Ausflug in die Siebzigerjahre

Da habe ich ja literarisch zu schreiben angefangen, das heißt so ungefähr ab 1971 geplant, nach meiner Matura werde ich sowohl schreiben, als auch Psychologie studieren und 1973, in dem Sommer, in dem sich auch die GAV gründete damit angefangen, an Literaturzeitschriften habe ich aber, da nur sehr vereinzelt und sehr spät zu schicken angefangen.

1978, glaube ich “Die Einladung zum Tee” der Monika Jensen und dem Gerhard K. gezeigt, die beide sehr energisch “Das ist nicht gut!”, sagten, was mich sehr getroffen hat und ich noch immer nicht ganz glaube.

Die Monika hat mich aber in den “Arbeitskreis schreibender Frauen”, gebracht, das war eine Intiative des “Bundes demokratischer Frauen”, die sich nach einem Vortrag “Warum Frauen schreiben?”,gebildet hat.

Da habe ich Marie Therese Kerschbaumer, Elfriede Haslehner, Hilde Langthaler, Erika und Bärbl Danneberg und noch einige andere Frauen kennengelernt und, die am 31. August 1936 geborene Marie Therese Kerschbaumer, die heuer also achtzig wurde, hätte heute in der “Gesellschaft für Literatur” eine Veranstaltung gehabt.

“DER WEIBLICHE NAME DES WIDERSTANDS – ein Abend für Marie Therese Kerschbaumer” mit Lisa Fritsch, Petra Ganglbauer, Marianne Gruber,  Gerhard Jaschke, Erika Kronabitter und Julian Schutting, stand im Programm und ich wäre natürlich hingegangen.

Dann las ich vor ein paar Tagen aber zufällig auf der Facebook-Seite der “Gesellschaft”, der Abend entfällt und Gerhard Jaschke, den ich ja gestern in der “Alten Schmiede”, traf, hat es mir bestätigt, daß Marie Therese den Abend nicht gewollt hätte.

Nun sie ist nicht leicht zufriedenzustellen, das weiß ich schon aus den Zeiten, wo ich für die GAV-NÖ eine Veranstaltung in St. Pölten organisierte “Literatur mit Frauen”- ich glaube mit ihr, Elfriede Haslehner, Hilde Langthaler, Brigitte Guttenbrunner und mir.

Da hat sie gelesen und hat sich auch über das Interesse eines älteren Herrn gefreut, aber ganz problemlos ist diese Zusagen nicht gewesen und beim “Altweibersommer” in der “Alten Schmiede” hat sie schon nicht mehr mitgemacht, dazwischen war auch die Sache mit der Ohrfeige im Literaturhaus.

Ich wäre trotzdem gerne zu der Veranstaltung gegangen, ist es ja ein Teil meiner literarischen Vergtangenheit, habe von ihr den Roman die “Schwestern” und noch einiges andere gelesen, den “Weiblichen Namen des Widerstandes” nicht, war aber bei einigen Veranstaltungen und habe sie früher bei GAV und IG Veranstaltungen auch sehr regelmäßig gesehen.

Also ein bißchen enttäuscht und “Schade!”, gedacht, dann aber nach einem Parallelprogramm gesucht und da gab es zufälligerweise sogar ein sehr gut passendes, wie die Faust aufs Auge sogar, allerdings im positiven Sinn gemeint, denn im Literaturhaus veranstalteten gerade die sehr viel jüngeren Autoren Hanno Millesi und Xaver Bayer eine Ausstellung zum Thema “Austropilot – Lyrik und Prosa aus österreichischen Literaturzeitschriften der 1970 er Jahre, die habe ich mir vorige Woche schon angeschaut, aber heute gab es dazu die Präsentation einer gleichnamigen Anthologie, die im “Atelier Verlag” erschienen ist und ich habe dort auch sehr viele Bekannte aus den Siezbziger Jahren oder so gesehen, Hans Jörg Zauner beispielsweise  oder Reinhard Wegarth, der mir sagte, daß er beziehungsweise seine Texte auch in der Anthologie enthalten sind.

Meine natürlich nicht, aber ich habe, glaube ich auch erst spät angefangen in den Literaturzeitschriften zu publizieren, erst nach 1978, da ich mit ihren ja auch durch den Arbeitskreis in Kontakt gekommen bin.

“Die Einladung zum Tee”, die ich bei meinem ersten Arbeitskreisesuch auch gelesen, beziehungsweise durch meine Freundin Elfi vorlesen ließ, weil ich mich damals noch nicht zu lesen traute, hätte auch im “Sterz” erscheinen sollen. Da war auch eine Frau bei mir, die mir die Illustrationen dazu brachte.

Es ist aber nicht dazu gekommen. Aber in “Frischfleisch und Löwenmaul”, das ja von Nils Jensen, den ich auch durch den Arbeitskreis kennenlernte und Reinhard Wegerth gegründet wurde, ist “Einige Gründe derer, die nicht an der Demonstration teilnahmen”, erschienen, aber ich ersehe gerade auf meiner Publikationsliste, das war erst im Heft 33, 1982 und meine erste Publikation erschien, in der Stimme der Frau”, der KPÖ-Frauenzeitung im Sommer 1980.

Vorher hatte ich keine Publikationen, kann mich also nicht beschweren in der Ausstellung nicht vorzukommen, obwohl mir die dort präsentierten Zeitschriften “Fettfleck”, “Unke”, “Wespennest”, “Manuskripte”, etcetera sehr bekannt vorkamen.

Xaver Bayer, “Priessnitz-Preisträger”, von dem ich auch einige bei “Jung und Jung” erschienene Bücher gelesen habe, leitete in seinem Vortrag  die Literaturlandschaft der 1970er Jahre ein, die sich nach dem Krieg frisch gebildet haben und in den wilden Siebzigerjahren begann auch die Literaturförderung, so daß es damals sehr viele Zeitschriften gab, meist hektografiert und von schlechter Qualität, die mehr oder weniger lang überlebten.

Die bekannteste Zeitschrift sind ja die “Neuen Wege,” die es, glaube ich, schon seit den Sechzigerjahren gab. Die wurden vom “Theater der Jugend” herausgegeben und zwei Nummern davon habe ich in Harland liegen.

“Lynkeus”, “Protokolle”, “Silberbote”, “Plan”, gab es vorher auch noch und dann natürlich die “Rampe”, in der Zeitschrift “Log” hatte ich später auch einige Texte und in Gerhard Jaschkes “Freibord”, also eine sehr vielfältige Literaturlandschaft.

Xaver Bayer leitete ein, dann wurden Beispiele daraus gelesen und Auszüge aus Statements der Literaturzeitschriftengründer, wie Gerhard Ruiss, Gustav Ernst und Gerhard Jaschke gab es auch.

Dann Musik beziehungsweise einen DJ, der diese aus den Siebzigerjahren mixte, da setze ich wahrscheinlich aus, denn ich habe mich damals ganz brav nur für die klassische Musik interessiert und bin jede Woche in die Opter gegangen, habe hier also sicher eine Bildungslücke.

Bei der Litetraur ist das anders, denn ich habe, glaube ich, einige der präsentierten Nummern zu Hause, die man, wie Robert Huez betonte, auch in der “Dokumentationsstelle” nachlesen kann und in der “Alten Schmiede gibt es ja auch einen Zeitschriftensaal, der von Markus Köhle betreut wird.

Nachher gab es wieder ein Buffet, mit Aufstrichen, Weintrauben und Mannerschnitten, das scheint jetzt neu zu sein und ist sehr angenehm und Gespräche, so habe ich mich lange mit Reinhard Wegerth unterhalten, der mich ja einige Male zu den “Textvorstellungen” in die “Alte Schmiede” eingeladen hat, die aber jetzt nicht mehr moderiert.

Ich habe auch versucht Xaver Bayer und Hanno Millesi nach einem Plakat, das auf eine GAV-Veranstaltung, die in Berlin zwischen einem  21. 4. und einem 2.5 leider ohne Jahreszahl stattfand, was die beiden mir aber auch nicht sagen konnten und nur schätzten, daß es ungefähr 1975 gewesen sein mochte, ja damals war man vielleicht auch noch etwas ungenau und das Plakat und die Zeitchriften kann man jetzt auf Flohmärkten oder Antiquariaten finden. Die Zeitschriften vielleicht in Bibliotheken lesen und manche Karrieren haben sich gebildet, manche literarische Stimmen sind verstummt, manche, wie ich ins Internet abgesiedelt und heute gab es noch eine dritte sehr interessante literarische Veranstaltung, nämlich Stephan Eibel Erzberg, den ich ja auch durch die GAV kenne, war wieder einmal in “Von Tag zu Tag” und hat dort seinen neuen Gedichtband vorgestellt und El Awadalla, die ich auch vom Arbeitskreis kenne, hat angerufen und ihm dazu gratuliert.

Die Vegetarierin

Jetzt kommt noch einmal eine Pause vom doppelten LLlesen und ein Ausflug in die Welt der internationalen Literatur, “Die Vegetarierin”, neben “The Girls” und “Meine geniale Freundin” das Kultbuch der heurigen Herbstsaison, der Koreanerin Han Kang, die damit auch den “Internationalen Man Booker Prize” gewonnen hat.

Ich habe es mir bestellt, weil ich die Besprechungen interessant gefunden habe, als wir vom Berg zurückgekommen sind, habe ich auch eine in “Ex Libris” gehört und jetzt, glaube ich, ein anderes Buch gelesen, zumindestens habe ich es anders aufgefaßt, denn die Realistin in mir, die vor kurzem auch “Die Welt im Rücken” gelesen hat, sieht von Kafka keine Spur, aber vielleicht habe ich den nur noch nicht genügend gelesen und kann sich das alles ganz real und gesellschaftlich bedingt deuten.

Die klare schöne Sprache und das “fremdländische Flair” besticht, zumal in der Übersetzung auch einige Worte zu finden sind, die für unseren Sprachgebrauch fremd und ungewöhnlich klingen.

Übersetzt hat das Buch, die in München lebende Ki-Hyang Lee, um das auch einmal anzugeben, obwohl das für mich meistens nicht sehr wichtig ist und das Buch ist in drei Teilen gegliedert und wird von drei Protagonisten in jeweils einem Jahresabstand erzählt.

Der erste ist Yong-Hyes Ehemann, ein ziemlicher Unsympathler setzte ich gleich hinzu, aber die Männer kommen in dem Buch überhaupt nicht sehr gut weg, der sich über die Veränderung seiner Frau wundert, denn die, die bisher eher durchschnittlich und unaufällig bisher, das einzig Auffällige war, daß sie keine BHs trug, fängt plötzlich an kein Fleisch zu essen, weil sie böse Träume hat.

In der veganen Welt, in der wir seit einigen Jahren leben, nichts Ungewöhnliches könnte man denken. In Korea gibt es auch genügend Vegetarier, wie in dem Buch steht, trotzdem flippt Yong-Hyes Familie aus, sie magert allerdings auch sehr ab und beginnt sich immer öfters nackt zu zeigen.

So verständigt  der Mann, die Familie, die trifft sich in der Wohnung von Yong-Hyes Schwester und der autoritäre Vater gibt der Tochter eine Ohrfeige und versucht ihr mit Hilfe des Bruders, ein Stück Fleisch in den Mund zu zwingen. Die spukt es aus und greift zum Messer, um sich umzubringen,  der Schwager trägt sie auf seinen Armen in die Klinik.

Teil zwei “Der Mongolenfleck” wird von diesem erzählt. Der ist ein, glaube ich, nicht so besonders erfolgreicher Video-Künstler, lebt vom Kosmetikgeschäft seiner Frau und ist von Yong-Hyes Mongolenfleck, den sie am Gesäß hat, fasziniert.

So kommt er zu ihr mit dem Begehr auf ihren nackten Körper Blumen aufzumalen und läßt sie dann mit einem ebenfalls bemalten Künstler Sex haben, der rennt aber davon, so läßt er sich selbst bemalen und hat den Sex mit ihr, die sich nicht wehrt, denn seit sie die Bemalung hat, fühlt sie sich besser und die Träume, die sie quälten sind auch weg.

Pech ist nur, daß die besorgte Schwester des Morgens schon früh aufsteht, um Yong-Hye Essen zu bringen und die beiden findet. Sie schaut sich auch das Video an und holt die Rettung, denn die beiden müssen, wenn sie sowas machen, ja krank sein.

Teil drei spielt wieder ein Jahr später und die Schwester fährt in die Klinik um Yong-Hye zu besuchen. Die ist dort vor einiger Zeit ausgerissen und hat sich im Regen in den Wald gestellt, um ein Baum zu werden und sich mit der Natur zu verschmelzen. Seither ißt sie auch nicht mehr und wird in der Klinik natürlich fixiert und zwangsernährt, denn man hat ja nicht das “Recht zu sterben”, wie sie sich einmal  bei ihrer Schwester beklagt.

Offenbar nur das zu funktionieren und das hat In Hye, Yong-Hyes Schwester bisher auch getan, sich um den Sohn gekümmert, den ungetreuen Ehemann verlassen, die Klink für die Schwester bezahlt und sie ärgert sich auch über deren Ehemann, der sich gleich nach der Veränderung von der Schwester scheiden ließ.

Die Ärzte haben alles versucht, Yong-Hye weigert sich weiter zu essen und driftet in ihre eigene Welt ab. So wird sie im Krankenwagen in eine andere Klink gebracht, die Schwester begleitet sie, reflektiert ihr Leben, den gewalttätigen Vater, der sich hauptsächlich an Yong-Hye vergriff, ihr eigenes Funktionieren und am Ende könnte es sein, daß auch bei ihr die Rebellion beginnt und sie sich vielleicht, wie ein Vogel aus dieser Welt davonzumachen versucht.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das ich, wie schon geschrieben hauptsächlich aus der realistischen Sicht las und mich frage, warum man unbedingt essen muß , sich nicht umbringen darf und wenn man es trotzdem versucht, gewaltsam daran gehindert wird und, daß In Hyes Ehemann, zuerst in die Klinik mitgenommen wurde, dann nur mehr wegen Ehebruch verhaftet wurde und sich schließlich aus dem Staub machte, finde ich auch sehr seltsam.

Vielleicht ist das in Korea, wo vielleicht alles noch ein bißchen konventioneller ist noch so. Die Psychiatrie, die hier beschrieben wird, erinnert mich an die Fünfziger bis Siebzigerjahre, wo ich Anfang der letzteren ja zu studieren und dort Vorlesungen zu besuchen begann.

Inzwischen hätte ich gedacht, ist es ist etwas besser geworden. Das Buch kann aber trotzdem aufrütteln und nachdenklich werden lassen, die schöne Sprache, die auch mit Haraki Murakami verglichen wird, ist auch zu erwähnen und stehen bleiben wird der Satz, den Yong-Hye ihre Schwester fragte: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”

Freiwillig offenbar ja, obwohl wir es ja alle irgendwann werden und müssen.