Herr Faustini, der liebenswürdige Neurotiker oder Sonderling, der Wolfgang Hermann, 2002, den “Siemens Literaturpreis” eingebracht hat, hat einen Riß in seiner Seele, deshalb geht er, der in Hörbranz mit einem Kater lebt, der inzwischen zur Nachbarin übersiedelt ist, zu der Psychotherapeutin Angela Nussbächle nach Dornbirn und die empfieht ihn, weil bald Sommer, eine Reise.
So legt Herr Faustini den Finger auf die Landkarte, entscheidet sich für einen Ort namens Edenkoben am Rhein und ruft die Telefonauskunft an, um sich dort die besten Zugverbindungen sagen zu lassen.
Herr Faustini ist höflich rücksichtsvoll hat offenbar auch alle Zeit der Welt und kann sich auch genau erinnern, daß ihm die Telefonistin schon einmal die allerbesten Verbindungen gesagt hat.
Gibt es ja noch zwei andere “Faustini-Bände”, die ich zwar nicht gelesen habe, aber, glaube ich in der einen oder anderen diesbezüglichen Veranstaltung war.
In Edenkoben angekommen quartiert er sich in eine Pension ein, das Zimmer gefällt ihm aber nicht und wegen einer Fliege kann er auch nicht schlafen. So lernt er im Supermarkt am nächsten Tag den Hobbyeisenbahner Emil kennen, mit dem er in ein anderes Zimmer zieht und weil die Augenblicke kostbar sind, fährt er auch nach Speyr um sich den Dom anzusehen, gelangt von dort auf ein Rheinschiff, entpuppt sich als wunderbarer Tänzer einer alten Holländerin, die mit ihrem Mann auf goldener Hochzeitsreise ist. In Köln steigt er wieder aus, trägt der Frau mit dem wunderbarsten Gang der Welt den Koffer zum Zug nach Berlin, fährt aber doch nicht mit, hat der etwas in den Weinbergen verloren. So scheint er dort bis es Winter ist zu verbleiben, schreibt an die Nachbarin noch eine Ansichtskarte, um sich dann irgendwann wieder auf den Bahnhof und in einen Zug zu begeben.
Der liebenwürdige kleine Mann des 1961 in Vorarlberg geborenen Wolfgang Hermann, den ich wie beschrieben, von den “Siemens-Literaturpreisen”, bei denen ich mich ja auch immer eifrig beworben habe und zu den Preisverleihungen hingegangen bin, kenne.
Das Buch “Fahle Landschaft” habe ich, glaube ich, einmal bei den Büchertürmen von “Literatur im März” gefunden und gelesen. Den “Wildgans-” und auch andere Preise hat er bekommen und jetzt, glaube ich, einen Gedichtband bei “Limbus” herausgebracht.
Ich gehe manchmal zu seinen Lesungen ins Literaturhaus oder in die “Alte Schmiede” oder sonstwohin und jetzt habe ich bei diesem “Morawa-Abverkauf”, um zwei Euro wahrscheinlich “Die Augenblicke des Herrn Faustini”, die Geschichte von dem kleinen Mann, der naiv die Welt erobert und uns das einfache Leben lehrt, gelesen.
Diese naiven Heiligen sind zwar nicht ganz das Meine, das Buch war aber ganz amüsant und Anspielungen auf das Nichtwählen, den Fremdenhaß und andere Unsinnigkeiten unseres Lebens sind darin auch zu finden.
Interessant ist noch, daß Wolfgang Hermann für dieses Buch offenbar ein Aufenthaltsstipendium in Edenkoben in Anspruch genommen hat, wofür er auf der ersten Seite dankt.
Day: 28. December 2013
Juttas Tod
In den Abverkaufskisten im Sommer beim “Morawa”, lag auch ein kleines dünnes Bändchen, 2010 im Voralberger “Limbus-Verlag” erschienen, bei dem auch Erika Kronabitter ihre Bücher hat, von Uwe Bolius, das bisher an mir vorbeigegangen ist.
Obwohl ich den in 1940 Geborenen, der beim Margaretenplatz lebt und auch mal Bezirksrat der Grünen war, schon lange kenne. Über seine Bücher habe ich, glaube ich, schon in den Siebzigerjahren gehört, aus “Standhalten” 1979 bei “Suhrkamp” erschienen, hat er, glaube ich, beim ersten “Bachmannpreis” gelesen, das Buch steht inzwischen auch auf meiner Leseliste.
“Der lange Gang”, 1983 erschienen, war eine Autoreninitiative und ein Vorläufer des “do it self”. Jedenfalls lag dem Buch, das ich irgenwo kaufte, eine Bestellkarte bei, womit man es beim Autor beziehen konnte.
Besucht habe ich Uwe Bolius, glaube ich, 1989 in seiner Wohnung, das ist auch die Zeit, in der das Buch über den Tod seiner Schwester spielt, beziehungsweise sie gestorben sein dürfte.
Es hat aber auch Kerstin Hensel in Klagenfurt gelesen und die hat bei Uwe Bolius gewohnt und ich habe sie bei ihm getroffen. 2002 hat er dann ein Buch bei “Book on Demand” herausgebracht. Ich habe ihn auch zu meiner “Selbstgemacht-Veranstaltung” ins Literaturhaus eingeladen und hatte da ein bißchen Schwierigkeiten, weil er unbedingt wollte, daß ich eine Frau, die in Bremenen einen BoD-Erfolg hatte, dazu einlade.
2004 oder so haben wir bei dieser Halbpreisschiene in der “Alten Schmiede” in den Semesterferien um fünf Uhr Nachmittag vor meinen Freunden und Christel Greller gelesen und als ich 2008 in der Jury für den Buchpreis war, stand “Hitler von Innen” auf der Liste. Da war ich dann auch bei der Lesung in der “Alten Schmiede” und jetzt ein neues Buch von Uwe Bolius, der auch Filmemacher ist oder war und einen über Margarete Schütte-Lihodzky drehte.
Das Buch geht über den Krebstod seiner Schwester, die er in Holland kurz vor ihren Tod besucht und sich danach im Sommer 1989 an die Dechantlacke setzt um über ihren Tod zu schreiben.
Alles alles kommt dabei hoch, die Kindheit in Linz, die unglückliche Beziehung zur Mutter, einer Kriegswitwe, die sehr streng war und keine Gefühle zeigen konnte und die Tochter, als sie im Hof fast vergewaltigt wird, an den Zöpfen hochzieht und sie bestraft. Die auch will, daß sie sich von ihrem älteren Freund trennt. Die Tochter geht nach Beendigung der Schule nach London und wird dort eine sehr erfolgreiche Sekretärin.
Sie heiratet nach Holland, bekommt zwei Kinder und läßt sich von ihren Mann Joop scheiden, nachdem er eine Psychose bekommt, die Kinder wollen es so.
Von Juttas Krebserkrankung, die eigentlich Dagmar heißen sollte, wie es sich der Vater, bevor er im Felde der Ehre liegengeblieben ist, wünschte, was die Mutter aber ignorierte, erfährt er durch die Mutter, die ist inzwischen in der Schweiz verheiratet oder verwitwet, hat ein paar Hunde und reist sofort nach Arnheim, wo ich den Tag verbrachte, als die Reakterkatastrophe von Tschenobyl passierte, bringt dort den Haushalt der Familie in Unordnung und als Bolius kommt, seine Schwester zu besuchen, holt Joop ihn ab.
Die Schwester ist abgemagert, das holländische Krankenhaus unterscheidet sich aber in seiner Atmosphäre von dem bei uns gewohnten. Die Schwestern sind freundlich, ihre Gehaltsforderungen hängen aber doch an der Eingangstür und Jutta hängt an Schleuchen trägt einen Turban und verbindet die Krebserkrankung, was ich nicht mehr glaube, daß es so ist, mit ihrem unglücklichen Leben.
Da ist erstens die Mutter, die ihr ihr das Leben vermurkste und dann die Tatsache, daß sie sich der Kinder willen, von ihrem kranken Mann trennte, was sie eigentlich gar nicht wollte.
Jutta will ihre Mutter nicht beim Begräbnis haben oder, daß sie gleich danach wieder abreist. Über das Wort Begräbnis und das “danach” wird nicht gesprochen oder nur von der Cousine gescherzt, daß sie sie von “drüben” grüßen soll und die Mutter stürzt zwölf Jahre nach Juttas Tod über eine Hundeleine und verstirbt daran.
Ein packendes Buch und ein ein sehr eindrucksvoller Bericht über das Sterben. Bei Amazon habe ich etwas über Sterbehilfe gelesen, das habe ich nicht so interpretiert. Das heutige Sterben und der heutige Stand der Krebsforschung wird auch sicher ein anderer sein.
Im Buch steht “Erzählung”. Ich denke wieder, daß es das ist, was die Amerikaner “Memoir” nennen und frage mich auch, wie es Uwe Bolius Schwester damit gehen würde, daß ich jetzt ein Buch über ihr Sterben lese?
Am Beginn des Buches steht eine Erzählung über die Mutter, die Uwe Bolius schon früher geschrieben hat und wenn ich mich nicht irre, in dem Buch enthalten ist, das ich 2004 mit ihm tauschte und im Gespräch mit der Schwester am Krankenbett wirft sie ihm vor, daß er so etwas Intimes veröffentlicht hat.
Es ist aber natürlich nicht falsch sich mit dem Tod und dem Sterben zu beschäftigen. Tun wir das ohnehin viel zu wenig. Die Schriftsteller sind da eine Ausnahme. So hat ja auch Julian Schutting über das Sterben seiner Mutter geschrieben und Elfriede Haslehner hat mir auch einmal einen solchen Text gebracht.