Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Jetzt kommt ein Buch vom Frankfurt-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, das mir “Ullstein” freundlicherweise schickte und eines das mich überraschenderweise sehr an mein eigenes Schreiben und meine Thematik erinnerte, von der ich ja immer höre, daß das niemanden interessiere und man so nicht schreiben kann.

Aber Frankreichs Literatur ist anders, habe ich bei meinem Buchmessen-Surfing erfahren und greift in einer globalisierten Gesellschaft mit Flüchtlingskrisen, Terroranschlägen und prekären Lebensbedingungen heiße Eisen an und so hat die 1979 in Montpellier geborene Sophie Divry einen Arbeitslosenroman, beziehungsweise einen über Armut sowie über das Leben unter prekären Lebensbedingungen geschrieben und wollte damit, wie sie in dem auf schwarzen Seiten abgedruckten ” Bewerbungsbrief an die Schriftstellerresidenz reine Erfindung”, schreibt, “definitiv Spaß machen”, was auch durch eine “Typographie in Bewegung” ausgedrückt wird.

So gibt es im Buch immer wieder graphische Elemente. Seiten auf denen beispielsweise schön verteilt nur das Wort “überall” mit einem Zitat von Robert Pignet: “Stimmen überall. Nicht genug Ohren, nicht genug Liebe.” steht und da ist Sophiem eine etwa vierzigjährige entlassene Journalistin, die zu Beginn des Buches von den dreihundert Euro, die sie gerade noch auf ihren Konto hat, zweihundertsechzig an ihren Stromanbieter zahlen muß.

So bleiben ihr gerade noch vierzig Euro bis Ende des Monats wo die Grundsicherung kommt, zum Leben über. So geht sie in den Supermarkt, kauft Nudeln, wartet auf einen Auftrag, beziehungsweise auf die schon erwähnte Unterstützung, die aber nicht kommt, denn sie hat vergessen,  die paar Euro, die sie im letzten Monat verdiente, was sie durfte, anzugeben, weil die Honorarbescheinigung noch nicht eingetroffen ist.

Die Betreuerin vom Arbeitsamt oder, wie das in Frankreich heißt, ist sehr freundlich und erklärt der “Madame”, daß sie ihr nicht helfen kann und sie nur nach ihren Vorschriften handelt und der Versuch, das Geld vom kommunalen Sozialhilfeverein hereinzubekommen, scheitert an dem Berg von Formularen, die man dafür ausfüllen muß und so beginnt Sophie ihre Bücher und andere entbehrliche Habseligkeiten zu verkaufen und bekommt ein paar Euro dafür.

Sophie gibt aber nicht nach. Sie will einen Roman über ihre Situation und das “Leben der Armen”, wie sie das nennt, schreiben. Kommunziert auch mit ihrer Mutter, die ihr gute Ratschläge gibt und mit ihrem Freund Hector, der in seine Nachbarin Belinda verliebt ist und dafür einen Pakt mit dem Teufel eingeht, der heißt “Lorchus” und sucht auch Sophie auf, beziehungwweise tritt er, wie schon der Buchtrittel verrät, aus ihrem Badezimmer.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Ein Vierter sollte,  wie die schwarzen Seiten verraten, auch noch geschrieben werden und im Zweiten fährt Sophie heim zu ihrer Mutter, die in  Montepellier in einem Schloß lebt, da kann sie sich endlich wieder einmal sattessen und der Mutter im Garten und beim Marmeladeeinkochen helfen und im Dritten geht sie dann auf Arbeitssuche. Heuert, schwarz wahrscheinlich, als Kellnerin bei “Jules & Juilette” an und macht da für fünfzig Euro pro Abend, wahrscheinlich die Erfahrung, die auch Eva Rossmann in ihrem Buch “Mahlzeit” beschreibt, wechselt nachdem der Wirt sich nicht mehr bei ihr meldet, die Lokale, landet schließlich in einem Weinbistro und ärgert sich da, daß die Gäste, das an einem Abend mit Spitzenweinen versaufen, was sie in drei Monaten verdient und, als der Bruder des Gastromomen auftaucht, der auch eine Arbeit sucht, wird der schwarze Tellerwäscher entlassen und Sophie an den  Geschirrspüler verbannt. Der Bruder stellt ihr nach, macht ihr sexuelle Anträge, so daß sie sich nur imt einem Faustschlag retten und der Bratpfanne wehren kann. Mit der geht sie dann zur Polizei, die ihr rät, angesicht dieses Tatgegenstandes auf eine Anzeige zu verzichten. Sophie ist den Job los und beschließt “aus dem Rennen auszuscheiden”.

Ein spannendes Buch über die sozialen Zustände dieser Welt, Themen die mir, wie beschrieben, sehr zusagen und beschäftigen und ein paar Bücher über die prekären Arbeitsund andere Verhältnisse, haben wir in Österreich auch.

Schwimmen

Jetzt kommt vielleicht schon ein Vorgriff auf das Debutpreislesen, auf jedenfall habe ich aber in Sina Poussets “Schwimmen” ein Debut gelesen. Das Buch der 1989 geborenen Autorin, die Literatur- und Kunstwissenschaften studierte, hat mir “Ullstein” geschickt und ich bin erst, als es schon eine Weile auf meinen Badezimmerstapel lag, darauf gekommen, das es ein Debut ist, habe es daher nichtfür Debutpreisliste vorschlagen können, bin aber jetzt daraufgekommen, daß es ohnehin schon dort steht.

Nun denn, die jungen Schreiber, die in Hildesheim, Leipzig oder auch woanders studieren sind sehr aktiv und am Angang des Buches dachte ich, da sieht man, daß die Schreibschulen doch nichts glattbügeln, gegen Ende reviedierte ich mein Urteilund dachte, das ist wahrschelich, wie bei den “Sommertöchtern”  vielleicht doch ein bißchen so,  so was ja auch nichts macht, ich bin mit dreißig nicht bei “Ullstein” erschienen und die junge Autorin hat einen klaren wahrsceinlich unverwechselbaren Tonfall und variert auch gekonnt mit den Zeitfolgen. Springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und beschreibt das alles sehr lakonisch “Ein paar Kilometer geht das Leben weiter, ein Kind muss vom Kindergarten abgeholt werden, muss aufs Klo, die Nase läuft, heute Fischstäbchen? Irgendnwie muss das alles weitergehen, ohne sie. Millaist weg”, beispielsweise.

Daß,das was dann beschrieben wir, nicht so ungewöhnlich und außergewöhnlich ist, widerspricht zwar angeblich den Regeln, die ein guter Roman haben muß, kann aber wahrscheinlich bei einer noch nicht einmal dreißigjähriger Lebenserfahrung und der Fülle der schon geschriebenen Romane gar nicht anders sein und das Buch behandelt wahrscheinlich, das was Sina Pousset gerade interessiert und ihre Lebenswelt ist.

Da ist also Milla. Sie ist wahrscheinlich, um die dreißig und Lektorin in einem Verlag, da muß sie zur Sitzung und dem Chef damit nichts eingespart werden muß, ein tolles Mansukritpt vorschlagen. So erfindet sie schnell eines von einem österreichischen Autor, den es auch nicht gibt und verläßt mit einem Tagebuch, das in einem Umschlag auf dem Schreibtisch liegt, den Verlag.

Milla hat ein Kind, die kleine Emma, die hat sie vorhin in den Kindergarten gebracht, aber Emma sagt “Milla” und nicht Mama zu ihr. Das ist eigentlich nicht so ungewöhnlich, das hat die Anna bei mir auch gemach. Aber Emma erfahren wir bald, ist nicht Millas Kind, sondern das von einer Kristina und die ist Patientin auf einer Psychiatrie.

So fährt Milla los, die noch vorher ausgemacht hat, daß Hanne Emma vom KG holt und eine Zeitlang bei sich läßt, Hanne ist die Tante von Jan und der ist vor ein paar Jahren beim Schwimmen in Frankreich verunglückt und Milla und Jan waren schon Kindergartenfreunde. Jans Mutter ist früh gestorben, so hat Jan oft die Sommer mit Hanne in einem Haus in Frankfurt bei Millas Nonna verbracht, die inzwischen gestorben ist.

Und später, vor vier Jahren waren Jan, Milla und Kristina dort. Jan ist Zeichner, Kristina studierte an der Kunstakademie und war vonJan schwanger, was wahrscheinlich zu Konflikten führte.

Dann ist Jan, der nicht gut schwimmen konnte, ertrunken und es war die Frage ob es nicht vielleicht ein Selbstmord war? Kristina hat sich in die Klinik zurückgezogen, Jans Vater spricht nicht mit Milla und Milla zieht die kleine Emma, Kristinas Kind auf und fährt, jetz,t nachdem Kristina ihr Jans Tagebuch geschickt hat, in die Klinik, um Kristina abzuholen.

Das ist die Story, die von vor nach hinten und wieder zurück in chronologischen Sprügen erzählt wird. Wie schon geschrieben, die Story ist nichts Neues und wahrscheinlich auch nichts, was mich wirklich interessiert.

Der Tonfall aber schon und so bin ich noch immer nicht sicher, ob eventuelle Schreibschulen Sina Poussets Schreiben glatt gebügelt haben. Sie ist jedenfalls mit noch nicht dreißg Jahren bei “Ullstein” erschienen und ich bin sehr gespannt, was ich noch von ihr hören oder lesen werde?

Der verheerende Tausch

Mit meinem Blog habe ich schon einige spannende Dinge erlebt, so hat sich einmal Herwig Bitschke nach meiner “Spurensuche” bei mir gemeldet und mich später in den “Residenz-Verlag” damals St. Pölten, jetzt sind die glaube ich, wieder nach Salzburg zurück, eingeladen, und als ich über “Kurz nach vier” Geschrieben habe und dann auf einen Berg gegangen bin, hat  der “Arco-Verleger”, der das Buch neu herausgeben wollte geglaubt, daß ich original Becher-Briefe habe, obwohl die ja schon in einem “Aufbau Taschenbuch” abgedruck waren.

Drei Trolle oder Spamer habe ich auch gehabt, zwei waren schreibende Damen, der dritte ein bekennender Pegida-Fan und als ich gerade mein Geburtstagsfest vorbereitet habe, habe ich ein Mail von einer Züricher Psychiaterin bekommen. Ich solle sie, weil sie zwischen 9 und 11. November in Wien ist, mit ihrem neuen Buch zu einer Lesung einladen.

Aber ich habe zwar für die GAV-Lesungen organisiert, vermittle aber keine Lesungen, sondern bin meiner Einschätzung nach, eine sich rührend im Literaturbetrieb herumtreibende schreibende Frau.

Am nächsten Tag hat mir  der Verlag geschrieben, ich habe ein Rezensionsexemplar angefordert und gedacht, die Psychiaterin käme zur “Buch Wien” nach Wien, weil die in dieser Zeit ist und dann ist mir eingefallen, daß am elften mein Geburtstagsfest ist.

Das ist zwar eine private Lesung, aber da auch ich offen für Experimente bin, habe ich Maria Csilla Bekes, 1970 in Siebenbürgen geboren, Malerin, Psychiaterin, Psychotherapeutin, Schreibende und auch Filmerin, dazu eingeladen, denn das Thema Medizin und Prostitution ist ja interessant und zufällig bin ich ja auch im Sommer noch vor meinen Buchpreislesen durch Meredith Sommer darauf gestoßen und noch früher hat sich die sehr junge Valerie Fritsch sehr selbstbewußt damit beschäftigt.

Da ist also Ingrid eine sehr bemühte Superfrau, Psychiaterin und Psychotherapeutin. Es beginnt, daß sie als Ärztin im Bereitsschaftsdienst zu Nils gerufen wird, der sich in seinem Zimmer einsperrt, Drogen nimmt und sich umbringen will. Sie redet ihm gut zu und nimmt ihn als Patienten. Sie ist verheiratet mit Peter, hat zwei Kinder und schupft alles glänzend, den Haushalt, das Shoppen und zwischendurch philosophiert sie über die Modendiagnose wie Borderline, ADHD und manisch depreisse Störung, die jetzt ja bipolar heißt, alles was ich, die ich ja auch schon über dreißig Jahre in der psychologischen psychotherapeutischen Praxis bin, ebenso erlebte.

Ingrind hat aber auch ein ausgefülltes Sexualleben und da Maria Csilla Bekes vielleicht ein Schreibseminar besucht hat, weiß sie auch, daß Bücher spannend sein müßen.

Also schlägt sie ihrer Patientin Tessa, das ist eine alkoholsüchtige aus Ungarn stammende fünfzigjährige Prostituierte, Ingrid ist ein paar Jahre jünger, einen Rollentausch vor.

Tessa übernimmt mit der Wodka Flasche in der Hand einige Patienten und Ingrid läßt sich die Augen verbinden und in eine schicke Villa auf dem Zürichberg zu Mondran, einen Architekten führen.

Dazwischen gibt es Fallberichte, die manchmal ein wenig verwirrend sind und von wegen Spannung, einen Erpresser gibt es auch und die superkluge Übermutter löst den Fall und nimmt mit sechs verbündeten die Verfolgung auf.

Der Erpresser ist ein ehemailger Patient, braucht das Geld, darf es auch behalten und muß verschwinden und mir haben in dem Buch, die Fallgeschichten am besten gefallen.

An Sex bin ich, obwohl ich schon Sado-Masos gelesen habe, meine Leser wissen es wahrscheinlich, nicht so interessiert und fand es, wie immer spannend, wieder einmal ein bißchen über den Tellerrand zu schauen.

Da gibt oder gab es ja die großen Vorurteile über die sogenannten Zuschußverlage, die von den naiven

Möchtegernschreibern tausende Euros verlagen, ihnen das blaue vom Himmel versprechen, untertschreiben lassen, daß sie jedes ihrer Bücher dem Verlag anbieten müßen und dann vielleicht ein schäbiges Büchlein drucken und sonst nichts tun.

Das ist, glaube ich, in den Selfpublisherzeiten vorbei und ich dachte, diese Verlage wirds dann nicht mehr geben, weil ja jeder der das will und den “Suhrkamp” nicht nimmt, sich seine Bücher selber machen kann.

Aber das Selberpublizieren verlangt viel Zeit und Geduld und ist, wenn man ein Lektorat und das Cover zukauft, wahrscheinlich auch nicht billig, die vielleicht Autoren, die gut verdienen und schreiben nicht haben, für die sind sie vielleicht ein Segen und, daß es nicht mehr stimmt, daß sie nichts machen, habe ich jetzt auch erlebt und so auf diese Art und Weise ein interessantes Buch und eine interessante Autorin kennengelernt, die sonst an mir vorbeigegangen wäre.

Murmelbrüder

Da habe ich wieder einmal den Beweis bekommen, daß es gut ist, eine zweites Buch eines Autors, einer Autorin zu lesen, wenn einer das Erste nicht so gefallen hat.

Denn “Chiru” der Roman der 1972 in Sardinien geborenen Michela Murgia habe ich ja eher altmodisch gefunden und konnte mich mit dem Frauenbildm das dort präsentiert wird, nicht begeistern.

Jetzt hat mir “Wagenbach” die  2014 erschienene “Geschichte aus Sardinien”, Roman steht bei “Wikipedia”, ist aber keiner, geschickt und ich bin hingerissen. Denn diesmal hat mich der etwas altmodische Touch, der im Somme 1985 spielenden Handlung nicht gestört und kann mir vorstellen, daß es in den kleinen sardischen Dörfern dort so war und vielleicht noch immer so ist.

Die Erzählung ist eine Parable auf menschliche Geschehen, wo n uns ja Ehrgeiz, Haß, Eifersucht, etcetera antreiben und zu so manchen veranlaßen, was man vielleicht nachher bereut.

Michela Murgia zeigt das meisterhaft an der Figur des zwölfjährigen Maurizio, der von seinen Elter,n die Sommer über immer zu den Großeltern nach Crabas geschickt wird. Nur das Cover des Taschenbuches ziert einen schon älteren Jüngling, was ein wenig stören könnte.

Dort erlebt Maurizo, der sonst während des Jahres immer abseits alleine spielt, ein Jugendlleben.

“Wir haben schon zusammen gespielt,” definiert Michela Murga solche Fundamente von Männerfreundschaften. Denn er fühlt sich im Städtchen mit seinem “Wir-Gefühl” geborgen.

Die Großmutter sitzt des Abends mit den Frauen und der anderen Dorfgemeinschaft vor dem Haus und erzählt Geschichten von den Vampirinnen. Das sind Frauen, denen die Kinder während der Geburt oder später gestorben sind und die sich nun die Geister der anderen holen und des Tages robbt Maurizio mit Giulio, dem Sohn des Polizisten und Franco durch die Abwasserkanäle, um die Geheimnisse des Städtchens zu ergründen.

Sie finden Ratten, jagen sie als brennende Fackeln auf den Baum des Priesters. Grillen nennen sie das, denn sie sind in dem katholischen Städtchen alle eifrige Messdiener und dann trifft die Katastrophe ein und die Dorfgemeinschaft beginnt sich zu entzweien.

Und, wie immer beginnt allles mit einem guten Zweck. Der greise Bischof will etwa sGutes stiften und schenkt Crabas eine neue Kirche und einen neuen Pfarrer, was die Eifersucht des Alten herausfordert und Franco, der etwas außerhalb des Städtchens im anderen Teil der Gemeinde lebt, kommt nich mehrt zum ministerieren und zu den Spielen der Freunde.

“Wir schließen ihn aus!”, verkündet Giulio großspurig, was Maurizio noch nicht so ganz versteht .Inzwischen werden Maurizios Eltern, weil sie zu wenig  verdienen, landflüchtig und wandern nach Ferrara aus, lassen den Buben aber bei Großeltern zurück, so daß der nun ebenfallls als Meßdiener, das Geschehen zu Ostern hautnahm miterleben kann. Denn da gibt es immer eine große Prozession.

Falsch, denn jetzt gibt es zwei und es wird sehr köstlich geschildert, wie die nun rivalisierenden Stadtteile mit den Madonnenstatuen aufeinander zugehen und die eine Seite, der anderen “Heilige Jungfrau bete für uns!”, zuruft. Wenn Worte töten könnten…..

Und wenn man schon an die Katastrophe glaubt und den Kopf schüttelt, daß sich eine Gemeinde wegen so einer Kleinigkeit auf ewig verfremden kann, macht Michela Murgia einen Spannungsbogen und hat wohl auch das Schreiben einer spannenden Geschichte studiert, den Franco zieht die Leine. Die Madonnen werden irgenwie ausgetauscht und ziehen in die falsche Kirche zurück. Der Bischof ist zufrieden und rät nur das nächste Mal aus praktischen Gründen vielleicht mit weniger Madonnen auszukommen und was das beste an der Sache ist, Franco kehrtzu den Spielen der “Murmelbrüder” zurück und geht mit ihnen Vögel fangen.

Kirchberg

Es ist ein verwirrendes Buch, der zweite Roman der 1977 geborenen Verena Boos und eines, von dem ich nicht sicher bin, ob ich es ganz verstanden habe. Hat es doch mehrere Ebene und es werden in verschiedenen Jahrzehntenten, beginnend von 1974 bis in das in die Zukunft gehende 2024, drei verschiedene Geschichten erzählt.

Zentrum ist das schwäbische Dorf Kirchberg, in das kehrt vermutlich 2016 oder vielleicht schon früher Hanna nach einem Schlaganfall, den sie nach einem Hirntumor hatte, auch das erscheint mir verwirrend, zurück.

Sie ist sprachlos, halbseitig gelähmt, stand kurz vor ihrer Habilition, die sie jetzt nicht mehr durchführen kann. Wollte eigentlich nach Amerika, ist jetzt ein Sozialfall, Frührente oder Hartz IV, sagt die Sozialarbeiterin. so bricht sie ihre Therapien ab, verläßt die WG in der sie mit Jessie wohnte und kehrt in das ehemalige Schulhaus zurück, in dem sie mit ihren Großeltern, Erich und Katharina aufgewachsen ist.

1974 ist sie geboren, da war ihre Mutter Maria am Buchanfang gibt es eine Tafel mit den Namen und den Geburtsdaten der drei handelnden Familien, zweiundzwanzig und sie ist in die Stadt München geflohen, war dort Krankenschester und sagt niemand wer der Vater ihres Kindes ist. Sie gibt es auch zur Adoption frei und fängt als Stewardesse bei der Lufthansa an. Erich und Katharina setzten die Adoption durch, die Mutter kommt später auf Besuch, bleibt fremd und bringt Barbiepuppen mit.

Hanna schläft im ehemaligen Schulzimmer in einem Schlafsack, beginnt langsam ins Leben zurückzufinden, versucht wieder einkaufen zu gehen und wird von Sabrina der Nachbarin und Patrizio, dem Jugendfreund,  Sohn einer italienischen Familie, die im Dorf eine Pizzeria hatte, versorgt.

Es gibt einige rührende Szenen, so läutet, die ein wenig ältere Sabrina an, lädt Hanna, die sich nicht helfen lassen wil,l zum Essen ein. Die fünfjährige Lisa erkundigt sich nach der komischen Frau, hat Angst, daß es ihr selbst so gehen könnte, bringt dann selbstgemalte Karten, die hanna ans Essen erinnern sollen. Sie geht auch mit ihr einkaufen auf den markt, Patrizio besorgt ihr Kleider und mietet sich  im Schulhaus ein, um einen Comic zu zeichnen oder um Hanna zu betreuen. Es gibt auch eine Daphe, die einen Raum mietet und Hanna das Haus reparieren hilft.

Dazwischen geht die Sprachlose in den Dekadenschritten ihr Leben durch. Es gab eine Beziehung zu einen Leo, Italien und Amerikaaufenthalte, die Frage wer ihr Vater ist, wird  gestellt und die Geschichte, der drei Familien, die der Hubers, Sabrinas Schwiegervater Ludwig ist eine Pflegefall,  wird von einer Rumänin betreut und war ein Konkurrent von Großvater Erich und die der Braglacias, den italienischen Einwanderern.

Vom Krieg und der Nachkriegsgeneration wird erzählt und vom Tod der neunzigjährigen Katharina, die allein sterben mußte, weil Hanna in dieser Zeit in Berlin war und ihrer Habilitation nachjagte.

Noch eine rührende Szene in dieser Vielschichtigkeit. Hanna ist ja nach Kirchberg geflohen, hat ihre Arzttermine vernachläßigt, so läßt Jessie nach ihr suchen. Ruft sie an, aber Hanna kann ihr Handiy nicht bedienen und auf die Idee Postkarten aus dem Briefkasten zu nehmen, kommt sie nicht. So läutet eines Tages die Polizei bei ihr, zieht aber wieder ab, denn sie wird ja von Sabrina und Patrizio versorgt.

Das Buch ist in sechs Kapitel in je zehn Jahresabschnitten gegliedert in denen Hanna durch ihr geht.

Im letzten, 2024 ist sie dann gestorben. Patrizio hat das Haus gekauft und feiert dort Weihnachten mit seiner alten Mutterr und ich bleibe etwas ratlos zurück, weil ich nicht sicher bin, ob ich die Geschichten, die das Buch erzählen wollte, alle verstanden habe und mir der Inhalt in seiner Fülle und der wechselnden Erzählweise auch sehr  verwirrend schien und ich wahrscheinich mit einem  Handlungsstrang, dem der Wiedereingliederung nach dem Schlaganfall, beispielsweise, zufriedener gewesen wäre.

Aber das Leben ist vielschichtig und wenn es ans Sterben geht, geht man wahrscheinlich sein ganzes Leben durch und versucht auch die Geheimnisse aufzulösen, die einem bisher verschlossen blieben.

Soviel Schwein geht auf keine Kuhhaut

Von der Schweiz geht es jetzt nach Vorarlberg zurück und von den “Unbekümmerten Anarchistinnen” zu Margit Heumanns “Kriminellen Schmunzelgeschichten” und davon habe ich ja schon eine gelesen und auch ein bis zweimal ein bißchen was gehört.

Denn die erste Geschichte aus dem Kurzgeschichtenband “Wo er recht hat hat er recht”, habe ich ja schon als Schundheft gelesen, im Mai nachdem mich Margit Heumann, die ich ja öfter bei literarischen Veranstaltungen sehe und die mir hier auch eifrig kommentiert, auf die “Schundheftparty” eingeladen hat, die dann im Juni war und damals war es mir gar nicht so recht, daß ich das Heftel schon gelesen habe, denn da war ich ja in Vorbereitung auf unsere Bodenseeumrundung mit der Ruth und da hätte ich es neben Walser, Arno Geiger, Erika Kronabitter und Michael Köhlmeier eigentlich mitnehmen können, bin aber erst beim Lesen daraufgekommen, das ist ja auch Vorarlberger Literatur, obwohl Margit Heumann ja in Wien lebt und eine deutsche Mailadresse hat.

Und sie ist eine fleißige Frau, hat sie doch nicht nur das Schundheftel geschrieben, sondern ihre Emma und ihren Paul auch noch in dreizehn weiteren Geschichten auftreten, beziehungsweise ermitteln lassen und ein paar davon hat sie auch schon bei den “Wilden Worten” angelesen.

Das finde ich dann ja immer besonders fies, wenn die Leute bei Lesungen ihre Geschichten anlesen und dann “Ätsch, Ätsch, den Rest mußt du selber lesen und das Buch dir kaufen!”, sagen.

Muß ich natürlich und tue es auch nicht, aber dieses hat mir Margit Heumann, die zusammen mit einer Schweizer Psychiaterin, deren Buch ich auch noch lesen muß, dem Rudi und der Ruth, auf meinem literarischen Geburtstagsfest, das ja bald kommt, lesen wird, mitgegeben.

Also komme ich zum Genuß der sämtlichen Geschichten und, daß die ja Kriminalelemente haben, habe ich beim Lesen bezziehungsweise den “Wilden Worten” schon mitbekommen.

Die erste ist die, wo der Paul mit der Emma Urlaub in der Toskana in einem Campingwagen macht und die habe ich ja schon gelesen. Die zweigte hat Margit Heumann im Amerlinghaus angelesen.

“Emma herzlos” heißt sie und ist die, wo der Paul betrunken zu der Emma in das Auto steigt und sie ihm dann aus Zorn darüber auf der Raststation stehen läßt. Die Polizei fährt ihn ihr nach und Kiminalfall gibt es hier keinen und eigentlich auch in den anderen Geschichten nicht wirklich. Hier deutet Margit Heumann, was mir ja sympathisch ist, nur dezent an. Obwohl ein paar Todesfälle gibt es hier schon. So ist der Paul einmal einen falschen Biobauer auf der Spur und der fällt dann in die Jauchegrube.

Ein anderes Mal trübt ihm seine Nase. Denn die Emma hat sich eine Knöpferziehharmonika gekauft, die nach Patschulli stinkt. Die verschwindet dann zum Glück. Aber der Paul, der auf eine Kur muß, trifft dort einen Unsympathler und der spielt dann, welche ein Zufall, auf dem gestohlenen Instrument auf.

Sehr lakonisch mit gespitzten Metaphern, Margit Heumann Spezialität, wird in “Nichts Genaues weiß man nicht”, von Pauls Karriensprung in die Kunstszene erzählt. Da ist es natürlich der Kätzin Emmas Schuld, die ihren Kater in den Kunsthimmer hinaufhieven und an eine Galeristin mit einem Sprung in der Schüßel vermitteln will. So kommt es zu einem Versicherungsbetrug und endet mit einer Ansichtskarte aus dem Kloster und bei “Emma hilflos”, die Emma-Geschichten haben immer solche Titel und sind weit weniger kriminalister, als die vom Paul. Ist das ein Klischee, ein Vorurteil oder gut beobachtet, ärgert die Emma sich über ihren alten Opel und den Problemen mit der Zentraverriegelung, die er ihr während der Frostzeit macht.

Als Tierschützer muß der Paul dann einen Löwendompteur in den Raubtierkäfig schaffen, während es die eigene Grube ist, in die der Frauenversteher, der dann gar keiner ist, fällt, als ihn eine gute Freundin mit ihren Ansichten über das richtige Essen nervt.

Manchmal sind die Geschichten etwas umständlich und langatmig erzählt, wie die, wo die Emma ihr Foto digital bearbeitet und dabei an ihre Nacktbadeerfahrungen deckt, wo ihr ihr Kleid abhanden kam und sie in einen Schlafsack eingewickelt nach Hause fahren mußte und dabei von der Polizei kontrolliert wurde oder die, wo der Paul in einen Tankstellenüberfall gerät.

Aber das steht ohnehin am Buchrücken “Der Frauenversteher Paul und seine Kätzin Emma stecken ständig in der Klemme, manchmal sogar  mit einem Bein im Gefängnis, aber wie den Kopf aus der Schlinge ziehen? Mit typisch Vorarlberger Bedächtigkeit und Rechtschaffenheit sowie der nötigen Gerissenheit kommen sie stets mit einem blauen Auge davon!”, steht da geschrieben und man könnte  sich auch über die Anhäufung der Mßgeschicke, die dem Künstlerpaar, das eigentlich recht bürgerlich ist, passieren, mokieren.

“Sowie Schwein geht auf keine Kuhhaut”, heißt ja der Titel, der in der letzten Geschichte im letzten Satz erklärt wird und denken, soviele  Zufälle gibt es  nicht und das ist stark übertrieben.

Aber ja, das lehren ja die Schreibwerkstätten, daß alles überhöht und übertrieben sein muß und würde man eine der Geschichten lesen, fäll das wahrscheinlich nicht so auf. Bei einer Geschichtensammlung wirkt das dann ein wenig künstlich und man denkt sich, das ist ja unrealistisch, das denen so viele Mgeschicke passieren und sie in soviele Jauchen und auch ander Gruben fallen, Raubüberfälle, Organhandel, Todesfälle, menschliche Schwächen, etcetera, überleben.

Aber ja, es sind ja Geschichten zum Schmunzeln und die, in der man erfährt, wie das bei Pauls Organspende war, die Margit Heumann auch im Amerlinghaus angelesen hat, habe ich jetzt  ausgelassen.

Also selber lesen und herausfinden, ob das Quantum passt und  soviel Mißgeschick zum Lachen bringen kann.

Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Jetzt kommt nach all den österreichischen Neuerscheinungen und Buchpreislesen ein Buch aus dem wahrscheinlich kleinen oder feinen Schweizer “Limmat Verlag”, der mich Anfang September, als ich gerade den deutschen Buchpreis gelesen habe und durch meine Besprechung von “Katie” aufgefallen bin, angeschreiben hat und mir die Fahnen und eine Menge Informationsmaterial über Daniel de Roulets “Zehn unbekümmerte Anarchistinnen” geschickt hat.

Der 1944 in Genf geborene Architekt Daniel de Roulet scheint ein “Lmmat-Hausautor” zu sein, hat er doch schon zehn Bücher dort veröffentlicht.

Jetzt ist das Buch erschienen und ich denke es ist auch ein kleiner feiner Bericht über das, was vielleicht abseits des Literaturbetriebs so passiert und es dem Zufall, dem Anschreiben des Verlags, der Literaturagentur oder die offenen Bücherschränke braucht, um es zu entdecken.

Die zehn unbekümmerten Anarchistinnen, sind zehn Schweizer Frauen, die in einem kleinen schweizer Uhrwerker-Dörfchen aufgewachsen sind und Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Südamerika auswanderten.

Ob wahr oder Fiktion habe ich nicht ganz herausgefunden. Im Klappentext steht etwas von “Auf der Basis historischer Dokumente und mit Hilfe seiner Imignation erzählt Daniel de Roulet das Schicksal von zehn Frauen, die in einer Zeit, die ihnen nichts zu bieten hat, die Freiheit suchten.”

Am Cover ist eine alte Fotografie abgebildet, die wahrscheinlich so einen Vorraum zu einem Auswanderungsschiff oder schon eine diesbezügliche Ankunftshalle zeigt, Frauen Mädchen, Kinder sitzen da auf Bänken und schauen eher frustriert vor sich hin oder in die sie fotografierende Kamera.

Und das Dorf-, in dem die zehn Frauen, erzählt wird der Bericht von einer Valentine, die sich tapfer weigerte sich in Patagonien Tina nennen zu lassen, die zu Anfang des Buches von ihrer Schwester gefragt wird, wo das Weiß hinkommt, wenn der Schnee schmilzt?, eine Frage, die im ganzen Buch nicht beantwortet wird, -ist ein besonderes, hat es doch einmal Bakunin beherbergit, es ist zu einem Aufstand gekommen. Wahrscheinlich der Anfang der Anarchie oder der Beginn der tapferen Frauen sich zu wehren und für sich die Freiheit zu suchen.

Zuerst lernen sie aber alle das Uhrmacherhandwerk., Daniel de Rout zählt hier die verschiedenen Berufe auf, die es da mal gegeben hat. Die Frauen sind in den unteren Ränge geblieben und so brechen sie auf. Kaufen sich jede ein 2Zwiebelchen, das ist eine Schweizer Präzensionsuhr und fahren in das gelobte Land.

Zwei von ihnen sind schon vorausgegangen und umgekommen und das Buch ist auch nach den “zehn kleinen Negerlein, jawohl, das steht so drinnen, obwohl es auch “Negerinnen” oder “Zwiebelchen” beziehungsweise “Anarchistinnen” heißen könnte, aufgebaut und von jener Valentine 1919, als alles schon zu Ende war, in Monteviedo in zehn Kapitel aufgeschrieben.

Die anderen acht buchen eine Schiffspassagage nach Patagonien, über eine andere Auswanderung habe ich ja erst vor kurzen gelesen und auch über andere Schiffskatastrophen. Eine der Frauen, ich habe vergessen, sie haben Kinder, aber keine Männer mit, stirbt an Bord während einer Geburt, die anderen kommen an und sollen vom Gouverneur eigentlich als Soldatenbräute vergeben werden. Da weigern sie sich, verlangen für sich selber Land und bauen sowohl eine Uhrwerkstatt, als auch eine Bäckerei auf.

Trotzdem übersiedeln sechs von ihnen dann auf eine Robinson ähnliche Insel, um dort die Anachie zu leben, was auch irgendwie nicht möglich ist. Seltsame Begegnungen mit seltsamen Typen werden geschildert, ein Freitag schließt sich ihnen anl.

Lison wird erdrosselt, ihr “Zwiebelchen” verschwindet, wie die der beiden Lesberinnen und taucht dann wieder auf, beziehungsweise muß es mit Hilfe von Dynamitstangen zurückerobert werden.

Dazwischen kommen immer wieder Briefe von einem Benjamin, der ihnen von der Revolution am Festland erzählt. Weil die Zustände auf der paradisischen Insel aber schließlich doch unerträglich sind, verlassen die restlichen Frauen sie wieder und übersiedeln nach Argentinien. Hier werden sie verhaftet und verhört. Eine von ihnen stirbt an Cholera, die tapfere Mathilde bei einer Bäckerdemonstration und Valentine läßt sich nach Monteviedo bringen, um 1919 alles aufzuschreiben.

Ein kleines feines und auch sehr poetisches Buch aus der Anarchistenszene des neunzehnten Jahrhunderts, nach all dem politisch aktuellen über Patrioten und Flüchtlingsschicksale, der Neuzeit, das ich jetzt gelesen habe.

Interessant und eindrucksvoll, aber die Gegenwart ist wahrscheinlich packender und erfordert mehr Aufmersamkeit, obwohl es sicher gut ist, sich immer wieder an die Vergangenheit zu erinnern und sich literarisch mi ihr zu beschäftigen.

Patrioten

Nachdem ich mit dem österreichischen Buchpreislesen und den zwei Büchern der Debutshortlist fertig bin, bleibe ich weiter in Österreich und nach den “Reibungsverlusten” weiter in der Politik, denn Eva Rossman, mit der ich 2000, glaube ich, gemeinsam beim Poetenfest in Raab gelesen habe, ich aus meinem ersten Indie “Wiener Verhältnisse”, sie aus ihrem ersten Mira Valensky-Krimi “Wahlkampf”, hat ein neuerliches Buch geschrieben.

Allerdings keinen Krimi mit der Mira und der Vesna aber wieder ein aktuellen Thema, das mich ja seit der van der Bellen Wahl und seit sich mein Kritiker ja auch als Pedgida Fan entpuppte, sehr beschäftigt.

“Patrioten” heißt zu Wahl passend das Buch, hat einen schwarzen Umschalg mit geheimnissvollen Zeichen und ist, ich weiß nicht so recht, ist es eine Enttäuschung?

Natürlich nicht, denn es hat ja wieder, nachdem bei der Frankfurter Buchmesse, ja auch der Messeschef hilflos zwischen dem “Antaios-Chef” getanden ist und von der Menge mit “Wir alle hassen Antifa!” niederbebrüllt wurden, worauf die Identitären jubelten, daß sie  die Linken auf der Messe besiegt hätten, ein sehr aktuelles Thema und eines das mich sehr interessiert.

Auf das Buch wurde ich von einer literaturbegeisterten Dame, ich glaube, bei der “Perutz-Rreisverleihung” aufmerksam gemacht, dann habe ich ein Interview von Eva Rossmann mit Günther Kaindsldorfer in der Hauptbücherei gehört und erfahren, dieses Buch hat nichts mit Mira Valensky zu tun, denn Eva Rossmann wollte die nicht in diesem Fall ermitteln lassen. Es scheint, habe ich, aber gedacht, doch eine Art Krimi zu sein, denn der Vorsitzende der Patriotischen Sozialen wird an ein Kreuz genagelt.

Das klingt spannend, wie ein Krimi und ist von der identitären und Pegida-Wirklichkeit weit entfert und da fällt mir ein, ich habe ja auch vor einem Jahr im Literaturhaus auf einer Veranstaltung gelesen, wo Eva Rossmann dabei war und morderierte. Damals ist es auch um Flucht und Vertreibung gegangen und darin geht es in dem Buch ja auch.

Der Chef der fiktiven Patriotisch Sozialen Partei wird also ans Kreuz genagelt und keine Mira kommt um zu ermitteln, schickt ihre Putzfrau Vesna auch nicht in die Kirche, wo die Füchtlingsfrau Sina, deren Mann verschwindet, Unterschlupf fand. Sie lernt dort auch nicht die zweiundachtzigjährige Lotte Klein kennen, die Sina betreut und folgt der nicht nach Brüssel, wo zwar kein Schwein herumläuft, aber fast ein Terroranschlag passiert.

Das wäre wahrscheinlich interessant und spannend gewesen. So war es, fürchte ich, sehr fad und langweilig und ich habe mich durch die fast dreihundertsechzig Seiten gequält und bei Seite fünfzig war ich dann wahrscheinlich schon so weit, zu sagen “Da passiert ja nichts und worum geht es da eigentlich?”

Detail am Rande. Alfred hat das Buch zweimal gekauft und eines seiner Mutter geschenkt. Keine Ahnung ob die das noch liest? Daß es ihr, der passionierten Krimileserin gefällt, kann ich mir nicht vorstellen und frage mich auch, warum Eva Rossmanmm, wenn sie schon ein so  zeitakteulles Thema wählte, dann auskneift und um den Brei herumschreibt?

Ist es Angst vor den Patrioten oder einer Klage, die die ja sehr gerne androhen? Recherchiert ist es, die ich mich in diesem Gebiet ja auch ein wenig auskenne, sehr gut.

Also nicht Mira Valensky und ihre Putzfrau Vesna, die inzwischen ihre Freundin ist, recherchieren, sondern die dreiundachtzigjähre Lotte Klein, die früher Chefsekretärin war, Witwe eines berühmten Fernsehsprechers, Großmutter von David, der auch Reportagen schreiben will und die betreut, weil sehr katholisch, in ihrer Pfarre eine syrische Flüchtlingsfrau namens Sina und Julius Sessler, der Chef der Patriotisch Sozialen wird ans Kreuz genagel. So weit so gut und das wissen wir jetzt schon.

Was dann passiert, ist langweilig, das habe ich auch schon geschrieben. Denn es wird geredet und gedacht.Einander auch manchmal ein wenig beleidigt und in die Vergangenheit zurückgeschwenkt und dazwischen passieren durchaus krimiähnliche haarsträubende Dinge und vor allem tauchen auch immer wieder, auch ein sehr aktuelles Thema, Hasspostings auf, die von einem ES angeführt werden.

Rami, Sinas Mann verschwindet und die bittet Lotte um Hilfe. Die hat auch einen Verehrer, nämlich einen zweiundneuzigjährigen ehemaligen Widerstandskämpfer und Rechtsanwalt, namens Richard Pribil, der Lotte kennenlernt, als sie ihm in sein Fahrrad rennt. Alles vielleicht auch nicht sehr realistisch und nicht sehr spannend. David und Frau Klein, so wird sie auch immer wieder genannt, sollen herausfinden was passierte. Sina ruft auf seinen Computer ihren Vater in Damaskus an. Dann kommt die Polizei auf ihre Spur und verdächtigt den verschwundenen Rami ein Terrorist gewesen zu sein. Seine DNA und die einiger ander Flüchtlinge, die ebenfalls verschwunden sind, taucht bei dem Kreuz auf. Sina kommt in Untersuchungshaft und Lotte Klein macht sich bei einem Fernsehjubläum an den neuen Chef der Patrioten heran. Sie versucht auch bei der Polizei zu ermitteln, beziehungsweise tut das Richards alter Freund, der früher Polizeipräsident war und David geht als Prakikant nach Brüssel. Das will er zwar nicht wirklich oder doch. aber nicht in Anzug und Krawatte. So kauft ihm die Oma eine schwarze Jeans und eine Jennifer taucht auf, die beim Fensehen, die Besucher empfängt. Die ist achtzehn und ist von einem in Wien geborenen türkischen Medizinstudenten, der dann ebenfalls verschwindet, schwanger. Das entsetzt ihren Vater, denn der, ein arbeitsloser Baupoliert ist ja patrotisch. Dann ist er aber wieder ein Kommandant und bildet am Semmering arabische junge Männer aus. Das beobachtet Jennifer hinter einem Baum verborgen und ruft Lotte an, um ihr das mitzuteilen, die sich inzwischen in Brüssel befindet und da taucht dann plötzlich Rami in einem Sitzungssaal auf, der in jenem Ausbildungslager war. Es kommt fast zu einem terroristischen Anschlag und am Ende klärt sich alles auf oder auch nicht. Julius Sessler hat offenbar auf eine sehr spekuläre Art und Weise Selbstmord begangen, um seinem Krebstot zu entgehen und ich frage mich, was habe ich aus der Lektüre des Buches gelernt und was weiß ich jetzt mehr als vorher?

Daß die Frankfurter Buchmesse den Protesten gegen die rechten Stände eher hilflos gegenübergestanden ist, habe ich schon früher gewußt und daß “Mulitkulti” angeblich gescheitert ist, höre ich, wenn ich mir die Videos der Identitären ansehe, glaube es aber noch immer nicht.

“Natonalismus, Terror, Hass, die Angst geht um in Europa – der Spannungsroman über Europa am Scheungsweg”, steht am schwarzen Buchrücken. Aber ich habe das Buch,  wie schon geschrieben, sehr langweilig gefunden. Obwohl die Fakten, soweit ich es beurteilen kann, stimmen und der Hintergrund gut recherchiert zu sein scheint.

“Natürlich sind die handelnden Personen rein fiktiv. Viele der Zitate sind allerdings der Wirklichkeit entnommen. Man kann sie auf Facebook, in Presseaussendungen und Medienberichte finden”, schreibt Eva Rossmann auf der letzten Seite vor der Danksagung.

Und ich freue mich von ihr im nächsten Jahr vielleicht ein spannenderes Buch über ein vielleicht nicht so brissantes Thema zu finden und bin jetzt gespannt, was die passionierten Mira Valensky Leser dazu sagen?

Und wie schon geschrieben, ich denke mir, daß man auch aus diesem Thema ein spannendes Buch schreiben hätte können und finde es sehr schade, daß sich Eva Rossmann das offensichtlich nicht zutraute.

Das auf das Kreuz nageln, was ich  auch ein wenig kitschig finde, hätte sie dabei ja weglassen können. Eine Demonstration auf einer Buchmesse mit einem verschwundnenen Linken, Flüchtling oder Messedirektor hätte vielleicht schon genügt.

Reibungsverluste

“Reibungsverluste” der 1981 in Sarajevo geborenen Mascha Dabic, die 1992 nach Österreich kam, hier Translations- und Politikwissenschaften studierte und als Übersetzerin im Asyl- und Konferenzbereich tätig ist und unter anderen auch Barbi Markovic übersetzte, ist das zweite und wahrscheinlich letzte Buch der österreichischen Debutshortliste, das ich gelesen habe und es ist, obwohl das wahrscheinlich draufsteht, kein Roman, sondern, ich weiß nicht, ob man es als Memoir oder Personal Essay bezeichnen könnte. Vieles davon ist wahrscheinlich autobiografisch und aus dem Leben und Erfahrungsschatz der jungen Autorin gegriffen.

Ein Sachbuch ist es wahrscheinlich auch nicht, denn es hat  eine Handlung. Ein Tag im Leben einer jungen prekären Geisteswissenschaftlerin, die zwei Jahre lang in Russland lebte und daher jetzt in Asylheimen bei Therapien Tschetschenen dolmetscht, wird da erzählt.

Ein narrativer Sachbericht ist wahrscheinlich der bessere Ausdruck, der uns viel vom Leben der prekären Geisteswissenschaftler und der Asylsuchenden, ihren Alltag, ihren Sorgenschildert und das ist in Zeiten, wie diesen ein sehr wichtiges Thema, das uns alle angeht, obwohl der Zug nach rechts mit blauer Wolke ja wahrscheinlich schon längst fährt.

Friederike Gössweiner hat im Vorjahr mit ihrer “Traurigen Freiheit”, nur vom Leben eine prekären jungen Akademikerin erzählt und damit den Debutpreis gewonnen.

Ich dachte damals, das wäre deshalb, weil die “Arbeiterkammer” den Preisträger aussucht und das ist ja ein soziales Thema, während Katharina Winklers “Blauschmuck”, das sicher viel literarischerischer war, leer ausgegangen ist.

Jetzt könnte ich sagen “Liebwies” ist literarischer,  skurriler und wahrscheinlich ausgedacht, während “Reibungsverluste” vom Alltag in dem wir leben erzählt, der,auch für mich, die über Sechzigjährige erfolglos schreibenden Psychologin und Psychotherapeutin, die in ihrer Praxis keine Dolmetsch gestützte Therapien, aber eine Zeitling eine solche Diagnostik mit oft auch tschetschenischen Asylwerbern machte, sehr interessant ist.

So weiß ich auch nicht genau, welchen Buch ich den Preis wünschen soll, das von  Nava Ebrahimi, das wahrscheinlich genauso sozialkritisch einzuschätzen ist, habe ich nicht gelesen.

Muß mich aber ohnehin nicht entscheiden und denke, es ist auf jeden Fall sehr interessant “Reibungsverluste” zu lesen, obwohl ich das Buch nicht als Roman verstehen würde.

Interessant für mich natürlich in den Alltag einer Dolmetsch gestützten Therapie hineinzugleiten. Da erschien mir manches hözern und dahin erzählt. Aber Mascha Dabic ist wahrscheinlich keine Theraupeutin, wie das auch ihre Protagonistin Nora nicht ist und die hat ihre liebe Not, wie sie beispielsweise, die Therapeutenfloskel “Was haben Sie aus dieser Stunde mitgenommen?”, übersetzten soll, ohne daß der Klient empört “Ich habe nichts geklaut!”, antwortet.

Darum geht es in dem Buch, um die Reibungsverluste, die entstehen, wenn der Klient “Doppelgänger” sagt, die Doolmetscherin “Zwilling” übersetzt und Klient und Therapeut dann eine Weile aneinander vorbeirreden, bis der Dolmetscher eingreift und neu übersetzt.

Das ist das Interessante an dem Buch, für mich und wahrscheinlich auch für die, die letzte Woche schwarz oder blau wählten, weil man darin Einblick in das Leben von tschetschenischen Flüchtingen bekommt, den man sonst wahrscheinlich nicht erfährt, wenn man sie nur auf der Straße sieht oder in den Medien über die sogenannte Flüchtlingskrise hört.

Mascha Dabic übersetzt wahrscheinlich auch dem Russischen oder Serbischen, deshalb kommen in dem Buch die syrischen Flüchtlinge, die momentaner aktueller sind, nur am Rande vor.

Ich habe es aber und das gehört wahrscheinlich auch zu den “Reibungsverlusten”, das Buch, weil ein PDF und ich meinen Laptop nicht in meine ohnehin viel zu kleine neue schwarze Handtasche stecken kann, parallel mit Eva Rossmanns “Patrioten” gelesen und da geht es unter anderen, um eine syrische Flüchtilingsfrau und ich hoffe, ich komme dadurch nicht zu sehr durcheinander und die dabei entstandenen Reibungsverluste halten sich in Grenzen.

Mascha Dabic, die ich mit ihrem Buch auch schon bei den “O-Tönen” hörte, wurde auch von Daniela Strigl für den “Franz Tumler-Preis”, den inzwischen Julia Weber gewonnen hat, vorgeschlagen und steht auch auf der “Blogger Debut-Longlist”.

Sie war schon drauf, als ich von den O-Tönen kommend, auf der Seite nachschaute. Ich mußte sie also nicht vorschlagen, beginnt aber den Tag, durch den sie ihre Protagonistin Nora Kant führt, literarisch und läßt sie beim Aufstehen fluchen. Der Wecker läutet, sie muß los, denn am Montag dolmetscht sie im Flüchtlingsheim, am Mittwoch bei der Caritas, dazwischen gibt sie syrischen Flüchtlingen Deutschunterricht. Das kommt also doch vor und auch die “Flüchtlingsindustrie” von denen ganze Heerschafen sonst arbeitsloser Geisteswissenschaftler leben und sie sieht schlecht,  hat “sieben Dioptriein und einen Astigmatismus am linken Auge” und setzte als Kind immer die Brillen ihrer weit- beziehungsweise kurzsichtigen Eltern auf, die sie dann prompft vor dem schecht Sehen warnten.

In der kleinen Wohnung die, die prekäre Geisteswissenschaftlerin bewohnt, liegen überall Bücherstapeln, über die eine verschwommen Sehende schon mal stolpern kann und Nora hat sich und das finde ich, die “Büchernärrin”, wie die Ruth es einmal nannte, sehr originell sich ein dreimonatiges Leseverbot erteilt.

Bei “Amazon” gibt es eine Einsternrezension, der das Buch ” eine langweilige Geschichte aus dem langweiligen Leben seines  sehr langweilig Menschen nennt” nennt, da hat der Rezensent glaube ich  den Hintergrund “der zahlreichen Fluchtgeschichten” nicht verstanden oder verstehen wollen, der sich aber genau auf das bezieht und das das spannenste Moment der Geschichte hält, daß sie am Abend wenn sie müde nach Hause kommt, nach einem Buch und da zwar zu japanischer Literatur, greift, was ich auch sehr spannend finde.

Die Protagonistin steigt also am Morgen unter die Dusche, macht sich eine Tasse Espresso, denkt dabei an ihren Russlandaufenthalt, wo sie am Geothe-Institut beschäftigt war, von Olgabei der sie zuerst wohnte, Unterricht im Nägelmaniküren bekam, dann mit einem Vladimir zusammenlebte und nach der Trennung von ihm, jetzt in einer kleinen Wohnung lebt und von einem Termin zum nächsten hetzt.

Sie kommt in das Flüchtlingsheim auch zu spät, sagt “Entschuldigung!”, zur Sekretärin Erika, die “Kein Problem!”, antwortet, denn der Klient hat abgesagt. So hat Nora eine Stehstunde, für die sie elf Euro bekommt und übersetzt in dieser Zeit für die Therapeutin Roswitha “Folterprotokolle”, denn nur wenn die selbstverständlich anonymisiert abgegeben werden, bekommt das Heim Subventionen und kann die Therapeuten, die “Sozialkas” und die Dolmestscher zahlen.

Ich finde das nicht langweilig, sondern im Gegenteil sehr interessant, aber natürlich surrealistisch, experimentell oder sonst literaisch unverständlich ist es nicht, wenn die Klienten erscheinen.

Aber da kommt es eben zu “Reibungsverlusten” und das fand ich auch besonders interessant, wie es bei diesen Dolmetsch gestützten Therapien zugeht und das ist ein bißchen anders als in meinen Kassentherapien.

Die Therapeutin Roswitha scheint aber auch eher analytisch zu arbeiten und die Dolmetscherin Nora hat sich erst an den Therapeutenjargon gewöhnen müssen und wenn ein Mann der Klient ist, stecken sich beide Eheringe an, um nicht noch unnötigere Reibungsverluste zu haben und wertvolle Zeit zu verlieren.

Es kommen aber ohenhin, wie meist üblich mehr Frauen mit Kopftücher. Malinka, die tschetschenische Zweitfrau mit dem einjährigen Baby auf dem Schioß, das natürlich quengelt und die Stunde verkürzt. Diese Stelle hat Mascha Dabic bei den O-Tönen gelesen und da wird vorher von Dolmetscherin und Sekretärin darüber philosophiert, ob die muslimischen Zweitehen-Gewohnheiten grausamer, als die die Seitensprünge und die Betrügereien einer angeblich monogamen Gesellschaft sind?

Vorher ist Frau Magomadowa zu Roswitha gekommen und da gibt es auch Reibungsverluste, denn sie sollte eigentlich davon erzählen, wie es war, als ihr Mann  geschlagen und gefoltert wurde und der kleine Mustafa unter dem Bett lag, nicht ganz klar war, was er beobachtet hat, aber ihn seine Mutter, die mit dem Kind jetzt alleine in dem Asylheim ist, schon erzählen hörte, daß der Vater auf Dienstreise wäre.

“Man soll nicht lügen!”, eh klar, also auch Reibungsverluste. Frau Magomadowa ist aber ohnehin zu spät gekomen, beziehungsweise hat sie die letzte Stunde abgesagt, weil sie sich mit der afrikanischen Nachbarin, die laut ist und schlecht putzt, zerstritten hat. Sie hat von dem Lärm Kopfweh gekommen, die Folge des PTSD und hat sich bei den Sozialarbeitern und der Heimleiterin über die Frau beschwert. Jetzt hat sie Angst, daß man sie für rassistisch halten könnte. Und als sie von der Stunde in ihr Zmmer geht, um für Mustafa zu kochen, überlegt sie, daß sie der Therapeutin eigentlich von den Geschehnissen damals erzählen hötte sollen,  aber nicht konnte, weil sie die Theapeutin schonen wollte.

Reibungsverluste oder Aspekte, die auch für mich neu und meinen therapeutischen Alltag interessant sein könnten.

Dazwischen wird eingekauft oder Kaffee aus dem Stockwerk geholt, wo die Familien wohnen. Da schüttet Nora den Kaffee aus, sagt “Scheiße!” und der kleine Jusuf, der mit seinem Vater, einem Witwer und der altklugen Halbschwester  dort lebt, sagt ebenso altklug “Scheiße darf man nicht sagen!”

So geht der” langweilige Tag einer langweiligen Dolmetscherin” und Flüchtlingsleben dahin. Am Ende sind trotzdem alle erschöpft. Nora fällt vom Fahrrad, verletzt sich die Wange, fährt mit einem aserbaidschanischen Taxilenker nach Hause, mit dem sie sich tut unterhält und der ihr auch seine Visitenkarte gibt und am Ende stolpert sie wieder über ein Buch und bricht ihren Vorsatz.

Sie liest das Buch im Bett, mit der obligatorischen Zigaretten, denkt kurz an Ingeborg Bachmann,  dann zuerst “Das Bettt ist ein sicherer Ort”.

Aber “Es gibt keinen sicheren Ort. Nirgends”

So schließt das Buch und ich bin gespannt, weil ich wirklich nicht weiß, ob ich Mascha Dabic oder Irene Diwiak den Preis wünschen soll und denke wieder “So eine Scheiße, daß man sich da entscheiden muß und angeblich nur einer gewinnen kann!”, weil man, wie ich ja schon oft schrieb, Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann.

Liebwies

Jetzt komme ich zu den Debuts der österreichischen Buchpreisliste und habe da als erstes Irene Diviwak “Liebwies” gelesen, der erste Roman, der 1991 in Graz geborenen, von der ich ja schon einen kleinen Ezählband gelesen habe, der in den Blogs sehr gelobt wurde. Dann habe ich daraus beii den O Tönen gehört, bin neugierig geworden und war jetzt auch bei der Debutlesung, wo in der Bibliothek der Arbeiterkammer, die drei nominierten Bücher präsentiert wurden.

Da hat, ich war gerade mittendrin im Lesen, Ute Weiner, die Moderatorin, die Autorin gefragt, ob das Buch eine Parodie wäre?

Irene Diwiak hat das entschlossen verneint und gemeint, es gehe um den Kulturbetrieb und, um die Frage, warum der eine Erfolg darin hat und der andere nicht und die Handlung hat sie deshalb in die Zwischenkriegszeit verlegt, weil sie sich dafür sehr interessiert.

Ich habe das Buch jetzt ausgelesen und denke es ist eine Parodie und war eine, die es ganz besonders in sich hat und Irene Diwiak gehört höchstwahrscheinlich zu den hochbegabten Jungautorinnen, die gar keine Schreibschulen nötig haben, weil sie gleich ihren eigenen unverwechselbaren Stil einbringen und das scheint Irene Diwiak, die den Roman unter dem titel “Der Klang der Frauen” herausbringen wollte, der Verlag war dagegen wunderbar zu verstehen.

Zwar würde sie wenn die das Manuskript bei Wolfgang Tischer vom Literaturcafe für den Blogbuster eingereicht hätte, keine Chancen haben, weil ihr Buch hat nicht nur einen Prolog, sondern auch einen Epilog und sonst vier Teile hat und das will der ja nicht, hat der auf Frankfurter Buchmesse gesagt und würde solche Manuskripte gleich in den Mist werfen.

“Deuticke” sieht das zum Glück anders und Irene Diwiaks Debut ist wahrscheinlich auch deshalb so ungewöhnlich, weil es noch unverfälscht ist und der Kitsch haarscharf neben der starken Skurilität liegt, mit der sie ihre Charaktäre zeichnet.

Es ist nicht alles logisch in dem Buch und wäre ich  schon bei der Lesung  damit fertig gewesen, hätte ich die Autorin einiges fragen können, so zum Beispiel warum Ida August Gussendorff geheiratet hat, wenn sie doch voll lesbisch und offenbar auch sehr selbstbewußt ist.

Aber sonst glänzt das Werk durch seine Skurrilität und die Zwischenkriegszeit ist, glaube ich, die ich ja auch sehr viel über diese Zeit gelesen habe, gut gezeichnet.

Es ist nicht alles, wie es scheint, hat Daniela Strigl, das Buch, glaube ich, bei den O-Tönen vorgestellt. Die gefeierte Sängerin kann nicht singen und die Oper, die sie berühmt machte, wurde eigentlich von der Frau des vorgeblichen Komponisten geschrieben und das steht auch im Prolog,  beziehungsweise Epilog, woran man sehen könnte, daß manchmal ein solcher doch nicht so unwichtig ist und dann geht es hinein in das Jahr 1924, nach dem verlorenen Krieg und ka kommt ein Musiklehrer mit einer halben Nase zurück, die Frau hat ihn betrogen, die Stelle in dem Gymnasium, gibt es nicht mehr und er zieht aufs Land, in ein Dörfchen namens Liebwies und das ist die Stelle, wo der Roman eigentlich beginnt.

Das ist, glaube ich, auch die Spezialität Irene Diwiaks, daß sie in ihre Teile Figuren einführt, wo man erst später begreift, wozu sie eigentlich wichtig sind. Der Erfinder beispielsweise, der Idas Geburt miterlebt, weil er offenbar sowas, wie das SMS erfunden hat und das Idas <Mutter, einer energischen Fabrikantin und voll häßlichen Frau, das sind auch so die Merkmalen von Irene Diwaks Figuren, verkaufen will oder die Madamme Femina, die eigentlich ein Herr Mann ist.

Der Lehrer kommt jedenfalls in das verschlafene Dörfchen und braucht drei Tage Fußmärsche bis dorthin, sieht in der Volksschule, wo er sich anstellen läßt, ein abgrundhäßliches blindes Mädchen mit einer wunderschönen Stimme, in die er sich gleich verliebt.

Das wird auch sehr skurril geschildert. Er schreibt seinen Freund Wagenbach, den  Kulturkritiker an und lädt ihm zu einem Konzert ein, damit er seine Schülerin fördern kann. Dann kommen ihm aber Zweifel und er holt die bildschöne Schwester der häßlichen Karoline, das ist eben jene Gisela, die nicht singen kann, damit Wagenbach gleich den Unterschied merkt.

Das geht aber schief. Denn Wagenbach verliebt sich in Gisela, weil sie ihn an seine verstorbene Frau erinnert und hört gar nicht zu, wie sie singt, sonder nimmt sie gleich mit nach Wien oder in die Stadt, wo die Handlung spielt. Ein Name wird da, glaube ich, nicht genannt. Schleppt sie  zum Vorsingen in ein Konserervatorium und erpresst den jüdischen Impressario sie zu unterrichten. Der tut das und braucht nun eine Oper, wo eine Sängerin die Hauptrolle hat, die nicht singen muß. Die gibt er dem Dichter August Gussendorff in Auftrag, der eine solche komponieren will, obwohl er das auch nicht kann.

Man sieht, es ist sehr kompliziert und und Irene Diwiaks Buch hat wieder Stoff für hundert Bücher, denn der, ein Sechzigjähriger hat die unscheinbare Ida, die Tochter jener Fabrikantin geheiratet, die lesbisch ist und komponieren will. Der verbietet der Ehemann natürlich als Erstes das Komponieren. Sie fügt sich und tut es heimlich weiter. Sie ißt dann auch nichts und das erscheint mir unlogisch in seiner Übertriebenheit, denn eigentlich ist diese Ida ja eine selbstbewußte Frau und hat den Komponisten freiwillig geheiratet.

Aber das bietet natürlich Stoff für weitere Skurriliät. So taucht auch noch die Köchin Rosl auf und am ende bleibt Gussendorf nichts anderes über, als seiner Frau die Noten, die natürlich doch komponierte, zu steh.en und sie für seine Oper auszugeben.

Da kommen wir schon zum nächsten Teil. Die Oper “Die stumme Gräfin” wird aufgeführt. Alle sind von der Schönheit der Sängerin, die nicht singen kann, fasziniert. Die Oper wird berühmt. Gisela Liebwies, wie sie nun gennant wird, auch und Ida, die schon ein Verhältnis mit einem Diensttmädchen hatte, weshalb sie ja von ihrer energischen Mutter auch verheiratet wurde, verliebt sich in sie, schreibt ihr Briefe, trifft sich in Cafes und geht mit ihr, ihr Mann ist inzwischen verstorben auf eine Reise.

Da wird sie als sehr herzlos geschildet. Sein Tod interessiert sie nicht. Sie verreist mit Ida nach Deutschland und verkehrt dort mit ihr in einem Transvestitenlokal. Sie würde mit Gisela dort ewig bleiben. Aber die zieht es in die Stadt und zu ihrem Ruhm zurück und außerdem verlobt sie sich mit einem deutschnationalen Arzt, den sie von der Gesellschaft der Musikfreunde kennt, in die Wagenbach sie einführte.

Der verbietet seiner Frau natürlich auch das Singen. Läßt sie Zwillinge, zwei blonde Mädchen namens Brunhilde und Krimhilde gebären und wir sind nun schon im Jahr 1943. Die Zwillinge spielen Hitlers Geburtstag und entweden dem Vater eine Einladung in jene Gesellschaft. Die bekommt nun Gisela, die inzwischen dick und fett geworden und nicht mehr so schön, wie früher ist, zu Gesicht, will unbedingt dorthin gehen  und erpresst ihren Siegfried damit.

Da kommt es nun zur nächsten Katastrophe, beziehungweise Farce. Nämlich Wagner wird gefeiert, die “Wallküre” dröhnt aus den Lautsprechern. Bier wird gesoffen, der schöne Siegfried möchte am liebsten mit den prallen Maiden im Bett verschwinden, muß sich aber an den Tisch mit den Gastgebern setzen und die stellen ihm nun Ida mit einem Fräulein Hartmann vor und das hält Gisela, obwohl sie Ida ja vor zwanzig jahren verlassen hat, um eine Frau Dr. Römer zu werden, nicht aus. Sie denunziert sie vor ihrem Mann und so kommt es dann dazu, daß Ida plötzlich von einem jungen Mädchen mit einem Kinderwagen angesprochen wird. Sie soll das Baby einen Moment hüten. Sie tut es bereitwillig. Im Wagen befindet sich aber kein Kind sondern “Nieder mit den Nazis-Parolen”.

Die SA kommt und die unbedeutende Ida, wie schon im Prolog und dann noch im Epilog steht, wird verhaftet und das ist ihr einziger Grund in die Weltgeschichte einzugehehn, daß sie die Komponistin der “Stummen Gräfin” ist, wird die Welt dagegen nie erfahren.

Jawohl, eine Parodie, denke ich, eine Farce, aber ein erstaunlich vergnüglicher Debutroman und Irene Diwiak ein großes Talent. Ich wünsche ihr den Preis, habe aber die beiden anderen Bücher, die sich mit der Migrationsfrage zu beschäftigen schein und in der Gegenwart spielen, noch nicht gelesen. Bin also gespannt.