Im Brand der Welten: Ivo Andric. Ein europäisches Leben

Nun kommt das erste Sachbuch der zum “Leipziger Buchpreis” nominierten Bücher, das ich mir, obwohl ich wußte, daß “Zsolnay” mir ein PFD schicken wird, die ich ja nicht so gerne lese, doch nicht zu bestellen verkneifen konnte, nachdem mir “Rowohlt” auch “Middlemarch” als E-Book schickte, denn Ivo Andric, der Nobelpreisträger von 1961, von dem ich, wenn mir mein Bibliothekskatalog nichts unterschlägt, zwar “Wesire und Konsuln” , aber nicht die berühmte “Brücke über die Drina” in meinen Regalen habe, interessiert mich eigentlich sehr.

Der 1973 in Hamburg geborene Journalist Michael Martens hat das Buch geschrieben, das vorigen Herbst erschienen ist und er geht es sehr genau mit einem Kapitel über die Geschichte Bosniens an, in dem zu der Zeit wo Ivo Andric 1892 geboren wurde, noch der Aberglaube herrschte und die Bewohner, Moslems, Katholiken, Ortohodoxe, Juden, alles durcheinander gemischt, oft noch Analphabeten waren.

Ivo Andrick, dessen Vater früh gestorben ist und über den man munkelt, daß er der Sohn eines katholischen Priesters ist, weil seine Mutter diesen den Haushalt führte, wuchs bei Verwandten seines Vaters auf, weil die Mutter ihn nicht ernähren konnte und hatte das Glück, daß es in Sarajevo, ein Gymnasium gab, weil er sonst nach Wien reisen hätte müßen, in das er erst  nach seiner Matura kam, um kurz dort zu studieren, er studierte auch kurz in Krakau, die Ermordung des österreichischen Thornfolgers 1914 ließ ihn aber  zurückkehren, denn er war ja in seiner Jugend ein Revolutionär, hat als Gymnasiast auch ein solches Gedicht geschrieben, ist mit jenen Gavrilo Prinzip in das selbe Gymnasium gegangen und war mit einem anderen Anfhrer des Attentates auch befreundet.

Am Tag des Attentates saß er in Krakau im Theater, verließ dieses fluchtartig und reiste zuerst nach Wien zurück, später begab er sich in den Sommerurlaub nach Split, wurde dort aber verhaftet und wurde erst 1916 von Kaiser Karl amnestiert.

Nach 1918 hat sich dann der erste jugoslawische Staat gegründet, mit dem die Kroaten  unzufrieden waren und Ivo Andric, der von Michael Martens durchaus widersprüchlich, ja sogar unsympathisch gezeichnet wird, entpuppt sich als glühender Jugoslawe.

1919 erscheint Andric erstes Buch, an das er sich später gar nicht gern erinnert, er übersiedelt nach Belgrad und wird dort, obwohl er Atheist ist, Sekretär im Religionsminiterium, ein ehemaliger Lehrer, inzwischen Religionsminister, hat ihm das vermittelt. Andric, der fürchtet als Schriftsteller, seine Tante und seine Mutter nicht unterstützen zu können, will aber in den diplomatischen Dienst.

Er will zuerst nach Amerika, wechselt dann aber schnell die europäischen Botschaften, kommt nach Rom, Bukarest, Triest, Spanien und Graz, dort studiert er fertig und schreibt seine Doktorarbeit, fühlt sich oft krank, er hat die Tuberkolose, ist mit den Städten in denen er arbeitet oft unzufrieden, so nennt er Genf, wo er drei Jahre für den Völkerbund arbeitet, eine häßliche Stadt, was ich, die ich ja vor zwei Jahren dort war, eigentlich nicht bestätigen kann. Sein literarisches Werk  nimmt zu, obwohl er wegen seines diplomatischen Dienstes oft länger nicht zum Schreiben kommt.

Als seine literarischen Vorbilder zählen Thomas Mann und Goethe und am PEN-Kongreß von 1933 in Dubrovnik, dem berühmten, um Hitler zu verhindern, nimmt er auch teil.

1939 wird er Gedandter des Königreichs Jugoslawien in Berlin, es gibt es Foto von ihm bei seinem Antrittsbesuch in Berlin, in seiner Paradeuniform, er soll verhindern, daß es zu einem Krieg kommt, was aber durch den Putsch in Belgrad verhindert wird. 1941 greift Deutschland Jugoslawien an, die Botschaft wird ausgewiesen und Andric kehrt nach Belgrad zurück.

Dort in dem von den Deutschen besetzten Land, wo die Gewalt,  die Gehenkten oder die in die Flüße geworfenen Leichen von beiden Seiten passieren, zieht sich Andic in ein Untermietzimmer zurück und schreibt seine drei Großen Romane.

“Die Brücke über die Drina”, “Wesire und Konsuln”, wo es um inen nach Bosnien versetzen französischen Diplomaten geht, der sich mit den Türken auseinandersetzen muß und das “Fräulein- eine Studie über denGeiz”, die alle drei 1945 bei verschiedenen Verlagen erscheinen.

Andric wird Präsident des kommunistischen Schriftstellerverbandes und er, der einst Gedsandter des Königs war, Kommunst, reist als Genosse Ivo durch das Land, läßt sich vor einem Flugzeug fotografieren und hält erste Mai Reden an Tito und Stalin.

Auch da soll er sich vornehm oder diplomatisch zurückgehalten haben, heißt es in dem Buch, nie das gesagt, was er wirklich dachte, sich weder für die verfolgten Schriftsteller eingesetzt noch sie denunziert haben, weil er, wie es einer seiner Verteidiger nannte “nur schreiben und leben wollte.”

1958, mit sechsundsechzig Jahren, heiratet er seine langjährige Geliebte Milica Babic und 1961 ist es dann, der schon einige Male dafür nominiert war, soweit, daß ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Tito gratuliert und Andric, der, obwohl ja langjähriger Diplomat, Interviews haßt, setzt es durch in Stockholm keine Pressekonferenz geben zu müssen und erkundigt sich bei seiner Übersetzerin wieviel Abendkleider seine Frau für die Verleihung braucht?

Andric kauft sich ein Haus an der Adria, kehrt nach dem Tod seiner Frau nach Belgrad zurück, hat Probleme mit dem Altern und Angst blind zu werden.

Am 13. März 1975, also vor genau fünfundvierzig Jahren stirbt er, sechzehn Jahre später zerfällt Jugoslawien und der Balkankrieg beginnt. Andric oder seine “Brücke” wird zum Spielball der Nationen, auf der einen Seite geehrt, auf der anderen wird eine Straße mit seinen Namen umbenannt und seine Büste zerstört. Er ist aber trotzdem wahrscheinlich ein wichtiger Literat gewesen und seine Bücher sicher Wert gelesen zu werden. Hoffentlich komme ich bald dazu.

Ins Erzählen flüchten

Jetzt kommt wieder etwas Schreibtechnisches, beziehungsweise drei Poetikvorlesungen, die der 1976 in der Schweiz geborene und in München lebenden Jonas Lüscher der 2013 mit seiner Novelle “Frühling der Barbaren” und 2017 mit “Kraft” auf der dBp-Liste stand, die er 2019 in St. Gallen in einem Literaturraum  und nicht an der Hochschule gehalten hat, so daß, wie er betont, das Publikum eher aus interessierten Lesern, als aus Literaturstudenten bestand, so daß er sich bemühte, was sicher sehr zu empfehlen ist, seine Vorträge verständlich zu gestalten und beginnt den Titel “Ins Erzählen flüchten” damit zu erklären, daß für ihn das Schreiben, wie ja auch für mich,  eine Lebenshaltung ist und das Schreiben, würde ich ihn verstehen, ein wichtiges Regulativ, um den Alltag zu bewältigen, die Probleme zu lösen, die Phantasien auszulösen….

Jonas Lüscher hat, glaube ich, Philosophie studiert und dann, als er mit seiner Novelle gleich sehr erfolgreich wurde, das Studium aufgegeben und sich fortan dem Narrativen gewidmet.

Bei mir ist das ja aus- und der Brotberuf wichtig geblieben, Hobbyautorin würde ich trotz einer Bemerkung der Anna vor vielen Jahren und eines Instistieren meines Freundes Uli nicht nennen, die Lebensform stimmt schon besser und das Narrative ist ja auch meines.

Da gibt es ja immer noch  große Diskussionen, ob jetzt das oder das Experimentelle wichtiger ist, oder ob man überhaupt erzählen darf  und nicht schon alles auserzählt ist, wie man man in der ersten Vorlesung, die sich “Quantitative Blendung und narrative Beliebigkeit”, also auch nicht unbedingt sehr verständlich oder “Eine Beziehungsgeschichte” nennt, nachlesen kann, denn C.H. Beck hat die drei Vorlesungen in einem dünnen hundert Seiten Bändchen herausgebracht.

Dann gehts hinein in die literatischen Fluchtgeschichten und da landen wir natürlich bei Homer und der “Odyssee”.

An Hand eines Werks von Paul Feyerabend, den er für seinen Lieblingsphilosophen hält, geht es durch die Geschichte bis hinauf in die Gegenwart und hier unterscheidet Jonas Lüscher das Narrative oder das Leben vom Wissenschaftlichen, Philosophischen, Mathematischen, etcetera.

In der nächsten Vorlesung geht es zum Biographischen und wieder grenzt sich Lüscher vom bloß Messbaren ab, im Vietnamkrieg hat man zum Beispiel die Zahl der Toten gemessen, um daraus eine Theorie des möglichen Erfolgs zu bekommen, wenn man aber nicht über die inneren Beweggründe Bescheid weiß, wird man sich irren.

Und “Google” oder “Amazon” verlegen sich ja auch aufs Messen, hat man einen E-Book Reader bekommen sie die Daten, wann der Leser das Buch abgebrochen oder was er unterstrichen hat und dann melden sich die Verlage beim Autor und mahnen “Schreiben Sie spannender!”

Deshalb hat Lüscher auch einen Widerstand gegen das allzu Voraussagbare entwickelt und geht beim Schreiben auf Distanz, als Beispiele dazu führt er dieHelden in seiner Novelle und seinem Roman an, das sind sehr unzuverläßige Erzähler und der Leser kann sich nicht auf sie verlassen und muß sich selbst sein Bild machen, füge ich hinzu und dann geht Lüscher wieder in seine Biografie.

Er ist in einem kleinen Schweizer Dorf aufgewachsen, das später durch seine Fremdenfeindlichkeit brillierte, die Eltern gaben den Söhnen keinen Fernseher, sondern schickten sie in die Bücherei, das tat der Zehnjährige, als er seine Ferien in Bern, wohin die Familie gezogen war und er noch keine Freunde hatte.

Dann kam er zum Film und das Theater, zog nach München und arbeitete, als Dramaturg beim Film, als ihm, die dort ausgewählten Filme zu voraussehbar waren, verlegte er sich aufs eigene Schreiben und kellnerte am Abend. Die damals entstandenen Romane blieben unveröffentlicht, so begann er Philosophie zu studieren, entdeckte vorerst da seine Leidenschaft und entwickelte, den Glauben damit das non plus ultra, wie einen Trichter in den man die Weisheit hineinfüllen kann, gefunden zu haben.

Das, das auch nicht so klappte, hat er schon in seiner Einleitung geschrieben, hat er  ja die Doktorarbeit aufgebenen und gleich eine Longlistnovelle geschrieben.

Die dritte Vorlesung heißt “Vom Schreiben engagierter Literatur zum engagierten Schriftsteller” und ist ein wenig kryptisch, das heißt, mir ist nicht so ganz klar geworden, was Lüscher damit meint, der mit, was er in seinem Vorwort andeutet, mit einer Zusammenfassung der esten beiden Vorträge beginnt.

Dann führt er zwei Arten des Schreibens an, die von Friederike Mayröcker, die sich  immer sehr energisch äußert und betont, daß sie nichts von Erzählen hält, weil ja alles alles nur Sprache ist und das andere, wie sie, glaube ich, meint, nichts wert ist.

Eine Haltung, die vor allem in Österreich sehr verbreitet ist, Jonas Lüscher stellt sich mit seinem Plädoyer dagegen zu stellen und sein Gegenbeispiel ist eine engagierte Journalistin.

Dann kommt er zu einem Gleichnis, das ich nicht ganz verstanden habe, denn, das Friederike Mayröcker nichts vom Erzählen hält, kann ich akzeptieren, obwohl ich ja anderer Meinung bin und das auch betreibe, Lüscher zitiert aber ein buch von Isaiah und besteht darauf ein “Fuchs” zu sein.

Wie geschrieben, was das bedeutet, habe ich nicht so ganz herausbekommen, wahrscheinlich ist es aber der wache forschende Geist im Gegensatz zum beharrlich alles umfassendes und da sind wir schon bei der engagierten politischen Literatur, die ja immer als ein wenig anrüchig gilt. Lüscher meint da, wir müssen uns von den Begriffen der “Heden” und der “Ehre” trennen und nennt da, als Beispiel, daß heute warhscheinlich keiner mehr einen Roman über “gefalleneMädchen” aber dafür einen über “alleinerziehende Mütter”, schreiben. Was ja eigentlich das selbe ist, der Schwerpunkt der Schilderung, wird aber ein anderer sein und was die”Helden” betrifft, die Lüscher abschaffen will, obwohl er ja sehr für das Narrative ist, da würde ich ihn nach der “Heldenreise” fragen, nach der ja angeblich jeder spannende Roman konzipiert sein sollte, aber ich weiß auch, das gilt vielleicht nicht für so ganz professionell und zählt eher zur Genre- oder zur Hobbyliteratur.

Am Schluß führt er noch ein, mir wieder nicht ganz verständliches Beispiel an, nämlich, ob sich ein autor lieber politisch engagieren, also zu einer Demo aufrufen, beispielsweise oder lieber darüber schreiben sollte?

Lüscher, der narrative, ist wohl dafür, sich, wenn auch sehr engagiert, dorthin zu flüchten und führt das mit einer Textseite an, bei der ich mir mit dem Verständnis schwer getan habe, obwohl sie schön geschrieben war und wohl ein Versuch des Autors war, seinem Volkshochschulpublikum, die Literatur nahezubringen und ich habe ein interesantes Buch gelesen, über das man sicher nachdenken kann und das Interessante war dabei, daß ich es zum Teil in der Badewanne gelesen habe, wo auch ein bißchen Wasser darüber schwappte, so daß ich es trocknen mußte und es jetzt sehr zerlesen ist, als auch bei dem “Hörspielfestival” in der”Alten Schmiede,” wo ja auch eher Experimentelles und nicht sehr Narratives geboten wurde, weil das ja in Wien immer noch als  “besser” gilt.

Interessant wäre aber sicher auch Jonas Lüscher einmal zu einer Vorlesung oder einer Klasse in die “Schule für Dichtung” oder in den “Lehrgang für Sprachkunst” beispielsweise über die “Kunst des Erzählens einzuladen. Aber vielleicht war er schon dort und ich habe es nur nicht mitbekommen.

Feenstaub

Als ich das erste Mal von Cornelia Travniceks neuen Roman “Feenstaub” gehört habe, dachte ich, die 1987 in St. Pölten geborene und in Traismauer aufgewachsene von der ich das erste Mal etwas bei den “Exil-Preisen” gehört habe, hätte ein Fantasy geschrieben.

Im Trailer in dem sie geheimnivoll an einem See spazierengeht, erklärt sie etwas von einem modernen Märchen das dem Peter Pan-Mythos nachempfunden sein könnte.

Peter Pan, da muß ich passen, denn das habe ich, glaube ich, nicht oder nur ungenau gelesen, weiß jedenfalls etwas von einem Jungen mit einem grünen Gewand, der nicht erwachsen werden will, einem Kapitän mit nur einer Hand wenn ich mich nicht irre, einem Papagei und einer Wendy oder Gwendolyn.

Ungenau, ich weiß, denn ich bin ja längst erwachsen und gebe das wieder was bei mir hängen geblieben ist und Disney ist da wahrscheinlich an mir vorbeigegangen.

Dann lese ich das Buch, das im März erscheint, aber schon etwa ein Monat in meinem Badezimmer liegt, lese es zwischen “Middlemarch” immer dann wenn ich im Bus oder bei einer Literaturveranstaltung sitze, denn ich habe meine PDFs ja im Laptop und den habe ich dann nicht mit und staune, daß der Roman aus sehr kurzen Sequenzen, die manchmal aus nicht mehr, als einen einzigen Satz bestehen und die sehr poetisch sind.

Ich habe von Cornelia Travnicek  sehr viel, ja fast alles gelesen, von “Die Asche meiner Schwester” über “Fütter mich” angefangen, “Chucks” natürlich und “Junge Hunde” von denen sie in Klagenfurt einen Ausschnitt präsentierte, ihren Gedichtband und sicher noch einiges anderes und bin erstaunt, denn für so politisch aktuell hätte ich die junge Niederösterreicherin, die PEN-Mitglied ist, eigentlich nicht gehalten und denke, daß es ihr  hervorragend gelungen ist, die aktuelle Situation, das was man in den Videos der Patrioten und der FPÖ täglich hören und sehen kann, auf so poetische Art zu verpacken.

Denn man kann das, was Cornelia Travnicek  in ihrem Trailer erzählt, auch ganz anders lesen.

Da sind drei Jungen, Petru, Magare, Cheta, die eigentlich ganz anders heißen oder anders genannt werden, die auf einer Insel leben und zum Taschendiebstahl in die Stadt ausgeschickt werden.

Das mit dem Nichterwachsenenwerden kann man sich so interpretieren, daß Taschendiebe ja klein und geschickt sein müßen und deshalb nicht erwachsen werden dürfen und damit sie ihr Leben aushalten, nehmen sie Feenstaub und glauben, daß sie damit fliegen können.

Man könnte Drogen auch ganz anders nennen und sie haben wahrscheinlich auch andere Namen.

Die Kinder oder sind es schon junge Männer, können zum Teil nicht lesen und sind von ihren Familien verkauft worden, damit sie, wie beispielsweise Petru, der Ich-Erzähler, Geld nach Hause für die Medikamente der erkrankten Großmutter, die natürlich schon längst gestorben ist, schicken können.

Das alles kennt man oder hat es in den Zeitungen gelesen oder im Fernsehen gesehen, daß es so passiert oder passieren kann und dann stiehlt Petru einmal ein Etui eines Mädchens, namens Marja, in das er sich verliebt. Sie hat eine Mutter namens Gewendolyn, das ist, glaube ich, die Fee in “Peter Pan” und einen Vater namens Georg.

Und der Krakadzil, ist der, dem die jungen Burschen ihre Beute ausliefern müßen und einen anderen Jungen namens Luc oder Luca soll Petru in das Gewerbe einschulen.

Der will aber zu seinem Bruder, so gibt Petru ihm das Geld und ein anderer Junge hat sich längst eine Pistole verschafft, um dem Ganzen zu entkommen.

Es kommt, wie es kommen muß oder nicht.

“Wo wir sind ist das Niemandsland.

Hier vergeht die Zeit langsamer, oder überall schneller, je nachdem wie man es sieht.

Es heißt alle Kinder verlassen eines Tages das Niemandsland. Ich habe nur nicht gewußt, dass sie das in Handschellen tun.”, schreibt Cornelia Travnicek lapidarisch.

Das heißt nach der Notwehr kommt die Polizei und der Anwalt. Es kommen auch Marja und Gwendolyn, die sich dafür entschuldigt, daß sie den Jungen leider leider nicht bei sich behalten kann.

Das heißt, er wird abgeschoben, kann aber dort, wo er hinkommt, eine Schule besuchen und einen Beruf lernen. Eine Telefonnummer von Marja hat sie ihm auch noch schnell zugesteckt, bevor er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug besteigt und nun wirklich zu fliegen beginnt.

Ich würde sagen das beste und eindrucksvollste Buch von Cornelia Travnicek, das ich bis jetzt gelesen habe, das demnächst erscheint oder schon erschienen ist.

Cornelia Travnicek hätte auch auf der Leipziger-Buchmesse mehrmals lesen sollen und steht im März mit ihrem Buch auf Platz zehn der Ö1-Bestenliste.

Middlemarch

Nun kommt wieder ein Buch das für den “Leipziger Buchpreis” nominiert wurde, George Eliots “Middlemarch”, die eigentlich Mary Anne Evans hieß und von 1819-1880 in England lebte, also vor kurzem ihren zweihundersten Geburtstag feierte, weshalb es das Buch auch in zwei deutschen Ausgaben, eine von “dtv”, eine von “Rowohlt” herausgegeben gibt, die von “Rowohlt” steht auf der Nominierungsliste und wurde von Melanie Walz übersetzt.

In England gilt George Eliot, neben Jane Austen wahrscheinlich, als die Klassikerin und das Buch wurde, glaube ich, auch vor kurzem zum “Buch des Jahres” oder so gewählt.

Ich habe, glaube ich, in der Schule von George Eliot im Englischunterricht gehört, aber bisher noch nichts oder nicht viel von ihr gelesen.

“Daniel Deronda” habe ich auf meiner Leseliste und in meinen Regalen und jetzt habe ich mich eineinhalb Wochen durch das über tausend Seiten lange Werk gewühlt. Ich habe die E-Book-Ausgabe gelesen, die fast zweitausenzweihundert Seiten hat, also ein sehr dicker Wälzer, wo ich mir wieder die Frage stellen kann, wieviele Leser jetzt nach den Neuübersetzungen greifen und sich durch das englische Kleinstadtleben von 1830 wühlen werden? Nicht sehr viele, glaube ich, obwohl es zu empfehlen wäre, denn diese Mariy Anne Evans war wohl eine sehr emanzipierte Frau, die unverheiratet mit einem verheirateten Mann zusammenlebte oder zumindest mit ihm liiert war, die journalistisch und übersetzerisch tätig war, von Emily Dickinson und Virginia  Woolf sehr gelobt wurde und sich unverhohlen gegen die Unterdrückung der Frau einsetzt und das auf eine sehr ironische Art und Weise tut.

“Middlemarch – eine Studie über das Leben in der Provinz” heißt das Buch, das aus acht Teilen besteht und, glaube ich, zuerst als Fortsetzungsroman gedacht war.

Die Hauptprotgonistin ist eine Dorothea, die mit ihrer Schwester Celia bei ihrem Onkel Mister Brooke lebt, der auch ihr Vormund ist. Das Buch beginnt, daß Dorothea den Schmuck der Familie betrachtet, den sie, weil fromm und ernsthaft, nie tragen wird und dann an ihre etwas leichtlebendigere Schwester verteilt. Dann verheiratet sie sich, vielleicht etwas unverständlich, würde ich sagen, an einen wesentlich älteren Gelehrten, einen Pfarrer, der jahrelang an einem Werk arbeitete, das er nie vollenden kann. Er stirbt und hinterläßt ein Testament, das beinhaltet, das Dorothea ihr Erbe verliert, wenn sie seinen Cousin Will heiratet, den sie auf der Hochzeitsreise in Rom kennenlernte und sich in ihn verliebte, worauf der knöcherne Ehemann eifersüchtig wurde.

So könnte man es etwas flapsig zusammenfassen. Dorothea schwört sie nie zu verheiraten und trägt, sie ist zu diesemZeitpunkt, glaube ich, einundzwanzig, für eine Zeit die Witwenhaube, wie das damals üblich war, dann vertauscht sie sich mit einer etwas leichteren und interessiert sich sehr dafür, wie sie Gutes tun, ihren Besitz verwalten und sich, wie  damals üblich für die Armen einsetzen kann?

Celia hat inzwischen einen Sir James geheiratet und den kleinen Arthur geboren. Es gibt mehrerer Pfarrer, die wohl damals die Provinz dominierten, den Arzt Dr Lydgate, der aus Paris kommt, vieles verändern und reformieren will, die Kapitel über die Medizin scheinen mir auch sehr modern geschrieben oder übersetzt, wird von der Rückständigkeit der Menschen in der Provinz gehindert, hat es schwer eine Praxis aufzubauen und verschuldet sich sehr schnell, weil er die schöne Rosamond, die Tochter des Bürgermeisters Vincy heheiratet hat, die sehr oberflächig und sehr anspruchsvoll ist, beim Reiten ihr Kind verliert und auch mit Will flirtet oder ihm ihre Liebe gesteht, die er aber, weil in Dorothea verliebt, standhaft vefrweigert.

Ihr Bruder Fred, der eigentlich Pfarrer werden soll, ist auch ein Leichtfuß und verschuldet, wird  vom Vater gezwungen fertig zu studieren, aber die Verwalterstochter Mary auch eine der sehr energischen Frauen in dem Buch, in die er verliebt ist, will das nicht, so steigt er in die Fußstapfen ihres Vaters und alles wird nach den schon erwähnten tausend bis zweitausend Seiten gut, denn Dorothea bricht die Konventionen, heiratet ihren Will, verzichtet auf Besitz und Erbe und noch ein paar andere Personen, wie einen korrupten Banker, der erpresst wird und ein Familiengeheimnis, um Will gibt es auch.

Ein interessantes Buch, das mich manchmal wieder ein bißchen an die Courths-Mahler, die ich ja früher viel gelesen habe, erinnert, aber die Stellung der Frau und, die Art wie George Eliot oder ihre Übersetzerin darüber schreibt, ist auch sehr spannend.

“Ich frage mich, ob irgendein Mädchen auf der Welt seinen Vater für den besten Mann der Welt halten kann”, fragt Mary Garth beispielsweise ihren Vater, als er ihr eröffnet, daß sie vielleicht doch bald ihren Fred heiraten kann.

“Unfug deinen Ehemann wirst du für besser halten!”, antwortet der darauf.

“Niemals”, sagte Mary, die in ihren gewohnten Ton zurückfiel. “Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muß!”

Sehr fortschrittlich für das frühe neunzehnte Jahrhundert, in dem gerade die Eisenbahnen gebaut werden und es daher vorkommt, daß die Bauern, Arbeiter, die gekommen sind das zu tun, zusammenschlagen, weil sie um ihre Zukunft fürchten.

Auch sehr aktuell und könnte an die gegenwärtigen Zustände und Aufstände erinnern, so daß das Lesen allen, die sich die tausend bis zweitausend Seiten zurtrauen, sehr zu empfeheln ist.

Man brauchte wahrscheinlich einige Zeit dazu, bekommt aber auch einen ausführlichen Anhang, der Übersetzerin dazu mit, die in das Leben und in die Rezeption einführt.

Motti gibt es zu den siebenundachtzig Kapitel, der acht Teile jeweils auch und Fußnoten, die einen auch noch weiter in das frühe achtzehnte Jahrhundert und in die englische Gesellschaft einführen können, wenn die bei einem E-Book nur nicht so schwer zu lesen wären.

Jetzt kann ich mich an eine andere <neuerscheinung, nämlich an Cornelia Travniceks “Feenstaub” machen und der Übersetzerin alles Gute für den “Preis der Leipziger Buchmesse” wünschen und hoffen, daß ich demnächst dorthin fahren werde, was ja wegen der Corona-Hysterie die momentan herrscht, nicht so selbstverständlich ist.

luna luna

Nun kommt das erste Belletristik Buch das heuer für den “Leipziger Buchpreis” nominiert ist. Das ich mich für den, beziehungsweise dessen Bücher bisher nicht sonderlich interessierte, aber schon einige gelesen habe, habe ich schon geschrieben, aber das Interessante am “Leipziger Buchpreis” ist vielleicht, daß da Bücher nominiert werden, die in Frankfurt keine Chance haben.

So hat doch 2015 Jan Wagner mit einem Lyrikband gewonnen, ob das heuer der 1984 in Überlingen geborenen Maren Kames mit ihrem Langgedicht “luna luna” ebenso geht, weiß derzeit wahrscheinlich nicht mal die Jury, die Konkurrenz zu Lutz Seiler, Ingo Schulze, den großen Romanciers und Leif Randt bzw Verena Günter ist aber wahrscheinlich groß und ich muß sagen, ein sehr schönes Buch aus dem kleinen “secession-Verlag”, das wahrscheinlich sonst an mir vorbei gegangen wäre, das auch locker für den “Preis der schönsten Bücher” nominiert werden könnte.

Denn ein schwarzer Leinenband, silbrig steht “maren kames luna luna” am Cover. Dann kommen rosa Zwischenseiten mit dem Klappentext zur Tetbeschreibung: “Luna Luna ist ein dunkler Text. Rasant, rasend und atemlos spricht er von tief innen aus dem weit offnen Gaumenraum heraus. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, um eine Gans aus Pappmache und den Bären, den sich eine aufbindet, um sich gegen den Wind zu schützen”  und den biografischen Angaben und dann weiß auf schwarz gedruckt in konsequenter Kleinschrift in drei oder vielleicht noch mehr Teilen, das Langgedicht, das zumindestens bei mir mehr einen optischen Eindruck machte, als daß ich wirklich verstanden hätte, um was es hier geht.

Aber das ist wohl bei den Gedichten überhaupt und bei den experimentellen Texten im speziellen so.

Die drei Teile haben die Titel:

“1 scheiße und einskatz” 2 krieg (wieso) 3 liebe (wieso)

und dann kann man Zeilen lesen, wie

“habe mir einen bären aufgebunden, am rücken, gegen den wind, aber es kommt keiner (kein wind° und niemand) und liebt mich” im ersten Teil.

Eine Gans aus Pappmache und der bewußte Bär tauchen, wie im Klappentext auf und immer wieder eine Mathilda. Es gibt immer wieder eingestreute graphische Seiten, Fußnoten und einen Soundtrack gibt es am Schluß auch.

Immer wieder englische Texte, auch ein bißchen was auf japanisch.

Im zweiten Teil wird Schillers “Ode an die Freude zitiert:

“seid umschlungen, millionen

diesem kuß der ganzen welt

brüder überm sternenzelt

muß ein lieber vater wohnen”

“sind das prognosen oder gebete” schreibt wohl Mares Kames dazu.

Helene Fischers “atemlos durch die Nacht in der Inszensierung von Christoph Marthaler, auf der Volksbühne Berlin, 2014 folgt erst später.

Gereimt wird manchmal auch ein bißchen:

“die band packt ein, es regnet hämmer, es regnet nägel,

und es stimmt, es ist zeit

für all die waisen, all die züge, die entgleisen”

Am Schluß gibts den schon erwähnten Soundtrack und eine Danksagung “Für meine Mama, unsere katzen und Clowns (=Opa, Oma, Opa u. Oma). und bezüglich Maren Kames kann ich noch erwähnen, daß sie 2014 beim Literaturkurs in Klagenfurt war und außer ihren “Hypnotischen Nachtgesang”, wie deutschlandfunkkultur.de, das Langgedicht nennt, auch noch “halb taube halb pfau”, 2016 ebenfalls bei “Sesession” veröffentlicht hat.

Bei “Amazon” gibt es derzeit zwei Einträge. Eine mit fünf Sternen bewertete, während ein anderer “Schade ums Geld” geschrieben hat. Dem kann ich nicht zustimmen, denn es ist ein sehr schönes, sehr poetisches Bändchen, für mich eine Entdeckung. Mal sehen, wie es Maren Kames in Leipzig geht? Ich wünsche ihr jedenfalls viel Erfolg!

Zwei Mütter sind eine zuviel

Jetzt kommt der neue Roman, der in Vorarlberg geborenen, in Wien und in Nürnberg lebenden Margit Heumann, die ich, glaube ich, durch Thomas Wollingers “Texthobel-Schreibwerkstadt” kennengelernt habe, sie öfter bei Veranstaltungen sehe und, die mir auch ihre Bücher zum Lesen gibt.

Das Jugendbuch, so würde ich es einordnen, ist schon 2017 erschienen, aber irgendwie neu herausgekommen, auf jedenfall stellt Margit Heumann  es demnächst auf einer Lesung vor und es behandelt ein sehr wichtiges Thema, nämlich das der Adoption, mit all ihren Schwierigkeiten, wenn man plötzlich daraufkommt, daß man zwei Mütter hat oder, daß die Mutter, die man hat, nicht die richtige echte ist oder sich die echte plötzlich meldet oder einem die falsche im Zorn oder in Krisenzeiten zurückgeben will,  beziehungsweise das Adoptivkind vielleicht verhaltensauffällig und schwierig ist, etcetera.

Ein Thema, das die Psychologin natürlich sehr interessiert und wahrscheinlich sehr viel jugendliche und andere Leser auch und Margit Heumann bettet es sehr gekonnt in eine Familiegeschichte ein, die  mit einer sehr adjektivreichen Sprache erzählt wird, beziehungsweise sich mit dieser langsam und allmählich, die Handlung entblättert.

Denn zuerst kommt einmal ein Interview mit Adoptivmüttern, das ich eher an das Ende des Buches gestellt hätte, dann fliegen wir mit Juna nach San Francisco. Die ist Flugbegleiterin und hat einen alleinfliegenden Jungen zu betreuen, den sie dort seiner Mutter zu übergeben hat und man merkt schon, da stimmt etwas nicht, Juna hat Probleme und ist unaufmerksam und im nächsten Kapitel lernen wir ihre Tochter Danica kennen, die mit einem Pferd Turnier reiten soll, Margit Heumann ist Pferdeexpertin, merke ich an und die Schwierigkeiten mit ihrer Mutter hat und mit ihr nicht skypen oder telfonieren will.

Nach und nach gleiten wir hinein in das Geschehen und ich habe jetzt erst mitbekommen, daß Danica, die Adoptivtochter, erst sechzehn ist und mit ihrem jüngeren Bruder, dem leiblichen Kinder von Juna und Hennig auf einem Ponyhof lebt, der dem Vater gehört und die echte  oder Biomutter, wie sie sich oder Margit Heumann sie nennt, Emilija aus dem Kosovo hat Briefe an die Tochter geschrieben.

Jedes Jahr einen zum Geburtstag, die vor ein paar Wochen in Deutschland wo das Ganze spielt, angekommen sind.

Hennig und Juna haben sie Danica erst nach ein paar Wochen übergeben und jetzt ist die stinksauer auf Juna, die sich auch Vorwürfe macht und die Tochter mit ihren Emotionen bedrängt, während der Vater etwas besonnener ist und “Warten wir mal ab!”, rät.

Nach und nach immer von den Briefen unterbrochen, dringen wir ein in die Geschichte, erfahren vom Anruf, der Klinik oder des Sozialpädagogen vom Jugendamt, nachdem der bürokratische Aufwand erledigt ist: “Wir haben ein Kind für Sie!”, das das zwanzigjährige Zimmermädchen Emilija Petrovic, das sich ziemlich unerfahren mit einem Gast vergnügte und dann schwanger wurde, zur Adoption freigegeben hat und dann wieder in den Kosovo zurückkehrt.

Juna und Henning waren sehr aufgeklärte Adoptiveltern, haben Danica die Adoption nie verheimlicht. Das zweite leibliche Kind ist dann, wie das so üblich sein soll, erstaunlich schnell nachgekommen, Danica war auch entsprechend eifersüchtig auf den jüngeren Bruder.

Jetzt umsorgt sie ihn liebevoll und lernt mit ihm Englisch. Es gibt auch einen Großvater, der im Rollstuhl sitzt und eine beste Freundin, den ersten Rausch, die Wut auf die Mutter, eine mütterliche Putzfrau und als wir beim letzten Brief angekommen sind, wo die leibliche oder erste Mutter, die wieder als Flüchtling nach Deutschland zurückgekommen ist, schon ungeduldig drängt, daß Danica sich melden soll, haben sich die Wogen geglättet, das Tunier ist herangekommen, eine Katze ist vorher auch noch verschwunden und glücklich wieder aufgetaucht, Danica ist Juna nicht mehr böse und am Ende taucht, die Großmutter mit einem Onkel auf, schließt Danica in ihrer Arme und, daß Emilija schon verstorben ist und die Großmutter die Briefe nach Deutschland schickte, woher sie die Adresse hatte, wurde mir nicht ganz klar, nachdem das Jugendamt keine Informationen herausrückte und sich Danica, obwohl man das in Deutschland und vielleicht auch in Österreich, ab vierzehn machen, kann auch nie fragend dorthin wandte, ist irgendwie ein Wermuthstropfen der Geschichte, vielleicht auch der Kniff Margit Heumanns, um weiteren Komplikationen, die ja schon der Titel verspricht, zu entgehen.

Es ist aber sicher sowohl spannend, als auch wichtig und lehrreich, sich mit dem Thema Adoption auseinanderzusetzen, so daß ich das Buch allen jüngeren und auch älteren Lesern nur empfehlen kann.

Metropol

Der neue Roman des deutschen Buchpreisträgers von 2011 Eugen Ruge, der wieder von seiner Familie, besser von seiner Großmutter Charlotte handelte, einer deutschen Kommunistin, die in Moskau 1936 und 1937 in dem berühmten Hotel Metropol festgehalten wurde und von Tag zu Tag miterleben mußte, wie einer von den anderen Parteigenoßen, die auch zwangseingewiesen wurden, verschwand.

Es beginnt mit einem Besuch im “Russischen Staatsarchiv für soziopolitische Geschichte”, wo Ruge sichden Akt der Großmutter ausheben ließ und dann gekonnt, die Fakten mit der Fiktion verbindet.

Weiter gehts  mit den berühmten Schauprozessen, wo alle Angeklagten, die unglaublichsten Taten gestehen und dann hingerichtet werden und Charlotte, die mit ihrem zweiten Mann Wilhelm unter falschen Namen auf einer Kreuzfahrt ans schwarze Meer unterwegs ist, liest in der Prawda von einer der Hinrichtungen und gerät in Bedrängnis, denn sie haben  den Hingerichteten ein Grammaphon verkauft, was offenbar schon ausreicht, um in Ungade zu fallen.

Dem Buch sind Originaldokumente beigelegt, die die Briefe enthalten, die das Ehepaar zu seiner Rechtfertigung schrieb, trotzdem werden sie  in das berühmte Jugendstilhotel eingwiesen und Ruge schildert sehr anschaulich die Lebensbedingungen, die dort herrschten und das Mißtrauen, das die Genossen untereinander hegten.

Charlotte ist eine aufrechte Kommunistin, die mit Sommerschuhen durch das winterliche Moskau wandert, wo man in der Prawda neben den Schauprozessberichten immer wieder lesen kann, daß Genosse Stalin, das Leben für alle wieder ein Stückchen schöner und bunter gemacht hat.

Sie ergattert auch Winterschuhe und geht damit ins Bolschoitheater. Leider sind die Sohlen aus Pappe, so daß sie die Schuhe von einem illegalen Schuster reparieren lassen muß, was in der aufrechten Kommunistin Schuldgefühle und auch erste Zweifel aufkommen lassen.

Ein Detail am Rande ist, daß Lion Feuchtwanger, der ja  den Schauprozessen beiwohnte und auch das berühmt berüchtigte Jubelbuch über “Moskau 1937” geschrieben hat, eine Zeitlang Charlottes Zimmernachbar war.

Zuerst müßen sie sich, um die Lebensmittel anstellen. Später bekommen sie das Personalessen im Hinterteil des Restaurant von einer unfreundlichen Kellnerin hingeknallt und es gibt in dem Buch noch zwei weitere Handlungsstränge, einer davon ist einem Richter gewidmet, der Schmetterlinge sammelt, sich gegenüber seiner Frau nicht durchsetzen kann, aber dreitausend Todesurteile unterschrieben hat, der andere behandelt, das Schicksal einer Sekreätrin, die  bei den zu Tode verurteilten ist.

Charlotte und ihrMann werden verschont und 1937  nach Frankreich ausgewiesen, wo sie später zuerst nach Mexiko und dann in die DDR kamen, wo Ruge seine Großmutter kennenlernte und erst spät über seinen “Buchpreisroman” zum Aufarbeiten ihres Schicksals gekommen ist.

Ein interessantes Buch, das die Zustände in Moskau in der Stailinzeit sehr eindringlich wiedergibt.

Julian Barnes hat “Im Lärm der Zeit” ja etwas Ähnliches am Schicksal von Schostakowitsch versucht.

Ljuba Arnautovich, die in Rußland geboren wurden, weil ihre Eltern nach dem Februarkämpfen nach Rußland geschickt wurden, hat  über ihre Großmutter geschrieben und vom “Leidensweg” von Alexej Tolstoi, der ja glaube ich auch den Schauprozessen beiwohnte, habe ich auch zwei Bände gelesen, die ja die Zeit nach der Oktoberrevolution schildern.

Nix passiert

Das vierte oder fünfte Buch der 1985 in Ahaus geborenen und in Berlin lebenden Kathrin Wessling, die, glaube ich, an Depressionen litt oder leidet und das auch in einem Buch so beschreiben hat.

“Super und dir?”, das ich gelesen habe, wird als die Stimme der Generation beschrieben und mit “Nix passiert” geht es weiter in dem flapsigen Ton, den ich zuerst glaube ich bei Sarah Kuttner hörte in den von den Schwierigkeiten und den Krankenheiten der Jugend berichtet wird.

“Die sind Frauensache!”, steht irgendwo in dem neuen Buch. Der behandelnde Arzt korrigiert, denn sein Patient Alex mit den Panikattacken ist ja ein jungerMann. Aber es stimmt doch, die meisten Panikattackerinnen sind Frauen, die Männer geben es nicht  zu oder ertrinken die Angst im Bier und so ist es Kathrin Wessling sehr zu verdanken, sich in ihrem neuen Buch einen jungen Mann als Protagonisten ausgesucht zu haben.

Alex Anfang dreißig, von Beruf Webdesigner, ein Beruf, den er eigentlich haßt, er lebt in Berlin und zu Beginn des Buches hat ihn seine Freundin Jenny verlassen, worunter er, wie ein Schwein leidet, sich für drei Wochen krankschreiben läß,t nun im Bett liegt und dann irgendwann beschließt in das Heimatdorf zurückzugehen.

Die Eltern empfangen ihn, was etwas befremdet klingt, eher unfreundlich, die Mutter liegt im Bett, als er erscheint und geht gleich wieder schlafen. Der Bruder, ein junger Familienvater, fordert ihn gleich direkt auf wieder zu verschwinden. Der Vater räuspert sich, geht mit ihm spazieren und besucht mit ihm dann etwas später einen Onkel, der sich nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim befindet.

Alex liegt auch hier im Bett im Keller, trinkt nachts die Flaschen in der Minibar leer oder holt sich den Schnaps von der Tankstelle.

Über das, was ihm passiert ist, wird nicht gesprochen, zu Anfang jedenfalls nicht, bis ihn der Vater zu einem Spaziergang holt und dann mit ihm in einer Bar einkehrt, die von einem ehemaligen Schulfreund betrieben wird.

Da geht es dann ab in die Vergangenheit, in das, was während der Schulzeit passiert ist und da kam es am sechzehnten Geburtstag zu einer Panikattacke. Alex glaubt, er ist schwer krank und, daß  er gleich verrückt werden wird und darüber, daß der Sohn vielleicht ein Psycho ist, spricht man nicht. Der Bruder macht ihn deshalb fertig.

Interessant daß der Freund Thomas, der jetzige Barbetreiber ihn aus seinem geistigen Koma holt und mit ihm auf einen Felsen steigt.

So geht Alex wieder in die Schule, macht sein Abitur, geht dann nach Berlin, wird Webdesigner, weil er das kann und das leicht ist, nicht weil er es will, hat immer Angst vor der Angst und jetzt ist er wieder ein Versager, weil von seiner Freundin verlassen und ihn alle fragen, warum er zurückgekommen ist und wie lange er bleiben wird?

Die Geburtstagsfeste habe es in sich und bringen es an den Tag, denn jetzt wird der Vater sechzig und vor dem großen Fest, daß da veranstaltet wird, erzählt Alex den Eltern alles, daß Jenny ihn verlassen hat und, daß er sich für seine Schwäche schämt und der vater gibt zu, daß ihm die Krankheit seines Sohnes peinlich war.

Ein Wasserschaden in der Wohnung holt ihn dann nach Berlin zurück, er kündigt seinen Job, beziehungweise läßt er sich kündigen, damit er Arbeitslosengeld bekommt und am Schluß des Buches trifft er seine Jenny wieder, die auch ihren Job als Krankenschwester gekündigt hat, jetzt in einer Bar arbeitet und vielleicht doch Medizin studieren will und die Beiden gehen, nachdem das Geld aus ist, in ihre Wohnung, weil es da noch etwas zu trinken gibt und das Ganze beginnt vielleicht von vorn, vielleicht ist Alex aber eine Stufe weitergekommen und in eine neue Runde des Lebens eingestiegen?

Ein Buch über die Leiden, der jungen Generaton von heute, die sehr viel Druck ausgesetzt ist, könnte man schreiben. Ein Buch über Panikattacken, das ich, glaube ich, meinen Patienten sehr empfehlen kann und in der Danksagung schreibt Kathrin Wessling auch von einem schlimmen Sommer über den ihr ihre Freunde und ihr Instangram-Account sehr geholfen haben. Ja richtig, die neuen Medien spielen in diesem Spiel, das sich Leben nennt, auch noch eine Rolle und machen es einem oder einer, der oder die heute maturiert, wahrscheinlich noch viel schwerer, als das vor zwanzig oder dreißig Jahren war.

Chaya

Nun kommt ein Debut von 2017 das es nicht auf die Bloggerdebut-Shortlist geschafft hat und das mir der Alfi bei “Literatur und Wein” in Göttwein kaufte, das wahrscheinlich könnte man Memoir sagen, obwohl es sehr verdichtet ist, der 1964 in Teheran geborenen Kathy  Zarnegin, von dem ich jetzt gar nicht sagen kann, was mich an dem Buch so sehr interessierte, daß es mir kaufen ließ.

Das es die verdichtete Lebensgeschichte der Autorin ist, die mit vierzehn Jahren in die Schweiz gekommen ist und dort als Lyrikerin lebt, habe ich, glaube ich, gar nicht mitbekommen und das Ganze wahrscheinlich für einen interessanten Roman gehalten, es ist aber wirklich ein interessantes Buch, das manchen Islamhasser und Verfechter der großen oder kleinen Austauschtheorie sehr zu empfehlen ist.

Dabei stammt Chaya, ob sie das Alter Ego ihrer Autorin ist, ist aus dem Text nicht so genau herauszubekommen, aus einer jüdischen Familie. Der Vater hatte aber zwei Frauen, die ältere hatte von ihm sechs Kinder, die jüngere, Chayas Mutter, drei, Chaya und ihre zwei jüngeren Schwestern und die war eine Zeitlang Krankenschwester, bevor sie den Vater kennenlernte und mit ihm auf Europareise gegangen ist.

Die Jugend Chayas war sehr unbeschwert, die Eltern offenbar Freigeister, so gab es eine nicht verheiratete Nachbarin, mit der und deren Liebhaber, die Eltern philosophische Gespräche führten und die Kinder waren selbstverständlich dabei, bis sie am Boden eingeschlafen sind.

Weil Englisch als die Weltsprache galt, obwohl die Eltern es nicht sprachen, wurde Chaya auf eine englischsprachige Privatschule geschickt, obwohl oft das Geld nicht da war, die Schulgebühr zu bezahlen.

Der Vater war oft auf Reisen und brachte dann schöne Geschenke mit, später lernte Chaya auch Italienisch und wurde, als in Teheran die politischen Unruhen begannen und ihre Schule geschlossen wurde, von den Elten zu Verwandten in die Schweiz geschickt.

Sie kam nie mehr oder nur auf Besuch nach Teheran zurück, lernte Deutsch und begann bald ihre Gedichte in dieser Sprache zu schreiben, studierte Philosophie, statt wie von den Eltern gewünscht, Medizin und gründete sehr bald eine Gedichtagentur, das heißt, sie druckte Gedichte auf Poster und wenn man die kaufte, konnte man das Copyriht dazu erwerben und hatte das Gedicht sozusagen, wie einen Miro für sich.

Nebenbei ging sie putzen und jobbte in einer Sprachschule, bis sie mit ihrer Agentur erfolgreich wurde und sich die Redaktionen und Fernsehanstalten um sie rissen und im ihre Freunde und Liebhaber, David und Eric, mit denen sie mehr oder weniger tiefsinnige Gesrpäche führt, geht es auch.

Im <klappentext steht noch etwas, daß das Mädchen aus dem Orient Europa staunend erobert, wie einst Zazie in der Metro, so habe ich das Buch nicht empfunden, obwohl ich das Vorbild nicht gelesen habe.

Es sind eher sehr poetische Detailstücke in denen das Ganze aufgegliedert ist, so wie etwa die Geschichte, in der sie in ein Geschäft geht und von dem geschwätzigen Verkäufer  einen Anorak aufgezwängt bekommt, in dem sie aussieht wie ein “unter adipositas leidender Kanarienvogel”, was ich für eine sehr schöne Formulierung halte oder die von der Sekretärin in der Sprachschule, in der sie arbeitet, deren Besitzer, interessanterweise auch zwei Frauen hat.

Aber das ist wohl nur ein Detail am Rande in dem sehr poetischen und interessanten Buch.

Wir verlassenen Kinder

Jetzt kommt  das zweite “Kremayr&Scheriau-Buch” aus der Frühjahrsschiene, ein Debut der 1990 in OÖ geborenen Lucia Leidenfrost, das wieder keines ist, habe ich doch schon ihren vor zwei Jahren erschienenen Erzählband “Mir ist die Zunge so schwer” gelesen und ich muß sagen, es ist ein sehr interessantes Buch, das ein  wichtiges und wohl auch verdrängtes Thema unserer Zeit auf sehr poetische Art und Weise, wenn auch mit einigen Widersprüchen und Kurven zu schildern weiß.

Soll es doch in Moldawien oder sonstwo ganze Dörfer geben, wo die Kinder mit vielleicht ein oder zwei Großmüttern verlassen leben, weil die Eltern im goldenen Westen die Ärsche der dortigen alten Leute putzen, weil das dort niemand mehr kann oder will.

Lucia Leidenfrost schildert das alles dezenter und auch namenloser, es wird kein Ländernamen genannt und die Kinder dort heißen zwar Mila und juri aber auch Anni und ein Erwachsener Valentin und mal gibt es Krieg im Nachbardorf, mal ziehen Blechvögel über den Himmel und nur ein einziges Mal wird eine Lidia erwähnt, die eben im goldenen Westen die Ärsche putzt und Briefe an ihre verlassenen Kinder schreibt.

Die bekommen zuerst noch Geld und Geschenke, Stützstrümpfe für eine Oma, die längst  gestorben ist und auch der Lehrer hat das Dorf schon verlassen. Es gibt zuerst noch einen Pfarrer der zu alle heiligen Zeiten kommt und einen Bürgermeister, der im Rathaus sitzt und die Kinder manchmal mit ihren Eltern telefonieren läßt.

Der ist der Vater von Mila und ihren zwei Schwestern, die jüngste ist ein Baby und die Mutter ist bei der Geburt gestorben, Mila versorgt nun die Schwestern, ist die Außenseiterin im Dorf, wird von den anderen Kindern, die ihre eigenen Regeln erstellen, gemobbt und gequält.

Sie stieht aber den Vater auch den Schlüßel zur Schule, will Lehrerin werden und weil  kein neuer Lehrer komt, selber die kleineren Kinder unterrichten.

Die Scheifen von denen ich oben geschrieben habe, bestehen darin, daß die Eltern beispielsweise schreiben, sie wären schon in der Nachbarstadt und würden bald kommen, als die Kinder aber dorthinziehen, um das Geld von der Bank zu holen, sind sie nicht da.

Später kommt auch kein Geld mehr und keine Geschenke und die paar Alten und auch der Bürgermeister verlassen das Dorf, um in einen Krieg zu ziehen. Der Bürgermeister kommt aber in den Nächten zurück und bringt Fleisch und Käse mit, das Mila ihm brät, während die anderen Kindern kein Wasser, keinen Strom und kein Essen mehr haben.

So werden zwei Beschlüße gefaßt, Mila putzt die schule und beschließt ab der nächsten Woche die Kleineren zu unterrichten, während die anderen Kinder sie in der Hoffnung, daß dann endlich Hilfe kommt, sie anzünden und gemeinsam velassen sie dann das Dort, um sich ihre eigene Welt zu bauen oder so etwas wie Geborgenheit woanders zu finden?

Einer der berührendsten Sätze im Buch lautet “Einmal werden wir mit der geladenen Pistole zu unseren Eltern fahren und sie zurückholen” und der Automechaniker, von dem sie die Pistole haben, wundert sich in einem Brief über die Gewalttätigkeit der Kinder und schreibt “Man hätte die Kinder auch mitnehmen können.”

Ein berührendes Buch das nachdenken läßt, aber auch sehr poetisch ist, so daß ich mir schon überlegen, ob es auf die shortlist des Bloggerdebut oder auf eine der anderen Buchpreislisten kommt und das Lesen sehr empfehlen kann.