Ich hole mir ja immer sehr eifrig die “Eine Stadt-ein Buch-Bücher” und habe sie auch fast alle gelesen oder wenigstens überflogen und bin meistens etwas enttäuscht zurückgeblieben, da mir die meist frühen Bücher der berühmten Autoren nicht so gefallen haben, bei der “Laßt die Bären los-Übersetzung” war ich überhaupt sehr unzufrieden, aber diesmal war es anders, denn, daß das 1995, erschienene Buch, des 1948 bei New York geborenen T.C. Boyle, das in der Originalausgabe “Tortilla Curtain” das ist die Grenze zwischen Mexiko und Amerika von wo die illegalen Einwanderer ins gelobte Land strömten, heißt, mich interessieren könnte, habe ich mir schon gedacht, als ich am Eröffnungstag nochmals in die Hauptbücherei gegangen bin und es dort Christian Jahl vortellen gehört habe.
Jetzt ist sich das Lesen doch noch in diesem Jahr ausgegangen und zu Weihnachten spielt das Buch, das auch die Anna haben wollte, die sich sonst für die “Stadt-ein Buch- Aktionen” nicht so sehr interessiert, auch noch und T.C.Boyle bei dem ich schon einmal bei einer Lesung im “Thalia Landstraße” war, obwohl ich ihn, glaube ich, weil ein so großer Andrang war, gar nicht gesehen habe, ist auch ein großartiger Schreiber und versteht es sowohl sehr realistisch zu erzählen, als dem Ganzen auch eine sehr spannende Dramaturgie zu geben, die einem den Atem anhalten läßt, auch wenn der Realismus dabei manchmal ein bißchen übertrieben wird, ist es ein großartiges Buch, das uns zum Nachdenken anregen könnte und beginnen tut es so beklemmend, wie ich auch Tom Wolfes “Fegefeuer der Eitelkeiten” erlebt habe.
Es geht um zwei Familien bzw. Paare, das eine der oberen Mittelschicht angehörend, die in der Nähe von Los Angeles, ein Eigenheim gefunden haben, in das sie sich nun zurückziehen, um ihr Leben zu genießen.
Delaney Mossbacher, ein Naturforscher und Journalist und auch Hausmann, der den Sohn seiner Frau Kyra, einer erfolgreichen Immobilienmaklerin, in die Schule oder Kindergarten bringt, ihm zum Frühstück Müsli macht, der beschwert sich dann, warum er nicht auch einmal Cornflakes oder Ham and Eggs bekommt, aber Kyra will, daß ihr Kind gesund aufwächst und beginnen tut e,s wie bei Tom Wolfe mit einem Autounfall. Delaney fährt auf der Straße Candido, einen mexikanischen Einwanderer an und gibt ihm, weil der keine Polizei will, zwanzig Dollar.
Der campiert mit seiner siebzehnjährigen schwangeren Freundin America, daher der Name, mit den vereinigten Staaaten hat es nichts zu tun oder doch wahrscheinlich, am Canyon und geht auf den Arbeitsstrich, den es dort gibt. Jetzt kann er aber einige Tage nicht, da die Verletzungen, die er sich durch den Unfall zuzog, doch sehr stark waren. So versucht es America für ihn, hat aber nicht viel Glück dabei und wird sogar noch vergewaltigt.
In Delaney und Kyras schönen Eigenheim, wo sie mit zwei Hunden und einer Katze leben, brechen inzwischen die Kojoten ein, einer zerfetzt einen der Hunde und Delaney will sich bei der Hausversammlung über die Leute beschweren, die so blöd sind, den Kojoten Futter hinzustellen, kommt aber nicht dazu, denn der vielen Mexikaner, Einbrecher, Illegalen, etc wegen, soll ein Tor mit einem Wächter, die schöne Siedlung schützen.
Delaney ist zuerst dagegen, kann sich aber nicht durchsetzten und der Sohn des Wortführers, läßt sich von ihm auch noch die Stelle zeigen, wo Candido kampiert und geht dann hin, um die Decke und Americas Kleid in den Fluß zu werfen.
Delaney geht inzwischen wandern, entdeckt das Camp und auch noch ein paar andere Mexikaner, die immer wieder in dem Buch auftauchen und auch die sind, die America vergewaltigen. Als er wieder zurückkommt, ist sein Auto gestohlen und der Händler, bei dem er sich ein neues kaufen will, lacht ihn aus und erzählt ihm sowas, was bei uns “Fahren Sie nach Polen, Ihr Auto ist schon dort!”, heißen würde.
Candido gesundet und findet für ein paar Tage Arbeitet und zwar ausgerechnet bei Kyras Haus, denn die will jetzt einen Zaun haben, um den zweiten Hund vor den Kojoten zu schützen.
Die Hausversammlung beschließt inzwischen sich mit einer Mauer vor den Mexikanern zu schützen und Kyra die Angst hat, daß sie ihr Immobliengeschäft stören können, läßt den Arbeitsstrich schließen.
So zieht Candido mit America in die Stadt, aber dort wird er nur ausgeraubt, so daß sie doch wieder zum Caynon zurückmüssen und am Thanksgivingsday passiert dann eine weitere Katastrophe.
T. C. Boye spielt gekommt die Tastaur der Absurdität, denn in dem Supermarkt, wo sowohl die Mossbacher, als auch Candido und America einkaufen, bekommt man, wenn man über fünfzig Dollar zahlt, einen Truthahn geschenkt. Die Mossbacher tun das und brauchen eigentlich keinen Truthahn. weil sie schon einen haben, Candido kauft nicht soviel, bekommt ihn aber trotzdem und entfacht, als er ihn grillen will, einen Waldbrand, so daß die Siedlung mit der Mauer evakuiert wird und America und Candido ganz in der Nähe der Siedlung ein neues zu Hause finden.
Candido baut es aus gestohlenen Brettern an einem Anhang und America gebiert dort ihre Tochter Socorro, die blind zu sein scheint, in den zwei Tagen, wo sie gearbeit hat, hat sie mit Dämpfen hantieren müssen und Delaney wird inzwischen vollkommen paranoid und geht auf Mexikanerjagd, die auch die schöne Mauer ein wenig anzusprayen scheinen und als er Candido nochmals auf der Straße sieht, fährt er ihn nochmals an. Er findet zwar heraus, daß Jack Junior und seine Freunde die Sprayer waren, versucht Candido aber mit einer Pistole zu stellen. Das Haus rutscht aber wieder ab, das Baby schwimmt davon, Candido und America retten sich aufs Dach und Candido streckt Delaney seine rettende Hand entgegen.
So packend, absurd und trotzdem sehr verständlich, kann man die Ausländerproblematik, die uns ja alle irgendwie betrifft, auch erzählen.
Das Buch mit dem T.C. Boye einmal angefeindet wurde, steht inzwischen auf den Lehrplänen der amerikanischen und wahrscheinlich auch der deutschen Schulen und ich kann das Lesen, vor allem den Wienern, die ja jetzt hunderttausend Exemplare davon bekommen haben, die bald wahrscheinlich auch in den Bücherschränken zu finden sein werden, sehr empfehlen.
Es ist so modern, als wäre es heute geschrieben worden und man braucht nicht nach Amerika gehen, es könnte auch in Favoriten oder Ottakring oder sicher auch woanders spielen. In der Hauptbücherei, wo sich die Sandler und die Obdachlosen gerne aufwärmen kommen, gibt es übrigens auch einen Securityguard, der sie antippt, wenn sie einschlafen, wie ich bei meinen Besuch für die “Brüderschaft-Recherche” bemerken konnte, haben sie es aber sehr sanft getan.
Day: 30. December 2013
Venushaar
Von Michail Schischkin und seinem Roman “Venushaar” habe ich das erste Mal etwas gehört als er 2011 in Frankfurt auf dem “Blauen Sofa” saß, dann las er daraus bei der “Literatur im Herbst” etwas vor.
2012 wurde sein Roman “Briefsteller” auf dem “Blauen Sofa” vorgestellt und diesen Sommer lag “Venushaar”, der Roman der zuerst in Russland sehr erfolgreich war und dessen in der Schweiz lebender Autor mit Bulgakow, Tolstoi, Puschkin, Nabokov,etc, verglichen wird, was ich damals noch nicht so wußte, in der “Morawa-Abverkauf-Kiste” und jetzt habe ich das fünfhundertfünzig Seiten Buch auf drei Tranchen in der Badewanne gelesen, um es noch in diesem Jahr zu schaffen, das ganz harmlos und realistisch beginnt.
Denn da gibt es ja einen Dolmetscher, der, wie der 1961 in Moskau geborene Schischkin selbst, bei Asylwerbern dolmetscht und die Fragen und die Antworten “Warum sind Sie in die Schweiz gekommen, warum wollen Sie Asyl beantragenß”, etc, werden angeführt, bevor das Ganze auszuufern beginnt und, wie im Klapppentext steht, “Ein Jahrhundert russischer Geschichte eingebettet in das Leben des Dolmetschers mit Verweisen, Allegorien, Metaphern im Kosmus der gesamten Weltliteratur erzählt.”
Auf den letzten Seiten gibt es einen Anhang, wo man ein bißchen nachlesen und sich zu orientieren versuchen kann, denn Schischkins Ideereichtum ist wirklich ausufernd und macht es der Lesenden nicht leicht, gibt es doch keine Kapitel, keine Teile, keine Überschriften, die verschiedenen Erzählstränge gehen ineineinander über und der Dolmetscher hat nicht einmal einen Namen, obwohl er auch aus seinem Leben erzählt.
Am Anfang steht etwas, daß der Verwaltungsbeamte, der sich die Fragen übersetzen läßt, Peter heißt und Petrus ist ja auch der mit dem Himmelschlüßel an der Himmelsstür, der den dort Eintretenden die Tore öffnet, der Verwaltungsbeamte verschließt sie den Asylsuchenden oft genug, indem er etwas in ihren Akt stempelt und die gehörten Geschichten nicht glaubt, etc.
Die Ebenen werden auch sehr rasant gewechselt, da liest der Dometscher dem Asylwerber zuerst die Regeln vor und dann wird in dem Frage-Antwortspiel, das Leben russischer Polizisten, Soldaten bei den Einsätzen in Tschetschenien, etc, erzählt, bevor man erfährt, daß der Dolmetsch früher Lehrer war und die Biografie einner russischen Romancesängerin namens Isabella Jurewa, 1899 in Rostow am Don geboren wurde, schreiben sollte, als er sie aber besuchen will, ist sie im Krankenhaus und schließlich stirbt sie auch im Jahre 2000, was der Realität entspricht und man nachgooglen kann.
In weiteren wird viel aus dem Leben an Hand von Briefen und Tagebuchauszügen dieser Sängerin erzählt, die den ersten Weltkrieg als Gymnasiastin erlebte, sich verliebte, die Untreue ihres Vaters miterlebte, etc.
Der Dolmetscher wohnt in einem Haus nahe dem Friedhof, wo die Mieten billig sind, so daß außer ihm nur alte Leute dort wohnen und so fliegen auch öfter Gegenstände aus den Fenstern und als er nachschauen will, wer das tut, öffnet ihm eine alte Frau.
Von solchen Einfällen und Momentaufnahmen lebt das Buch. Es geht auch um die gescheiterte Liebe des Dolmetschers zu seiner Isolde, sie hat ihn mit seinem Kind verlassen, vorher hatte sie einen Liebsten namens Tristan und als sie in Rom waren, spionierte er in ihrem Computer und fand heraus, daß immer, wenn Isolde mit ihm unglücklich war, sie sich über ihn bei Tristan beschwerte, so daß er auf ihn eifersüchtig wurde und den Aufenhalt mit ihr in Rom nicht mehr genießen konnte.
Schließlich ist er allein in Rom, wohnt im “Instituto Schwizzero” und triff seine alte Lehrerin, die die Kinder liebte, sie jede Woche in ein Museum führte und ihnen von Janusz Korczak erzählte, die das alte Fräulein aber haßten, wieder und das Ganze löst sich in einen vielstimmigen Gesang auf das Leben, auf das verlorene Paradies, auf die Liebe, etc, auf.
“Und ihr Bräutigam ist das Venushaar. Der Tag bricht an. Auf der spanischen Treppe türmt sich der Müll von gestern. – Wo seid ihr? Mir nach! Ein Kräutlein will ich euch zeigen, ein grünes, grünes Gras!”
“Zürich-Rom 2002-2004”, steht dann noch darunter.
Ein schwer oder auch leicht zu lesender Roman, leicht durch die Musikalität der Sprache, schwer durch die verschienensten Anspielungen, Metaphern, Hin- und Hersprünge, Querverweise, etc, die man auch trotz der Hilfen im Anhang, wahrscheinlich nicht ganz nachvollziehen kann.
“Ein komplexes, monomental angelegtes, philosophisch wie ästehtisch nach den Sternen greifendes Buch von einem der originellsten Autoren der russischen Literarurszene”, schreibt so auch die “Neue Zürcher Zeitung” auch auf dem Buchrücken.
“Venushaar” hat auch einige Literaturpreise bekommen und ist inzwischen in allen wichtigen europäischen Sprachen übersetzt und ich habe das Lesen, trotz der oben angeführten Schwierigkeiten genossen, habe ich von 2007 bis 2008 doch auch Asylwerberdiagnostik gemacht, so daß ich zumindest den realistischen Fragenteil nachvollziehen kann.