches ist es in Madeira gekommen, wo in ihrem Hotels viele alten Paare Urlaub machten und sie ihr Umgehen miteinander beobachten konnte.

Im Kapitel “Von Höhen und Tiefen” werden unter anderem sowohl ein lesbisches als auch ein schwules Paar interviewt. Dann teilt eine Paartherapeutin, die Viktor Frankl erwähnt, ihre Erfahrungen mit den Paarbeziehungen mit und erzählt am Schluß eine Anekdote, daß eine alte Frau, die fast ihr ganzes Leben mit einem Mann verheiratet war, nach dessen Tod, einen Achtzigjährigen kennenlernte, von dem sie dann sagte, daß er die “Große Liebe ihres Lebens war!”

Soetwas gibt es auch, obwohl ich mir das für mich nicht vorstellen kann und das nächste Kapitel ist auch dem “Gemeinsam alt werden” gewidmet, wobei hier seltsamerweise, neben zwei älten Paaren, die schon das Pflegeheim berwohnen, auch jüngere Leute zu Wort kommen.

Dann geht es zu einer “Paarship-Psychologin”, die für ihre Bezahlplattform einen Test ausführt und darauf schaut, daß, die einander vorgestellt werdenden Paare zwar gut, aber nicht zu gut zusammenpassen, denn, “Wenn zwei Menschen in 100 Prozent ineinander verzahnt sind, gibt es nichts mehr zu verhandeln.”

Beispiele für Paare auf der Suche im Netz und per Kontaktanzeige, mit der ich über den “Falter”, ja vor fast vierzig Jahren auch den Alfred kennenlernte, gibt es auch und da wird von der “Dating-Oma” berichtet, die sich mit ihren Herren zuerst mit langen blonden, später mit grauen Haaren immer in der Autobahnraststätte St. Pölten trifft und, daß die Damen und Herren im höheren Alter auch überspitzte Ansprüche haben, merkt man am achtundsiebzigjährigen Otto, der einmal zu einer Dame sagte: “Wir beide trinken den Kaffe noch aus und dann gehen wir. Ich finde das nämlich sehr unverschämt von Ihnen, dass Sie mit dem Rollator kommen.”

Das finde ich von dem lieben Otto eigentlich auch und das nicht nur, weil ich momenatan auch Krücken im Zimmer stehen habe, aber so sind die Menschen  und zum Schluß kommt noch einmal eine Expertin, nämlich die Evolutionsbiologin Elisabeth Oberzaucher, die  auch bei den “Science Busters” tätig ist und  etwas über “Monogamie”, die Yvonne Widler, glaube ich, nicht für zwingend hält, “Polygynie” und “Polyandrie” erklärt.

Ein interessantes Buch, würde ich sagen, über die verschiedenen Formen der Paarbeziehungen, der Hoffnungen und Wünsche darum herum, zu lesen, obwohl auch hier jeder seine Erfahrungen selber machen muß und ich, wie schon erwähnt, inzwischen auch schon in einer recht stabilen Langzeitbeziehung lebe, also irgendwie wissen muß, wie das geht.

No more Bullshit

Durch mein vorläufiges Veranstaltungsstop komme ich dazu meine Frauentagsbücher etwas zügiger hinunter zu lesen und ich muß feststellen, eas lohnt sich, weil das zweite aus dem “K & S” Verlag “No more Bullshit – Das Handbuch gegen sexistische Stammbuchweisheiten”, herausgegeben von dem Frauennetzwerk “Sorority”, hat es in sich und ist vor allem optisch mit seiner schwarz weißen graphischen Gestaltungn und seinen fetzigen Illustrationen ein Lichtblick.

Was den Inhalt betrifft, muß man es vielleicht ein wenig differenzierter sehen, denn ich komme ja aus der Frauenbewegung der Siebzigerjahre und kann jetzt hautnah miterleben, wie die Frauen, die die “AUF” gründeteten, sich mit ihren “Zündenden Funken” langsam von der Bühne verabschieden.

Jüngere sind nachgekommen. Sind sie oder sind sie nicht. Da bin ich mir gar nicht einmal so ganz sicher, denn die Zeiten in denen wir leben sind ja sehr neoliberal, rechtspopulistisch und von den prekären Arbeitsverhältnissen geprägt, wo man zwar viel können muß, aber  trotzdem nur befristete Arbeitssverträge bekommt und wenn ich mir so anschaue, was es gerade jetzt für ein Geschrei, um das Gendern und beispielsweise, die gegenderte Bundeshymne gibt, kann man nur den Kopf schütteln,  auch wenn man den Rechten so zuhört, die ihren “Frauen und Mädels” ja beschützen wollen und dabei recht reaktionäre Vorstellungen zu haben scheinen.

“Frauen wollen ja gar nicht in Führungspositionen”, “Qualität statt Quote” “Verstehst du keinen Spaß?

“Verschlägt es Ihnen angesichts solcher Sprüche manchmal die Sprache? Schluss damit! “No more Bullshit!”, fordert die Sorority und gibt allen, die auf absurde, sexistische Stammtischweisheiten mit mehr antworten wollen als einem Augenrollen nun ein Buch in die Hand, das einlädt – zum Aufschlagen – Nachschlagen und Zurückschlagen”, steht am Buchrücken und in diesem Sinn geht es  durch das hundertfünfundsechzig Seiten Buch, an dem auch männliche Autoren, wie beispielsweise Romeo Bissuti von der Männerberatungsstelle, den ich von psychologischen Fortbildungen kenne, mitgearbeitet haben und das in zwei Teile aufgegliedert ist.

Im ersten Teil geht es um “Bullshit” entlarven. Ihn also aufdecken und erkennen und im zweiten, um das Entkräften und da werden fünfzehn Weisheiten auseinander genommen, von denen ich bei einigen mit den Anglizismen schon meine  Schwierigkeiten hatte, denn, was bitte ist ein “Pay Gap?”

Ach ja, da geht es immer noch darum, daß die Frauen, obwohl sie jetzt  schon hundert Jahre wählen dürfen und statistisch  gebildeteter als die Männer sind, immer noch weniger, als letztere verdienen.

Dann geht es um die Ausrede, das man keine Frau für das Podium, die Stelle, etcetera, gefunden hat und gegen die “Quote” wird ja überhaupt von männlicher und rechter Seite derzeit sehr angekämpft.

“Qulität statt Quote!”, heißt es da oft mehr als scheinheilig und jetzt hätte ich fast auf die “Rabenmütter” vergessen und interessant ist in dem Kapitel,  daß da geschrieben wird, daß es diesen Ausdruck nur im Deutschen gibt.

Ein Vater, der den ganzen Tag arbeitet, um seine Familie zu ernähren und seine Kinder deshalb nur schlafend oder am Sonntag sieht, ist kein solcher. Die berufstätige Mutter aber schon, obwohl man das auch differenhzierteer sehen kann und ich eigentlich noch immer an die entwicklungspsychologischen Regeln glaube, die ich in meinem Studium gelernt habe, daß man die Kinder nicht vor drei Jahren in den Kindergarten geben sol..

“Ich bin für Humanismus nicht Feminismus”, heißt das Kapitel das die Soziologin Laura Wiesböck geschrieben hat, von der ich das erste Frauentagsbuch gelesen habe und das ist ein Argument, das man in rechten Kreisen sehr oft hört und die ja sehr gegen jede Quote sind.

“Ich fühl mich nicht unterdrückt!”, japsen dann vielleicht manche Frauen zwischen ihre befristeten Dienstverträgen und den Männenr, die ihnen, ja eh, bei der Hausarbeit helfen, sich ihn aber nicht mit ihr teilen und “Sei nicht so sensibel!”, hört man auch oft von Männern, wenn sich Frauen über etwas beschweren.

Da sind wir bei den Klischees oder den “Buben die nicht weinen und den Mädchen, die nicht pfeifen dürfen!” und da waren wir schon in den frühen Neunzehnachtzigerjahren, als Johanna Dohnal mit dem “Jugend und Volk- Verlag”, zu einem nicht rollenspezifischen Frauenbuch aufgerufen hat, wo ich mit meinen “Güler will kein Kopftuch mehr”, gewonnen und später einen Teil des österreichischen “Kinderbuch-Preises” bekommen habe.

Die Frau sind  gefühlsbetonter und wollen mehr reden, während man den Männern, das vielleicht noch immer  austreibt und ein “Indianer weint nicht!”, sagt.

Aber nein, das darf man in den sprachkorrekten Zeiten wahrscheinlich nicht mehr sagen und dann bleiben, die starken schwachen Helden über, betrinken sich oder bringen sich viel öfter um, als ihre angeblich so sensiblen Frauen, die inzwischen neben Beruf und Kindern, den Haushalt schupfen.

“Da wären wir schon bei dem “Sei nicht so hysterisch” und haben das “Alle Türen stehen euch doch eh offen, aber ihr wollt doch gar keine Führungaspositionen” übersprungen, obwohl das sicher ein noch lange nicht erledigtes Thema ist.

“Feminsmus ist mir zu extrem!”, sagen manche Frauen, und ich wundere mich, ganz ehrlich immer, wenn mir eine Frau “Ich bin Arzt!”, erklärt und mich dann erstaunt anguckt, wenn ich “Nein, sind Sie nicht!”, antworte und auf meine Erklärung vielleicht noch kontert “Ach hören Sie doch zu gendern auf!”
Ich bin jedenfalls eine Frau und eine Psychologin. Gegen das “Frau Doktor!”, habe ich nichts einzuwenden und ich schreibe auch manchmal “man”, wenn es mir im Text passend erscheint.

Sage auch gern “Gutmenschin”, denn das halte ich, jawohl immer noch für kein Schimpfwort, sondern für etwas, was eigentlich sehr sehr wichtig ist aber da wären wir  schon beim nächsten Thema, obwohl gegen Ausgrenzung, Rassismus und Diskrimierung geht es in diesem Buch auch und ich bin froh über die “K& S – Frauenreihe”, da wir ja in Zeiten leben, wo gegenwärtig  viel passiert, was nicht schön ist und von beiden Seiten Kränkungen und Mißverständnisse vorhanden sind, die das miteinander reden, was ich für sehr wichtig halte, oft verhindern.

Aber das denke ich, muß und soll sein, so daß es gut ist, mit den Männern und den Frauen, die nicht gendern und keine Quote wollen, zu reden und natürlich ist es auch wichtig, die Frauen selbst bestimmen zu lassen, was sie anziehen wollen und wenn das ein Kopftuch ist, dann denke ich, daß kein  kein Politiker und auch keine Feminstin etwas dagegen haben darf, was allerdings auch umgekehrt gilt, daß man niemanden dazu zwingen darf und deshalb sind Bücher, wie dieses, in den Zeiten, in denen wir leben sehr sehr wichtig und ich bin froh, daß ich es während meines letzten Ambulanzbesuchs fast ausgelesen habe.

Saison der Wirbelstürme

Jetzt kommt noch ein Debut, allerdings eines der 1982 in Mexiko geborenen Fernanda Melchor, die sich in ihrem Buch mit der Gewalt an Frauen beschäftigt, in Zeiten wie diesen ein sehr wichtiges Thema, wo die Unterdrückung an Frauen sowohl von den muslimischen Kulturen als auch von den Rechten kommt und Mexiko macht mit seinen Frauenmorden auch immer wieder Schlagzeilen.

Im Vorwort steht, daß Teile der Geschichte auf wahren Tatsachen beruht, am Schluß wird einigen Journalisten gedankt und dazwischen zieht es sich in sieben Kapitel hin zwischen dem bekannten lateinamerikanischen magischen Realismus und einer sehr auffälligen brutalen schonungslosen Sprache der Autorin, wo vor sich hin geflucht und geschimpft wird, wie man es literarisch vielleicht noch nicht so gehört hat.

“Die Vergessenen oder Die Medusa von La Matosa” titelt der “Falter” seine Kurzrezension und es beginnt am Mord einer “Hexe”, einer alten Frau, die umgeben von Schmutz und Müll in einem heruntergekommenen Haus eine Art esoterische Heilerpraxis betrieb, in der sie sicher auch Abtreibungen vornahm und von deren unsagbaren Reichtum man munkelt.

Das beschreibt das erste Kapitel in der schon erwähnten deftigen Sprache. Dann geht es zu den verdächtigten Jugendlichen. Jungs um die vierzehn, die die Gewalt, die sie erlebten an ihre Schwestern und Cousinen weitergeben, die sie von ihren Müttern habe, die von ihren Männern längst verlassen wurden oder sich das Leben durch Prostitution erkauften.

die Gegend in der das Ganze spielt ist arm und heruntergekommen. Die Jungs träumen von billigen oder auch teueren Addias-Schuhen oder billigen vermischten Koks. Die Frauen wahrscheinlich von der Liebe, die sie nie bekommen haben und höchstwahrscheinlich auch nicht annehmen können und das Ganze spielt in dem Haus der Hexe, einem heruntergekommenen Krankenhaus, wo man nach der Vergewaltigung oder Abtreibung von der Sozialarbeiterin noch angebunden wird, in der Kirche, der Katholizismus mit seinem Reichtum und den billigen Madonnen die in den Häusern der Armen stehen, spielt in Mexiko ja  eine große Rolle und natürlich auch im Gefängnis.

Dazwischen wird es immer mal ein bisschen magisch durchtränkt und wir bleiben mit offenen Mund vor der Gewalt, der Armut und den Terror, den es auf der Welt noch gibt und  den man hierzulande längst überwunden glaube, nach dem Lesen zurück.

So ist das bei “Wagenbach” erschienene Buches sehr zu empfehlen und wer die Autorin kennenlernen möchte. Sie kommt am ersten April nach Wien und liest um neunzehn Uhr in der Hauptbücherei am Urban Loritz Platz.

Ein Glas Wein gibt es, glaube ich, nachher auch.

In besserer Gesellschaft

Jetzt kommt ein gesellschaftspolitisches Sachbuch nämlich “In besserer Gesellschaft – Der selbstgerecht Blick auf die anderen”, der Soziologin Laura Wieböck, die ich auf der letzten Donnerstag-Demo auf der ich war, sprechen hörte.

Da hat mir “K&S” das Buch schon zum “Frauentag” angeboten und da ich mich ja für den Feminismus, die Gesellschaft interessiere und außerdem auch ein paar Semester Soziologie im Nebenfach studierte, bevor ich zur Humanbiologie wechselte, geht es jetzt ein bißchen an das Sachbuchlesen und ich muß sagen, das ist sehr interessant.

In acht Kapitel wird der selbstgerechte Blick abgehandelt und in einem Vorwort auch kurz die Probleme der multikulturellen, immer mehr nach rechts abweichenden Neid- und Hetzgesellschaft erklärt.

Dann geht es in Kapitel eins um die Arbeitswelt, die heute höchstwahrscheinlich ganz anders ist, als ich sie in den soziologischen Studien der Siebzigerjahren erlebte oder ein Jahrzehnt später zuerst als Assistentin an der II HNO-Klinik- Sprachambaulanz und  später in meine Praxis einstieg.

Denn inzwischen gibt es ja die prekären Arbeitsverhältnisse und die Generation Praktikum, wofür beispielsweise eines im Kulturbereich “ein perfektes Englisch und ein Mc Book” Vorraussetzungen ist und hat man dann ein solches mt einem Zehnstundentag, “zieht man es am Abend vor Yoga zu machen oder einen Avocadosalat zu essen, statt sich an an einer Demonstration zu beteiligen, so daß nach den Worten von Byung Chul Han, sich Burnout und Revolution ausschließen.”

Ganz ist das vielleicht doch nicht so, sind die Donnerstagsdemos neben den “Omas gegen Rechts” auch von recht vielen jungen Leuten bevölkert. Die Gesellschaft ist aber sicher verwöhnt und hat hohe Ansprüche, wie man gleich im nächsten Kapitel, nämlich in dem, wo es über die Geschlechter geht, sieht.

Da ist in unserer Gesellschaft heute auch sehr viel in Umbruch. Es dreht sich sehr viel um die Transgender-Identität und um das dritte oder noch andere Geschlechter.

Trotzdem werden an die Frauen immer noch erhöhte Ansprüche gestellt, sie haben in Richtung Bildung, die Männer zwar schon auf oder sogar überholt, haben aber einen größeren Leistungsdruck bezüglich Schönheit und die Hygieneartikel, die sie beispielsweise für ihre Menstruation benötigen, fallen steuerlich in die Luxusklasse und dann zahlen sie vielleicht beim Friseur auch noch mehr als Männer.

Die Männer haben auch einen hohen Druck, müssen stark sein, dürfen nicht weinen, sondern müssen ihre Männlichkeit beweisen und gerade bei den Rechten kann man merken, daß sie sich wieder als die Beschützer gegen “die Mädels und die Frauen” aufspielen und die Lehrerinnen beispielsweise  von den Schulen wegdrängen wollen, weil die sich angeblich nicht gegenüber den Ausländern durchsetzen können.

Das nächste Kapitel “Wer ist es wert zu bleiben”, widmet sich dann der Immigration und da zeigt Laura Wiesböck, wie auch in den anderen Kapiteln, die Unterschiede auf, die es dabei gibt.

Die “Experten” sind die Immigranten erster Klasse, während die Flüchtlinge und die Kopftuchfrauen draußen bleiben müssen.

Aber die sind ja 2015 in großen Scharen gekommen und haben, was ich hautnahm miterleben konnte, die Stimmung sehr verändert, von der Refuge Welcome  Bewegung, die ich ich auf einigen Konzerten und Demonstrationen mitverfolgen konnte, damals reichlich gab, wird jetzt auf die Gutmenschen geschimpft, jede  einzelne Gewalttat von rechten Bloggern genüßlich aufgezählt und den Menschen Angst vor der Kriminalität gemacht.

Da wären wir erst beim übernächsten Kapitel, denn das nächste ist der Armut gewidmet und auch da gibt es kein Miteinander, weil die unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen  nicht miteinander sprechen und die Billa-Verkäufererin beispielsweise nicht mit einer WU-Absolventin befreundet ist.

Die Arbeitslosigkeit wird als etwas Selbstgemachtes definiert und den Arbeitslosen die Starts upsund die Selbständigkeit eingeredet, wo man dann, wie Laura Wiesböck listig schreibt “selbst” und “ständig” arbeiten kann, aber dabei die Freiheit hat, sie sich, sofern man eine hat, selber einzuteilen.

Im Kapitel Kriminalität zeigt Laura Wiesböck, die Klassenunterschiede ebenfalls sehr genüßlich auf, denn der größte Schaden besteht durch die Korruption,  Finanzbetrug, Bilanzfälschungen, etcetera, aber den Herrn Flöttl, der im Bewag-Skandal verwickelt war, hat man laufen lassen, während  Laura Wiesböck von einer Supermarktkassiererin berichtet, die von ihrer Firma angezeigt wurde, weil sie die Salzstangerln, die sie wegschmeißen sollte, selber eingesteckt hat.

Dann geht es über zu den Sexualstraftaten und der Frage, ob die Frauen selbst an ihren Vergewaltigungen schuld sind, weil sie sich zu aufreizend angezogen haben oder nicht aufgepasst haben, wer ihnen was ins Glas kippte.

Da denke ich doch, daß man da ein bißchen aufpassen sollte, obwohl die letzte Kapitelsätze: “Wenn du eine Frau alleine auf der Straße siehst, lass sie einfach in Ruhe” oder “Wenn eine Frau betrunken ist, nutze das nicht aus, um sie für deine sexuellen Interessen zu benutzen”, natürlich stimmt, eigentlich selbstverständlich und nicht in Frage gestellt werden sollten.

Dann geht es zum Konsum und das ist auch schön kompliziert, wo die einen zwar durch die Welt jetten, zum Ausgleich dafür ihr Gemüse aber nur aus den Bio-Kisterln beziehen, kein Fleisch essen, nur Fair-Trade-Produkte beziehen und auf die Sozialhelfeempfänger, die mit ihrer Chipstüte vor dem Fernseher sitzen, verächtlich hinuntersehen.

Die “Aufmerksamkeit” ist das nächste und da geht es im ersten Teil darum, daß die Introversion in unserer Zeit, wo man sich ständig präsentieren muß, als etwas Verächtliches gesehen wird, daß man sich unbedingt abcoachen lassen muß, um seine Chancen nicht zu verlieren, während ich, die ich mich auch dafür halte, im Studium gelernt habe, daß unter dieser Gruppe die größten Denker und Dichter sind und im zweiten Teil läßt Keith Lowell Jensen “Was Orwell nicht vorausgesagt hatte, ist daß wir die Kameras selbst kaufen würden, und daß unsere größte Angst, wäre, das uns niemand zuseht!”, ausrichten.

Das ist über die Generation Facebook, Twitter und Instagram schon sehr viel gesagt, denke ich und kann zum nächsten Kapitel übergehen, wo es, um die Meinungsmache geht und mit der steht, es wie ich häufig lesen und hören kann, im Argen, denn nur die eigene Meinung ist wichtig. Wir hören dem anderen nicht mehr zu, sagen er verbreitet Fake-News und ist ein Links- oder auf welcher Seite man steht,- Rechtsextremist. Daß es so nicht gehen kann, zeigt Laura Wiesböck mit ihren Studien und Beispielen sehr eindrücklich auf,  ein Nachwort und zu jedem Kapitel sehr schöne ironische Zeichnungen von Pia Wiesböck.

Also Leute, könnte ich am Ende flappsig schreiben, lest dieses Buch und überprüft eure Einstellungen zu den anderen, verächtlich auf den vermeintlich Schwächeren heruntersehen und ihn ausgrenzen oder sogar weghetzen, kann nicht gehen, denn das Miteinander denke ich, ist immer noch das Beste und daneben ist es auch sehr wichtig seine eigene Meinung zu haben und diese nicht zu verlieren.