Nachruf auf Rolf Schwendter

Rolf Schwendter

Volksstimmefest 2012

Rolf Schwendter

Osterspaziergang 2012

Der Montag war wieder so etwas wie ein literarischer Tag, manchmal fühle ich mich zwischen den Veranstaltungsbesuchen, den Bücherbergen und dem Bloglesen bzw. kommentieren, weit weg davon, am Vormittag hat aber Ruth Aspöck angerufen und mir von den “Literatur und Text Tagen” erzählt, die inzwischen in Strobl am Wolfgangssee stattfinden und an denen sie teilgenommen hat, dann meldete sich Doris Nussbauer vom “Werkl” mit der Mitteilung, daß sie die von der Verramschung bedrohte erste Lise Meitner Anthologie aufgekauft hat und eine Lesung im Herbst oder am Frauentag machen will. Ein Portrait will sie auch von mir bringen.
Dann bekam ich noch einen Kommentar bezüglich meines St. Pöltner Buchhandlungstag mit ein paar Mitteilungen zu Milena Michiko Flasars “Ich nannte ihn Krawatte”, ich schrieb mein zweites Kapitel mit einem Nachruf oder Lebenslauf auf den in Wien geborenen Sinologen Ernst Schwarz, den die Nazis nach Schanghai brachten und der dann in der DDR spionierte, bevor er wieder nach Österreich kam und in Münichsreith 2003 verstarb. Dann schickte mir Alfred die Nachricht des Tages, Rolf Schwendter ist am Sonntag In Kassel verstorben und ich war sehr betroffen, obwohl Rolf Schwendter ja sehr krank gewesen ist. Um Weihnachten lag er auf der Intensivstation, dann schien es ihm kurzfristig besser zu gehen und ich habe nachgedacht, ich habe ihm nicht am “Tag der Freiheit des Wortes” das letzte Mal gesehen, sondern wahrscheinlich bei Ruth Aspöcks Lesetheateraufführung von Elisabeth Freundlichs “Im Steingebierg”.

Rolf Schwendter

Osterspaziergang 2012

Am Abend habe ich mich am Abend mit der Ruth und dem Alfred am Rathausplatz getroffen, die es auch schon wußte, jetzt braucht die GAV einen neuen Präsidenten und das Volksstimmefest, dessen Programm Christoph Kepplinger, dann am Abend schickte, hat einen Leser weniger und die Ballade zum Thema “Ausverkauf” wird uns auch abgehen.
Als Arthur West 2000 im August gestorben ist, hat Helmuth Rizy vorgeschlagen, daß jeder der Lesenden vor oder nachher sein Lieblingsgedicht bringt, das wäre auch eine Idee, obwohl der 1939 in der Wiener Hasnerstraße geborene, wie ich in den Nachrufen las, eine große Menge Texte und noch viel mehr Unveröffentlichtes hinterlassen hat. Die Ruth hat mir von kleinen Heften, die sich sich stoßweise in seiner Wohnung befinden sollen, erzählt und die schwer zu transkribieren wären, denn Rolf Schwendeter war ja einer, der alles mit der Hand geschrieben hat, Telefon und seine Nachfolgermedien ablehnte und einer der gescheitesten Menschen, die mir je begegnet sind.
Ich habe ihn, den GAV-Präsidenten wahrscheinlich in der GAV kennengelernt und bin ihm immer wieder begegnet, hat er ja nicht nur erste Wiener Lesetheater gegründet, den Tag der Lyrik organisiert, die Poet-Night und und und.

Die Poet-Night wird es vielleicht nicht mehr geben, ist mir am Abend eingefallen, wieder eine Veranstaltung weniger, bei der ich dann nicht lesen kann und ich habe Rolf Schwendter, den ich auch beim “Tag der Freiheit des Wortes” immer wieder getroffen habe, auch immer wieder erzählt, wie sehr ich darunter leide, daß ich von diesem Literaturbetrieb noch nicht entdeckt wurde. Er hat es, glaube ich, verstanden und mich 2009 als der Osterspaziergang durch Margareten ging, sehr viel lesen lassen, über Paul Wimmer, Jeannie Ebner, Jura Soyfer und und und…

Ilse Kilic, Rolf Schwendter

Amerlinghaus 2010

Ja, richtig den Osterspaziergang wird es vielleicht auch nicht mehr geben und die handgeschriebenen Schnipsel bei den Lesetheateraussendungen. Denn wer bitte schreibt heute noch mit der Hand und ist telefonisch nur nach Mitternacht bis zwei Uhr früh zu erreichen, wenn man etwas für das Lesetheater organisieren will.
Der Rolf war auch ein Katzenfan und dreifacher Doktor, ein Herr Professor, obwohl er nicht so ausgesehen hat, einer der alternativsten und intellektuellsten Menschen, der von Wien nach Kassel und zurück hin und hergependelt ist. Devianzforscher und Autor von Kochbüchern “Arme essen – Reiche speisen”,”Psalter”, die Katertotenlieder” “Von der Unmöglichkeit zu Telefonieren”, sind einige seiner gedruckten Werke, wie schon erwähnt, das meiste soll unveröffentlicht sein.

Ruth Aspöck hat ein Buch über das Lesetheater herausgebracht und bei ihr in ihrem Haus im Mühlviertel, gab es auch eine Lesung, an die ich mich erinnern kann, weil ein Foto davon, das Cover des Buches bildet. Feste hat es gegeben um sechzigsten, fünfundsechzigsten, siebzigsten Geburtstag und viele viele Veranstaltungen. Beim Alltäglichen Leben zu der mich Ilse Kilic mit dem Literaturgeflüster eingeladen hat, haben wir zusammengelesen. 2002 hat er den Tag der Freiheit des Wortes organisert und immer ein Gedicht dafür geschrieben.

Rolf Schwendter

Siebenstern PoetNight 2009

Den Katzenfasching hat Susanne Schneider, glaube ich, für ihn organisiert.
Er ist sehr krank gewesen und hat seiner alternativen Lebensform wohl auch nicht sehr auf sich geschaut, so habe ich es in einem der Nachrufe gelesen, er hat aber zu trinken aufgehört, zu rauchen und auch sehr viel zu essen. Früher war er, glaube ich, dafür bekannt, daß er zwei oder drei Hauptspeisen hintereinander verzehren konnte und wenn es Streit gab, ist er immer vermittelnd und ausgleichend aufgetreten.
Jetzt braucht die GAV einen neuen Präsidenten mit der Ruth Aspöck habe ich mich ein bißchen darüber unterhalten, wer das werden könnte? Die Petra Ganglbauer oder die Erika Kronabittner vielleicht, denn Präsidentinnen braucht das Land. Ein berühmter Name, wie Robert Schindel wäre aber auch ganz gut, aber erst einmal wird er uns sehr fehlen.
Wer bitte wird beim Volksstimmefest den Abschluß machen, wiegend und singend oder vielleicht die Maultrommel spielend uns vom Ausverkauf in diesem Land erzählen?
Und hier ein Nachruf von der Wiener Zeitung mit einem Bild, das der Alfred am letzten Volksstimmefest gemacht hat.

Ein Stadtschreibertext

20130721-185156

20130721-185232

Xenia hatte das Handy in der Hand und blickte Hubert an, ihren Mann, ihren Gatten, ihren Liebsten, angetraut seit fast fünfzig Jahren und sie würde in drei Monaten ihren Siebziger feiern. Ja, damals heiratete man noch so jung. Damals vor fünfzig Jahren, als sie gerade zwanzig und mit dem College fertig war. Da war sie ein bißchen in die Welt gereist. Das heißt nach Capri an den Strand gefahren, wie man das in den Sechzigerjahren so machte und dort Hubert kennengelernt, der aus Wagram stammte. Sie kam aus Spratzern und wohnte noch bei ihren Eltern. Jetzt besaßen sie ein Haus am Mühlenweg und Hubert hatte Krebs diagnostiziert bekommen.
Dabei sah man ihm das gar nicht an, wie er so da saß in seinem dunkelbrauen Hemd, die weiße Baseball Kappe auf den kurzen Haaren und seiner tief gebräunten Haut. Fast strahlend sah er sie an, daß sie es gar nicht glauben konnte und hoffte Norbert hätte sich geirrt. Aber Norbert, ihr ältester, der auch schon bald fünfzig wurde, genaugenommen in einem knappen Jahr, irrte sich nie und galt als anerkannter Onkologe und ausgezeichneter Diagnostiker im Landeskrankenhaus. Also würde es schon stimmen und das trieb ihr die Tränen in die Augen, während Hubert, sie tapfer anzulächeln versuchte, obwohl es ihm bestimmt genauso beschißen ging. Was sollte sie ohne ihn beginnen? Also tapfer zurücklächeln. Theaterspielen und nach dem Handy greifen.

20130721-185257

20130721-185318

“Hallo, Mony, bist du dran?”, rief sie die Freundin an.
“Kommst du auf den Rathausplatz? Ich sitze mit dem Hubert noch in der Cafebar am Markt, aber nachher kommen wir dorthin auf ein paar Scampi und ein Eis und treffen dort die Ilona. Der Norbert ist noch im Krankenhaus und wir waren einkaufen!”, rief sie scheinbar munter und spürte Tränen aufsteigen.
Hubert lächelte sie beruhigend an.
“Du bist so schön, Xenia!”, behauptete er. Sie nickte und glaubte es ihm nicht.
“Der Strohhut steht dir ausgezeichnet. Da schaust du jung und frisch aus, wie du es damals am Strand von Capri, am Mittelmeer in bella Italia warst, erinnerst du dich noch?”
“Oder wie damals in der Manhattenbar!”, setzte sie in dem Versuch tapfer zu sein, hinzu.
“Komm trink den Caffe Latte aus. Wir sollten gehen. Ich muß meine Medikamente nehmen!”, sagte er und sie nickte erneut.
Der Knödel war wieder da, würgte im Hals und überhaupt und ließ sich nicht vertreiben.
“Geht es dir gut?”, fragte er, der sie kannte. Sie nickte wieder und wußte, daß die Ilona und die Mony auf sie warten mußten, denn sie würden in das Haus am Mühlweg gehen, wo Hubert seine Infusion und Tabletten brauchte.
“Du bist schön, wie ein junges Mädchen, Xenia, weißt du das?”, wiederholte er fast drängend und sie nickte erneut und schmiegte sich an ihm. Das war jetzt schon ehrlicher und es war ihr auch egal, was die Leute denken würden.
Ihre Apothekerin fuhr mit dem Fahrrad an Ihnen vorüber und grüßte freundlich.
“Geht es Ihnen gut, Frau Richter?”, rief sie fröhlich und radelte weiter. Wieder hatte sie genickt und das Handy in ihre Tasche vergraben. Ilona und Mony konnten warten.