Ein Tag mit Gustav Ernst und Erich Klein

Am Mittwoch wurden die Kultur- und Ehrenpreise der Stadt Wien vergeben und Gustav Ernst hat den für Literatur, Erich Klein den für Publizistik bekommen, eine Gelegenheit, da die beiden auch am Abend in der neuen MUSA-Reihe lesen werden, einen Blogbeitrag Gustav Ernst zu widmen, den ich ja, glaube ich, schon von den Anfängen meiner Beschäftigung mit Literatur kenne.
Seit den Siebzigerjahren aus “Wespennest” seiner Autorenreihe, die er, damals glaube ich, hatte, zumindest ist “Einsame Klasse” in einem Autorenverlag herausgekommen und ich habe damals meine Texte ja noch sehr herumgeschickt und 1980, glaube ich, bei dieser “Literatureck-Reihe” in der “Alten Schmiede” gelesen, wo alle lesen durfte und die “Alte Schmiede” zwei Diskutanten zur Verfügung stellten, die darüber sprachen.
Bei mir waren das Marie Therese Kerschbaumer und Gustav Ernst und weil Gustav Ernst in Wien auch viel literarisch unterwegs ist, sehe ich ihn öfter bei Literaturveranstaltungen. Ich habe einige seiner Bücher gelesen und in letzter Zeit schenkt er mir auch seine “Kolik-Ausgaben”.
So habe ich ihm bei der “Priessnitz-Preisverleihung an Anna Weidenholzer” Ende Oktober darauf angesprochen, daß ich gerne zu derPr4eisverleihung, die Nachricht habe ich www.buecher.at entnommen, bzw. hat sie mir, glaube ich “Kolik” geschickt, kommen möchte.
“Elf Uhr, Wappensaal”, hat er mir gesagt und bei der “Buch-Wien Eröffnung” hat mir Julia Danielczyk auch ein “Musa-Programm” und ihre Mailadresse in die Hand gedrückt.
Als ich knapp vor elf mit dem “Literaturgeflüster-Texte-Buch” den Wappensaal erreichte, hat gerade eine Bedienerin, die Rathausstiegentür geschlossen und ein Herr mich in den Wappensaal hineingelassen, wo Gustav Ernst gerade eine Rede hielt, wie das so mit den Verlagen und der Literatur ist, daß nur mehr junge attraktive Frauen eine Chance haben und mittlere Verlage ihre Produktionen einstellen, weil die Leute nicht mehr soviel lesen und das Feuilleton nur mehr einige wenige Starautoren ununderbrochen feiert, während die anderen, der Rest ohne die Stipendien und Preise, der Stadt Wien, zum Beispiel verhungern würde.
Aber von denen der Stadt Wien können auch nicht alle leben, gibt es ja nur vier und zweihundert reichen darum ein und dann gibt es ja noch die, wie mich zum Beispiel, die das gar nicht mehr tun und trotzdem schreiben.
Gustav Ernst wünscht sich einen österreichischen Buchpreis, eine gute Idee finde ich, obwohl den wahrscheinlich Daniel Kehlmann, Thomas Glavinic und Michael Köhlmeier und zur Not vielleicht noch Peter Henisch oder Gustav Ernst gewinnen würden und mehr Stipendien, auch sehr gut.
Dann kam der Hofrat Denscher, stellte die Preisträger vor und das waren zwölf, denn es wurden auch die Preise für Architektur, bildende Kunst, Musik und sogar für Wissenschaft und Volksbildung mitvergeben. Dann kam die Übergabe mit der Urkunde und dem Blumenstrauß und danach Erich Klein mit der Dankesrede, der sich glaube ich, mit der Frage beschäftigte, was Literaturpreise für das Nachkriegsösterreich bedeuten, weil es die “Preise der Stadt Wien” seit 1949 gibt.
Danach wars festlich mit Wein, Brötchen und Süßen und SiSi Glockner ist begeistert auf mich zugekommen, ansonsten waren nur wenige literarische Bekannte zu sehen, was vielleicht dadurch verständlich ist, das nur ein Preis für Literatur und ich glaube vier für die bildende Kunst, vergeben wurden.
Friedrich Achleitner ist aber, wie ich zu spät gekommen und hatte wohl auch die ursprüngliche Beginnszeit. Sonst waren Daniela Strigl, Alexandra Millner, Robert Huez vom Literaturhaus da, den ich gleich mein Literaturgeflüster-Texte-Buch” zeigen konnte, für das ich ja gerne eine Literaturhausrezension haben will und wenn es geht, eine in der “Kolik”, auf jeden Fall habe ich das Buch Gustav Ernst mitgebracht, er kommt ja in meinen Blog öfter vor, im Buch, wo eher die literarischen Texte enthalten sind, glaube ich, nicht soviel Walter Famler war, glaube ich, auch noch da und natürlich Julia Danielczyk, Karin Fleischanderl und und und.
Am Abend ist es dann im “Musa” mit den Lesungen der beiden Preisträger weitergegangen. Seit Oktober gibt es ja diese Veranstaltung wo am ersten Mittwoch im Montag die Preisträger und Stipendiaten der Stadt Wien vorgestellt werden schon und ich finde das sehr toll und denke auch, daß der Steuerzahler ein Recht hat zu wissen, was mit seinem Steuergeld passiert und wer davon gefördert wird, obwohl ich schon weiß, daß das die meisten Leute höchstwahrscheinlich nicht sehr interessiert.
Mich aber schon und so bin ich nach meiner Diagnostik und einer neuerlichen Aussendung meines “Literaturgeflüster-Texte-Buch” und einem davon in der Tasche, das ich eventuell Julia Danielczyck geben wollte, in die Felderstraße marschiert. Gegeben habe ich das Buch dann Herbert J. Wimmer, der bei den Gästen war und Julia Danielczyck erklärte in ihrer Einleitung, daß es diesmal um Utopien, die Siebziger Jahre und die politischen Veränderungen gehen würde.
Erich Klein begann mit seiner Leseung und der in NÖ geborene Publizist und Übersetzer, den ich ich von den “Literatur im Herbst” Veranstaltungen kenne, der in den Neunzigerjahren zehn Jahre in Moskau lebte, las einen Essay darüber, der im “Wespennest” erschienen ist, der die Revolutionen von 1991 und 1993 schilderte, wo nach dem Freiheitsgefühl, die Panzer durch die Gegend schoßen, sich die Leute auf den Boden legten und von den Passanten als betrunken, bekifft oder verrückt verlacht wurden.
Dann kam Gustav Ernst und der las, was mich besonders freute, nicht aus “Grundlsee”, was ich eigentlich erwartet hatte, sondern aus “Einsame Klasse”, seinem 1979 zuerst erschienenen Roman, den ich mir damals auch kaufte und gelesen habe.
“Deuticke” hat ihn 1996 noch einmal aufgelegt, jetzt ist er vergriffen, Gustav Ernst las aber drei Stellen daraus vor, die erste handelt davon, daß sich die beiden Protagonisten, ihresgleichen Schriftsteller, erkundigen, wer heuer den “Preis der Stadt Wien” gewonnen hat?
Gustav Ernst natürlich und der hat fast fünfundzwanzig Jahre dazu gebraucht, kam in der zweiten Stelle als besonders begnadeter “Wichser” vor und dann auch noch die Symbolisten Nicolas Born und Peter Handke, die es neben den Realisten wie Scharang, Innerhofer, Wolfsgruber etc, auch gegeben hat. Außerdem handelt der Roman auch von der “Arena-Bewegung” 1976, dem Feminismus und noch viel anderem.
Ich sollte das Buch, das ich in Harland stehen habe, noch einmal lesen, aber dazu fehlt mir die Zeit und so kann ich mich nur auf die Diskussion konzentrieren, wo sich Julia Danielcyck nach den Utopien und dem Feminismus jeder Zeit erkundigte.
Der später geborene Erich Klein, der damals wohl noch zur Schule gegangen ist, war da sehr skeptisch und hat an die Dissidenten gedachte, die damals über Wien in die USA integrierten und sich über die Studentinnen geärgert, die während seiner Studienzeit strickten und ich denke, daß sich die Utopien, die ich damals hatte “Ich will den Nobelpreis für Literatur, aber zumindestens einen Preis der Stadt Wien bekommen!”, in Resignation umgewandelt haben, aber dann ging es schon zum Small Talk, zum Brot und Wein.
Daniela Strigl war da, Andrea Grill, Judith Nika Pfeifer, Günter Kaindlsdorfer und natürlich noch viele andere und wir haben inzwischen das “Literaturgeflüster-Texte-Buch” fotografiert, so daß ich noch einen diesbezüglichen Promotionsartikel schreiben kann, das mir auch sehr wichtig ist und, wie, ich glaube, das literarische Wien der letzten fünf Jahre sehr gut dokumentiert.

Elfriede Jelinek spielt Gameboy

Andrea Stifts gesammelte Geschichten von 2005 bis 2011, in der “Edition Keiper” erschienen, in einem Vorwort erzählt die 1976 in der Steiermark geborene Autorin von den Schwierigkeiten solche Geschichten zu sammeln und herauszugeben. Wie soll man sie in einem Erzählband zusammenfassen, wenn sie nicht viel miteinander zu tun haben?
Andrea Stift entschied sich für die Dreiteilung “Dunkel” – “Schunkel” und “Furunkel” und beginnt in der Abteilung “Dunkel” mit dem Ernst des Lebens, der uns wahrscheinlich nicht nur in der Südsteiermark sondern auch überall sonst auf der Welt passieren kann.
Da sind zwei über fünfzig, haben drei Kinder, ein halbfertiges Haus und einen Kredit, der ihnen im Nacken sitzt und sie zusammenschmiedet, obwohl sie sich sonst nicht mehr riechen und auch nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.
Das ist ist die erste Geschichte, mit “Am nächsten Morgen eine grausige Entdeckung” geht es gleich weiter mit den Familienidyllen, denn das ist einer Exekuter und muß in die Sozialwohnungen, den Fernseher pfänden, weil die Alleinerziehenden Mamis nichts als das Bestellen aus Versandkatologen im Kopf haben. Manchmal kommt er auch in bessere Gegenden, wenn ihm da niemand öffnet, seufzt er auf, ruft die Polizei und den Schlüßeldienst und manchmal findet man dann in der teuren unbezahlten Wohnung, wo die Fliesen im Badezimmer noch nicht aufgeklebt sind drei Leichen.
Ja, Andrea Stift hat nicht eine sehr poetische, sondern auch eine sehr realistische Sprache, legt die Finger in die Wunden der Idyllen der Südsteiermark und beschäftigt sich, als “Ohrenschmaus-Jurorin” und wahrscheinlich auch sonst sehr verständlich auch viel mit Behinderten, die in der schönen Steiermark zuerst intregriert, wenn es das Behindertenprogramm zuläßt, dann aber als unbezahlte Arbeitskräfte in den Wirtshäusern und den Weinkellern auch ordentlich ausgenützt und geschwängert werden sie obendrein auch noch oft auch.
Am Stammtisch der Kindergärten, wo sich die besser situierten und auch anderen Mamis wöchentlich treffen wird auch darüber geredet. Denn da gibt es eine Supermutter, die ihrer Petra mit Down-Syndrom, mongoloid darf man nicht mehr sagen, denn da haben sich die Mongolen dagegen aufgeregt, schon vorzeitig mit viel Mühe und Aufwand das Lesen beigebracht, immer ein bißchen am Limit voraus, hat und dann findet eine andere Mami, ehemalige Sprechstundenhilfe eines Gynäkologen, bevor er sie geschwängert und geheiratet hat und nun mit der anderen Hilfe auf Kongreße fährt, heraus, daß die Supermami ihn auf Unterhalt klagte, weil er vergessen hat, sie auf die Behinderung bzw. die entsprechende Untersuchung hinzuweisen, das ist, denke ich ein realer Fall und leider so passiert, daß Behinderung als Störfall gilt, fortan sprechen die anderen Frauen nicht mehr mit ihr.
Aber auch die Geschichte von dem “Priesteraltersheim”, wohin Schriftsteller über achtzig zwangsweise deportiert werden, weil sie vorher dem Staat für Stipendien alle ihre Werke überschrieben haben, ist zwar ein bißchen skurril überhoben, entbehrt aber wahrscheinlich nicht die Realität des Schriftstellerlebens und kann uns in der direkten Sprache das Gruseln lehren.
Weiter geht es mit dem Trinken, die eher Jungen tun es und stinken dann so stark in der U-Bahn, daß sich niemand zu ihnen setzt und der Luis der Gelegenheitsarbeiter am Land der für ein zwei Flaschen Weinbrandt für jede Arbeit zu haben ist, bis ihn dann so sehr der Krebs erwischt, daß er sich erhängt. Die Kinder entdecken ihm beim Fußballspielen, die Väter holen ihn von der Wäscheleine herunter.
“Einmal Villach -Lilienfeld, Bitte”, habe ich schon in der “Alten Schmiede” bei den “Bedenklichen Beziehungen” gehört, als ich dort meine “Sevim”, Andrea Stift ihren Erzählband vorstellte. Und dunkel geht es auch in den neuerbauten Häusern zu, die Lehrer für ihre Kinder bauen und die Töchter dann des Nachts in einer Kiste, die man sich wohl als Sarg vorstellen muß, wem wunderts, daß dann Verhaltensstörungen entstehen, die auch wohl “Pia” hat, die sich schneidet und in der Psychiatrie auf Medikamente eingestellt wird, so daß man mit ihr die Hölle erlebt.
In der Abteilung “Furunkel” beschäftigt sich Andrea Stift mit dem, das Samuel Beckett angeblich am Hintern hatte und beweist in brillant satirischer Art, daß man auch über einen Dichter einen Text schreiben kann, zu dem einer nichts einfällt.
Sonst gehts um Sex in der Abteilung, sowohl um den mit Männern, als auch mit einem Auto und in “Fremder Welt” träumt die Mutter von einem Fick mit einem Schauspieler und bringt sich danach um, die Tochter sucht Kontakt mit dem Schauspieler, der Vater heiratet eine Feuerwehrfrau, der Sohn errät alle Träume und verschenkt sein letztes Geld und der Vater verbrennt sich in seinem Gartenhäuschen, als ihm die Tochter den Schauspieler vorstellen will.
Die beeindruckenste Gescvhichte für mich war aber “Haben wollen”, da fährt die Murschak jeden Samstag mit einem Fahrrad zu einem kleinen Haus am Waldrand, das sie unbedingt besitzen will und das einen kleinen Mann gehört. Die Murschak hat Geld, hat sie doch schon drei Männer unter die Erde, beziehungsweise zu einem Schlaganfall gebracht und offenbar Zeit, so setzt sie sich vor das Haus und jausnet und nachher fallen die Nüße und die Äpfel vom Baum, das Gras verdörrt, der Holunder geht ein, so daß der kleine Mann bei der “Hexe” zur Selbsthilfe greifen muß, jetzt kann man die ja nicht mehr einfach anzeigen und am Scheiterhaufen verbrennen lassen, also muß der Flobert des Großvaters her, was auch gelingt, nur leider trifft der letzte Schuß ihn selbst, so daß auch er verstirbt.
“Schunkel” sind die lustigen Geschichten, aber so lustig ist die, wo die Protagonistin, Schriftstellerin, die offensichtlich, ob der biografischen Angaben, Andrea Stift selber ist, eine Stunde zu spät von der Lesung in der “Gesellschaft für Literatur” in Wien, nach Graz kommt, wo die zwei Söhne warten und sich außerdem noch einen tollen Titel für eine tolle Geschichte, mit der sie den nächsten Wettbewerb gewinnt, um als Schriftstellerin überleben zu können, einfallen lassen muß, nicht.
“Elfriede Jelinek spielt Gameboy”, fällt ihr dann ein und im Vorwort kann man noch lesen, daß die Nobelpreisträgerin Andrea Stift versichert hat, noch nie damit gespielt zu haben.
Dazu passt noch die “Furunkel-Geschichte” “Nicaragua wohltemperiert” von einer Lesereise mit Andreas Unterweger und Sonja Harter zum dortigen Poetenfestival. Wo die Leute von der Poesia sehr begeistert sind, laut “Viva!”, brüllen, die freundliche Polizei aber vor dem Eingang steht, um die bettelnden Kinder zu vertreiben und die weniger freundlichere ein paar Dörfer weiter. Da würde auch ich mich nach dem Sinn eines solches Festivals fragen, obwohl ich zu einem solchen auch gern eingeladen werden würde, aber ich schreibe ja keine Poesia.
In “Schunkel”, das ich, wie gesagt gar nicht immer so lustig empfunden habe, geht es noch einmal ums Auto, beziehungsweise ums Fahren lernen und um die Frage, warum die meisten Schriftsteller kein solches haben?
Die Geschichte von dem Vater der zum Autorennspielen zur Tochter kommt, weil die ihm, um seinen Pensionsschock zu mildern ein solches kaufte, er aber keinen Computer hat und dann in ihrer Verzweiflung, der Schwester auch ein solches schenkt, verlautet, daß es bei ihr viel bequemer ist und sich dann wundert, daß die nicht mehr mit ihr redet, würde ich aber als ganz lustig bezeichnen.
Dann gibt es noch eine über “Parcelsus”, über eine “Slowenienreise”, über den “Tomatenfisch” und dann noch eine höchst satirische, über die Zahnspange, die den Mund der Schriftstellerin für einige Zeit entstellte und auch sonst zu Komplikationen führte.
Höchst interessante, satirische, bitter böse, aber auch sicher realistische Texte, die zum Teil schon in Zeitschriften, wie den “Mansukripten” veröffentlicht wurden und deren Lektüre ich nur sehr empfehlen kann.