Deppentango

Im Amerlinghaus habe ich das Lesen des Buchs angefangen, das mir Paul Jaeg vom “Aroell-Verlag” an dem Tag schickte, an dem ich ihm im Amerlinghaus getroffen habe. Das war Ende August, es hat also ein bißchen gedauert, bis ich zum Lesen von Dietmar Füssels Kurzgeschichten gekommen bin, obwohl ich den 1958 geborenen schon lange kenne, auf seine Homepage 2008 oder 2009 gestoßen bin und mich eine Zeitlang auch an seinen monatlichen Gewinnspielen beteiligt habe und schon sehr viele seiner Bücher gelesen habe.

Der Oberösterreicher ist ein sehr origineller Autor, der immer wieder skurrile Themen für seine Bücher findet und so sind die “literarische Kurzgeschichte” wie am Buchrücken steht, diesmal den “Versagern, Unglücksraben und Idioten”, wie der Untertitel lautet, gewidmet und Dietmar Füssel geht es in seinen kurzen Texten auch rasant an.

So wird hier in der “Operation Adele” von einem Experiment berichtet, wo der britische Geheimdienst aus Adolf Hitler  eine Adele machen wollte, weil Frauen ja viel friedlicher sind, was, wie Dietmar Füssel behauptet, leider mißlungen ist, weil stattdessen aus Ernst Braun eine Eva wurde.

Es geht um einen Herrn mit “Grillenangst”, der an einer Insektizidvergiftung zugrunde geht, um einen “Ewigen Versager”, das ist ein Mensch, der soviel Pech in seinem Leben hatte,  daß er nicht eimal den Kannibalen schmeckt und ein “Interview mit einem  Vampirjäger”, gibt es auch.

Es gibt den “Spaghettifeind”, der diese Sorte Nudeln nicht mag, nicht weiß warum und deshalb schaut, daß sein Sohn einen Grund dafür hat und den, der wegen der Muttermilch, keine solche in seinem Kaffee mag.

Ein Arbeitsloser schreibt, um sich selbst einen Posten zu verschaffen, einen Brief an den Finanzminister mit Vorschlägen, wie man durch “Gesundbeten”, die Leute schneller gesund werden lassen kann und Sir James wird, als er seine Frau weggeschickt hat und genüßlich mit der Zofe ins Bad steigen will, zweimal durch das Telefon herausgeholt.

Weiter geht es mit dem Mann, der seiner gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen Maus ein Mausoleum um zwölftausen Euro setzte,  dem “Ziegenbockpeter”, der sich aus hygienischen Gründen nicht duscht und dem Märchen von dem Knecht, der sich von seinem Bauern mit einer angeblichen “Zauberwindel” abspeisen ließ.

Es gibt den “Leichensammler” und den Mann, der sich an einem Sonntag auf einen zwanzig Kilometer Fußweg zu seinem Zahnarzt begibt, um sich seine Schneidezähne ziehen zu lassen, um den Frauen besser zu gefallen und in der Geschichte vom “Königstiger” geht es um einen Säufer, der sauft und sauft, zuerst weiße Mäuse, dann weiße Katzen, weiße Hunde und zuletzt einen weißen Königstiger sieht, das beunruhigt ihn  so sehr, daß er die Polizei anruft, die schickt ihm die Sanitäter mit den weißen Jacken und die werden dann, wem wundert es bei Dietmar Füssels schrägen Humor, prompt aufgefressen.

Das “Kind mit den Blumen”, die zu allem nicken, ist vielleicht ein wenig einfach , wie bei einigen der kurzen Texten auffallen kann, daß sie, wie schnell hinunter geschrieben wirken.

Dietmar Füssels Stil und skurriler Humor ist auch der “Magischen Kriegsführung” gut zu erkennen. Da geht der Leutnant Pospischil zu General Weissfuß, der gerade mit “gezückten Zeigefinger durchs Zimmer hüft und dabei laut “Päng! Päng Du bist tot!”, brüllte und der ihm dann Befehl gibt, einen Zauerspruch zu finden, mit dem man die feindliche Armee in Schweine verwandeln kann.

Im Verein der “Wildenwerwolfwürger” hat noch keiner der Mitglieder einen Werwolf weder gewürgt noch gesehen und gehört und als er das bemerkt, verläßt Herr F. der, den Verein  zu Recherchezwecken besucht hat, diesen frohgemut, denn “Ich hatte soeben feststellen dürfen, dass es tatsächlich Leute gab, die noch verrückter waren als ich selbst.”

Was die Frage aufwirft, ob es sich bei Herrn F. um den Autor selbst handelt, was vermutlich stimmen könnte, da der Herr F. der in “Die wichtige Angelegenheit” zu einem Grafen Tox gerufen wird, Schriftsteller ist und am Schluß noch hintergründig an seine Leser, die Frage stellt: “Bist du aus dieser seltsamen Geschichte schlau geworden? Ich nämlich nicht.”

“Na dann ist Hopfen und Malz verloren!”, mag sich die Leserin denken, die eigentlich gar keine “Idiotengeschichten” mag, aber die vom “Angsthasen” enthält Eemente, die der Psychologin gefallen können.

Da fürchtet sich einer vor allem, hat “Höhenangst, Platzangst,  Versagensangst, Angst vor Wespen, Hornissen, Spinnen, Mäusen, Hunden, Schlagen, Betrunkenen und Psychiatern”.Dann geht er in eine Bank “um einige Erlagscheine einzuzahlen”, beobachtet einen Bankräuber und steckt ihm aus Angst “in der Zukunft für einen erbämlichen Feigling gehalten zu werden”, “den rechten Zeigefinger in den Rücken und sagt barsch: Pech gehabt Freundchen, Kriminalpolizei. Weg mit der Waffe und Hände hoch!”

Das nenne ich  originell, während zugegeben, die anderen Geschichten, die sich zum Teil in ihren Elementen wiederholen, so bildet sich einer ein, ein Indianer zu sein, geht auf eine Bank, um sein Geld abhzuholen und landet dann in der Gummizelle, weil der Bankbeamte die Rettung holt, nachdem er mit “Wilder Büffel” statt seinem Namen unterschreibt,  manchmal etwas nerven, weil die Menschen wahrscheinlich doch nicht so eindimensional deppert sind, wie sie Dietmar Füssel genüßlich schildert.

“Es gibt den harmlosen Spinner”, der seinem Psychiater beweisen will, daß er “ein gemeingefährlicher Psychopath ist” und es dann nicht zusammenbringt, ihn zu erschlagen oder zu erschießen und dann den “Verständnisvollen”, der alles versteht, daß ihn seine Frau betrügt, sein Chef entläßt, der Räuber ausraubt und dafür nicht einmal in den Himmel, sondern in die Hölle kommt und vom Teufel belehrt wird, daß “wer sich nicht wehrt, verkehrt lebt.”

Am Schluß wird noch das “Denkmal” der Gerechtigkeit nicht enthüllt, was vielleicht auch eine “Hinterfotzigkeit” Dietmar Füssel ist, darüber eine Geschichte zu schreiben.

Dietmar Füssel Skurrilität und  Vielschreiberfleiß ist also beeindruckend und ich bin gespannt, was dem “Kurzgeschichtenmeister”, der zu seinen größten Erfolgen die Teilnahme an einem “Hundert Kilometer Lauf von Biel mit einer Endzeit von knapp über vierzehn Stunden”, zählt, noch so alles einfallen wird.

Am Cover ist auch noch einer zu sehen, der genußvoll lächelnd, den Ast abzusägen beginnt, auf dem er sitzt.

 

Anmut und Feigheit

Jetzt kommt ein Erzählband, obwohl ich Erzählumgen ja gar nicht so gerne mag, da es mir immer schwer fällt mich so schnell von einem Sujet auf das andere einzulassen, des 1956 geborenen Frank Schulz, einem deutschen Dichter, der mir bisher unbekannt war, der aber schon viel geschrieben und viele Preise gewonnen hat und die  dreiundzwanzig Erzählungen, in denen es in allen Varianten um die Liebe geht, “Liebe ist nichts für Feiglinge -Frank Schulz  blickt in einen Erzählungen hinauf zu Wolke 7 und hinab in die Abgründe der Seele”, steht am Buchrücken, sind auch genau datiert.

Mit denen die im  Jahr 2018 geschrieben wurden, fängt es an und geht bis in das Jahr 1955-1950 hinunter, wo der Autor noch ein Kleinstkind war. Und es beginnt in einer  auffällig sorgsamen Sprache, in der immer wieder für mich seltsame Worte, wie beispielweise das ” voll krass” auftauchen, die die heutige Jugend offenbar gern verwendet, während man früher “echt geil” sagte.

In “Szenen in beige” geht es um einen “Juniorsenior”, einen gerade sechzigjährigen, der aber schon einen Schlaganfall hatte und daher ein Langzeit-EKG benötigt, mit dem er durch die Stadt rennt, um sich mit seiner jungendlichen Betreuerin oder Gefährtin  Yvonne zu treffen und sich mit ihr mit Worten zu duellieren.

In “Rotkehlchen” geht es um das Sterben einer Mutter, der Erzählung ist ein langes Gedicht hineingepackt:

“Jeden Morgen vier Uhr dreißig

weckt die Mama einen Hahn,

auf dass dann seinerseits der fleißig

krähen und sie wecken kann”.

Sehr originell und beeindruckend, die 2016 geschriebene Erzählung “Zwei Briefe in die Zukunft”, wo sich 1997 zwei Klassenkameraden, ein Mann und eine Frau ausmachen, einander Briefe zu schreiben, die man aber erst zwanzig Jahre später aufmachen und lesen darf.

In “Hüli mit Füll” geht es um die Leiden eines arbeitslosen Journalisten, der auf eine Verlagsparty seines ehemaligen Chefs eingeladen ist, mit dem er Schwierigkeiten hat, seit er ihm noch als Schulfreund einmal einen zigarillo verweigert hat. Jetzt ist der sein Vorgesetzter und einen Bestseller hat er außerdem auch noch geschrieben. Wieder auffällig sorgsam mit vielen neuen Wendungen und Neuschöpfungen, die Sprache, in der es von Worten und Wendungen, wie “Neuranze” eine Mischung aus Roman und Neurose oder “Ein Schlittschuh für das gefroene Meer in uns” nur so kreucht und fleucht.

Gruselig wird es dann wenn die zweiundsechzigjährige Unternehmerin Annelene Borsig zum Feiern ihres Ruhestand ein Luxusspa bucht und dort nicht schlafen kann, weil Gillenzirpen, sie hat eine Insektenphobie sie stört und der Horrortrip beginnt, lernt sie doch an der Bar einen älteren und einem jüngeren Herrn kennen, dem jüngeren erzählt sie ihre Geheimnisse und eine weitere Alptraumnacht beginnt, die zu einer Horrorszene während eines Schneespaziergangs führt, bevor sie sich von ihren Alpträumen und den jungen Männern lösen kann.

Die nächsten zwei Geschichten führen wahrscheinlich in das Heimatdörfchen des Autors und hier hat sich Frank Schulz mit einem Nachlaßredner, wenn ich mich nicht irre, selbst ein Grab gesetzt, während er in der nächsten Geschichte wieder sprachgewaltig mit vielen schönen fast altertümlichen Ausdrücken, das Leben und Sterben einer Roßkastanie erzählt.

Es gibt Schnurren, Anekdoten,  Farces und andere Textsorten in dem schönsprachlichen Liebesgesang durch die Jahrzehnte, die immer wieder durch ihre Aufarbeitung verblüffen und gar nicht so einfach zu lesen sind.

In “Flaschenpost für Ekke Nekkepen” geht es um eine Frau, die in einer Konditorei am der Nordsee drei Burschen, einer in einem Norwegerpulli, beobachtet, die sich über die Flaschenpost belustigen, die sie beim Liebesspiel zu Silvester am Strand zurückließ und der “Korfiotische Kuss” schildert  die Tragik, die durch das maßlose Saufen entstehen kann.

Denn da quartiert sich ein Promipaar aus Hamburg auf einer Insel in Korfu ein, im Nebenappartement logiert ein langweiliges Pärchen. Heißt sie jetzt Martinia oder doch Mar- weil das Charlotte nicht langweilig genug ist. Jedenfalls kann sich Evchen ihr Gesicht nicht merken. Man ißt aber mitsammen, besäuft sich am Ouzo und ein Jahr später klingelt in Hamburg das Telefon und Char- oder Marlotte fragt unschuldig, ob Evchen mit ihrem Michael Oralverkehr gehabt hat und dann sitzt in einer anderen Geschichte einer am Balkon, stopft Cola und Schokoriegel in sich hinein und beobachtet in der Nebenwohnung, Vorhänge kennt man in der Gegend nicht, eine schöne Frau, mit der allmählich alt wird.

In”Die weiße Fee von Töwerland”, 1986-1990, steht darüber, geht es um die Feriensommer von Lisa und Swante, wo Lisa un ter dem Namen”Arrassica”, “bei der Errettung der Welt mithelfen”, beziehungsweise, die “unendlichen Weiten des Planeten Fu erkunden” wollten, damit sie “ihre Puppe und Kuscheltiere dorthin evakuieren konnten, wenn die Welt unterging.”

Eine abenteuerliche Fahrt von “Chalatanango nach San Antonio Los Ranchos “am “11.November 1989” gibt es in den “Ballistischen Augen”, und dann geht weit in eine vielleicht autobiografisch oder auch nur ausgedachte Kindheit und Jugend zurück, nämlich  in “Drachen über der Alster”, 1973- 1977, in die Lehrlingsjahre von Hans und dem Ich-Erzähler, die sich, während sie arbeiten und zur Schule gingen, an manchen Bierchen in den Alsterstuben erfreuten. Dann gibt es noch die Geschichte vom “Sommer, in dem ich ein Zebra ritt”, 1972, da geht es um die ersten journalistischen Erfahrungen, die ersten Gedichte und natürlich um die ersten Begegnungen mit den Frauen”.

Es folgt, 1968, ein “Tagebucheintrag” oder ein Schulaufsatz über “Heiligabend, in dem sich der Schreiber über die vier Bücher, die neuen Schuhe und die Süßigkeiten freut, die es für ihn zur Bescherung gegeben hat und dann wird es ein wenig kryptisch, ist doch das “ausgemalte Memoir” “Mamapapamamapapa” mit 1950-1055 datiert. Der Autor aber erst 1957 geboren und so kann man sich über die dichterische Freiheit wundern, den Kopf schütteln, sie hinnehmen, den Erzähler mit dem Autor oder was auch immer verwechseln und damit vielleicht den Autor ärgern.

Die dreiundzwanzig Geschichten, beziehungsweise das “Prosa-Album über Leidenschaft” und der Weg zurück vielleicht in ein Erzählerleben war aber sehr spannend, obwohl ich, wie schon geschrieben, eigentlich keine Erzählungen mag, weil ich nicht so schnell von einem Sujet ins andere hinüberspringen will.

Klaus Kastberger, der Literaturprofessor, Literaturhausleiter und” Bachmann-Juror” hat aber auf Twitter vor einiger Zeit nach einem aktuellen Erzählband gefragt und im “Literaturcafe” gibt es auch einen Artikel, wo sich Vito von Eichborn mit den “Chancen von Kurzgeschichten” beschäftigt.

Man müßte wahrscheinlich mehr Zeit haben, um sich in sie einzulassen. Dafür dürfte man wahrscheinlich nicht von sovielen Bücherbergen umgeben sein, für die langsam und vor dem Einschlafen Leser wäre das Buch aber als Adventkalender zu empfehlen, jeden Tag eine Geschichte  und einen Freitag zum Verschnaufen hätte man dann auch und die “Weihnachtsgeschichte” läßt sich vielleicht unter dem Christbaum lesen, damit sich die Kinder wundern können, was es 1968 so unter Christbaum gab.

Sungs Laden

“Sungs Laden” den bei “Droemer” erschienenen Roman der 1965 geborenen Karin Kalisa, habe ich, glaube ich, im vorvorigen Jänner im Bücherkasten beim Zimmermannplatz gefunden und habe ihn mitgenommen, weil ich das Cover in dieser Zeit auf mehreren Blogs gesehen habe. Der Rechnungszettel der naheliegenden Buchhandlung ist noch darin gelegen, was rätseln läßt, ob das Buch verloren wurde oder für den Bücherschrank gekauft wurde.

Ich habe es in meine Regale gestell unt hätte es angesichts der übrigen Bücherfülle wahrscheinlich vergessen, wenn es nicht Walter Famler und Ilija Trojanow in das Programm für die heurige “Literatur im Herbst” genommen hätten, was mich schon stutzig machte, daß das ein utopischer Roman wäre, denn das hätte ich, die ich ja im vorigen Semester mit Stephan Teichgräber  fast   allein einen Workshop zur utopischen Literatur gemacht habe, nicht gedacht.

Interessant war dann auch, daß sich die Autorin im “Odeon” offenbar dieselbe Frage stellte, die Ilija Trojanow angesichts der derzeitigen Zustände des Rechtspopulismus und der Ausländerhetze, wo man mit jemanden nur fünf Minuten zusammensein muß, um ihn gleich über die vielen Ausländer im Viertel stöhnen zu hören, eindeutig mit “Ja!”, beantwortet hat und ich habe mir gedacht, nach den strengen Kriterien, die wahrschein “1984” und “Schöne neue Welt” zu den utopischen Romanen zählt, ist es es wahrscheinlich keiner, angesichts der realen Umstände aber schon.

Habe das gebloggt, den Uli auf die Spur gebracht, der wieder gleich alles besser wußte und mit ihm ausgemacht, was ich für einen kreativen Akt der “Völkerverständigung” halte, das Buch gemeinsam zu lesen und voila, hier  mein Eindruck über “Sungs Laden”, das Buch in dem alles, nämlich das Welt- oder Viertelverändern damit beginnt, daß ein Schüler in einer Schule am Prenzlauerberg einem anderen eine hinunterknallte oder so, womit der Schulamtsleiter auf den Plan gerufen wurde und den Direktor zu einer “Weltoffenen Woche” aufgefordert hat.

Der war, angesichts, daß sich die Adventzeit nahte und der Weihnachtsbaum schon in der Aula aufgestellt war, nicht sehr erfreut darüber, hatte aber eine Idee wie das schnell vorn statten gehen konnte.

Die Lehrer riefen ihre Schüler auf, ein “Kulturgut” aus ihrer ehemaligen Heimat mitzubringen und vorstellen, worauf der kleine Minh seinein Vater, Sohn von vietnamnesischen Vertragsarbeiter der ehemaligen DDR und jetziger Ladenbesitzer danach fragte, der ihn zur Großmutter schickte und so trippelte am Tag der “Weltoffenen Woche” die Großmutter in einem schönen grünen fremdländischen Kleid mit ihrem Enkel und einer Holzpuppe in der Mitte zur Schule und schrie fröhlich “Good morning Vietnam” in die schon schläfrig gewordenen Klassen und erzählte, wie sie als junges Mädchen nach dem Krieg mit der Puppe nach Ost-Berlin gekommen ist, dort bald schwanger wurde, das erste Kind aber nach Vietnam zurückschicken mußte. Erst das zweite, den kleinen Sung konnte, sie weil in Ost-Berlin schon die Wende nahte, behalten

Die Werkslehrerin zeigte sich beigeistert, suchte einen vietnamnesischen Tischler im Kiez auf, ließ sich von ihm solche Puppen, die eigentlich für das Wasserpuppentheater bestimmt waren, zimmern und rief damit zu einer Protestveranstaltung gegen die Raumnot in der Schule auf, was das Interesse der Bevölkerung an den schönen vietnamnesischen Stoffen, der vietnamnesischen Garküchen und der Läden im Kietz schlagartig steigern ließ.

Die Puppen und die typischen Kegehüte die “Non las” lagen in jeden Geschäft auf und wurden von den Einheimischen auch getragen. Hien, die Großmutter wurde von den Lehrerinen zu Deutschkursen für die Vietnamnesen  und Vietnamnesisch für die Einheimischen engagiert. Imbisse begannen aus dem Boden zu schießen und schließlich begannen erheben noch die typischen “Affenbrücken” von Geschäft zu Geschäft in der Nacht in geheimnisvollen Arbeit von Höhenarbeitern geknüpft wurden, sich in der Luft beitzumachen und eine Aufführung der typischen Wasserpuppenspiele gab es auch und das alles, höre und staune, führt zu keinen Protestmärchen der Bevölkerung, sondern zu Freude und Begeisterung.

Wirklich ein utopischer Roman, der zeigt das Multikulti mit ein bißchen guten Willen, vielleicht doch nicht gescheitert ist. Eine postive Gegendarstellung und keine Dystopie, wie wir es sonst in der utopischen Literatur gewöhnt sind, ist mein Resume und ich froh bin, das Walter Famler und Ilija Trojanow, das Buch in ihr Programm setzen, so daß ich es jetzt gelesen habe und sehr gespannt, was der Uli dazu sagt.

Wie kommt der Krieg ins Kind

Buch siebzehn des deutschen Buchpreislesens, langsam nähere ich mich dem Ende, denn ich habe nur noch das sechste Shortlistbuch auf meiner Liste, die zwei anderen müßten noch zu mir kommen.

Das Buch der  1964 geborenen Susanne Fritz “Wie kommt der Krieg ins Kind” ist wieder kein Roman, sondern ein Memoir oder Bericht über ihre Mutter, beziehungsweise ihre als Deutsche in Polen aufgewachsene Familie.

Eine Auseinandersetzung  und Vergangenheitsbewältigung, ein wie am Buchrücken steht “Sehr persönliches Buch über das Schicksal der eigenen Familie in den Zeitläufen des zwanzigsten Jahrhunderts, vor allem ein Buch über eine Mutter-Tochter Beziehung. Spurensuche, deutsch-polnische Geschichtsschreibung und Erzählung in einem”, steht am Buchrücken.

Die Mutter-Tochter Beziehung, mit der in das Buch eingeführt wird, würde ich in den knappen sachlich-klaren  kurzen Kapitel am wenigsten ausmachen, denn Susanne Fritz nähert sich dem Thema weitläufig an. Es beginnt mit dem Ganzkörperscanner mit dem man sich für einen Amerikabesuch konfrontieren muß und dem Zurechtgewiesenwerden durch die Beamten, wenn das nicht problemlos klappt, das Susanne Fritz an ihreMutter denken läßt, die im polinischen Schwersenz aufgeachsen, sich 1939 als neunjähriges Mädchen zur deutschen Volksgruppe bekennt, 1945  deshalb verhaftet  und für drei Jahre in ein polnischen Arbeitslager gebracht wird.

Danach geht sie in den Schwarzwald, heiratet, bekommt ihre Kinder, weigert sich über ihre Vergangenheit zu sprechen und reagiert sehr heftig, als die Tochter zu schreiben beginnt.

Der Mutter wäre das Buch über sie wahrscheinlich nicht recht gewesen, die Tochter forscht aber akribisch weiter, studiert Akten, liest Bücher, fährt nach Polen, schaut sich alte Familienfotos an und beginnt dann über den Großvater Georg oder Jerzy zu erzählen, der in Schwersenz oder Schwaningen eine Bäckerei oder Pikarnia hat. Er gehört der deutschen Volksgruppe an, wird, als die Nazis kommen, Schutzpolizist und Bürgermeister und stirbt 1945, als er doch noch in den Krieg eingezogen wird.

Die Großmutter Elisabeth, gelähmt, an MS leidend, versucht mit ihren Kindern zu fliehen, die Tochter Ingrid wird verhaftet und kommt in das schon erwähnte Lager. Später wieder nach Polen auf Besuch kommen, obwohl sie eigentlich nur ungern ihre Wohnung verläßt, sie verzichtet auch auf den Besitzanspruch auf ihr Elternhaus und die Tochter beginnt sich nach dem Tod ihrer Mutter mit der Familiengeschichte zu beschäftigen,  Verwandte, Ämter und Behörden zu befragen, etcetera.

Ein schwieriges, vielschichtiges Thema, das gerade in Zeiten, wie diesen viele Fragen nach Identitäten, Wahl- Freiheitsmöglichkeiten aufwirft.

Für mich stellt sich auch die Frage, ob man, wenn man über die Verstörungen und Traumatsierungen der Mutter weiß und ahnen kann, daß sie mit einem zur Schaustellen ihrer Person nicht einverstanden sein wird, ein solches Buch schreiben kann?

Ich würde es wahrscheinlich nicht tun, kann aber den Wunsch der Tochter sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen verstehen.

Der österreichische Journalist Martin Pollack hat sich, glaube ich, auf ähnliche Weise mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt  und man erfährt  vieles über die deutsch polnisches Geschichte, kann sich vielleicht mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen und habe eine interessante, mir bisher unbekannte Autorin kennengelernt und würde das Buch in etwa mit dem Longlistbuch “Lebt wohl ihr Genoßen und Geliebten” vergleichen.

 

Nichts was uns passiert

Nun kommt Buch fünf der Bloggerdebutshortlist und ich muß sagen, es ist diesmal verdammt schwer, denn lauter gute Bücher, entweder sprachlich schön oder relevante Themen, obwohl ich ja noch andere Kanditaten auf meiner Shortlist hätte und drei Favoriten hatte ich schon, habe aber gewußt, nachdem es Mark Richter von “Llesen macht glücklich” für seine Favoritin hält und die 1989 geborene Bettina Wilpert den “Aspekte-Preis” gewonnen hat und ich während meines Frankfurtsurvens auch das blaue Sofa- Video mit ihr gesehen habe, das wird schwer werden, denn ein relevantes Thema und eine schöne Sprache.

Dann noch eine blutjunge Autorin, die eine genauso junge Sprache hat, damit aber nicht in den elitären Höhen der Elfenbeintürme schwebt, die mir ja immer, obwohl ich  solche Bücher lese, ein wenig suspekt sind, sondern sich in die tieferen Gefilde des Alltagslebens begibt.

Nicht alles in dem Buchi ist mir glasklar, so habe ich zum Beispiel nicht verstanden, was das “M16” ist?  Bitte erklären, liebe Lektoren des “Verbrecher Verlags” und wer hier die Geschichte, es gibt eine gelegentlich aufscheinende Ich-Perspektive, hier erzählt, wurde mir auch nicht ganz klar.

Es geht aber in den eher kurzen Szenen, um Anna und  Jonas und es geht auch um ein brandtaktuelles Thema, das viele Fragen aufwirft und über das man in Zeiten, wie dieses wahrscheinlich lange diskutieren kann und sollte. Es geht um die Me Too- Debatte, beziehungsweise darum, was eine Vergewaltigung ist und, wie man damit umgeht, damit man nicht in solche Situationen kommt?

Das wäre beispielsweise mir ein Anliegen, denn nur mit einer Anzeige allein, ist es, glaube ich, nicht getan.

Da ist also Anna, die Geschichte spielt in Leipzig, im Sommer 2014, glaube ich, während der Fuball WM und Anna ist siebenundzwanzig, kommt ursprünglich aus der Ukraine, hat gerade ihr Dolmetschstudium abgeschlossen, jobbt aber noch in einer Kneipe und trinkt infolgedessen sehr viel.

In diesen Zustand lernt sie Jonas, den Doktoranten in einer Uni-Bibliothek kenne, geht mit ihm auch ins Bett, will vielleicht etwas von ihm, er hat sich aber gerade erst von Lisa getrennt und ist noch nicht so richtig beziehungsreif.

Das ist das Vorspiel, dann kommt es zu einer Geburtstagsparty. Da betrinken beide sich, Anna und Jonas. Sie mehr als er, sie sitzen auch auf dem Spielplatz zusammen, der an den Hof grenzt, in dem die Party grenzt. Anna ist so betrunken, daß sie nicht mehr gehen kann. So bringt Jonas sie mit Hilfe eines Freundes auf sein Zimmer und zieht ihr dann die Hose aus.

Das ist das Letzte, an das Anna sich nach oder vor ihren Filmriß erinnern kann. Dann bleibt sie verstört zurück, beziehungsweise flüchtet in diesem Zustand in ihre WG, sperrt sich dort tagelang ein, vernachläßigt sich selbst, verweigert jeden Kontakt. Erzählt die Geschichte  später ihrer Schwester, die zur Anzeige rät, was sie drei Monate später auch macht.

Bei Jonas kommt es zu einer Hausdurchsuchung. Er ist erstaunt, spricht von einvernehmlichen Geschlchtsverkeht. Sie, daß sie “Nein!”, gesagt und sich sich gewehrt hätte.

Er bekommt dann von jenem “M16”, ein Hausverbot, ich glaube, es ist ein politisches Plenum, wie die Anzeige aber dorthin gedrungen ist, mit allen Namen ist mir auch nicht ganz klar. Mädchen sprechen Jonas in der Mensa dann auch an und bitten ihn den Raum zu verlassen, weil sie sich in seiner Gegenwart unsicher fühlen und am Schluß wird das Verfahren eingestellt und wir können über ein wichtiges Thema, nämlich, was eine Vergewaltigung ist, diskutieren und da habe ich gerade heute erst gehört, daß es nur dann als keine solche gilt, wenn die Frau sich grundsätzlich einverstanden erklärt und vielleicht das auch noch schriftlich festlegen muß und, wie ist das, wenn beide betrunken sind?

Man sollte vielleicht grundsätzlich weniger trinken und aufpassen zu wem man ins Zimmer geht, statt später anzuzeigen, denke ich und habe es auch so gehalten, aber das Thema ist aktuell brissant und Bettina Wilperts Sprache jung und frisch, der “Weiße Mann” kommt darin vor und die “Rape Cultur” von der ich auch nicht so genau weiß, was das ist und, ich glaube, ich habe schon wieder meine Favoritin gewechselt, beziehungsweise meine endgültige Rangreihe festgelegt und lasse dabei wieder mindestens ein sehr gutes Buch zurück, was eigentlich sehr schade ist.

Julia Sommer sät aus

Zwischen dem Bloggerdebut-Shortlistlesen geht es weiter mit der Herbstleseliste und einem Buch, das ich mir, wenn ich es im August schon gehabt hätte, in die Schweiz mitnehmen  und es beispielsweise in Zürich am See lesen hätte können, ist es doch der dritte Tel der “Menschlichen Regungen” von Tim Kröhn, dieses Crowdfounding-Projekt, wo ich schon die ersten zwei Teile “Herr Brechbühl sucht eine Katze” und “Erich Wyss übt den freien Fall” gelesen habe, wo es wieder um das Miets- oder Genossenschaftshaus in der Züricher Röntgenstraße und seine Bewohner, beziehungsweise und vierundsechzig weitere Gefühle von “Adrettheit” bis “Zuverläßigkeit” geht, die man sich mit ein paar dazu passenden Wörter wünschen konnte und der 1965 geborene Tim Krohn schreibt dazu eine Geschichte über diese Hausbewohner und bettet sie in den Roman ein.

“Lesegenuß pur- aufhören kommt nicht in Frage”, hat “SFR Kultur” auch unter die Ankündigung der zwei vorangegangenen Bücher geschrieben.

Ich denke, daß die Geschichten der elf Hausbewohner die aus den Studenten Pit und Petzi, sowie Moritz Schneuwig bestehen, der Schauspielerin Selina May, der Lektorin Julia Sommer mit ihrer ziemlich verzogenen Tochter Mona, Hubert Brechbühl dem ehemaligen Tramfahrer, dem alten Herrn Wyss und dem griechischen Hausmeisterpaar Costa inzwishen vielleicht ein wenig beliegbig wirken und sich schon wiederholen, beziehungsweise hat man das vorige vielleicht schon vergessen oder Band eins und zwei nicht gelesen und hat deshalb Schwierigkeiten einiges zu verstehen, finde das Ganze aber trotzdem interessant, weil es ja ein ähnliches Projekt, wie mein “Besser spät als nie” ist”, wo ich ja auch aus Schreibimpulsen einen Erzählung zusammengestellt habe und Tilmann Rammstedts  “Morgen mehr” , ist auch irgendwie so ähnlich ungewöhnlich entstanden.

Tim Kröhn sammelt  weiter Gefühle und Menschen, die sich eines aussuchen und von ihm etwas schreiben lassen und das Buch beginnt trotz des Titels zu Neujahr, ich glaube es ist 2002, nine elefen spielte schon im vorigen Band eine Rolle. Da feiern alle Silvester, der griechische Hausmeister verbringt diesen bei einer seinen Gartenkundinnen, seine Frau bleibt eifersüchtig zurück und dann wird es allmählich Frühling und das Gartenprojekt, das auch schon im Vorband gestartet wurde, soll angegangen werden.

Die Hausmeisterin übergibt Julia Sommer die Aufgabe, weil deren kleine Tochter begeistert davon ist, also wird geplant und gewünscht, wie man den Hof gestalten könnte, die Genossenschaft, beziehungsweise der alte Erich Wyss, der im zweiten Band seine Frau Gerda verloren hat, jetzt immer ihre Kleider trägt und ihre Urne im Gärtchen nicht bestatten darf, macht das aber zu nichte.

Das projekt wird also aufgegeben, die Hausbewohner legen sich ihre Pflanzen also selber am Balkon an, Adamo Costa, der seinen Job als Rettungsfahrer im Vorband verloren hat, geht, wie schon geschrieben, auf den Züricherberg gärtnern und macht Efegenia eifersüchtig und der alte Erich Wyss hält, wie mein Jonathan in der “Unsichtbaren Frau” auch Zwiegespräche mit seiner Gerda, die ihm rät, sie endlich loszulassen, so läßt er ihre kleider vom Balkon flattern, beziehungsweise stellt er sie mit ihrem Gebiß vor die Tür zur freien Entnahme, bandelt mit einer Friseurin an und fährt schließlich mit einem Schiff aufs Meer um die Asche dort zu verstreuen.

Ein Musikproekt gibt es auch, wo Herr Brechbühl, Pit und Petzi und eine Studentin namens Bettina verwickelt sind. Vorher fährt Pit noch mit Petzis Mutter auf Kreuzfahrt, Selina bekommt und das finde ich eine sehr rührende Stelle Besuch von einem Wiener Burgschauspieler, mit dem sie eigentlich ein Projekt durchziehen wollte, aber mit ihm stattdessen ins Schwimmbad geht. Julia Sommer fährt mit Mona auf eine Insel mit Schloß und so weiter und so fort mit den verschiedensten Gefühlen, die mir manchmal zu aufgesetzt waren, vielleicht aber auch leicht und locker zu lesen sind.

Der letzte Huelsenbeck

Buch vier der Bloggerdebutshortlist und wieder kann ich mich über die Zusammenstellung der ausgewählten Bücher nur wundern, ein paar höchstpoetische, wie sie die Literaturwissenschaftler wahrscheinlich lieben, sind dabei und dann immer wieder das realistisch phantastisch oder was auch immer, Gegenstück, das war 2016 der  Uli Wittstock, mit seinen Rechtschreibfehlern, im Vorjahr wahrscheinlich “Oder Florida” und jetzt ist mit dem “Letzten Huelsenbeck”, ein solch irrwitziges und wahrscheinlich nicht poetisches Buch dabei, von dem ich mir aber lange nicht sicher war, auf welchen Platz in meiner Reihenfolge ich es stellen soll, wie ich überhaupt die heurige Shortlistauswahl, das Buch der Bettina Wilpert habe ich noch nicht gelesen, für sehr gut halte und ich liebe ja die realistischen Romanen, die vom Wahnsinn und vom Leben handeln, von den ICD Diagnosen und den Drogencocktails, bei den letzteren kenne ich mich nicht so aus und kann daher auch nicht unterscheiden, ob es sich in dem Buch, um eine reine Psychose oder um eine durch Drogen induzierte handelt.

Gut, das Daniel S. Drogen nimmt ist kein Geheimnis, das gibt er selber zu un schreibt darüber. Er ist auch in einer Anstalt, wie Joachim Meyerhoff aufgewachsen und er geht schon zu Beginn des Buches zu einem allerdings auch durchgeknallten Psychiater und läßt sich ohm einen Pharmacocktail verschreiben.

Das alles deutet auf ein enormes Fachwissen oder eine hervorragende Recherche des 1956 geborenen Christian Y Schmidt hin, der in verschiedenen Satire- und anderen magazinen arbeitete und sowohl in Berlin, als auch in Peking lebt.

Für einen Debutanten nicht  sehr jung, aber Ljuba Arnautovic ist noch älter und Daniel S., der Protagonist lebte auch mehrere Jahre in Asien und kommt zu Beginn des Buches von dort zurück, um an einem Begräbnis teilzunehmen.

Auffallend ist, daß er gleich zu Anfang an von seinem Tod spricht und später in seinen Tagebuchnotizen immer wieder davon schreibt, wieviele Tage er noch zu leben hätte. Später schreibt der ihm behandelte Psychiater dann von einem “Cotard-Syndrom”, keine Ahnung, ob es das wirklich gibt, da müßte ich erst googlen. Das sind aber die, die sich einbilden gestorben zu sein, aber  noch leben und bis man dahin kommt, geht es auf fast vierhundert Seiten auf eine irrwitzige Reise durch Berlin, durch eine Psychose,  einen permanenten Drogenrausch oder, wie man das auch nennen will.

Richard Huelsenbeck, auch da müßte ich erst googlen, war ein deutscher Dadaist und der letzte Huelsenbeck heißt das Buch, weil Daniel S. sich in den Siebzigerjahren, es ist auch ein Buch über dieseZeit, in der ich Psychologie studierte, mit der Elfi zwar einmal nach Amsterdam fuhr, aber nicht einmal einen Joint versucht habe, mit ein vier Freunden “Die Huelsenbecks” eine Dadagruppe gründete, in der er, wie die “Wiener Gruppe” Aktionen machte, wie beispielsweise einen Weihnachtsmann vom Dach zu schmeißen, der dann fast einen Kinderwagen getroffen hätte.

Der Höherpunkt der Aktionen war eine Amerikareise im Jahr 1978 der fünf. Dann trennte sich die Gruppe, Daniel S. ging als Reisejournalist nach Hongkong. Jetzt ist er zurückgekommen, steht am Grab seines Freundes Viktor und fängt sich zu erinnern an.

Das heißt, so einfach ist das nicht, denn zuerst schmeißt Ronny einen Lachsack in das offene Grab, es kommt zu einer Schlägerei, Daniel wird von einem Stein getroffen, daraufhin wird er wieder in der Anstalt, wo er aufgewachsen ist und später auch Pflegehelfer war, ob seine Eltern dort arbeiteten oder er nur nebenan wohnte, wurde nicht so klar, behandelt.

Er beginnt ein Tagebuch zu schreiben, nach Berlin, wo er eine Wohnung hat, zu reisen und seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen und die ist mehr als turbulent und wechselt auch mehrmals, die Perspektiven, so daß man sich sehr konzentrieren muß, um bei all den Wendungen auch mitzukommen und den Faden nicht zu verlieren.

Denn Daniel sauft und kifft gewaltig, sieht sich auch überall verfolgt, es tauchen irgendwie lädierte Kinder auf, er beginnt mit Vögel zu sprechen, sieht eine Claire, die die fünf eine Zeitlang auf ihrer Amerikareise begleitete, dann verschwunden ist und jetzt überall, wie der tote Viktor auftaucht und Daniel geheimnisvolle Botschaften zuruft.

Er versucht, weil er sich an das alles nicht erinnern kann, aber überzeugt ist, Claire damals in Amerika ermordet zu haben und jetzt von ihr oder ihrer Familie gerächt zu werden, auch die drei anderen noch lebenden Huelsenbecks, Ben, Ronny und Michi auf, wird da aber nicht fündig, denn sie entziehen sich und beginnen ihm nur Botschaften aus dem Netz zu senden oder ihn zu erpressen.

Es gibt auch Briefe, die er seiner früheren Freundin aus Amerika schickte, die er jetzt erforschen will und  fast am Ende, stopft er sich mit allem voll, was am Markt zu kriegen ist, er hat einen Superdealer, stellt sich auf die Straße, beginnt dort einen Armoklauf, so daß er in eine andere Anstalt eingewiesen wird und ein Professor Dr. Hans Pryzgodda schließlich einen Fallbericht über ihn schreiben kann.

Ein äußerst spannend geschriebenes Buch, wo ich die Psychose, die mir meine Freundin Elfi auch in den Siebzigerjahren, einmal erzählte, gut nachvollziehen konnte, wie das mit dem Beziehungswahn sein kann und wie ein solcher erlebt wird. Eine Satira auf den P.sychiatriebetrieb ist es sicher auch. Ein rassant geschriebenes Buch, das mir authentisch scheint. Literarisch ist es wahrscheinlich nicht zu nennen und jetzt bin ich auf die Bewertung der anderen Mitjuroren gespannt.

Alles was glänzt

Man erlebt beim Lesen immer wieder seine Überraschungen und man kann, das erlebe ich immer wieder über ein Buch nichts sagen, wenn man eine Lesung daraus hörte oder sich durch die Leseprobenheftchen liest.

So erging es mir mit dem Debut der 1992 in Graz geborenen Marie Gamillscheg, die dort die “Jugend- Literatur-Werkstatt besuchte, 2016 am Klagenfurter Literaturkurs teilnahm und mit ihrem Debut bei den “O Tönen” gelesen hat.

Da habe ich, obwohl Daniela Strigl alles genau erklärte, nicht genau mitbekommen, um was es in dem Buch eigentlich geht. Um einen Berg und ein Dorf, das von dessen Einsturz bedroht ist, um einen Journalistin, um ein Espresso und einen Mann, der in einem Auto verunglückt und das alles in schöner experimenteller Sprache, nun gut nun ja.

Dann kam das Buch auf die öst Debutliste und ich hatte mich schon ein bißchen in David Fuchs “Bevor wir verschwinden” verliebt, das und Ljuba Arnautovics “Im Verborgenen” gelesen, das mir alles in allen zu wenig literarisch schien und war eigentlich sicher, daß David fuchs den “Debutpreis” bekommen wird oder vielleicht doch Ljuba Arnautovic, da die Geschichte ihrer Großmutter ja ein wichtiges Thema ist?

Dann war ich überrascht, als es hieß “And the winnerin is Marie Gamillscheg”, obwohl ich schon bei der Lesung in der AK zur Angela und zwei interessierten Damen am Bufettisch sagte, daß, das das literarisch anspruchsvollste Buch ist, ich aber den Inhalt nicht so ganz verstanden habe, “And the winnerin is…”., nun ja,  die Geschmäcker der Jury sind ja verschieden und meistens an der Sprache orientiert und da das Buch ja nicht zu mir gekommen ist….

Inzwischen ist es gekommen und vorher noch das PDF und habe den Roman auf zweierlei Art gelesen. Die eine Hälfte elektronisch, wie ich es ja schon mit den experimentellsten Büchern so tat, die andere in der guten alten Printform, wo ich unterstreichen kann und habe, glaube ich, schon nach wenigen Seiten erkannt, das ist ein tolles Buch.

Sorgfältig gearbeitet auch in Kleindetailst erzählt und in einer wunderschönen Sprache, die an Valerie Fristsch erinnert, die ja, glaube ich, auch diese Grazer Jugendliteraturwerkstatt besuchte, aber ihr “Winters Garten” hat mir dann nicht  so gefallen, weil zu übertrieben sprachexklusiv, daß es mir zu kitschig war, bei Marie Gamillscheg ist es anders. Denn jetzt weiß ich, worum es in dem Buch geht und es hat mich auch ein bißchen an meine eigenen literarischen Anfänge erinnert, obwohl sie zugegeben, meine Kritiker müßen nicht aufschreien, nicht so sprachlich exklusiv sind.

Es geht eigentlich, um nichts in den sehr kurzen Skizzen und dann wieder um sehr viel. Um das ganze Leben in dem wahrscheinlich kleinen steirischen Dorf und der nicht genannte Berg, der sich verzieht, Risse und Spalten macht und das ganze Dorf zu verschlingen droht, könnte der Erzberg sein, so denke ich es mir, geschrieben steht das nirgends.

Es geht, das war schon bei den Lesungen klar, um Susa, die in den Dorf ein Espresso führt und “wenn sie nachts die Pumpen von den Ketchupflaschen schraubt spürt sie dieses Zittern”, um den alten Wenisch, der einst in den Stollen gearbeitet hat, jetzt noch für das Archiv des Bergwerkmuseums forscht, aber langsam in die Demenz versinkt und schließĺich in ein Altersheim übersiedet, um Martin, der eines Tags einen Autounfall hat und diese Stelle, wie die Polizisten zu den Toten kommen und mit dem Lastwagenfahrer, der ihn gefunden hat, sprechen, hat Marie Gamilscheg bei den “O Tönen” gelesen und die ist, finde ich sehr liebevoll erzählt.

Seine Freundin Esther erfährt durch seinen Tod einen Schock, ihre Schwester Teresa, die in die Musikschule zum Klavierunterricht geht, sieht im Fernsehen eine Sendung über eineiige Zwillinge und bekommt den Gedanken an sie nicht los. Vielleicht ist sie mit Esther auch auf diese Art und Weise verbunden, die nach Martins Tod das Dorf verläßt. Aber der kommt immer wieder zurück, sucht alle Personen auf und geistert, wie der Klabautermann, der auch eine Rolle spielt, durch das Buch, könnte man so sagen.

Der Journalist der über die Einsturzgefahr des Berges geschrieben hat, verschwindet selber irgendwann. Es gibt ein geschlossenes Kaufhaus namens “Ahoi” und einen Regionalmanager, der das Ganze durch ein Fest irgendwie am Leben erhalten will und das dann doch nicht schafft.

“Vielstimmig und untergründig erztählt Marie Gamillscheg von einer kleinen Schiksalsgemeinschaft im Schatten eines großen Berges, vom Strukturwandel un einem Ungleichgewicht in der Natur, vom Glanz des Unterganges wie des Neubeginns”, steht am Buchrücken. Die Amazon-Rezensenten waren sich nicht ganz einig über das Buch und haben sowohl einen, als auch fünf, am meisten aber drei Sterne vergeben und ich sage, es ist ein tolles Buch, poetisch schön in liebevoller Sprache aber auch sehr genau und sorgsam erzählt. Eines das mir sehr gefallen hat, so daß ich sehr gespannt bin, wie es ihm beim “Bloggerdebutpreis”, gehen wird, für das es ebenfalls, wie für den “Aspekte Literaturpreis”, den aber Bettina Wilpert gewonnen hat, nominiert war.

Was ich aber noch immer nicht verstanden habe, sind die Zahlenfolgen, die den einzelnen Kapiteln, die an sich Personennamen haben, vorangestellt sind. Vielleicht hat es Daniela Strigl bei den O-Tönen erklärt, im Buch habe ich jedenfalls nicht davon gefunden.

Wie hoch die Wasser steigen

Jetzt kommt  Buch sechzehn des dBp und eines von dem ich vorher schon sehr viel hörte, ist Anja Kampmanns “Wie hoch die Wasser steigen” doch auch für den “Preis der Leipziger Buchmesse” nominiert worden und Anna Bozena Badura hat mir das Buch, als wir in Essen bei ihr wohnten gezeigt und die 1983 in Hamburg geborene, in Leipzig wohnende Autorin auch auf der Buchmesse interviewt und in den Blogs war das Buch auch sehr oft zu sehen.

Es ist das Debut der Autorin, die sich offenbar schon als Lyrikerin einen Namen machte und das habe ich öfter gelesen, merkt man dem  Buch, an dem die Autorin offenbar sehr lang gearbeitet hat auch an, die Sprache nämlich sehr verdichtet, obwohl das Buch ja einen eher unlyrischen Inhalt hat, was es wahrscheinlich so außergewöhnlich macht.

Geht es doch um die rauhe Arbeitswelt, um die Welt der harten Männer, die auf Bohrinseln leben und oft schon jahrelang ihre Familien nicht gesehen haben und daher, obwohl sie dabei viel Geld verdienen, entwurzelt und vielleicht auch verloren sind.

Das Buch ist ein Debut, daher wundert es mich ein wenig, daß es nicht auf der heurigen und auch nicht, wie ich ursprünglich annahm auf der vorigen Bloggerdebutpreisliste steht.

Jetzt ist es zu spät es zu nominieren und ich habe mir mit dem Lesen auch nicht sehr leicht getan, war für mich der Inhalt des Roadmovies wahrscheinlich ähnlich oder anders verwirrend, als das des Denis Pfabe, das ja auch sehr lyrisch und verdichtet und auch noch viel kürzer ist.

Es geht um Wazlaw oder Wenzel, einen im Ruhrgebiet aufgewachsenen, dessen Familie aus Polen stammt und der schon seit zwölf Jahren auf den Bohrinseln lebt und arbeitet. Sechs Jahre machte er das mit seinem Freund Matyas, hatte zu ihm offenbar auch eine sehr  vertraute Beziehung, eine Wohnung in Tanger und einen Meldesitz in Malta aus Steuergründen. Man sieht die Globalisierung und Matyas kehrt eines Tages nicht mehr auf die Plattform zurück. Ist offenbar im Meer verschwunden, verunfallt. Man weiß das nicht so genau. Die Gesellschaft sucht auch nicht nach ihn, sondern schickt Wazlaw nur mit seinen Sachen nach Ungarn, um sie seiner Schwester zu bringen.

Der üernachtet bevor er das tut, ein paar Nächte im “Gellert” in Budapest und läßt sich von einem Schneider einen Anzug schneidern. Dann übergibt er die Sachen, kehrt aber nicht mehr auf die Insel zurück, sondern irrt durch die Welt und durch sein Leben.

Denn da gab es ja eine Beziehung zu Milena, mit der er ein Leben in Polen aufbauen wollte, was aber nicht glückte. So fährt Waczlaw gegen Norden, übernachtet in <hotels, besucht in Italien seinen Onkel Alois, der ihm eine Brieftaube übergibt, die er ins Ruhrgebiet, wo er aufgewachsen ist, bringen soll.

Milena erfährt er, liegt im Koma. So reist er nach Polen, spricht mit ihrer Schwester und dann immer weiter bis das Buch in einem Epilog endet.

Ein interessantes Roadmovie fasse ich zusammen, interessant wegen des eher unlyrischen  Inhalts, der von der rauhen Welt der Männer, die auf Bohrinseln leben, spielen, saufen, lieben und die Wurzeln zu ihrer Heimat schon lang verloren haben.

Interessant ist auch, daß Anja Kampmann sehr lang an dem Buch gearbeitet hat, viel dafür recherchierte, wie auch im Anhang steht.

Der Tag endet mit dem Licht

Jetzt kommt wieder ein Buch von der Herbstleseliste, eines das nicht auf der dBp oder der öst, wohl aber auf der Bloggerdebutliste, wo ja bald die Shortlist bekanntgegeben wird, steht und eines das mich sehr verwirrte und etwas ratlos zurückließ.

Wird das dünne hundertneunzig Seiten Büchlein des1986 in Bonn geborenen Denis Pfabe, der die “Bayrische Akademie der Sprachkunst” besuchte, doch bei “Amazon” hoch gelobt und auch Katja Lange- Müller hat “konzentriert, bildstark und kein Wort zu viel. Die enorme Spannung, die sich in diesem Roman von der ersten Seite an aufbaut, verdankt sich Denis Pfabes stilistischen Minimalismus”, auf den Buchrücken geschrieben.

Etwas was sich auch bei den “Amazon Rezensenten” wiederfindet, daß sie die sowohl die Konzentration und die Spannung loben, aber mir war es wohl zuviel an Konzentration, so daß ich von der Spannung wahrscheinlich nicht viel mitbekommen hatte, hatte ich ja große Mühe, die ineinanderverschlungenen und meiner Meinung nach sich  auch widersprechenden Handlungsebenen zu verstehen.

Es geht, um eine Texilkünstlerin, die nur ein Auge und keinen Vater hat und die in den Achtzigerjahren, glaube ich, einem exentrischen Künstler, als Assistentin durch die USA folgte, weil der dort für ein Kunstprojekt Häuser zersegen und die Fenster nach Europa bringen lassen wollte.

Dazu brauchte er ein Team von ungehobelten Arbeitern mit denen die junge Frau, die vom Meister einen Packen Geld bekam, verhandeln sollte. Es gibt auch einen nicht anwesenden Galeristen und der Meister verschwindet immer wieder irgendwohin. Ansonsten schmeißt er mit dem Geld herum, verlangt von den Arbeiter unverständliche Dinge und die junge Frau bekommt von ihnen gesagt, daß sie ihnen, als Frau nichts anzuschaffen habe.

Ein legendärer Entführungsfall aus den Dreißigerjahren spielt auch eine Rolle und das konzentrierte Buch wird immer wieder durch Zeitungsnotizen oder Katalogeinträge, die auf das Werk des Meisters   hinweisen, unterbrochen.

Sein Lebenslauf wird auch erwähnt. Er, Adrian Ballon, wurde in den USA geboren, kam dann mit seinem Vater nach Deutschland. Jetzt kehrt er wieder in die USA und an den Ort Paradise zurück, wo er sich schließlich in seinem Ferrari erschießt, nicht ohne Frieda Beier vorher mitzuteilen, daß sein Vater eigentlich auch der ihre war und sein Vater ist auch am Tod seiner kleinen Schwester schuld.

Man sieht, da geht es weg von der Konzeptschuld. Es geht um Schuld und Sühne und hat vielleicht nicht mehr soviel mit Konzeptkunst zu tun. Es geht aber auch um Zerstörung, denn das ist  wohl auch das große Thema des Debutroman und am Ende führt die Texilkünstlerin das Werk des Meisters weiter und ich muß gestehen, daß ich das Buch nicht wirklich verstanden habe.

Wahrscheinlich hat es mir auch nur nicht gefallen, während in den Rezensionen, die ich gelesen habe, die dichte Zeichnung des Roadmovies, man könne sich das “staubige heiße Texas” bildlich vorstellen, erwähnt wird und da fällt mir ein, daß ich vor kurzem ein anderes Roadmovie gelesen habe, wo es auch durch Amerika gegangen ist.