Zweifache Eskapaden

Eigentlich sollten heute in den “Textvorstellungen” der “Alten Schmiede” zwei Autoren und eine Autorin, moderiert von Angelika Reitzer, zum Thema “Eskapaden/Eskapismus” lesen, aber Ulrike Kotzina, die ihr Buch “Verschwunden” vorstellen sollte, war erkrank. So blieben die Autoren mit zwei sehr unterschiedlichen Textsorten über.

Hat doch der Englischlehrer Kurt Leutgeb, der vielleicht auch Latein unterrichtet und schon acht Bücher, ich glaube, im “Sisyphos-Verlag” herausgebracht, sich in seinem “Humana fraus” auf Titus Livius bezogen und eines seiner Bücher übersetzt und dann die dort enthaltene Geschichte, wenn ich es richtig verstanden habe, auf zwei Arten weitererzählt.

Das war ein wenig kompliziert der  Entstehungsgeschichte zu folgen, obwohl der 1970 in Steyr geborene Autor, sehr viel zu seiner Erzählung erklärt hat, aber ich bin  nicht so besonders bewandert bei den alten Römern.

Jedenfalls geht es um eine Seuche im Jahre 331 vor Christus, die vielleicht nicht von den Göttern, sondern von giftmischenden Frauen verursacht wurde und eine Sklavin hat das Geschehen aufgedeckt.

Das mit den zwei verschiedenen Erzählsträngen, hat sich mir, wie erwähnt nicht so ganz erschlossen, dafür wurde es bei der zweiten Flucht  realistischer.

Erzählte der 1975 in Tirol geborene  Stefan Soder, doch vom Tod, beziehungsweise dem Sterben in einem Luxussanatorium bei Champagner und Kaviar und das sind Themen, die mir vertrauter erscheinen, beziehungsweise ich mich auch schon damit beschäftigt habe und ich glaube auch Hans Pleschiski in seinem 2008 erschienenen Roman “Ludwigshöhe”

Jedenfalls geht es in Stefan Soders Debutroman “Club” um zwei Handlungsstränge.

Ein offenbar lebensmüder Banker und sonst wahrscheinlich, wenn ich Angelika Reitzers Andeutungen richtig verstanden habe, ein eher fieser Kerl, kommt nach Zürich, schmeißt dort mit Geldscheinen um sich, bevor er sich in diesen “Club” begibt und dorthin will auch ein Aufdeckungsjournalist, wahrscheinlich, um die Sache aufzuklären und der hat ein Suchtproblem und im Gefängnis ist er glaube ich vorher auch gewesen.

Stefan Soder antwortete auf Angelika Reitzers Frage, wieso es zu diesem Roman gekommen ist, daß er eine Zeitlang in Zürich wohnte und da gibt es ja ein paar Sterbehilfeinstiutionen, über die habe ich in meinen Texten auch ein bißchen recherchiert und die befanden sich in seiner Nähe und so konnte er beobachten, daß auch gesunde Personen dorthin gezogen sind und da dachte er, wenn schon Freitod dann ein luxiöser.

Ich denke, daß diese Organisationen schon bestimmte Kriterien haben, wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen darf, aber sicher ein spannendes Thema darüber zu schreiben und eines, was mich, glaube ich, auch mehr als der alte Livius interessiert, aber der Lese- und Schreibgeschmack ist unterschiedlich und so habe ich heute wieder zwei interessante Autoren kennengelernt, die mir bisher entgangen sind.

Ansonsten kann ich von meinem Buchpreisbloggerprojekt, das ein bißchen in die Krise gekommen sein dürfte, berichten, daß daß ich den Setz bekommen habe, noch lese ich ja die Irmgard Fuchs, aber vielleicht habe ich am Donnerstag, wenn Angelika Reitzer den Roman in der “Alten Schmiede” vorstellt, schon damit begonnen und so habe ich sie auch gefragt, ob sie das Buch ganz gelesen hat, wie lange sie dazu brauchte und ob es schwer zu lesen sei?

“Selbstverständlich!”, hat sie mir geantwortet und nicht genau gewußt, wie lange sie dafür brauchte, ich würde mal zehn bis vierzehn Tage für mich schätzen und sie hat mich auch beruhigt, daß es sich gut lesen läßt.

Nun denn ich bin gespannt, werde in die Lesung gehen, schon um mich ein bißchen auf den Tonfall einzustimmen, werde weiter buchpreisbloggen und finde es nur ein bißchen schade, daß ich die sogenannten offiziellen Bücherblogger mit meinen Kommentaren zu nerven scheine, so daß sie aufhören sie zu veröffentlichen, was ich nicht so ganz verstehe, denn eigentlich ist es ja nicht so falsch, was ich da schreibe oder sollte ich damit im Irrtum sein?

Wie ihr wollt

Nun kommt das vierzehnte LL-Buch und das dritte das es auf die Shortlist geschafft hat, nämlich Inger-Maria Mahlkes historische Annäherung “Was ihr wollt” aus dem Leben, der Mary Grey, eine Cousine von Elisabeth der I, die von ihr, wegen unerlaubter Heirat und vielleicht auch anderer Aufmüpfigkeit in Hausarrest gehalten wurde, bis sie dreiunddreißigjährig, 1578 an der Pest starb.

Nun mag ich eigentlich keine historischen Romane, zumindest keine, die vor dem ersten Weltkrieg spielen, bis dahin interessiert es mich sehr, die Gawalttaten der Tudors, Stuarts, etc,  aber nicht und ich hätte solche Romane, Julia Kröhn schreibt regelmäßig welche, eigentlich auch nicht für besonders literarisch gehalten, bei der 1977 in Hamburg geborenen Juristin, Inger Maria Mahlke, die in Berlin lebt, ist das aber anders, denn die, habe ich, 2012, glaube ich, in Zuge des Bachmannpreislesens kennengelernt und da hat sie einen Text gelesen, der mich sehr interessierte, handelte er doch von einer Hartz IV Empfängerin und der  2014 erschienene Roman “Rechnung offen”, am Cover ist eine Gegensprechanlage zu sehen, hätte mich auch sehr interessiert.

So war ich eigentlich sehr zufrieden, als ich den Namen Inger-Maria Mahlke auf der Longlist sah, das Buch wurde mir dann auch, als ich von meiner Sommerfrische wieder nach Wien zurückgekommen bin, auch angeboten, es war dann ein bißchen schwierig, es zu bekommen, so habe ich vorher noch, den mir später avisierten Zaimoglu geslesen, aber da wußte ich schon, daß ist ein Roman, der in Shakespeares Zeiten spielt, der Titel scheint auch darauf anzuspielen und diese Mary Grey ist auch noch eine kleinwüchsige Frau, böse Zungen würden Zwergin schreiben und mit einem solchen Buch, ist glaube ich im Vorjahr Thomas Hettche auf die Shortlist gekommen.

Nun habe ich das Buch gelesen und es war, wie auch Jochen Kienbaum von “LustaufLesen” einer der Bücherblogger schreibt, ein angenehmes Lesen, eine schöne Sprache und Inger-Maria Mahlke, die gründlich recherchiert hat und am Schluß des Buches einen genauen Anhang gibt, schreibt auch “Lieber Leser, ich bin keine Historikerin und dies ist auch kein historischer Roman, sondern eine literarische Aneignung eines historisches Stoffes”

Nun denn, die prekären Verhältnisse von Berlin oder sonstwo wären mir zwar lieber. Aber prekär genug geht es in dem leisen stillen Buch eigentlich ohnehin zu, werden doch da in moderner Sprache, die Kämpfe einer Frau gegen Gewalt und Unterdrückung und ihr Auflehnen dagegen geschildert und ich bin sicher, die wahre Mary Grey, es gibt im Anhang auch ein Portrait von ihr, 1571 gemalt, hat wahrscheinlich anders gesprochen und gedacht und sie ist mit ihrer Magd, Kammerzofe, Dienerin, etcetera, Ellen, wahrscheinlich auch anders umgegangen.

Aber diese Ellen, schreibt Inger-Maria Mahlke im Anhang weiter, hat es nie gegeben. Se ist eine Erfindung und so wird die kleinwüchsige Mary Grey, die von ihrer berühmten Cousine gegangengehalten wird, von ihr auch bespitzelt und tyranisiert. Manchmal sperrt sie sie auch ein und manchmal muß Mary den Schlüßel für die Kassette in der sie ihre Schriften aufbewahrt, sie schreibt nämlich alles auf, vor ihr im Mund verstecken.

Mary Grey wohnt mit ihrer Dinerin im ersten Stock des Hauses eines Lord Gresham und da sie rangmäßig über ihn steht, müßener und seine Frau sich auch erheben, wenn sie hinunter zum Diner geht, deshalb will er sie auch gerne loswerden, was ihm,  wie Inger-Maria Mahle weiter im Anhang erklärt, 1572 auch gelingt, da wird sie aus dem Hausarrest entlassen und wird, bis sie in jungen Jahren stirbt, sogar Ehrenmädchen, ich nehme an, eine Hofdame ist damit gemeint, bei der Queen Elisabeth.

Bis dahin wehrt sie sich, in dem sie ihre Geschichte, die Verehlichung ihrer Schwester Janet, dann gab es noch eine Katharina, so intensiv aufschreibt, daß sie offensichtlich eine Sehnenscheidenentzündung davon bekommt und Ellen muß ihr die Arme einreiben und bandagieren, sie verläßt auch heimlich das Haus und schreibt Briefe an einen Robert.

Der Roman ist in zwei Stränge gegliedert, in dem einem streitet sich Mary mit Ellen herum, könnte man salopp formulieren, im anderen wird sehr kunstvoll, das was bisher geschah, die Gewalttaten, die Familiengeschichte, die Glaubenskriege, die ganze Historie, die mich nicht so interessiert, beschrieben.

Die Kritik ist, glaube ich, begeistert, der Verlag hat mir auch ein Mail geschrieben, als das Buch auf die Shortlist kam und ich könte mir auch vorstellen, daß es gute Chancen hat, denn eine literarische Aufarbeitung eines historischen Stoffes einer Bachmannpreisträgerin, werden die Schwiegermütter und Gattinnen gerne zu Weihnachten lesen, so wünsche ich dem “Berlin Verlag” und Inger-Maria Mahlke für das Finale alles Gute und mir für das nächste Buch ein zeitgemäßeres Thema, der Holocaust, die Achtziger und Neunzigerjahre, die prekären Verhältnisse der Jahrtausendwende, aber auch das Leben in Berlin, Graz, Baden bei Wien mit seinen überforderten Hausfrauen, Stalkern, Borderlinen, Drogensüchtigen, Abhängigen, etcetera, wäre sicher interessant, aber wenn mich nicht alles täuscht, kommt das ohnehin  demnächst auf mich zu.

Erneuter Bucheinkauf

Die Frankfurter Buchmesse und damit die dBp-Verleihung kommt langsam heran, am 12. Oktober wird der in Frankfurt im “Römer” vergeben und ich nähere mich auch allmählich meinem EndLLlesen an.

Das heißt in der Mitte oder schon vor der Shortlistverkündung bin ich ein wenig schlapp geworden, habe auf meinen Blog und in meinen Kommentaren, die ich den Buchpreisbloggern schickte, verkündet, nach dem Zaimoglu hör ich auf, dann ist aber das Buch der Inger-Maria Mahlke gekommen, der Otto hat mich angerufen, er hat alle Bücher, ich könne sie haben, zu einem Übergabetermin sind wir aber nicht gekommen.

“Suhrkamp” hat mir angekündet, sie schicken mir den dicken Setz ebenfalls noch, wenn ich ihn in vier bis sechs Wochen lese, das müßte eigentlich zu schaffen sein, obwohl beim Zaimoglu habe ich zehn Tage gebraucht, bilde mir aber ein, daß sich der Setz leichter lesen läßt, vielleicht aber auch nicht, denn da gibt es ja eine betreute Lesegruppe, aber deren Sinn und Zweck habe ich  noch nicht so ganz verstanden.

Da haben sich vierzig Experten, darunter Ronja von Rönne, Klaus Kastberger und ein paar der priveligierten Buchpreisblogger gemeldet, die zu dem Buch Artikel schreiben, die wenn ich das recht verstanden habe, um alles gehen können, sehr hilfreich schien mir die Betreuung beim Lesen also nicht zu sein, aber ich habe mit dem Buch, das übrigens am Donnerstag in der “Alten Schmiede” vorgestellt werden wird, nicht zu lesen begonnen.

Der Setz wäre dann LLBuch fünfzehn und so würde mir nicht einmal mehr eine Shortlistlänge fehlen, obwohl ich mir ausgerechnet habe, daß ich mit dem Setz gerade fertig werde, wenn er rechtzeitig kommt, wenn in Frankfurt die Hüllen fallen und dann lese ich noch den ganzen Oktober am Witzel und am Peltzer und nach dem Zaimoglu rufe ich den Otto an, habe ich zuerst gedacht, da habe ich zwar noch die Mahlke, an der ich gerade lese vor mir und die beiden Debuts von “Kremayr und Scheriau”, nach dem mich “Redsidenz”  von seiner rezensionsliste gestrichen haben dürfte.

Macht ja nichts, ich habe genug Bücher und die Verena Mermer stellt ihres, das ich ja gerne hätte, am Dienstag im Literaturhaus vor.

Nach den Debuts den Setz, wo ich zehn bis vierzehn Tage schätzen würde und dann den Otto anrufen oder in die Buchhandlungen lesen gehen, aber dahin könnte ich ja auch mit dem Alfred, habe ich gestern und heute gedacht, in St. Pölten zu “Schubert” und zum “Thalia”, denn von meinen fünf Weihnachts- und Geburtstagsbüchern, haben wir vor einem Monat ja nur zwei beim “Thalia” gefunden.

Den Trojanow und die Alina Bronsky und habe ich dann ein paar Tage später erfahren, hätte mir der Verlag mit dem Zaimoglu geschickt und habe ich inzwischen auch bei Mara Gieses Herbstgewinnspiel gewonnen, jetzt kann sie es an einen anderen vergeben oder ich lege es, wenn es kommt, in den Schrank.

Aber am Wochenende sind wir nach der Sommerfrische zum ersten Mal wieder in Harland, vorher war ja Volksstimmefest, der “Theodor Kramer Preis” in Niederhollabrunn und der Alfred ist mit dem Karl auch für eine Woche nach Italien und Istrien gefahren, während ich gelesen und gelesen habe und vorigen Samstiag im Writersstudio war.

Also heute nach dem Markt und dem Würstelessen zum “Schubert”, zehn Minuten bevor sie sperren geschaut, kein Tisch mit dBp Büchern, aber eine freundliche Buchhändlerin hat mich nach meinen Wünschen gefragt, ihren Computer aufgemacht und nach den fehlenden fünf Stück geschaut.

Leider nichts, den dicken Setz hätte ich haben können, den Trojanow und die Jenny Erpenbeck aber nicht den Vladimir Vertlib, den Witzel, die ich ja gerne lesen würde und die anderen drei.

Also doch noch einmal zum “Thalia”, obwohl wir da vor vier Wochen nichts gefunden haben oder das, was da war und noch nicht versprochen , kauften.

Da gab es dann eine Überraschung, zwar nicht mit Lasche und am Büchertisch, aber auf der Seite lag, glaube ich, der Hellinger, der in den Blogs ja so gelobt wird und den die Buchpreisblogger  auf ihrer Shortlist haben wollten und dann habe ich auch noch den Lappert, mein viertes Shortlist-Buch gefunden. Jetzt fehlen außer dem Setz noch drei und zwei davon würde ich gerne lesen, den Vertlib würde ich wohl in einer Buchhandlung schaffen, beim “Kuppitsch” liegt ja alles auf, habe ich gesehen, den Witzel bringt mir vielleicht jemand zu meinem literarischen Geburtstagsfest, das am sechsten November, nächste Woche schicke ich die Einladungen aus, sein wird, der Peltzer ist laut den Bücherlblogger ja unlesbar, also muß ich es nicht unbedingt versuchen und den lieben Otto mit den gesammelten Büchern gibt es ja auch noch.

Bis Ende Oktober werde ich also so weit und durch sein und kann nur wiederholen, das Longlistenlesen macht wirklich Spaß obwohl es, ähnlich wie das “Nanowrimoschreiben” seine Up an Downs hat.

Wie oft habe ich schon geschrieben, ich höre damit auf? Wie es wirklich wird, wird man sehen und den offiziellen Büchernbloggern geht es, glaube ich ebenso.

So hat sich Birgit Böllinger, seit sie “Aberland” besprochen hat, nicht mehr mit LL oder SL Büchern gemeldet, Buzzaldrin ist ja nach Hamburg zu einem Volotariat gegangen und schickt mir die zehn oder neun gewonnenen Bücher, wo Ruth Cerha, Meg Wollitzer, Matthias Nawrat und Harper Lee, dabei sind, sobald sie wieder in Göttingen ist und Jochen Kienbaum von “Lust auf Lesen”, der ja Monique Schwitters, die jetzt auch für den Schweizer Literaturpreis nominiert ist, glaube ich, kitschig gefunden hat, ist mit ihrem Buch, dem Setz und der Mahlke auf Leseurlaub gegangen und hat geschrieben, die beiden Bücher haben ihn überrascht.

Also hätten sie vor ihren Shortlist-Empfehlungen vielleicht doch alle Bücher lesen sollen und das habe ich jetzt auch gelernt, das man das tun muß, bevor man klare Aussagen treffen kann.

Vorher habe ich mich bei meinen Schätzungen ja auch auf die berühmten Namen bezogen, beziehungsweise spekuliert, was die Jury denken könnte?

Aber ob die wirklich, den Setz nicht auf die Shortlist setzte, weil er zu lang ist und den Peltzer schon, weil ein literarisches Schwergewicht? Wer weiß das wirklich, ob das stimmt?

Meine Shortlist rundet sich dagegen langsam ab und die besteht aus meinem literarischen Geschmack, da sind Bücher wie der Richter, der mir eigentlich auch gefallen hat, dann nicht dabei, weil vielleicht doch nicht so literarisch und die Alina Bronsky schon, weil ich ja  das leicht lesbare Verständliche will, dann die Monique Schwitters, meine Überraschung, der Key Weyandt, die Jenny Erpenbeck, der Feridun Zaimoglu und ob ich den Setz darauf setrzte, wird sich wahrscheinlich in zwei drei Wochen zeigen und, wie geschrieben, den Vertlib und den Witzel würde ich  gerne lesen, mal sehen, ob diese Bücher auch noch zu mir kommen werden.

Siebentürmeviertel

“Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen.”

So beginnt Feridun Zamoglus neuer auf die LL gekommener Roman “Siebentürmeviertel”, der in fast achthundert Seiten, in sehr bildreichen, kraftvollen und wahrscheinlich auch künstlichen Worten, das Leben des kleinen Wolf, in einem Istanbuler Armenviertel erzählt.

Wolf ist sechs und mit fünf ist er mit seinem Vater Franz, einem sozialdemokratischen Lehrer, der sich in der Schule über Hitler lustig machte, nach Istanbul, in das Siebentürmeviertel zu Abdullah, einem Freund des Vaters gekommen.

Aber in Istanbul herrschen strenge Sitten, so muß der Vater bald den Sohn und das Haus des Freundes verlassen, weil Gerüchte aufkommen, daß er dessen Tochter Derya zu Nahe kommt. So bleibt der kleine Wolf alleine in der Gastfamilie, nennt Abdullah bald Vater und balgt oder kämpft mit seinen Freunden auf der Straße, so daß Narben zurückbleiben und er  auch der Narbengesichtige genannt wird. Das Viertel ist voll von Ausländern, Griechen Tschetschenen, Armenier, Juden und  alle kämpfen gegeneinander.

Die Mutter nimmt den Kleinen zu ihren Freundinnen mit, der Vater ins Kaffeehaus, wo Schnaps getrunken wird und so hört und sieht er viel und die kinderlosen Damen des Viertels begeheren auch den Urin des kleinen Bruders, weil sie glauben, daß sie dadurch fruchtbarer werden.

Das Buch ist in zwei Teilen gegliedert, der erste  heißt “Istanbul 1939” dürfte aber über über einige Jahre spielen, denn Wolf wird eingeschult und macht auch seine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht.

Die Haare werden abgeschnitten, in den Vierzigerjahren mußte man wohl in der Schule glatzköpfig sein, am ersten Tag schlägt die schöne Lehrerin, die sich später erhängen wird, die Schüler mit einem Stock, das läßt Bayka Hanim, die Ziehmutter nicht zu, gemeinsam mit Wolf und Derya sucht sie Lehrerin auf und stellt sie zur Rede, die sich dann auch  ändert. Batur, der Sohn ist gestorben, so nimmt Wolf nach und nach seine Stelle an.

Im Zweiten “Istanbul 1949” ist er Schüler des St. Georgs College, der berühmten österreichischen Schule, die in einem anderen Viertel liegt, wohnt bei einer Tante Rena, die er dann später nicht mehr so nennt, als er sie besteigt und sie ihm in die Liebe einführt, aber die hat er schon in einigen Freudenhäusern erfahren, hat eine Mitschülerin zum “Kußmädchen” gemacht und seine ehemaligen Spielkameraden werden nach und nach ermordet.

Das sind die Gerüchte, die nächtens durch das Viertel gehen, aber auch die Fehden zwischen den Volksstämmen, Abdullah Bey wird für den selbsternannten Rächer gehalten, den alle fürchten oder verfluchen, während die Tochter Derya, die sich als Lehrerin ausbilden ließ, zur Kommunistin wurde und mit den Bolschwisten bakeln soll.

In der Nacht geschehen die Gewalttaten und die Liebesdienste, während Wolf am Tag brav mit der Schülermütze im Gymnasium sitzt, von der Geschichtslehrerin Frau Schenay unterrichtet wird, der Direktor Liebig wird “Führer” genannt und eine schöne Griechin ist in den Deutschlehrer Dr. Bernhard verliebt und schickt den Schüler Wolf, den kleinen Arier mit Liebesbriefen zu ihm, er sitzt auch neben seinem Erzfeind, dem Tschetschenen Kurbilay, dessen Vater, die Freunde ermordet haben, während Abdullah Bey wieder für den Tod des Erstgeborenen Kaytun verantwortlich sein soll.

Den Irren am Fenster gibt es auch,  die Herrin des kahlen Baumes und eine paar Katzen mordende Frauen, die in eine Irrenanstalt eingewiesen wurden.

Im Siebentürmeviertel ist man bitter arm, so muß sich Wolf noch als Kind beim einäugigen Krämer verdingen, später arbeitet er als Dolmetscher für den reichen Seyfettin Bey, der seine Frau im Bett mit einem anderen erwischt, aber trotzdem nicht zu der üblichen Blutrache schreitet.

Am Schluß will Vater Franz seinen Sohn nach Deutschland zurücknehmen, der weigert sich aber und bleibt bei seiner Ziehfamilie im Siebentürmeviertel und über den Roman des 1964 in Anatolien geborenen Ferdiun Zaimoglu, der seit fünfundvierzig Jahren in Deutschland lebt, den ich über den Bachmannpreis kennengelernt habe und in Leipzig dabei war, als er den “Preis der Literaturhäuser” bekam, habe ich in Blogs gelesen, daß hier die umgekehrte Migration beschrieben wird und das Leben im Siebentürmeviertel mit dem Aufwachsen der kleinen Türkenbuben in Neuköln etcetera zu vergleichen ist.

Das mag vielleicht, was die Gewalt betrifft stimmen, dennoch habe ich es als ein sehr “orientalisches Buch”, schon der Sprache wegen erlebt, die wie ich gelesen habe, sehr künstlich sein soll.

Das kann ich nicht so beurteilen, ist es doch der erste Zaimoglu, den ich gelesen habe und ich habe auch lang gebraucht, bis ich in das Buch, das in neununneunzig Kapitel geteilt ist, die alle die neunundneunzig Namen Gottes  tragen, hineingekommen bin, das ich als ein sehr gewalttätig poetisches bezeichnen würde und das auf meine Shortlist kommt, auf der, soweit ich das schon beurteilen kann, inzwischen Jenny Erpenbeck, Key Weyand, Monique Schwitters und Alina Bronsky, also auch eine ziemliche Bandbreite stehen und, daß es nicht auf die wirkliche echte gekommen ist, finde ich sehr schade.

Der Fuchs und Dr. Schimamura

Zwei Stunden Zeit zwischen der Fachtagung “Gewalt macht krank” und der Supervisions-Refexion und da bin ich in die Buchhandlung “Kuppitsch” gegangen, fehlten mir ja noch sieben Bücher für mein Longlistenlesen beziehungsweise Buchpreisbloggen und da gab es eine große Überraschung, im ersten Stock, wo es auch einen wunderbaren Ohrenlesesessel gibt, einen Tisch mit den zwanzig Longlistenbücher und einem Plakat mit den sechs Shortlistentitel daneben und da fiel mein Blick, weil ich in zwei Stunden ja wahrscheinlich weder für den Ulrich Peltzer, noch den Clemens J. Setz oder den Frank Witzel lesen kann, auf Christine Wunnickes kleines Büchlein “Der Fuchs und Dr. Schimamura”, erschienen im wahrscheinlich auch nicht sehr große “Berenberg-Verlag” und das interessierte mich sehr, obwohl im Netz bisher noch nicht viel darüber zu hören war.

Die Buchpreisblogger haben es, glaube ich, noch nicht gelesen, nur auf der Facebookseite des dBp gab es ein Interwiew und dem konnte ich entnehmen, daß die 1966 in München geborene Autorin eine ist, die gern die Wirklichkeit mit der Fiction verbindet und das, wie sie dort sagte, so gut macht, daß sie nachher selber oft nicht mehr weiß, was jetzt Sache ist.

Es geht jedenfalls um den in den Neunzehnzwanzigerjahren verstorbenen japanischen Psychiater Dr. Schimamura, den es wirklich gegeben hat und das kleine Büchlein, mit einem sehr japanisch wirkenden Cover, es hat, glaube ich, hundertvierzig Seiten, schildert in sechzehn Kapiteln, das Leben dieses Psychiaters und das springt von 1922 bis in in das Ende des Neunzehntenjahrhunderts zurück, wo er in Tokyo seine Studien abschloß und dann von seinem Lehrer mit einem Studenten nach Schimane geschickt wird, um die Fuchsbesessenheit zu studieren.

1922 ist er emeritiert, leidet an Schwindsucht und wird von vier Frauen betreut, der eigenen, der Mutter,  der Schwiegermutter und einer Magd, die er sich von Kyoto, wo er Professor war, mitgebracht hat und die er abwechselnd Louise oder Anna nennt, denn er spricht Deutsch und als ihm der Student, der ein leidenschaftlicher Fotograf ist, bei der Fuchsexpedition, wo er die Besessenheit einem Mädchen namens Kiyo austreiben soll, abhanden kommt, flieht er nach Europa, kommt über Alexandria nach Paris, wo er zuerst Schwierigkeiten hat, die Nervenabteilung zu finden, denn er spricht nur Deutsch und das wird nicht verstanden.

Später kommt er zu Charcot in die Salpetriere, wo der ja seine Studien zur Hysterie betreibt, es gibt da eine sehr makabre Szene, wo er im scheinbar hypnotisierten Zustand, eine Patientin hypnotisiert, die dann Japanisch spricht, er kommt auch nach Wien zu Dr. Freud und Dr. Breuer, nach Berlin kommt er auch, dann wird er in Kyoto Professor und in den letzten Tagen seines Lebens, er hat eine Scherenschnittsammlung und eine Spielzeugsamlung und seine Mutter beschäftigt sich damit seine Memoiren zu schreiben, kommt noch der Student und  Kiyo, die er geheiratet hat und  wegen der er damals geflohen ist und alles klärt sich auf.

Auch eine recht poetische Geschichte mit einem Thema, das mich ja schon beruflich sehr interessiert und die Buchhandlung “Kuppitsch” ist ja auch nicht soweit von der Berggasse 19 entfernt, obwohl Josef Breuer offenbar in der Brandtstätte gewohnt hat, aber vielleicht ist  das eine Fiction Christine Wunnickes.

Das Buch ist nicht auf die Shortlist gekommen, also bräuchte man sich vielleicht nicht mehr mit ihm beschäftigen.

Ich empfehle trotzdem es zu tun, denn es ist leicht und schnell zu lesen und einen sehr poetischen Eindruck über einen japanischen Psychiater, der sich mit der Hysterie und der Besessenheit zu Beginn des vorigen Jahrhunderts beschäftigt hat, gibt es auch.

Winters Garten

Auf Valerie Fritschs ersten bei “Suhrkamp” erschienenen Roman habe ich mich schon sehr gefreut, habe ich die Entwicklung, der 1989 in Graz geborenen Autorin doch von  ihrer Lesung bei den “Textvorstellungen” in der “Alten Schmiede” an beobachten können. Da ist mir das große Talent der jungen Frau mit der “Bachmannstimme” aufgefallen, die dann bald auch den “FM4 Preis” gewonnen hat.

“Verkörperungen”, “Die Welt ist meine Innerei” gelesen, beim “Bachmannpreis” heuer sind mir schon ein paar antiquierte Wendung und eine eher altmodische Stimmung aufgefallen, wo ich mir doch Worträusche erwartet hätte, womit ich meine Schwierigkeiten, wie bei Andrea Winkler und Richard Obermayr hätte.

Bei der sehr vollen Lesung in der “Alten Schmiede” zur Buchpräsentation, ist mir das nicht so sehr aufgefallen, dann erschien das Buch, kam auf die LL und wurde überall auf den Blogs, als die große lyrische Stimme und als das große Talent gelobt.

Klaus Kastberger war in Klagenfurt ja auch sehr begeistert und ich bin dem Buch im Zuge meines Longlistenlesens auch ein bißchen nachgerannt, wollte es mir schon früher kaufen, dann gleich beim “Thalia” als erstes lesen, jetzt habe ich offenbar zu lang darauf gewartet und meine Erwartungen waren zu hoch.

Denn ich wurde, ich habe es schon geschrieben, von diesem “Kleinen Roman mit der großen Endzeitstimmung” ein wenig enttäuscht.

Nicht, daß ich nichts verstanden hätte, denn im Gegensatz zu Andrea Winkler gibt es eine Handlung, sogar eine sehr einfache, aber diese Idylle von der Gartenkolonie, wo die Kinder in Frieden und Freuden aufwachsen und heimlich der Großmutter unter die Marmeladegläser schauen, wo sie ihre Totgeburten aufbewahrt, war mir wieder zu altmodisch und von vielen mir auch eher kitschig, als lyrisch scheinenden Metaphern gejagt.

Das ist der Stil der Valerie Fritsch, dieses atemlose Hasten von einer Metapher, einem Adjektiv zum anderen, beim Zuhören ist es wahrscheinlich auch beeindruckend, jetzt hatte ich meine Schwierigkeiten mit den “Papageiengeschmückten Dirnen, die auf die Matrosen warten”, mit den Vögeln die in Schwärmen über die Stadt flogen und überhaupt mit der Weltuntergangstimmung, die diesem so idyllisch aufgewachsenen Anton, der später Vogelzüchter wurde, der Vater war Geigenbauer, so passiert.

Wenn ich nicht wüßte, daß es der Roman einer sechsundzwanzigjährigen jungen Frau ist, die damit 2015 auf die LL  gekommen ist, würde ich das Buch, wenn ich es später mal, vielleicht während einem Weltuntergang, vergilbt in einem Kasten finde, für einen Gartenlaubenroman des Neunzehntenjahrhunderts halten.

Anton Winter verläßt die Idylle der Gartenkolonie, zieht in die Stadt, die an irgendeinem Meer liegt, Raum und Zeit habe ich in Besprechungen gelesen, ist bei dieser schönen Sprache unwichtig, in ein Hochhaus, wo er Vögel züchtet, doch da ist die nicht näher genannte Katastrophe schon eingebrochen, abgemagerte Menschen irren herum, der Strom geht aus, die Vögel fliegen davon und Anton findet Frederike, die diesmal nicht Ärztin ist, obwohl sie in einem Spital arbeitet, sondern gewesene Offizierin in einem Kriegsschiff, Valerie Fritschs Berufe sind ungewöhnlich, wie aus einem Märchenbuch.

Sie arbeitet freiwillig im Spital beziehungsweise Geburtshaus, denn trotz der Katastrophe kommen noch Kinder zu Welt, folgt Anton zuerst in seine Wohnung und später, als sie einer Frau beim Gebären hilft, deren Mann zufälligerweise Leander, Antons Bruder ist, ziehen sie zu viert mit dem Kind wieder in den Garten zurück.

Die Vögel lassen sie zurück, beziehungsweise läßt sie Anton aus und die Idylle finden sie in dem Garten  nicht mehr, denn zuerst verschwinden Marta und Leander, dann liegt Frederike totenbleich in Antons Arme und die Katastrophe beginnt beziehungsweise beendet sich:

“Schon wird es dunkel. Schon ging ein Ruck durch die Welt. Schon prasselten  die Witwenhäuschen im Feuer und schon fiel der Schnee wie Schrot…”

Natürlich es gibt es auch  schöne Wendungen und kluge Lebensweisheiten, Tobias Nazemi vom “Buchrevier”, auch ein sehr Begeisterter, hat sich viele angestrichen, so viele hätte ich nicht gefunden.

Mir war die Handlung, wie Mara Giese auch ein wenig zu einfach und, wie geschrieben, so poetisch habe ich diese Sprachgewalt nicht gefunden.

Es tut mir leid, vielleicht habe ich mir zuviel erwartet und ich habe bei meinem bisherigen Longlistenlesen auch schon zwei poetische Bücher gefunden.

Für mich würde das der Monique Schwitters an erster Stelle kommen, der Weyand ist mir ein bißchen zu komisch, obwohl mir das beim “Bachmannpreis” nicht aufgefallen ist, so kann man sich täuschen, vielleicht ist das auch eine Erfahrung, die man machen muß.

Ich wünsche Valerie Fritsch, die auch für den “Alpha-Literaturpreis” nominiert ist, natürlich alles Gute und vielleicht mache ich bei ihrem nächsten Buch wieder eine gegenteilige Erfahrung.

Longlistentagebuchnotizen III

Am Sonntagabend als ich gerade mit der Anke Stelling, LLBuch zehn, glaube ich, fertig geworden bin, hat das Telefon geläutet und der liebe Otto hat mir avisiert, daß er jetzt alle Bücher hätte und sie haben könne.

Zu diesem Zeitpunkt war ich fast entschloßen das Longlistenlesen nach der Inger Maria Mahlke die jetzt doch zu mir und auch auf die Shortlist gekommen ist, aufzugeben.

Jetzt habe ich wieder umgeschwenkt, natürlich, ich halte  ja gerne meine Versprechen, um nicht für großspurig gehalten zu werden, ich habe die Bücher aber noch nicht und, daß ein Treffen mit dem Otto, der jetzt auch den ganzen Tag am Westbahnhof stand oder steht, um für die “Caritas” die Flüchtlingszuströme zu koordinieren, oft sehr lange dauern kann, weiß ich seit dem Versuch die “Mimi” der Michaela König zu übergeben, also könnten wir vielleicht unken, daß ich schon beim Longlistenlesen 2020 bin, wenn die Bücher kommen oder auch nicht, mal sehen, ich bin gespannt.

Ich habe ja vorige Woche noch zwei Rezensionsanfragen gestellt, dem “Residenz” habe ich noch einmal angefragt und dann hat der Verlag  “Kremayr Scheriau” jetzt eine Debutantenschiene mit Büchern von Marianne Jungmaier und Irmgard Fuchs, die auch am Montag in der “Gesellschaft für Literatur” vorgestellt werden.

Die habe ich jetzt bekommen und bei all dem Longlistenlesen sollte man ja auf die österreichischen Jungautoren, die vielleicht im nächsten Jahr auf der Liste stehen, nicht vergessen.

Daß ich trotz meiner eigenen Leselistenvernachläßigung mit dem Longlistenlesen sehr zufrieden bin, kann man glaube ich merken, ich hoffe, ich gehe den sogenannten offiziellen Bloggern, die mich ja dazu inspiriert haben, nicht allzu auf die Nerven, halte aber jetzt bei Buch dreizehn den Ferdun Zaimoglu, bei dem ich wahrscheinlich noch eine Weile bleiben werde, denn das ist auch ein elendslanges Buch, das mir aber sehr gut gefällt, so daß ich es ein bißchen schade finde, daß es nicht auf die Shortlist gekommen ist, aber eigentlich ist mir das auch egal, weil ich ja nicht soviel auf diese Listen gebe.

Im Internet oder auch sonst zerstreiten sich ja jetzt gerade einige, um die Kompetenz des Auswählens, die Buchhändler schreien: “Wir wollen es bestimmen, denn wir wissen was die Leute lesen wollen!”, die Literaturkritiker schreien “Das können nur wir! Skandal, daß der Setz nicht dabei ist!” und die Bücherblogger stöhnen über den Peltzer, der dabei ist, hochkarätige Literatur, aber offenbar schwer zu lesen.

Ein Problem habe ich, als ich tapfer die LL meiner Bücherliste vorgezogen habe, übersehen, von dem ich nicht weiß, ob es nur ein spezielles von 2015 ist oder auch im nächsten Jahr vorhanden sein wird.

Auf der Liste sind ein paar elendslange Bücher, ein paar habe ich davon schon gelesen, nämlich “Risiko”, “Macht und Widerstand” und “89/90″, die letzteren zwei hatten zwar “nur” über vierhundert Seiten, aber das ist auch nicht so wenig und dann kommt jetzt noch der Setz mit den über tausend und der Witzel, ich glaube achthundert und die hat  auch der Zaimoglu, also ist das in knapp zwei Monaten wahrscheinlich doch nicht zu schaffen, am Tag der Shortlistvergabe habe ich zwar mit Buch zwölf angefangen, eben der Zaimoglu wo ich wahrscheinlich noch die ganze nächste Woche lese, dann kommt die Mahlke an die Reihe und die beiden Debuts und wenn ich mit der Mahlke beginne, rufe ich den Otto an und versuche mit ihm einen Übergabetermin auszumachen für sechs Bücher.

Richtig es sind nur noch sechs, denn gestern hatte ich zwischen dem “Gewalt macht krank-Symposium” und der Supervision Rexlexion zwei Stunden Zeit, bin zum “Kuppitsch” marschiert, der alle Bücher plus Shortlist lagernd hatte und gesehen, es gibt außer der Bronsky noch ein dünnes Buch, nämlich Christine Wunickes “Der Fuchs und Dr. Shimamura”, das ist jetzt auch gelesen und es bleiben nur noch sechs und falls ich es schaffe den Otto zu treffen, hätte ich auch schon eine Lesereihenfolge, da würde ich nämlich mit dem Vladimir Vertlib, der mich interessiert und der glaube ich, auch nicht so dick und nicht so schwer zu lesen ist, beginnen, dann vielleicht doch den Witzel, denn der interessiert mich  und steht auch auf der Shortlist, dann Lappert, Shortlist und Hellinger, der das nicht ist und dann käme der lange Setz, der es nicht geworden ist und der Peltzer, den man angeblich nicht so leicht versteht.

Dann ist wahrscheinlich der zwölfte Oktober oder wahrscheinlich überhaupt der Oktober längst vergangen, ich hätte aber alle Bücher gelesen und noch ein bißchen Zeit für meine Leseliste, wo ich einiges nämlich zehn bis zwölf Bücher unbedingt lesen will, das heißt eigentlich sind es mehr, aber das wäre nicht realistisch, aber die Nadine Kegele, die ich ja auf der vorigen “Buch Wien” gewonnen habe, unbedingt, das “Alpha Buch” der Eva Menasse und drei Bücher von österreichischen Autoren, die sie mir gegeben haben, dann kommen noch die Gedichte vom Dietmar Füssel und das Buch der Hilde Schmölzer, die Gedichte der Jungautorin aus der Edition Exil, und den Rafael Chirbes und die Sybille Lewitscharoff, nicht zu vergessen den “Circle” und die “Zehntelbrüder” will ich auch noch lesen.

Spannend spannend so im Vollen zu wühlen und, daß ich trotz meiner Leseliste im nächsten Jahr wieder gerne LL lesen will, habe ich, glaube ich, schon geschrieben und wenn ich es nicht schaffe, den Otto zu treffen, beginne ich nach der Mahlke mit meiner Liste, vom Alfred könnte ich mir ja noch drei Bücher wünschen oder kaufen lassen, das wären dann wahrscheinlich der Vertlib, der Setz und der Witzel oder sonst warten bis sie zu mir kommen.

Bücher haben ja kein Ablaufdatum und man kann Longlistbücher auch später lesen, beispielsweise, wenn die Buchändler ihre Leseexemplare,  in den Schrank legen und ich sie finden sollte, aber dann kämen sie an das Ende meiner Leseliste und ich müßte noch ein bißchen auf das Lesen warten.

Bodentiefe Fenster

Irgendwie wird Anke Stellings sowohl auf der LL als auch auf der Hotlist stehender Roman “Bodentiefe Fenster” als einer über den Prenzlauer Berg vermarktet, dabei wird, wenn ich mich nicht irre, die Verortung erst auf Seite zweihundervier erwähnt.

Also ein Roman über Mütter, das Pendant zu Gertraud Klemms “Aberland” und die Birgit von “Sätze und Schätze” und auch andere, stöhnen auf.

“Immer dieses Jammern und Klagen!” und wünschen sich  starken Heldinnen, die roten Zoren und die Pippi Langstrumpfs, was ich, vielleicht auch ein bißchen kassandramäßig oder burnoutgefährdet bezweifeln würde, daß eine Gesellschaft, wie unsere, solche so leichtfertig produziert.

Oder doch natürlich, Ronja von Rönne könnte eine solche sein, schreibt in ihren Kolumnen aber auch von ihren gleichaltrigen Freundinnen, die  in der Psychiatrie gelandet und froh sind, sich dort stundenlang überlegen zu können, ob sie Kakao oder Kaffee trinken wollten, statt, wie draußen von einer Bewerbung zur nächsten zu rasen und immer die Beste sein zu müßen.

Vielleicht kommt daher der Wunsch nach den starken Frauen und Frauen, wie Sandra oder Franziska nerven dann, aber es stimmt, ein bißchen haben mich Gertraud Klemms Jammermonologe auch genervt.

Bei Anke Stelling ist das anders, vielleicht ist es die deutsche Distanz, vielleicht ist mir, auch als Psychologin das atemlose Hasten von einer Katastrophe zu anderen im Kopf, vertrauter und ich habe zwar keine Kinderladensozilisierung hinter mir, aber eine Tochter in Kindergruppe und Alternativschule und kenne mich bei antiautoritärer Erziehung vielleicht ein bißchen aus, auch, daß es  da natürlich Grenzen gibt und bin deshalb vielleicht nicht so ganz burnout gefährdet.

Aber wieder schön der Reihe nach. Da ist also Sandra, ein Kinderladenkind aus der Neunzehnachtundsechzigergeneration, ihre Eltern kamen aus dieser, deshalb hatte ihr Name nicht so viele Silben, wie sie es sich wünschte. Sie hätte gerne Kassandra geheißen und jetzt ist sie erwachsen.

So Mitte Dreißig würde ich vermuten, ist Redakteurin und lebt mit Hendrik und ihren zwei Kindern in einem tollen Gemeinschaftshaus mit sozialer Durchmischung mit Gästewohnung und wöchentlichen Plenarsitzung und natürlich, den titelgebenden bodentiefen Fenstern.

Alles leiwand und paletti also, könnte man vermuten, wenn da nur nicht die Zwänge, das Nachdenken, die Erinnerungen, das Grübeln wäre…

Und so fängt es auch  mit Isa an, der Freundin, die in einer sehr eigenartigen Beziehung lebt, sich von ihrem Freund ausnützen und sich nichts sagen läßt und Sandra hat Angst, sie könnte in der Psychiatrie landen.

Hendrik, dem sie davon erzählt, nimmt ihre Sorgen nicht ernst und sie hat auch nicht viel Zeit, muß sie doch Zimtwecken backen für Tinkas Geburtstag, obwohl da eine Freundin kommt und ihr das ausreden will und ihr einen Fragebogen bezüglich der Burnoutgefährdung unter die Nase hält.

Sandra bäckt trotzdem und denkt dabei an ihre Mutter und Tinkas Mutter Marlies, die Mustermütter, der 1968 Generation, die ihre ist inzwischen gestorben, Marlies depressiv und es gibt auch, die Schwester Wiebke, die ihren Kindern nicht widersprechen und ihnen keine Grenzen setzen kann. Sie hat das Münchhausensyndrom vermutet Sandra, kann aber den Eltern ihres Gemeinschafthauses auch nicht sagen, daß sie  ihre Kinder falsch erziehen.

Das darf man in dieser Gemeinschaft offenbar nicht und so kann es vorkommen, daß der kleine Finn, alle andere Kinder, die sich vor ihm fürchten mit einer Ketchupflasche totschießen kann, als aber Ricarda ihm die Flasche aus der Hand nimmt und den Spieß umdreht, sind alle erstarrt, denn das darf man offenbar nicht, seinen Kindern Gewalt antun, sind sie ja, die Kinder einer Generation, die bei den ihren alles besser machen wollen und natürlich daran scheitern.

So streitet sich Sandra mit Jörn, dem Wortführer und Arzt in der Plenarsitzung darüber, ob sie im Gemeinschaftsgarten für ihre Kinder ein Baumhaus bauen darf, ohne die anderen darüber zu informieren und einzuladen mitzutun, während Hendrik sich vor den Pelenarsitzungen drückt und lieber ins Bett geht, wenn Sandra dann Sex von ihm will, ist er zu müde.

Sie kann auch nicht schlafen, denn ihre Gedanken kreisen, um sämtliche Freundinnen und die ihrer Mutter, um die Selbstmorde und Morde, die es in der Familie gegeben hat.

Sie sieht auch ihre Kinder schon tot vor sich, eine Kassandra eben und hat am nächsten Morgen Schwierigkeiten Bo in die Kita zu bringen, denn einmal fehlt eine Gesundmeldung und ohne die darf er nicht hinein, ein andermal will er nicht bei der Erzieherin bleiben, die ihn unfair behandelt.

Es kommt, wie es kommen muß. Zum Zusammenbruch der Mustermutter. Jörn  diagnostiziert den Nervenhzusammenbruch, akute Erschöpfung und Panikattacken.

Sandra wird ins Bett gebracht, bekommt ein Beruhigungsmittel, die das vorausgesehen habende Freundin wird von ihr ferngehalten. Sie soll dann auch auf eine schöne Mutterkur auf eine schöne Insel. Erholung, gutes Essen, nur Pferdefuhrwerke und hält auch das nicht aus. Läßt ihren Koffer im Pferdetaxi, bucht die geführte Wattwanderung und kommt vielleicht nicht mehr zurück.

So ist es manchmal, wenn eine alles besser machen muß, alles voraussieht und die Fehler der anderen nicht aus ihren Kopf bekommt.

Ein wenig erscheint mir der zweifach nominierte Roman, der 1961 in Ulm geborenen Anke Stelling, die am Leipziger Literaturinstiut studierte, auch konstruiert.

Erstens einmal wieder zuviel, alles Leid dieser Welt in ein Schicksal hineingepackt und dann glaube ich nicht wirklich, daß die Kinderladenkinder nicht “Nein!”, sagen können und sich von ihren Kindern auf den Kopf scheißen lassen.

Ich glaube eher, daß gerade die antiautoritär erzogenen Kinder sich abgrenzen können, aber der Leistungszwang und der Druck  funktionieren zu müssen, bei der urbanen Generationen, den jungen studiert habenden Frauen, wird wahrscheinlich sowohl in dem schönen Städtchen Baden, als auch in den Gemeinschaftswohnhäusern mit der schicken Gästewohnung am Prenzlauerberberg und wahrscheinlich auch anderswo sehr hoch sein und schade, wenn man das Lesen solcher Romane nicht aushält und sie entnervt wegschmeißt.

Aber vielleicht ist das auch Selbstschutz, denn das Leben ist ohnehin hart genug und der Druck zu funktionieren sehr groß!

Da muß man sich wahrscheinlich in seiner Freizeit nicht damit beschäftigen und kann besser etwas Leichteres und scheinbar Lustigeres lesen.

Shortlist-Reflexionen

Um zehn wurden die Shortlist-Kanditaten bekanntgegeben, die sechs aus den zwanzig, am neunzehnten August bekanntgegeben, nominierten Büchern, von denen dann einer oder eine am zwölften Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, den begehrten Preis gewinnen wird.

Vom neunzehnten August bis zum sechzehnten September ist es ein knappes Monat, kann man in dieser Zeit zwanzig Bücher lesen, wenn der österreichische oder deutsche Durchschnittsleser laut irgendeiner Statistik acht oder neun Bücher jährlich schafft?

Ich konnte es nicht und begann gerade Buch zwölf, Feridun Zaimoglus “Siebentürmeviertel”,  auch ein fast achthundert Seiten Buch und Inger-Maria Mahlkes Historienbuch “Wie ihr wollt” das jetzt doch gekommen ist, liegt auf meinem Badezimmerstapel.

Besprochen und erschienen sind neun und eigentlich hätte ich gedacht und habe das der Wandergruppe bei unserem Bergausflug im August, als ich gerade mit Buch eins begonnen hatte, auch so herumerzählt, daß ich vierzehn Bücher schaffen würde, ich habe dann ja auch noch die nicht LL-Bücher “Jesuitenwiese” und “Der Susan Effekt” eingeschoben und die “Fünf Kopeken” fertiggelesen.

Zehn von den Büchern haben mir die Verlage, wofür ich mich noch einmal sehr herzlich bedanke zur Verfügung gestellt, davon das der Moniqe Schwitters in E-Book Form, eines hatte ich schon zu Hause gehabt, zwei mir vom Alfred zum Geburtstags kaufen lassen, wovon ich die Alina Bronsky auch vom Verlag bekommen hätte, aber im August war ich noch in Harland, das Bücherpaket das inzwischen gekommen ist, lag beim “Heimtierprofi” in der Krongasse und ich hatte einen Lesenotstand.

“Risiko” habe ich beim “Thalia” auch wenn es ebenfalls beim “Heimtierprofi” lag in der Kremsergasse gelesen, denn ich habe ja in einer Buchhandlung mit dem LL begonnen, nachdem ich die Verlage angeschrieben hatte.

Das könnte ich jetzt weitertun und werde mich morgen, wenn ich zwischen einer Fortbildungsveranstaltung und der Supervision-Reflexion, die ich am Abend besuche, drei Stunde Zeit habe, auch höchstwahrscheinlich in die Buchhandlung “Kuppitsch” setzen.

Nur was lese ich da? Die “Thalia-Auswahl” in St. Pölten war so knapp nach der Bekanntgabe sehr begrenzt,  jetzt hätte ich die Auswahl zwischen Clemens J. Setz “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”, ich glaube über tausend Seiten und im Internet hat am Montag eine betreute Lesegruppe begonnen und Frank Witzel “Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969”, was mich sehr interessiert, aber glaube ich, nicht wirklich dünner ist und dann gäbe es noch Ulrich Peltzers “Das bessere Leben”, das zwar, glaube ich auf den Bestenlisten steht, die Blogger brechen es reihenweise ab, weil sie es zu schwer zu Lesen finden.

Es gäbe auch vielleicht Dünneres.

Rolf Lapperts “Über den Winter”, Vladimir Vertlibs”Lucia Binar und die russische Seele”, das mich sehr interessiert, Christine Wunnickes “Der Fuchs und Dr. Schamamura”, interessiert mich auch und Heinz Hellingers Endzeiteepos “Eigentlich müßten wir tanzen”, da kann ich vielleicht etwas anlesen und dann den Otto anrufen, der sie mir ja borgen will, mir die beiden dicken Wälzer wirklich zu Weihnachten wünschen und wenn die Leute, die zu meinem Geburtstagsfest kommen, mich fragen, was sie mitbringen sollen, diese Titel nennen.

Ansonsten werde ich wahrscheinlich im Oktober ebenfalls LL lesen, obwohl auch meine Leseliste lockt oder droht und ich “Residenz” jetzt nochmals angefragt habe, weil das Buch der Verena Mermer  gerne lesen will und den neuen Brandstetter und die Anthologie der Petra Hartlieb eigentlich auch und dann hat der “Kremayr und Scheriau Verlag” eine neue Debütantenschiene und feiert das mit einer Release Party im Siebenstern.

Ich weiß, ich bin unersättlich oder interessiert, um es positiver zu formulieren und dreizehn Longlistenbücher ist eigentlich eine stattliche Menge, das soll mir einer nachmachen, die “offiziellen Buchpreisblogger” haben, glaube ich auch noch nicht alles gelesen, obwohl sie eine “Blogger-Shortlist” inclusive Pressemitteilung und der Versicherung ihrer “Vielbeachtheit” herausgegeben haben.

Ich habs ja schon  geschrieben, ich habe die ersten Jahre des deutschen Buchpreises  verschlafen, 2008 hat mich dann Christiane Zintzen, deren Blog ich jetzt wieder regelmäßig verfolge und der sich etwas geändert hat, darauf, beziehungsweise auf das Longlistbüchlein aufmerksam gemacht.

Ein Jahr später habe ich danach gejagt und habe nicht sehr viel davon live gelesen, sondern mir meine Kanditatenliste aus der Bekanntheit der Namen erstellt, da lag ich meistens falsch.

Irgendwie habe ich damals auch geglaubt, da werden die sechs besten ausgesucht und das andere braucht man dann nicht mehr lesen, vor zwei Jahren ist dann Buzzaldrin mit ihrer “Fünf lesen zwanzig-Aktion” dahergekommen, da hat es mich das erste Mal gejuckt, die Verlage anzufragen und mitzulesen, ich habe das dann nur sehr sehr reduziert getan und im Vorjahr gab es diese Longlistenleseaktion, da habe ich “Kastelau” gewonnen und erst bekommen, als schon bekannt war, daß es nicht auf der Shortlist steht und da habe ich zu begreifen gebonnen, daß das Lesen der zwanzig nicht mit der Shortlistenvergabe aufhört und, daß eigentlich die Longlist das viel interessantere ist, weil es einen, wenn auch nur kleinen Einblick in die Herbstproduktion des Jahres gibt und man dadurch die Bandbreite des deutschen Schreibens wenigstens ein bißchen erfassen kann, was mich ja sehr interessiert.

Im Vorjahr hat das “Graue Sofa” Jaqueline Masuck eine der Buchpreisblogger und Buchhändlerin nach dem Buchpreis gefragt und sie hat gesagt für Buchhändler ist erst die Shortlist interessant, weil da beginnen sich die Leute zu interessieren und nach den Büchern zu fragen, klar, sechs Bücher lassen sich leichter als zwanzig lesen und dann stapft man m Oktober oder November kauft den Sieger, liest ihn selbst oder schenkt ihn zu Weihnachten her. Und die Buchhändlerinnen unter den Bücherbloggern wünschen sich überhaupt das Leichtlesbare für ihre Kunden.

Interessant ist, glaube ich, wirklich das Longlistlesen oder das Lesen überhaupt, das Lesen meiner elendslangen Leseliste, wo es im nächsten Jahr einen Vicki Baum Schwerpunkt geben wird und ich wieder einmal hoch und heilig vorhabe, die, wenn möglich wirklich durch zu lesen.

Buchpreisbloggen, will ich zwar auch wieder, etwas moderater, das was mir die Verlage schicken und das andere vielleicht zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünschen  und nun zu den Shortlistprognosen.

Was sage ich da jetzt nachdem ich elf Bücher gelesen habe, eine wirkliche Rangreihe kann ich auch jetzt nicht geben, spannend ist aber die Bandbreite von der Zeitgeschichte, der DDR, der RAF, dem ersten Weltkrieg, dem sechzehnten Jahrhundert, das mich jah weniger interessiert, zu den sehr poetischen Texten, zu den Entdeckungen aus den kleineren Verlagen und und und, wenn ich nach den bekannten Namen gehe, würde ich sagen Setz, Peltzer, Erpenbeck, Zaimoglu, Dutli, Valerie Fritsch, als die neue poetische Stimme, die mich beim Lesen jetzt allerdings ein bißchen enttäuschte, vielleicht oder Peter Richter, wenn es ein DDR-Roman sein muß, wie manche Blogger  beklagen.

Und wieder mal trefflich geirrt.

Denn:

Jenny Erpenpeck “Gehen ging gegangen”

Rolf Lappert “Über den Winter”

Inger Maria Mahlke “Wie ihr wollt”

Ulrich Peltzer “Das bessere Leben”

Monique Schwitters “Eins im Andern” und

Franz Witzels “Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager  im Sommer 1969”

stehen auf der Shortlist.

Da werden die glorreichen Bücherblogger, die den Peltzer ja nicht mögen, fluchen.

Zwei der Bücher habe ich gelesen und jetzt doch weiterlesen und mich über den Peltzer, den Witzel, den ich ja schon von Anfang an lesen wollte und den Lappert hermachen, sofern ich an die Bücher komme.

Die Inger Maria Mahlke kommt ja nach dem Zaimoglu, den ich gerade begonnen habe, dran.

Valerie Fritsch, was ich seit gestern nicht mehr ganz so bedauere und Clemens J. Setz, was mich ein wenig wundert sind nicht dabei, aber wer tut sich die tausend Seiten schon an, werden sich die Juroren gedacht haben und ich erinnere wieder alle, die es hören wollen, sich nicht davon irritieren zu lassen, das sind Jurymeinungen, man kann selber, wie ich ja bei Valerie Fritsch, deren Besprechung am Sonntag erscheint, merkte, eine andere Meinung bekommen.

Das das Buch der Monique Schwitter von dem man bei den Blogs bisher nur sehr wenig hörte, drauf steht, freut mich, bei Zaimoglu finde ich es bis jetzt schade und der Key Weyandt hat mir wie schon oft geschrieben sehr gefallen, ist für eine Shortlist aber wahrscheinlich zu independant. Mal sehen, wie es ihm auf der “Hotlist” geht und nun lesen lesen lesen oder auch arbeiten, lieben, schwimmen, frühstücken, Flüchtlingen helfen oder etwas ganz anderes machen.

Für Österreich gibt es den “Alpha-Literaturpreis” der “Casino Austria”, ein eher Jungautorenpreis, wo es Isabella Feimers neues Buch, Valerie Fritsch, Sandra Gugic, Anna Elisabeth Mayer, die auch den Priessnitz Preis bekommt, Gesa Olkucz, Karin Peschka, Wolfgang Popp, Richard Schuberth und Bernhard Strobel auf die Shortlist schafften  und der “Leo Perutz-Preis” des Hauptverbvandes, der sich des “Krimis” als Verkaufsschlager angenommen hat und was mich betrifft, habe ich jetzt “Im Namen des Vaters” zu korrigieren, das wird also bald fertigwerden und als meine Herbst oder Winter Neuerscheinung in die Literaturgeschichte eingehehen, der “Sommernanowirmo” ist zu korrigieren und ab November, wenn die “Lesewut” dann ein wenig nachgelassen hat, schreibe ich beim Richtigen eine Geschichte über die “Nika Weihnachtsfrau” in vierundzwanzig beziehungsweise einunddreißig Kapiteln.

Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbecks, im August erschienener Roman, ist wahrscheinlich der aktuellste auf Longlist und er verbindet fast, wie ich es immer tue, zwei Handlungsstränge miteinander.

Da ist Richard, wahrscheinlich siebzig und emeritierter Altphilologe, der am Rande von Ostberlin allein in einem Haus an einem See wohnt. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, die Geliebte hat ihn verlassen, Kinder gibt es nicht, so schleppt er seine Bücher von der Humboldt- Uni nach Hause und überlegt, ob er fortan Strickjacken statt Jackets tragen und sich nicht mehr rasieren soll?

Er wird auch lernen müßen mit seiner Zeit umzugehen, das Denken will er nicht aufgeben und so umkreist dieses am Beginn, den Toten in See, den Unfall, den es vor einiger Zeit gegeben hat, der ihn in diesem Sommer am Schwimmen gehindert hat.

Dann fährt er in die Stadt und sieht am Alex, beim roten Rathaus, einen Hungerstreik von afrikanischen Flüchtlingen, “We become visible!” steht auf ihren Transparenten und er beginnt sich mit ihnen zu beschäftigen, liest über die Situation in Afrika nach, lernt die Hauptstädte auswendig und stellt auch einen Fragenkatalog zusammen. Denn nach dem der Streik beendet wurde, werden sie in ein lehres Altersheim in seiner Nähe einquartiert, so geht er hin, läßt sich ihre Geschichten erzählen und verändert sich.

Dazwischen gibt es immer wieder Einschübe aus der “Odyssee” und anderen altphilologischen Texten,  aus seiner Vergangenheit, er hat noch die letzten Kriegstage erlebt, ist im Osten aufgewachsen, der Westen ist ihm noch immer  fremd. Er trifft seine Freunde, auch alles ältere Paare, geht einkaufen und schreibt dazu penible Einkaufslisten, bringt aber nach und nach den einen oder anderen der jungen Männer nach Hause, einen damit er Klavier spielen kann, ein anderer soll ihm im Garten helfen. Er gibt ihnen gemeinsam mit einer schönen Äthiopierin, in die er sich auch ein bißchen zu verlieben scheint, Deutschunterricht.

Und als die Gesichter alle Geschichten haben, sollen sie verlegt werden, zuerst kann das die Heimleitung durch tatsächliche oder erfundene Windpocken verhindern, dann kommt es zu Unruhen und Polizeieinsätzen.

Richard organisiert zum ersten Mal in seinem Leben eine Demonstration, weil man dazu einen deutschen Paß  benötigt und am Ende schlafen eine Menge junger Männer in seinem Haus, ein paar andere bei seinen Freunden, die fast ungewöhnlich solidarisch sind.

Eine kleine Verstimmung gibt es auch, weil nicht sicher ist, ob es nicht einer der jungen traumatisierten Männer war, der bei ihm eingebrochen hat, während er in Frankfurt einen Vortrag über Seneca hielt und das Buch schließt auch ziemlich abrupt  bei der Geburtstastagsfeier, die er mit ihnen und seinen Freunden veranstaltet, er sitzt da und denkt nach warum er mit seiner Frau Christl keine Kinder hatte, weil das für Afrikaner offenbar etwas sehr ungewöhnlich ist.

Ungewöhnlich ist vielleicht auch der Stil und das ist, wie ich in einigen Rezensionen lesen konnte, vielleicht auch das Problem des Buches.

Denn die 1962 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck, die mit “Heimsuchung”, ein Buch, das ich ich mir als TB vor kurzem um einen Euro kaufte und “Aller Tage Abend” berühmt geworden ist, machte sich an ein sehr aktuelles Thema.

Auf den letzten Seiten gibt es auch einen Spendenaufruf, auch ein bißchen ungewöhnlich, denn wenn das Buch in zehn zwanzig Jahren im Bücherschrank oder einem Antiquariat liegt, wird es das Konto nicht mehr geben und inzwischen habe ich ja auch gelernt, daß es als nicht sehr literarisch gilt, sich an solche tagespolitische Themen zu wagen.

Jenny Erpenbeck juckte es wahrscheinlich unter den Fingern und um entsprechenden Vorwürfen zun Entgehen, packte sie auch noch einige andere Handlungselemente hinein. So gibt es viele Anspielungen, viele Gedankengänge, das  “gehen ging gegangen”, kommt immer wieder, auch andere Wortwiederholungen und im Klappentext steht etwas vom “Vergehen der Zeit”, um das es ja eigentlich gar nicht geht oder doch natürlich, wenn du jahrlelang auf deinen Asylbescheid wartetst und von einem Lager ins andere geschickt wirst, ist das bestimmt sehr wichtig.

Aber Journalistisch solllte es  nicht werden, dann wäre das Buch nicht auf der Longlist gekommen, also gibt es immer  fast surreale Szenen in dem Buch, das am Anfang auch sehr distanziert beginnt “Richard kocht sich einen Kaffee” beispielsweise, das mir, wen wundert es, sehr gut gefallen hat, etwa die, wo einer seine Geschichte erzählt und dabei den Boden kehrt, Richard ist aber, als er daran denkt, schon in seinem Haus oder die, wo sich alle herausputzen, um gemeinsam zum Deutschkurs in die VHS aufzubrechen oder die von dem Anwalt mit Zylinder und Bratenrock, also höchst literarisch, obwohl es ja um so etwas “banales” wie Flüchtlingsschicksale in Oranienburg geht.

In den Blogs wurde das sehr diskutiert und die Blogger, die ja ihre Aktion “Blogger für Flüchtlinge” haben, sind hin und hergerissen ob das jetzt gelungen ist oder nicht und ich denke, daß uns die Realität, seit Erscheinen des Buches, mit den Flüchtlingscamps am Westbahnhof beispielsweise und den Toten auf der A1 schon wieder überholt hat und es ist wahrscheinlich auch spannend, das, was man sonst im Fernsehen sieht oder in der Kronenzeitung liest, literarisch aufbereitet bekommen.

Ich habe vieles gelernt, das ich vorher noch nicht wußte, obwohl ich mich schon länger mit der Problematik beschäftigte und in diesem Sommer auch darüber geschrieben habe. Beispielsweise war mir fremd, daß viele der jungen Männer Italienisch sprechen, was aber, wenn sie sich vorher in Lampedusa oder in den italienischen Städten aufgehalten haben, bevor sie nach Deutschland kamen, eigentlich kein Kunststück ist.

Irgendwo wird Richard auch als schrullig beschrieben, was ich eigentlich nicht so empfinde und mich auch wehren würde, jeden alteren Herrn gleich so zu bezeichnen und der hier beschriebene ist auch noch sehr gelehrt und gebildet.

Aber zwei Eigenheiten oder Ungereimtheiten fielen mir schon auf, so zum Beispiel, daß er sich hauptsächlich aus Bohnen- und Erbenseintöpfen zu ernähren scheint und die gleich aus der Dose löffelt, ein Universitätsprofessor würde, würde ich einmal vermuten, auch wenn er in Ostberlin wohnt, eher in Gasthäuser essen gehen, wenn er nicht kochen kann und dann hat er den Adventkranz fünf Jahre auf dem Wohnzimmertisch stehen, weil er ihn nach dem Tod seiner Frau nicht mehr entfernte, ein bißchen unrealistisch für einen Mann vieleicht, der seine Frau mit der Geliebten betrogen hat oder vielleicht einer der literarischen Kunstgriffe Jenny Erpenbecks und dann kommt wieder eine Weihnachtsszene, die dritte, die ich lese, seit ich “Buchpreisblogge”, diesmal eine sehr ausführliche sogar.

Richard nimmt einen der jungen Männer nach Hause und führt ihn, obwohl er Atheist ist, durch sein “Weihnachtsmuseum”. Da frage ich mich wieder, ob das die Verlage von ihren Autoren so verlangen, damit die Leute, wenn sie zu Weihnachten ihr Büchlein auspacken, zufrieden sind. Aber das würde wieder nicht zu dem brandaktuellen Thema und dem engagierten Anliegen passen.

Spannend also die Wirklichkeit so schnell literarisch aufbereitet zu bekommen, ich danke für das Rezensionsexemplar und bin jetzt sehr gespannt, ob es morgen auf die Shortlist kommt.