Ruth Aspöcks poetischer Diskurs

Die 1947 geborene Ruth Aspöck, Feministin und Kleinverlegerin, die ich irgendwann nach meiner Arbeitskreiszeit kennengelernt habe, hat ein neues Buch geschrieben.

Sie ist ja, seit sie 2007 mit der Dichterradkarawane von Wien nach Bamberg ihren Verlag “Die Donau hinunter” aufgegeben hat und in Pension gegangen ist, sehr aktiv, so daß schon vier Bücher bei “Löcker” inzwischen erschienen sind.

Die Tagebücher oder die “Langweilige Blindschleiche”, die “Reisen mit Grillparzer”, “Der Krieg nach dem Frieden”, das “Adria Buch” über eine bosnische Flüchtlingsfrau, die sie in der Kantine, wo sie essen geht, kennenlernte und jetzt “Die alte Dichterin, die Literatur und die Kunst”, woraus sie, glaube ich, schon bei den “Volksstimmefesten” gelesen hat und jetzt im “Rebubulikanischen Club” vorstellte.

Viele Bekannte im Publikum, Elfriede Haslehner, Erika Brunngraber, Irene Wondratsch, Karin Ivancsisc und und und…

Ruth sagte in der Einleitung, daß sich dieses Buch im Gegensatz zu ihren anderen Büchern an das literiasch interessierte Fachpublikum wendet und eine Frau, eine Schriftstellerin namens Elisabeth Schwarz, rechnet mit ihrem Leben und dem Literaturbetrieb sozusagen ab.

Da stellt sich natürlich wieder die Frage der Autobiografie, denn diese Frau hatte einmal einen Kleinverlag an dem viele junge Dichter hoffnungsvoll ihre Mansukripte schickte, sie hat auch  ein Semester in Madrid studiert und eine Zeitlang in Kuba gelebt und ein Haus am Land hat sie auch, aus dem sie ihre Bibliothek hinausräumen muß und da fallen ihr zwei Bücher in die Hände, eines von Jean Paul Satre, das, glaube ich “Was ist Literatur” heißt, ein Essay und dann den “Lexikonroman” von Andreas Okupenko.

Daran knüpfen sich viele philosophische Überlegungen an und Elfriede Haslehners Dissertation spielt daran auch eine Rolle beziehungsweise wurde sie zitiert.

Der Verlag wünschte, daß “Roman” auf dem Buch, das übrigens eine sehr ästhetische Umschlaggestaltung hat, oben steht und die Ruth las sich eine Stunde durch das Buch, dann gab es noch eine Diskussion, die Andreas Okupenko, auf dessen Begräbnis ich ja 2010 war, erinnerte.

Ottwald John der auch im Publikum war, gab davon einige Inspirationen, ich kann mich erinnern, daß es an diesem Sommertag so heiß war, daß ich die Aufbahrungshalle verlassen mußte, weil ich das Gefühl hatte, sonst umzufallen und daß ich auf dem Grinzinger Friedhof auch lange das Bernhard Grab suchte und nicht gefunden habe.

Im Anschluß gab es wieder Wein, beziehungsweise konnte man sich diesen auch schon vorher holen, sowie Gespräche und die Ruth ist ja sehr aktiv, denn sie hat schon nächste Woche im Republikanischen Club wieder eine Veranstaltung zum Thema “Politik & Poesie”, die Ditha Brinckwell veranstaltet, die mich einmal auch zu einer solchen einladen wollte und es dann doch nicht tat.

Da lag jetzt schon ein Lesehaft auf und beim Grillparzer-Symposium, das am Donnerstag und Freitag im Literaturmuseum stattfinden wird, wird die Ruth auch einen Vortrag halten.

Dann veranstaltet sie noch den kulturpolitischen Arbeitskreis im Rahmen der GAV-GV am Freitag Nachmittag und das Buch hat sie mir zum Rezensieren auch zur Verfügung gestellt.

Das wird zwar noch eine Weile dauern, bis ich dazu komme, bin ich ja derzeit noch sehr eifrig beim östereichischen Buch und Debutpreis lesen, aber irgendwann komme ich sicher dazu und nächstes Jahr zum siebzigsten Geburtstag wollen wir mit ihr auch eine Runde um den Bodensee fahren.

Die Annäherung

Nach der Vergabe des deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff geht es mit der österreichischen Liste und dem dritten Longlistbuch, sowie dem ersten, das auf der Shortlist steht, weiter.

Aus Anna Mitgutschs “Annäherung” habe ich schon in der “Alten Schmiede” ein Stückchen gehört und die 1948 geborene war mir schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren, als ich zu schreiben begonnen habe und mich auch im Arbeitskreis schreibender Frauen literarisch sozialisierte, ein Begriff. Sie war oder ist auch Vizepräsidentin der IG Autoren und ich habe einige ihrer Bücher, auch die literaurwisschenschaftlichen gelesen.

“Die Annäherung” ist ein interessantes Buch, über vierhunderseiten dick, könnte man so sagen, auch wenn auf dem ersten Blick vielleicht nicht so viel passiert und es auch keine sprachlichen Experimente gibt.

Es gibt auch nicht so viel Neues, was hier beschrieben wird, sondern eine Familiengeschichte, die wahrscheinlich jeder in irgendeiner Form erlebt und die über Sechzigjährigen werden auch, wie ich, Väter haben, die ihnen ihre Kriegstagebücher, sowie ihre Fotoalben mit lachenden jungen Wehrmachtssoldaten hinterlassen haben.

Das Buch wird in zwei Perspektiven aus der, des siebenundneunzigjährigen Theos, in “Er- Form” und dann aus der in “Ich Form” seiner Tochter Frieda erzählt.

Die beiden hatten es nicht leicht miteinander und sie nähern sich auch nicht wirklich an, da gibt es zuviel was sie hindert, hemmt, sprachlos macht, etcetera.

Es wird in einem Jahr erzählt, beginnt mit dem Winter, wo der Sechundneunzigjährige einen Schlagerfall erleidet und endet dann im nächsten Winter mit seinem Tod.

Inzwischen wird viel, ein ganzes Leben einer ganzen Famalie, Kinder, Enkelkinder, Cousinen, geschiedene Ehemänner, gestorbene Frauen, erzählt.

Theo ist und das unterscheidet ihn von anderen Protagonisten anderer Romane, kein intellektueller, sondern ein Gärtner, ein sprachloser Bauernsohn, der in den Krieg geschickt wurde.

Die erste Frau Wilma ist gestorben, ein Jahr später freundet er sich sehr zum Mißfallen seiner pubertierenden Tochter mit Berta an, heiratet sie und schickt Frieda, um seine Ehe zu retten noch vor ihrem achtzehnten Geburtstag aus dem Haus.

Denn Theo ist ein passiver Typ, ordnet sich Berta unter. Frieda studiert Geschichte und fragt den Vater, wenn sie ihn heimlich trifft, öfter, die berühmte Frage, die ich meinem, glaube ich gar nicht so sehr stellte, “Was hast du im Krieg getan?” und es kommt nicht sehr viel heraus, als Scham, Schweigen, Reue.

Friedas Sohn Fabian ist Theo näher gestanden, der hatte aber mit dreißig seinen Unfall, der Enkel bzw. Urenkel verschwindet mit seiner Mutter, so ist Frieda, die noch eine Tochter hat, allein und im ersten Winter, als Theo gehbehindert aus dem Spital zurückkommt, hat auch Berta, die zwar siebzehn Jahre jünger ist, einen Schwächeanfall, muß ins Spital und es bleibt ihr nichts anderes über, als die Tochter anhzurufen, damit sie sich, um den Vater kümmert.

Später kommt Ludmila aus der Ukraine, als illegale vierundzwanzig Stunden Betreuerin, in die sich der alte Theo verliebt, das erscheint mir ein wenig kitschig, kann aber vielleicht so sein. Beim siebenundneunzigjährigen Geburtstagsfest wird Berta jedenfallls auf sie eifersüchtig und schmeißt sie hinaus, so daß Theo, die Stunde abwarten muß, bis Berta mit der neuen Pflegerin in der Stadt ist, um die Tochter zu sich zu rufen, ihr ein Sparbuch, ein Päckchen und sein Kriegstagebuch mit der Bitte zu übergeben, zu Ludmila zu fahren und ihr das zu bringen.

Das Tagebuch ist für Frieda, als Belohnung sozusagen und sie fährt damit mit einem jüdischen Freund zu dem sie eine Fernbeziehung hat, auch los, nach Krakau, Lemberg Czernowitz, an den erstern zwei Orten war ich auch schon mal, sucht nach jüdischen Spuren, die sie nicht findet, liest das Tagebuch, stößt dort auch auf Lücken und die letzten Fragen werden nicht, können das vielleicht gar nicht mehr, beantwortet.

Ludmila ist ebenfalls schweigsam und abweisend, als sie sie endlich erreichen. Sie heiratet gerade, kommt also nicht zurück und Frieda kann ohnehin nur mehr einem schwerhörigen alten Mann, der sie kaum erkennt, diese Nachricht überbringen.

Ein interessantes Buch über die Geschichte der letzten hundert Jahre, nicht das erste zu diesem Thema, ich erinnere an den Film “Sibirien” von Felix Mitterer mit Fritz Muliar.

Beeindruckender, als das mit den Kriegstagebüchern war deshalb für mich auch das Seniler- und Schwächerwerden des alten Mannes, etwas was mich naturgemäß sehr interessiert und ich es sehr interessant und vielleicht auch neu fand, wie sich Anna Mitgutsch diesem Thema was ja auch sehr schmerzliches ist, was gerne verdrängt wird, annähert.

Ein interessantes Buch also und sehr zum Lesen zu empfehlen und daran schließt sich  wahrscheinlich fast nahtlos ein weiteres öst. Shortlist-Buch, nämlich Peter Henischs “Suchbild mit Katze”, das glaube ich. in das zerbomte Nachkriegswien führt. Aber das müßte ich erst bekommen, so daß ich mit Peter Waterhouse “Auswandernden” weitermachen werde.