Der letzte Zeitungsleser

Zur Abwechlung jetzt ein wenig in den Sachbuchbereich oder das Plädojer eines Chefredakteurs, Michael Angele vom “Freitag” über das Zeitungssterben, nein nicht direkt über dieses selbst, kein wirklicher Abgesang über die Zeitung, die nach und nach von den Online-Ausgaben ersetzt wurden, so daß es nur mehr den letzten Zeitungsleser gibt.

Das ist höchstwahrscheinlich genauso übertrieben, wie das letzte Buch, denn in meinem Badezimmer türmen sich ja die Bücherberge, die zur Frankfurter Buchmesse beziehungsweise für den Weihnachtsbaum erscheinen und dort liegen sie wahrscheinlich immer noch, weil man will ja die Bücher  riechen, tasten, schmecken, auch wenn ich vor einigen Jahren einen E-Bookreader bekommen habe.

Dort lese ich nur selten, meistens nur, wenn ich von einem Verlag ein PDF bekommen habe und das ist mir jetzt mit Michael Angeles letzten “Zeitungsleser” so passiert.

Am Cover prangt eine alte Zeitung und das Buch ist, wie einer der “Amazon-Rezensenten” schreibt, herrlich schnell zu lesen, er schreibt von einer Stunde, ich habe mehrere gebraucht, es besteht aber nur aus einer Spalte mit einem breiten Rand links und rechts, so daß man, wenn man die Printausgabe wählte, viel notieren kann.

Ein paar Fotos gibt es auch dabei, denn man muß ja die Leserbindung herstellen, darf den Abonennten nicht überfordern und, um seinen Geist nicht zu ermüden, braucht es immer wieder die Ablenkung des Bildes.

Das meint der 1964 in der Schweiz geborene Journalist und Literaturwissenschaftler, der in Berlin leben dürfte, durchaus kritisch und beginnen tut es mit der Literatur, nämlich mit Thomas Bernhard, der wie Michael Angele nachweisen will, ein großer Zeitungsleser war.

In “Wittgensteins Neffe”, hat er geschrieben, daß er 1968 dreihundert Kilometer durch halb oder ganz Oberösterreich gefahren ist, um eine Neue Zürcher Zeitung zu bekommen. Wer tut das heute noch, wo man die NZZ ganz leicht online lesen kann? Aber Thomas Bernhard ist ja schon 1989 gestorben, vorher hat er einen Leserbrief an eine  oberösterreichische Lokalzeitung geschrieben, um sich zu empören, daß die Gmundener Straßenbahn eingestellt werden soll.

Die fährt offenbar noch immer und Thomas Bernhard war, was ich, glaube ich, schon vorher hörte, ein begnadeter Lesebriefschreiber, die gibt es heute  auch nicht mehr oder nur mehr marginal, dafür aber Kommentare, die wahre Shitstorms auslösen und Michael Angele stellte sich die Frage, warum es keine Studie über “Thomas Bernhard als Zeitungsleser”  gibt.

Die sollte man anstellen, also fragt er bei  Peymann und anderen nach, was sie davon halten?

Die Antwort steht später im Text, denn erst gibt es allgemeine Überlegungen über das Zeitungslesen und was wir alles verlieren würden, wenn es die nicht mehr gäbe.

Zum Beispiel das Lesen im Urlaub, da fährt man nach Griechenland, in die Türkei oder wo auch immer und sucht am Kiosk die “Bild”, die “FAZ”, in meinem österreichischen Fall die Kronenzeitung und bekommt, die vom letzten Tag, meist auch zu überhöhten Preisen, merke ich an. Nachrichten von gestern sind längst veraltet, deshalb stirbt die Zeitung wahrscheinlich auch, aber wenn man auf Urlaub ist, ist das ein Gruß der Heimat und man kauft sie trotzdem.

Das erscheint mir bekannt und habe zwar nicht ich, aber der Alfred so getan und Thomas Bernhard, der ja internationaler war, kaufte sich sogar in Japan oder Russland Originalzeitungen, obwohl er die nicht lesen konnte.

Das erzählt dann schon Claus Peymann, der obwohl überarbeitet, Michael Angele einen Gesprächstermin gab und dann einige Stunden von sich selbst erzählte, denn er ist auch ein begnadeter Zeitungsleser.

Die Zeitung wird nur am Wochenende überleben, meint Michael Angele und führt die Zeitungsleser an, die sich die Samstagzeitung kaufen, das sind in Deutschland, die dicken mit den vielen Beilagen, die zerteilen sie dann Samstags, um sie für den Sonntag aufzuheben. Aber da gibt es schon die Sonntagzeitung und man kommt nicht dazu.

Also  ist viel Zeitung ungelesen geblieben, das ist wahrscheinlich genauso, wie bei den Büchern. Es gibt aber auch Sammler beziehungsweise Messies, wie das auch heißen oder in diesen Begriff übergehen kann. Also ganze Wohnungen vollgestopft mit Zeitungsstapeln, so daß man im schlimmsten Fall, weder Tisch noch Bett benützen kann.

Es gibt aber auch die Leser. Michael Angele führt ein paar Beispiele von treuen und weniger treuen an, seine Eltern kaufen beispielsweise regelmäßig eine solche, schimpfen über sie, denken aber trotzdem nicht daran das Abonnent zu kündigen.

Das ist die Lesertreue und jetzt merkt Angele noch an, daß die Redaktionen ihre Leser unterschätzen und ihnen alles in der “Frage zum Tage” zerklären würden, was ihn stört.

Natürlich da gibt es wohl dem Drang zum Mittelmaß und leichten Lesen, damit allle alles verstehen und dann sind einige empört, schimpfen und kündigen trotzdem nicht.

Peter Handke wird noch angeführt, Thomas Bernhards großer Konkurrent, aber ist der nicht Doderer gewesen? Der mag, schrieb er im “Nachmittag eines Schriftstellers” keine Zeitungen, war also kein Zeitungsleser, Claus Peymann zitierte ihm trotzdem immer die guten Kritiken und meinte, sie hätten ihm gefreut.

Ein interessantes Buch und ein sehr liebevolles Plädoyer einer aussterbenden Spezie. Mag sein, denn der Alfred liest seit einiger Zeit den “Standard” auch online und die Wochenendausgaben, die wir  früher Samstag kauften, werden seltener. Früher habe ich mir regelmäßig die Gratiszeitungen mitgenommen und die kostenlosen Probeabos abonniert. Das tue ich auch nicht mehr und wenn sich die Zeitungsstapel ansammeln, muß man sie entsorgen, das geht gar nichts anders, bei den Büchern tue ich das nicht, ganz im Gegenteil.

Trotzdem sind die Kioske immer noch voll von Zeitungen, auch wenn in den Redaktionen, wie ich immer höre gekündigt wird, Zeitungen eingehen und man entweder gar nicht oder online liest, gibt es sie noch und der letzte Zeitungsleser zum Glück oder Gottseidank Utopie und Michael Angele liest ja auch online, hat sogar, glaube ich, ein solches Magazin oder Zeitung herausgegeben und sein Buch habe ich wie schon geschrieben, als PDF auf dem Computer nicht im Reader, der hinter mir am Bücherstapel liegt, gelesen, habe einiges an Literatur und über Thomas Bernhard, beziehungsweise das Wiener und andere Kaffeehäuser, dabei mitbekommen und jetzt kann ich, wenn ich will, mich auf das Klo begeben, wo ja der “Wochenend-Standard”, den wir gestern kauften, liegt, denn den habe ich, ich gestehe es, nur durchgeblättert. Ich hätte also, wenn nicht nur das LL-lesen, das Mittagessen auf der Rudolfshöhe und das nachmittägliche Stumfest  warten würde, noch sehr viel zu lesen.

Kopfzecke

Auf dem ersten Blick findet man bei dem Debut der 1986 geborenen Filmemacherin Iris Blauensteiner zu dem Roman von Simone Hirth, einige Ähnlichkeiten, obwohl es mehr ins Innere geht und die Sprache  poetischer ist.

Es geht aber auch um das Abschiednehmen, das Verlassen des elterlichen Hauses oder Wohnung, das über einem zusammenstürzt und die Erinnerungen, die darin zurückbleiben, bleiben dann unwiderruflich verloren, wenn man sie nicht mehr oder weniger gewaltvoll herauszureßen versucht und am Schluß muß man ein neues Leben beginnen, in einer neuen Wohnung, mit einem neuen Gewerbe oder mit dem Maiglöckchenstock am Fensterbrett, den man einmal der Mutter ins Spital brachte, der wieder zu blühen beginnt.

“Kopfzecke” ist, steht am Buchrücken “ein einfühlsamer Roman über den Abschied einer Tochter von ihrer demenzkranken Mutter” und viele Fragen habe ich natürlich auch.

Ursula Ebel hat die Autorin der “Gesellschaft”, laube ich gefragt, ob sie über das Thema Demenz recherchierte oder es selbst erlebte.

Die Autorin hat ausweichend geantwortet, daß es mehr um eine Mutter-Tochter Beziehung gehen würde und ich habe mir gedacht, daß man das Thema Demenz wohl bei den eigenen Eltern erlebt, ich bei meinem Vater beziehungsweise Schwiegervater und eine Frage, die ich habe, bezieht sich auf das Alter der handelndenden Personen, beziehungsweise um die, wann das Buch jetzt spielt?

Denn bei dem Buch einer gerade Dreißigjährigen, denkt man wohl automatisch an eine etwa gleichaltrige Protagonistin, aber Moni, die ihre Mutter Erika in den Tod begleitet, müßte an die Siebzig sein und die Mutter mindestens neunzig, wenn ihr Bruder in den Krieg gezogen ist, und der Nebenmann, der vielleicht Monis Vater ist oder nicht, ein russischer Besatzungssoldat. Da hätten wir wieder Beziehungen zu Simone Hirths Trümmern oder Trümmerfrauen und was meine Bücher betrifft zum “Haus”, beziehungsweise zur “Anna”

Die Protagonistin ist vom Beruf Cutterin beim Fernsehen vielleicht,  berufstätigt, daß sie bald in Pension gehen wird, wird angedeutet und es gibt Handies, Computer etcetera, also kann die Handlung nicht allzu sehr in der Vergangenheit liegen und dann ist es wieder eine Mischung zwischen etwas schon öfter Gelesenen, das Thema Demenz und Pflege kommen auch kurz vor und das  das wird zienmlich kompetent geschildert wird.

Die Kopfzecke krabbelt am Kopf von Erika, die erlebt darauf einen Schwächeanfall, kommt ins Krankenhaus und muß genäht werden.

“Haben Sie das öfter und in ihrem Alter muß man das ernst nehmen!”, sagt die Ärztin und Moni besucht ihre dementkranke Mutter in ihrer Wohnung, in der sie, wenn ich mich an die “Gesellschaft” erinnere, selber aufgewachsen sist, so kommen die Erinnerungen hoch und die Rollen vermischen sich.

Es gibt auch Pfleger und Pflegerinnen, die von Moni bezahlt werden und einmal geht Moni mit der Mutter auf den Friedhof und schieb den Rollstuhl dann an die Stelle, wo das Haus stand, in der die Mutter mit ihrer Schwester Ilse und ihrem Bruder aufgewachsen ist.

Mit Hand von Fotos will sie der Mutter die Erinnerungen entreißen, aber wenn die nicht will, stellt sie sich dement. Sie erleidet dann auch eine Panikattacke, es kommt zu einem Sturz und die Mutter muß ins Krankenhaus,  muß operiert werden, was sie aber nicht will.

Moni unterschreibt für die Mutter die Risiken und am Ende ruft der Pfleger an und keucht “Rasch zurückrufen”

Er hat die Mutter tot in ihrer Wohnung gefunden. Moni muß alles zur Beerdigung richten und die Erinnerungen, die sie nicht bergen konnte, zurücklassen.

Aber doch, es gibt Platten mit Zarah Leanders rollenden “r” und alte Kinokarten vom wahrscheinlich Bellaria Kino von dem ich, glaube ich vor kurzem auch in einem der LL Bücher gelesen habe.

Dahin ist die Mutter schon als Pensionistin zwei drei mal in der Woche gegangen. Moni trägt die Partenzettel hin und weiß nicht recht, ob sie willkommen sind?

Die Kassiererin legt sie auch in eine Schublade, denn das Leben geht weiter, die alten Herr- und Frauschaften schauen sich weiter mehrmals in der Woche die alten Moser und Leander Filme an, bis sie dann auf einmal still wegbleiben und keiner wagt zu fragen.

Moni, beziehungsweise Iris Blauensteiner haben es versucht und wenn ihre Mutter oder die Mutter einer Gleichaltrigen sterben wird,  werden es wahrscheinlich keine Bellarai Kino Karten und Kriegserinnerungen sein, die zurückbleiben, obwohl meine Tochter wurde 1984 geboren und im Bellaria Kiono bin ich als Studentin öfter gewesen und von meinem Vater gibt es ein Album mit Fotos aus seiner Wehrmachtszeit.