Havel, Hunde, Katzen, Tulpen – Garz erzählt

Es ist ein kleines Büchlein, Zahlen stehen am blauen Cover und unterstrichene Worte, wie Lüneburg, Mannschaftswagen, Maschinengewehr, etc, im “Mitteldeutschen Verlag” erschien, den ich ja während meines Debutpreisbloggens kennengelernt habe, das mir da vorige Woche der Sprachkunststudent Markus Wolf bei der Studentenlesung in die Hand gedrückt hat.

Es ist auch ein Projekt der “Angewandten”, Esther Dischereit, die Professorin, die einmal auch den “Fried Preis” bekommen hat, ist da mit acht Studierenden in ein kleines Dörfchen in Sachsen Anhalt gefahren, das nur hundertfunfundvierzig Einwohner hat, was sehr gut ist, wie sie schreibt, da man mehr ja nie auf ein Foto bekommt und so immer ein Teil des Ganzen fehlt, um das Portrait schreiben zu üben.

Das ist sicher ein sehr interessantes Projekt und es wurde auch genau vorbereitet, so sind die Studierende in die Bibliothek gegangen um sich entsprechende Literatur zu suchen, sie haben auch an sich selber vorher Feldstudien gemacht, denn wie macht man das denn mit dem Gehörtbekommenen, wie geht man mit der Wahrheit um, schreibt man beispielsweise, das istein Alkoholiker, wenn der Interviewer beispielsweise von einer Flasche Likör erzählt und interessant ist ja wahrscheinlich auch der in der ehemaligen DDR gelegene Ort, der für die zum Großteil in den Neunzehnhundertneunziger Jahren geborenen Studenten aus Österreich und Westdeutschland sowieso schon mal was Fremdes ist.

So ging es mitdem Flugzeug nach Berlin, da wurde erst mals eingekauft, entschieden sich die Studenten doch sich selbst zu versorgen, so daß das Geld das sie für das Projekt bekamen, für das Buch reichen würden, besuchten auch die “Stasi-Unterlagen-Behörde” und fuhren dann in das Dorf an der Havel, wo sie schon von der Bürgermeisterin erwartet wurden und nach und nach strömten auch die Bewohner vorsichtig herein.

Fünfzig schreibt Esther Dischereit in ihrem Vorwort haben sich intervewen lassen und sie selbst gibt zu erst unter dem Titel “Aller Anfang Dorf” einen Bericht, wo sie das Örtchen beschreibt, wo die Forellen dick wie Karpfen sind, überall Tulpen angesplanzt sind und auch Dauernd eine Katze zu sehen ist, die niemanden gehört und die Bewohner dann sagen, daß sie das und das nicht soll.

Der 1992 in Tübingen geborene Luca Manuel Kieser hat sich dann mit dem “Alten” unterhalten, der nuschelt weil ihm vier Zähne fehlen und mit “Andrea”, die ihrem Mann beim Fischen hilft, ein Foto zeigt, auf dem ihre Mutter und zwei Cousinen, die drei Gazellen in Leizig zeigt. Die Cousinen haben studiert, Andrea wollte es nicht, hätte deshalb auch  den Westkontakt abbrechen müßen und ist trotzdem etwas geworden.

Im Alphabet geht es weiter, schön geordnet erzählen die acht Studenten Gabriel Czaplicka, Luca Manuel Kieser, Naa Teki Lebar, Marie Louie Lehner, Katharina Menschick, Nastasja Penzar,Felicia Schätzer und Patrick Wolf,von denen ich die meisten aus der Studentenlesung im Literaturhaus kenne, Geschichten aus dem Dorf und weil in einer hundertfünfzig Seelengemeinde meistens nur ältere Leute leben, beginnt es mit dem Krieg, dann kam der Kommismus und zuletzt die Wende mit den Wessis, die die Höfe aufkauften, revonierten und sanierten und vorher wurden die Bauern, Garz besteht fast nuraus Bauern und Fischern zwangsweise in die LPG übernommen.

Interessante Leben, der meist kleinen Frauen, die die Studenten da erzählt bekommen, die Bürgermeisterin und ihre Mutter wurden interviewt und der schon erwähnte Luca Manuel Kieser hat aus der “Frau des Fischers” sogar ein Portrait in Gedichtform gemacht.

In der Mitte der Buches gibt es in sich schönen abhebenden Schwarz ein Glossar, wo man von “1.  Oktober” bis “Zyklus” genau nachlesen kann, wo man auf welcher Seite welche Stichwörte nachlesen kann.

Bein Fall für die graphisch anspruchsvoll gestalteten schönsten Bücher ist das Büchlein also auch und dabei habe ich während meines Debutpreislesen vom “Mitteldeutschen verlag” auch etwas anderes gehört, da meine Mitjuroren bei Uli Wittstock ja sehr viele Fehler fanden.

Die 1989 geborene Katharina Menschik berichtet über Psychiatrieerfahrungen in der DDR und  Luca Manuel Kieser hat sich noch mit einem Mann unterhalten, der der Arbeitslosigkeit nach der Wende erzählt.

Esther Dischereit sprach mit einem 1997 in Havelberg, das ist die größere Stadt in der Nähe, geborenen Mädchen, das eine Ausbildung in einem Fischrestaurant macht.

Viele der Gespräche werden erzählend wiedergeben, manche, wie der schon erwähnte von Luca Manuel Kiser oder “Hier war früher immer Disco” des mir unbekannten 1991 in Deutschland geborene Gabriel Czablicka sind in Gedichtform abgebildet.

Die 1995 geborene Marie Luise Lehner beschreibt in ihrem Text “selbstoptimierung” das ganze Dorf und von dem gibt es dann am Schluß, vorher gibt es noch ein Nachwort der Studenten, einige Luftlinienansichten zu sehen und wir, beziehungsweise die Studenten, haben eine spannende Fahrt in ein Land, das eine besondere Vergangenheit erlebte, gemacht.

Bei den Lesern kommt auch noch und das finde ich ganz besonders interressant, der Einblick in die Werkstatt der Sprachkunststudenten und ihrer Lehrerin, die das Buch herausgegeben, sowe eifrig mitgeschrieben hat, hinzu.

Das Bildnis einer Verschollenen

Ich stehe ja auf alte Bücher, so auf Unbekanntes aus der Zwischen- oder Nachkriegszeit, beispielsweise und da habe ich einmal in einem der Bücherschränke Ferdinand Kögls “Das Bildnis einer Verschollenen”, erschienen in der “F. Speidelschen Verlagsbuchhandlung”, 1946 ,gefunden und der Name des 1890 in Linz geborenen und 1956 dort verstorbenen Musikers und Schriftstellers erschien mir bekannt, habe ich doch in meinem Bibliothekskatalog, die “Silberflöte” und die “Gottesgeige” eingetragen, aber höchstwahrscheinlich noch nicht gelesen.

Jetzt also der 1946 erschienene Unterhaltungs- oder Frauenroman mit einem geheimnisvollen Frauenbild am Cover und man  merkt dem Buch wahrscheinlich sein Erscheinungsdatum an, oder doch nicht, denn vom Krieg, der 1946 gerade vorüber ist, kein Wort und  Christian Vockh, der nach vierzehnjähriger Abwesenheit aus Los Angeles in seine Heimatstadt zurückkehrt, kommt auch in kein zerstörtes Wien.

Er kommt in ein Wien, wo man mit dem Auto auf der Kärtnerstraße und den Graben fahren kann, aber das war, glaube ich, noch bis zu den Sechzigerjahren so und er kommt in seine Heimat zurück, um endlich einmal einen zweimonatlichen Urlaub zu genießen und auch mit seiner Vergangenheit abzurechnen.

Denn die war nicht so schön, hat er doch in einem Bankhaus gearbeitet und mußte, weil er in eine Diebstahlsaffaire verwickelt war und bei ihm eine gestohlene Banknote gefunden wurde, nach Amerika fliehen.

Dort machte er allerdings Karriere, ist aufgestiegen und reich geworden und jetzt kann er sich an die Tochter des damaligen Bankdirektors, Brigitte, erinnern, die als einzige an ihm glaubte und  auch von seiner Unschuld überzeugt war.

Leider war er so beschäftigt, daß er nie darauf geantwortet hat. Jetzt hat er vor das nachzuholen, zuerst geht er aber auf die Bank und will dort eine große Summe abheben. Das passierte damals so, daß der Angestellte nach der Adresse und der Telephonnummer fragte und daß der Prokurist dann die Summe in die Wohnung brachte.

Vockh hat sich auch gleich am Graben bei einer hübschen jungen Frau eingemietet, die zwar eigentlich nur an ein Ehepaar vermieten wollte, aber Vockh hat  keine Frau.

Der Prokurist, der mit dem Geld kommt, ist ein bekannter, denn er war schon damals in der Bank, er spricht ihm gleich auf die Affaire an, will das Geld zurück, was Vockh aber verweigert. Dafür geht er später in ein Kartenbüro, kauft eine Opernloge und lädt den Prokuristen mit seiner Frau ein, denn er hat inzwischen erfahren, daß die Tochter des ehemaligen Direktors Brigitte Dunhart jetzt die Frau des Prokuristen Prikhil ist.

Sie kommt aber nicht mit ihm in die Oper. Es kommt nur der Prokurist mit seinem Rechtsanwalt und die sind sehr feindselig, sagen Brigitte hat ihren Mann schon lang verlassen, weil sie ja bei Vockh in Amerika ist.

So nimmt sich der einen Detektiven, erfährt etwas von Venerdig und reist der Verschollenen nach. In Venedig verliebt er sich zwar fast in eine andere Frau, macht dort auch die Bekanntschaft eines etwas sonderbaren Schriftstellers und reist weiter von Venedig nach Neapel, dann nach Capri und auch wieder nach Wien oder Altaussee zurück, wo der Prokurist mit seiner Freundin Ellen Elpert, die ihn eigentlich heiraten will, aber er ist ja noch nicht verheiratet, Sommerfrische macht.

Er kommt auch nach Salzburg und telefoniert mit seinem Sekeretär in Los Angeles, denn die Angelegenheit wird immer komplizierter. Schmuck wurde gestohlen und aus Neapel ist Frau Brigitte auch verschwunden. Ein Verbrechen wird vermutet. Sie hat aber einen Brief geschrieben, in dem auch ein Bild von Vockh enthalten ist und allmählich stellt sich heraus, Prikihl war aus Eifersucht der Täter und Brigittes Vater drängte sie in die Ehe zu ihm. Sie hat aber bald die gestohlenen Banknoten gefunden und ihn deshalb verlassen.

In Los Angeles hatte sie auch einen väterlichen Freund, der ihr immer Nachrichten über ihre heimliche Liebe, Christian Vockh gab. Sie wollte ihn auch nach Los Angeles nachreisen, hatte auf dem Schiff aber einen Unfall. So daß sie lange in einem Sanatorium lag.

Jetzt ist sie aber wieder gesund und auf dem Weg nach Wien, wo sich nach einigen weiteren Verwicklungen alles aufklären und die Ehe zwischen den zwei Liebenden geschlossen werden kann.

Ein bißchen konstruiert könnte man sagen, aber viel viel einfacher, als die heutigen Romane und interessant natürlich in das Wien von 1946 zurückzukehren, in dem offenbar nie ein Krieg stattgefunden hat und in dem man auch ohne Internet und Handy mit Telegrammen und Telegraphen sehr gut miteinander kommunizieren konnte.

Man brauchte natürlich das nötige Geld dazu, aber das stand dem aufgestiegenen Christian Vockh, der dann sogar sagte, daß er das alles dem eifersüchtigen Prokuristen verdankte, zur Verfügung, der  auch genügend herumreiste. Überall in den besten Gegenden seine Wohnungen hat und offenbar waren auch die Geschlechterverhältnisse kein Problem.

So hatte der eifersüchtige Prokurist eine Freundin, eine Modezeichnerin und Frau Maria Osketja nahm den einsamen Herrn dann doch in ihre Wohnung auf und war offenbar auch so emanzipiert, daß sie öfter erst um Mitternacht nach Hause kam und da dachte ich doch in den Nachkriegsjahren waren die Frauen noch nicht so emanzipiert und selbstädnig, aber in den Romanen ist es wahrscheinlich immer etwas anders, als in der Wirklichkeit.

Ein interessantes Buch, auch wenn  es wahrscheinlich nicht sehr literatirsch ist. Unterhaltungsliteratur mit einer damals wahrscheinlich gar nicht so geringen Auflage und Ferdinand Kögl hat sogar eine “Wikipedia Seite”, wenn auch seine Bücher inzwischen wahrscheinlich nur mehr antiquarisch erhältlich oder in den Bücherschränken  zu finden sind.