Pfingstmontag im öffentlichen Raum

Heute haben wir wieder den öffentlichen Raum erschrieben, denn da gibt es auf dem Plan, den die KÖR herausgegeben hat, ja noch einiges zu erforschen, waren wir ja erst an fünf Plätzen und so habe ich mich zu Mittag mit der Ruth im “Wienerwald” bei der Bellaria getroffen, weil ich da Gutscheine für verbilligte Schnitzel hatte und haben die heutige Route festgelegt.

“Die Gerngrosssäule”, die der Aktionskünstler Franz West, der 2012 gestorben ist, in der Rahlgasse bei der Stiege errichtete, haben wir schon vorige Montag beschreiben wollen, dann ist sich das aber, weil eine fünf Unhr Stunde, nicht ausgegangen.

Also nichts wie hin und dieses Kunstwerk, das ich dem Namen nach, dem Kaufhaus Gerngross, das es ja auf der Mariahilferstraße gibt, zuordnete, unterschied sich von einigen andere, die wir bisher besuchten, von seiner Ästhetik, denn eigentlich ware diese weißé Säule, obwohl sie aus Müllbehältern zusammengebastelt war, sehr schön und auch eher konventionell anzusehen.

Oben droben thronte ein quergestelltes Ei mit der verkehrten Aufschrift “Gerngross”, keine Ahnung was das bedeutet, dagegen stand im Plan vermerkt, daß es nicht dem Kaufhaus, sondern dem Ausstrellungsmacher, Architekten und Publizisten Hidulf Gerngross, von dem ich noch etwas gehört habe, gewidmet ist und das fand ich interessant und dann wollte, die Ruth noch etwas zum Faschismus machen und da gibt es ja in der Brandmayergasse, ganz in meiner Nähe, auf einem Gemeindebau ein Wandbild aus der NS-Zeit, das, wie ich in den Bezirkszeitungen lesen konnte, für einigen Aufruhr sorgte. Denn es hat im Gegensatz zum tausendjährigen Reich, die NS-Zeit überlebt und so prangte noch lange nach dem Krieg auf dem Haus, das Bild mit dem blonden bläuäugigen Mann, seiner ebensolchen Frau, die einen Säugling in ihren Armen hält, während sich drei Kinder, zwei blonde Mädchen und ein Hitlerjunge mit der NS-Fahne mit dem Hakenkreuz an ihrem Rocksaum klammern.

NS-Idylle des Familienlebens. Das Hakenkreuz hat man entfernt, die Idylle lange gelassen und dann gab es eine Diskussion.

Was macht man mit unerwünschter, weil nicht ideologiefreier Kunst? Entfernen, verbrennen, hinunterhauen, wie die unerwünschten Bücher 1933 in den deutschen Städten. Die Künstlerin Ulrike Lienbacher hat eine Glasscheibe darauf angebracht und mit verkehrter Schrift, das Wort “Idylle” darauf geschrieben.

Ich hätte das Bild  so gelassen und unten eine Tafel angebracht: “Wir distanzieren uns von Nationalismus und Faschismus und gedenken der Opfer im dritten Reich!”

Aber so ist ein neues Kunstwer daraus entstanden, das wir zuerst gar nicht fanden, weil die Ruth gleich in den Gemeindebau hineinstrebte, es ist aber an der Ecke angebracht. Ein kleiner Bub hat es uns dann freundlich gezeigt.

Dann gab es noch etwas zu entdecken, , nämlich die Synagogge oder den Tempel, den es bis 1938 in der Turnergasse im fünzehnten Gemeindebezirk gegeben hat.

Das heißt, nein, entdecken kann man den nicht mehr, wurde er doch in der Reichskristallnacht zerstört und abgebrannt. Das Künstlerduo Iris Andraschek und Hubert Lobnig hat einen Erinnerungsort daraus gemacht, in dem es an dem Platz, wo er einstmals  stand, schwarze Betonbalken zwischen ieben Bäumen anbrachteund dazu noch ein paar Mosaike setzte, die Motive mit Früchten und Plfanzen aus der Torah zeigen.

So weit so gut und sicherlich interessant, der 2011 errichtete Erinnerungsort. Nur heute ist der Platz und das Mahnmal ziemlich heruntergekommen. Der Müllkübel in der Ecke neben der Tafel, wo es Bilder von der ehemaligen Synagoge zu sehengibt, überfüllt und stinkig, überall Papierln, Bier- und Getränkedosen, Müll und die Mosaike verblasst, die Balken ausgebleicht.

So etwas ist, glaube ich, eher eine Schande, als ein Mahnmal, aber sicher interessant, daß es das, im fünfzehnten Bezirk, wo kaum Touristen hinkommen, zu sehen ist.

Dann war es fünf vorbei und wir sehr durstig. So wollten wir am Gürtel etwas trinken, erwischten da, was wohl auch ein Zeichen der Zeit ist, ein arabisches Lokal, wo uns die jungen Männer nicht verstanden, vielleicht auch ihre Schwierigkeiten mit zwei Frauen hatten und uns zwar zwei Gläser Wasser, aber nicht die bestellten Fruchtsäfte brachten.

Und was auch den öffentlichen Raum betrifft, im “Wortschatz” gab es heute tolle Bücher. So habe ich dort Haruki Murakamis “Pilgerfahrt des farblosen Herrn Tazakii”,Ayelet Gundar-Goshen “Eine Nacht Markowitz”, David Safiers “28lange Tage, sowie Amoz Oz “Judas” dort gefunden, was ja eigentlich auch gut zum Thema passt.

Broken German

Weiter geht es mit den Geburtstagsbüchern und diesmal ist es eines, das polarisieren könnte, nämlich Tomer Gardis “Broken German” mit dem er im Vorjahr beim “Bachmannpreis” gelesen hat und bei “Amazon” gibt es gleich drei “Ein-Stern-Rezensionen”:Unglaublich schlecht. Definitiv nicht empfehlenswert, zumindest für Leute mit Anspruch auf gute deutsche Literatur, welche nicht in einem Satz gleich mal 10 Rechtschreibfehler hat”, steht da geschrieben und am Buchrücken steht “Eine erfrischende Antwort auf die “German Kulturangst” vor der Überfremdung – für alle, die Lust auf Grenzüberschreibtung und Regelbrüche haben.”

Ja wir leben in bewegten Zeiten, wo sich viel, aber nicht alles verändert, denn daß die Leute sehr happig sind, wenn einmal die Orthographie nicht ganz stimmt und die alte statt der neuen Rechtschreibordnung verwendet wird, kann ich bei meinen Kommentaren merken, dabei habe ich kein gebrochenes, sondern wahrscheinlich ein Hauptschuldeutsch, mit dem ich mich, aufmüpfing wie ich einmal bin, wehre mich den Regeln und den sogenannten Rechtschreibordnungen anzupassen.

Andererseits kann man ja schon in Hochschulvorträgen Sätze hören, wo das German mit dem  Englisch sehr vermischt ist, wir gehen shoppen, schreiben mails etecetera, brauchen, da viele Kinder in der Schule nicht richtig Lesen lernen, eine leichte Sprache und die Kinder, die in mehreren Sprachen aufwachsen, verwenden wahrscheinlich sehr selbstbewußt ein Sprachgemisch und ich war auch einmal in Bozen und hörte einer Frau beim Reden zu, wie sie sehr selbstverständlich mitten im Satz das Deutsch ins Italienische kippte, weil ja zweisprachig aufgewachsen und beides  die Mutter oder Vatersprache, wie das so schön heißt, ist.

Aber eigentlich geht es auch, um die Flüchtlingsströme, die polarisieren und die “Gutmenschen” und “Multikultis” dann vielleicht auch einmal aus Trotz dazu veranlaßen, Leute zum “Bachmannpreis” einzuladen, die vielleicht wirklich oder auch nur konstruiert, ein  broken German haben.

Bei dem 1974 in Israel geborenen Tomer Gardi, der sowohl in Tel Aviv, als auch in Berlin Literatur studierte, bin ich mir gar nicht so sicher, wie gebrochen er wirklich Deutsch spricht.

Er war jedenfalls Stipendiat in Graz und hat da, glaube ich, das bei “Droschl” erschienene Buch geschrieben. Klaus Kastberger hat ihn nach Klagenfurt eingeladen und ich habe das Buch gelesen und muß schreiben, ich habe mir beim Lesen auch ein wenig schwer getan, all das zu verstehen, ist man das fehlerfrei korrigierte Hochdeutsh ja gewähnt und erwartet es wahrscheinlich auch und ich kriege ja auch manchmal Kommentare, daß ich zu unverständlich bin.

Ein Roman oder eigentlich ist es eine Kurzgeschichtensammlung, die mit der Sprache, der Geschichte und noch mit vielen anderen spielt, um Kafka und Goethe, Nabokov und die Herren der Akademie geht es auch und die Leichen, die man im jüdischen Museum findet und Koffer, die am Flughafen vertauscht werden und auch die Protagonisten werden das ständig, taucht doch Tomer Gardi himself auf, sitzt in Graz und schreibt sein “Broken German”, dann sind wir in Berlin und im jüdischen Museum.

Es geht, um ein nur scheinbar vergrabenes Messer und den Film der darüber gedreht werden soll. Aber eigentlich wurde das ja gar nicht vergraben, sondern von der Flughafenpolizei abgenommen, weil man damit ja in kein Flugzeug  darf und sowas habe ich 1991 in Japan auch tatsächlich erlebt, daß eine alte Dame, ein solches in ihrem Koffer hatte und auch Brot und Konserven, weil sie sich in den zehn Tagen Japanaufenthalt vorwiegend durch Mitgebrachtes ernähren wollte. Das war noch lange vor nine elefen, also auch da kein großes Tamtam und ich bin ja eine, die sehr tolerant ist und die Frage was gute Literatur ist noch immer nicht beantwortet hat.

Das heißt, ich glaube, es gibt eigentlich keine besondere und alle ist gut, die ehrlich und authentisch ist und eigentlich ist es ja auch nicht wirklich sehr verständlich, warum man keine Rechtschreibfehler haben darf, aber sehr wohl Mäuse in heißes Fett tauchen, wenn man ein Stipendium haben will.

Ich denke, daß alle Leute schreiben sollen, die das wollen, daß man dafür keine Matura und auch keine Hochschulbildung braucht und, daß sich die Sprache natürlich verändert wird, wenn die jungen Autoren Türkisch als Muttersprache haben,  Serbisch oder Albanisch, etcetera.

In dem Buch geht es sicher auch um Politik und ich wäre sehr gespannt, was mein Kritiker Uli dazu sagen würde, oder lieber nicht, denn, daß dem das auch nicht sehr gefallen könnte, daß da einer herkommt und mit der Sprache mehr oder weniger mutwillig spielt, aus dem “Goethe Institut” eines für Kafka machen will und ständig den Herren der Akademie von seinem Besuchen im jüdischen Museum und den Leichen, die er dort gefunden hat erzählt, kann ich mir vorstellen

Wahrscheinlich eine Einbahnstraße der Literatur und ein Experiment, daß da Klaus Kastberger und “Droschl”, der ja als er noch dem Vater gehörte,  ein sehr sehr experimenteller Verlag gewesen ist und heute einer dessen Bücher man regelmäßig auf den dBp-Listen kann, wagten.

Der gebildete Durchschnittsleser wird sich wahrscheinlich schwer mit solchen Büchern tut, und “Kann der kein Deutsch?”, schreien, aber das tut Tomer Gardi ja auch und schreibt mehrmals “Wie heißt das jetzt auf Deutsch?” oder “Was für Sprache redet ihr da? Was wir reden ist Deiutsch, sagt er. Was ihr da redet ist kein Deutsch. Die drei wollen uuns, sagt er zu seine Freude, die drei wollen uns anscheint verarschen”.

Das vielleicht auch und mich würde wirklich interessieren, wie echt oder konstruiert dieser Text, den ich für sehr wichtig, gerade in Zeiten wie diesen halte und ihn auch interessant zu lesen fand, ist und die Sprache wird sich und hat sich natürlich verändert.

Vor hundert Jahren haben die böhmischen Köchinnen in den Wiener und wahrscheinlich auch Berliner Herrschaftshaushalten “Kucheldeutsch” gesprochen, in den Kabaretts wurde geböhmakelt und gejiddelt und sich lustig darüber gemacht.

Das mag ich wahrscheinlich genauso wenig, wie die Tschechen, wenn es um das böhmakeln des Joseph Schwejk geht, der das in Prag sicherlich nicht gemacht hat, weil seine Muttersprache ja Tschechisch nicht Dutsch war und heute reden wirm je gebildeter wir sind, alle selbstverständlich “denglisch”, wollen aber bestes Hochdeutsch oder vielleicht auch etwas Experimentelles lesen und wenn etwas einfach und linear geschrieben ist, dann ist es keine gute Literatur. Fehler darf es natürlich auch keine haben, aber dafür gibt in den Publikumsverlagen, ja die Lektoren, sofern diese in Zeiten, wie diese noch existieren, die sie ausmerzen sollen.

Ein spannendes Stück Literatur also mit der wir über uns, über die politische und gesellschaftliche Situaton nachzudenken und vielleicht auch mehr Toleranz einzufordern können.

Aber beim “Bachmannpreis” und noch viel mehr beim “Bloggerbusterpreis” wird natürlich nach wie vor ausgewählt und Tomer Gardi konnte, da Graz-Stipendiat in Klagenfurt lesen und bei “Droschl” erscheinen, wenn der sein Manuskript aber einfach so und ohne Erklärung zu den Bloggern geschickt hätte, währe er höchstwahrscheinlich nicht in die Longlist gekommen, denke ich, bin gespannt, was weiter in der Sprache und in der Literatur passiert und freue mich in diesem Sinn schon auf den nächsten “Bachmannpreis”, der ja demnächst stattfinden wird.