Der verlorene Sohn

Das neue Buch der 1984 in Baku geborenen Olga Grjasnova deren “Russe, der die Birken liebt” und “Gott ist nicht schüchtern” gelesen habe und die ich auch im Literaturhaus und einmal in Leipzig erlebte, führt in den Kaukasus und in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und ich finde die Themenbandbreite und auch die Stilverschiebungen der Literaturinstitut Absolventin sehr interessant, liest sich der Roman doch sehr leicht und fast wie ein Jugendbuch und man erfährt sehr viel dabei. Von der russischen Kriegspolitik des neunzehnten Jahrhunderts und auch, wie sich jemand fühlen muß, wenn er plözlich von Baku oderAkhulgo nach Moskau kommt oder von Damaskus nach Berlin oder Wien, denn der achtjährige Jamalludin, Sohn des mächtigen Imams Schamil wird aus politistchen Grünen von Akhulgu im Nordkaukassus nach St. Petersburg geschickt. Er ist eine Geisel des Zaren und seine Mutter erzählt ihm, daß es sich nur, um ein paar Tage oder Wochen handeln würde.

Es werden fünfzehn Jahre daraus und der Zar läßt ihn in einer Kadettenschule erziehen, lädt ihn und die anderen Zöglinge zu Kinderbällen und anderen Festivalitäten ein. Er lernt Russisch und Französisch, dient in der russischen Armee, wird von dort nach Polen geschickt und verliebt sich die die emanzipierte Lisa, die in Göttingen studieren will und natürlich Sex mit ihm hat. Dann plötzlich nimmt der Vater georgische Geiseln gefangen und Jamalludi muß wieder, seiner Kultur entwöhnt, in den Kaukasus zurückkehren, denn die russische und französische Kultur ist natürlich besser. Die russischen Ärzte können den Fuß der tochter des Vaters heilen, der inzwischen viele andere Nebenfrauen und von ihren Kinder hat. Jamadullahs Mutter ist schon vor zehn Jahren gestorben und die Briefe die Jamadullah an den Vater gewchrieben hat, haben diesen nie erreicht.

Am Schluß erwischt Jamadulin die Tuberkulose. Der russische Arzt, der ihn behandeln soll, kann ihm nur die Diagnose, die er schon wußte, mitteilen und der Diener Ali, den er bittet ihn etwas vorzulesen, kann ihm nur aus dem Koran zitieren. Da er weder Russisch noch Französisch versteht und so lautet einer der letzten Sätze “Jamalludin hatte nicht mehr die Kraft sich dagegen aufzulehnen” und am Anfang hat Olga Grjasnowa geschrieben, daß der Roman auf historischen Fakten beruhen würde.

“Vieles stimmt, manches ist frei erfunden oder der Struktur des Romanes angepasst.”

Ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich so funktionierte, daß der Zar seinen Feinden, die besten Ausbildung genießen ließ und die dann gebildet zurückschickt, aber spannend eine völlig andere Olga Grjasnowa zu lesen und auch etwas über das Leben am St. Petersburger Hof im neunzehnten Jahrhundert und auch ein bißchen über den Kaukasus zu erfahren.

James Ensor nachgespürt

Das neue Buch meiner Freundin Ruth Aspöck, die ich, ich weiß nicht genau seit wann ich sie kenne und auch nicht mehr, wo ich sie kennengelernt habe, im “Arbeitskreis schreibender Frauen” war sie nicht und ich eigentlich nicht wirklich in der Auf-Bewegung, ich kann mich aber erinnern, daß ich einmal mit der Bruni und der Elfriede Haslehner wahrscheinlich im Cafe Jelinek gesessen bin und eine der Frauen mir erzählte, daß die Ruth einen neuen Verlag hat, in den wir,vielleicht veröffentlichen könnten.

“Da gehe ich hin!”, habe ich, glaube ich, gedacht odergesagt und es auch versucht. Hat leider nicht geklappt, obwohl die Ruth einige meiner Freundinnen und Bekannten verlegt hat, die Doris Kloimstein, die Irene Wondratsch, die Margot Koller sogar den Johann Barth, obwohl sie ja als eine der österreichischen Feministinnen und deshalb auch im Literaturmuseum abgebildet ist, gilt, den Verlag “Die Donau hinunter” hat es bis 2007 gegeben.

Dann ist die Ruth in Pension gegangen, die ich ja spätestens durch die GAV kenne und wir sind mit ihr ein großes Stück auf ihrer Donauradreise von Wien nach Bamberg mitgefahren. Danach hat sie ihre Bücher beim “Löcker-Verlag” herausgegeben, die ich gelesen habe und auch zu den Präsentationen gegangen bin, es gab ihr Tagebuch, ihr Reisebuch mit Grillparzer, die Geschichte der Kassiererin der Kantine, wo sie essen geht, eine Geschichte über ihr Schreiben und ihre Nachkriegskindheit und jetzt die Nachspürung des belgischen Malers James Ensor, von dem ich, ich gebe es zu, erst von der Ruth gehört habe, sie ist ja eine Zeitlang mitzu den Workshops von Stephan Teichgräber gegangen, da hat sie mir davon erzählt. Das Buch ist im Herbst erschienen. Die Lesung, die im Stifterhaus stattfand, kann man im Netz nachhören. In Salzburg hat sie, glaube ich, auch daraus gelesen und mir das Buch gebracht, als sie im Oktober mit dem Peter Czak bei uns essen war, weil die Jasminka nicht aus Brüssel kommen konnte und im Februar wird sie, glaube ich, in der “Alten Schmiede”, die “Büchner-Preisträgerin” Brigitte Kronauer vorstellen, die, glaube ich, auch überJames Ensor geschrieben hat, der1860 in Ostende geboren wurde und 1949 dort gestorben ist.

Die Ruth hat ja einen eigenen literarischen Stil, den man glaube ich, als Personal Essay bezeichnen kann, dabei hat sie mit “Emma oder die Mühlen der Architektur”, einen Roman, glaube ich, angefangen. Dann gibt es, damals,noch im “Frauenverlag” “Der ganze Zauber nennt sich Wissenschaft”.

Sie hat ja Theaterwissenschaft studiert und war dann, glaube ich, auch in verschiedenen Instituten tätig, dann gab es einige Bücher in ihren Verlag, über ihren Spanienaufenthalt, ihre Kubareisen bis zu “Kannitverstan”, bis sie jetzt eben als freie Schriftstellerin tätig ist, GAV-Vizepräsidentin war oder ist sie auch lang gewesen und da bekannte Persönlichkeiten wie eben den Franz Grillparzer oder den Maler James Ensor mit ihrer Biografie verbindet, auf ihren Reisen nachfährt und dabei einiges über sich selbst erzählt, was ich für interessant und spannend halte.

Bezüglich James Ensor ist sie mit ihrer Freundin Jasminka Derveux-Filipovic, mit der sie studierte und die in Brüssel als Dolmetscherin tätig war und, die ich auch einmal bei einem kultupolitischen Arbeitskreis kennenlernte, in Ostende gewesen und dort in das Ensor-Haus gegangen, in dem es im Erdgeschoß ein Souveniergeschäft gibt und auch die Familie Ensor hat dort offenbar seine Werke, Masken und auch anderes verkauft. Er hat Masken und Totenköpfe gemalt. Ein solches Bild ist am Cover zu sehen und ist da wohl auf den Geschmack gekommen, dem Maler nachzuspüren, der später, obwohl ich noch nicht viel von ihm gehört habe, offenbar sehr berühmt war. Sie wollte auch seine politische Wurzeln aufspüren und ist deshalb in die verschiedenen Archive gagangen. War Ostende doch in der Zwischenkriegszeit ein Hotspot der jüdischen Emigranten, so hat er dort vielleicht Stefan Zweig kennengelernt, Volker Weidermann hat ein Buch darüber geschrieben und mit Alfred Kubin hat Ruth ihn auch verglichen.

Der belgische Dichter Emile Verhaeren hat ein Buch über James Ensor geschrieben, der außer den Masken, und derben Motiven auch ein Triptychon und andere religiöse Motive gemalt hat.

Ruth Aspöck beschreibt ein wenig Ensors Arbeiten, der eigentlich keinen Stil zuzuordnen ist, beschreibt aber, was ich sehr sympathisch finde, sehr genau, wie sie dazu gekommen ist, über James Ensor zu schreiben, wie man das machen kann.

Es ist kein wissenschaftliches, sondern ein literarisches Werk, steht am Schluß des Buches. Trotzdem braucht man um über einen Maler zu schreiben, wohl einige Fachkenntnisse und auch Interesse an der Materie und das hat Ruth Aspöck war sie ja einmal mit dem Maler Franz Ecker befreundet und ist das noch mit Lore Heuermann, der Mutter von Sarah Wiener, die ihr die Technik der Lithographie erklärte, daß Jasminka Dervea-Filipovicux als Übersetzerin behilflich war, habe ich schon geschrieben.

Sie reist also nach Wien zurück, besucht dort die National- und andere Bibliotheken, um Unterlagen zu James Ensor zu finden. Sie beschreibt einen Sommer in Wien, wo alle ihre Freunde in ihren niederösterreichischen oder burgenländischen Häuser mit Gargten oder auf Reisen waren. Da habe ich das erste Mal aufgehört, etwas später dann noch einmal, als sie “die Radfahrt zu dritt um den Neuseiedlersee” beschreibt, wo sie ständig an James Ensor gedacht hat. Davon habe ich nichts mitbekommen, in diesen Punkt ist die Ruth sehr schweigsam.

Im Buch steht, daß sie sich 2018 entschloßen hat über James Ensor hzu schreiben, daß sie dabei auf einen Roman von Brigitte Kronauer gestoßen bin, habeich schon gewußt, denn da hat sie mich, als sie an meinem Geburtstag bei mir war, darauf angesprochen und mich nach ihren Büchern gefragt.

Vor allem aber hat sie James Ensor, wie es schon im Untertitel steht, auf Reisen nachgespürt. Hat seine Bilder in München angesehen, war zu dritt am Gardasee, mit Jasminka in Brüssel und Venedig und immer wieder in Ostende, wo Ensor ja sein Lebens verbrachte, in Brüssel studierte, nie verheiratet war, aber in Augusta Boogaertes eine Lebensgefährtin hatte. Ansonsten hat er zuerst mit seiner Mutter und Schwester mit seiner Schwester zusammengelebt. Sein Vater war Engländer, daher wahrscheinlich der Vorname und außer für die bildende Kunst hat er auch geschrieben und war als Musiker tätig. Im Buch gibt es eine von Jasminka Derveaux übersetzte Skizze, wie er seinen Akademieaufenthalt erlebte und in der Albertina gab es 1942, also mitten im Krieg, eine von dem österreichischen Dichter George Saiko kuratierte Ausstellung.

Ein interessantes Buch in dem man, glaube ich, sowohl über den Maler, als auch über Ruth Aspöck Zugang zu dem Maler viel erfahren. Sie hat es bei der Lesung im Stifterhaus, als ein gutes Buch erwähnt und dazu gesagt, daß es ihr wichtig war, daß sich jeder daraus etwas Anderes mitnehmen kann, entweder über Ensor oder vielleicht über Franz Ecker. Mir hat es und das ist auch interessant meinen Zugang zu der Ruth und ihrem Schreiben noch mehr verstärkt.

Oberkampf

Jetzt kommt der erste Roman in diesen Jahr und der zweite des 1967 geborenen Hilmar Kute von dem ich schon “Was nachher so schön fliegt” glesen habe, was mir gut gefallen hat. Bei “Oberkampf” bin ich mir nicht sicher, obwohl es spannend zu lesen war, viele aktuelle Bezüge und schöne Bilder hat, aber eigentlich passiert zwar viel, aber das ist vielleicht banaler, als es der Klappentext verspricht.

Da ist Jonas Becker, ein Agenturbesitzer, der eines Tages beschließt, seine Agentur der “Klugen Köpfe”, die er in Berlin betrieb, aufzugeben, seine Freundin Corinna zu verlasssen und nach Paris zu ziehen, um dort das Leben des berühmten aus Wien stammenden Dichters Richard Stein zu beschreiben.

Es fängt spannend an, wie Jonas mit seinen Rollkoffer in Paris ankommt. Es ist mitten in der Nacht, so kommt er zunächst nicht in sein Appartement, das sein Verlag für ihn in der Rue Oberkampf gemietet hat. Er geht in ein Bistro und lernt dort ein paar junge Leute kennen, eine davon ist Christine, die später seine Freundin wird und als er am nächsten Morgen Kaffee in einem Bistro trinkt und da ein schönes Bild eine Frau mit bunten Zigaretten beobachtet, die ihn später anschreit, als er eine von ihr eine schnorren will, erfährt er von seinen früheren Partner Fabian, es ist etwas Schreckliches geschehen und damit ist der Anschlag auf Charly Hebdo gemeint. Er läuft hin und man denkt, das ist jetzt die Handlung, darum geht es in dem Buch, aber es geht nach einigen Anspielungen auf Michel Houellbeques “Unterwerfung” weiter.

Er geht mit den saufenden Stein essen, der scih von ihm Champagner bestellen läßt und ihn dann auffordert mit ihm nach Amerika zu reisen, um dort seinen Sohn zu suchen. Der heißt Elias nach Elias Canetti, ein Freund von Stein, ist aber, wie sich herausstellen wird, nicht sein Sohn sondern, der von einem Herrn Altenberg aus Wien, der einen berühmten Vater hat, sein Freund und Expartner Fabian, der sich inzwischen mit seiner früheren Freundin Corinna befreundet hat, bringt sich um und das Buch, ein Interview, will es Stein, kann er auch nicht schreiben oder hat Schwierigkeiten dabei und mit seiner Freudnin Christine geht er am Schluß in ein Konzert.

Eine ein bißchen zerfledderte Handlung, die im Klappentext, als “Hilmar Klute schreibt über den Zauber der Literatur genauso über die Flüchtigkeit unserer Existenz. Dabei gelingt ihm ein Buch voller Sehnsucht und Melancholie, Komik und Schrecken.”

Das habe ich nicht ganz so empfunden, beziehungsweise ist mir das etwas zu hoch beschrieben. Die Welt der Literatur und die der Bücher, was ich ja sehr mag, ist aber sehr schön beschrieben. Es gibt viele Anspielungen, der Waldheim-Skandal kommt vor und das Attentat von Charl Hebdo, was eigentlich der Aufhänger ist, verschwindet irgendwie in der Banalität des lebens.

Ein Intellektueller trennt sich von seiner Frau, steigt aus, findet eine neue Freundin, fliegt nach Amerika und scheitet schließlich an seinem Auftrag sich als Biograf zu betätigen.

Alles sicher schon vorgekommen und Hilmar Klute hat, glaube ich, auch einige Zeit in Paris gelebt und dort wahrscheinlich auch Studien zu diesem Buch gemacht.

Ein wenig mehr auf das Attentat oder die Pariser Situation bezogener Plot hätte wahrscheinlich nicht geschadet, habe ich ich ja vor zwei Jahren auch die drei Teile “Subotex” gelesen oder wo Charly Hebdo draufsteht, sollte es vielleicht auch enthalten sein oder darum gehen.

Gesellschaft poetisch verändert

Zweiter Abend des Lyrikfestivals “Dichterloh”, wo Michael Hammerschmied in der “Alten Schmiede” saß und die ausgewählten Autoren aus Berlin und Moskau zugeschaltet waren und das Publikum, die zwanzig bis dreißig Livestream-Zuschauer irgendwo in ihren Wohnzimmern und das ist ja auch eine interessante Art der Literaturveranstaltungen, wenn auch etwas gewöhnungsbedürfig und auch etwas anders, da man sich aber ja in Zukunft wahrscheinlich freitesten wird müssen, wenn man in die “Alte Schmiede” will, werde ich mich wohl daran gewöhnen müssen und habe heute wieder zwei interessante Dichter und eine Dichterin kennengelernt.

Der Erste ist der 1987 in Berlin geborene Max Czollek von dem ich auf der Buchmesse Frankfurt, glaube ich, schon einiges gehört habe, hat er doch 2018 “Desintegriert euch” geschrieben. Als Lyriker war er mir bisher unbekannt. Michael Hammerschmid führte ihn aber wieder enthusiatśtisch ein und der junge Mann mit rosa Kapperl und schwarzen Pulli war das auch, zeigte sein in Berlin erschienenes Büchlein “Grenzwerte”, wo es stark um das jüdische Leben ging und auch darum, daß “Amoz Oz” schon wieder einmal den “Nobelpreis” nicht bekommen hat und dann immer wieder die “Typologie der Hitze”, das Gespräch mit Michael Hammerschmid war dann auch sehr interessant und dann kam ein Sprung und eine Überraschung, denn die 1971 in Skopje geborenen Lidija Dimikovka tauchte auf einmal live neben Michael Hammerschmid auf und ich hatte schon spekuliert, daß der Platz, Wasserglas und Mikrofon für den Übersetzer Alexander Sitzmann reserviert war. Ihr bei der “Parasitenpresse” erschienenes Büchlein heißt “Schwarz auf weiß” und das habe ich ja, als das für den Frühling geplante Festival Corona bedingt verschoben werden mußte, bei einem Gewinnspiel gewonnen, von dem ich gar nicht gewußt habe, daß man sich noch beteiligen konnte und so konnte ich die auf mazedonisch und deutsch gelesenen Gedichte schwarz auf weiß mitlesen, beziehungsweise erraten, welches Gedicht, die Autorin gelesen hat. Swoboda heißt Freiheit, das wußte ich und dieses Gedicht war im dritten Teil des sechsundsechzig Seiten Büchleins enthalten. Lidija Dimkovska hat vier Gedichte aus dem dritten Teil “Interpunktion des Lebens” gelesen.Der erste heißt “Summa Summarium” da gibt es ein Gedicht namens “Würfel”, das Michael Hammerschmid in seiner Einleitung erwähnte. Beginnen tut das Buch mit dem Gedicht “Mein Grab” Jeden Tag betrachte ich mein Grab im Hof, inbegriffen im Kaufpreis des Hauses”.

Daran schließt sich sehr beeindruckend “Wie ist es” “Ein Kind von Eltern zu sein, die im Krieg umgekommen sind, ein Kind von Eltern zu sein, die sich haben scheiden lassen, oder ein Kind aus Afrika auf einem überdimensonalen Plakat, in einem Behindertenheim zu leben”.

“Beim jüngsten Gericht” geht es um das Sterben.

“Mit der Zeit hörte meine Frau auf, mich zu küssen, mein Kind mich zu umarmen….

Eine Zeit lang küßte ich meine Frau noch, umarmte mein Kind…

Aber irgendwann hörte ich selbst auf meine Frau zu küssen, mein Kind zu umarmen…

Meine und eure Welt trennt ein Grabstein. Darunter spüre ich von Zeit zu Zeit, wie obend jemand schluchzend eine kerze für mich anhzündet, aber ich weiß nicht wer von euch.”

“Summa Summarum” ist das letzte Gedicht in der ersten Abteilung, von der “Korrespondenz mit der Welt” geht es zuerst quergedruckt zum “Wannseer Diptychon”, ein “Todesgedicht” und einen “Gefängnisbrief” gibt es auch.

In der “Interpunktion des Lebens” gibt es den von Michael Hammerschmid erwähnten “Syrischen Morgen”, den “November in Graz”, wo Lidija Dimiskovska vielleicht einmal ein Stipendium hatte “Den November in Graz erleben”. Das Gedicht “Asylanten” “Unter der Erde befindet sich das größte Asylantenheim. Dort sind die Selbstmörder untergebracht, Emigranten ins Jenseits” hat Lidija Dimiskovska auch gelesen. Und das titelgebende Gedicht lautet “Zuhause Vaterland. Sprache.Stammbaum. Individuelles und kollektives Gedächtnis. Archetypen. Atavismus. Unvergleichbarkeit.”

Sehr beeindruckend das Buch und Lidija Dimkovska sagte im Gespräch, daß ihre Gedichte sehr realistisch sind und ich habe mich sehr gefreut, eine mir bisher unbekannte Dichterin kennengelernt zu haben, die, glaube ich, schon einmal beim “Dichterloh Festival” gelesen hat, durch deren Buch ich mich nach der Veranstaltung in der Badewann durchgelesen habe.

Dann ging es nach Moskau, nämlich zu dem 1939 in Sibirien geborenen Wjatscheslaw Kuprijanow, der auch als Übersetzer tätig ist und beispielsweise Hölderlin und Jandl übersetzt hat und daher ausgezeichnet Deutsch spricht. Er ist auch auf Deutsch offenbar besser als im Russischen mit Büchern vertreten, obwohl ich im Netz gar nicht so viel über ihn fand. Das Gespräch und die Lesung wurde voraufgezeichnet. Daher wieder Überraschung, ein völlig veränderter Michael Hammerschmid, nämilich mit sehr kurzen Haaren, während er jetzt ein wenig bärtiger ist und der Autor las sich selbst auf Deutsch und Russisch. Das erste Gedicht handelte von Wölfen. Da heulte der Autor regelrecht, was Michael Hammerschmid dann als singen interpretierte. Einige Geidchte wurden auch von Gerald Bisinger übersetzte. Deshalb winkte dessen Sohn August schön maskiert nach Moskau in den Schirm und der Autor hielt seine deutschen Bücher hinein, erzählte vom literarischen Kolloquium, wo er offenbar als Stipendiat war, beantwortete Michael Hammerschmids Frage, ob er von Daniil Charms beeinflußt wurde.

Sehr beeindruckend der Abend und sehr unterschiedlich die Texte der Autoren, die allesamt sehr sozialkritisch waren, was in der Lyrik ja eigentlich nicht unbedingt so üblich ist und am nächsten Montag geht es mit einer kommentierten Lesung von Gerald Kofler und Ivan Blatny, die beide schon gestorben sind, weiter.

Drei Fliegen

Jetzt kommt die ideale Buchbegleitung zum neuen Romanschreibjahr, nämlich Nico Bleutges “Drei Fliegen – über Gedichte.”

“In seinen Essays und Skizzen taucht Bleutge in die Sprachwelten anderer Dichter und Dichterinnen ein und bringt dabei zugleich Gedanken über das eigene Schreiben an die Oberfläche”, steht auf einem beigelegten Zettel des bei C.H. Becks erschienenen Bandes und ich habe den 1972 in München geboren Nico Bleutge 2012 in Wien kennengelernt, als der Erich Fried-Preis bekommen hat und da hat seine Dankesrede den Titel “Drei Fliegen” gehabt, die wahrscheinlich im “Standard” aber auch in den “Akzenten” 2014, herausgekommen sind. Jetzt ist es der Titel des Buches über Gedichte, das aus Essays und Skizzen in sechs Kapitel besteht und die erfolglose Schreiberin, die sich wieder zum wiederholten Male in einem Schreiblernkurs versucht in die schöne Sprache einführt, könnte man so sagen.

Ich schreibe ja keine Gedichte, keine wirklichen und ankerannten jedenfalls, denn ind den “Wiener Verhältnissen”, ist eines vorhanden, ein Corona-Gedicht habe ich heuer an das Literaturcafe geschickt, eines über Weihnachten 2000 ist in der Schreibwerkstatt der Gewerkschaft zu dieser Zeit entstanden und in meinem zweiten Corona-Buch das demnächst erscheinen wird, gibt es angeregt von Doris Kloimstein auch immer wieder ein paar Gedichtzeilen, aber jetzt mit Nico Bleutge, den ich inzwischen öfter in Wien gesehen habe, in die schöne Sprache eintauchen und herauszufinden, was er über das Schreiben denkt und wie er sich sprachlich damitauseinandersetzt.

Das beginnt schon im ersten Kapitel mit dem Wort “Muschelkalk” das ihm am Flughafen Tempelhof, den er dann erforschte, begegnete.

Die “Drei Fliegen” sind dann auch in dem Kapitel erhalten. Er liest die Fried-Werkausgbe, tut sich schwer dabei, beobachtet dabei eine Fliege und kommt dann zu dem Buben, der sie auf dem Pingpongtisch aufspießt. Er hat als Kind auch Fliegen beobachtet, aber nicht getötet und eine Fliegengeschichte von Robert Musil gibt es auch dabei.

Im zweiten Kapitel beginnt Bleutge mit den Erinnerungen beziehungsweise mit einem Bild von sich als kleinen Buben, das sein Vater einmal von ihm mit der Kulisse von Venedig nach einem Italienurlaub malte. Dann bleibts in der Vergangenheit und es geht an die Erinnerungen an die Großmutter, an ihren Balkon, Lift und ihr Stiegenhaus und ” Das Treppenhaus”, schreibt Lutz Seiler einmal, gehört zu den magischen Orten der Kindheit.”

Das kann ich so zwar nicht bestätigen, aber Nico Bleutge nimmt immer wieder Bezug zu seinen Schriftstellerkollegen auf. Dann gehts zu den Träumen beziehungsweise zum Schlaf, denn das hat er als Kind nicht wollen, die Mutter hat ihm da immer ein Liedchen vorgesungen und das führt zu dem “Bucklichen Männchen und zu Walter Benjamin beziehungsweise zu Joseph von Eichendorff, der sich auch darauf bezogen hat.

Dawzischen werden noch zwei Gedichte analysiert, nämlich die “Dunklen Augen von Marcel Beyer und das des schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf “Klima”, den Nico Bleutge sehr zu verehren scheint.gehe

Um drei Fliegen geht es im dritten Kapitel, wo es unter anderen um die Sprache der Tiere geht, noch einmal. Her handelt es um ein Bild des niederländischen Malers Jaques de Gehyn, das Nico Beutge in einer Ausstellung entdeckt und den Text 2019 geschrieben hat.

Im vierten Kapitel gehen wir zuerst zu der 1959 geborenen Barbara Köhler und durch deren Bücher, dann folgt die Büchner-Preisträgerin Elke Erb, sehr ausführlich beschäftigt sich Nico Bleutge mit dem “Alphabet” der 1935 geborenen und 2009 verstorbenen dänischen Autorin Inger Christensen und kommt dann zu Zsuzsanna Ghase von der ich schon einiges gehört und gelesen habe.

Der 1835 in Warmbronn geborene Christian Wagner ist 1895 “auf eine kleine Reise nach Italien” aufgebrochen und berauschte sich dort in einem Wirtshaus am Klang der italienischen Sprache und war froh darüber, daß er den “Klatsch” um den es dort wahrscheinlich ging, nicht verstanden hat. In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich Bleutge sehr ausführlich mit den Wiederholungen.

Ein wichtiges Element des Gedichts, so lesen manche Dichter, wie etwa Reiner Kunze, ihre Gedichte oft zweimal. Im Wiegenlied gibt es Wiederholungen, die die Kinder beruhigt einschlafen lassen und Ernst Jandl hat seine Mutter früh verloren. Das war wahrscheinlich plus seiner Kriegserfahrungen sein Trauma, das zu seiner speziellen Sprache führte. Bleutge erwähnt ein altes Fotos. Jandls Vater hat seine Familie künstlerisch fotografiert, was zu Jandls Familienfoto” führte.

“der vater hält sich gerade/ die mutter hält sich gerade, der sohn hält sich gerade/die tochter hält sich gerade” und interessant finde ich dabei daß es in Jandls Familie fünf Söhne und zwei Töchter gibt.

Die Fliegen kommen im fünften Kapitel ein drittes Mal vor, da murmelt Bleutge “im zimmer, drin ich schlafe” und bezieht sich auf Rilkes “Herbstfliegen” im “Malte Laurids Brigge”, den ich nicht gelsen habe und noch einmal auf Jandl.

Dann kommt ein prosaischer text über seine ambivalente Beziehung zu den Großeltern, den Bleutge mit einem Roman von Wolfgang de Bruyn verknüpft. Ja das gibt es in einem Essayband über Gedichte auch. Der unbekannte Dichter Wilhelm Klemm, der 1881 in Leipzig geboren wurde, wird erwähnt und Thomas King, der obwohl, das Kapitel so beginnt, glaube ich, kein Romantiker ist, aber wie Bleutge betont keine Wasserglaslesungen mag.

Ein interessantes Buch aus dem die, deren Sprchw ja immer sehr bemängelt wird “Sie schimpfen sich Dichterin?”, tue ich nicht, nur schreibende Frau und das bin und tue ich auch, sehr viel lernen kann. die Achtsamkeit bezüglich Sprache etwa oder erfahren kann, wie Sprachkünstler zu ihren Gedichten kommen. Einige der Texte wurden extra für das Buch geschrieben, andere sind, wie schon der erste Fliegen-Text Laudatios oder Dankreden. So hat er etwa eine Laudatio für Zsuszanna ghase gehalten oder eine Dankrede zum Eichendorff-Preis, für Barbara Köhler hat er eine Laudatio gehalten und den “Christian Wagner-Preis” hat er auch bekommen.

Hypochonder leben länger

Ich weiß nicht, ob es meine Leser gemerkt haben, ich bespreche hier zwar Sachbücher. Psychologische sind aber aber mit Ausnahme des Thomas Stompe, nicht so viele dabei. Die Fachbücher also in die pschologische Praxis, die Literatur, die politischen und literataurwissenschaftlichen Fachbücher in den Blogs, aber Ausnahmen gibt es immer. Den Thomas Stompe, den ich ja auch bei dem klinischen Mittagen hörte, war eine, als sein Buch bei “Residenz” erschienen ist und jetzt habe ich eines unter dem Titel “Hypochonder leben länger”, angeboten bekommen und der erste Gedanke war, danke, nein, ich blogge hier nicht über pyschiatrische Diagnosen, höchstens über lebensgeschichtliche Bücher, wie über das Leben mit “Alzheimer”, Krebs, einem ALS- Angehörigen, das Schicksal eines Sterbebegleiters.

Aber es war von Jakob Hein, dem Sohn des berühmten Christoph, der “Drachenblut” geschrieben hat und damit die DDR vor zig Jjahren in Aufruhr brachte und der ist, obwohl er schon viele Romane geschrieben hat, einen habe ich auch gelesen, ein oder mehrere andere stehen in meinen Regalen, Pyschiater und da ich ja bei Büchern nur schwer “Nein!”, sagen kann, habe ich es mir schicken lasen und gedacht, ich bekomme jetzt eine mehr oder weniger witzige, geistreiche, etcetera, Abhandlung über den Hypochonder zu lesen und dachte dann auch, nachdem ich jetzt ja die “Fledermaus” neu inszeniert habe, werde ich das auch auf die Corona-Frage übertragen können, die ja das Hypochondertum fördern dürfte.

Aber weit gefehlt, es geht um etwas ganz anderes in dem Buch, das bei “Amazon”, wie ich gesehen habe, auch schlechte Kritiken hatte. Ein Psychiater, der auch Schriftsteller ist, plaudert aus seiner Praxis, weil ihm einmal jemand geraten hat, ein Buch darüber zu schreiben, warum er Psychiater geworden ist oder welcher er nicht so gerne wäre und da fällt mir ein, ich habe ja einen “Hauspsyschiater”, den Theo Hardenberg, der in der “Frau auf der Bank”, beim “Frühstück” und dann noch, glaube ich, bei den “Berührungen” vorkommt. Der Sohn der Doris Kloimstein ist einer und ich schaue in letzter Zeit auch gern die Videos des Raffael Bonelli, der in der Corona-Frage seinen Senf in Sachen Deeskalation gern dazu gibt.

Jakob Hein macht vielleicht etwas Ähnliches. Er erzählt in Kapiteln, die Überschriften, wie “Irrenarzt – Schwer stelle ich mir Ihren Beruf vor. Sehr schwer”, warum er Psychiater geworden ist und, daß er gar nicht wußte, daß man Medizin studieren muß, um ein solcher zu werden, weil die Leute ja immer noch nicht den Unterschied zwischen Psychologen, Psychotherapeut, Psychiater und Psychoanalytiker kennen.

Ich weiß ihn, obwohl es in Deutschland, glaube ich, noch einmal anders, als in Österreich ist, denn da kann der Psychologe, glaube ich, auch psychotherapeutisch tätig sein, während das bei uns getrennte Ausbildungen sind. Obwohl sich die Berufsfelder, wie bei mir beispielsweise, wieder überschneiden und derzeit bin ich ja eine studierte Psychologin, die hauptsächlich Psychotherapie betreibt und dann als Jakob Hein geschnallt hat, daß er um Psychiater zu werden, Medizin studieren mußt, hat er einige Jahre gebüffelt und gebüffelt und wurde von seinen Germanistik studierenden Freunden nicht verstanden, daß er Monate, nicht Wochen für eine Prüfung lernt, jetzt weiß er aber auch, daß dieses Fachwissen für seine Tätigkeit wichtig ist und das denke ich würde auch den psychologen und Psychotherapeuten nicht schaden. Die Psychoanalytiker gehören ja zu den Pschotherapeuten, haben oft Medizin studiert und der berühmteste ist wohl der Urvater Sigmund Freud von dem ich gar nicht sicher bin, ob es damals schon das Spezialgebiet der Psychiatrie gab.

Im zweiten Kapitel kommt Jakob Hein dann zu den Klischees, die es über Psychiater gibt, nämlich, daß das weißbärtige alte Herren sind, die hinter einer Coach sitzen auf der junge hübsche Frauen liegen, die er dann jahrelang viermal in der Woche, um neunhundert Euro in der Stunde beschweigt oder zu denen, die selber verrückt sind, aber ihre Patienten malträtieren. Das führt dann zur Frage, wie verrückt oder normal die Patienten sind und, ob die in die Praxis kommen, nun eine Störung haben oder nicht?

Die meisten Patienten oder Klienten, die ich gesehen habe, hatten aber eine Depression, eine Panikattacke oder ein Burnout, während und das ist interessant, Jakob Hein von den Menschen in den internen Abteilungen schreibt, die glauben, sie haben einen Herzinfakt und dann wars doch nur eine Panikattacke und da fällt mir ein, daß im Margaretenhof einmal eine Frau wochenlang neben ihrer toten Mutter war und die Psychiater konnten angeblich keine psychischen Auffälligkeiten feststellen, etwas, was ich mir eigentlich schwer vorstellen kann, aber ich habe den Fall nicht diagnostiziert.

Aber zu zurück zu Jakob Hein und seiner Praxis, der schreibt, das selten gesunde Patienten zu ihm kommen, mit Außnahme derer, die von ihm ein Gutachten für das Gericht oder die Pensionsanversicherung, in Deutschland, heißt das, glaube ich, Rentenantrag, brauchen.

Das nächste Kapitel führt dann wieder zu Hein selbst, wo er beschreibt, daß er einen Chefarztposten ausgeschlagen hat, weil es ihm lieber war, in die psychiatrische Praxis zu gehen. Hein ist übrigens Kinder- und Jugendpsychiater und da muß ich natürlich sein österreichischen Pendant Paulus Hochgatterer erwähnen, der übrigens ausgezeichnete Texte über gestörte benachteiligte oder traumatisierte Jugendliche schreibt.

Von Kapitel zu Kapitel hantelt sich Jakob Hein weiter und gibt seine Sicht der Dinge von der anderen, der persönlichen Psychiater-Seite bekannt, was ich sehr spannend finde, aber nicht ganz so leicht zu verstehen ist, wie er das jetzt meint?

Hat man das doch öfter schon ganz anders gehört. So geht es um die Cocktailparties-Fragen, also um die, die der Psychiater hört, wenn er sich auf einer Party befindet, da fängt man an mit ihm über psychiatrische Probleme zu plaudern, die man hat und ihm Fragen zu stellen, auf die auch die Psychiater keine Antwort wissen. Er wird von den Freunden um zehn Uhr abends angerufen und kann auch nichts anderes tun, als sie zu einem guten Kollegen zu schicken, aber die guten sind auf Jahre überfüllt und können keine neuen Patienten nehmen.

Es geht um die Frage, ob man zu den Medikamenten Alohol trinken darf? Was mich auch etwas erstaunte, denn, ich glaube, das sagen ja die Psychiater oder steht auf den Beipackzetteln, daß man das nicht soll. Ich kenne aber viele, die das ohne Auswirkungen tun und manche sind sehr ängstlich und halten sich von selber zurück.

Dann kommt auch die Frage warum jemand trinkt oder ob die Krankheit genetisch ist? Hier kommt Jakob Hein mit dem biologischen psychosozialen Modell und meint, daß man jedes Problem von jeder dieser Seiten betrachten und behandeln muß. Nur Medikamente sind zuwenig, nur Psychotherpie vielleicht auch und der Psychiater kann dem Patienten auch keinen Rat geben, auch wenn, die von ihm natürlich die Lösung, bzw. den Zauberstab wollen.

Das erklärt er vielleicht auch ein wenig umständlich, daß es beim Psychiater, um das richtige Fragenstellen und nicht um die Antwort geht, denn, die muß der Patient schrittweise für sich selber finden und dabei kann ihm der Psychiater, ich meine wohl eher der Psychotherapeut helfen und gibt er zu große Schritte vor, schaut ihm der Patient verständnislos an? Die Psychiater, die ich aus meiner Praxis kenne, sind meisten keine Psychotherapeuten und verschreiben hauptsächlich Medikamenten. Aber da kann das Gespräch und der Aufbau einer empathischen Beziehung auch sehr hilfreich sein und wenn man sich mit dem Patienten dabei ein bißchen unterhält, Fragen stellt, etcetera, kann man das dann abrechnen und der Patient fühlt sich im günstigsten Fall besser und bedankt sich für die Hilfe und der Psychiater denkt, ich habe doch gar nichts dazu getan.

Jakob Hein wehrt sich gegen das Expertentum, das heißt, der Fragen der Journalisten welche Diagnose nun der oder der Politiker hat oder, wie sich die Verschütteten in einem Bergwerk fühlen und mahnt, daß man keine Ferndiagnosen geben soll.

Dann nimmt er verschiedene Problemfelder aufs Korn, wie das beispielsweise in der Pubertät ist? Er arbeitet ja als Kinder undJugendpschiater, obwohl sich viele seiner Beispiele auf Erwachsene beziehen und er, glaube ich, trotz seiner seiner psychiatrischen Facharztausbildung mehr als Psychotherpeut derauch oder auch Medikamente verschreibt, tätig zu sein scheint, was die unterschiedlichen Berufsfelder für den normalen Leser wahrscheinlich nicht viel klarer gemacht haben.

Er geht auch auf die Diagnosen ein, warum man sie braucht und wo sie hindern, weil jeder Patient ja einzigartig ist.

Ich sage meinen Klienten immer, daß Diagnosen für die Krankenkasse wichtig sind, weil die ja keine Therapien für Gesunde bezahlen wollen. Es geht aber auch im die Expertise, wenn man weiß, wie man Depressive am besten behandelt, tut man sich leichter und muß das Rad nicht jedesmal neu erfinden.

In einem Kapitel widmet er sich dem Cannabis und beginnt es gleich, daß er für die Freigabe ist und ich dachte, uje uje, habe ich ja schon bei einigen Leuten erlebt, wie die dadurch in eine Psychose kippten. Jakob Hein erwähnt das aber später auch und meinte vorher, es gibt Erkrankungen bei denen wäre Cannabis hilfreich. Das muß man aber erst beantragen und bis das bewilligt wird, hat sich das der Patient schon längst am Schwarzmarkt besorgt.

Ein interessantes Buch, wo ich nur nicht weiß, wie es von Leuten verstanden wird, die weder eine Pyschotherapieausbildung machten, noch Psychologie studierten, auch keine Psychiater oderPsychiatrie- Betroffene sind? Mir hat es einiges klargemacht und es war auch leicht und amüsant zu lesen, so daß ich es weiterempfehlen kann und was den titelgebenden Hpochonder betrifft, der wird in einem Kapitel auch thematisiert. Da meint Hein, sieleben länger, weil sie sich mehr um ihre Gesundheit können, wenn sie, fügt er listig hinzu, nicht zuviel Medikamente beschrieben bekommen und ich ergänze, daß sie auch nicht zu vielen Somatikern unters Messer fallen dürfen, die sie dann vielleicht doch operieren.

Ein Kapitel, wie sich die Diagnosen im Lauf der Zeit ändern, gibt es auch, über das man nachdenken kann und das sich an das vorher Thematisierte aschließt, denn früher hat man ja bei den Schizophrenen die Lobotomie betrieben und der Arzt der die entdeckte, hat sogar den Nobelpreis bekommen.

So kann man sich irren, also vorsichtig sein und zu dem mündigen Patienten werden, den, glaube ich, auch Jakob Hein bevorzugt und der jetzt auch das Internet hat, um sich vorher zu informieren, ob er die vorgeschlagenen Medikamente auch verschrieben haben will. Aber bitte keine Beipackzettel lesen, denn dann ist man so verwirrt, daß man sich das nicht zu nehmen traut und, daß in Zeiten der Pandemie, wo das Gesundheitssstem ja hinuntergefahren wurde und Gesunde gestestet werden, auch wieder mal anders ist, wurde von Jakob Hein, dessen Buch im August erschienen ist, zumindestens thematisiert.

Das Jahr ohne Worte

Ich kann ja schwer nein sagen, wenn mir Bücher angeboten werden, weil ich ja eigentlich alles lesen will, so stehen manchmal Bücher auf meiner Liste, die nicht so literarisch sind, nicht auf den Buchpreislisten stehen, aber trotzdem sehr interessint sind und da ich ja auch Pyschologin und Pyschotherapeutin bin, interessieren mich Bücher über oder von Menschen in allen Lebenslagen ja auch sehr, so ist mir auch mit Syd Atlans “Das Jahr ohne Worte” gegangen, da heißt, eigentlich wußte ich von dem Buch nicht so viel, weil ich meistens nicht die Beschreibungen studieren bevor ich es anfordere, ja lieber Uli, ich bin da etwas schnell und flüchtig, wurde aber, füge ich hinzu auch noch selten enttäuscht.

“Das Jahr ohne Worte” ist schon äußerlich ein sehr buntens Buch, rot, orange, gelb, grün, die berühmte Ampel nach unten, könnte man so sagen und so war es dann wohl auch. Das Buch ist in Jahreszeiten, Frühling Sommer, Herbst, Winter gegliedert. Dann gibts noch eine fünfte Jahreszeit, sowie eine Vor- und eine Nachsaison und Syd Atlas ist eine in Brooklyn geborene Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin, die schon lange in Berlin lebt und als Rhetorikcoach arbeitet.

Die vier Jahreszeiten sind auch mit den jeweiligen Motti, die über den einzelnenKapiteln stehen, auf Karten geschrieben, die dem Buch beilagen, geschrieben. Auf eine fünfte hat Syd Atlas “Liebe Eva, ich freue mich , meine Geschichte mit dir zu teilen”, geschrieben und die hat es wohl in sich.

In der Vorbemerkung und im Frühling steht dann auch geschrieben, wie Syd Atlas, den Filmemacher Theo kennenlernte. Das war in einem Berliner Cafe. Sie hatte schon einen Sohn namens Henry, war von ihrem Mann, der ihr zu langweilig war, geschieden, aber immer noch befreundet, stand nach einer Fastenkur und hat sich frisch in den Theo verliebt, als sie ihm fragte, ob er ihr ein “Stück aus der Zeitung reißen könne?”, Deutsch ist ja nicht ihre Muttersprache. Die große Liebe begann, die aber schon im ersten Kapitel im Streit endet. Sohn Sam wird geboren und dann bricht die Kranlheit, AlS, die die auch Stephen Hawking hatte, die unheilbare, wie öfter steht, um dieses sperrige Wort zu erklären. Sie glaubt es ihm zuerst nicht, denn er ist ein Hypochonder, später wehrt sie sich wohl ihr Unbewußtes dagegen. Sie holen aber verschiedene Expertisen ein, reisen dazu sogar nach Israel Syd Altlas ist Jüdin, aber Theo fällt das Sprechen schon sehr schwer und wird immer weniger verstanden. So beschließen sie zu heiraten, das tun sie auch dreimal. In Kopenhagen wegen der Formalitäten, Syd war ja geschieden, hatte aber ihre erste Heiratsurkunde verloren, dann in Deutschland und in Amerika. Theo muß ins Krankenhaus, bekommt eine Magensonde, eine Tracheomotie. Pflegerinnen ziehen in die Wohnung, die Au Pairs sind schon da, denn Syd ist beruflich sehr erfolgreich und fliegt in der ganzen Welt herum. Die Kinder wehren sich gegen die Pflegerinnen, Syd gegen Sex mit Theo und brauch immer mehr Gin-Tonic, um das auszuhalten und fragt ihn auch einmal, ob er nicht in Würde sterben will. Das war ehrlich. Er ist aber beleidigt, schickt das an seine Familie. Sie findet die Sprachnachrichten. Theo kann längst nicht mehr sprechen und gehen, hat aber zwei Affairen. Mit einer lesbischen Kollegin und einer Pflegerin, will ausziehen. Es kommt zum Rosenkrieg, bis Syd das ehemalige Schlafzimmer ausräuchert und Theo vergeben kam, am Ende besuchen sie und ihre Söhne ihn zuerst in seiner Pflegewohnung, dann im Krankenhaus und nehmen Abschied von ihm.

Ein interessantes Buch, vielleicht für sensible, nicht betroffene Gemüter vor allem in Zeiten, wie diesen, nicht leicht zu lesen, aber für betroffene Angehörige sicherlich sehr hilfreich und so habe ich das neue Jahr, wo die Aussichten ohnehin sehr pessimistisch sind, mit einem interessanten Buch beginnen. Das über Hypochonder, von einem Pyschiater geschrieben, der und dessen Vater auch Schriftsteller sind, wird bald folgen.

Im Banne der Südsee

Nun kommt das vierte Buch der fünf mir angebotenen von Frauen aus den Neunzehnhundertzwanziger Jahren und es geht in die Südsee, das zweite Buch der Trilogie der 1889 im heutigen Solweien geborenen Alma M. Karlin, die 1919 auf eine achtjährige Weltreise aufgebrochen ist und darüber drei Bücher und vorher noch eine Autobiografie geschrieben hat. Die und der erste Teil wurden schon vom “Aviva-Verlag” schon herausgegeben. Die deutschsprachig aufgewachsene Alma M Karlin war in der Zwischenkriegszeit sehr berühmt, später in der Republik Jugoslawien,wo sie wieder lebte, verboten und unter den Nazis wurde sie verhaftet.

So war die einstmal berühmte Reiseschriftstellerin lange vergessen,wurde erst in den Neunzenhundertneunzigerjahren von den jungen Slowenen wieder entdeckt. In ihren letzten Jahren hat Alma M. Karlin, die im Jänner Neunzehnhundertfünfzig gestorben ist, eher esoterische Romane geschrieben mit denen sie auch den zweiten Weltkrieg überlebte.

Im Nachwort der 1971 geborenen Slowenin Amalija Macek wird der Rssismus angesprochen, der Alma M. Karlin schon in den Neunzehnhundertdreißigerjahren, wo ihre Reisebücher erstmals herausgekommen sind, vorgeworfen wurden. Der Verlag hat sich entschlossen, die heute problematischen Stellen bis auf wenige Ausnahmen stehen zu lassen und den Lesern selbst ihr Urteil bilden zu lassen, was ich sehr gescheit finde. Außerdem wird Alma M. Karlin, als eine sehr engagierte Frau beschrieben, die alleine um die Welt gereist ist und sich die Reisen, weil sie in prekären Verhältnisse lebte, selbst durch Dolmetscher- und Sekretärinnenarbeiten oder Reiseberichte finanzierte.

Im zweiten Band reist Alma M. Karlin in die Südsee. Dort hat sie nur einige Monate bleiben wollen. Zwei Jahren sind es dann geworden. Der erste Teil des dreihundert Seiten Buches heißt, “Durch Australien”. Eine Landkarte gibt es am Beginn und am Ende des Buches auch zu sehen, damit man sich orientieren kann.

Mit einem Dampfer “Ausnahmsweise wieder erste Klasse”, wie Alma M. Karlin schreibt, geht auf die Philippinen. Dort nach Manila, wo sie sich in einem chinesischen Gästehaus einquartiert. Dort bekommt sie nächtens Besuch von einigen Männern, so daß sie die Fuße durch die Ritzen ihres Zimmers zu studieren beginn, sich mit einem Dolch bewaffnet und den Portier oder Wirt am nächsten Morgen wissen läßt, daß sie das nächste Mal davon Gebrauch machen wird. Eine sehr entschlossene Frau also, von “Männerhaß” steht etwas in dem Nachwort. Sie reist herum, beschreibt die Hüte, die die Frauen trugen die Spielsucht und andere Absonderheiten der Einwohner.

Sie kehrt dann wieder nach Australien zurück, mietet sich in Sidney, Melbourne ein, hält Vorträge und schreibt ihre Artikel auf ihrer Schreibmaschine Erika, die sie irgendwie auch immer mitgeschleppt haben mußte, auf den kleinen Balkon. Sie sammelt Pflanzen und Käfer, schickt viel davon nach Deutschland, um es an Schulen zu verteilen und leidet an chronischen Geldmangel, so daß sie oft nur von Tee, Zwieback oder Brot lebt. Sie kommt dann auch nach Neuseeland, wo sie bei einem Pfarrer lebt, da gibt es eine herrliche Geschichte, wo ein Huhn zerlegt werden soll. Der Pfarrer das aber nicht schafft, so daß dann alle mit den Fingern essen, bevor sie zum abenteuerlichen Inselleben ins Südseeinselreich aufbricht.

Von einem Richter, der nicht sehr begeistert ist, läßt sie sich auf die Fidschi-Insel fahren, wo sie von einer Familie, die fast allein auf einer der Inseln lebt, eingeladen wurde, die sie als Haushaltshilfe verwenden, so da daß sie nu ram Vormittag zwei Stunden Zeit für das Malen und ihre schriftstellerische Arbeit hat. Muscheln werden gesammelt, Ausflüge gemacht und, als sie auf einer anderen Insel bei einer anderen Familie wohnt, die sich sehr um sie kümmert, bricht sie aus, um alleine einen Spaziergang zu machen, wird dabei aber fast vergewaltigt wird oder wollte der Angreifer sie freßen? Denn das war bei den Fidschis damals noch üblich. So gibt es Geschichten, wo der Liebsten der Schinken vom Missionar überreicht wird oder die wo die Schuhe mitgebraten wurden, aber die waren ungenießbar.

In kleinen Skizzen führt Alma M. Kalin durch ihre Reise, die eigentlich mehr von den Schwierigkeiten Anfang des Neunzehntenjahrhunderts die Südsee zu erforschen, ihrer Geldnot, das Angewiesensein von reichen Familien eingeladen zu werden, ihren Malariaanfällen, die sie, glaub ich, durch ihr weiteres Leben begleiteten, als von der Südsee, berichten. Das Menschenfreßertum, das damals offenbar gerade überwunden oder noch gang und gebe war, wird immer wieder thematisiert und das was im Vor- oder Nachwort als Rassismus beschrieben wird, ist wohl ihre Ansicht, daß die sich nicht vermischen sollten. Es gab auch Schwierigkeiten, die die Franzosen und die Italiener mit den alleinreisenden Frauen hatten und auch, daß es für sie als “Österreicherin” schwierig war, anerkenannt zu werden und auch ihr Schriftstellertum mußte sie immer wieder beweisen.

Von den Malariaanfällen gebeutelt und von Chinin fast vergiftet, fährt sie im Boot eines schottischen Ehepaar von Insel zu Insel, besucht die “Pflanzer”, die damals wohl alle weißen Reisenden aufnehmen mußten, begeht den Urwald, wundert sich über Sitten, das Braten von Käfern beispielsweise und ärgert sich über die Kakaerlaken oder Riesenkrabben, die manche Handgelenke brechen können und auch darüber, wie ihr ihre Mutter ihre lukrativen Aufträge wegnimmt, die Briefe und Postanweisungen erreichen sie an manchen Orten und beschreibt, das alles mit erstaunlicher Ironie, wie sie sich auch über die Richter und die einheimischen Herren lustig macht, von deren Gnade sie abhängig ist, weil sie ihre Weiterreise behindern können.

Sie verbringt längere Zeit in verschiedenen Missionen, begleitet die Schwestern in die Dörfer, besucht die Schulen und die Sterbenden, betet mit ihnen, schreibt dabei an einigen Romanen und scheint von den Missionen auch nicht so schnell wegzukommen, bekommt ein Magengeschwür und sorgt sich darum, daß ihre schriftstellerischen Arbeiten in der Schublade beziehungsweise im Körbchen verbleiben muß, hält sich vom Pech verfolgt und bedauert sehr, daß ihr immer die anderen zuvorkommen und als sie nach Hollandia will, wo die Paradiesvögel noch bis 1928 gejagt werden konnten, weshall man nur mit Sondergenehmigung dorthin fahren durfte, gelingt es ihrzwar nach vielen Mühen eine solche zu bekommen, wird dabei aber fast von den “Wilden” aufgefressen und kann sich ihrer nur durch Pfeffer erwehren,was jetzt wiederum sehr modern scheint.

Ein interessantes Buch, vor allem was die Erlebnisse einer alleinreisenden Frau Anfang des vorvorigen Jahrhunderts betrifft. Daß man von der Südsee außer, daß es da noch Menschenfreßer, Missionare, Pflanzer und verschiedene Tierarten und Pflanzen gab, so hat Alma M. Kalin auch die verschiedensten Blumen abgezeichnet, erfährt, finde ich eigentlich nicht so schlimm, wird es dort ja inzwischen auch anders aussehen, so daß ich dieses Buch viel spannender, als erwartet fand und ich mehr von ihm mitnehme, als ich es beispielsweise bei dem China– und Mexikobericht von Egon Erwin Kisch oder Stefan Zweigs Brasilienbuch tat und wenn man das Malaia gebeutelte prekären Leben Alma M. Karla mit der positiven Phantasiegestalt der neuen Sachlichkeit von Margaret Goldsmith, die sich so einfach nimmt, was sie kriegt, vergleicht, hat man wahrscheinlich den Realitätscheck und ich denke , die slowenisch-österreichische Schriftstellerin war wahrscheinlich eine wirklich emanzipierte abenteuerlustige Frau.

Die 2020-Bücherliste

Ich lese ja, wie meine Leser wahrscheinlich wissen, relativ viel. Das heißt, ganz so viel ist es eigentlich, so hundertfünzig bis hundertfünfundsiebzig Bücher pro Jahr. Die Zweihundertermarke ist mir nie gelungen zu knacken und es wird auch eher weniger als mehr. Das heißt ich lese ehe rlangsam, obwohl ich ja eigentlich Corona bedingt mehr Zeit und Gelegenheit dazu hätte, weil es ja kaum Veranstaltungen gibt, so daß ich eigentlich zweimal pro Tag in der Früh und am Abend mit einem Buch in der Badewanne versinken kann.

Ich lese, wie meine Leser wahrscheinlich ebenfalls wissen, derzeit viele Buchpreislisten. In diesem Jahr waren es besonders viele. Zu der deutschen Buchpreisliste mit der ich ja 2015 angefangen habe, ist ab 2016 sowohl die österreichische als auch das Bloggerdebut dazugekommen, im Vorjahr weil wir ja auf der “Buch-Basel” waren ist auch der Schweizer Buchpreis dazugekommen und heuer habe ich mich erstmal mit dem “Preis der Leipziger Messe” beschäftigt und dann meine Leser wissen es wahrscheinlich wieder, bin ich ja eine Büchersammlerin und kann seit 2000, seit es die offenen Bücherschränke gibt, nicht daran vorüber gehen. So hat sich bei mir eine riesige Backlist angesammelt, Schmankerln, die ich eigentlich lesen möchte aber die Neuerscheinungen machen es zunehmend schwieriger, da auch wirklich alles zu lesen. Da gibt es auch die Weihnachtsbücher, die ich heuer wenigstens auf meiner Bücherchristbaumseite ein wenig vorstelle, denn da hat sich im Laufe der Jahre auch so einiges angesammeltwas ich gerne lesen möchte.

Einige Blogger geben zum Jahresende immer ihre jeweiligen Jahreslieblingsbücher bekannt und damit habe ich, obwohl ich ja keine Monatsleseliste habe, auch einmal angefangen. Vor der Buchpreisbücher- Veröffentlichungen, gebe ich ja auch schon länger immer eine kleine Vorschau von den Büchern die ich gelesen habe, won denen ich mir vorstellen könnte, daß sie auf den Listen landen.

Die Trefferrate ist, weil es ja soviele Bücher gibt, meistens bescheiden. Am Jahresende kann ich aber schon einen besseren Rückblick geben, was mir in diesem Jahr besonders gefallen hat und was davon vielleicht auf irgendweiner Liste stand und was ein Oldie war und da habe ich heuer mindestens zwei Überraschungen erlebt und ein paar der Buchpreisbücher zählen auch zu meinen Highlights.

Also heuer habe ich 168 Bücher gelesen und davon kommen auf meine Lieblingsücherliste:

1.Jaroslav Rudis “Winterbergs letzte Reise”

2.Vea Kaiser”Blasmusikpopp”

3.J. D.Salinger “Der Fänger im Roggen”

4.Wladyslaw Szpilman “Der Pianist”

5.Eugen Ruge “Metropol”

6.Olga Tocarczuk “Der Gesang der Fledermäuse”

7.Ingo Schulze “Die rechtschaffenen Mörder”

8.Ulrich Becher “Murmeljagd”

9. Lutz Seiler “Stern 111”

10.Eshkol Nevo “Die Wahrheit ist”

11.Marlene Streeruwitz “So ist die Welt geworden”

12.Michael Scharang “Aufruhr”

13.Stephan Roiss “Triceratops”

14.Helena Adler “Die Infantin trägtden Scheitel links”

15.Robert Seethaler “Der letzte Satz”

16.Thomas Hettche “Herzfaden”

17.Xaver Bayer “Geschichten mit Marianne”

18.Charles Lewinsky “Der Halbbart”

19.Tom Kummer “Von schlechten Eltern”

20.Dirk Stermann “Der Hammer”

21.Margaret Goldsmith “Patience geht vorüber”

22.Amanda Lasker-Berlin “Elijas Lied”

23. Alma M. Kalin “im Banne der Südsee”

So das war es aus dem Gedächtnis. Ich tue mir ja mit dem Bewerten immer schwer. Aber das waren wohl die Highlights des 2020-Jahres und bin natürlich sehr gespannt, was meine Leser dazu sagen und was sie davon schon gelesen haben?

Schatten über den Brettern

Buch fünf der Bloggerdebutshortlist und ich bleibe wieder etwas ratlos zurück und weiß nicht so recht, was ich von David Mischs “Schatten über den Dächern” halten soll? Ein gutes Buch? Ein schlechtes Buch?, literarisch anspruchsvoll und deshalb schwer verständlich oder doch ein Einheitsbrei mit literarischen Mängel? Jedenfalls sehr monologhaft und das ist ja etwas, was ich auch gern betreibe. Dann kommt noch ein häufiger Perspektivenwechsel hinzu, keine oder wenige Namen, sondern “ihn” oder “er”, so daß man nur schwer in die Handlung hineinkommt und erst nach hundert oder mehr Seiten etwas von der Dystopoe mitbekommt, die schon am Buchrücken beschrieben wird.

“Ein Theaterspieler in Zeiten zunehmender Repression. Er ist hin und hergerissen zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und dem Streben nach Selbstverwirklichung. Seine Figuren und Rollen, die er nicht spielen muß, weil sie in ihm Realität geworden sind, bedeuten ihm alles. Eine Kulturverordnung droht sie ihm zu nehmen und der Kampf gegen die neue Autorität im Lande stellt Beziehungen und sein eigenes Ich mehr denn je in Frage.”

Beginnen tut es aber mit einem alten Mann, der auf einer Bank sitzt und Briefe an sein Kind schreibt oder kommt das auch erst später?

Jedenfalls wird da ein Leben beschrieben, ein Aufwachsen in der Kleinfamilie und dann und das ist ein bißchen ähnlich wie in “Hawai”, man könnte auch in der Thematik Paralellen finden, vermittelt der Vater einen Job in einer Folienfabrik, aber eigentlich will er nur lesen. Bücher werden zitiert. Er steigt aber in die Firma ein und wieder aus, weil dann kommt ihm das “Theater der Unterdrückten” von Augusto Boal in die Quere und er beginnt für oder um sein Leben in dem oben beschrieben Sinn zu spielen und vernachläßigt seine Arbeit in der Firma immer mehr.

Vorher fährt er aber auf Urlaub und lernt die Frau seines Lebens, eine Zeichnerin, die aber auch in der Pyschiatrie arbeitet, kennen und bekommt von ihr ein Kind. Die Tochter, wie man in späteren, die Perspektive gewechselten Kapiteln erfährt, sich umbringt.

Der Widersacher oder der Populist, der der dann später die Macht in dem “Kleinen Land in Mitteleuropa” an sich reißt, wird auch thematisiert. Der geht in einigen Kapiteln nach China und hat einen Vater, der offenbar an Krebs gestorben ist, was ich lange mit dem Vater des Erzählers verwechselte. Das Ganze scheint in der Zukunft zu spielen. Das erfährt man auch erst nach und nach oder aus den Rezensionen. Die Kultur und die Geschichte ist schon abgeschafft und der alte Mann auf der Bank, der Seite um Seite, in wechselnden Dialogen beschreibt, wird von einer jungen Frau besucht, die sich um ihn kümmert. Später erfährt man, das ist eine Pflegerin und eine alte Stationsleiterin gibt es auch. Der alte Mann, der in seiner Jugend Schauspieler im “Theater der Unterdrückten” war und da drei Rollen, die von Darko der Katze, Paul und von Tareusz, dem Polen, der aber auch sein Stellvertreter in der Folienfirma war, verkörperte, lebt schon längst in der Psychiatrie, der Freund, der ihn lange besuchte kommt, schon längst nicht mehr, auch die Frau nicht. Nur die alte Stationsleiterin taucht auf, nimmt sich der Papiere an und sucht den Freund auf, der dann die letzten Details erklärt, so daß man der Handlung vielleicht doch folgen kann.

Wie geschrieben, war oder bin ich, von dem Buch hin- und hergerissen, weil es vieles enthält, das mir gefällt. Das Thema, die Dystopie, die ich ja gerade jetzt auch schreiben will oder der Meinung bin, daß wir schon in einer leben. Auch der monologhafte Stil, der sich von den Heldenreise mäßgen Plotaufbau angenehm abhebt, Bücher spielen eine Rolle, aber dann ist vieles unverständlich, das “er” und “ihn” hat mich auch verwirrt und ich habe mich lange nicht ausgekannt und kenne mich noch immmer nicht so recht aus und so weiß ich auch nicht, wie das mit dem letzten Satz und dem “Schatten” ist und ob ich dem Buch jetzt drei, einen oder gar keinen Punkt geben soll, habe ich auch noch keine Ahnung? Habe auch noch Zeit darum zu würfeln oder die Meinung, der anderen Bloggerdebutjurymitglieder zu erfahren. Am zweiten Jänner soll es ja wieder eine “Zoom-Sitzung” geben und habe in einem Interview bei Silvia Walter von den “Leckeren Keksen” erfahren, daß ich den 1985 in Wien geborenen und in der Steiermark lebenden David Misch, möglicherweise schon 2018 beim “Buchquartier” gesehen habe. Sonst war mir der Autor bisher unbekannt. Wieder ein Buch, das an mir vorbeigegangen wäre, hätten es die Debutfrauen nicht auf ihre Shortlist gesetzt und da erstaunt mich immer wieder, da ich ja den Debutpreis seit 2016 sehr verfolge und auch mitjuriere, daß, die drei Frauen da oft ein sehr ungewöhnliches unbekanntes Buch auf ihre Liste setzten über das man sich herrlich streiten und die Köpfe zerschlagen kann und so bin ich auf das Ende der Geschichte und die Einschätzung der anderen Blogger sehr gespannt.