Der Fall des Ökonomen

Das dritte Buch des viereinhalb Tage Lesemarathon führte mich nach Ungarn, in das Budapest von 1962 bis 2006 und mit dem Fahrrad an der Traisen bis zu den Seen, den Naturlehrpfad und damTraisencenter.  György Dalos “Der Fall des Ökonomen” kannte ich auch schon ein bißchen, habe ich von dem Buch doch, glaube ich, auf der Buch-Wien und oder in Leipzig etwas gehört, war bei einer Lesung in der “Alten Schmiede” und bei “Literatur und Wein” in Göttweig und da hat es mir der Alfred auch gekauft.
Ein interessantes Buch berührt es ja viele Themen, die mich auch beschäftigen und über die ich mehr oder weniger dicht und spannend, der 1943 in Budapest geborene und in Berlin lebende Autor, der glaube ich, auch mit Ditha Brickwell befreundet ist, hat ja eine eigene unverwechselbare Sprache, auch schon geschrieben habe.
Es geht um Gabor Kolozs und beginnt 2001 mit dem Tod des Vaters, bei dem und von dem der Ökonom, er hat nach dem Gymnasium in Moskaus Ökonomie studiert, nach dem Tod der Mutter, alleine lebt, hat der Vater als Holocaustüberlebender, er war in Mauthausen, ist von dort zerbrochen zurückgekommen und konnte seinen Arztberuf nie wieder ausüben, von einer Schweizer Stiftung doch eine monatliche Wiedergutmachungsrente und die jüdische Gemeinde versorgt ihm mit dem Mittagessen.
Davon haben Sohn und Vater gelebt, denn der Ökonom ist seit der Wende arbeitslos, erstmal ist er auch schon über Sechzig und dann braucht man in dem neoliberalen Budapest weder seine sozialistische Ökonomie noch seine Russischkenntnis.
Der Sohn begräbt den Vater also in dem schon vorausbezahlten Grab in Kosice, von dort kommen die Eltern her, die Mutter ist schon begraben und vergißt den Personalausweis des Vaters abzugeben und der Brief, den er an die Stiftung schickt, bekommt er zurück, was ihn auf die Idee bringt, bis 2007, wo er eine staatliche Rente bekommt, den Tod des Vaters zu verheimlichen, um weiter die Rente und das Mittagessen zu bekommen, um zu überleben.
Dann geht es in das Jahr 12962, also in den Sozialismus, Gabor, der zuerst Schulschwiergkeiten hatte, ist jetzt ein guter Schüler und wird zum Studium nach Moskau vorgeschlagen werden, eigentlich will er Puschikinforscher werden, aber Marx und Engels tun es schließlich auch. Dann wird er Assistent eines Professors und heiratet Marta, um Sex mit ihr zu treiben, weil in der schäbigen Wohnung seiner Eltern ist kein Platz und die der ihren zwar groß genug, aber ohne Trauschein darf er dorthin nicht kommen. Also läßt sich der Unentschlossene, die Ehe hält aber nicht lang, weil als sie nach Krakau auf Hochzeitsreise wollen, gerade die Russen in die CSSR einmarschien und die Züge daher nicht fahren. Nach der Wende wird Gabor eine Zeit lang Paralentarier und verdient genug, um sich eine eigene Wohnung zu leisten, in der eines Freundes der in Pars arbeitete, hat er auch einige Zeit gewohnt. Als es mit der Partei nicht klappt, zieht er wieder zu den Eltern und bewirbt sich “zwischen 1995 und 2001 rund vierhundertmal als Manager, Lehrer, Dolmetscher, Telefonist, Hausmeister, Hotelportier etc und wird überall abgelehnt”, so daß er sich mit dem Vater das Essen teilt und am Abend auf seinen alten Computer zwei Stunden die schönsten Reisen an allen Orten der Welt plant, denn früher hatte er keinen Paß dazu, jetzt hat er den, das Geld ist aber nicht da.
Nach dem Tod des Vaters nehmen Gabors finanziellen Schwiergkeiten zu, das Haus ist renoverungsbedürftg, die Waschmaschine geht ein, die Schuhe haben Löcher und und und als noch der Computer draufgeht beschließt Gabor schweren Herzens, den Tod des Vaters noch einmal für ein Jahr aufzuschieben, was ihn aber auch in Schwierigkeiten bringt, denn bald würde der Vater hundert und da schickt die Stiftung ein Fernsehteam, um ihren ältesten Holocaustüberlebenden zu interviewen.
Ein sehr interessantes und dichtes Buch in dem György Dalos mit feiner Ironie Kritik am Sozialismus und wahrscheinlich auch am neoliberalen Orban-Budapest übt, das seine Ökonomen und Intellektuellen in das soziale Elend treibt. Jetzt verstehe ich auch, warum sich Gabor nicht einfach an das AMS wendet, sondern einen Betrug begeht, das habe ich György Dalos damals in der “Alten Schmiede” ja gefragt. Das ist die Überhebung, ist das Ganze ja ein Schelmenroman, nicht chronologsich geschrieben, sondern springt zeitlich hin und her. Am dichtesten habe ich die Stellen empfunden, wo Gabor seinen Vater begräbt und nach und nach seinen Tod verheimlicht und von György Dalos, den ich ja immer wieder bei Lesungen sehe, habe ich einmal in Andalusien im heißen Zelt “Der Versteckspieler” gelesen, das mich auch sehr beeindruckt hat, weil es ebenfalls, um einen “sympathischen Taugenichts im ungarischen Kommunsmus zwischen Anpassung und Widerstand geht.”

Mängelexemplar

Nun kommt die Besprechung eines Buches mit Themen, die mir eigentlich sehr bekannt sein müßten und die mich doch am Anfang etwas ratlos machten und ich hätte dem Roman bis etwa zur Mitte zwei Deutungen geben können, dann kommt ein Knick und plötzlich wird die Fortsetzung in einem ganz anderen Ton erzählt und man kann sich die Geschichte wieder auf eine ganz andere Art und Weise interpretieren.
Da ist Karo, sie ist siebenundzwanzig und wie in der Beschreibung steht “klug, kokett, liebenswert und unnahbar und fällt vollkommen unerwartet in einem Abgrund.”
Als das Buch beginnt, ist sie aber schon wieder davon heraus, geht sie doch zu ihrem neuen Psychiater und beginnt mit “Eine Depression ist ein fuckig Event!” und der Psychiater schaut auch noch ein bisschen “wie Niels Ruf, nur weniger Arschloch!” aus.
Nun muß ich gestehen, keine Ahnung zu haben, wer Niels Ruf ist und ob es ihn wirklich gibt. Ich bin aus dem Prolog auch noch nicht wirklich klug geworden, dann geht es aber mit den Geschehnissen vor einem Jahr weiter und da beschreibt Karo sich selbst.
Eigentlich hat sie keine Probleme, ja, den Job als Eventmanagerin hat sie verloren und jobt jetzt als Kellnerin und die Oma bezahlt die Miete und in ihrer Beziehung mit Philipp fühlt sie sich auch nicht wirklich glücklich. Also beginnt sie eine Therapie, einfach so und fragt sich während sie die Stufen zur Praxis von Frau Diplompsychologin Görlich, später Anette genannt, hinaufgeht, wie sie sich anstellen muß, um bei den “Psychocasting” genommen zu werden?
Sie wird genommen und Frau Görlich sagt dann noch den Satz “Sie wurden einfach zu oft alleingelassen” und die schnodderige Karo witzelt weiter, ob ihre Diagnose für die Krankenkasse wichtig genug ist, daß die Hundert Euro pro Stunde für sie zahlt. Was für ein Satz. Ist der in Deutschland wirklich so hoch? Ich arbeite für fast die Hälfte und die schnodderige Art der lieben Karo ging mir am Anfang auch auf die Nerven. Was ist das? Eine Parodie auf das Leben und die Psychotherapie?
Dann fängt sie aber an zu weinen und hört nicht mehr damit auf. Zuerst trennt sie sich aber von Philipp, einfach so, als sie ihn von einer Reise abholt und sie eigentlich miteinander essen gehen wollten. Dann sagt Anette einen Satz und Karo beginnt sich nach Philipp zu sehnen, der will aber nicht mehr zu ihr zurück.
Karo fängt an Angst vor Messern zu haben und erlebt in der Nacht Herzanfälle, die Panikattacken sind und als sie die Geburtstagsgeschenke für ihren besten Freund Nelson einpacken will, bekommt sie derartige Anfälle, daß der sie in die Notaufnahme bringt.
Dort sagt man ihr, gehen Sie zum Psychiater und machen Sie die Therapie weiter. Als der Vater anruft ist er sehr besorgt und sie muß ihm versprechen, daß sie sich nicht umbringt. Und die harte Mutter holt sie in ihre Wohnung zurück, kauft ihr Autogene Training Kassetten und die Beschreibung, wie die ungeduldige Karo, die einzelnen Abschnitte löscht, um schneller zum Ziel zu kommen, könnte man Kabarett reif nennen. Eine fürchterliche Person, diese Karo könnte die Therapeutin denken, Anette tut das nicht und treibt sie offenbar auch nicht, wie man ebenfalls denken könnte, in die Krise hinein, denn langsam, langsam kommt Karo aus ihr heraus und der schnodderige Ton, beginnt sich zu ändern und sie beginnt wieder Glück zu haben, denn ihr Eventmanager ruft an und bietet ihr an, zusammen mit Kollegen Max einen Kindergeburtstag zu gestalten. Da blödelt Karo zwar noch eine Weile vor sich hin und schlägt Max vor, den Kinder Schnaps, Bier und Kokain zu servieren. Max sagt ruhig, das geht nicht, die Party wird ein Erfolg und schließlich bahnt sich auch eine Beziehung mit Max an. Zur Krise kommt es dann wieder, als sie mit ihm in Urlaub fahren will, da fahren sie dann mit gepackten Koffern zu Anette und die gibt Karo für alle Fälle Notfallstropfen, denn die ungeduldige Karo hat ihre Tabletten inzwischen wieder abgesetzt. Da kommt es dann, als sie schon eine vorsichtige Beziehung zu Max akzeptiert, zu einem erneuten Rückfall, so daß sie zu ihrem Traumpsychiater, der die Karenzvertretung für ihre frühere Psychiaterin Frau Dr. Kleve ist, die ihr erzählte, nur eine depressive Verstimmung zu haben. Der neue Psychiater erklärt ihr dann, es ist schon eine richtige Depression und sie braucht auch ihre Tabletten nicht absetzen, nur vielleicht etwas weniger zu Anette zu gehen, denn zu viel denken ist nicht gut.
Und ich habe verstanden, daß es die etwas schnodderig erzählte Geschichte eine Depression ist und nicht die Gegenattacke darauf, wie anfangs für mich fast rüberkam.
Das Buch “Mängelexemplar”, der 2009 erschienene Debutroman ist auch ein Bestseller geworden und die 1979 in Ostberlin geborene Sarah Kuttner war auch zuerst Fernsehmoderatorin und Kolumnistin, vielleicht deshalb der schnodderige Ton.
Ein bißchen könnte man natürlich sagen, daß es zusehr nach dem Lehrbuch geschrieben ist und der Knick fällt mir auch auf. Zuerst ist die Karo eine fürchterliche Person, die nichts und niemanden erst nehmen kann und sich ihr Leben selbst kaputt zu machen scheint. Dann kommt sie plötzlich aus der Krise und beginnt ganz zaghaft ihre Wunden und die Verletzungen zu zeigen und das mit der Psychotherapie werden die Therapeuten vielleicht auch ein bißchen anders, als die Psychiater sehen.
Trotzdem habe ich eine treffende Beschreibung einer Depression und Angststörung gelesen und freue mich auf das Buch “Wachstumsschmerz”, das im nächsten Jahr an die Reihe kommen soll.
Interessant ist vielleicht noch ein Detail. Zu Beginn des Buches, als Karo einfach so eine Therapie beginnt und sich von Stunde zu Stunde immer mehr in ihren Schmerz fallen läßt und darüber schnoddert, habe ich gedacht, ich lese schon den “Wachstumssmerz” und hätte mir das Buch als eine pubertäre Entwicklung deuten können, aber “Mängelexemplar” heißt es, weil Max ihr sagt, daß er keine Angst vor solchen hätte.