Nun kommt, ganz zufällig, mein Beitrag zum hundertfünfzigsten Geburtstag von Arthur Schnitzer, der diese Tage die Gemüter und Ö1 erregt, denn Gerhard Loibelsbergers Roman aus dem alten Wien “Reigen des Todes” spielt ja ganz offensichtlich, auf das berühmte Schnitzer Stück an. 1908 in dem der Roman spielt, passt auch, obwohl im Verzeichnis der historischen Personen auf Seite sechs, zwar Sigmund Freud und Oskar Kokoschka erscheinen, Arthur Schnitzer aber fehlt, als ich aber am Montag auf meinen Gang in die Alte Schmiede durch den Morawa gegangen bin, habe ich “Reigen des Todes” dort liegen gesehen, obwohl das Buch aus dem Gmeiner Verlag schon 2010 erschienen ist. Ich habe es, schon bei “Rund um die Burg” vorgelesen bekommen und den Vorgänger des Buches, die berühmten “Naschmarktmorde” auf die mehrmals verwiesen wird, habe ich durch leselustfrust kennengelernt und die hat mich vor einem Jahr auch auf den Bücherflohmarkt im Museumsquartier aufmerksam gemacht und da habe ich für einen guten Zweck, sowohl den Loibelsberger, als auch den folgenden Krimi um einen oder zwei Euro gekauft.
Historische Krimis aus dem Alten Wien scheinen derzeit hoch in Mode, für mich war die Besprechung der “Naschmarktmorde” die erste Begegnung damit, damals war das für mich etwas Neues, inzwischen habe ich “Chuzpe” und “Der Tod fährt Riesenrad” gelesen. Man lernt viel durch Blogs und kommt dadurch auf neue Bücher und “Reigen des Todes” ist in vielen Bereichen interessant. Erstens interessiere ich mich für das Wien Anfang des vorigen Jahrhunderts, wo mein Eltern ein paar Jahre später in Ottakring oder Fünfhaus in Zinskasernen aufgewachsen sind und dann kann man auch über das Romanschreiben und die Verlagspolitik ein bißchen was erfahren und das Titelbild zieht auch gleich an. Ist es ja ein berühmter Klimt, der darauf abgebildet ist, no na, das wollen die Touristen und die Teile des Buches, die Februar/März 1908, April/Mai etc heißen, haben einführende Zitate, wie beispielsweise “Dieses Buch ist den Elenden gewidmet, den Verdammten der Gesellschaft, den Lumpen von Schiksals Gnaden” – Aus Emil Klägers “Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechen, Wien 1908” und dort geht es gleich hinein, in die Fluten des Donaukanals, wo die Sandler oder, wie es im Buch genannt wird, die “Griasler” leben, denn da findet der ehemalige Fleischergeselle Anastasius Schöberl einen “steif gefrorenen Finger”, den er dem Redakteur Goldblatt bringt. Der schreibt in seiner Zeitung vom “Wiener Kannibsalismus” und so muß der Polizeiinspector (Achtung Kritiker, ich hab mich nicht verschrieben, so stehts im Buch und war wohl auch die Schreibweise von 1908, wo es auch Films statt Filme hieß) Joseph Maria Nechyba, ein Freund des guten Essens, der auch mit einer Herrschaftsköchin verheiratet ist, ausrücken, stürmt den Kanal und findet auch noch einen Kopf. Der gehört samt Finger dem ehemaligen Oberstleutnant Vestenbrugg, der berühmten Deutschmeister, die hier Edelbuben genannt werden und der hatte ein Gspusi (für meine deutschen Leser, ich übersetz das nicht, im Buch gibt es ein genaues Glossar, was unter einer Marille, einer Buchtel, einem Beisl etc zu verstehen ist) mit der Steffi Moravec, einer herben vollbusigen Schönheit und ehemaligen Sitzkassiererin des Cafe Sperls, die aus armen Verhältnissen des ehemaligen Ratzenstadls kam, vom Oberstleutnant aber ausgehalten und eine schöne Wohnung bezahlt bekommen hat. Aus der muß sie aber nach seinem Tod heraus, so zieht sie eine Weile am Naschmarkt herum, während sie am Abend bei einer Freundin schlafen darf, bis sie die noch nobligere Geliebte des Markgrafen
Collredi wird, in dessen Palais sie sich sehr aufführt und die Dienstboten anherrscht, aber als sie mit dem Liebsten ins Theater an der Wien geht, wird sie von einem Deutschmeister angepöbelt, der Graf fordert ihn zum Duell auf, wird erschossen und die Schöne muß wieder ihre Koffer packen. Sie geht für eine Weile zum Leutnant Hansi Popovic zurück, den sie schon einmal durch ein Brieflein, um einen Gefallen gebeten hat, der hat, weil ein Säufer aus Liebeskummer, inzwischen den Dienst quittiert und ist Assistent Österreichs ersten Filmproduzenten Johann Schwarzer 1880-1914, steht in den Anmerkungen der historischen Persönlichkeiten, geworden, der die ersten Pornofillms mit den süßen Mäderln dreht und weil die schöne Steffi nicht nur einen großen Busen und sadistische Veranlagungen, sondern auch künstlerisches Talent besitzt, schnappt sie sich bald den Chef, wird Pornodarstellerin und schreibt sich auch die Drehbücher dafür. So findet man auch die Leiche des erhängten Popovic im Wasser. Steffi wird von Nechyba wegen Mords gesucht, kann nur in letzter Sekunde entkommen, er will sie am Fuß aus dem Fenster aus dem sie schon fast entkommen ist, zurückziehen, sie schlägt ihm den Absatz ins Gesicht oder Bauch und zerschneidet sich mit dem Messer das Gesicht, weil man ein entstelltes Gesicht nicht so leicht erkennt. Am Schluß wird dann eine zerfetzte Frauenleiche, aus der auch die Leber herausgeschnitten wurde und ein weiteres Drehbuch der Moravec gefunden. Eines, in dem steht, daß der Oberstleutnant Vestenbrugg wegen der ihn überfordernden Reize der nackten Schönen, einen Herzinfarkt bekam, so daß sie mit Popvics Hilfe seine Leiche zerstückeln mußte, der sich dann aus Gram erhängte, gibt es schon. Jetzt ist noch der Bruder, der in Galizien diente, zurückgekommen und hat sich an der Schwester gerächt, weil ein Soldat der K.und K. Armee, wahrscheinlich nicht nur keine Schulden, was ja einem Leutnant Gustl das Leben kostete, sondern wohl auch keine unehhrenhafte Schwester haben durfte und wir haben, wenn wir so weit gekommen sind, viel von dem historischen Wien des Jahres 1908 kennengelernt, nicht nur die Elendsquartiere und die Suppenküchen am Graben, sondern auch, daß zum sechzigjährigen Jubiläum seiner Mayestät ein Kinderfestzug stattfand. Nebycha mußte seine Mayrestät dabei beschützen und die historische Schriftstellerin Marie Sidonie Heimel-Purschke 1853-1928, nie von ihr gehört, hat das Festgedicht dazu geschrieben und weil in Krimis, wie wir inzwischen wissen, viel gekocht und gegessen werden muß, um die Leser anzulocken, gibt es auch historische Kochrezepte mit der dazugehörigen deutschen Übersetzung, die ich mich an dem Buch ein bißchen störte, denn ich weiß ja, daß “in dünne Streifen geschnittene Pfannkuchen” Frittaten sind, Aprikosen Marillen, Kartoffeln Erdäpfeln etc, muß das wissen, denn ich lese öfter Bücher aus dem Suhrkamp oder S.Fischer Verlag, wo es keine Übersetzungen ins Österreichische gibt und sich, wenn die Bücher von österreichischen Autoren geschrieben wurden, nur die großen, wie beispielsweise Marlene Streeruwitz die Eindeutschung verhindern können, während das noch nicht so ganz berühmten, wie beispielsweise Cornelia Travnicek, derzeit noch nicht gelingt und blöder, als die Österreicher werden die deutschen Leser ja auch nicht sein!
Ansonsten aber ein spannender Rundgang durch das alte Wien, das ich ja ganz gut kenne, weil ich zufällig, immer in der Nähe der historischen Orte wohne und besonders interessant, die Umkehrung der Verhältnisse. Die Heldin ist das, mir nicht immer ganz sympathische, süße Mädel, das aus ihrer Not den Spieß umdreht, mit den hohen Herren verkehren muß, um nicht zu verhungern, die sterben dann immer ganz natürlich. Sie muß sie aber, um nicht an ihrem Tod hängen bleiben, trotzdem zerstückeln und in den Donaukanal oder Wienfluß werfen lassen. Ein bißchen zynisch-ironisch könnte man sagen und ich kann mir vorstellen, daß das auch gern gelesen wird. Die allzu große Anbiederung an den deutschen Leser stört mich zwar, denn ich habe ja auch schon einmal eine fürchterliche nord-oder undeutsche Übersetzung von John Irvings “Der Bär ist los”, gelesen und da konnte man angeblich auch nichts machen, daß der Übersetzer ein Deutscher war, der mit dem Wienerischen, wo der Roman ja spielt, nichts anfangen konnte.
Gerhard Loibelsberger wurde 1957 in Wien geboren, arbeitete seit 1984 als freier Webe- und PR- Texter und ist Autor von Sach- und Gourmetbüchern, Songtexten und Kriminalromanen.
Month: May 2012
Treffen sich zwei
Manchmal findet man im offenen Bücherschrank ganz wunderbare Bücher, nämlich die, die auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stehen, wie Iris Hanikas “Treffen sich zwei” und von dem habe ich schon viel gelsen, wurde der dBP 2008 in der FAZ ja sehr besprochen und so haben sich die Namen Rolf Lappert und Iris Hanika bei mir eingeprägt, die ich beide vorher nicht kannte und Andrea Stift hat etwas später ein zweites wunderbares Buch von Iris Hanika sehr gelobt. Dann gehe ich, Ende April voriges Jahres glaub ich war es, zu der ersten Mai Veranstaltung der Grünen ins Kino in der Burggasse, finde einen Tschingis Aitmatow, der noch kommen wird und “Treffen sich zwei” setzte es auf die Leseliste und bin dann, wie es mir nicht sehr oft passiert beim Lesen animiert.
Denn ganz ehrlich, für so viel besser halte ich die Literatur der anderen nicht. Sie schreiben natürlich sprachlich galanter und abgehobener, sonst würden sie es nicht in die Verlage schaffen, aber das erscheint mir meistens als ein bißchen maniriert und künstlich. Bei Uwe Tellkamps Bachmannpreistext hatte ich das Gefühl, der ist besser als ich, als ich das Buch dann gelesen habe und das hat ja den dBP 2008 gewonnen, war dieser Eindruck wieder weg. Jetzt habe ich wieder eine Sprachkünstlerin in der Hauptbücherei getroffen, denke mir, sehr bemüht, so will ich eigentlich nicht schreiben und es wurde ohnehin schon alles geschrieben…
Bei Iris Hanika war ich aber baff, denn der ist meiner Meinung nach das Kunststück gelungen einen wirklich ungewöhnlichen Ton zu treffen, der frisch und ungebraucht wirkt und dann merkt man auch die Konstruktion, liest über diese Stellen weg und denkt sich, was mir auch nicht so oft passiert “Ich will weiter und will mich mit den Schönen Worten gar nicht länger aufhalten, wie geht es aus?”
Wahrscheinlich liegts auch am Thema, der Romance, dem Liebesroman und so was hat man ja auch schon irgendwann erlebt, ich jedenfalls, obwohls bei mir nicht so gut ausgegangen ist, als ich mich Schlag um Schlag in den Hans verliebte.
Da treffen sich also zwei in dem hippen Berlin, das wiedervereint ist, man das Ehepaar Sorioglu im Hausflur trifft und in dem oft die Literatur entsteht, die dann den Bachmannpreis gewinnt und es beginnt natürlich sehr theoretisch “Im August ist die Zeit angehalten” ist der erste Satz.
Aha, reißt mich nicht gerade vom Stockerl, dann geht es zu einem Thomas einem Informatiker, der geladen ist, weil im Büro so gar nichts klappt. Er steht unter Strom, duscht, rennt herum in seiner Wohnung und geht dann in ein Lokal, bestellt zwei Bier, trinkt sie hinunter, geht aufs Klo, steht, als er herauskommt vor seiner Traumfrau Sena und starrt sie sprachlos an und Senta Bergner, nicht Berger, obwohl sie oft mit der österreichischen Schauspielerin verwechselt wird, dieses Thema hatte ich auch schon einmal, hat den ganzen Tag geweint, Lou Andreas-Salome verflucht, weil die immer die tollsten Männer kriegte, Rilke gelesen und an ihren Rainer, ihre verlorene Liebschaft gedacht. Denn Senta verliebt sich sehr oft und heult auch sehr viel. Am Nachmittag arbeitet sie in einer Galerie, da sie Kunst, Literatur und Religionswissenschaft studierte, aber alles nicht abgeschlossen hat. Vorher geht sie manchmal in das Schwulenlokal einen Kaffee trinken, abends ist sie das erste Mal dort, starrt ihren Thomas an und nach dem sie das eine Weile getan hat, gehen sie zusammen weg und er folgt ihr natürlich in ihre Wohnung, denn jetzt geht er nicht weg. Dann liegen sie im Bett und vögeln oder ficken, obwohl Thomas für Senta natürlich seine Ambivalenzen hat. Sie erzählt ihm auch, wie sie zu ihrem Namen kam, denn ihre Eltern waren Wagnerianer, so heißen ihre Geschwister Tristan, Isolde und Wolfram, die alle, wie Thomas natürlich weiß, den Liebestod sterben und Thomas verläßt Senta am Morgen, denn er muß was arbeiten.
“Ich ruf dich wieder an!”
Wie soll er das machen?, kennt er ihre Telefonnummer doch nicht, denkt Senta, geht ins Internet und schaut unter Thomas und unter Systemberater nach, kommt da seltsamerweise auf ein paar Adressen von Wiener Psychotherapeuten. Wieso das, habe ich nicht ganz verstanden, aber Senta hatte möglicherweise mal einen Wiener Liebhaber, so ist ihr auch das Wort “Zwutschgerl” bekannt, eine Anspielung auf Freud könnte es auch sein. Dann kommen auch Einschübe übers Weinen und man denkt sich, was soll das? So soll man doch nicht schreiben, raten die Schreiblehrbücher. Aber vielleicht macht das das Buch interessant und ungewöhnlich. Zwischendurch folgen auch immer Schreibanweisungen, was sich die Autorin über den Schreibfluß denkt und Thomas ruft natürlich schon am Nachmittag in der Galerie, wo sich Senta lesend langweilt an, weil er hat sie natürlich übers Netz gefunden und ihr Name stand auch an der Tür.
Sie gehen in einen Park und auch was essen, beide wohnen sie in Kreuzberg, einer von ihnen hat schon mal in Neukölln gelebt und Senta denkt wieder nach ob er der richtige für sie ist? Sonst aber vögeln sie und trennen sich, um zu arbeiten und einmal kann Thomas nicht am Abend kommen, weil er eine Geschäftsbesprechung hat.
Senta trifft deshalb ihre Freundin in einer Pizzeria, macht Schluß mit ihr, weil sie sie nicht versteht, bleibt noch im Lokal sitzen und bestellt sich eine Flasche Wein und als Thomas anruft, ist sie so betrunken, daß sie ihm vorwirft, daß sie bei ihm nicht kommen kann, als er sie abholt, ihn aber gleichzeitig küssen will Er bringt sie nach Haus und macht Schluß mit ihr. Dann folgt wieder ein witziger aber völlig unpassender Einschub über die Urintherapie von Sentas Chef. Senta geht ins Kino, Thomas denkt über Senta nach, Sentas Chef will von ihr wissen, ob sie schwanger ist. Präservativ haben sie natürlich keins verwendet, ist sie aber nicht und Thomas Chef, ein verständiger Iraner fragt ihn was los ist und rät zu ihr hinzugehen und ihr Rosen zu bringen. Das tut er auch, sie ist nicht da, er sitzt vor ihrer Tür, sie geht vom Kino kommend an ihm vorbei, das geht noch so eine Weile, bis sich die zwei dann wieder treffen…..
“Nicht weinen!”, sagte er mit einer Stimme wie Salbe, “nicht weinen.”
Das drückte ihr bedächtig die Augen zu, und sie stand nun fest auf ihren Beinen. Er sagte: “Wir kriegen das schon hin. Sie lehnte sich an ihn, der sie fest umfing.
An dieser Straßenkreuzung in der Luisenstadt, an diesem schönen Vormittag im September.”
Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren und lebt seit 1979 in Berlin. Sie war feste Mitarbeiterin der Berliner Seiten der FAZ, führte eine Chronik im Merkur, hat mehrere Bücher geschrieben und erhielt 2006 den Hans-Fallada-Preis.
Montauk
Den offenen Bücherschränken habe ich viel zu verdanken, so beispielsweise meine Beschäftigung mit Max Frisch, der demnächst seinen hundertersten Geburtstag hatte und ziemlich zeitleich mit meiner Mutter verstorben ist, so daß mir sein Tod 1991 wahrscheinlich entgangen ist, aber sehr wichtig war mir der Schweizer Autor damals auch nicht, von dem wir bei Frau Prof Friedl in der Schule, das Theaterstück “Biedermann und Brandtstifter”, lasen, von dem ich mich erinnern kann, daß es mich sehr beeindruckte und ich eine Zeitlang darüber reflektierte.
Voriges Jahr habe ich die Erzählung “Montauk” im offenen Bücherschrank gefunden, da waren auch die Hundertjahrfeiern, die in der Schweiz wahrscheinlich intensiver als bei uns in Österreich begangen wurde, so bin ich auch eher durch Thomas Wollingers Blog, der mehrmals über Max Frisch berichtete, bzw. diesbezügliche Videos einstellte, aufmerksam geworden und habe mich auf das Lesen von “Montauk” schon sehr gefreut, um so mehr, da ich mir zu Weihnachten ja den “Mythos Bachmann” schenken ließ und da stand ja etwas, daß die Familie Bachmann verboten hat, das Max Frisch Fotos in Bachmannbiografien erscheinen durften, das dürfte vielleicht mit dem Erinnerungs-Tage-autobiografischen Notizbuch zusammenhängen.
Irgendwo bei Wikipedia habe ich gefunden, daß es auch als Roman bezeichnet wurde, es läßt sich offenbar alles so nennen, um die Verkaufszahl zu steigern und Marcel Reich-Ranicki soll begeistert gewesen sein und die Erzählung in seinen “Hundert beste Bücher-Kanon” aufgenommen haben. Es hat also die unterschiedlichsten Reaktionen ausgelöst und nimmt, wie ich Wikipedia weiter entnehme, eine Sonderstellung zwischen seinen Werken ein, obwohl Tagebücher und autobiografisch hat Max Frisch schon früher geschrieben. Desmal ist die Fiktion aber offenbar ganz verschwunden und die Erzählweise ist eine sehr interessante, sprunghafte, nämlich von dem realen Örtchen in Amerika im Jahre 1974, zurück ins Max Frisch Leben und das wird abwechselnd mit einem “Ich” und mit einem “Er” erzählt und das manchmals sogar innerhalb eines Satzes, so daß man sehr aufmerksam lesen muß, um sich auszukennen, vor allem, wenn man, wie ich, kein besonderer Max Frisch Spezialist ist.
“Das ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, daß ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und dein privates”, steht so schon am Anfang. Der Text ist dann unterteilt mit Überschriften, teilweise in Englisch, teilweise mit Titeln wie “Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”, “Der gute Gott von Manhatten”, aber auch “Warum gerade dieses Wochenende?” oder wieder “Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser und was verschweigt es und warum?”, das ist schon das ganze Kapitel. Es gibt aber auch viel längere.
“Max are you jealous” verweist auf die Erzählgegenwart und dann kommen Fragen wie “Wie alt möchten Sie werden, lieben Sie jemanden und woraus schließen Sie das?”
Man muß also wieder sehr aufmerksam lesen und in Max Frischs Leben hin und herspringen und kann das auch in einem Wochenende oder, wie ich es getan habe, viel kürzer tun, aber ich habe auf Thomas Wollingers Blog, der ein großer Frisch Liebhaber sein muß, schon die Videos gesehen, so daß ich zumindestens eine biografische Ahnung hatte.
Max Frisch ist also im Mai 1974 auf Lesereise in den USA gewesen und dabei mit einer jungen Verlagsangestellten herumgefahren und beschreibt in dieser Erzählung, das Wochenende, das er mit ihr, in der Erzählung Lynn genannt, in Wirklich hat sie anders geheißen und Max Frisch soll mit ihr auch ein paar Jahre zusammengelebt haben, wie ich Google entnahm, verbringt.
Er reist mit ihr in das Städtchen Montaux, das durch Max Frischs Erzählung bekannt geworden ist und reist gleichzeitig durch sein Leben, beschließt an diesem Ort es, wie schon erwähnt, aufrichtig aufzuschreiben und tut das, wie ebenfalls erwähnt, sprunghaft, das heißt, er beschreibt das Wochenende ganz genau, schreibt auch englische Sätze, dann geht er in seine Vergangenheit zurück.
Erzählt in einem sehr langen Kapitel von seinem Jugendfreund W., einem jungen Mann aus reichem Haus, mit dem er zur Schule gegangen ist und der ihm, dem ärmeren, finanziell unterstützte. Mit dem er Reisen unternahm, der ihm Kleider und Platten schenkte und der ihm auch das Paar Schi ersetzte, das während einer Schitour kaputt geworden ist.
Wie aufrichtig das alles wirklich ist, kann eine Nicht-Frisch-Kennerin natürlich nicht beurteilen, sehr beeindruckend und ungewöhlich im Stil empfand ich es allemal und beeindruckend vor allem das Kapitel, in dem er von der gelähmten Frau erzählt, die im selben Haus, wie er wohnt und ihr Bett nicht verlasen kann. Er ist frisch verheiratet und weil man im Haushalt manchmal Dinge braucht, läutet man bei der oben Wohnenden, das heißt Frisch schickt seine Frau hinauf, denn er will nicht mit der Gelähmten konfrontiert werden, auch dann nicht, als er erfährt, daß er sie kennt, mit ihr in die Schule gegangen ist, sogar in sie verliebt war und immer an ihren Zöpfen zog, um ihr nahe zu kommen. Diese Ehrlichkeit, es ist mir unangenehm, eine gelähmte Frau aufzusuchen, habe ich sehr stark empfunden.
Es wird dann sehr durcheinander von seinem Leben erzählt. Er war zuerst Journalist, dann Architekt, dann ist er als Schriftsteller berühmt geworden. Da beschreibt er wieder, wie es ist auf der Straße von Leute erkannt, begrüßt oder ignoriert zu werden.
“Manchmal ist es vorteilhaft: ein deutscher Zöllner, nachdem er meinen Paß gesehen hat, möchte gar nicht in meine Koffer schauen, sondern behilflich sein, er kennt nicht bloß den Namen, sondern erinner sich wohl an ein Stück, das ihn gefallen habe, DER BESUCH DER ALTEN DAME” und kommt zu den zwei Ehen, der halbjüdischen Frau und der, die ihn betrogen hat und natürlich wird auch Ingeborg Bachmann erwähnt, aber wieder sehr angedeutet, daß man schon gut aufpassen und ein bißchen was wissen muß, um die Ingeborg zu erkennen, zum Beispiel, daß sie einmal iden Haus wohnte, wo Gottfried Keller Stadtschreiber war. Also doch kein Buch für einen schnellen Leser, der von Max Frisch nicht viel Ahnung hat, obwohl Joachim Kaiser meint “an diesem Buch, darf kein Frisch-Freund, kein Zeitgenosse vorbei”.
Bei Wikipedia wird es aber sehr genau beschrieben, so daß man auch alle Interpretionen und literaturwissenschaftlichen Deutungen nachlesen kann und sieht, daß sich sehr viele Literaturwissenschaftler damit beschäftigt haben.
Für mich hat das Drüberlesen trotzdem gereicht, ein bißchen kenne ich mich ja aus in der Literaturgeschichte und, daß mich die menschlich-psychlogische Seite besonders interessiert, brauche ich nicht extra betonen. So habe ich es als ein sehr starkes, sehr beeindruckendes und ich kann mich ja auch tauschen, als ein sehr aufrichtiges Buch empfunden und danke dem offenen Bücherschrank sehr, daß er mich damit in Verbindung brachte, weil man an den Klassikern ja leicht vorüber geht, wenn die Schulpflicht schon vorüber hat und man sich für das Zeitgenössische interessiert. Der Bücherschrank ist für mich eine Gelegenheit immer wieder zu den Gustostückerln zu greifen, die nicht bei mir zu Hause stehen.
Laut und Luise als fünftausendste Veranstaltung
Die Alte Schmiede hat wieder einmal Grund zum Feiern, nämlich die fünftausenste Veranstaltung im literarischen Quartier und tat dies mit einem Fest, einer besonderen Grundbuchveranstaltung und mehreren Radiosendung. Daß ich zu Grundbuch “Laut und Luise” gehen wollte, hatte ich in meinem Kalender schon eingetragen und das mit der fünftausendsten Veranstaltung ignoriert, als mir Friedrich Hahn am letzten Dienstag von dem Fest am Freitag erzählte. Welches Fest, wahrscheinlich nur für geladene Gäste, für die hundert Autoren vielleicht mit denen sich die Alte Schmiede besonders verbunden fühlt und dazu gehöre ich wohl nicht, obwohl ich sicher bei zehn oder so Veranstaltungen selbst gelesen habe und die Elfriede Gerstl, die mir einmal spontan bei einer solchen Gelegenheit angeboten hat, mitzukommen, kann das ja nicht mehr tun.
Am Freitag war aber ohnehin die Festwocheneröffnung und Milena Michiko Flasar in der Hauptbücherei, die habe ich zwar schon in Leipzig gehört, die Veranstaltung war aber trotzdem interessant und am Mittwoch war Kurt Neumann mit Martin Prinz im “Von Tag zu Tag”, was ich versäumte und Montagmorgen konnte ich von der Festveranstaltung im “Leporello” hören und erfahren, was Peter Henisch, Barbara Frischmuth, Andrea Winkler, Robert Menasse etc von der Alten Schmiede halten und am Abend selber hingehen und dabei ein wenig an die vielen Veranstaltungen denken, bei denen ich schon dort gewesen bin. Eine ist eine ganz Besondere, hat da nämlich in dem Hofquartier, das es nicht mehr gibt, Ernst Hinterberger, seinen Roman von den kleinen Leuten vorgestellt und der ist, hatte ich zu Mittag im Mittagsjournal erfahren gestorben.
Ernst Jandl ist das schon länger, nämlich im Juni 2000, ihn habe ich auch einige Male in der Alten Schmiede gehört und es war auch ein sehr feierlicher Rahmen mit sehr viel Prominenz, so kam Friederike Mayröcker in Begleitung von Christel Fallenstein, Waltraud Haas, Herbert J. Wimmer war da, Ferdinand Schmatz, Ruth Aspöck, Robert Egelhofer u.u.u.
Walter Famler eröffnete, wies auf Wichtigkeit der Alten Schmiede hin und darauf, daß der Kellersaal schon der dritte oder eigentlich vierte Veranstaltungsort ist, habe ja auch ich meine ersten Lesungen im ersten oder zweiten Stock des alten Hauses gehalten, dann gab es ja den Parterresaal und da habe ich auch gelesen und das Schmiede-Museum und seit eineinhalb Jahren den Keller, nachdem die Alte Schmiede umgebaut wurde.
Dann hielt Stadtrat Mailath Pokorny seine Festrede, nachdem die Festgäste und die Kulturbeamten der Stadt Wien begrüßt waren, Kurt Neumann folgte und erläuterte das Programm, das ja seine eigenen Seminarreihen und Autorenprojekte hat, von denen eine Martin Prinz begründet hat und die Grundbuchveranstaltung gibt es auch schon sehr lange. Bei einigen bin ich inzwischen gewesen, über zwei habe ich gebloggt und interessant, daß ich beide Bücher inzwischen auf meiner Leseliste habe, den Torberg werde ich ziemlich bald lesen und für Ernst Jandls 1966 zum ersten Mal erschienenen berühmten Gedichtband “Laut und Luise” konnten wieder besondere Interpreten gewonnen werden. Die Grundbuchreihe wird ja immer von Klaus Kastberger moderiert und am nächsten Tag im Linzer Stifterhaus wiederholt. Einer liest aus dem Werk, ein anderer stellt es literarisch vor und diskutiert wird auch darüber. Der Leser war diesmal der Bachmannpreisträger von 2001 Michael Lentz und tat das mit sehr lauter Stimme, er wird nachher vermutlich heiser gewesen sein oder auch nicht, ist er ja ein Musiker und Performer und erzählte auch ein bißchen was zu den Laut und Sprechgedichten, die Ernst Jandl zum größten Teil 1958 geschrieben hat und die ihm einem größeren Publikum bekannt machte. Ein paar davon kennt man sicher schon, so ist das mit “Napoleon” ja sehr bekannt, hat Ernst Jandl ja damit einmal die Royal Albert Hall gefüllt und diese Aufnahme war auch im Wien-Museum bei der Jandl Ausstellung zu hören. Danach folgte Bernhard Fetz brachte, ein paar Originaltonaufnahmen und erzählte etwas über die Entstehungsgeschichte, nämlich, daß es nicht sehr leicht war für den ehemaligen Englischlehrer einen Verlag zu finden. Suhrkamp hat es beispielsweise mit der Bemerkung, daß das keine Gedichte seien abgelehnt, als Jandl aber später die Frankfurter Poetik Vorlesung hielt ist Siegfried Unseld in der ersten Reihe gesessen. Jandl hat schließlich einen Schweizer Verlag gefunden und der konnte nicht alle Gedichte bringen, waren einige ja zu radikal und alle wären wahrscheinlich auch zu teuer gewesen. Jandl tat sich aber schwer mit dem Auswählen und inzwischen sind, wie Berhard Fetz, glaube ich, in seinem Schlußwort sagte, viele Gedichte sehr bekannt und Evergreens. Man hat sie schon im Ohr, auch wenn man vielleicht nicht wußte, daß sie aus dem Gedichtband “Laut und Luise” stammen und Luise ist der Name von Jandls Mutter, die selber Gedichte geschrieben hat, die religiös und wahrscheinlich konventioneller waren.
Friederike Mayröcker habe ich beobachtet ist sehr ernst und konzentriert dabei gesessen, die anderen haben gelacht, geklatscht und waren vielleicht ähnlich begeistert, wie die Massen in den Sechzigerjahren in der Royal Albert Hall und Kurt Neumann hat auch noch genau begründet, warum dieses Grundbuch für die fünftausendste Veranstaltung ausgewählt wurde und der Stadtrat hat uns noch fünftausend weitere Veranstaltungen gewünscht, ob ich die noch erleben werde, ist fraglich, aber an einige sehr schöne Veranstaltungen kann ich mich erinnern. Auch wenn ich nicht mehr genau sagen kann, wann ich das erste mal in der Alten Schmiede war und über viele habe ich in den fast vier Jahren Literaturgeflüster auch gebloggt, so daß man die Geschichte auch ein bißchen nachvollziehen kann, ich werde aber nicht alle verlinken, so daß man sich die selber zusammensuchen muß. Ich erinnere aber an Angelika Reitzers Textvorstellungen, an Friederike Mayröcker in der Alten Schmiede u.u.u.
Eine Nummer des “Hammers”, wo die Nachrufe auf inzwischen verstorbenen Alte Schmiede Leser, wie Gerald Bisinger, Reinhard Priessnitz, H.C. Artmann, etc, die, wie ich mir von Ruth Aspöck sagen ließ, am Freitag von Dichtern, wie Marie Therese Kerschbaumer, Peter Rosei etc vorgetragen wurde, nachlesen kann, gibt es auch.
Und noch eine Neuigkeit habe ich durch meine eifrigen Suchanfrager gerade erfahren, Cornelia Travnicek darf heuer beim Bachmannpreis lesen, mit der ich ja auch einmal in den Textvorstellen war.
Kopf hoch
Jetzt kommt wieder ein Kunststück, ähnlich schwierig wie die Besprechungen von Büchern des lieben Rudis, denn wie bespricht man einen Karikaturenband?
Hat mich da ja der Holzbaum-Verlag wieder angeschrieben und auf das neue Buch der Edition Komische Künste aufmerksam gemacht.Gerhard Haderer empfiehlt Oliver Ottitsch, denn das besondere an der neuen Reihe des Holzbaum-Verlags, dessen erster Ban “Kopf hoch” von Oliver Ottitsch am vorigen Dienstag herausgekommen und Donnerstags im Museumsquartier vorgestellt wurde, ist, daß hier immer ein renommierter Künstler in einem Vorwort einen jungen Künstler vorstellen und präsentieren wird. In diesem Fall präsentierte Gerhard Haderer, den 1983 in Graz geborenen und in Wien lebenden, studierenden und Witze zeichnenden Oliver Ottitsch, der schon im “Nebelspalter”, im “Eulenspiegel” in “Fiese Bilder” und weiteren artverwandten Druckwerken veröffentlicht hat und auf Seite dreiundsechzig des Bändchens mit roten Schopf, großer Nase, runder Brille und ohne Mund mit oliven Hemd zu sehen ist.
“Kopf hoch” heißt der Band, deshalb sieht man einen Henker, einen Baumstumpf und einen Deliquenten auf dem Titelbild, der solche Forderung ausspricht. Dann geht es rein in die Bilder mit wenig Text. Was tut da die realistische Literatin? Noch dazu da Haderer in seinem Vorwort schreibt “Die Themen seiner Arbeiten sind breit gefächert, keineswegs ist dabei seine Neigung zum schwarzen Humor zu übersehen. Politische Themen lässt er bewußt aus, weil das Andere bereits zur Genüge tun, wie er sagt”? Klingt nicht gerade sehr ermutigend. Aber da sieht man auf Seite achtundvierzig eine Schulklasse mit rothaariger Lehrerin mit langen wallenden Haar, die ihren Schülern das Beispiel vorliest “Marco hat 3 Springermesser im Bauch. Wie viele Springermesser stecken in ihm drin, wenn er 2 rauszieht und Kevin noch 5 nachrammt?” Und schon ist sie angesprungen, die tagespolitisch interessierte Literatin. Hat sie doch vor kurzem erst einen “Langen Brief an den Herrn Kurz” geschrieben und interessiert sich ja sehr für die Bildungsdebatte und die aktuelle gesellschaftliche Situation.
Denn sie sind natürlich schon politisch die Zeichnungen des, wie Gerhard Haderer weiter schreibt “wirklich ambitionierten und begabten Künstlers, der es verdient hat, dass man ihn mit dem Begriff der Komischen Kunst assoziiert.”
Also hinein in das Buch, weil ich den Rundgang durch die Galerie bei Wein, Bier und kleinen Snacks wegen meiner fixen Abendstunde am Donnerstag leider versäumte. Wer interessiert ist kann das aber noch bis Ende Juni im Museumsquartier nachholen. Das Buch hat fünfundsechzig Seiten und auf Seite sieben ist die Tagespolitik ebenfalls nicht angesagt, dafür hält der Folterknecht den gefesselten Deliquenten, die sehr aktuelle Frisuren haben, die Folterkammer auf “Für die einen ist es eine eiserne Jungfrau, ich nenne es Akupunktur für Fortgeschrittene”, sagt er lapidar dazu und es überkommt einer, ob des bösen Witzes das Gruseln. Der Horror scheint Oliver Ottitsch überhaupt sehr zu liegen. So gibt es “Horrorfilme für Brötchen” – “In drei Tagen bist du Kot”, sagt die Semmel und hält ein Handy oder einen Taschenrechner in der Hand und im Bassin für “Nichtschwimmer” treiben die Leichen herum und strecken ihre Hände oder Füße aus dem Wasser.
Makaber, makaber! Im Meer fährt zur untergegangenen Titanic ein kleines Boot heran, das den herbeischwimmenden “Schwimmwesten” verkaufen will, vielleicht nicht tagespolitisch aktuell, man denkt aber trotzdem an den Korruptionsskandal.
“Also raus mit der Sprache! Wo schmuggeln Sie die Welpen?”, wollen die Polizisten von der Austria Security vom nackten, total Durchuntersuchten wissen und während der der Mittagspause in der Modelschule, gibt es von der Kantine kommend einen Run auf das Klo: “He! Andere Leute müssen auch mal kotzen!”, fordert die Schöne und trommelt gegen die Tür.
Daneben gibt es natürlich auch den kleinen subtilen Witz. So ist das “Ende eines Workoholics” “Wegen Ulaub erschossen” und bei den “Sadismus-Wochen beim Japaner” werden “Maki de Sade” befohlen.
“Sollten Sie Stimmen im Kopf hören – Es könnte meine Frau sein. Seit Ihrer Gehirn-O.P hab ich mein Handy nirgends mehr gefunden!”, sagt der Doktor bei der Visite. Subtil grausam, aber natürlich nicht aktuell tagespolitisch oder doch vielleicht, wenn man die Erfolgsmeldungen über die Beinahefehlermeldestatistik der Ärztekammer gehört hat.
Das koschere Gemüse ist ein Kohlrabi mit schwarzen Hut und Schläfenlocken.
“I”m just drinking to forget. To forget what? I don´t remember”, sagt der eine Betrunkene in der Bar zum anderen. Also ein voller Erfolg und noch ein kleines Witzchen, was vielleicht die Ausstellungseröffnung bei Wein und Bier betraf, denn das gabs laut Ottitsch in der Steinzeitauch, da stehen die Fred Feuersteine mit den Sektgläsern vor den Wandmalereien und meckern “Also ich finds primitiv!” und um wieder etwas aktueller zu werden. Hans und Gretel gehen heute zum Hexenhäuschen und sind enttäuscht “Was? Keine Energy Drinks?” “Haben Sie W-Lan?”
Und “auf denWinterschlaf folgt bei den Bären das böse Erwachen”, nämlich “698473 ungelsene Mails”, dann folgt der Lebenslauf und die Website des jungen Zeichners http://oliverottitsch.com/ , wo man sich die Cartoons auch anschauen kann und das “Game ist over, wie auch meine Karikaturenbesprechung und da ich aus Platzgründen keine Bilder zeige und man sich auf diese Art und Weise das Buch vielleicht nicht wirklich vorstellen kann, kann ich den Besuch im Museumsquartier und das Lesen des Bändchens wirklich sehr empfehlen.
Neue Bücher, Blogbekanntschaften, Trennungsgedanken, Fertigwerden
Was tut eine, wenn sie am Muttertag allein zu Hause sitzt, weil der Gatte in Australien herumfährt und die Tochter, den Großeltern in Harland den Rasen mäht? Richtig, sie geht um zehn Uhr morgens mit der großen Tasche zum Wortschatz am Margaretenplatz, um dort die Evi vom ehemaligen Zwillingsleiden, jetzigen Cafe Uranus zu treffen, die gerade wieder eine Blogpause macht. Das scheint unter Bloggern so üblich zu sein, sich vorher aber von ihren Büchern trennt und daher auf ihrer Seite bekannt gab, daß sie sie verschenkt. Das alamiert natürlich eine Bibliophile, um so mehr, da unter den angeführten Romances und Erotikbücher, die mich, um es salopp zu sagen, nicht die Bohne interessieren, zwei Titeln von David Sedaris finde und dessen “Nackt” stand ja einmal auf der Libro-Bestsellerliste, als es diese Bestseller-Aktion noch gab und in der Filiale in der Neubaugasse, fehlte das Buch auch in den Regalen. Die Verkäuferin hat es mir aber aus dem Lager geholt und sein “Holiday on Ice” habe ich einmal im Bücherschrank gefunden und zur vorigen Adventzeit gelesen. Also habe ich mein Interesse angemeldet, die Evi heute um zehn beim Bücherschrank getroffen und denke, daß sie die Siebente ist, die ich durch das Literaturgeflüster kennenlernte. Da war ja einmal Elisabeth von Leselustfrust, deren Blog es auch schon nicht mehr gibt, bei deren Gewinnspiel habe ich eine kleine Zotter-Käfer-Schokolade gewonnen und sie dann bei einer Eva Rossmann-Präsentation im Thalia auf der Mariahilferstraße getroffen und Cornelia Travnicek und Andrea Stift sind auch irgenwie Blogbekanntschaften, zumindest wurde der Kontakt um den Blog geknüpft, als Autorinnen hätte ich sie zwar wahrscheinlich auch anders kennengelernt, so habe ich ja einmal mit Cornelia Travnicek in der Alten Schmiede gelesen und sie und Andrea Stift dann auch zu den “Mittleren” eingeladen. JuSophie hat sich auf meinen Blog einmal gemeldet, ich habe sie im Literaturhaus bei der Studentenlesung kennengelernt, dann ist sie zu einer scharfen Kritikerin geworden, was ich sehr schade finde, weil man ja auch wohlwollend miteinander umgehen kann, wenn man den anderen für keinen guten Literaten hält und Thomas Wollinger, auf dessen Blog ich ja fast täglich meinen literarischen Senf verbreite, habe ich auch kennengelernt, bei der Texthobellesung im Cafe Anno, wo ein halbes Jahr später Sarah Wipauers Bekanntschaft machte.
Bloggen ist also ziemlich kommunikativ und das hat auch die Evi angesprochen, als ich sie fragte, warum sie ihre Bücher nicht einfach in den Bücherschrank stellt, weil das Verschicken nach Deutschland beispielsweise ja ziemlich aufwendig und auch teuer ist? Außerdem hat sie mir gleich strahlend John Irvings “Garp”, glaube ich, das sie vorher im Schrank gefunden hat, mit “Ich kann es nicht lassen, entgegengestreckt und das kann ich auch nicht und habe anschließend auch ein “Jahrhundertbuch” aus dem Schrank gezogen, nämlich Hilde Spiels Roman “Die Früchte des Wohstands” und da habe ich ja erst unlängst gebloggt, daß ich gerne Hilde Spiel Bücher finden würde. Jetzt muß man das nur alles lesen, was bei mir, wenn ich nicht eine extra Lebenslesezeit dazu bekomme, ziemlich unmöglich ist, aber ich versuche wenigstens die Bücher auf Leselisten zu setzen, um den Überblick zu haben.
Das sich von den Ungelesen trennen, wie es die Evi momentan praktiziert, kommt für mich nicht in Frage. Ich bin eine Büchersammlerin, versuche nur das Ansammeln zu bremsen, indem ich nicht extra zu den Bücherschränken gehe, wenn ich aber vorbeikomme, schaue ich hinein und versuche inzwischen nur mehr die Gustostückerln zu nehmen und einen dicken Stephen King, z.B. den ich wahrscheinlich nicht lesen werde, drinnen zu lassen. Es gibt aber sehr viel Gustostückerln und das finde ich eigentlich gut. So bin ich heute auch draufgekommen, als ich Ex Libris hörte, daß J. D. Salingers “hebt den dachbalken hoch, zimmerleute und “seymour wird vorgestellt”, das ich einmal gefunden habe, inzwischen neu aufgelgt und den Lesewilligen sehr empfohlen wurde.
Eine Trennerin bin ich eigentlich nicht, die Evi hat ja jetzt doch noch einen “Trennungsartikel” auf ihren Blog geschrieben und gemeint, daß sie damit gute Erfahrungen gemacht hat, da habe ich wahrscheinlich noch das Nachkriegsgenerationsblut in mir “Man wirft nichts weg, denn man könnte es noch brauchen!”, allerdings bin ich ja eine Konsumverweigerin und auch sonst ein eher sparsamer Typ und ich denke auch, daß man sich vielleicht in zwanzig dreißig Jahren, wenn es keine Papierbücher mehr geben wird, über meinen Nachlaß freut…
Danach bin ich zu meinem einsamen Muttertagstag zurückgegangen, die Muttertagsfeier im Pensionistenheim ist ja schon gewesen, habe eine Gemüsesuppe und einen Kaiserschmarrn mit Hollerkoch zur Feier des Tages gemacht und mich dann zu meiner “Paula Nebel” gesetzt. Daß es mir damit gut geht, habe ich schon geschrieben, auch wenn sie literarisch vielleicht nicht den Standard einer Andrea Winkler oder einer Milena Michiko Flasar erreicht, sondern sprachlich realistisch ist und weil der Text nur zweiundfünzig Seiten hat, ging auch das Korrigieren flott voran, was heißen soll, ich wurde gerade damit fertig und nun erwarten den Alfred zwei Manuskripten zum Buch daraus machen. Ich werde morgen den Buchtext schreiben, danach aussuchen was ich für den 16. Juni aus der “Mimi” lesen will und bin frei für das nächste. Und da schreibe ich gleich, die Idee für meinen nächsten “Jahrhundertroman” ist mir schon am Freitag gekommen und ein Arbeitstitel, der “Ein Glas zuviel” heißen könnte. Aber ich werde mich dennoch nicht gleich darauf stürzen, sondern, wie geplant, vielleicht doch bis zum Nanowrimo warten, bzw. zuerst die Texte für das “Literaturgeflüster- Texte- Buch” zusammenstellen und da ich da möglicherweise zu wenig literarische Skizzen habe, kann ich mich ja am nächsten Wochenende mit oder ohne Fahrschein in die Stadt begeben und ein paar Stücke zusammensammeln, was auch gut passt, habe ich ja gerade von Mathias Handwerk von den “5er Autoren” ein Mail bekommen, daß es jetzt doch eine Anthologie zu der Lesung im November geben und ich Texte schicken soll, die kann ich dann auch gleich zusammensuchen.
Ansonsten habe ich noch immer vor mein sogenanntes Strohwitwendasein, das ich durchaus sehr genieße und gewohnt bin, weil der Alfred mehrmals jährlich größere Reisen macht, mit Lesen zu verbringen, die ungelesenen Bücherstapeln und die Bücherkästen treiben mich dazu an und da habe ich nicht nur ein “Pfingsten erlesen” geplant, das ich ziemlich zelebrieren will, einen Tag mit den Bücherlistenbüchern in der Stadt herumfahren, einen Tag zu Hause auf der Terrasse, im Bett oder in der Badewanne”, den dritten Tag vor den Bücherkästen und daraus lesen, also wieder meinen SUB erweitern, sondern habe in der einen Alfred freien Woche, auch schon einiges gelesen, was mich wieder ein bißchen in Blognotstand bringt, will ich ja nur einen Artikel pro Tag verfassen. Ja, die Leute haben Probleme und so erscheinen am Muttertag zwei Artikeln und ein paar Buchbesprechungen gibt es schon auf Vorrat.
Und hier das Muttertagsarchiv
Jagdsaison
“Jagdsaison”, einer der historischen Krimis des berühmten Sizilianers Andrea Camilleri, ist ein skurilles Buch oder, wie auf der Rückseite steht “eine sizilanische Komödie voll praller Sinnlichkeit, erzählt mit spürbarer Lust an überraschenden Wendungen und komischen Situationen von wunderbar plastischen Figuren”, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.
Ich habs ein bißchen weniger euphorisch empfunden. Mir war die Geschichte von der Verderblichkeit der Adeligen und ihrer verlogenen Gottesfurcht und gelebter Sündhaftigkeit, ein wenig zu schwülstig und die Frauen kommen bei ihm auch nicht gut weg oder werden so dumm naiv und einfältig hilflos dargestellt, wie sie um 1880 in den sizilianischen Dörfern höchstwahrscheinlich auch waren.
Ich habe in den offenen Bücherschränken inzwischen ja einige Camilleris gefunden, von dem ja, obwohl 1925 geboren, vor kurzem erst ein Buch auf Deutsch erschienen ist, die überall angepriesenen Montalbin Krimis sind aber noch ungelesen, denn jetzt ist “Jagdsaison” auf meine Leseliste geraten. Ich wiederhole es, ein wahrhaft skurilles Buch, wo man die Boshaftigkeit des Autors zu spüren scheint, ich denke aber doch, daß man, wenn ich so was schreiben würde, es wahrscheinlich kitschig nennen würde.
Nun mit dem Postschiff kommt im Jahre 1880, lang lang ists her, ein geheimnisvoller Mann in das Städtchen Vigata, sagt niemanden, wie er heißt und entpuppt sich als der künftige Apotheker und als er seine erste Runde in dem Städtchen macht, begegnet er einem Geist, bzw. einem alten Mann, dem Marchese des Ortes, der ihn anstarrt und mit “Die Jagdzeit beginnt” begrüßt, dann nach seinem Namen sucht, ihn aber nicht herausbringt, ist er ja schon ein wenig senil und wird von seinem Diener mehrmals am Tag auf den Dorfplatz und dann wieder zurück ins Schloß gebracht, wo er mit seinem Sohn, dessen Frau und zwei Kindern lebt. Der Sohn, der jüngere Marchese hat von seiner Frau zuerst eine Tochter bekommen und sie dann solange zum Vögeln gezwungen, bis endlich doch ein Sohn entstand, ob das legal oder mit Mithilfe anderer Männer oder Hilfsmitteln geschah, ist nicht ganz klar.
Der Großvater ertrinkt jedenfalls irgendwann einmal oder begeht Selbstmord und der Enkel stirbt an einem Pilzgericht. Die Mutter verfällt darob in Wahnsinn und der Marchese verläßt das Schloß, um sich bei seinem Verwalter einzuquartieren und bekommt von dessen Frau dann auch einen Sohn. Danach wird er tot in einer Schlucht gefunden und der Apotheker kommt bis dahin immer zart ins Spiel, indem er sämtlichen handelnden Personen Pillen verkauft oder verschreibt.
Der Pfarrer spielt auch eine große Rolle und will die Tochter des Marchesen, die inzwischen als Erbin überblieb, zuerst mit dem Apotheker verkuppeln. Aber der Gatte einer Marchesa muß natürlich adelig sein. So kommt ein Cousin aus Palermo angefahren, der ist zwar ein Filou und verspielt ihr Geld, die Jungfrau gibt ihm aber trotzdem ihr Ja-Wort, der Apotheker rät ihr auch dazu. Da man in Sizilien aber um jeden Toten drei Jahre trauern muß und die Marchesa Vater, Mutter und Bruder verloren hat, kommen neun Jahre Trauerzeit heraus und weil der Verlobte nicht solange warten wird, entsteht ein Ablaßhandel und der Bischof läßt sich auf drei Jahre hinunterfeilschen.
Die sind fast vorbei und Antoinetta trägt schon wieder weiße Streifen auf ihrem Trauerkleid, sie hat auch einen schwarzen Hintern, als ein Onkel aus Amerika angereist kommt, den Verlobten zum Teufel jagen will. Nur leider stirbt er samt seiner Frau und Dienerschaft dabei und der Verlobte verendet an einem diabetischen Anfall. Antoinetta hat schlechte Träume, ohrfeigt ihre Dienstboten mit denen sie vorher an einem Tisch gegessen hat und scheint auch zu onanieren, so daß der Pfarrer jetzt wieder zur Ehe mit dem Apotheker rät, der gerät kurz danach in eine Jagdleidenschaft und es erscheint auch noch ein Commissario der ihm auf den Kopf zusagt, daß er der Mörder all der Toten ist, weil er sich schon als Kind, er war ein Bauernjunge im Dorf, in die schöne Antoinetta verliebte, die aber unter normalen Umständen nur einen Adeligen heiraten darf. Nach vollzogener Eheschließung bereut der Ehemann aber die Heirat.
“Ein Weib zu haben ist nur ein schwacher Ersatz für eine gelungene Masturbation. – Fofo ahnte nicht, daß er mit dieser Maxime einem Österreicher namens Karl Kraus um viele Jahre zuvorgekommen war.”
Nun ja, ein bißchen schwülstig halt und für meinen Geschmack zu skurril und verarschend und es wundert mich ein wenig, daß die Literaturkritik, das Andrea Camillieri durchgehen läßt. Hat ja die Courths- Mahler Ähnliches, wenn auch viel weniger skurril satirisch beschrieben und war damit auch sehr erfolgreich, wenn auch nicht literarisch anerkannt.
Das ist der zweite historische Camillieri Krimi, den ich gelesen habe.
Zu Ostern stand ja “Der zweite Kuß des Judas” auf meiner Leseliste und den habe ich weniger skurril empfunden.
Milena Michiko Flasar und Festwocheneröffnung
Normalerweise gehe ich ja nur einmal zu Lesungen und Milena Michiko Flasar habe ich schon in Leipzig im Berliner Zimmer, gehört, aber der dritte Roman, der 1980 in St. Pölten geborenen Milena Michiko Flasar “Ich nannte ihn Krawatte”, wurde, wie Edith Ulla Gasser, die in der Hauptbücherei moderierte, einführte, von der Kritik hochgelobt. Die Kritik ist abgefahren auf das in Japan spielende Buch über das Phänomen der Hikikomori, das sind meist junge Männer, die den Leistungsdruck von Schule und Gesellschaft nicht aushalten, sich in ihr Zimmer einschließen und die Wohnung oft Jahrelang nicht verlassen und es ist neben Cornelia Travnicek und Emily Walton das dritte hochgelobte Frühlingsbuch junger Frauen und wurde auch überall vorgestellt, in Leipzig, beim Wiener Stadtfest vor einer Woche und noch bei anderen Gelegenheiten. In Leipzig habe ich, wie erwähnt, in das Buch hineingehört, das mich als Psychologin interessiert, da ich gelegentlich Schulverweigerer in meiner Praxis habe und auch von Kollegen immer wieder höre, daß ihre Verwandten Sorgen um ihre Kinder haben, die plötzlich nicht mehr in die Schule gehen.
Als ich in die Hauptbücherei gekommen bin, war es sehr früh, da man wegen der Festwocheneröffnung, ab fünf gratis mit den Wiener Linien fahren konnte und ich mit dem Durchkorrigieren der “Paula Nebel” fertig war und nicht neu beginnen wollte. Kam also in einen leeren Saal, nicht einmal der Büchertisch war schon aufgestellt, nur die Autorin probierte gerade das Mikrophon und machte mit Edith Ulla Gasser aus, wo sie sitzen würde.
Die begrüßte mich auch gleich, sagte, daß sie in meine “Zwillingswelten” hineingelesen hätte, ich habe ihr ja letzte Woche “Die Frau auf der Bank” geschickt und sagte mir dann, heute wird ein interessantes Buch vorgetellt. Aber das wußte ich schon und es spielt auch auf einer Bank, denn Milena Michikos Roman, das ist auch sehr interessant, ist nicht chronologisch, sondern beginnt erst, als der Hikikomori, das ist für mich ein schwer merkbares Wort, für die anderen aber wahrscheinlich interessant. So wurde er nur als solcher bezeichnet, daß ich in der Diskussion fragte, ob die Protogonisten keine Namen hätten, die Wohnung der Eltern schon wieder verläßt und in einem Park einen anderen Außenseiter der Gesellschaft, nämlich den, den er Krawatte nennt, trifft und das ist ein sogenannter Saleryman, der aber schon entlassen wurde, weil achtundfünzig und nicht mehr leistungseffizient genug. So geht er jeden Tag mit Anzug und Krawatte aus dem Haus, damit seine Frau nicht merkt, daß er arbeitslos ist.
Die beiden, jeweils von Schuldgefühlen geplagt, freunden sich vorsichtig an, erzählen sich ihr Leben und so bekommt man rückwärts heraus, warum der für mich Namenlose ein Hikikomori wurde. Es ging um einen Freund, dessen Vater ihm das Gedichtheft entriß, weil der Sohn nicht unglücklich, sondern in die Fußstapfen seiner Ahnen treten und die Juristenlaufbahn übernehmen sollte, der ihm auf die Straße bestellte und sich in den Verkehr stürzte, der Ich-Erzähler schämte sich aber für ihn, hilft ihn nicht und zieht sich aus diesen Grund in sein Zimmer zurück. Klingt alles ein bißchen abstrakt und abgehoben, ich würde da viel realistischer erzählen und am Boden bleiben.
Milena Michiko Flasar, die viel über das Buch und wie es geschrieben wurde, erzählte, meinte, daß sie ein Buch über Japan schreiben wollte. Dann hat sie eines Nachts den ersten Satz “Ich nannnte ihn Krawatte” geträumt, sich die Handlung in Bildern vorgestellt und auch ein paar Artikel über das Phänomen der Hikikomori gelesen. Zuviel wollte sich sich aber nicht in die Theorie einlassen, sondern sich lieber in die Personen vorstellen und interessant, sie schreibt in der Ich-Form über einen jungen Mann. Es geht um Schuld und um das Zulassen von Gefühle, die beiden nähern sich vorsichtig an, erzählen sich ihr Leben und das Buch geht, wie Edith Ulla Gasser erwähnte, gut aus. Am Schluß steht “Anfang”, aber es wurde nicht verraten, was da alles noch passiert.
Ich bin ja an der psychologischen Seite des Problems interessiert. So tat ich mir Anfangs mit der für mich erlebten Distanz auch etwas schwer. Die Sprache ist aber wieder wunderschön schön, wenn auch für mich fast zu abgehoben. Aber das will die Literaturkritik ja, deshalb wurde das Buch wahrscheinlich so gelobt und etwas über Japan zu erfahren ist sicher auch interessant, obwohl eine Frau aus dem Publikum, die das Buch schon gelesen hat, meinte, daß es überall spielen könne und ein Herr erkundigte sich, was man therapeutisch gegen das Phänomen machten könne und schien auch nicht nur an der schönen Sprachen interessiert
Milena Michiko Flasar, die Komparatistik, Germanistik und Romanistik studierte und Deutsch als Fremdsprache unterrichte, erzählte noch, daß sie in Japan meist die Sommer verbracht hat und keine Schwierigkeit mit ihrer doppelten Identität hat, sie hat ja auch einen interessanten Namen, der tschechisch ausgesprochen wird, was die Fremdheit vielleicht noch ein wenig erhöht. Ein interessantes Buch, hochstilisierte Psychologie und wir haben vielleicht wieder eine Sprachkünstlerin, wie Andrea Winkler beispielsweise. Ich habe am Büchertisch noch ein wenig in die beiden anderen Bücher hineingeschaut.
“Ich bin” heißt das erste, “Okaasan, mein unbekannte Mutter” das zweite, das von einer an Alzheimer erkrankten Japanerin handelt, deren offenbar österreichische Tochter ihr Leben aufzuspüren versucht und am Ende nach Japan geht, auch ein interessantes Thema, das vielleicht sehr literarisch aufgearbeitet wurde.
Nach der Lesung war es Zeit für die Festwocheneröffnung am Rathausplatz, die ich immer gern besuche. Auch hier ging es um junge Talente, nämlich um das Finale der Eurovision Young Musicians, wo sieben ausgewählte junge Leute zwischen fünfzehn und achtzehn aus ganz Europa mit dem ORF-Symphonieorchester unter Cornelius Meister musizieren durften. Mnozil Brass unterstützte, Martin Grubinger moderierte und es war sehr voll am Rathausplatz, da ich aber diesmal von der anderen Seite eingetroffen bin, habe ich ziemlich vorn einen guten Platz bekommen und gewonnen haben, was natürlich ein Zufall ist, drei junge Männer, das war ja bei den Bezirkschreibern am Dienstag anders. Da haben drei junge Frauen gewonnen, das Musikgeschäft läuft aber vielleicht anders. Es war ein interessanter Abend und die Wiener Festwochen sind eröffnet.
Strohwitwendasein
Seit Sonntag bin ich Strohwitwe, ist der Alfred mit dem Karli ja für drei Wochen nach Australien aufgebrochen, wie er mit ihm ja öfter weite Reisen macht und ich habe für diese Zeit große Pläne oder eigentlich will es ein weniger bedächtiger angehen. Die Paula Nebel ist zu korrigieren und damit bin ich inzwischen auch zur Szene fünfzehn und Seite siebenunddreißig vorgedrungen. Ich korrigiere es jetzt wieder Szene für Szene und denke, wenn ich auf meine letzte Krisenstimmung zurückkomme, so schlecht ist es gar nicht.
Es ist ein kürzerer Text, ein Kurzroman oder eine Novelle von zweiundfünfzig Rohseiten und nicht der große Roman geworden, den ich so gerne hätte. Das schon. Die realistische Erzählung von den letzten Tagen einer alten Frau, die ihr Leben durchlebt, auf einmal viele Besucher bekommt, eine kleine Wahlenkelin bei sich wohnen läßt und für sie und Herrn Hans, einem gemobbten Haumeister, hektisch vor sich hinkocht. Das sind vielleicht auch die Besucher bevor es ans Sterben geht. Nur viel weniger spekuär als es Kurt Palm schaffte, denn ich scheine von den literarischen Überhöhungen nicht sehr viel zu halten. schreibe lieber realistisch psychologisch vor mich hin und werde dadurch nicht anerkannt.
“Da passiert ja nichts!”, habe ich schon vor fünfunddreißig Jahren gehört. Ich denke, es passiert schon einiges und es ist auch ein positiver Versuch, die kleine Sofia von der Straße weg und in die Schule zu bringen. Das positive Schreiben einer überzeugten Verhaltenstherapeutin, die es nicht lassen kann, wenn man so will und “sagte er” , “sagte sie” kommt auch öfter vor und die Krise wurde wohl auch durch die ständigen Gedanken, die ich in meinem Kopf habe “So darfst du nicht schreiben, das wird schon wieder nichts!”, ausgelöst.
Die will ich ja versuchen herauszubringen und so werde ich den Text auch als Kurzroman herausgeben und beim Korrigieren geht es mir eigentlich gut. Ich achte darauf, die Sprache ein wenig zu glätten, die Fehler zu beseitigen und lasse es sonst so, wie es ist.
So schreibe ich einmal und es hilft nichts dagegen anzukämpfen, eine Andrea Winkler wird sicher nicht aus mir, aber warum darf man nicht realistisch schreiben und die letzten Tage einer alten Frau sind sicher interessant? Auch wenn schon viel darüber geschrieben wurde und meine Novelle sicher eine konventionelle Erzählweise hat. Das Fetzige, noch nie Dagewesene, das ich mir vielleicht wünschte, ist es nicht geworden, soll so sein, ich kann es nicht verändern. Wem es interessiert, der kann es trotzdem lesen, wenn es, in einem halben oder Jahr vielleicht erschienen ist. Bis dahin gibt es die Schreibberichte 1 2 3 4 5 6 7 und die zwei Goodies, die “Nebelschwaden” und den “Langen Brief an den Herrn Kurz”, die sozusagen, die Vorstudien waren und die ich danach für das Literaturgeflüster-Texte-Buch zusammensammeln werde, aber dazu werde ich wohl länger als drei Wochen brauchen. Ich rechne ja, daß ich jetzt noch ein zwei Monate an den zweiundfünfzig Seiten korrigiere und dann will ich die drei Alfred freien Wochen ja auch zum Lesen benützen. Hat sich da ja Dank der Bücherschränke einiges bei mir angesammelt, so daß meine Leselisten gut gefüllt sind. So werde ich neben meinem Praxisbetrieb und den Veranstaltungen, die ich mir ausgesucht habe, das Lesen etwas intensiver betreiben und plane sogar Pfingsten zu einem Lesemarathon zu machen, wenn ich das zusammenbringe. Drei Tage nur mit Bücher in der Badewanne oder auch der Stadt herumfahren und es sich sonst gemütlich machen, baden, essen, lesen und darüber schreiben.
Herrn Blaha habe ich inzwischen für eine Rezension “Der Frau auf der Bank” gewinnen können und habe ihm das Buch. Ansonsten gibt es schon einige außerliterarische Events, die “Zeltstadt der Frauen” auf dem Ring, wo Hilde Schmölzer und die Frauen lesen Frauen Gruppe aus ihren Büchern “Revolte der Frauen” und “Der Krieg ist männlich der Friede ist weiblich” lesen wird, die Festwocheneröffnung, das Genußfestival im Stadtpark und Iris Geburtstagsfest, das ich mir geben will und meine Lesung aus der “Mimi” am 16. Juni vor dem offenen Bücherschrank in der Grundsteingasse muß ich auch noch vorbereiten.
Es werden also hoffentlich geruhsame Wochen werden, ein paar Bücher habe ich ja schon gelesen, ein paar Veranstaltungen besucht und auch schon ein paar Pannen ohne die helfende Hand erlebt. So hat der Drucker einen Papierstau gehabt, die Waschmaschine wollte nicht funktionieren, eine Glühbirne ist ausgefallen etc.
Es gab aber auch eine schöne Muttertagsjause bei der Bezirksvorstehung, während das Muttertagsessen wohl ausfallen oder zum Vatertag nachgeholt werden wird.
Ein Mann im Haus
Die Novelle oder Kurzroman “Ein Mann im Haus” der 1946 geborenen, als Lyrikerin bekannt gewordenen Ulla Hahn, hat es in sich und geht es in ihren hundertachtundvierzig Seiten scharf an. Denn die Protagonistin Maria, eine Goldschmiedin, in einer deutschen Kleinstadt lebend, “liebte es Todesarten, Motive, Opfer und Täter durchzuprobieren” und stellt sich auch vor, wie sie Giftpilze sammelt, ihre Freunde zu einem opulenten Pilzdinner einlädt und einem Auserwählten die Giftpilzsauce serviert, Maria hat aber auch einen Liebhaber. Den Küster und Chorleiter des Städtchens Egon Hansegon, verheiratet mit der Tochter eines Wurstfabrikaten und von der läßt er sich nicht scheiden, obwohl er es Maria schon oft genug versprach.
“Warte, bis die Kinder groß sind!”, dann will er auch noch auf Reisen gehen und so lädt ihn Maria zu einem Abschiedsessen ein, spielt die Linzer von Mozart, mischt Schlaftabletten in den Champagner oder Sherry und Hansegon kann sich nach dem Liebesakt nicht mehr fortbewegen. So schleppt sie ihn ins Bett, verklebt ihm den Mund mit einem Pflaster und fesselt ihn mit selbstgefertigten Handschellen an die Pfosten.
Das ganze passiert kurz vor Weihnachten und während Maria Rachephantasien schmiedet, vom Kopf und Penisabhacken träumt, füttert sie ihren Liebsten mit einem goldenen Röhrchen, durch das er das Kalbsragou und die Kraftnahrung trinken muß. Sie hält ihm die Urinflasche an und als er sich schließlich anscheißt, reinigt sie ihn liebevoll und bringt auch noch den Fußpilz von den Füßen. Dazwischen geht sie in die Werkstatt zum Weihnachtsgeschäft, besorgt in der Nachbarstadt Gips, um ihm die Totenmaske anzulegen, liest ihm Goethes “Reineke Fuchs” vor, denkt sich ein bißchen durch ihr Leben, das immer ein sehr religiöses war. So hat sie brav im Kirchenchor gesungen, auch einmal mit einem früheren Mann in Hamburg am Wasser gelebt, die dortigen Kirchen aber als sozialen Wohnbau empfunden, so daß sie wieder in die Nähe Kölns zurückgekommen ist.
Eine Woche geht das so, währenddessen geht Küstermann seiner Küsterfrau ab und die Frauen des Städtchens treffen sich in der Bäckerei, um Phantasien über die Gründe Abwesenheit auszuspinnen. Ist er jetzt mit seiner Geliebten durchgegangen oder ein Opfer des Terrorismus geworden? Ein kleines Mädchen namens Bärbel, das Maria mit ihrem Teddy in der Werkstatt besucht, bringt die Nachrichten von der Tante und Maria erfährt auch davon, wenn sie in die Bäckerin geht, um sich ihren Spekulatus zu holen.
Die Totenmaske mit dem offenen Mund wird zwischendurch mit Karotten gefüttert und Küstermann bekommt seine Weihnachtsnaschereien in der Bettpfanne serviert, nur nascht sie Maria ihm dann weg und als die Woche sich zur Wiederholung neigt, bekommt Egon nochmals Schlafmittel, darf sich dann anziehen und wird in ein Auto gesetzt, denn Maria hat nun genug von ihm. In der Nähe von Köln darf er aussteigen und will das nicht einmal und die Zeitung meldet Montagmorgen “Der Küster sei verwahrlost, unterkühlt, durchnäßt aufgegriffen worden. Trotz seines geschwächten Zustands habe er sich mit letzter Kraft gegen die Entfernung des Pflasters von seinem Mund zur Wehr gesetzt und als es ihm seine in Eile herangeschaffte Frau vom Mund riß, sei er in ein schmerzhaftes Wiehern ausgebrochen. Seither schweige er.”
Zum Glück für Maria, deren”gehämmerte Masken mit weit aufgerissenen Mündern aus Gold und Silber zum Fest die großen Renner wurden.
“Dieses intime Panorama der Grausamkeit wird mit größtmöglicher sachlicher Finesse vor uns ausgebreitet. Eine unbarmherzigere Geschichte gab es lange nicht zu lesen”, schreibt Hubert Winkels auf der Rückseite und ich habe mich naturgemäß ein wenig schwer getan, mit dem Racheakt einer Betrogenen, die den grausamen Unterwerfungsprozeß der Geschlechter umdreht und dachte mir obwohl es flott mit manchmal ein wenig kitschig wirkender Sprachevielfalt geschrieben wurde, die mich ein wenig an Evelyn Grills Rachefeldzüge erinnerte, wieder einmal, warum die große Literatur so negativ sein muß und warum wir das gern lesen wollen?
Obwohl ich bei Wikipedia erfahren konnte, daß der erste, 1994 erschienene Roman der Lyrikerin, große Kontroversen auslöste und sie deshalb auch angegriffen wurde.
Es ist mein erstes Buch von Ulla Hahn, die ich oft als als große Lyrikerin rühmen und in Leipzig oder Frankfurt einmal auf dem blauen Sofa lesen hörte. Im Bücherschrank habe ich es gefunden, den Gedichtband “Herz über Kopf” und den dritten Roman “Unscharfe Bilder” habe ich noch ungelesen in meinen Regalen stehen.