Was tut eine, wenn sie am Muttertag allein zu Hause sitzt, weil der Gatte in Australien herumfährt und die Tochter, den Großeltern in Harland den Rasen mäht? Richtig, sie geht um zehn Uhr morgens mit der großen Tasche zum Wortschatz am Margaretenplatz, um dort die Evi vom ehemaligen Zwillingsleiden, jetzigen Cafe Uranus zu treffen, die gerade wieder eine Blogpause macht. Das scheint unter Bloggern so üblich zu sein, sich vorher aber von ihren Büchern trennt und daher auf ihrer Seite bekannt gab, daß sie sie verschenkt. Das alamiert natürlich eine Bibliophile, um so mehr, da unter den angeführten Romances und Erotikbücher, die mich, um es salopp zu sagen, nicht die Bohne interessieren, zwei Titeln von David Sedaris finde und dessen “Nackt” stand ja einmal auf der Libro-Bestsellerliste, als es diese Bestseller-Aktion noch gab und in der Filiale in der Neubaugasse, fehlte das Buch auch in den Regalen. Die Verkäuferin hat es mir aber aus dem Lager geholt und sein “Holiday on Ice” habe ich einmal im Bücherschrank gefunden und zur vorigen Adventzeit gelesen. Also habe ich mein Interesse angemeldet, die Evi heute um zehn beim Bücherschrank getroffen und denke, daß sie die Siebente ist, die ich durch das Literaturgeflüster kennenlernte. Da war ja einmal Elisabeth von Leselustfrust, deren Blog es auch schon nicht mehr gibt, bei deren Gewinnspiel habe ich eine kleine Zotter-Käfer-Schokolade gewonnen und sie dann bei einer Eva Rossmann-Präsentation im Thalia auf der Mariahilferstraße getroffen und Cornelia Travnicek und Andrea Stift sind auch irgenwie Blogbekanntschaften, zumindest wurde der Kontakt um den Blog geknüpft, als Autorinnen hätte ich sie zwar wahrscheinlich auch anders kennengelernt, so habe ich ja einmal mit Cornelia Travnicek in der Alten Schmiede gelesen und sie und Andrea Stift dann auch zu den “Mittleren” eingeladen. JuSophie hat sich auf meinen Blog einmal gemeldet, ich habe sie im Literaturhaus bei der Studentenlesung kennengelernt, dann ist sie zu einer scharfen Kritikerin geworden, was ich sehr schade finde, weil man ja auch wohlwollend miteinander umgehen kann, wenn man den anderen für keinen guten Literaten hält und Thomas Wollinger, auf dessen Blog ich ja fast täglich meinen literarischen Senf verbreite, habe ich auch kennengelernt, bei der Texthobellesung im Cafe Anno, wo ein halbes Jahr später Sarah Wipauers Bekanntschaft machte.
Bloggen ist also ziemlich kommunikativ und das hat auch die Evi angesprochen, als ich sie fragte, warum sie ihre Bücher nicht einfach in den Bücherschrank stellt, weil das Verschicken nach Deutschland beispielsweise ja ziemlich aufwendig und auch teuer ist? Außerdem hat sie mir gleich strahlend John Irvings “Garp”, glaube ich, das sie vorher im Schrank gefunden hat, mit “Ich kann es nicht lassen, entgegengestreckt und das kann ich auch nicht und habe anschließend auch ein “Jahrhundertbuch” aus dem Schrank gezogen, nämlich Hilde Spiels Roman “Die Früchte des Wohstands” und da habe ich ja erst unlängst gebloggt, daß ich gerne Hilde Spiel Bücher finden würde. Jetzt muß man das nur alles lesen, was bei mir, wenn ich nicht eine extra Lebenslesezeit dazu bekomme, ziemlich unmöglich ist, aber ich versuche wenigstens die Bücher auf Leselisten zu setzen, um den Überblick zu haben.
Das sich von den Ungelesen trennen, wie es die Evi momentan praktiziert, kommt für mich nicht in Frage. Ich bin eine Büchersammlerin, versuche nur das Ansammeln zu bremsen, indem ich nicht extra zu den Bücherschränken gehe, wenn ich aber vorbeikomme, schaue ich hinein und versuche inzwischen nur mehr die Gustostückerln zu nehmen und einen dicken Stephen King, z.B. den ich wahrscheinlich nicht lesen werde, drinnen zu lassen. Es gibt aber sehr viel Gustostückerln und das finde ich eigentlich gut. So bin ich heute auch draufgekommen, als ich Ex Libris hörte, daß J. D. Salingers “hebt den dachbalken hoch, zimmerleute und “seymour wird vorgestellt”, das ich einmal gefunden habe, inzwischen neu aufgelgt und den Lesewilligen sehr empfohlen wurde.
Eine Trennerin bin ich eigentlich nicht, die Evi hat ja jetzt doch noch einen “Trennungsartikel” auf ihren Blog geschrieben und gemeint, daß sie damit gute Erfahrungen gemacht hat, da habe ich wahrscheinlich noch das Nachkriegsgenerationsblut in mir “Man wirft nichts weg, denn man könnte es noch brauchen!”, allerdings bin ich ja eine Konsumverweigerin und auch sonst ein eher sparsamer Typ und ich denke auch, daß man sich vielleicht in zwanzig dreißig Jahren, wenn es keine Papierbücher mehr geben wird, über meinen Nachlaß freut…
Danach bin ich zu meinem einsamen Muttertagstag zurückgegangen, die Muttertagsfeier im Pensionistenheim ist ja schon gewesen, habe eine Gemüsesuppe und einen Kaiserschmarrn mit Hollerkoch zur Feier des Tages gemacht und mich dann zu meiner “Paula Nebel” gesetzt. Daß es mir damit gut geht, habe ich schon geschrieben, auch wenn sie literarisch vielleicht nicht den Standard einer Andrea Winkler oder einer Milena Michiko Flasar erreicht, sondern sprachlich realistisch ist und weil der Text nur zweiundfünzig Seiten hat, ging auch das Korrigieren flott voran, was heißen soll, ich wurde gerade damit fertig und nun erwarten den Alfred zwei Manuskripten zum Buch daraus machen. Ich werde morgen den Buchtext schreiben, danach aussuchen was ich für den 16. Juni aus der “Mimi” lesen will und bin frei für das nächste. Und da schreibe ich gleich, die Idee für meinen nächsten “Jahrhundertroman” ist mir schon am Freitag gekommen und ein Arbeitstitel, der “Ein Glas zuviel” heißen könnte. Aber ich werde mich dennoch nicht gleich darauf stürzen, sondern, wie geplant, vielleicht doch bis zum Nanowrimo warten, bzw. zuerst die Texte für das “Literaturgeflüster- Texte- Buch” zusammenstellen und da ich da möglicherweise zu wenig literarische Skizzen habe, kann ich mich ja am nächsten Wochenende mit oder ohne Fahrschein in die Stadt begeben und ein paar Stücke zusammensammeln, was auch gut passt, habe ich ja gerade von Mathias Handwerk von den “5er Autoren” ein Mail bekommen, daß es jetzt doch eine Anthologie zu der Lesung im November geben und ich Texte schicken soll, die kann ich dann auch gleich zusammensuchen.
Ansonsten habe ich noch immer vor mein sogenanntes Strohwitwendasein, das ich durchaus sehr genieße und gewohnt bin, weil der Alfred mehrmals jährlich größere Reisen macht, mit Lesen zu verbringen, die ungelesenen Bücherstapeln und die Bücherkästen treiben mich dazu an und da habe ich nicht nur ein “Pfingsten erlesen” geplant, das ich ziemlich zelebrieren will, einen Tag mit den Bücherlistenbüchern in der Stadt herumfahren, einen Tag zu Hause auf der Terrasse, im Bett oder in der Badewanne”, den dritten Tag vor den Bücherkästen und daraus lesen, also wieder meinen SUB erweitern, sondern habe in der einen Alfred freien Woche, auch schon einiges gelesen, was mich wieder ein bißchen in Blognotstand bringt, will ich ja nur einen Artikel pro Tag verfassen. Ja, die Leute haben Probleme und so erscheinen am Muttertag zwei Artikeln und ein paar Buchbesprechungen gibt es schon auf Vorrat.
Und hier das Muttertagsarchiv
Day: 13. May 2012
Jagdsaison
“Jagdsaison”, einer der historischen Krimis des berühmten Sizilianers Andrea Camilleri, ist ein skurilles Buch oder, wie auf der Rückseite steht “eine sizilanische Komödie voll praller Sinnlichkeit, erzählt mit spürbarer Lust an überraschenden Wendungen und komischen Situationen von wunderbar plastischen Figuren”, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.
Ich habs ein bißchen weniger euphorisch empfunden. Mir war die Geschichte von der Verderblichkeit der Adeligen und ihrer verlogenen Gottesfurcht und gelebter Sündhaftigkeit, ein wenig zu schwülstig und die Frauen kommen bei ihm auch nicht gut weg oder werden so dumm naiv und einfältig hilflos dargestellt, wie sie um 1880 in den sizilianischen Dörfern höchstwahrscheinlich auch waren.
Ich habe in den offenen Bücherschränken inzwischen ja einige Camilleris gefunden, von dem ja, obwohl 1925 geboren, vor kurzem erst ein Buch auf Deutsch erschienen ist, die überall angepriesenen Montalbin Krimis sind aber noch ungelesen, denn jetzt ist “Jagdsaison” auf meine Leseliste geraten. Ich wiederhole es, ein wahrhaft skurilles Buch, wo man die Boshaftigkeit des Autors zu spüren scheint, ich denke aber doch, daß man, wenn ich so was schreiben würde, es wahrscheinlich kitschig nennen würde.
Nun mit dem Postschiff kommt im Jahre 1880, lang lang ists her, ein geheimnisvoller Mann in das Städtchen Vigata, sagt niemanden, wie er heißt und entpuppt sich als der künftige Apotheker und als er seine erste Runde in dem Städtchen macht, begegnet er einem Geist, bzw. einem alten Mann, dem Marchese des Ortes, der ihn anstarrt und mit “Die Jagdzeit beginnt” begrüßt, dann nach seinem Namen sucht, ihn aber nicht herausbringt, ist er ja schon ein wenig senil und wird von seinem Diener mehrmals am Tag auf den Dorfplatz und dann wieder zurück ins Schloß gebracht, wo er mit seinem Sohn, dessen Frau und zwei Kindern lebt. Der Sohn, der jüngere Marchese hat von seiner Frau zuerst eine Tochter bekommen und sie dann solange zum Vögeln gezwungen, bis endlich doch ein Sohn entstand, ob das legal oder mit Mithilfe anderer Männer oder Hilfsmitteln geschah, ist nicht ganz klar.
Der Großvater ertrinkt jedenfalls irgendwann einmal oder begeht Selbstmord und der Enkel stirbt an einem Pilzgericht. Die Mutter verfällt darob in Wahnsinn und der Marchese verläßt das Schloß, um sich bei seinem Verwalter einzuquartieren und bekommt von dessen Frau dann auch einen Sohn. Danach wird er tot in einer Schlucht gefunden und der Apotheker kommt bis dahin immer zart ins Spiel, indem er sämtlichen handelnden Personen Pillen verkauft oder verschreibt.
Der Pfarrer spielt auch eine große Rolle und will die Tochter des Marchesen, die inzwischen als Erbin überblieb, zuerst mit dem Apotheker verkuppeln. Aber der Gatte einer Marchesa muß natürlich adelig sein. So kommt ein Cousin aus Palermo angefahren, der ist zwar ein Filou und verspielt ihr Geld, die Jungfrau gibt ihm aber trotzdem ihr Ja-Wort, der Apotheker rät ihr auch dazu. Da man in Sizilien aber um jeden Toten drei Jahre trauern muß und die Marchesa Vater, Mutter und Bruder verloren hat, kommen neun Jahre Trauerzeit heraus und weil der Verlobte nicht solange warten wird, entsteht ein Ablaßhandel und der Bischof läßt sich auf drei Jahre hinunterfeilschen.
Die sind fast vorbei und Antoinetta trägt schon wieder weiße Streifen auf ihrem Trauerkleid, sie hat auch einen schwarzen Hintern, als ein Onkel aus Amerika angereist kommt, den Verlobten zum Teufel jagen will. Nur leider stirbt er samt seiner Frau und Dienerschaft dabei und der Verlobte verendet an einem diabetischen Anfall. Antoinetta hat schlechte Träume, ohrfeigt ihre Dienstboten mit denen sie vorher an einem Tisch gegessen hat und scheint auch zu onanieren, so daß der Pfarrer jetzt wieder zur Ehe mit dem Apotheker rät, der gerät kurz danach in eine Jagdleidenschaft und es erscheint auch noch ein Commissario der ihm auf den Kopf zusagt, daß er der Mörder all der Toten ist, weil er sich schon als Kind, er war ein Bauernjunge im Dorf, in die schöne Antoinetta verliebte, die aber unter normalen Umständen nur einen Adeligen heiraten darf. Nach vollzogener Eheschließung bereut der Ehemann aber die Heirat.
“Ein Weib zu haben ist nur ein schwacher Ersatz für eine gelungene Masturbation. – Fofo ahnte nicht, daß er mit dieser Maxime einem Österreicher namens Karl Kraus um viele Jahre zuvorgekommen war.”
Nun ja, ein bißchen schwülstig halt und für meinen Geschmack zu skurril und verarschend und es wundert mich ein wenig, daß die Literaturkritik, das Andrea Camillieri durchgehen läßt. Hat ja die Courths- Mahler Ähnliches, wenn auch viel weniger skurril satirisch beschrieben und war damit auch sehr erfolgreich, wenn auch nicht literarisch anerkannt.
Das ist der zweite historische Camillieri Krimi, den ich gelesen habe.
Zu Ostern stand ja “Der zweite Kuß des Judas” auf meiner Leseliste und den habe ich weniger skurril empfunden.