Von Tschingis Aitmatow, den kirgisischen Dichter, 1928 dort geboren, 2008 in Nürnberg verstorben, der am Maxim Gorki Literaturinstitut in Moskau studierte und auch Berater von Michail Gorbatschows war, findet man viel in den offenen Bücherschränken.
“Der Junge und das Meer”, habe ich, glaube ich, zeitgleich mit der Iris Hanika gefunden oder war das “Der weiße Dampfer”, der als nächstes auf meiner Leseliste steht? Als ich mich mit der Anna vor ein paar Monaten zum Essen traf, habe ich ein altes DDR- Bändchen mit zwei Aitmatow Geschichten “Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft” und “Frühe Kraniche” gefunden und dann noch einmal “Dshamilja”, die Liebesgeschichte, die wie ich jetzt weiß, Loius Aragon “für die schönste der Welt hält” und als ich am Montag in die Alte Schmiede ging, lag in der Abverkaufskiste, des nun mehr einzigen Buchgeschäftes, an dem ich vorüberkomme, auch ein Aitmatow-Bändchen, um einen, zwei oder drei Euro. Welches weiß ich nicht mehr, denn ich hab ja ohnehin genug zu lesen und als ich mich gestern ein bißchen per Wikipedia auf die Aitmatow-Lektüre einstimmte und ich halte, obwohl ich immer wieder Kritiken höre, die Wikipedia Einträge für sehr gut und beziehe mich auch oft auf sie, nur meiner ist nicht ganz vollständig, hören meine Bücher ja bei “Und Trotzdem” auf, aber das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hierher, fand ich, daß Aitmatows Liebesgeschichte in der DDR zur Pflichtlektüre in den Schulen gehörten und das die Geschichte “Der Junge und das Meer” in den DDR Ausgaben “Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft”, heißt.
Also habe ich nächstes Jahr, wenn das Bändchen an die Reihe kommt, weniger zu lesen und bei der rororo-Ausgabe von 1988, die ich gelesen haben, steht auf der Rückseite natürlich der Vergleich mit “Der alte Mann und das Meer” und davon, daß die Geschichte, die man wahrscheinlich Novelle nennen kann “ein großes bewegendes Gleichnis ist, das in die Botschaft von der moralischen Unbesiegbarkeit des Menschen, an Hemingway einnert.”
Man kann es natürlich auch viel weniger prosaisch deuten. Da fährt irgendwo in Kirgisien wahrscheinlich, ein Boot aufs Meer hinaus, weil drei Fischer, der Dorfälteste und zwei andere Männer, Vater und Onkel, den Jungen, der später ebenfalls Fischer werden soll, auf seine erste Ausfahrt mitnehmen. Das gehört offenbar zu den kirgisischen Bräuchen und ist wahrscheinlich, wie die Jugendweihe zu verstehen, ein Ritual des Erwachsenwerdens und natürlich auch eine Lehre, die man durchmachen muß und so ist Kirisk sehr stolz darauf und natürlich gibt es für diese erste Ausfahrt auch eigene Regeln, so hat ihn die Mutter ans Ufer begleitet und zum Abschied “Na, geh in den Wald und nimm trockenes Holz mit!”, gesagt, denn die bösen Geister oder Götter, die einem ans Leben wollen, muß man täuschen.
Und so ist Kirisk nun im Boot, Organ der Älteste sitzt am Steuer und raucht an seiner Pfeife, Vater und Onkel rudern und als sie ihn fragen, ob er Angst hat, schüttelt er stolz den Kopf. Er doch nicht, er denkt ans Dorf, an die Mutter, die Schwester und auch an das Mädchen, in das er vielleicht ein bißchen verliebt ist und sieht den “Scheckigen Hund”, das ist ein Hügel, den man immer sieht, wenn man vom Meer wieder ans Land zurückkommt.
In dieser Geschichte wird überhaupt sehr viel symbolhaft ausgedrückt, so gibt es die Ente Luwr und wenn man krank ist und nicht trinken darf, beschwört man die “Blaue Maus”, die einen Wasser geben soll und die Fischer denken heimlich an die große Fischfrau und haben mit ihr auch schon ihre Erlebnisse gehabt.
Jetzt geht es aber ins Meer hinaus und Kirisk soll lernen Robben zu fangen, zuerst muß er sie aber von den großen Steinen, die vor der Insel liegen, unterscheiden. Sie fangen dann auch eine Robbe und machen ihre Rast und als sie wieder ins Boot steigen, steigt der große Nebel auf, sie verlieren die Orientierung und die Katastrophe, bzw. das Gleichnis beginnt.
Sie müssen alles über Bord werfen, nur ein Fäßchen Wasser und einen Sack mit Dörrfisch behalten sie und der Älteste hat jetzt die große Aufgabe, das Wasser sorgfältig in kleinen Rationen zu verteilen. Er selbst trinkt nichts und geht, als seine Kräfte schwinden, auch als Erster freiwillig ins Meer. Mylgun, der Onkel, ein bißchen jünger, als der Vater und noch nicht so ganz gefestigt, der noch manchmal seine Späße macht und auch ein bißchen durchdreht, das heißt die Naturgewalten nicht so demütig, wie die anderen annimmt, folgt als zweiter und als letzter opfert sich der Vater für den Jungen und sein Überleben, aber der bleibt dann ganz allein im Boot ohne Wasser und Nahrung zurück und ist sowieso viel zu schwach, um die Ruder zu bewegen. Es gibt aber ein Zeichen, wenn man die Eulen fliegen sieht, dann weiß man, man ist auf den richtigen Weg und der Nebel verschwindet auch einmal und so treibt das Boot mit dem Jungen an das Ufer zurück. Er sieht den “Scheckigen Hund” und weiß er ist gerettet, weiß, daß er ein Fischer werden und vielleicht auch sein Mädchen heiraten wird. Daß er dann vielleicht selber einmal, viel später an der Reihe ist, als erster auszusteigen, weiß er vielleicht nicht oder doch? Jedenfalls hat er das Lied auf den Lippen “Scheckiger Hund, der du auf dem Meer entlangläufst, allein kehr ich zu dir zurück- ohne Atkytschch Organ, ohne Vater Emraijin, ohne Aki-Mylgun, Frag mich wo sie sind, aber erst gib mir zu trinken”, eine Parabel also von der Welt, von längst verschütteten Kräften im Menschen”, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt und sich natürlich an dem Vergleich mit der anderen berühmten Parabel erfreut.
Der in Ostdeutschland gewählte Titel, beschreibt die Symbolhaftigkeit wahrscheinlich besser, obwohl ich mich erinnern kann, mit dem ungewöhnlichen Titel am Anfang nichts angefangen zu haben und da ich ja ein wenig schlampert bin, habe ich auch nicht genau genug geschaut und “Schrecklicher Hund” in meine Leseliste geschrieben. Keiner meiner Leser hat es gemerkt, obwohl die ja immer sehr gut darin sind und als ich aus Clemens Meyers Erzählungen “Die Nacht der Lichter”, gemacht habe, hat sich der sehr empört bei mir gemeldet. Tschingis Aitmatow kann das nicht mehr tun und ich weiß auch nicht, wie die Erzählung im Original, in Russisch, denn Aitmatow hat, habe ich Wikipedia entnommen, in dieser Sprache geschrieben hat, heißt. Beeindruckend ist sie allemal, ob man sie sich nun als Parabael und symbolhaft oder ganz realistisch nach dem Spruch “Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um” und das Leben ist nun einmal sehr gefährlich und wir alle müssen sterben, deutet.
Interessant habe ich gefunden, daß sie zum Robbenfangen ausfahren, eine erlegen und sie dann, um selbst zu überleben ins Meer werfen. Ja, das Leben ist grausam und naturgewaltig und nicht so leicht zu verstehen. Man glaubt, man muß soviel machen und dirigieren und ist am Ende ganz hilflos den Naturgewalten ausgeliefert und so sind mir auch, ich gestehe es, bei den dramatischsten Stellen, auch ein paar Tränen hinuntergeronnen, wie das bei sentimentalen Frauen so sein kann.
Day: 24. May 2012
Vom Wandel der Arbeitswelt
Da ich mich ja für Literatur in jeder Form interessiere, bin ich irgenwann in den Verteiler der Dokumentationsstelle lebensgeschichtlichlicher Aufzeichnungen hineingekommen, 2004 war das vielleicht, jedenfalls habe ich “M.M. oder die Liebe zur Germanistik” meine Margaretner Literaturgeschichte, die gerade entstanden ist, hingeschickt, wurde zu einer Präsentation und einmal zu einer Führung in das Wien-Museum eingeladen und jetzt zur Präsentation der in der Böhlau Reihe “Damit es nichtr verloren geht” erschienen Anthologie “Arbeit ist das halbe Leben – Erzählung vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945”, in die Bibliothek der Arbeiterkammer.
Renate Lehner, die Vizepräsidentin der AK begrüßte und meinte, daß es nicht sehr viele Anthologien zur Arbeitswelt geben würde und nicht sehr viele Bücher, die sich mit der Situation der Arbeitsnehmer und Nehmerinnen beschäftigen. Das stimmt aber nicht, meine zweite Publikation in den frühen Achtzigerjahren erfolgte in der Anthologie des damaligen Wiener Frauenverlags, heute Milena “Arbeite Frau, die Freude kommt von selbst” ist aber durch Zufall passiert. Denn bei der ersten Anthologie “Aufschreiben” hat Elfriede Haslehner meinen Text nicht genommen, weil er ihr nicht genug authentisch war, ich hatte aber damals die Ausschreibung zu einem geschlechtsneutralen Kinderbuch “Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen”, mit meiner Erzählung “Güler will kein Kopftuch mehr gewonnen” und der Verlag “Jugend und Volk” in dem das Buch mit meinem Text erschien, machte damals eine Anthologie zur Arbeitswelt. Ich schickte meine Erzählung “Die freundlichen Stimmen oder auf einen Anruf warten hin”, ich war damals seit kurzem Psychologin, hatte aber noch keine Anstellung, sondern machte das Akademikertraining und da hatte ich mich bei der damaligen Semmelweisklinik bei der heutigen Frau Prof Wimmer-Puchicher für ein Praktikum beworben und die wollte mich anrufen, was sie nicht tat und beim Staubsaugen in der Otto Bauergasse, kam der gehemmte jungen Frau die Idee zu der Geschichte und weil ich mir einbildete, der Wiener Frauenverlag nimmt nichts von mir, habe ich den Text an “Jugend und Volk” geschickt. Die wollten ihn auch nicht, weil ich aber gewonnen habe, haben sie ihn nicht einfach ignoriert, sondern an den Frauenverlag geschickt und die haben ihn dann genommen. So hatte ich meine zweite Veröffentlichung in der zweiten Anthologie des Wiener Frauenbverlags, die erste war 1980 in der Zeitschrift “Stimme der Frau”, die den Arbeitskreis schreibender Frauen der Reihe nach vorstellte und die Arbeitsweltantholigie von “Jugend und Volk” habe ich inzwischen auch im offenen Bücherschrank gefunden.
Das Thema Literatur zur Arbeitswelt fristet in den neoliberalen Zeiten sicher ein Außenseiterleben, ich habe mich aber, solange es ihn noch gab, beim Luitpold Stern Preis der Gewerkschaft regelmäßig beworben und auch gelegentlich was gewonnen, ein paar Buchgutscheine und zuletzt den dritten Preis, ich glaube 450 Euro, dann hätte ich mich fünf Jahre nicht mehr bewerben dürfen, die sind jetzt vorbei, den Preis gibt es aber nicht mehr. Herr Elsner hat ihn mit seinem BAWAG-Skandal, glaube ich, zum Verschwinden gebracht, den Werkkreis zur Literatur der Arbeitswelt gibt es aber weiter und auch die Bibliothek der Arbeiterkammer und da war ich schon ein paar Mal.
Einmal zur Präsentation der Bibliothek der ungelesenen Bücher und dann vor einem Jahr, als die Anthologie des duftenden Doppelpunkts erschienen ist und jetzt zur Präsentation der Antohologie der Dokumentationsstelle lebebensgeschichtlicher Aufzeichnungen und weil ich ja einen Brotberuf habe und daher um vier Uhr eine Diagnostik und die Buchpräsentation schon um sechs stattgefunden hat, war ich knapp daran und es war auch gar nicht leicht zu finden, denn im Foyer war schon das Buffet gedeckt und Cateringpersonal und sonstige Personen wuselten herum und wiesen mir den Weg in die Bibliothek, wo die Vizepräsidentin der AK bereits eröffnete, der Saal sehr voll war, ich in der zweiten Reihe einen Platz fand und nach und nach Werner J. Grüner und Traude Veran im Publikum entdeckte.
“Ich hätte mir gar nicht gedacht, daß so viele Personen an der Buchpräsentation Interesse haben!”, sagte die Vizepräseidentin. Ich schon, denn ich weiß ja, daß sehr viele Leute schreiben und die schreibenden Arbeiter und Angestellten, die einen Text in der Anthologie haben, nehmen zur Präsentation ihre Freunde und Verwandte mit, während das allgemeine literarische Interesse an der Mainstreamliteratur immer schwächer wird.
Achtzig Arbeiter und Angestellte aus allen Berufen sind dem Schreibaufruf einen Text aus ihrer Arbeitswelt zu verfassen gefolgt. zwanzig wurden ausgewählt, Jahrgang 1930 bis 1951, die etwas von der Arbeitswelt der Fünfziger, Sechziger und Siebzigerjahre zu berichten wissen wußten.
ünter Müller vom Institut für wirtschafts- und Sozialgeschichte, erzählte nach welchen Kriterien entschieden wurde und stellte kurz die zwanzig Ausgewählten vor. Vier durften ihre Geschichten lesen. Eine Frau, die inzwischen Gedichte schreibt und ihre Bücher im sogenannten Eigenverlag herausgibt, Getrud Jagob berichtete, wie das nach dem Krieg war, wenn die Lehrerin einen eigentlich in die Lehrerbildungsanstalt schicken wollte, die Mutter aber dagegen war und der Vater, als Wrack aus dem World War II zurückgekommen, die Tochter nicht Schneiderin werden lassen wollen. Interessanterweise haben viele Betriebsräte ihre Texte eingesandt oder sind auserwählt worden und so las ein solcher als nächster vor, wie es in den Sechzigerjahren in der sogenannten Lebensschule war und in der hat sich, glaube ich, auch meine, 1978 bei einem Autounfall ums Leben gekommene, kleinwüchsige Schwester Uschi, weitergebildet. Dann kam noch eine Frau und ein Mann, der Automechaniker war und von seinen Lebenserinnerungen in der Autoproduktion berichtete.
Dann gabs ein Buffet, Wein und Brötchen und draußen im Foyer gingen die kleinen Snacks schon aus, Desserts wurden herangetragen und eine Ausstellung “Berlin nach 1945” war gerade eröffnet worden, wo ich auch einige bekannte Gesichter sah.
Ich fragte aber, die andere Herausgeberin, Sabine Lichtenberger nach dem AK-Flohmarkt, denn da hat mir ja der Karli, der jetzt gerade mit dem Alfred durch Australien tourt, erzählt, daß die ausrangierten Bücher dort einen Euro kosten, ich habe aber außer “Schmidt” den ich gerade gelesen habe, nicht wirklich was gefunden, bzw. ja eine endlos lange Bücherliste, so daß ich ohne Neuzuwachs nach Haus gegangen bin und mich schon auf meinen PfingstLesemarathon freue und die dafür bestimmten Bücher im Badezimmer hergerichtet habe.
Und wer es wissen will, heute vor neununddreißig Jahren, am 24. Mai 1973 habe ich an der Hbla in der Strassergasse maturiert, bin in meine philosophische Krise abgedriftet und habe meine erste, nie veröffentlichte Erzählung geschrieben.