Vom Weinhaus Sittl zum Volksstimmefest

Am Freitag sind wir wieder zu einer Lesetheateraufführung ins Weinhaus Sittl gegangen und zwar wurde da von George Bernhard Shaw “Man kann nie wissen” aufgeführt, ein interessantes Stück, das in einen englischen Seebad Ende des neunzehnten Jahrhunderts spielt, wieder die Moral auf den Kopf stellt und satirisch, die gesellschaftlichen Zustände beleuchtet.

Die Veranstaltung hätte eigentlich in der ehemaligen Galerie Heinrich stattfinden sollen, dort gab es einen Wasserrohrbruch und so waren wir die einzigen Zuschauer. Eine Exclusivaufführung sozusagen, interessant ist nur die Frage, was die Aufführenden gemacht hätten, wenn wir nicht gekommen wären? Aber mir ist das ja auch zweimal fast passiert. Christa Kern, hat mitgelesen und dann auch ein paar wie Claudias Kölz, die auch bei der “Wannsee-Konferenz” auftraten.

Und am Wochenende Volksstimmefest, das schönsten Fest des Jahres, wie es so schön heißt, immer pünktlich vor Schulbeginn und da gibt es seit 1975, wie gesagt wurde das “Linke Wort” von Arthur West eingeführt. Da haben zu Beginn Elfriede Jelinek gelesen, Peter Turrini, Marie Therese Kerschbauer, etcetera. Ich habe das erste Mal im Rahmen des “Arbeitskreises schreibender” Frauen gelesen und dann ab 1989 regelmäßig und fast jedes Jahr. Nach Arthur West hat Helmut Rizy die Organisation übernommen, und dann Roman Gutsch und Christoph Kepplinger. Die letzten Jahre wurde die Veranstaltung allein von Christoph Kepplinger organisiert, dem es dann zu viel geworden ist, so daß er es 2019 das letzte Mal organisierte. Die Anthologie hat es dann auch schon nicht mehr gegeben. Dann kam Corona und es gab 2020 statt dem Fest eine Wahlverantaltung zur Wien-Wahl und voriges Jahr wurde die Lesung von Alex Hartl und noch einem Typen organisiert. Die mich sogar eingeladen haben, die Ruth und andere nicht, mich aber schon, aber da wußte man ja nicht 3 G oder nicht und dann wollten die Veranstalter den Text vorher sehen und das “Frühlingserwachen” schien mir total veraltet, so habe ich eine Szene aus meinen damaligen Work on Progress, wo zweimal das Wort Corona vorkommt und einmal, glaube ich, ein “Männerhassender Feminist”, was den Veranstalter nicht gefallen haben, so daß sie mich ausgeladen haben.

Uje, uje, das “Frühlingserwachen” hätte ich aber lesen können, aber dann gabs doch 3G und heuer keine Einladung. Als ich die Sigi Maron-Bühne erreichte, sah ich auf dem Podium fast lauter unbekannte Gesichter. Das heißt Erwin Riss hat wieder ein Stück aus seinem neuen “Herr Groll-Krimi” gelesen und Alex Hartl hatte eine Mitorganisatorin und ein Maskottchen das herumgegangen ist. Die Mitorganisatorin sagte, alle lesen auf Augenhöhe. Also alle in einer Reihe und richtig die erste Leserin Nadja Baha habe ich gekannt, denn sie hat schon einmal gelesen. Sie hat mich auch gegrüßt. Das Thema hieß “Unbewußt” aber die meisten Leser haben sich nicht daran gehalten.

Dann kam Alexander Lippmann mit einem Stück aus einem Buch, wo es um einen Alptraum ging und Lennart Levy thematisierte in seinem Text der von Stalin handelte und sich dabei, was ich ja auch gerne tue, zum “Nobelpreis” hochhantelte. Ansonsten könnte man an dem Text eine Kommunismuskritik kritisieren, das hat aber, glaube ich, niemand getan.

Maria Muhar folgte, das ist eine Debutantin, deren Buch ich vorige Woche bekommen habe, eine Sprachkunstabsolventin und sie hat vielleicht auch schon mal am Fest gelesen, denn die Szene die sie las handelte von einem Volksstimmefest im Regen und da habe ich ja einmal eines erlebt, wo sich alle unter das Dach flüchteten. Katharina Braschel hatte einen sprachlich sehr anspruchsvollen Text und Philipp Böhm, der aus Deutschland gekommen ist und im “Verbrecher-Verlag” verlegt, brachte eine Kurzgeschichte aus seinem Band und dann wurde, das ist wahrscheinlich neu am Neuen linken Wort an den hundertsten Geburtstag von Pier Paolo Pasolini erinnert, der auch ein überzeugte <kommunist war. Seine Texte wurden zweisprachig Deutsch und Italienisch gelesen und Alex Hartl hat etwas aus der Biografie erzählt.

Interessant interessant, ein paar bekannte Gesichter habe ich gesehen, die Ruth war da und Walter Famler, der die “Sichel” austeilte, Eva Brenner und dann gab es einen Rundgang und vorher habe ich noch beim Frauenstand eine Diskussion zum Frieden gehört. Da saß Bärbl Danneberg am Podium und die hat am Sonntag fünf ihrer Kolumnen gelesen, die sie in der “Volksstimme”, im “Augustin” etcetera, “Trara, Trara, der Herbst ist da”, geschrieben hat. Sama Maani, den ich, glaube ich, schon auf der “Buch-Wien” oder in der “AS”, hörte, beschäftigte sich mit der Frage, ob eine Weiße das Gedicht von Amanda Gorman Florian Neuner übersetzten darf und hat die Texte Sigmund Freuds dahingehend durchleuchtet, wie oft da Worte “bewußt- unbewußt” vorkommen.

Vorher hat noch Josefine Riecks zwei Kapitel aus ihrem Roman gelesen. Marlene Streeruwitz ist am Schluß nicht ganz in “Augenhöhe” mit Walter Baier aufgetreten, um ihr “Handbuch gegen den Krieg” zu präsentieren.

Da bin ich mit der Ruth hingegangen, die vorher bei uns zum Mittagessen war. Ilse Kilic, Fritz Widhalm, Eva Schörkhuber und noch viele andere habe ich gesehen, dann ein Runde um die Festwiese gemacht und bin nach Hause gegangen . Der Alfred ist mit den Hundertmarks inzwischen wieder nach Harland gefahren, wo sie ihr Auto stehen haben, um am Montag zurückzufahren.

Dschinns

Buch zwei der deutschen Longlist, “Dschinns” von Fatma Aydemir, das, glaube ich, schon im Februar erschienen ist und sogar in der “AS” vorgestellt wurde. Das habe ich aber versäumt und auch das Debut der 1986 in Karlsruhe geborenen Fatma Aydemir nicht gelesen. Sie hat dann einen Sammelband “Eure Heimat ist unser Albtraum” herausgegeben und mir von daher als recht aggreessiv oder aufmüpfing erschienen.

“Dschinns” ist das aber gar nicht, sondern eigentlich ein recht konventionelles und mir durchaus realistisch erscheinendes Buch, obwohl “Dschinns” die inneren Stimmen oder das Böse das in und um uns passiert und in den Häusern lauert, es eigentlich nicht ist oder doch natürlich und jeder hat wohl seine Dschinns egal ob er in Wien, Karlsruhe, Istanbul oder einem anatolischen Dorf geboren wurde.

Da ist einmal Hüsesyn, eigentlich ein Kurde, aber das durfte man in der Türkei nicht sein, ohne verfolgt zu werden, so ist er in den Sechzigerjahren wahrscheinlich nach Deutschland gegangen, um das große Geld zu verdienen. Jetzt ist er sechzig, das Buch spielt 1999, in Pension gegangen und hat sich eine Eigentumswohnung in Istanbul gekauft, um dort mit seiner Frau Emine seinen Lebensabend zu verbringen. Kaum angekommen erleidet er einen Schlaganfall und nun reist die Familie, die Frau Emine und die vier Kinder, sowie die zwei Enkel, um der Beerdigung beizuwohnen.

Das Buch ist in sechs Teilen geschrieben, eines gehört dem Vater, dann haben die Kinder Ümit, Sevda, Hakan und Perihan je eine Stimme und interessant, zwei davon kommen zu spät zum Begräbnis. Ja der Weg von Deutschland nach Istanbul ist weit und ein Flug wahrscheinlich nicht so schnell zu bekommen.

Ümit, der jüngste ist fünfzehn und wurde und das erscheint mir etwas unrealistisch von seinem Sporttrainer zu einem deutschen Therapeuten geschickt, weil er etwas mit einem Jungen hatte, damit er ihn wieder “normal” machen kann. Das ist heute wohletwas anders und Sevda, die Älteste ist Analphabetin oder nie in die Schule gegangen, weil sie bis sie zwölf oder dreizehn war, bei der Großmutter aufwuchs, bevor sie die Eltern nach Deutschland holten. Dann hat sie zwar einen Deutschkurs besucht, sollte aber gleich verheiratet werden. Beim ersten Mann weigerte sie sich. Den Zweiten hat sie genommen. Der hat sich aber als Nichtsnutz erwiesen und seine Abende in Klubs bei Freunden verbracht. So mußte sie in der Nacht als Büglerin arbeiten und die Kinder waren allein zu Haus, als dort die Rechtsradikalen ein Feuer legten. sie floh mit den Kindern zu ihren Eltern. Die schickten sie aber wieder zurück. Sie trennte sich trotzdem, übernahm eine Pizzeria und steckte dem obdachlos gewordenen Mann sogar immer etwas Geld zu.

Perihan, die jüngere Schwester schaffte ein Philosophiestudium, Hakan ist Gebrauchsautohändler und kommt zum Begräbnis zu spät, weil die Polizei ihn zu einem Drogentest zwingt. Es kommt zu einer Aussöhnung zwischen Sevda und der Mutter und am Schluß kommt es, um das Ganze auch dramatisch zu machen, zu einem Erdbeben. Ja die Dschinns lassen einen nicht aus und es hat auch noch ein anderes Kind gegeben, das Emine weggenommen wurde und sie sich nicht wehren konnte.

Der Vater wird als ambivalent geschildert, sich zu Tode arbeitend, nach außen rauh, aber die Entscheidungen hat die Mutter getroffen und die konnte auch nicht aus ihrer Haus heraus und die Dschinns zurücklassen.

Ein sehr realistisches Buch, denn ich habe lang mit einer Türkin gearbeitet, die als Vorbild der Sevda dienen könnte. Sehr spannend über die ehemaligen Gastarbeiterkinder zu erfahren, die es geschafft haben, auf Buchpreislisten stehen oder bei der TAZ arbeiten.

Viele schaffen das noch nicht so problemlos obwohl die türkischen Mädchen, wie ich im laufe meines Praxisleben erfahren konnte, auch schon aufs Gymnasium gehen, auch wenn sie die Matura vielleicht noch nicht schaffen. Ihre Töchter werden es vielleicht und ich könnte mir vorstellen oder wünschen, daß das Buch auf die shortlist kommt, obwohl ich ja bis jetzt nur ein anderes Listenbuch gelesen hat.

Eine Liebe

Einmal noch, bevor es dann wirklich ans deutsche Buchpreislesen geht, wenn ich nicht doch zur Romanrecherche “1984” nochmals lese, bin aber mit dem vorläufigen Rohtext wahrscheinlich schon fertig.

Also eine Vorschau auf die Frankfurter Buchmesse und das Gastland Spanien, das es dort gibt, den Roman, der 1976 in Sevilla geborenen Sara Mesa “Eine Liebe”, den mir “Wagenbach” wieder freundlicherweise schickte.

“Dies ist keine Liebesgeschichte oder etwa doch”, steht am Buchrücken.

“Ein Roman über gemischte Gefühle, ein Dorf auf der Suche nach einem Sündenbock und eine Frau, die auf schmerzhafte Weise in die Eigenbrödlerei findet, beuruhigend, betörend präzise und im besten Sinne merkwürdig.”

Und dann geht es um die etwa dreißigjährige Nat oder Natalie, die in ein kleines spanisches Dorf zieht, um dort ein Buch zu übersetzten. Das Haus ist verfallen, der Vermieter unfreundlich und kommt selbst monatlich die Miete zu kassieren, obwohl er sich um die Reparatueren nicht kümmert. Er bringt ihr aber einen verwilderten Hund, mit dem sie sich langsam anfreundet. Sie putzt das Haus um die Konzentration für ihre Übersetzung aufzubringen und wird von den übrigen Dorfbewohnern eigentlich freundlich aufgenommen.

Vor allem vor dem “Hippie” Piter, einem Glaser, der aber vielleicht ein bißchen besitzergreifend ist. Es gibt ein Ladenmädchen und einen Laden, eine Romafamilie, ein altes Ehepaar, eine Nachbarfamilie, die nur gelegentlich kommt und den “Deutschen”. Der ist aber eher ein Kurdensohn und baut Gemüse an.

Dann wird das Dach kaputt und muß renoviert werden. Der Vermieter, der einmal unangmeldet in ihrem Haus aufgetaucht ist, weigert sich, es zu renovieren und dann kommt der Deutsche und bietet ihr das an, wenn sie ihn nur voher “in ihn reinlässt”, weil er sehr einsam ist. Sie ist zuerst empört. Dann kommt sie in sein Haus und eine große Liebe oder eine Besessenheit zu Andreas beginnt. Eine Besessenheit wahrscheinlich, denn er ist sehr verschlossen und sie fühlt sich von den Nachbarn ausgestoßen, obwohl das wahrscheinlich nur in ihrem Kopf passiert. Piter hält zu ihr, die Nachbarin verhält sich seltsam und sie fängt Andreas zu stalken an, bis er, sehr freundlich, bei Sara Mesa ist vieles ungewöhnlich, die Beziehung beendet.

Im dritten Teil greift der Hund, während sie spazieren geht, dann die Tochter der Nachbarin an, der Vermieter versucht sie zu vergewaltigen oder droht ihr das an, sie spricht sich mit Andreas aus, bevor es ihr gelingt in den Nachbarort zu ziehen und Piter sich weiter um sie zu kümmern scheint.

Eine metatphernreiche Novelle würde ich sagen, die zum Nachdenken über das Leben zwingt. Denn eigentlich wäre ja alles sehr einfach und man könnte auch mit der Liebe viel unkomplizierter umgehen. Er will Sex von ihr, sie braucht seine Hilfe, aber Pitar oder ein anderer Handwerker hätten ihr das Dach wahrscheinlich auch renoviert.

“Sara Mesa verzichtet auf den Luxus des Details, ihre Sprache besticht durch Knappheit: prägnant entwirft sie eine unheimliche Welt hinter glasigem Dunst – mit doppelten Böden, unscharfen Grenzen und moralischen Grauzonen”, steht noch am Klappentext.

Mit dem Besuch aus Leipzig zur Wannseekonferenz

Dieses Wochenende haben wir wieder Besuch aus Leipzig, das heißt die Ute und der Andreas, bei den wir immer während der Buchmesse gewohnt haben, sind wieder nach Wien gekommen. Das heißt eigentllich am Dienstag nach Harland und heute nach Wien, wo sie bis Montag bleiben werden und der Alfred hat sich vor einem Jahr extra deshalb ein Sofa machen lassen, damit sie übernachten können.

Ich bin ja schon am Montag wieder nach Wien gefahren, um meine Stunden und die Monatsabrechung zu machen und ab heute gibt es wieder ein literarisches Programm.

Die Programm von der “Alten Schmiede”, Literaturhaus und “Gesellschaft”, die nächste oder übernächste Woche beginnen, sind gekommen. Am Wochenende gibt es des Volksstimmefest, auf dem ich nicht lesen wird und die Sommerlesereihe des Gasthaus Sittl gab es auch, aber da sind wir diesen Sommer nicht gewesen.

Aber am ersten September ist der Antikriegstag und da gibt es immer eine Veranstaltung des ersten Wiener Lesetheaters und da bin ich einmal mit Ottwald John auf den Spuren von Berta von Suttner durch Wien gegangen und heute gab es Aufführung im “Arche Theater”, wo auch immer der “Literarische Lenz” stattfindet, des Theaterstücks Film des 1930 geborenen Paul Mommertz über die “Wannseekonzerenz”, denn da haben sich ja im Jänner 1940 Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann mit Vertretern der nationalsozialistischen Regierung und einer Sekretärin getroffen, um die Endlösung der Judenfrage zu besprechen und Paul Mommertz hat offenbar das Stück oder den Film aus dem Jahr 1984 aus den damaligen Protokollen zusammengestellt.

Susanna C. Schwarz Aschner hat die Aufführung gestaltet und die Rolle der Sekretärin übernommen. Die Bilder der damaligen Atkteuren waren im Theaterfoyer aufgehängt.

Die Ruth habe ich gesehen, Werner Grüner und meine Hauptschulfreundin Christa U, die ich heuer bei den O-Tönen vermisst haben, waren im <Publikum.

Claudius Kölz, Christian Katt, Martin Auer und der Theaterleiter Jakub Kavin haben unter anderen schwarzgekleidet die Rollen gelesen. Zuerst gab es ein Interview mit Adolf Eichmann, dann sind die zwölf Akteure aufgetreten und haben das Protokoll vergesen. Dazwischen wurde bei der Konferenz offenbar Kognac getrunken und ein Imbiß eingenommen.

Ein sehr bedrückendes Stück anlässlich des achtzigsten Jahrestages zur Wannseekonerenz von der ich in der Schule hörte. Das Stück und den Autor aber nicht gekannt habe und wieder daran erinnern kann, daß an den Friedensbemühungen, auch wenn man das heute vielleicht ein wenig anders sieht, nicht zu rütteln ist.