Anna Mitgutschs neues Buch

Nachdem mein sechs Uhr Klient heute etwas früher gekommen ist, ist es sich doch für dien Besuch in der “Alten Schmiede” ausgegangen, wo es wieder eine ” Lesart – beziehungsweise das zweiundachtzigste Autorinnenprojekt” gab und  Angelika Reitzer Anna Mitgutschs zehnten Roman “Die Annäherung” vorstellte und dabei auf die zwei zuletzt erschienenen Essaybände der Autorin hinwies, die ich beide gelesen habe.

Die 1948 in Linz geborene Autorin, die glaube ich auch Vizepräsidentin der IG-Autoren ist, kenne ich seit den Siebzigerjahren und dem Erscheinen ihrer frühen Bücher die “Ausgrenzung” und die “Züchtigung”.

Hilde Schmölzer hat von ihr auch ein Portrait in ihrem “Frau sein und Schreiben Buch”, das ich ja im “Arbeitskreis schreibender Frauen” kennenlernte.

Einige ihrer Romane habe ich gelesen und ihren “Mobby Dick-Roman” mir auch auf unserer vorjährigen Donauradreise beim “Thalia Ausverkauf” in Ulm gekauft.

Eine interessante Autorin, die “Das Haus der Kindheit”, das glaube ich, mal bei den Grundbüchern war und “Familienfest” geschrieben hat und jetzt einen Roman wie Angelika Reitzer in ihrer Einleitung erwähnte, wo es, irgendwie auch naheliegend, bei einer 1948 geborenen, um das Älterwerden, Schuld und auch wieder  um Familiengeschichten geht.

Da gibt es den sechsundneunzigjährigen Theo, in auktorialer Perspektive geschrieben und seine Tochter Frieda, die in  Ich-Form erzählt.

Der Sechsundneunzigjährige, der sich von seiner Tochter als sie achtzehn wurde, trennte, weil sie mit seiner zweiten Frau nicht zurechtgekommen ist, erleidet einen Schlaganfall.

Da begegnen sich Tochter und Vater im Krankenhaus wieder und versuchen sich vorsichtig anzunähern.

Das ist eine Stelle, die Anna Mitgutsch gelesen hat, dann kommt Ludmilla, eine ukrainische Pflegerin, im Enkeltochteralter ins Haus, die sich dem alten Mann, während sie ihnm wäscht und pflegt, auch vorsichtig annähert und eine solche Annäherung zu seiner Tochter ist auch, daß Theo ihr sein Kriegstagebuch, er war bei der Wehrmacht und die Tochter weiß nun nicht, hat er im Krieg Schuld auf sich geladen oder nicht, schenkt, das sie mißtrauisch und auf der Suche nach seiner Schuld oder Unschuld durchforstet und mit ihrem Freund dann auch in die Ukraine fährt, um der Vergangenheit ihrers Vaters auf die Spur zu kommen.

Der Roman spielt hat Angelika noch erzählt, in  den verschiednenen Jahreszeiten, von Frühling bis Frühling wenn ich mich nicht irre, weil Theo auch ein leidenschaftlicher Gärtner war und nun dem Ende seines Lebens entgegengeht.

In der Diskussion hat Angelika Reitzer, die Autorin  gefragt, ob sie Kriegstagebücher hat, die sie dafür verwendete, Anna Mitgutsch hat, glaube ich, geantwortet, daß es ja schon inzwischen sehr viele Bücher gibt, die sich mit diesen Thema beschäftigen und, daß die Achtundsechzigergeneration, der sie auch entstammt, damals nur Schuld und Unschuld kannte und keine Differenzierungen zuließ.

Da ist mir eingefallen, die ich  auch zwei Fotoalben meines Vater von seiner Wehrmachtzeit, er wurde, wie alle Männer damals, eingezogen, besitze,  mir eigentlich nicht einfallen würde, diese Alben mißtrauisch zu durchsuchen.

Aber mein Vater war ein aktiver Sozialist, obwohl auch er damals nicht sehr viel erzählte und fragen kann ich ihn nicht mehr, ist er ja schon gestorben und das wurde  auch in der Diskussion thematisiert, daß die Leute damals nicht sehr viel aus ihrer Schuld oder auch aus ihrer Traumatisierung heraus über ihre Erlebnisse gesprochen haben, so daß man heute nur mehr rätseln, wie damals gewesen ist oder sich verteidigen, beziehungsweise rechtfertigen kann.

Schade, daß sich die Anna Mitgutsch, vielleicht aus schlechter Erfahrung, auf eine diesbezügliche Diskussion nicht einlassen wollte und sich auf die Literatur zurückzog.

Es ist aber natürlich ein heikles Thema, wie sie sagte, weil es eine ganze Generation betrifft, die sich fragen mußte, ob sie die Kinder von Mördern sind und sicher auch ein interessantes Buch vom Älterwerden eines Mannes und seiner Pflegebedürftigkeit, das uns  auch alle irgendwie betrifft.

Stahl und Glas

Jetzt kommt der Erzählband, der jüngste Autorin, der “Edition Taschenspiel”, der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak, die in Wien Slawistik und Judaistik studiert oder studiere und 2013 den “Fm4-Preis” gewonnen hat.

Das habe ich aus dem Netz, denn in dem zweiundfünfzig Seiten starken Bändchen gibt es leider, was ich sehr sehr schade finde und auch die Qualität der Reihe meiner Meinung nach, vermindet, weder biografische Angaben, noch einen Beschreibungstext am Buchrücken.

Dabei wendet sich die Reihe doch an den eiligen Leser und will ihm die österreichische Gegenwartsliteratur nahebringen und, ob der sich die Zeit nimmt, bei Google nachzuschauen, was man dort über Irene Diwiak oder die anderen “Taschenspiel-Autoren” findet?

Inzwischen ist das, glaube ich, auch allgemein üblich, bei den “Büchergilde-Gutenberg-Ausgaben” im Bücherkasten meiner Eltern hat es mir sehr gefehlt und Ulrich Becher habe ich deshalb einmal sogar abgebrochen. Inzwischen gibt es von “Kurz nach 4”  aber eine Neuausgabe und die hat eine sehr ausführliche Autorenbiografie.

Aber zurück zu “Stahl und Glas”, “Zwei Erzählungen über den Kommunismus und John Lennon” und Lieselotte Salzer, die Verlagsleiterin, hat am Dienstag bei der Verlagsvorstellung in der “Gesellschaft für Literatur”, die flotte Sprache der jungen Autorin ausdrücklich hervorgehoben.

Die ist vielleicht nicht ganz so jugendlich hart, wie die von Ekaterina Heider oder so sprachkünstlerisch, wie die von Valerie Fritsch, aber sehr eindrücklich und, um die Gesellschaft und ihre Veränderungen scheint es dabei auch zu gehen.

Der Kommunismus ist wahrscheinlich in beiden Geschichten schon vorbei und das deckt sich auch mit Irene Diwiaks Biografie, in “John Lennon kauft Brot am Roten Platz” geht es, glaube ich, aber in die Vergangenheit und in die Zeit, wo es die SU noch gegeben hat.

Gehen da doch Gregor, der einmal Gregorij gehießen hat und Valentin in Moskau spazieren und der Erste beginnt den Zweiten, einen Band-Leader oder Plattenproduzenten, nach  Mersey zu fragen. Aber die heißt jetzt wieder Marija, hat einen Oligarchen geheiratet und geht, nachdem ihr Gesicht durch eine Schönheits-OP verpfuscht wurde, nicht mehr aus dem Haus.

Die Beiden gehen zu ihr hin, bestechen den Portier und lassen sich vom chinesischen Hausmädchen zu ihr führen, um von den alten Zeiten, den Beatles,  den Rollingstones und, was immer zu sprechen.

In “Working  Class Heroes” wird es noch direkter. Da spricht die Ich-Erzählerin, ein Mädchen, findet man nach und nach heraus, von ihrer Beziehung zu Daniel, der so stolz darauf ist, sich seine Schwielen an den Fingern, nicht nur durch Gitarrespielen geholt zu haben und einen roten Stern läßt er sich später auch eintätowieren. Seine Mutter, eine Ärztin, hätte zwar viel lieber, daß ihr Sohn Klavier spielen würde, aber der hat die philosophische Krise oder das Klassenbewußtsein und schreibt so auch in einem Schulaufsatz, daß er ” Weihnachten hasste, dass er Geschenke verabscheute, dass alles nur eine Erfindung der Kapitalisten wäre, die uns mit Konsumgütern berauscht halten wollten, während anderswo die Leute verhungern”.- “Liebe ist kapitalistisch” steht in der anderen Geschichte.

Die Mutter ist  alleinerziehende Ärztin, mit Namen Beatrice, die nicht “Trixi” genannt werden will, während, die der Erzählerin Ursula heißt und Krankenschwester war und seit sie arbeitslos ist, im Dachkammerl bei den Weihnachtsdekorationen bei Beatrice und Daniel wohnen darf.

Später schmeißt sie sie heraus, weil sie herausfindet, daß Ursula eine Geldbörse gestohlen hat und die Erzählerin muß das Gym, das sie mit Daniel besuchte auch verlassen und auf eine Gesamtschule gehen. Später findet sie Arbeit in einem Archiv und trifft dort Daniel, der  Chemie studieren wird, bei einem Ferienjob wieder, den er aber hinschmeißt, obwohl er doch so darauf steht, mit der richtigen Arbeit in Berührung zu kommen.

Nun ja, er wird aufsteigen und Karriere machen, während Ursula, die dann Arbeit in einer Putzerei gefunden hat, wo ihre Hände rot von all den Laugen wurden,  sie sich zu Tode hustete und einen Ausschlag bekam, an einem Gehirnschlag, der wie der Arz erleichtertfeststellt, nichts mit den Chemikalien zu tun hat, sterben wird.

So ist es im Kapitalismus und  den globalisierten Zeiten, in denen Irene Diwiak, seit es den Kommunismus und die SU nicht mehr gibt, aufgewachsen ist, ist das noch viel viel ärger mit den Arbeitsbedingungen und den sozialen Unterschieden geworden und wenn Irene Diwiaks  Texte darüber wahrscheinlich nicht wirklich viel verändern werden, kann man doch darüber nachdenken und hat eine neue österreichische Stimme kennengelernt und so bin ich  auch  sehr gespannt mehr über diese Autorin “unter Dreißig” zu erfahren, die, wie ich dem Netz weiter entnehme, inzwischen ein “Start-Stipendium” bekommen hat und ihren ersten Roman schreibt.

Noch ein Verlagsportrait

Man sollte es nicht glauben, die Verlage schießen wie die Schwammerln aus dem Boden und da klage ich doch immer, daß ich keinen finde.

Gestern die “Wortreich-Verlagsvorstellung” im “Thalia” mit drei mir mehr oder weniger bekannten GAV-Autoren und Kollegen.

Heute stellte sich die “Edition Taschenspiel” in der “Gesellschaft für Literatur” vor.

Karin Ballauf, mir bekannt vom “Milena-Verlag”, der nicht mehr “Frauenverlag” heißt und inzwischen auch Männer verlegt, ist da die Lektorin, beziehungsweise hat sie den Band von prezzemola lektoriert.

Lieselotte Stalzer ist die Verlagsleiterin und wurde von Ursula Ebel vorgestellt, eine Buchhändlerin in der Nähe vom Augarten, die dort eine Verlagsbuchhandlung hat und weil sie den Leuten etwas Neues bieten will, die “Edition Taschenspiel” gegründet hat und namen est omen, die Büchlein sind klein und handlich, es gibt inzwischen an die zehn davon, so, um in die Tasche zu stecken, da gab es ja auch einmal eine Reihe, “Books to go”, wo ich ein paar der Bändchen zu Hause habe, aber da wurden berühmte Autoren, wie Alex Capus,  etcetera verlegt, während sich die “Edition Taschenspiel”, sehr löblich mit der österreichischen Gegenwartsliteratur beschäftigt.

Also bekannte Namen am Lesetisch, Erika Kronabitter, Petra Ganglbauer, Peter Bosch, Hanno Millesi, Sophie Reyer und natürlich auch ein paar unbekannte, zum Drüberstreuen und kennenlernen.

Die jüngst ist dreiundzwanzig, die älteste über neunzig, sagte die Verlegerin und nannte keine Namen, meinte nur, die Leute, die ohnehin mit dem Lesen schon überfordert sind, wollen keine Wälzer, wie den Witzel oder Setz, das füge ich jetzt hinzu, lesen, sondern etwas knappes Kurzes und Erzählungen sind in und die meisten jungen Autoren würden  auch damit anfangen.

Dann gabs zwei Beispiele, nämlich Clementine Skorpils Geschichte “Hollerstraße 7” und die kenne ich von einer Krimiveranstaltung in der Hauptbücherei und vom “Mörda-Frühling” und habe, wenn ich mich nicht irre, auch etwas von ihr gefunden und auf meinen Bücherstoßen und die Geschichte, die sie las, passt zum zwölften Februar, der ja gerade erst vergangen ist, spielt zwischen 1931 und 32 und handelt von einer Familie, wo der tuberkolöse Vater stirbt, “Was tun wir?”, fragen die Kinder.

“Beten!”, antwortet!, die Mutter Fini und fährt nach Linz, um ihren Pelzmantel und ihr Abendkleid zu verkaufen und die Bank ist so nett, daß sie sie trotz Schulden in dem Haus wohnen läßt und sie nicht auf die Straße setzt.

Die zweite Autorin verwendet ein Pseudonym und nennt sich “prezzemola”,1970 in Graz geboren, in Wien lebend, steht im Programm, in den Büchern scheint es, was ich sehr bedauere, keine Autorenangaben zu geben und ihre Geschichte, “Ganz anders!”, wie die Verlegerin ankündigte “Im Schatten seiner selbst”, habe ich gar nicht so unterschiedlich empfunden.

Zumindest der Sozialanspruch scheint gleich zu sein, scheint es doch um Bettler zu gehen, die jeden Morgen ungewaschen in die Stadt strömen und dort Karten legen, zum Glücksspiel auffordern und sich am Abend dann die Füße in einem Brunnen waschen, sehr interessant.

Es gab noch ein Gespräch mit den Autorinnen und der Lektorin, wo die Verlegerin, zu den Schreibstilen fragte, wie man zu den Ideen kommt, wann der Text fertig ist und man ihm dem Verlag übergibt, ob man Testleser hat?

Etwas was mir  nicht so unbekannt ist, weil ich ja gerade einen Text nach den Wünschen oder Anmerkungen meines Testlesers umgeschrieben habe.

Nachher gab es Wein und Knabbereien und ich habe ein sehr nettes Gespräch mit Lieselotte Stalzer geführt, die mir  zwei ihrer Bändchen überlassen hat, Irene Diviaks “Stahl und Glas” und Inga-Maria Grimms “Wolkenreisen” und ich verrate gleich, daß ich damit die ganze Bandbreite ausschöpfe, handelt es sich dabei ja, um die jüngste und die älteste Autorin. Dann gibt es noch einen Text von einen Poetryslamer und wahrscheinlich noch andere in Planung. Kinderbücher hat die Verlegerin noch verraten, soll es zu Schulbeginn geben, während die Lyrik in der neuen Reihe nicht so vertreten ist.

Haus, Frauen, Sex

“Das ist ein sehr kluges und witziges Buch” schreibt, der im vorigen Sommer verstorbene Helmuth Karasek über Margit Schreiners  2001 erschienenen Roman, einen Fund aus dem offenen Bücherschrank, den ich vor kurzem gelesen habe.

Die 1953 in Linz geborene Schriftstellerin, die auch in Salzburg gelebt hat, ist, glaube ich, damit berühmt geworden und mir hat ihr Monolog eines enttäuschten Ehemannes eigentlich besser, als erwartet gefallen, denn irgendwie hatte ich, glaube ich, ein Margit Schreiner Vorurteil und habe mir auch eine Thomas Bernhard Suada erwartet.

Ein Bißchen ist das vielleicht auch so, aber ganz so bösartig sind diese Gesänge des verlassenenen Mannes eigentlich nicht und man kann viel über die Gesellschaft nachdenken, wenn man das liest, was vor fünfzehn Jahren geschrieben wurde und inzwischen vielleicht auch schon ein bißchen überholt ist, aber dann wieder erstaunlich aktuell und modern klingt.

In sechzehn Kapitel monologisiert oder spricht mit seiner Ex Frau Marie Therese, die er Resi nennt, aber von ihm nicht so genannt werden will, Franz vor sich hin, der die Welt nicht mehr versteht.

Da hat er doch alles für seine Frau und seinen Sohn getan, hat ein Haus für sie gebaut und jetzt, wo er arbeitslos geworden ist, hat sie ihn mit dem Kind verlassen, will von ihm das halbe Haus, Alimente und Unterhalt und er leidet oder trinkt vor sich hin.

Am Schluß spricht er dann mit dem Rechtsanwalt, der bei der Scheidung seiner Meinung nach sehr ungerecht gewesen ist, einmal beschüttet er auch den Herd mit Schnaps und zündet ihn an und erzählt von den Füchsen die das Haus umschleichen und von denen er sich nicht fürchtet.

Es sind gewaltige Gesänge, die Frau wird beschimpft, die eigentlich nichts war und nichts konnte, bis Franz sie zu dem machte, was sie ist und er fühlt  sich nicht verstanden, aber eigentlich ist er gar nicht so bösartig, sondern auch nur eine arme Haut, das ist zumindest das, wie ich das Buch interpretieren würde, in dem man sehr viel Wahres über unsere Gesellschaft findet und natürlich den Thomas Bernhardschen Monolog und seine Übertreibungen nicht überhören kann.

“Über zweihundert Seiten geht der verbale Amoklauf, die Männer werden sich solidarisieren, während die Frauen selber schuld und “geschiehet ihm recht” rufen werden, bis die einen, wie die anderen herausfinden, daß es eine Frau ist, die ein furioses Stück Rollenprosa geschrieben hat, wie es ein Mann, politisch domestiziert und emotional verbogen, wohl nie hätte schreiben können”, schreibt  Henryk M. Broder im Spiegel  und MMR meint “Ein intelligentes Buch, sehr überzeugend, eine kunstvolle Sprache, ich finde die Autorin  hoch beachtlich”.

Interessant, daß es Männerstimmen sind, die das  Buch so hochloben, aber vielleicht hat die, der Verlag extra so ausgesucht.

Mir hat das Buch, wie schon erwähnt aber, auch gut gefallen, obwohl mir der arme Franz am Ende ein bißchen leid getan hat.

Margit Schreiner hat inzwischen weiter und noch einige andere Bücher geschrieben und ich habe sie auch einmal in der “Alten Schmiede” gehört.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Nadine Kegeles Debutroman, den ich auf der vorvorigen “Buch-Wien” beim Bücherquiz gewonnen habe, beginnt schon einmal erschreckend brutal:

“Zum Glück gibt es genügend Tierärzte, die gesunde Hunde einschläfern!”

“Hoffentlich nicht! “, könnte man denken und merkt schon, das ist ein sehr kraftvoller Roman, der 1980 in Bludenz geborenen Autorin  ist, die ich im Zuge des Volksstimmefestes kennenlernte, dann bei einer “Textvorstellung” mit Angelika Reitzer war, den Erzählband “Annalieder” gerne gelesen hätte, jetzt aber den Roman, aus dem die Autorin schon ein Stück 2013 in Klagenfurt gelesen hat und damit den Publikumspreis gewonnen hat.

Bei der Jury, die Diskussion habe ich mir jetzt ein bißchen angehört, ist er dagegen nicht so gut angekommen, wie bei dn Nadine Kegeles Fans und das kann ich ein bißchen nachvollziehen, denn es ist auch sehr verwirrend, was da auf verschiedenen Ebenen erzählt wird.

Der Klappentext spricht von der seltenen Gabe “Poesie und Komik” miteinander zu verknüpfen, aber komisch habe ich den Text eigentlich nicht gefunden, eher wortgewaltig, metaphernreich, Tiere kommen in den verschiedensten Formen vor und es ist auch wahrscheinlich nicht alles realistisch, was da erzählt wird.

Es geht um Nora, eine Protagonistin, die vielleicht Ähnlichkeiten mit der Autorin hat, es geht ihr aber nicht gut und sie hat, salopp gesagt, einen Minderwertigkeitskomplex, hat sie ja nicht studiert, ist keine Akademikerin, nicht aus reichen Haus, wie ihre Freundinnen Vera, Ruth und die Füchsin, sondern hat offenbar eine schlechte Kindheit hinter sich und Probleme mit ihrer Mutter, die sechundfünfzig Jahre alt, im Koma liegt.

Die geht Nora im Spital besuchen, wie, um sich zu überzeugen, ob sie schon endlich gestorben ist?

“Schätzchen!”, sagt dann die Krankenschwester mit dem großen Busen und es passt wieder nicht und der Hund, der eingeschläfert wurde oder werden sollte, gehörte offenbar der Mutter.

Dann gibt es eine zweite Erzählebene, in abwechselnden Kapiteln wird von Nora und von einer Erika erzählt, die vielleicht Noras Mutter ist. Ganz klar kommt das, wie vieles in dem hochpoetischen Roman nicht heraus, weil die Tochter dieser Erika, sie ist eine Kellnerin, die von verschiedenen Männern Kindern bekam, mit ihnen nicht zurecht kommt, ihre Schreibabies dann in die Toilette legt, damit sie sie nicht mehr hören muß, kein Geld hat und von den Männern ausgenützt wird, heißt auch Erika, wie sie, Rika genannt und nicht Nora, es könnte aber trotzdem hinkommen.

Diese Erika lebt also ihr armes Frauenleben der Sechziger und Siebzigerjahre bis sie ins Koma fällt und Nora leidet  unter ihren drei priveligierteren Freundinnen, Vera ist die Tochter eines Sektimperiums, die Füchsin ist Jogalehrerin, Ruth Religionslehrerin und Lesbe und möchte ein Kind, gleich welchen Geschlechts, nur Mädchen oder Bub sollte es nicht sein, man sieht es ist sehr kompliziert!

Nora ist Telefonistin in der Mahnabteilung einer Stromfirma, wird dann aber entlassen und hat kein Geld, sie hat aber einen Freund, den Anton, einen Architekten, der schon eine Tochter namens Maresa hat und sie mitnimmt als er mit Nora nach Roma fährt, dann verläßt er Nora, die dann alleine nach Rom fährt.

Dazwischen hütet sie noch Veras Katze, die nach Brasilien fährt und ihre Nachbarin, eine alte Jüdin und Holocaustopfer nahmens Sarah Tänzer, die sie betreut, beziehungsweise mit ihr auf den Friedhof fährt, hat einen Hund namens Moby, die Füchsin füttert Blutegeln und die Eidechsenmetapher, beziehungsweise der Romantitel bezieht sich auf die Romfahrt mit Anton und Maresa, denn dort beobachet Nora solche.

Am Ende ist sie im Krankenhaus, denn dort hat die Füchsin inzwischen ein Kind geboren, wobei es allerdings Komplikationen gab und Nora geht dann in das Zimmer ihrer Mutter, findet sie aber nicht mehr, nur die Schwester kommt ihr am Gang entgegen und sagt “Wir haben Sie schon gesucht, Schätzchen, geht es Ihnen gut?”

Sehr verwirrend also, nicht nur für die Bachmannjuroren, die allerdings, glaube ich , einen etwas anderen Text hatten, denn da kommt eine Contessa vor, die mir entgangen wäre, auch in den Rezensionen kann man viel von der Tragik des Lebens und dem schrecklichen Schicksal, denen die Frauen ausgesetzt wären lesen. Bei einigen wird dann auf die Autrin, die ja auch im zweiten Bildungsweg studierte und zuerst eine Bürolehre machte, zurückgeknüpft und von Arbeiterschicksalen gesprochen, die in der Gegenwartsliteratur eher selten wären.

Finde ich gar nicht und ich habe die Beschreibung der Mutter eigentlich sehr stark empfunden, sie hat mich auch an mein dreimonatiges Praktikum im Hospitz Hotel in St. Anton am Arlberg, das ich 1972 in der Strassegasse machen mußte, erinnern, da ist es im Service und in der Schank wahrscheinlich ähnlich zugegangen.

Die Polarsierung zwischen arm und reich und die Minderwertigkeitsgefühle, die Nora zwischen ihren reichen Freundinnen empfindet, habe ich dagegen eher ungewöhnlich gefunden, denn meistens wird das, was mich beispielsweise sehr interessiert, in der Gegenwartsliteratur eher nicht thematisiert.

Ansonsten geht es um die Problematik, die moderne Frauen haben können, Kinderwunsch, Verlassenwerden, alternative Lebensweisen, da habe ich ja vor kurzem  erst einen preisgekrönten Roman gelesen, in dem das auch beschrieben wird.

Die vielen Tiere sind sehr auffällig und Nadine Kegele springt von einer Metapher mit einer wortgewaltigen Poetik in die andere, spannend einerseits und hochkomplex, andereres habe ich dagegen noch nicht so ausgereift und eher unfertig gefunden und bin gespannt, was ich noch von der Autorin hören werde, die ich ja gelegentlich bei Veranstaltung sehe und die mir einmal auch ein sehr liebes Mail bezüglich meines “Kevin-Textes” geschrieben hat, den ich ja am Volksstimmefest gelesen habe

Makabre und ernste Lyrik

Jetzt kommen zwei in österreichischen Klein- oder Mittelverlagen erschienene Gedichtbändchen, die mir zwei liebe GAV-Kollegen übergeben haben, die ich zu einer “Mittleren-Reihe” einladen könnte, wenn ich eine solche für Männer machen würde.

Dietmar Füssels “eigentartige Gedichte – Menschenfleisch”, wie er sie selber nennt, 2014 in der “Edition Roesner” erschienen, wo auch Anita C. Schaubs Frauenbuch erschienen ist, in dem ich ein Portrait habe und Axel Karners “Der weisse Zorn”, von beiden Autoren, habe ich schon Bücher gelesen und besprochen und Dietmar Füssel, auf dessen Website, man Monat für Monat eines seiner Werke gewinnen kann, nennt sich selbst, glaube ich, humoristischer oder satirischer Schreiber und ist als solcher auch höchst vielseitig, gibt es doch von ihm Romane, Satiren, Erzählungen, Gedichtbände, seinen ersten Krimi habe ich vor kurzem besprochen, der neueste Gedichtband fehlt noch in meiner Sammlung, aber “Menschenfleisch” hat mich positiv überrascht, dachte ich doch, nach der Einleitung des Herausgebers, Erich Schirhuber, der ihn sogar, wenn auch etwas zögernd mit Morgenstern vergleicht, an eher platte Witzchen und es geht auch sehr viel um, wie schon der Titel besagt, um Kannibalentum. Die Sozialkritik läßt sich dabei aber nicht übersehen und, daß er eine originelle Weise hat, den Reim auf höchst moderne Art wiederzubeleben, hat auch Erich Schirhuber herausgearbeitet.

Ein paar Beispiel gefällig?

“Immer wenn ich Flöhe sehe, wird mir ums Herz so wehe. Sie gemahnen mich daran, daß der Mensch von Anfang an Bis zum Tod vergeblich lebt und nach Eitlem stets nur strebt.

“Er ging zu Fuß nach Tulipan von Wardehoh nach Tulipan. Er kam nach Tulipan bei Nacht und lernte es nicht lieben und klagte laut, ach wär ich doch in Wadeloh geblieben!”

“Wirum warum wand, bist ein Asylant. Deine Haut ist schwarz oh Graus! Schubhaft und zurück nach Haus”

“Er hatte Glück im Spiele stets, nicht in der Liebe, er hatte AIDS”

“Was macht ihr da? So fragte er. Ich fürchte fast Geschlechtsverkehr! Erraten sagte seine Frau, mein Kompliment, du bist sehr schlau!”

“Sie ging in den Keller. Sie trug einen Teller. Sie ging zu der Truh und sah und sah: Leichenteile von einer Kuh und ein zerstückeltes Schwein. Oh ja!”

“Warum gehn in deinem Haus Kinder ein und nicht mehr aus? Das kann ich dir schon erklären: Kinder sind mein Lieblingsschmaus”

Und so weiter und so fort, manches klingt vielleicht wirklich etwas platt, aber vieles, vieles regt zum Nachdenken an und ist dennoch scheinbar lustig, so daß man, wenn man will und es einem nicht im Halse stecken bleibt, auch darüber lachen kann.

Wie passt da, der 1955 in Zlan geborene Axel Karner hinzu, der in Wien als Religionslehrer tätig ist, werden da die österreichischen Literaturexperten vielleicht fragen.

Und die Antwort ist zuerst pragmatisch, lassen sich in der Badewanne ja oft zwei oder mehr Gedichtbändchen auf einmal lesen und Axel Karners “Weißer Zorn” hat nur siebenunddreißig Seiten und etwa zwanzig Gedichte, die von einem Prolog bis zum Epilog gehen. Die Sprache ist zugegeben ganz anders. Erhöht, abgehoben nicht so einfach makaber und dennoch, trotzdem, die Themen bleiben gleich und sind ja immerfort dieselben, weil sich das ganze Leben, um die Liebe und den Tod, Verrat und Eifersucht, etcetera dreht und man kann, wie es die beiden Gedichtbände beweisen so oder so sagen und wenn man beides mischt oder hintereinander liest, hat man über den Tellerrand hinausgeschaut und ein schönes Stück österreichischer Gegenwartslyrik mitbekommen.

“kanns fast so schön wie messers faust da oben töne machen der engel läuft die ganze Nacht sehen kann ich ihn”

“Den Allmächtigen kann ich schweigen hören am Ort der Wahrheit. Vor dem Haus des Großmauls. Der Lobpreis verebbt. Feixen Leute. Auf geht das Tor.”

“Schlug mit dem Schädel auf Eis. Da erzitterte der Spiegel. Sein Grinsen. Barst. Die Augen blitzen.”

“Der Wächter klopft die Hosen zu, richtet sein Geschlecht, danach das Holster. Schöne duftende Frau.”

“Lieber Gott, danke für die zehn gestrigen Gebote und den heutigen Ziewback.”

Man sieht der Kärtner Religionslehrer kann nicht weniger zynisch als der oberösterreichische Bibliothekar Dietmar Füssel sein, der sich, wie er mir immer wieder durch seine You Tube Filmchen beweist, auch politisch betätigt.

 

auf watte

Es ist eine “Legende des heiligen Trinkens” oder eine über die Trauer, die GAV-Kollegin Andrea Stift, auch eine Mittlere, 1976 in der Steiermark geboren, da in kurzen sprachlich sehr brillanten, manchmal etwas boshaften Kapiteln, da über die Härten unseres Lebens erzählt.

Roman steht nicht in dem “Leykam-Büchlein”, es ist wahrscheinlich auch keiner, eher eine Prosakizzenansammlung über einen Lebensweg.

Da ist einer, der namenlosen Ich-Erzählung, junge Frau steht am Klappentext, der Vater weggestorben;

“Was ich nicht kann: über meinen Vater schreiben. Er ist tot. Mein Vater hat sich selbst getötet, bvevor es der Krebs tun konnte.”

Damit ist schon alles gesagt oder doch nicht ganz, denn da gibt es den Haß auf die Mutter, einer Trinkerin, mit der die Erzählerin offenbar zusammenlebte, das nun nicht mehr tun will, sie in ein Heim abschiebt und deshalb vielleicht auch Schuldgefühle hat: “Man gibt seine Mutter nämlich nicht ins Heim.”

Aber ein Zusammenleben wäre unmöglich und würde sie, wie sie schreibt, nicht ertragen. Trotzdem fährt sie oft mit dem Fahhrad in das private Pflegeheim, das von einer Arztgattin, von allen Feldwebel genannt, geleitet wird und wird von den Bewohnern  liebevoll aufgenommen, die alle das tun, was man in diesem Heim offenbar darf, nämlich rauchen und trinken.

So geht sie vorher in den billigen Supermarkt, im Heim wird der Alkohol nur verteuert abgegeben, aber die Heimkosten sind so hoch, das nur ein wenig Taschengeld überbleibtbleibt, das die Feldwebelin dann auch noch in Raten ausgeben läßt, kauft “sechs Dosen Bier, zwei Flaschen Sekt und ein paar Magenbitter” ein und verstaut sie in ihre Fahrradtaschen.

Im Heim lernt sie auch Cornel, einen rumänischen Tänzer, mit stark verbandagierten Füßen kennen und verliebt sich in ihm.

Sonst geht es viel ums Trinken und um die Selbsteinschätzung, daß man ja jederzeit aufhören kann, sich verschätzt, zu schwach dazu ist, zuerst noch ein paar Tage lang nichts trinkt, dann aber immer mehr und immer öfter und der Gang zur Bank, wo man der Beraterin etwas von einem Job vorlügen muß, den man bald bekommen wird, ist sehr unangehehm.

Sie verliert auch bald ihren Job, geht aber und das ist vielleicht ein bißchen unrealistisch nicht aufs AMS, sondern putzen, weil sie vom Behördenkram nichts hält, geht auch in die  Erinnerung zurück. Kindheitsstationen werden geschildert, wie die Mutter in einer Trinkerheilanstalt war und sie von ihr einen Teddybär geschenkt bekam, wie sie nach dem Tod des Vaters die Wohnung putzte, wie sie ihn schon einmal im Krankenhaus besuchte und und und…

Sie landet sie selber in dem fröhlichen Trinkerheim, das wahrscheinlich gar kein solches ist, denn die Feldwebelin will nur das Geld ihrer Klienten. So steht es im Klappentext und ist wahrscheinlich auch oft so in der Realität.In dem Buch selber gar nicht so, da wird zwar umgebaut und es gibt billiges Essen, davon aber dreimal am Tag und zwischendurch noch Jausen, so daß alle aufquellen und weitertrinken.

Am Schluß stirbt Cornel und hinterläßt einen Abschiedsbrief indem er sich für all die großen Lügen entschuldigt “denen ich und alle anderen verfallen waren. Das war der Traum von Cornel, dass er einmal Balletttänzer werden würde. Stattdessen wurde er Trinker.”

Und damit das nicht so tragisch endet, gibt es auf der letzten Seite noch ein “Alternativ” das mit ” Ich brauche ein Aspirin” endet und ich bleibe ein wenig ratlos zurück, denn wahrscheinlich ist das Buch für mich  ein wenig zu hart gewesen, zu gefühllos oder auch zu satirisch von den Härten dieses Lebens erzählt.

Vielleicht ist der schonungslose Ton Andrea Stift von der ich schon “Reben”, Klimmen”, “Wilfert und der Schatten des Klapotetz” und “Elfiriede Jelinek spielt Gameboy” gelesen habe, doch nicht so  das meine, obwohl ich mich mit dem Trinken und, wie man damit umgehen kann, schon literarisch beschäftigt habe und mit dem Leben in Demenz und Altersheimen auch.

Eine Alternative, wo es auch um das grausame  Leben in Altersheimen und dem Trinken dort geht, wäre Max Bläulich, der das Ganze vielleicht noch etwas grotesker erzählt.

 

Alpha-Literaturpreis an Karin Peschka

Eröffnung

Eröffnung

Valerie Fritsch

Valerie Fritsch

Und das war eine Überraschung, denn nach der bisherigen Preisgestaltung, vor zwei Jahren Marjana Gapaneko, im Vorjahr Eva Menasse war ich mir sicher, daß Valerie Fritsch ihn gewinnen wird und das dachte Karin Peschka, glaube ich auch, als ich sie vor zwei Monaten bei dieser “Kremayr und Scheriau- Verlagsparty” im “Siebenstern” darauf angegesprochen haben.

Der “Alpha-Literaturpreis”, den die “Casinos Austria” seit 2010 jährlich an einen Preisträger der noch nicht mehr als drei Bücher veröffentlicht hat,  vergeben, hat bei mir eine traumatische Vorgeschichte, denn das erste Mal bin ich, nachdem die Veranstaltung im “Litetraturkompaß” der Zeitschrift “Buchkultur” angekündigt war, hin marschiert, das zweite Mal habe ich dann für das “Literaturgeflüster” um eine Einladung gebeten, aber keine bekommen und als ich so hinmarschierte, haben sie mich hinausgeschmissen.

Gesa Olkusz

Gesa Olkusz

Karin Peschka

Karin Peschka

Anna-Elisabeth Mayers Buch “Fliegengewicht” ist inzwischen zu mir gekommen, die fürs nächste Jahr verspochene Einladung nicht, aber seit 2013 bekomme ich eine solche und heuer sind Richard Schuberth, Sandra Gugic, Isabella Feimer, Valerie Fritsch, Gesa Olkusz, Karin Peschka und noch ein paar andere auf der diesbezüglichen Long- oder Shortlist gestanden.

Die Letzteren waren dann bei den Finalisten und wie gesagt, daß Valerie Fritsch gewinnen wird, war ich mir ganz ganz sicher, obwohl mir “Winters Garten” gar nicht so gut gefallen hat.

Die Preisverleihung findet immer im feierlichen Rahmen im “Studio 44” am Rennweg statt, man braucht eine Einladung, muß sich anmelden, bekommt einen Aperitiv, wird dann an einen Tisch gesetzt, Clarissa Stadler moderierte und dann gibt es, wie beim Bachmannpreis je ein Portrait und eine Lesung der Finalisten.

Diemal habe ich ja alle drei Bücher schon gelesen, Gesa Olkuszs “Legenden” hat mir am besten gefallen und als alle Bücher vorgestelt waren, gab es eine Musikeinlage, die diesmal der Gewinner des vorigen “Casino Austria- Musikpreises” gestaltet hat und dann die Preisverleihung, beziehungsweise die Laudatio von Paulus Hochgatterer, über die oberösterreichische Wirtshaustochter, die “Watschenmann”, ein Roman der im Nachkriegswien spielt, geschrieben hat.

Preisverleihung

Preisverleihung

20151117-215932

Dann gabs ein Buffet, Lachs, Hendlschnitzel, Wildschwein, Roastbeef, Rotkraut, Semmelknödel und dann noch was Süßes und das Fußballspiel Österreich gegen Schweiz, das zeitgleich stattfand, wurde im Nebenraum auch übertragen.

Das Siegerbuch konnte man sich wieder mitnehmen und lesen, Karin Peschka hat sich sehr gefreut, Valerie Fritsch wahrscheinlich weniger und wie gesagt, “Legenden” haben mir sehr gut gefallen, den Richard Schuberth habe ich mir zum Geburtstag schenken lassen und Sandra Gugics “Astraunauten” würde ich sehr gerne lesen.

Und im nächsten Jahr wird es ja einen eigenen österreichischen dBP geben, wo auch die Neuerscheinung eines österreichischen Autors gewinnen kann, der schon mehr als drei Bücher geschrieben hat und ich finde es sehr schön, daß es beim “Alpha”,  eine Überraschung, statt veraussagbare Gewinner gab.

Zehntelbrüder

Den zweiten Roman der 1963 geborenen  Tochter des zeitgenößischen Komponisten, Ruth Cerha, habe ich auf der ersten  “Rund um die Burg” neu neu kennengelernt und ihn im vorigen Sommer um zwei oder drei Euro beim “Morawa” gekauft, inzwischen ist der hochgelobte Sommerroman “Bora” erschienen und durch “Buzzaldrin” zu mir gekommen, mal sehen, ob ich ihn heuer noch zu lesen schaffe.

“Die Zehntelbrüder” erinnern stark an Elfriede Hammerls Patchworkfamilien, obwohl hier der Protogononist der Endzwanziger Mischa, DJ aus Wien ist, er ist mit seiner sehr jungen Mutter Margit in einem Gasthaus aufgewachsen, wo sie kochte, den Vater Chris einen Musiker hat er kaum gekannt, der Großvater Grossmann, ein ziemlich reicher, in Grinzing oder so wohnender Typ tauchte nur einmal auf und dann nie wieder, dafür zog Margit mit dem Kleinen zu dem Tschechen Janek, der schon Zwillinge von einer Gisela hatte und dann von Janek noch Jul bekam, eine Jenny tauchte auf und Margit verschwand immer öfter und blieb dann endgültig weg, Mischa blieb bei Jenny, einer ziemlich esoterischen Kindergruppentante zurück, kümmerte sichum Jul, nachdem Janek nach Spanien, verduftete kämpfte mit den Zwillingen und Gisela bekam noch zwei Zwillingsmädchen von einem Norbert.

In dieser Situation ist es wahrscheinlich natürlich, daß man die Schule schmeißt, obwohl Mischa nach anfänglich schlechten Erfahrungen einen großen Bogen um Drogen und den Alkohol macht.

Jetzt ist er, glaube ich, vier-oder sechundzwanzig, legt Platten auf und ist in einer Krise, denn seine Freundin Hannah, um einiges älter, will ihn zu ihren Eltern mitnehmen. Das Paar scheint sich zu trennen, Mischa träumt schlecht und denkt über sie beziehungsweise seine Familie nach, denn der sechzehnjährige Jul, sein Zehntel oder Sechstel oder was auch immer Bruder, scheint in die rechtsradikale Szene abzukippen, beschmiert Schulwände, säuft sich an, so daß er ihn sowohl von der Polizei abholen, als auch die Rettung holen muß und eine der Zwillingsschwestern Lilli, taucht auch noch auf, sie ist jetzt vierzehn und will für ein Schulprojekt einiges über die Familie wissen.

Mischa muß bei einer Reichen Party auflegen und lernt da die exzentrische Nella kennen, die unverläßlich ist, Angst oder Paranoia zu haben scheint und einen eifersüchtigen Bruder, der Mischa zusammenschlagen läßt, wenn er sich mit ihr trifft.

Dann bekommt noch Hannah ein Kind von einem anderen, von dem sie weder Namen noch Telefonnummer weiß und alle beschließen nach Ibiza zu Janek zu fliegen, um ihm ihre Meinung zu sagen.

Am Ende ist Mischa dann mit seiner Tagesfreizeit Hausmann geworden und versorgt den kleinen Jakob, dessen Vater er nicht ist, er trifft aber auch Nella wieder und das Ende bleibt wahrscheinlich offen, beziehungsweise sind noch ein paar Protokolle von Mischas und Lillis Familienrecherchen angeheftet.

Das Buch wird in zwei Erzählsträngen entwickelt, rückwärts in die Vergangenheit und dann auch wieder nach vorn, so daß man nach und nach die Zusammenhänge und das Elend der ach so modernen Patchworkkinder erkennt, die von irgendwelchen ständig wechselnden Personen aufgezogen werden, mit denen sie nur zu einem Sechstel bis Zehntel, wenn überhaupt verwandt sind.

Programm Pandora

Daß die 1973 in Gmunden geborene Dors Nußbaumer einen rotzig frechen Tonfall hat, der aufhorchen läßt und am Anfang vielleicht etwas irritiert, habe ich gemerkt, als ich vor eineinhalb Jahren zu spät in den Veranstaltungsvorraum der “KritLit” in die Brunnenpassage gekommen bin, dann habe ich Bücher mit ihr getauscht und so ist der bei “PROverbis” erschienene Erzählband “Programm Pandora”, wo auch Emily Waltons “Senfglas” und höre und Staune ein Buch von Celemens Ettenauer, dem “Holzbaum-Chef”, der mir immer so getreulich seine Cartoon- und Karikaturbände schickt, verlegt wurden, zu mir gekommen und ich habe mich Anfangs mit der Doris Nußbaumers Sprachgewalt,  die sich 2000 auch bei den Widerstandslesungen engagierte, da habe ich sie kennengelernt und später mit ihr  in dem “Women Science Fiction-Band” eine Geschichte, etwas schwergetan.

Doris Nußbaumer ist auch Sprachpädagogin, so habe ich sie 2009 bei einem Schreibseminar der Mariahilfer Frauenwochen wiedergetroffen, organisiert das “Werkl im Goethehof”, liest beim Volksstimmefest und und…

Eine starke Frauenfigur halt und das merkt man ihren Geschichten durchaus an, so hetzt Athene im “Programm Pandora”, durch die Geschichte, nicht durch die griechische Mythologie, nein, ich glaube durch das nächtliche Wien, sauft sich im Beisl des Dionysons an, schläft mit Hephaistos und verliert sich immer wieder in der Computerwelt, um unter Stöhnen und Schmerzen das besagte Programm  zu entwickeln.

Ebenso sprunghat geht es in “Almrausch” zu. Da weiß man nicht recht, ist man jetzt in einem Flugzeug, auf einer Berghütte, unter Wasser, auf der Rennbahn, bei nichts davon oder allem gleichzeitig, das moderne hektische Leben halt und dann geht es zu dem kleinen Sepeerl, der zu allem Scheißdreck sagt und von der Scheißtante trozdem eine Schoki will, obwohl der Zahnarzt dann sicher schimpft, auch das gehört zu unseren moderen Alltagsleben, wie der Leistungsdruck in der Schule, dem Angelika, locker zu widerstehen scheint und sich mit Gesrpächen mit dem Mathematiklehrer von einer Klasse zu nächsten bis zur Matura hantelt.

Besagte Ankeika stammt aus einer Großfamilie, für die sie nichts kann und die sie sich auch nicht ausgesucht hat und so wird sie von ihren Tanten auch stes belehrt, wie sich ein braves Mädchen zu verhalten hat, bis sie Tante Hortensia, die eigentlich Mizzi heißt, ordentlich drüberfährt und ihr dann auch noch vor die Füße speibt.

Dann gibt es noch die Katzengeschichte, die mit einer Abteibung endet, die Doris Nußbaumer auch bei den “Wilden Worten” vorgetragen hat.

“Ida” ist wieder eine hochkomplexe Geschichte in zehn Teilen, einer Wisschenschaftlerin, frau merkt Doris Nussbaumer hat beim “Lise Meitner-Preis” mitgemacht, die mit Datenbrille, Datenhandschuh, etcetera in virutelle Welten des Theater La Fenice und andere Orte begibt, ihren Studenten “Die Stories von Computerspielen und Animationen” beizubringen versucht, sich  von ihrem blinden Freund trennt und sich im anschließenden Cybersex ganz altmodisch nach ihm sehnt.

“Zapp” hab ich, glaube ich, schon in der Brunnenpassage, teilweise gehört, da wird durch die Fernsehprogramme gezappt.

In “Pamukkale” scheint es um ein Verhör und um Erinnerungen zu gehen. Die Geschichte vom Drachen, dem Ritter und der Jungfrau wird neu erzählt und ganz schön hinterfotzig geht es auch in “Herrin der Ringe” zu.

Da empieht die Nachbarin einer Schlaflosen, Magnetringe gegen die Magnetstrahlungen. Der Wünschelrutengänger erscheint, findet das Zimmer total verstrahlt, empfiehlt die teueren Ringe und die Protagonistin greift nach der Digitalkamera um sein verdutztes Gesicht festzuhalten, wennn….

Im “Märchen der Erkenntnis”,  wird Schiller zitiert und sich noch einmal über die Wissenschaft und ihren Erkenntnisdrang, beziehungsweise über die verzopften Wissenschaftler, die forschen, während ihre Gattinnen zu Hause mit dem Essen warten”, lustig gemacht.

Sechzehn spannende Geschichte einer starken weiblichen Stimme, die es vielleicht nicht auf Long-oder auf Shortlist schafft, aber trotzdem sehr zu empfehlen sind.