Die versprengten Deutschen

Karl-Markus Gauß, 2008 erschienener Bericht über seine Reisen “Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer”, das ich am vorvorigen Montag im “Wortschatz” fand, als ich mich zum Friseur aufmachte, nachdem mein Diagnostik-Termin abgesagt worden war, passt sowohl in die “Sommerfrische”, als auch als Sonntag-Buch meines “Lesemarathons”, da wir ja heuer, weil Alfreds WU in den Prater übersiedelt, keine Sommerreise machen, im vorigen Jahr aber Ende Juli auf die “Sechs Länder-Reise” durch die Tschechei und Polen nach Litauen, Lettland, Estland und auch ins finnische Turku aufgebrochen sind.
Einen schönen Samstag waren wir da in Trakai und in Vilnius und das erste Kapitel des Buches, die Phots stammen von Kurt Kaindl, “Abschied in Heydekrug – Bei den zerstrittenen Deutschen Litauens” beginnt auch dort, im Vilnius`schen “Manhattan”, dort, wo die Hoteltürme aufgebaut wurden und der 1954 geborene Gauß, der in Salzburg die Zeitschrift “Literatur und Kritik” herausgibt und durch seine Journale und seine Reisen nach Osteuropaberühmt wurde, wohnte, dann trifft er sich mit Luise Quietsch und die ist ein “Wolfskind” und hat auch einen gleichnamigen Verein gegründet. Gemeint sind damit die Kinder, die es 1945 aus Ostpreußen vertrieben, der Vater fiel im Krieg, die Mutter ist verhungert, in Kinderbanden nach Litauen trieb und die dort von Bauern als Arbeitskräften adoptiert die deutsche Sprache und die deutschen Namen verloren haben.
Vier Gruppen Deutsche gibt es in Litauen hat Karl Markus Gauß herausgefunden, die erste sind die “Wolfskinder”, die teilweise auf die Juden nicht gut zu sprechen sind und nationale Ansichten haben. Dann gibt es noch die Litauischdeutschen und die Russischdeutschen, die alle einander nicht leiden können und sich für die besseren, weil richtigen Deutschen halte, obwohl sie das teilweise gar nicht mehr verstehen.
Mit dem hyperaktiven Leiter Emanuelis Zingeris, des “Hauses der Toleranz” in Vilnius trifft er sich am nächsten Tag, der kommt zu spät, weil als Paralmentsabgeordneter und Direktor des Hauses sehr beschäftigt, serviert roten Wein, erzählt vom Wiener Feldwebel Anton Schmid, der dreihundert Juden rettete und dafür im April 1943 erschossen wurde und als ihm Gauss auf Manfred Wieninger und Christiane Papst zwei junge Leute aus St. Pölten aufmerksam machte, die das herausgefunden haben, sagt Zingeris, sie sollen sich bei ihm melden, Wieninger und Papst schreiben Gauß später, sie wären schon oft vor Ort gewesen und ihm vorgestellt worden, aber der ist ja so beschäftigt, daß ihn nur eine klammheimlich seiner Sekretärin abgerungene Tasse Bortsch entspannen kann.
Einen Russischdeutschen, der kaum zu verstehen ist, trifft er dann in Elektrenai einem kleinen Städtchen, das nicht im Reiseführer steht, das Land aber mit Elektrizität versorgt, er ist an die Siebzig, trinkt mir Gauss Schnaps und ist an einem ehemal schwäbischen ausrangierten Imbißwagen fette Würstchen. Den Litauisch Deutschen Erwin-Erwinas, einen pensionierten Schauspiler hat schon vorher in Vilnius getroffen und der ist auch hyperaktiv-hektisch die Restaurantstiege hinuntergesprungen, so daß er sich den Knöchen brach und ins Krankenhaus mußte.
Dann gehts nach Klaipeda und zum “Ännchen von Tharau”, im Simon-Dach-Haus trifft er die fünfundzwanzigjährige Germanistin Marta Einars, die ihm von der Hermann-Sudermann-Schule erzählt, in die nach der Wende alle wollen und dafür auch bereit sind, einen deutschen Großvater zu erfinden, während früher die deutsche Sprache verpönt und verboten war.
Es taucht dann auch ein Ostdeutscher namens Lehmann auf, der nationale Vorträge hält, für die Marta sich entschuldigt und als wir vor einem Jahr vor dem Simon Dach-Brunnen gestanden sind, gab es am Theaterplatz, wo Hitler einmal die Befreiung Memels vom Balkon verkündete, eine EU-Veranstaltung, wo ich mir einen Sack mit litauischen EU-Broschüren mitgenommen habe.
Gauß reiste aber weiter nach Priekule, wo die Dichterin Ieva Simonaiyte “Wir sind ein Volk – eine Sprache- ein Litauen”, ein Denkmal hat und in Silite, das früher Heydekrug hieß, wurden in einem Gasthaus drei alte Damen geehrt.
Der zweite Text “Von Hopgarten nach Smolnik – Unterwegs in der Zirps” handelt von der Slowakei, in der Gegend der hohen Tatra, wo wir ja auch schon fünf Mal unterwegs gewesen sind und beginnt in Hopgarten, da ist Gauß und sein Fotograf bei einer Familie eingeladen, die ein “sächsisch, schlesisch, schwäbisch und byrisches Mittelhochdeutsch” spricht von der Uroma bis zum kleinen Enkel sitzen sie alle zusammen, singen und servieren dem armen Gauß Schnaps, Wurst, Kaffee und Kuchen gleichzeitig und fordern ihm zum Essen auf.
In Poprad, der Stadt, wo wir immer im Tesco einkauften, bevor es zurück nach Österreich ging, wohnt er im Hotel Gerlach, wo sich der Frühstückraum gleich nebem dem Erotik-Club befindet, so treffen die mafiösen Geschäftsleute und die müden Prostituierten in Schlapfen und im Morgenmantel beim Kaffee aufeinander, bevor die Gymnasiasten kommen, um auch einen Blick auf diese Erotikwelt zu werfen. Sie treffen auch Vladi den Redaktuer des “Karpatenblattes”, der hat die Gicht und trinkt Wodka mit Wasser und der alte Dr. Martinko, Jahrgang 1916, also das, wo der selige Kaiser starb, spricht ein Prager Deutsch, hat kein Geld für das Mittagessen in dem Restaurant, wo er die beiden hinbestellt, gibt dem ehemaligen kommunistischen Schuldirektor, der seine Pension an der Garderobe aufbessert, aber doch ein Trinkgeld.
Und einig sind sich all diese versprengten Deutschen, die einander ebensowenig, wie die in Litauen leiden können, daß die Schuld an allen bei den Roma, der größten Volksgruppe liegt und schade, “daß der Hitler auf sie vergessen hat.”
Dann gehts ans Schwarze Meer, wo Gauß in Orten wie Elsaß, in Odessa und auch anderswo nach den Schwarzmeerdeutschen sucht, weil die ja zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts von Zar Alexander den I nach Russland geholt wurden, jetzt gibt es aber nur mehr Kirchen ohne Dächer, die einmal zu Sporthallen umfunktioniert werden sollten, alte Herren, die Gauß erklären, ob er wisse, daß Hitler auch ein Österreicher gewesen sei, alte Damen die mit goldenen Zähnen lachen und zufällig Eichmann heißen, ein Kubanaer, als Chauffeur im byrischen Haus, das den Deutschen bei der Umsiedlung helfen soll und dort ist es eine Russin, die am besten von allen Deutsch spricht und eine Übersetzerin versucht Gauß das deutsche Odessa zu zeigen.
Ich bin ebenfalls noch nie in Odessa gewesen, habe aber einmal ein Buch geschrieben, in dem ich meine Heldin auf eine Busfahrt dorthin schickte.
Als interessant sind vielleicht noch die Danksagungen mit Buchhinweisen im Anhang zu erwähnen und, daß das Buch mit Hilfe eines Projektstipendiums geschrieben wurde.

Fünf Bücher in viereinhalb Tagen

Nachdem ich am Dienstag mit dem Korrigieren des “Literaturgeflüster-Texte-Buchs” fertig wurde, konnte ich diese Woche einen Lesemarathon machen, bevor ich, in der nächsten oder übernächsten Woche, mich vorsichtig meinem neuen Buchprojekt annähere.
Das heißt, ein bißchen habe ich das schon am Mittwoch getan, als ich das gelbe Buch auf den “Fünf Stunden Buchhandlungstag”, mitgenommen habe und da war ich erst einmal entsetzt, noch keine wirkliche Einfälle, für die “13 Kapiteln” zu haben, also noch nicht so weit zu sein, einfach loszuschreiben, sondern mich vielleicht zu wiederholen.
Aber der Sommer ist noch lang, meine Leseliste ist ja ebenfalls gigantisch und einen Schreibmarathon habe ich heuer noch nicht gemacht. Voriges Jahr habe ich Pfingsten damit verbracht, heuer hatte ich das im November geplant, wenn wir nach meinem sechzigsten Geburtstag nach Ungarn fahren.
Aber mit dem Rad einen Lesemarathon machen und dort lesen, wo es schön ist, am See, an der Traisen, etc, ist vielleicht eine passende Sommerfrischen-Aktivität und die Liste der Sommerbücher, die ich inzwischen erstellt und erweitert habe, bieten sich auch gut an, obwohl ich ja sonst eine reine Badewannenleserin bin, die das bevorzugt in der Früh und am Abend eine Stunde tut.
Also fünf Bücher in fünf Tagen, das sind ja Aktionen, wie ich sie von anderen Blogs kenne, das heißt, die machen das meist in sieben Tagen.
Aber Mittwoch bis Sonntag sind fünf Tage und da hatte ich auch schon die passenden Bücher ab. Allerdings bin ich am Dienstag sehr überraschend mit dem Korrigieren fertig geworden, so daß ich für den Mittwoch schon die Idee mit den “St. Pöltner Buchhandlungen” hatte und dann dachte ich, ich könnte beides verbinden.
Am Mittwoch über St. Pöltens Bücher schreiben und die restlichen vier Tage einen Lesmarathon machen.
Die ungeduldige Person in mir hat dann schon um vier Uhr Nachmittag mit der Sarah Kuttner begonnen und das Buch auch noch verwechselt, wie ich das schon einmal bei der Pearl S. Buck machte, denn eigentlich stand ja “Wachstumsschmerz” auf der Sommerleseliste.
“Mängelexemplar” wollte ich erst nächstes Jahr lesen.
Beide Bücher lagen in Harland aber über dem Bett, so daß es Mittwochabend in der Badewanne eine sehr schnodderig erzählte Geschichte einer Depression wurde, die mich auch ein bisschen verwirrte.
Am Donnerstag habe ich dann mit dem Radfahren begonnen. Buzzaldrin hat da ja am Montag auf ihren Blog Fotos von ihren Leseplätzen in einem Bremer Park gezeigt und wissen wollen, wo man am liebsten liest?
“In der Badewanne, alles andere ist mir zu exotisch!”, habe ich geschrieben und damit gemeint, daß ich das Lesen auf Bänken inzwischen nur mehr für die Marathons betreibe und auch kaum mehr mit der Straßenbahn fahre und wenn, habe ich wahrscheinlich kein Buch in der Tasche.
Es war aber eine schöne fünf Stundenfahrt, die ich da am Donnerstagnachmittag mit Leah Cohns “Der Kuss des Morgenlichts” hatte.
Ich habe ja schon geschrieben, daß ich bei meinen Radtouren, wo ich üblicherweise nicht absteige, eher pragmatisch ist, einmal nach links und dann nach rechts an der Traisen entlangfahre.
Und weil ich Mittwoch in St. Pölten war, bin ich mit meiner Wasserflasche und einem roten Kapperl auf dem Kopf, es war sehr heiß, in Richtung Wilhelmsburg aufgebrochen. Die zwanzig Euro hatte ich auch im Rucksack, bzw. davon schon fünfzehn ausgegeben, am vorigen Freitag für ein paar Slips, die ich brauchte, in Traisen und am Mittwoch für die Helene Hegemann, die ich vielleicht doch nicht so brauchte oder natürlich doch.
Aber die Idee mir in Wilhelmsburg vielleicht einen Kaffee und ein Kipferl zu kaufen, Cornelia Travniek lebt mir das ja als Klagenenfurter Stadtschreiberin vor, hat etwas auf sich. Vorerst bin ich aber fast bei jeden Bankerl stehengeblieben und habe je ein Kapitel gelesen. Bin dann direkt an der Traisen bis zu dem neuen Einkaufszentrum an der Traisen gefahren, sonst biege ich bei der Brücke ab und stelle das Rad zum Friedhof, wenn ich nach Wilhelmsburg will, mir dort den Cappucino beim “Spar” und das Kipferl beim “Hager” gekauft und den tollen Park, den ich eigentlich auch besuchen wollte, habe ich nicht mehr gefunden.
So bin ich wieder zurückgefahren. Nach der Wilhelmsburgerbrücke, wo es einen schönen Rastplatz mit einem Wasserspender gibt, war ich mit dem Lesen fertig, so habe ich mich dann noch ein bißchen mit dem schönen kleinen Stadtschreiberbuch an den Traisenstrand gesetzt und zwei Impressionen eingetragen.
Und um mich nicht selbst zu sabotieren bin ich am Abend nicht mit dem “György Dalos”, sondern mit dem “Kleinen Dreckspatzbuch”, die Beilage zu den Dresdner Badesalzen, die ich von der Anna zu Weihnachten bekommen habe, in die Badewanne gegangen und habe dort auch in den neuen “Manuskripten” und in der St. Pöltner Stadtzeitung geblättert.
Am Freitag ging es dann nach Ungarn, beziehungsweise nach einem guten Frühstück oder eher schon einen kleinen Brunch, Schafkäse mit Paprika und Tomaten, sowie Bananenjoghurt mit Erdbeeren, Kirschen und Marillen, die Traisen an die Seen hinunter.
Da gibt es ja den Ratzersdorfersee, an dem ich früher, als ich noch meinen Vater betreute und mit der Anna gependelt bin, so manchen Sommer verbrachte und, glaube ich, auch an der “Schizophrenie” geschrieben habe. Ich bin diesmal aber nur vorbei gefahren, zum Naturlehrpfad, das ist auch ein schöner Platz, man stellt das Rad ab, geht n eine Runde über die Felder und kann die Namen der Pflanzen auf Tafeln nachlesen. In der Mitte gibt es Tische und Bänke und ein Häuschen mit Schautafeln. Ich habe mich an einen Tisch gesetzt und ein Stückchen von György Dalos “Der Fall des Ökonomen” gelesen, den ich schon am Morgen in der Badewanne begonnen habe. Dann über die Brücke, zum Viehofner See, auf die Aussichtswarte und ins Traisencenter, eigentlich wollte ich da herumschlendern, da gibt es auch ein Buchgeschäft und eine Schokothek, ich hatte aber, der vielen Roma wegen, ein bißchen, natürlich unbegründete Angst, um mein Rad, so habe ich mir nur beim “Spar” einen Caffe Latte, den gibt es dort, wie den Cappuccino um siebenundfünfzig Cent, gekauft und bin zurückgefahren.
Richtig, bei der Telefonzelle war ich natürlich auch, da gab es Barbara Frischmuths “Amy oder die Metamorphose, in einer Aufbau-Auflage, was ich aber schon habe, einen Sebstian Fitzek und ein Buch das den schönen Namen “Der Buchtrinker” trägt.
Dann bin ich zurückgefahren, habe bei ein paar Bankerln Halt gemacht und den György Dalos ausgelesen, von dem ich schon ein Stück in der “Alten Schmiede” und bei “Literatur und Wein” in Stift Göttweig hörte.
Am Samstag kam dann ein sehr Interessantes, zum Thema und zur Sommerfrische passendes Buch, das ich zu Beginn derselben, in der Telefonzelle vis a vis der “Seedose” gefunden habe, nämlich ein von Johannes Twaroch herausgegebener 1988 erschienener Sammelband zur “Niederösterreichs Literatur im Aufbruch – 30 Jahre Arbeitsgemeinschaft Literatur” und wenn sich inzwischen auch sehr viel verändert hat, war es interessant, über die Vergangenheit und von der Zeit zu lesen, wo ich zwischen Wien und St. Pölten hin und her gependelt bin, vom Land NÖ ein Stipendium haben wollte und einen Verlag für meine “Hierarchien” suchte.
Es war auch interessant von Wilhelm Szabo und dem Dichterstreit Niederösterreichs zu erfahren, der mir ja einmal die Hand küßte und ich dachte, entzückt, er wolle mich fördern, aber das hat er auch nicht bei seiner Frau Vally getan. Gelesen habe ich das Buch in der Badewanne, dazwischen habe ich dem Alfred geholfen, die Buchenscheiter für die Oma von dem Transportwagen in Schachteln zu verpacken, damit sie es im Winter warm hat und bin mit dem Rad nach St. Pölten auf den Markt gefahren, um mit ihm dort eine Käsekrainer zu essen und einen eisgekühlten Caffe Latte zu trinken.
Am Sonntag ging es dann wieder, auch ein bißchen an unsere “Sechs Länderreise”, vor einem Jahr weit weg. Nämlich mit Karl Markus Gauß nach “Litauen, durch die Zips und ans Schwarze Meer”, um nach den “Versprengten Deutschen” zu suchen.
Das war der Lesemarathon im Juli 2012 ein Programmpunkt der Stadtschreiber-Sommerfrische, bei der sich bei mir inzwischen insoweit so viel verändert hat, daß ich mein selbsterwähltes Stadtschreibemonat nächste Woche beenden werde, da ich inzwischen mit dem neuen Romanprojekt begonnen habe und das eine Buch, das ich mir ja noch irgendwann aus der Telefonzelle vis a vis der “Seedose” ziehen wollte, um damit auf große Fahrt zu gehen, hat die Ungeduldige am Freitag auch schon gefunden, so daß ich jetzt einfach an Ende der vier Krimis und ChtLits setzen, die ich mir nächste Woche aus Wien, als Fortsetzung meiner Sommerbücher mitnehmen werde, um meine Leselistenreihenfolge doch nicht so sehr zu sprengen.