Wir fliegen

Peter Stamms Erzählband “Wir fliegen”, habe ich vorigen Juni bei Morawa um einen Euro gekauft, weil ich den Namen, des 1963 geborenen Schweizer Autors, von verschiedenen Buchpreislisten kannte, auf denen er gestanden ist.
2009 zum Beispiel auf der Longlist für den dBP mit seinem Roman “Sieben Jahre”.
20011 war er mit dem Erzählband “Seerücken” für den Leipziger Buchpreis nominiert und sein Roman “Agnes” war unter den Büchern, die der deutsche Börseverein zum Welttag des Buches verschenkte, literaturcafe.de berichtete davon.
Jetzt habe ich den Erzählband gelesen, über den Martin Krumbholz von der bayrischen Rundschau schreibt “Peter Stamm zeigt, daß die alltäglichsten Geschichten, die aufregensten sind, weil wir uns in uns wiedererkennen”
Und das stimmt oder stimmt nicht, weil nicht immer ganz klar ist, ob in den zwölf Erzählungen wirklich nur Alltägliches passiert, in manchen von von ihnen passiert sehr viel Ungewöhnliches, dann bleibt aber wieder viel offen, wird ausgespart und es sind die Banalitäten, mit denen die Geschichten enden. Um Beziehungen geht es aber in allen von ihnen. Der Klappentext schreibt noch etwas “von Momenten, die alles verändern und die Welt in einem anderen Licht erscheinen läßt”.
Ein wenig geheimnisvoll und ungewöhnlich sind sie schon die Erzählungen.
In “Die Erwartung” hat eine holländische Kindergärtnerin ihre Kolleginnen zum Essen eingeladen, sie hat keinen Freund und fühlt sich ihnen, die in Paarbeziehungen leben, unterlegen, da hört sie plötzlich Schritte aus der Wohnung oben, in der eine alte Frau lebt, die sie nie gesehen hat. Jetzt hat sie schon länger nichts von ihr gehört. Also geht sie nach oben und läutet an. Es öffnet ein sehr viel jüngerer Mann und es bahnt sich eine Beziehung zwischen ihnen an, die sehr geheimnisvoll bleibt und undifferenziert endet. Oder die Geschichte “Fremdkörper” Da hält ein Höhlenforscher einen Vortrag und wird von einem Paar angesprochen und in ihre Wohnung mitgenommen, er soll er dort auch schlafen und mit ihnen später eine “Nirvana” genannte Höhle besuchen. Der Mann geht schlafen, der Höhlenforscher bleibt bei seiner viel jüngeren Freundin zurück, um Todesangst geht es dabei auch.
“Drei Schwestern” heißen die Berge, die Heidi vor ihrem Fenster sieht und die wollte einmal Malerin werden, ihre Eltern waren dagegen, die Zeichenlehrerin animierte sie aber dazu, sich in Wien an der Akademie anzumelden, sie suchte auch mit ihr die Bilder aus, es passierten offenbar homoerotische Momente, so daß die, denen Heidi ihre Zeichnungen zeigt, sie als Mösen bezeichnen. So traut sie sich nicht mehr nach Wien zu fahren, steigt in Innsbruck aus dem Zug, gerät in das Zimmer eines Mannes, von dem sie dann ein Kind bekommt, ihn heiratet und später wieder zu zeichnen beginnt.
Der Wahnsinn wird in der Geschichte “Die Verletzung” thematisiert, da geht es um einen Dorflehrer, der in der Schule keine Anerkennung findet und von seiner Jugendliebe, deren Mutter wahnsinnig wurde, verschmäht wird. So beginnt er seine ganze Wohnung zu verheitzen und sein Auto im Schnee stehen zu lassen. Ganz schön beklemmend und unheimlich, vor allem in der Art, wie erzählt wird.
“Das Pflaster” ist auch so eine Geschichte, wo man am Ende nicht weiß, wie aufregend sie wirklich war. Bruno ist Nachtportier und wohl in seiner Ehe sehr gelangweilt, er ließ sich ein Melanom entfernen und wartet nun auf den Befund. Das tut er in seinem Hotel und während er seine Frau beruhigt, daß alles harmlos ist, durchlebt er Stunden der Todesangst.
Die Titelgeschichte ist ähnlich kryptisch, symbolhaft angedeutet. Da wird ein Kind im Kindergarten nicht abgeholt. Die Kindergärtnerin nimmt es mit nach Hause. Dort ist ihr Freund und will Sex von ihr, sie geniert sich aber vor den Kind, so daß er Freund mit ihm Flugzeug spielt. Später ruft die Mutter an und alles ist in Ordnung und das Paar wieder allein.
“Videocity” schildert auch eine sehr unalltäglich Welt eines Verfolgten und der “Brief” hat mich sehr berührt. Da wird in schlichten Andeutungen viel erzählt. Eine Frau wird Witwe, entsorgt die Sachen ihres Mannes und findet dreißig Jahre alte Liebesbriefe, die sie verletzen, da die Geliebte, dem Mann Sachen schrieb, die sie ihm, da sie nur “Postkarten schrieb, die auch der Postbote lesen konnte”, nie sagte und während die Enkeltochter fragt, ob der Großvater im Himmel ist und eine Exfreundin ihres Sohnes erzählt, daß sie auch die Geliebte eines verheirateten Mannes ist, will sie ihr erst raten, die Beziehung aufzugeben, dann zerreißt sie den Brief und schreibt einen ihren Manfred “mit Sätzen die sie vorher nie geschrieben hat.”
So geht es weiter in den zwölf Geschichten, eine ist ein bißchen übersinnlich, wo der Pfarrer vom Land, in seiner Gemeinde, die nicht in die Kirche geht und die er für Kommunisten hält, plötzlich eine Jungfrau hat, deren Kind vom lieben Gott gezeugt wurde, wie sie behauptet, sie wird seine Köchin, er hält ihren Bauch, die Gemeinde will von ihr gesegnet werden und die Kirche ist plötzlich voll und da das Kind ein Mädchen wurde, kann es auch nicht “Jesus” heißen.
Sprachlich sehr anspruchsvoll, die zwölf Beziehungsgeschichten vom Großen und vom Kleinen, der Erotik und dem Alltäglichen und so ist das Leben wohl auch, sowohl banal als auch kompliziert, man wird betrogen und betrügt, vergißt seine Kinder manchmal auch im Kingergarten und dann werden sie doch abgeholt.

Post-Frühstück

“Samstag ist Banktag!”, steht in dem Bezirkszeitungsinserat, eine meiner wöchentlichen Postwurfsendungen. Ich denke “Aha!” und glaube es nicht. Hat meine Bank, die Bank Austria, vormals Zentralsparkassa, ja nicht an diesem Tag geöffnet und seit einiger Zeit auch am Nachmittag nicht. Die BAWAG, die ja auch vor kurzem in eine Krise schlitterte, verspricht es aber und hat sich mit der P.S.K verbunden. Zumindestens befindet sich “meine Post” seit kurzem in einer BAWAG-Filiale und die Jahngasse 37-39 ist ja auch ein Postamt.
Jetzt aber auch Bank und lädt daher zum Frühstück ein, diesen Samstag von neun bis zwölf zu Kaffee und Kipferln und da muß ich natürlich hin. Umso mehr, da das ja mein Postamt war, als ich die Praxis in der Reinprechtsdorferstraße hatte und ich vor kurzem dort war, als ich in der Schönbrunnerstraße einen Brief aufgeben und Marken kaufen wollte, die Dame am Schalter aber bedauerte “Leider, leider, die Kasse ist heute geschlossen!”
“Klingt ein bißchen absurd!”, habe ich gedacht. Von der Post ist man in der letzten Zeit aber einiges gewöhnt.
Einsparungen, Rationalisierungen, Pensionierungen und Versetzen der unkündbaren Beamten in den sogenanten Pool, wo sie sitzen und sich langweilen, während ich auf meine Post schon mal bis fünf Uhr Nachmittag wartete oder ein Herr aus der Nachbarstraße bei mir klingelte und mir meine Briefe brachte.
Aber “Wenns wirklich wichtig ist, dann mit der Post!”, steht neuerdings auf den Briefkästen. Ich habe zwei meiner Geburtstagseinladungen im vorigen November aber zweimal zurückgeschickt bekommen, obwohl sie richtig addressiert waren und sehnsuchtsvoll an früher gedacht, wo ich wußte, daß meine Urlaubskarten ankommen, auch wenn ich die genaue Hausnummer nicht mit hatte. Heute funktioniert das schon lange nicht, aber, das Postkartenschreiben kommt ohnehin ab und wird zum anachronistischen Vergnügen.
“Wenns wirklich wichtig ist, dann mit der Post!”, wird also geworben, während die Postämter zusammengelegt werden. Aber wenn sie das tun, dann wird offenbar mit Kaffee und Kipferln eröffnet und, daß Samstag Banktag ist, ist eigentlich sehr schön, obwohls mich ja nicht betrifft. Aber gut zu wissen, daß ich noch am Samstag Briefmarken kaufen kann, das habe ich schon nicht geglaubt, denke ich und betrete die neue BAWAG-Filiale, wo eine freundliche Dame im blauen Rock, weißer Bluse und gestreifter BWAG-Krawatte vor einigen Kisten mit Sackerln steht, die den Aufdruck einer bekannten Bäckerei tragen und mir ein solches entgegenstreckt.
“Kaffee gibts nebenan!”, sagt sie dazu.
Da stehen auch freundlichen Damen vor den Maschinen und machen mir meinen Cafe latte oder Cappucino mit viel Milch, wie ich ihn gern trinke, ich mische mir ein Glas Wasser mit Orangensaft und stelle mich an einen Tisch, um mein Kipferl zu verzehren, neben mir zwei Damen, die das ebenso tun.
“Wir sind nicht so schlank, wie das Fräulein!”, sagt die Ältere zu mir und meint die junge Frau mit dem Kopftuch, die offensichtlich schwanger ist, die lächelt und läßt ihr Kipferl später stehen, der übergebliebene Kaffee, den eine andere Frau bemängelt, war aber nicht von ihr.
“Die Leute haben keine Manieren!”, schimpft die Frau.
“Zuerst nehmen und dann stehen lassen!” und eine andere bezirzt die Dame vor den Kipferlkisten, ihr doch eines oder zwei für den Herrn aus dem Ein-Euro-Shop zu geben, den der Arme kann sein Geschäft nicht verlassen. Sie tuts, die Frau wird dann vom Securitytyp im schwarzen Anzug und der Glatze angesprochen, ob sie schon genug gefrühstückt hat?
“Beehren Sie uns bald wieder, nächste Woche, auch ohne Kaffee und Kuchen, denn Sie wissen ja, wenns wirklich wichtig ist, dann mit der Post!”, denkt es in mir und daran, daß sich der kommunistische Bezirksrat sehr darum bemühte, die Postschließung in der Schönbrunnerstraße zu verhindern und, daß der Weg zur Pilgramgasse für mich viel weiter ist.
Aber gut zu wissen, daß die gute neue Post auch am Samstag geöffnet ist. Hatte ich ja schon befürchtet, auch nur mehr Vormittagsöffnungszeiten vorzufinden und die Kipferln, die es heute gab, waren wirklich gut.
“Sind Sie frisch?”, hat die schon erwähnte Frau, skeptisch gefragt?”
Sie waren es und auch mit Zucker bestreut.