Bücheradventkalender

Dreiundzwanzigster Dezember neunzehn Uhr achtundfünfzig und das Weihnachtsfraukostüm, der rote Samtanzug und die Mützte mit der weißen Bommel flog in hohen Bogen in den Spind.
“Uff!”, seufzt Nika schon wieder in den Jeans und im schwarzen Pulli.
“Fast geschafft und nur noch morgen einmal bis zwei Uhr Nachmittag, als alter Mann mit Bauch verkleidet auf die Straße. Uff, seufz, stöhn und dann hinein in die Weihnachtsfreude, in die Ferien und danach in die Arbeitslosigkeit oder in das Institut zur Dissertation über den größten Grantler aller Zeiten, um zu Ostern als pelzigbraunes Häschen mit der Karotte und den Ostereierkörbchen aufzutreten. Der Herr Magister hat es mir versprochen! Aber zuerst noch einmal einen halben Tag lang Bonbons und Zuckerl verteilen und dann hinein in die Weihnachtsfreude!”, dachte sie weiter, schloß den Spind ab, steckte den Schlüßel in die Tasche ihrer blauen Jacke und setzte die eigene Mütze auf, die weiß mit einem roten Rand war und sinnigerweise so ein glitzernden Sternchen in der Mitte hatte. Es war aber keine Weihnachtsmütze, hatte sie sie sich doch schon im November aus einer Sonderangebotskiste eines dieser billigen Groschenläden gezogen, in denen man als umweltbewußte Person zwar nicht einkaufen sollte, einer prekär beschäftigten Studentin aber nicht viel anderes überblieb. Und ein Geschenk für die Schwester und die Eltern hatte sie auch noch zu besorgen und schön in Geschenkpapier zu verpacken. Sie selber sollte auch nicht zu kurz kommen, obwohl sie schon so müde war. Sehr müde war sie, da gab es keinen Zweifel, die Kinder und deren Mütter hatten sie an den letzten Wochenenden sehr genervt. Aber jetzt kamen die Weihnachtsfeiertage, da blieb der Weihnachtsfrauanzug im Kasten und sie konnte zu Hause im Bett liegen bleiben und ihre Bücher auflesen, beziehungsweise die Adventkalenderfenster öffnen, mit denen sie Weihnachtsfrau bedingt im Rückstand war und übermorgen am fünfundzwanzigsten Dezember, würde sie, wenn sie von dem elterlichen Festessen zurückgekommen war, zum offenen Bücherschrank gehen und sich selber eine Weihnachtsfreude machen, wie sie auch im Dezember an fast jeden Tag zu dieser Aktion zur Belebung des öffentliches Raumes hingegangen war und sich ein kostenloses Büchlein auf dem Schrank gezogen hatte. Das war nämlich heuer Nika Weihnachtsfrau literarischer Adventkalender, der Germnistin war nichts besseres einfgefallen, als sich seit ersten Dezember jeden Tag ein Buch aus dem Schrank zu ziehen und diese Ausbeute im Wohnzimmer neben dem Adventkranz aufzustapeln und auch jetzt würde sie zum Schrank gehen und sich das dreiundzwanzigste Buch, was es da wohl geben würde, aus dem Kasten nehmen, damit damit in die Badewanne und lesen, lesen, lesen!
Zweiundzwanzig andere lagen schon am Tischchen neben dem Adventkrank und die vielbeschäftigte Weihnachtsfrau war nicht dazu gekommen alle aufzulesen. An denEinkaufswochenenden war oft nicht einmal Zeit gewesen hineinzuschauen. Das würde dann ab übermorgen bis zum Jahreswechsel, den sie mit ihren Freunden und ihrer Schwester brav bei Sekt und Glühwein am Silvesterpfad verbringen würde, ein Festlesen werden. Würde sie doch ab fünfundzwanzigsten bis zum eindundreißigsten Dezember zu Hause bleiben und lesen lesen.
Morgen würde sie sich nach der Arbeit und dem Besorgen der Geschenke für die Schwester, sowie der Mama und des Papas sich noch ein Büchlein holen und am fünfundzwanzigsten soviele, wie sich finden ließen und dann lesen lesen lesen, im Bett, in der Badewanne bei Kerzenschein und sich zum Mittag eine schnelle Mahlzeit aus dem Eiskasten machen. Sie würde bis zum Silvestertag schon nicht verhungern und die liebe Mama würde ihr, da war sie sicher, auch die Reste des Weihnachtsschmauses und einen Berg duftender Weihnachtskekse mit einem Geschenkkorb voll Obst und Konserven, damit die lesewütige Tochter nicht verhungerte, mitgeben.
Lesen lesen lesen, was sollte eine Germanistin und Ex-Weihnachtsfrau denn anderes tun, bis sie sich wieder im April als Osterhäschen verkleiden würde.
Lesen lesen, auch wenn die kleinen Buchhändler stöhnen würden, weil Nika sich nicht an ihrer Bücher-Guerilla-Aktion gegen den bösen Internethändler beteiligte, sondern sich am Bücherschrank bediente und da ihren Adventkalender bis zum Jahresende in aller Ruhe auslesen würde, wenn niemand mehr “Mach mal schön Cheese, Mäxchen und gib der lieben Weihnachtsfrau die Hand!”, sagen würde.
Und die Vorfreude war ja bekanntlich die schönste, so würde sie sich auf den Clemens J. Setz freuen, der halbgelesen am Bettkästchen lag und jetzt hatte sie sich, ehe sie es sich versah, auch eine uralte Pearl S. Buck aus dem Schrank gezogen.
“So etwas lesen Sie, Fräulein!”, hatte der ältere Mann zwar verächtlich zu ihr gesagt, der sie dabei beobachtet hatte. Aber sie hatte fröhlich mit dem Kopf genickt und “Natürlich, warum nicht geantwortet?”
“Und Wolfgang Herrndorfs “Sand” wartet zu Hause noch auf mich, wenn Sie es genau wissen wollen, denn den habe ich gestern im Schrank gefunden und bin noch nicht zum lesen gekommen. Dafür habe ich Marlene Streeruwitz “Schmerzmacherin” und Rafael Chirbes “Krematorium” schon gelesen. Kennen Sie diese Bücher und haben Sie sie vielleicht selber in den Schrank gestellt, so daß ich Ihnen für die freundlichen Adventgaben herzlich danken kann!”, fragte sie fröhlich weiter, aber der Mann mit dem strengen Lehrerblick war schon verswunden.
So steckte sie Pearl S. Bucks “Gute Erde” fröhlich in den Rucksack und überlegte, was sie sonst im letzten Monat noch gefunden hatte und was auf dem Tisch im Wohnzimmer neben dem Advenzkranz noch auf sie wartete. Ein Bücheradventkalender war schon etwas Schönes und wenn sie nicht darauf vergaß, würde sie sich nächstes Jahr wieder einen solchen beschweren und jetzt hatte sie auch noch eine Idee bekommen. Wolfgang Herrndorfs “Sand” hatte sie im Schrank gefunden und morgen würde sie, im Kostüm der Weihnachtsfrau für die Schwester, wenn es sich ausging, daß sie damit rasch zum Libro laufen konnte und der es lagernd hatte, sein berühmtes Blogtagebuch “Arbeit und Struktur” besorgen. Denn um in Anna Jellers Fachgeschäft zu gehen, war eine Weihnachtsfrau zu beschäftigt. Aber jetzt rasch, rasch nach Hause. Sich selber einen Punsch aufbrühen, mit Rotwein, Orangensaft, Zimt und Nelken und sich dann mit dem Clemens J. Setz in die Badewanne legen. Ja, richtig ein Buch mit Weihnachtsgeschichten war am achten Dezember im Schrank gewesen, von denen sie noch nicht alle gelesen hatten, die würden morgen, übermorgen oder in den nächsten Tagen an die Reihe kommen.
Aus der Serie “Nika, Weihnachtsfrau”, die nächstes Jahr vielleicht ein Adventkalender werden wird. Ein Schmankerl gibt es davon schon jetzt zu finden und in den “Dreizehn Kapitel” wird es auch eines davon geben.

Frohe Weihnachten!

Irgendwann in diesem Jahr lag im Schrank etwas ganz Besonderes, nämlich ein kleines rotes Büchlein, mit Plastik überzogenen und einem Weihnachtsmann mit Sack und Pack und Christbaum am Cover.
“Wissenswertes und Unterhaltsames rund ums Weihnachtsfest” von einer Barbro Garenfeld, nähere Autorenangaben gibt es nicht, nur der Hinweis, daß alle Informationen und Rezepte des Buchs sorgfältig geprüft wurden, Autorin und Verlag aber nicht für eventuelle Fehler haften würden.
Also hinein in die Informationen rund ums Thema Weihnacht. Ehe ichs vergesse, herrlich nostalgisch bunte Illustrationen mit dem herzigen Christkindlein, etc, gibt es zu den einzelnen Abschnitten auch und am Anfang ein “Ex libris” Schildchen, wo man seinen Namen eintragen kann.
Dann kommt das Vorwort und ein Adventgedicht von Rainer Maria Rilke. “Es treibt der Wind im Winterwalde die Flockenherde wie ein Hirt”,bevor auf der nächsten Seite, zwei Dienstmädchen vielleicht mit ihren Binkerln und einem Regenschirm am Stand eines Weihnachtsmarktes zu sehen sind.
“Advent” heißt Ankunft” steht auf der vorigen Seite und auf der nächsten werden wir belehrt, woher der Adventkranz stammt, den es inzwischen in jedem Haushalt gibt.
“Vierundzwanzig Wartetage” heißt das nächste Kapitel und da geht es um die Adventkalender, die es inzwischen auch schon überall gibt, mit und ohne Schokolade, mit Geschenken zum Herausnehmen, zum Selberbasteln etc.
Der Ursprung geht auf den Verleger Gerhard Lang zurück, der 1904 den ersten gedruckten Adventkalender am deutschen Markt herausbrachte.
“Spekulatius und andere Spitzbuben” gibt es natürlich auch, wieder mit einem schönen Bildchen aus der vergangenen Zeit und den entsprechenden Rezepten zum Nachbacken.
Barbarazweige gibt es im Winter und die gehen auf die heilige Barbara zurück, wenn man am vierten Dezember Kirschzweige in die warme Stube stellt, beginnen sie zu blühen und das dazu passende Liedchen, “Es ist ein Ros entsprungen”, kann man auch gleich singen.
Dann natürlich die “Adventstimmung am Weihnachtsmarkt und den heiligen Nikolaus, der den Kindern Äpfeln, Nuß und Mandelkern bringt, nur leider oftmals mit dem Weihnachtsmann oder Santa Claus verwechselt wird und der wird oft mit Coca Cola zugeschrieben, beziehungsweise, hat sich diese Firma, den dicken Mann im roten Anzug mit der roten Nase für Werbezwecke ausgeborgt. Der heilige Nikolaus war aber ein Bischof und wurde früher auch vom Krampus begleitet und die Rutenstreiche sollten nicht Strafe, sonder Fruchtbarkeit bringen.
In Schweden zündet die heilige Lucia die Lichter an, das ist eine ähnliche Heilige, wie bei uns die Barbara und die Kinder tanzen um den Baum, beziehungsweise bringt am dreizehnten Dezember die jüngste Tochter im weißen Kleid das Licht in die Familie, wie wir spätestens aus den “Ikea-Katalogen” erfahren. Glögg trinken die Schweden dazu, da gibt es ein passendes Rezept, dazu wird “Lusekatter”, gegessen, auch zum Nachbacken empfohlen.
Dann gibts den “Tannenbaum” und Peter Rosegger hat dazu die passende Geschichte geschrieben und natürlich die Weihnachtskrippen, beziehungsweise den “Traum vom Christkind”, denn das gibt es ja auch neben dem Weihnachtsmann und dem Santa Claus, der mit seinen Renntieren vom Norden kommt, am Nordpol oder in Grönland lebt und mit seinem dicken Bauch oft im Kamin stecken bleibt.
Wer die “Weihnachtsgeschichte”, Lukas 2 1-20, für den Christbaum haben will, kann sie auf Seite vierundvierzig lesen.
“Es begab sich aber zu der Zeit…”
Und ums Schenken und Beschenktwerden geht es zu Weihnachten natürlich auch. Da schreibt man sein Brieferl ans Christkind und kann es zum Beispiels ans Sonderpostamt “Christkindl” in Steyr schicken, wo es bearbeitet wird, falls es von der Post noch nicht eingespart und wegrationalisiert wurde, was dann wohl ein Fall wäre, wo Verlag und Autorin keine Haftung übernehmen.
“Gibt es einen Weihnachtsmann?” hat 1897 Virginia O Hanlon die “New York Sun” gefragt und der Herausgbber hat ihr das so schön beantwortet, daß sein Brief jedes Jahr, bis 1950, als die Zeitung eingestellt wurde, auf der Titelseite abgedruckt wurde.
Und das berühmte “Stille Nacht, heilige Nacht”, inzwischen schon in alle Sprachen übersetzt, kommt aus Österreich und wurde 1818 von H.Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber getextet und komponiert.
Dann gibt es noch wissenswertes zum “Heiligen Abend, dem ersten und den zweiten Weihnachtsfeiertag”, mit der Aufzählung der Rezepte, was wann und wo die Leute essen und wann wer die Geschenke bekommt. In Spanien und in Italien erst ein paar Tage später, in Portugal können sich die Kinder schon früher freuen und Bratäpfel mit Schneehaube” schmecken sicher allen gut. Man muß die Äpfel mit Preiselbeeren und Rum füllen, mit Butter bestreichen, in eine feuerfest Form geben und zwanzig Minuten bei 200 Grad braten, bevor man ihnen eine Schneehaube aufsetzt.
Und so habe ich mich durch das kleine Büchlein geschmökert, das selbst ein schönes Geschenk und Anblick ist und viel wissenswertes über Weihnachten erfahren, das für mich, obwohl ich ja nicht glaube und auch kein Konsumtyp bin, nicht zuletzt dank der vielen Weihnachtsbücher, die sich in den offenen Bücherschränken finden lassen, für mich immer etwas Schönes ist.