Tyll

Jetzt kommt wieder etwas von meiner Liste, nämlich ein Buch, das ich mir im letzten November auf der “Buch-Wien” von dem Geburtstagsgutschein der Anna gekauft habe, weil ich es auf dem “Thalia-Stapel” liegen gesehen habe und etwas anderes mir nicht so ins Auge sprang, denn ich bin ja eigentlich kein Kehlmann-Fan, den ich eigentlich für einen sehr genau arbeitenden, aber vielleicht etwas langweiligen Schriftsteller halte, obwohl ich schon einiges von ihm gelesen habe und einmal lang lang ists her, ich glaube es war nine eleven oder kurz danach, habe ich ihn in der “Alten Schmiede” erlebt, als er von  ein paar Studenten angegriffen wurde und sich krampfhaft freundlich “Es freut mich, daß Sie sich so sehr für mich interessieren!”, verteidigt hat, während der Herr an meiner Seite verärgert “Raunzt nichts kaufts!”, geschrien hat und Kurt Neumann, die Diskussion abbrach und Till Eulenspiegel, der Narr aus dem vierzehnten jahrhundert und überhaupt historische Rlomane interessieren mich ja nicht so sehr, so steht die “Vermessung der Welt” mit der er berühmt geworden ist, noch immer in meinen Regalen, aber dann habe ich doch nicht widerstehen können und ich muß sagen, ich war überrascht.

Daß das einer der besten Romane der Saison sei, habe ich schon vorher wo gehört und dem will ich nicht unbedingt zustimmen, aber es war spannend mich zwar nicht durch das Mittelalter aber durch den dreißigjährigen Krieg zu lesen, hatten wir ja  vor kurzem ein Luther-Jahr und Ferdiun Zaimoglu hat mit “Evangelio”  etwas Ähnliches gemacht und da sind wir auch schon bei einer Kehlmannschen Spezialität.

Vor ein paar Jahren habe ich “F” gelesen und da auch gehört, daß er in einem Interview sagte, ein jeder Schriftsteller würde lügen. Was ich mir so interpretiere, daß er meinte, er muß etwas erfinden oder Geschichten fabulieren und den Ausdruck eigentlich für unglücklich hielt.

Aber das Jonglieren mit der Wirklichkeit gehört wahrscheinlich wirklich zu den Kehlmannschen Spezialitäten und seiner Kunst, denn er hat den Tyll Ulenspiegel in den dreißigjährigen Krieg verlegt. Einen Gaukler, Schausteller und Vaganten aus ihm gemacht und zieht in acht Kapiteln, die eigentlich Bilder sind durch die dreißig Jahre, zieht durch das Vagantenleben seines Tyll und durch die Geschichte, erfindet, fabuliert dabei selber wahrscheinlich sehr  wortgewaltig und ich muß sagen, Hut ab, langweilig, brav und  streberhaft ist da wahrscheinlich nicht mehr sehr viel, sondern alles spitzbübisch schlau durchdacht.

Die acht Sittenbilder des Krieges sind auch nicht chronologisch und von jenem Tyll wird eigentlich auch gar nicht so viel erzählt, der dient vielleicht nur als Vorwand für die Kehlmannsche Fabulierkunst und so zeichnet er wahrscheinlich genauso scharf, direkt, bunt und derb die Armeligkeit des Krieges und das Leid der Menschen damals, wie es Feridun Zaimoglu in seinem “Evangelio” tat.

Beginnen tut es mit den Schuhen. Da zieht der berühmte Gaukler mit seiner Schwester oder Freundin, Nele, der Bäckerstochter seines Heimattorts und einer Alten durch ein Dorf und gibt eine Vorstellung. Er tanzt am Seil und fordert die Leute dann auf, die Schuhe in die Luft zu werfen, was zuerst zu Euphorie und dann zu bitteren Streit führt, weil  sie die dann nicht wiederfinden.

Dann geht es in die Kindheit des kleinen Tyll. Er ist der Sohn eines Müllers, der aber auch ein Heiler ist und sich sehr für Bücher und Gelehrtheit interessiert, das tut in Zeiten wie diesen nicht gut, so kommen zwei Gelehrte zu ihm auf Besuch und er wird als Hexer verbrannt. Der kleine Tyll, der Junge, der einmal schon ein traumatisches Erlebnis hatte, als er mit seiner hochschwangeren Mutter einen Karren Mehl durch den Wald führen mußte und dann die Nacht allein ausharren mußte, mußt dabei zusehen. Er reißt aber mit der schon erwähnten Bäckerstochter aus, schließt sich einen Schausteller an, der ihm noch das Jonglieren   beibringt und einen sprechenden Esel, wo man nie ganz  herausfindet, ob das nun Bauchredner- oder doch Zauberkunst ist, gibt es auch und dann noch eine Reihe berühmte Herren und Wissenschaftler, die in Zeiten, wie diesen nach Drachen suchen oder ihre Memoiren schreiben und weil sie sich auf ihr Gedächtnis nicht mehr so gut verlassen können, dabei einiges verändern.

Ja, Meister Kehlmann ist sehr ausgefuchst und eine Liz, die Enkeltochter der Maria Stuart, Winterkönigin, und Kurfürstin gibt es auch, bei der Tyll, der nicht sterben wollte, nicht sterben konnte oder sich auch nur für unsterblich hielt, Hofnarr war, gibt es auch.

Ein sehr interssantes Buch, wo einiges von Daniel Kehlmanns Meisterschaft, die er sich inzwischen strebsam,  fleißig höchstwahrscheinlich erarbeitet hat, zu sehen ist, also und wem es interessiert, in meinem momentanten Work on progress, an dem ich ja immer noch, wie verrückt oder auch verzweifelt korrigiere, kommt der Meister auch vor und liest ihm österreichischen Kulturinstitut von New York aus dem Buch und diskutiert mit Jonathan Franzen dabei von dem ich in diesem Jahr ja auch schon etwas gelesen habe.

Die Brille mit dem Goldrand

Buch vier der “Hotellreihe”, der wiederaufgelegten Bücher aus dem “Wagenbach-Verlag”, die uns wahrscheinlich in der sommerlichen Leichte, einen guten Einblick durch die Geschichte und die verschiedensten Gegenden Europas geben sollen, vielleicht auch einen Einblick in die verschiedensten Stile.

Sicher eine gute Idee, Altes wiederaufzulegen, nur mit dem Hotel hat Giorgio Bassanis “Die Brille mit dem Goldrand”, noch weniger als Christoph Meckels “Der wahre Muftoni” zu tun, obwohl die Sommerfrischler, die Mitglieder der guten Mittelschicht des faschistischen Italiens, die hier beschrieben werden, ihre Nächte an der Adria natürlich in einem Hotel verbracht haben dürften und wenn ich mich nicht irre, ist es wieder ein Grandhotel, das hier Erwähnung findet, nur in diesem halten sich die Protagonisten, während der beschriebenen Ereignisse, glaube ich, nur ein einziges Mal, wenn überhaupt, auf.

Giorgio  Bassani wurde jedenfalls 1912 in Bologna geboren und starb 2000 in Rom. Er ist glaube ich ein sehr politischer Autor und von ihm habe ich auch “Der Reiher”, ebenfalls bei “Wagenbach” herausgegeben, in meinen Regalen. Denn da gab es ja vor Jahren einen Abverkauf bei der “Buchlandung” auf der Mariahilferstraße, die es ja in dieser Form nicht mehr gibt und da gab es eine Reihe Italiener in der “Wagenbach TB-Reihe”, um einen Euro, zehn Schilling, waren es, glaube ich nicht mehr, denn es wird wahrscheinlich 2006 oder 2007 gewesen sein und ich habe “Erica und ihre Geschwister” davon auch gelesen und außerhalb dieser Reihe, seit den Bücherschrank- und Literaturgeflüsterzeiten auch einiges von Alberto Moravia und so bin ich an diesen italienischen Stil der Zwischen oder Vorkriegszeit, diese knisternde und bedeutungsschwangere Erotik schon gewont und habe sie bei Michela Murgia, die ja viel jünger ist, erst im letzten <Jahr wiedergefnuden.

Ich könnte aber auch Thomas Mann und seinen  Tod in Venedig”, damit man weiß, was gemeint ist, erwähnen und füge hinzu, daß ich mir mit solchen bedeutungsschweren Gefühlsgeschichten sehr schwer tun, weil sie meinen Widerstand erregen und ich eigentlich die Gefühlsregungen dieses Doktor Fadigati, des Nannes mit der Goldbrille nicht nachvollziehen kann. Sie erscheinen mir, der 1953 geborenen, sehr widersprüchig  und ich kann nur sagen, daß es Gottseidank sowetwas nicht mehr gibt, zumindest hoffe ich das.

So wird aber dieser Dr. Fadigati in den achtzehn Kapiteln der Erzählung auf jeden Fall sehr wiedersprüchig geschildert und man weiß auch nicht genau, wie alt er ist?

Da steht einmal etwas von vierzig und dann ist er plötzlich ein alter Mann. In wenigen Monaten gealtert, gedemptigt, stotternd. Von einem jungen Schönling total ausgenommen, obwohl er doch vorher so erfolgreich war.

Ist er doch HNO- Arzt, Leiter der entsprechenden Abteilung im Krankenhaus mit einer schönen modernen Privatpraxis, wo sämlichte Honoratoren von Ferrara, wo die Geschichte in den dreißiger Jahren spielt, Hitler an die Macht gekommen ist, Dollfuß erfordet und die Juden in dem Städtchen sich Sorgen machen müssen, ob die Rassengesetzte nicht auch bald in Italien angewendet werden, seine <Patienten sind und ihren kindern von ihm die Mandeln nehmen lassen.

Er ist auch ein großer Kunstkenner, geht in die Oper, ist literarisch gebildet, sammelt Gemälde, die man sich in seinem Wartezimmern, wo  die junge schöne Sprechstundenhilfe, die Patienten freundlich begrüßt, auch ansehen kann und hat nur einen Makel, er ist unverheiratet. Hat auch keine Köchin, so kauft er sich zu Mittag seine Thunfischdose und seinen Aufschnitt selbst und am Abend wird er meistens in einem Kino gesehen und so fängt man zu munkeln an, ob er nicht vielleicht und ob es sein könnte…

So fängt es jedenfalls sehr packend und dicht beschrieben, im erste Kapitel an. Dann fährt er plötzlich zweimal in der woche mit dem Zug zweiter Klasse nach Bologna, besucht dort aber die dritte, wo die Stundenten und auch der Erzähler fahren und dort lernt er einen schönen blonden Sportstudenten kennen, verfällt ihm offenbar sofort, wird von ihm gedemütigt und macht sich völlig wehrlos, total lächerlich und mir fällt soetwas schwer zu lesen, wenn es auch vielleicht in den Dreißigerjahren in Italien oder sonstwo sowas gegeben haben mag.

Dann kommt der August und der Erzähler fährt mit seiner Familie ans Meer, wo auch Dr. Fadiati mit seinem Lebhaber Station gemacht hat und der dort mit seinem roten Alfa herumfährt. Kann ein HNO Arzt und Abteilungsvorstand wirklich seine Praxis für zwei Monate verlassen?

Die gute Gesellschaft die sich auch am Strand befindet, redet jedenfalls scheißfreundlich und hinterhältig von ihm und seinen Liebhaber. Der kommt aber nicht, läßt den Doktor warten und stottern, denn er fährt mit dessen Auto nachmittags mit zwei Frauen davon und lädt auch noch andere ein, mitzukommen und als sich der Doktor vielleicht doch wehren will, schlägt er ihn zusammen und raubt ihn aus und der kann ihn nicht anzeigen. Wahrscheinlich wäre das damals wegen der damaligen Gesetze  auch nicht möglich gewesen und so bleibt ihm nichts anderes über, nachdem er seine Stelle und seine Patienten verloren hat, als in den Po zu gehen und der Erzähler erfährt aus der Zeitung davon und erzählt seiner Familie, man ist wieder in Ferrara, während des Mittagessens davon.

Ganz schön beklemmend diese Geschichte.

“Ein genau gezeichnetes Portrait der guten  Gesellschaft und, wie sie ihr Fähnlchen in den Wind hängt,”, steht noch am Buchrücken und mich hat an diesem beklemmenden Portrait vor allem die Vebindung mit dem herannahenden Faschismus beeindruckt.

Die plötzliche Schwäche des erfolgreichen Arztes und Kunstliebhabers war mir nicht nachvollziehbar. Er ist homosexeull gut, muß er dann aber mit über vierzig Jahren, jeden Jünglichen verfallen und von ihm ausrauben, ohrfeigen und lächerlich machen lassen?

Ich würde Homosexualität anders beschreiben und das wird sie inzwischen auch und die Verbindung mit dem Faschismus ist mir auch nachvollziebar und um mehr über Giorgio Bassani, sein Schreiben und seine politsche Einstellung zu erfahren, müßte ich wohl endlich den “Reiher” und vielleicht auch adneres von ihm lesen und jetzt fehlen mir noch zwei Bücher aus der Hotelreihe, die dieses Wort schon im Namen tragen, nämlich Markus Ohrts Zimmermädchen, wo dieses glaube ich, unter dem Bett eines Hotelgastes liegt und Arnold Bennetts “Grand Hotel Babylon” von dem ich noch gar nichts gelesen habe.

Mal sehen, ob diese Bücher zu mir kommen, obwohl ich ja schon eine sehr beeindruckende Backlist habe?

Grandhotel

So nun habe ich die dritte Nacht im Hotel verbracht, denn “Wagenbach” hat ja sozusagen eine Sommerreihe, wo er sechs ältere oder neuere Bücher, die alle irgendwie im Hotel spielen, wieder aufgelegt oder neu herausgebracht und so bin ich mit Vicki Baum in den letzten Tagen des Krieges im Hotel Berlin gewesen, da wußte ich noch nichts von der Reihe, war nur erfreut, daß ich endlich an das Buch kommen kann, als ich es bei “Anna Jeller” in der Auslage liegen sehe, dann habe ich mit Christoph Meckels Sussanne und ihrem neugeborenen Bruder eine irrwitzige Reise durch ganz Europa unternommen und Hotels ja, natürlich, kommen auch ab und an darin welche vor, während Jaroslav Rudis, der heuer den “Preis der Literaturhäuser” bekommen hat, zweiten auf deutsch erschienen  Roman, wie schon der Name sagt, wieder in einem Hotel spielt.

Nämlich in dem futoristischen Grand Hotel hoch auf einem Berg in Liberec, vormals Reichenberg gelegen, dasm glaube ich,  eine Raketenform hat und hoch in den Himmel ragt und Jegr, der Besitzer hat es auch in ein postkommunstisches Museum verwandelt, denn das Buch spielt 2003 und Held ist Fleischman, ein junger Mann mit scharfer Zunge, ein Außenseiter, der da seine Geschichte erzählt.

Er hat seine Eltern verloren, als sich der Vater ein Auto kaufte und mit ihm und der Mutter einen Ausflug unternehmen wollte. Am Stadtrand kam es zu einem Unfall, Fleischman in die Psychiatrie, seither hat er auch einen “Eierkopf” und die Nase rinnt ständig. Aber er wurde schon  früher in der Schule von den Mitschülern gehänselt, geprügelt und hatte, wie man so sagt, immer das Bummerl.

Jetzt erscheint eine Alte vom Sozialamt und bringt ihm zu Jegr, einem entferten Verwandten, der einen Lebensmittelladen hat, also das Kind gegen einen Sack Orangen tauscht, wie Fleischman lakonisch erzählt.

Der Verwandte kommt dann zum dem Hotel und Fleischman wird zum Mädchen für alles und plaudert nun locker über sein Leben oder seine Erlebnisse dort.

Er muß auch wöchentlich zu einer Frau Doktor, der er sein Leben erzählt und, die das Verdrängte aus ihm sichtbar machen will, denn Fleischman lebt in den Wolken. Er ist ein Wetterbeobachter, schreibt dreimal täglich auf, wie es ist, zieht seine Zusammenmhänge daraus und der schönen Fernsehmetreologin, wenn die etwas Falsches darüber sagt, den Hochdruck beispielsweise mit dem Tiefdruck verwechselt, schreibt er dann Briefe zur Richtigstellung, die alle mit der immer gleichen Autogrammkarte beantwortet wird.

Jegr erzählt ihm dagegen von seinen Liebschaften, nennt ihn “Einhandflötist” und gibt ihm den Rat fürs Leben “Ficken, ficken, ficken!” und sich außerdem für Fußball zu interessieren, wo Fleischman von beiden vorerst nichts hält. Das Erstere wird sich ändern als Ilja in dem Hotel erscheint und das Zimmerdmädchen Zuzana will schon etwas von ihm, wo er aber widersteht.

Dann gibt es noch Franz, einen Rentner, der aus Liberec nach dem Krieg vertrieben wurde, jetzt aber zurückkommt, sich lebenslang in dem Hotel einquartiert und Fleischmann einen wichtigen Auftrag gibt.

Er hat nämlich zwei Kaffeedosen im Gepäck, in diesen befindet sich die Asche von zwei Freunden, die ebenfalls aus Reichenberg vertrieben wurden. Die soll jetzt an den Ausgangsort zurück , das heißt dort verstreut werden, wo die Freunde geboren wurden.

Was nicht so einfach ist, denn nur bei einem steht das Haus noch da, bei dem anderes ist es inzwischen ein Kaufhaus geworden.  Franz Geburtshaus ist jetzt eine Spielhölle und der Betreiber einer von Fleischman einstigen Peinigern und Fleischman hat noch ein Problem. Er kann nämlich die Stadt nicht verlassen, so oft er es versucht, an der Tafel mit der Stadtgrenze, wo der Unfall passierte, macht er Halt, steigt aus und bekommt eine Panikattacke.

So versucht er es mit einem Ballon, baut sich diesen zusammen und steigt mit den zwei Flaschen in denen sich inzwischen auch Franz Asche befindet ein. Jegr, der ihn davon abhalten will, nimmt er mit und dann kann Franz zu seinem Anfang zurückkehren und Fleischman entkommt vielleicht auf den Weg zu den Wolken seiner Stadt.

“Cool witzig, kritisch, politisch, poetisch widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch -kurzum: literarischer Rock n roll steht”, am Buchrücken.

Ich kann noch anmerken, daß Jaroslav Rudis 1972 geboren wurde und in Prag lebt.

Und ich werde mich demnächst auf eine Reise mit Giorgio Bassani wahrscheinlich nach Italien begeben. Wie weit eines oder mehrere Hotels da eine Rolle spielen, wird sich herausstellen.

Tausend deutsche Diskotheken

Jetzt kommt ein tolles Debut, das fast an mir vorbeigegangen wäre, denn ich habe, ganz ehrlich Michel Decars “Tausend deutsche Diskotheken” vor allem des Covers wegen mit dem schreienden oder lachenden Männergesicht für ein Klamaukbuch eines Kabaretisten gehalten, die ich ja nicht mag,  da ich ab bezüglich Büchern schlecht nein sagen kann…

Dann habe ich auf der “Ullstein-Blogseite” noch etwas von “Entweder ist es Literatur oder es macht Spaß” gefunden. Bin auch nicht viel klüger wurden und habe dann eine herrliche Parrodie auf einen Thriller oder Krimi, die ja im Sommer von den Urlaubsfreifen so gern gelesen oder auch für sie geschrieben werden, gefunden.

Einen in totaler Thomas Bernhardscher Manier, hat sich da der 1987 in Augsburg geborene Schriftsteller, Dramatiker und Hörspielregisseur, also auch einer unter dreißig, der aber schon mit dem “Kleist Förderpreis” ausgezeichnet wurde und mit Jakob Nolte, der ja heuer in Klagenfurt liest, eine Zeitlang unter dem namen Decar Nolte, schrieb, ausgedacht.

“Passen Sie auf, sagte ich zu Courcelles, im Prinzip fing es damit an, dass Mauke zu mir sagte..!”, fängt es an und geht dann auf ungefähr dreihundertfünfzig Seiten so weiter, daß einer, ein abgefakelter Privatdetektiv, der, sehr schön realistisch, sowohl Schwierigkeiten mit dem Finanzamt, als auch mit den Frauen, der Alice, der Conny und der Marlene hat, erzählt, wie imJahr 1988, die BRD fast von der DDR übernommen wurde und ich fragte ich, nach dem ich den hunderttausendsten Thomas Bernhard-Verschnitt mit wirkliche Vergnügen gelesen habe, warum das nicht im Sommer 1989 geschah, denn das wäre ja noch einmal eine Parodie aufs Auge gewesen, aber nun ja, es ist auch so ganz schön faustisch, wie Decar da den Krmilesern einen Spiegel vor die Augen hält, aber ob, die eine Thomas Bernhard-Parodie in der nichts, aber auch gar nichts passiert, so einfach lesen wollen!

“Falsch!”, werden jetzt die Lektoren und die Kritiker schreien.

“Falsch, Tante aus Wien, da bist du wieder einmal schön eingefahren, denn es passiert ja sehr viel darin!”

Jawohl, natürlich, selbstverständlich, die Bundesrepublik wird auf den Kopf gestellt oder ist in Gefahr zusammenzubrechen, wie ja heute, wie ich höre und lese, genau das gleiche mit der EU passiert und die Rechten und vielleicht auch die Linken darüber streiten, ob jetzt Angela Merkel zurücktreten soll oder nicht und ob es gut oder schlecht war, daß Deutschland schon aus der WM hinausgeschmissen wurde?

Aber schön der Reihe nach. Da ist also Frankie, der Privatdetektiv der eigentlich das Finanzamt München verklagen will, sein Rechtsanwalt Branco Invancic, der eigentlich ein Bauspezialist ist, hält ihn davon ab und der verbringt seine Nächte damit, daß er Baccardi Cola in denMünchener Diskotheken sauft. Da spricht ihm um 22 Uhr an einem Montagabend im Juli eine Schöne an und fragt ihn, ob er mit zu ihr kommen will?

Sie bringt ihn aber in kein Liebesabenteuer, sondern zu Bahnvorstand Mauke, der ihm einen Auftrag gibt. Denn der wurde am sechsten Juli aus einer Diskothek angerufen, wo es gerade einen Madonna-Song zu hören gab. Ein Erpresser oder sonstiger Anrufer wollte ihm treffen, ist dann nie erschienen und Frankie Boy soll nun danach suchen.

Das alles erzählt unser Bernhard-Typ dem Herrn Courcelles von dem wir erst auf seite Dreihundert oder so erfahren, daß er ein Vernehmungsbeatmer ist, denn Frankie wurde inzwzischen, als er mit einer Waffe in der Hand gegen die ostdeutsche Grenze lief,  in ein Wiesbadener-Gefängnis eingeliefert.

Der Vernehmer, der von Franke großspurig über das Fürchterlichste vom Fürchterlichsten auf Dreihundertseiten belehrt wird, hört ihm zu und lutscht und das ist wohl auch eine vergnüglichesSpitze in der Satrie an einem Himbeerzuckerl, während frrankie Eiskaffee und Fritten mag  und natürlich Barcardi- Cola an dem er sich durch seineTour durch die deutschen Diskotheken hemmungslos betrinkt und auch noch geschlagen wird, so daß er eine ramponierte Nase und noch einige andere Blessuren auf seiner Tour abbekommt, wo sich niemand erinnern kann, wo um Mitternacht dieser Song gespielt wurde?

So nährt sich das Buch von Vermutungen, der oberste Bahnvorstand, also Maukes Chef ist ein “Maulwurf” und er muß ihn ans Messer liefern, belehrt Mauke seinem Detektiv, als der keine Lust mehr hat und aussteigen will. Dann wird der Gute aber selbst verhaftet und die Tour weitet sich über den Münchener Raum, wo alles begonnen hat, auf ganz Deutschland aus.

Frankie fühlt sich dazwchen verfolgt, entwickelt auch eine Parnoia und muß nach Berlin, bevor er   gegen die Grenze rennt und vom Verfassungsschutz, er ihn offenbar tatsächlich schon beobachtet hat, einkassiert wird,  in ein Wiesbadener Gefängnis gebracht wird und dort dem Beamten großspurig seine Geschichte erzählt:

“Bis hierher sind Sie astrein gewesen, lieber Courcelles, also werden Sie jetuz bitte nicht dilettantisch. Bekennen Sie sich zur westlichen Zivilisation, zum Rechtsstaat. Meine Mutter wird sich schreckliche Sorgen machen, wie Sie sich denken können, wird krank vor Angst sein. Ich fordere Sie also ein letztes Mal dazu auf, Beweise vorzulegen, die mich belasten, oder diese lächerliche Anklage fallen zu lassen. Es liegt ganz in Ihrer Hand. Ich weiß, wie sehr Sie hier unter Druck stehen, Courcelles, mehr, als jeder andere weiß ich, wie groß die Gewalt derer ist, die auch Sie bedrohnen. Aber ich weiß, dass sie die richtige Entscheidung treffen werden!”

Und so weiter und so fort. Großmaul Frankie wird  aus dem Gefängnis entlassen. Fährt mit seiner Mutter am Schluß der Geschichte nach Italien, wo er Postkarten kauft und dann natürlich eine an seinen Verfassungsschutzbeamten Courcelles schreibt und ich frage mich, wie Thomas Bernhard dieses herrliche Sommerbuch, das die Leser auch ein bißchen auf die Schaufel nimmt, gefallen hat?

Und würde mich wirklich freuen wenn es auf die Dpb-Liste kommt, wo man dann auch sehen kann, wie das mit der Unterscheinung zwischen U und E funktionier und wie die professionellen Kritiker damit umgehen werden?

Der wahre Muftoni

“Eine Nacht im Hotel zu gewinnen (oder viele) hat mir “Wagenbach” vor kurzem geschrieben und mich davon informiert, daß sie in der TB-Reihe sechs große Roman, die alle vom Hotelleben handeln oder dort spielen, wieder aufgelegt haben.

Etwas, was mir gar nicht so unbekannt gewesen war, bin ich doch doch vor fast zwei Monaten von der Wien-Bibliothek und dem Jahr 1938 nach Hause gegangen und habe da bei “Anna Jeller” in der Auslage Vicki Baums “Hotel Berlin” liegen sehen, auf das ich ja schon so lange spitzte und eigentlich nicht glaubte, daß ich es jemals bekommen würde und da stand  hinten etwas von “Menschen in Hotels” zu lesen und die Namen der sechs, beziehungsweise fünf Bücher waren abgedruckt.

Markus Orths “Zimmermädchen”, aus dem er, glaube ich, lang lang ists her einmal in Klagenfurt gelesen hat, war dabei und ich habe angesichts der Bücherberge, die mich umgeben, darauf vergessen.

Wurde nun wieder erinnert und ja eine Nacht im Hotel, läßt sich angesichts der nahenden Sommerfrische die ja inzwischen nur mehr aus verlängerten Wochenenden besteht, immer gerne gewinnen, habe aber das “Zimmermädchen” und auch Jarolav Rudis “Grand Hotel”, der ja heuer den “Preis der Literaturhäuser” gewonnen hat, ignoriert und mir stattdessen Christiph Meckels “Der wahre Muftoni” gewünscht.

Denn von Chruistoph Meckel, dem 1935 in Berlin geborenen Autor und Graphiker, den ich eigentlich für einen Ostdeutschen hielt, obwohl er in Freiburg aufgewachsen ist, habe ich schon einiges gehört und auch einige Bücher in den Regalen von denen ich, fürchte, noch nicht viel gelesen habe, also der “Wahre Muftoni” für meine zweite Nacht im Hotel und wurde, was soll ich sagen, gleich einmal enttäuscht.

Auf der einen Seite nur, denn wenn auch am Buchrücken “Wir lebten, wer weiß, zum letzten Mal im Hotel, im luftigsten unserer Stile – Salut und chapeau! Wir gingen wie gewähnlich am Morgen aus, begrüßten den Herrn Portier und blieben weg”, heißt, so ist von Hotelleben und seinenMenschen darin, in dem Buch nicht viel die Rede, so daß ich fragen kann, hat der, der das 1982 bei “Hanser” erschienene Buch für die Sommerreihe aussuchte, es überhaupt gelesen oder ist er nur ein Meckel Fan, der es unbedingt und um jeden Preis einschmuggeln und wieder auflegen wollte?

Denn es geht in dem phantasischen märchenhaften kleinen Büchlein mit zehn Illustrationen vom Autor um sehr viel, am wenigstens aber um Hotels, obwohl, ja natürlich, eines in Paris vorkommt und eines in der Normandie und dann noch ein Landgasthof, wo alles beginnt.

Aber beginnen tut die skurrile kleine Geschichte, die sich sehr wohl als Sommerlektüre eignet ganz traditionell orignell mit einem Klappentext, dem Motto und der Widmung und dann geht es los mit dem Leben der Susanne, die ihren Bruder verloren hat, was sie sehr traurig macht, so daß sie mit ihrem Auto zu dem Gasthof reist, wo die Kinder “in Milchkannen schlafen gelegt werden”, man sieht schon den skurillen Stil und es “überall nach Rauchspeck, Hefe und frischen Holunder” riecht. Sie will schlafen gehen, da hört sie Rufe aus dem Kohlenkeller “Susanne, Susanne!”, klingt es ihr entgegen und sie in einem Faß einen “erwachsenen Gnom mit dem Kopf meines Bruders”, findet.

Der muß natürlich erst wachsen, also schmuggelt sie ihm am Dienstmädchen vorbei in ihr Zimmer und ernährt ihn tüchtig mit der Vollpension und als er groß genug ist, läßt sie ihn des Nachts hinaus und am Morgen klopft das Dienstmädchen und sagt artig “Fräulein susanne, der Herr Bruder ist da!

Die beiden frühstücken noch einmal zusammen und verlassen dann den Gasthof. Fahren nach Paris und quartieren sich, jawohl im GRANDE BRETAGNE, “einem schrägen Haus” ein, denn der wahre Muftoni, so wird das zwergenhafte und jetzt großgewordene Brüderchen genannt, oder auch petin Matin, besitzt eine Zauberhose, aus der die Gelscheine nur so herausquellen, so daß er dem Schwesterchen alle Wünsche erfüllen kann.

Der Geldsegen versiegt allerdings sehr bald, so verlassen die Beiden und das ist die schon zitierte Stelle, das Hotel und ein wahrer geisterhafter Reigen durch ganz Europa oder auch ins ferne Amerika zu den Warner oder sonsitgen Brothers beginnt.

Denn jetzt werden Coups ausgedacht, Häuser, Villen und anderes überfallen, Plakate entworfen und damit  viel Geld gemacht, das wieder zerrinnt. Ein Riese wird gefunden, ein Fräulein entwächst einem Ei, bis alles, wie üblich zu Ende geht. Der Traum zerrinnt und das Brüderchen wieder schrumpft und wenn ich auch nicht, wie versprochen eine oder zwei Nächte in einem Hotel verbracht habe, so habe ich doch mit Christoph Meckels wiederaufgelegten Buch eine höchst phantastische Reise durch die Welt gemacht und bin jetzt auf das Weitere, auf eventuell folgende Hotelnächte, sowie auf meine Sommerfrische in Harland bei St. Pölten, ganz ohne Hotelzimmer sehr gespannt.

Und ein Nachwort, ja richtig, fast hätte ichs vergessen, gibt es in ähnlich phantastischen Stil geschrieben, natürlich auch.

Dämmer und Aufruhr

Jetzt kommt der “Roman der frühen Jugend”, also die  poetisch gefärbte Autobiografie, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag, wahrscheinlich nach dem Tod der Mutter geschrieben, des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff, der seine Bücher seit 2012 bei FVA verlegt und da 2016 mit seiner Novelle genannten, “Widerfahrnis”, den dBp gewonnen hat, der ja eigentlich ein Romanpreis ist.

Aber Dichtung und Wahrheit liegen ja sehr dicht beeinander, das sieht man auch an dem Roman, dem am Schluß eine Zeittafel angefügt ist und ich bin mit Bodo Kirchhoff, glaube ich, 2002 mit seinem “Schundroman”, den ich mir damals zum Geburtstag wünschte und wofür ich mich fast ein wenig schämte in Berührung gekommen.

Dann habe ich weil FVA es mir getreulich schickte, die wiederaufgelegte und 1984 erstmals erschienene “Mexikanische Novelle” gelesen, die mir wie “Widerfahrnis” trotz seiner sehr schönen aber doch sehr künstlichen “machohaften” Konstruktion nicht so sehr gefallen hat und im letzten Jahr die Erzählung “Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt”, wo in fast Bernhardesker Manier auf zig Seiten beschrieben wird, warum eine Einladung zu einer solchen nit angenommen werden kann.

Und jetzt also die Kindheitserinnerungen zum Siebziger des eleganten weißhaarigen Herrn, Liebling aller Frauen, füge ich ein wenig vorlaut an und kann ergänzen, das das Buch wieder sehr gekonnt komponiert wurde und es ein wahrscheinlich sehr erfolgreiches Männerleben war, was da beschrieben wird.

Der Hauch des Eror weht überall, das ist sicher eine Kirchhoffsche Spezialität, von mir, der um fünf Jahre jüngern, die erstaunt feststellte, daß ich nur ein Jahr später als er zu studieren begann und sonst vielleicht ähnliche pubertäre Schwierigkeiten erlebte, obwohl das mit dem Eros war bei mir sicher nicht so stark ausgeprägt, Camus und Satre habe ich aber nach meiner Knödelmatura auch mit Begeisterung gelesen und schreiben wollte ich auch, aber das hat Kirchhoff, obwohl es schon frühere Versuche gab, erst nach seinem Militärdienst begonnen, denn da wollte er ja eigentlich Maler werden, ein Winsch den ich nie hatte, manchmal belächelt.

Aber es liest sich, das kann ich nicht bestreiten gut, das über vierhundertfünfzig Seiten Buch, das kunstvoll in eine Rahmenhandlung gewickelt ist.

Da ist einmal er alternde Schriftsteller oder Sohn genannt, der sich mit einer Schachtel mit Bildern in eine kleine Pension in Italien zurückzieht, wo er einmal als Kind mit einen Eltern, bevor die sich trennten, einen Sommeraufenthalt verbrachte.

“Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt, auf sein ertes Glühen in der Kindheit blickt, wessen Stimme macht hier den Anfang, sagt Es  war einmal – ein unvergesslicher, gültiger Alpensommer”, lautet der erste lange Satz.

Und da sind wir schon wieder ein paar Jahre früher, nämlich im Jahr 1952, wo der Vierjährige mit seiner “Damemammi”, einer Schauspielerin aus Wien und deren Mutter, einer ehemaligen Opernsängerin, von ihm oft die “Hüterin” genannt, einen Sommer in Kietzbühel verbringt und da wird die Erotik, wie in Zweigs “Brennenden Geheimnis” mit aller Bravour berührt und die Beziehung zu der Mutter bleibt auch das Thema des Buches.

Es gibt auch einen Vater, einen Hamburger, der vom Krieg mit einem Holzbeim zurückgekommen, sehr früh mit der jungen Wiener Schauspielerin verheiratet wurde und als der erste frühe Kitzbüheler Sommer, mit den beiden Hüterinnen, die der Kleine aber doch schon, wie ein Kavalier begleitet, erlebt, ist die Mutter wieder mit der Schwester schwanger.

Von vorn nach hinten in dreiHandlungssträngen, werden die frühen Jahre des großen Dichters erzählt. Da ist einmal sein Aufenthalt in der Pension, wo er die Tage in seinem Zimmer verbringt, die Bilder aus der Schachtel nimmt, sich in seine Erinnerungen vertieft, während draußen am Strand nach und nach die Badeliegen und die Sonnenschirme weggeräumt werden, weil, eine gekonnte Metapher, der Herbst des Lebens oder auch nur des Jahres beginnt. Es gibt auch eine wahrscheinlich noch ältere Pensionsbewohnerin, die Amerikanerin Missis Bennet, die immer auftaucht und den Dichter danach fragt, warum er nicht an den Strand geht und sie war damals, in dem letzten Sommer, in dem seine Eltern, noch glücklich waren, auch schon da. Durch einen Zufall hat die Famlie, ihr sonst bewohntes Zimmer bekommen, an das sie ihn lächelnd erinnert und es gibt dann auch ein Plakat von der kleinen Stadt, in den Fünfzigerjahren, das ein Paar zeigt, das die Eltern sein könnten und das die Amerikanerin kauft und den Abreisenden, später, wenn alles geschrieben und geschehen ist, zur Erinnerung schenkt.

Dann geht es durch das Leben, das man hinten in der Biografie, getreulich nachlesen und vergleichen kann, “Wikipedia” ist dagegen eher schwach bestückt. Da steht eigentlich nur wenig von den frühen Jahren.

Nur, daß es in dem Internat, in das der Jüngling nach der Trennung der Eltern, die sie den Kindern lang verheimlichten und stattdessen glückliche Familie spielten, gegeben wurde, einen Mißbrauchsvorfall gegeben hat.

Der wird in dem Buch fast mit der selben erotischen Leichtigkeit erzählt und darüber hinweggegangen und dann gibt es auch immer wieder, die Besuche des alternden Schriftstellers in der Seniorenredidenz der fast Neunzigjährigen, wo er sie bis zu ihren Tod begleitet und mit ihr immer wieder über die erlebte Kindheit spricht.

Die Sommer wurden also gemeinsam mit der Mutter und der Großmutter meistens in Kitzbühel verbracht. Später zog die Familie, weil der Vater in geschäftlichen Schwierigkeiten war, in den Schwarzwald. Hier ging der Sohn zu Schule. Machte seine ersten erotischen Erfahrungen. Verliebte sich in eine schöne Arzttochter, bei deren Eltern, die Großmutter in Untermiete lebte. Mit zehn kam er in das Internat am Bodensee, die Heimutter Frau Guth war sehr streng. Der Kantor führte den Knaben in ein verbotenes Geheimnis über das man nicht sprechen dürfte und verschwand dann schnell. Dafür kam ein Freund, der sich später mit der jüngeren Schwester verheiratete. Es wurde Satre, Camus und noch einiges andere gelesen, nach dem Abitur in den legendären Jahr 1968 ging es, man glaubt es kaum, zum zweijährigen Militärdienst. Reisen nach Amerika und Mexiko, wo wohl auch die “Mexikanische Novelle” begonnen wurde, folgten und wiederum erstaunlich, kam es 1978 schon zum ersten Vertrag mit “Suhrkamp”, vom autor, der bald nach Frankfurt in die Stadt, wo die Mutter nach der Scheidung lebte und dort sowohl in einer Agentur, als auch unter den Namen Evelyn Peters und andere Pseudonyme Liebesromane und Krimis schrieb,  “der berühmte Verlag in der Lindenstraße genannt” und vorher, das Buch ist ja nicht chronologisch geschrieben, sondern springt lustig hin und her, besuchte der frührreife Fünzehnjährige in den Ferien, die Mutter in ihrer Frankfurter Wohnung, die dort mit einem Herrn Kurt lebte oder von ihm besucht wurde. Der gab dem Knaben je zwei fünf Mark Stücke. Sein Taschengeld hatte er schon vorher in einem Pornokino ausgegeben, schwindelte der Mutter vor, das Portemonnaie wurde gestohlen, die gab ihm mitleidig dreißig Mark aus ihrem, damit er sich einen schönen Nachmittag in Frankfurt, während sie arbeite machen könne, Kaffeehaus und Kino schlug sie vor.

Er ging in eine Buchhandlung, kaufte sich dort Tennesse Wililams “Mrs Stone und ihr römischer Frühling”, las es bei einer Cola im “plüschigen Cafe Schwille, das kaum mehr einer kennt” aus und wollte dann über das berüchtige Bahnhofsviertel ins Kino gehen. Eine Nutte sprach ihn an, verlangte dreißig Mark, der Jüngling hatte aber nur mehr fünfundzwanzig. So gab er das Geld dahin und hatte dann keines mehr für den Kinobesuch. Mußte der Mutter also vorschwindeln, er hätte den Film gesehen. Das Buch war aber gelesen. So war das Fabulieren für den Fantasiebegabten nicht sehr schwer, der inzwischen ein Mann geworden war, schon mit Vierzehn oder Zwölf, etwas das man sich heute nicht mehr vorstellen kann, seine Zigarretten rauchte, wie überhaupt alle, der Mutter Liebhaber, die Heimleiterin, der Verführer Kettenrauchen waren und der alt gewordene Schriftsteller sitzt in Italien über seinen Bildern, denkt an die tote Mutter und an seine Kindheit zuirück.

Hier endet das buch, mit der Rückfahrt aus dem kleinen Strandhotel  Beau Sejour in Alassio, das Paket öffnend, das ihm Missis Bennet mit dem Plakat gegeben hat, während draußen am Gang, die Polizisten, die afrikanischen Flüchtlinge verhaften. Seinen Paß, weil ja ein Weißer, nicht sehen wollen. Die biografieschen Notizen gehen aber weiter, führen auch nach 1984 die Werke an, erwähnen, daß Bodo Kirchhoff, sowohl in Frankfurt, als auch am Gardasee lebt und dort mit seiner Frau schon lange Schreibkurse gibt. Dem Buch ist auch ein kleiner Folder beigelegt, wo man die Bücher des Autors sehen und auch die Adresse finden kann, bei der man sich für diese Schreibkurse am Gardasee anmelden kann.

Das werde ich wohl nicht tun, vielleicht aber noch etwas anderes von Bodo Kirchhoff lesen. Vielleicht schickt es mir FVA in den nächsten Jahren zu oder ich nehme es von meinem reisengroßen SUB, denn  ich habe, wenn ich mich nicht irre, inzwischen auch noch andere Kirchhoff Romane gefunden.

Nobels Testament

Jetzt könnte eigentlich, wie ich es beim Schreiben ja immer gerne mache, ein wenig Rechercheliteratur, für mein “Work in Progress”, das heißt die “Unsichtbare Frau” kommen, geht es da doch in einem Seitenstrang, um den Nobelpreis für Literatur und seine Vergabe, kommen.

Aber Erstens geht es in Liza Marklunds “Nobels Testmament” um den Nobelpreis für Medizin, wie ich erst beim Lesen daraufgekommen bin, da ich das 2006 erschienene Buch, da ich den NB selbstverständlich für den für Literatur gehalten habe, schon immer haben wollte, Liza Marklund wahrscheinlich 2007 in Leipzig auch daraus am blauen Sofa lesen hörte und das Buch vor ein paar Jahren im Schrank gefunden und es auf meine heurige Liste gesetzt habe und da ist es dann während des Entstehens der “Unsichtbaren Frau” gestanden und gestanden und ich habe gar nicht daran gedacht, es für Recherchezwecke vorzuziehen.

Erst jetzt, da ich mit dem Korrigieren hoffentlich schon bald fertig bin und dem Alfred sogar schon am Sonntag, ein allerdings noch sehr fehlerhaftes Manuskript gesendet habe, bin ich darauf gekommen, daß ich das Buch, wie ich es auch sehr gerne mache, als Sommerlektüre, ein Krimi ist ja leicht und sommerlich, vorziehen könnte und jetzt habe ich es gelesen und bin ein bißchen verwirrt, denn es war zwar einerseits sehr spannend, andererseits auch eine ziemlich kunterbunt zusammengewürftelte Geschichte, wo fast alles und jedesThema verarbeitet wurde.

Von der 1962 gebobrenen schwedischen Autorin, habe ich, glaube ich “Primetime” gelesen, ein Buch, daß mir meine Freundin Elfi einmal zu einem meiner Geburtstagsfeste mitbrachte und “Mias Flucht”, wo es um einen angeblich oder wirklich authentischen Fall geht und “Prime time” hat mir, glaube ich, schon nicht so gefallen. Wahrscheinlich habe ich es auch sehr verwirrend gefunden.

Annika Bengtzon ist die Hauptfigur. Sie ist eine Journalistin im Abendblatt und weil es eine ganze Annika Bengtzon Reihe gibt, und “Nobels Testament” irgendwo in der Mitte angesiedelt ist und “Primetime” 2002, erschienen, wahrscheinlich auch, ist es nicht so leicht zu lesen, weil sehr viel von den vorigen Krimis offenbar vorausgesetzt wird und man sich nicht auskennt.

Es beginnt mit der Nobelpreisgala, da tanzt Annika Bengtzon mit einem Journalisten der Konkurrenz und dann wird sie angerempelt. Ein Schuß fällt und der Nobelpreisträger für Medizin, der gerade mit der Vorsitzenden der Kommission tanzte, wird ermordet.

Annika hat gar nicht so viel gesehen, nur die gelben Augen des “Kätzchens”, der Auftragskillerin, wird aber trotzdem von der Polizei verhört und bekommt, was ich ein wenig unlogisch finde, ein Redeverbot. Noch unlogischer ist allerdings, daß sie daraufhin für ein halbes Jahr beurlaubt wird und, daß das, was auf den ersten hundert Seiten passiert, eigentlich nicht sehr spannend ist.

Im zweiten Teil im Mai geht es dann weiter. Da ist Annika, die sich mit ihrem Mann Thomas einem Juristen, der im Ministerium für die Terrorismusbekämpfung zuständig ist, ständig streitet und auch Alpträume hat, weil er sie offenbar in einem der vorigen Teile betrogen hat, in ein Haus an den Stadtrand gezogen, das sie sich von dem Geld kaufte, daß sie offebar auch in einem vorigen Fall, als Finderlohn bekam. Dort hat sie einen “verrückten” Nachbarn, der ständig mit der Polizei droht, wenn sie ihr Auto vor dem Haus stehen läßt, aber mit seinem in ihren Garten fährt und in diesemauch einen Maibaum aufpflanzt. Ihre zwei Kinder werden im neuen Kindergarten gemobbt und ihr Mann ist auch nicht da, weil er für die Terrorismusbekämpfung neue Überwachungsgesetze ausheckt, die ihr ein Dorn im Auge sind.

Es wurde auch in ihrer Redaktion umstrukuriert, die Büros verkleindert, die Mitarbeiter ausgelagert und eigentlich denkt sie, sie bekommt den golden Handeshake angeboten, wird aber als freie Tagesreporterin im Mai wieder angestellt und da geht es dann mit dem Fall los, denn es werden hintereinander, die Mitarbeiter des Karolinska Instituts, dessen Direktorin, das ermordete Nobelpreismitglied war, ebenfalls ermordet.

Dazwischen geht es noch um sehr viel Kleinkram. Der Nachbar pudelt sich auf, als Thomas seinen Chef und seine Kollegen zu einem Abendessen einlädt. Er macht seine Frau lächerlich und ich wundere mich nur, wieso sie sich entschuldigt und nicht die Polizei holt, wenn er mit seinem Autor in ihren Garten fährt. Dann fällt Kalle, der Sohn im Kindergarten noch von der Schaukel. Ein Arschlochkind hat ihn huntergeschubbst und Anika geht wütend hin, und droht ihm an, es umzubringen, wenn es das noch einmal tut.

Da kann man diskutieren, ob das nicht vielleicht ein bißchen übertrieben ist. In einem Roman muß das alles sein. Ich weiß, da kann man nicht einfach sagen “Du pass auf, ich will nicht, daß du meinem Kind was tust!”

Es wirkt aber und es wird auch noch ein Kleinterrorist abgeschoben und Anika zerstreitet sich mit ihrem Thomas endgültig, bevor die Molotows Cocktails in ihr Haus fliegen. Sie die Mordfälle aufgeklärt hat und mit den Kindern flüchten kann und begreift, daß er nicht widerkommen wird und was den Alfred Nobel und sein Testament betrifft. Richtig darum geht es natürlich auch. Da werden E-Mails geschrieben, die über sein Leben und seine Beziehungen zu Frauen, wie beispielsweise der Berta Kinsky, nicht der Baronin von Suttner, Auskunft geben und auch, um eine schöne Vatermörderin aus vorigen Jahrhunderten, über die Alfred Nobel offenbar wirklich ein Theaterstück geschrieben hat.

Spannend und geheimnisvoll der Schwedenkrimi, obwohl ich micht die ganze Zeit fragte, wieviel, die vielen Themen, die da hineingepackt wurden und da habe ich jetzt noch gar nichts über die Stammzellenforschung an der im Karolinska Institut geforscht wurde und um die Intrigen und die Machtspielchen, die es dort gibt, geschrieben, miteinander zu tun haben?

Wahrscheinlich ist das Buch trotzdem unterhaltsam und angenehm zu lesen und die schwedische Krimiautorin versteht ihr Geschäft, obwohl sie, wie ich gelesen habe, ihre Anika Bengzton Reihe inzwischen beendet hat.

Autolyse Wien

Jetzt kommt mein drittes Geburtstagsbuch, das ich mir im Vorjahr vom Alfred wünschte, nämlich Karin Peschkas “Autolyse Wien”, die “Erzählungen vom Ende”, das 2017 auf der LL des östBp stand und das ich gerne lesen wollte, weil ich ja sozusagen eine Karin Pschka Experitin bin, beziehungsweise von ihr schon sehr viel gelesen und gehört habe. Dabei kann ich nicht einmal sagen, daß mir ihre beiden Bücher, so besonders gefallen haben, sie  haben aber einen speziellen Ton und das findet man auch in der “Atolyse” wieder, von der ich, obwohl ich ja beim “Bachmannpreis” daraus hörte und auch bei den O Tönen war, jetzt erst mitbekommen habe, daß es Erzählungen sind und zwar sehr viele kurze Geschichten und kein Roman und das ist ja auch etwas mit dem ich eigentlich keine sehr große Freude habe.

Aber ein roter Faden hält das Buch zusammen und das ist interessant, das Ende, Wien ist irgendwie und irgendwann zerstört worden. Die Apokalypse hat stattgefunden. Das wie und das wann, spielt wie im Kappentext steht, keine so besondere Rolle, denn Karin Peschka erzählt von den Menschen, die übergeblieben sind und das auf eine sehr spezielle eindrucksvolle Art, die eigentlich sehr interessant ist.

Es gibt drei Teile, im ersten werden auf  über hundert Seiten, kurz von den Menschen und dem, wie sie nach der Katastrophe leben, erzählt.

Da steht immer ein Name, wie Erik, Olja, Rose und und und daneben “Wien leergeräumt” oder “Wien ohne Wien?” und das ist auch sehr geheimnisvoll und scheint eine Spezialität Karin Peschkas zu sein, die mir, glaube ich, auch mehr zusagt, als die Apokalypse im “Watschenmann”, das auch ein ähnliches Thema hat und in einem zerstörten Nachkriegs-Wien spielt.

In den kurzen Geschichten werden wir in die Zerstörung eingeführt. Da wankt der Mann ohne Namen, beispielsweise, der früher von den Obdachlosenküchen lebte, in ein zerstörtes Geschäft oder eine Frau läßt sich von ihrem Freund für ihre Menstuation Binden holen, der wundert sich, daß sie noch eine hat, geht dann in einen zerstörten Eissalon und holt dort Servietten,  abgelaufene Waffeln und Obersbecher, wo die Frau dann das Obers auf die Waffeln tropft.

Poetisch zart diese Geschichten vom Weltuntergang, wobei dieser wahrscheinlich bei jeder der handelnden Personen  ein ganz anderer und ein sehr Persönlicher war.

Da gibt es Imre, der mit zwei Hunden, die sich gegenseitig beäugen und bewachen und gelegentlich sogar ein Reh zerlegen, wie kommt ein Reh in die Stadt, Karin Peschka verrät es uns nicht, aber es gibt in Wien ja den Wiener Wald, Schönbrunn und den Lainzer Tiergarten, das Imre dann zerlegen und auswaiden muß und hat als Bibliothekar, der in seiner Bibliothek das Theoretische erlernte hat, nun Gelegenheit sich dem Praktischen zuzuwenden, während Sugar, die alternde Schauspierlin ihrem Publikum noch immer große Vorstellungen in die Welt der Sylvia Plath, ihrem Vorbild gibt und sich dabei mit ihrem Mann Johann, dem Regisseur streitet.

Und die vier Brüder, die alle einen Vornamen mit dem Buchstaben H tragen, ziehen mit dem kleinen behinderten Hans, der Zollstöcke sammelt herum, haben sich in einem zerfallenen Wirtschafts-Hotspot an der Donau und in Praternähe, ob das wohl die Wirtschaftsuni ist, bequem gemacht, denn die drei Nichtbehinderten waren Handwerker <installateur, Elektriker und Maurer von Beruf und die Supermärkte haben sie rechtzeitig auch geplündert, weswegen auch ein paar von Hans Zollstöcken verlorengingen.

Ivelina ist von Beruf Krankenschwester und arbeit in St. Pölten, einmal im Monat setzt sie sich nach Mitternacht ins Auto um nach Wien zu ihrer Tochter und Schwiegersohn zu fahren und dort zu übernachten. Sie ist schon geduscht, die Zähne sind geputzt, den Pyjama hat sie auch schon zur Hälfte an, nur leider hat sie das Unglück mit einem “Trommelwirbel” auf der Autobahn überrascht, sie hat sich dabei den Arm gebrochen, den sie sich zwar selbst verarzten, verbinden und sich gut zureden kann. Das Auto ist aber ein Wrack geworden “Don` t you know that I love you Baby”, summe Ivelina, die Szene betrachtend, verunfallte Autos vor sich, darin war sicher kein Leben mehr.”

Und die Gläubigen gibt es in dieser Szenerie auch, von jeder Kirche einer, vegetieren sie so vereinzelt vor sich hin, versuchen Statuen zu retten, die andere vorher erschlagen haben, suchen nach dem göttlichen Prinzip oder verlieren ihren Glauben, während Karl im Stadtpark die Bank wieder aufgestellt hat, in der er seiner Frau vor Jahren aus Bequemlichkeit kein Herz der Liebe hineingeritzt hat.

Sie sind mal kürzer und mal länger die einunddreißig Namensgeschichten, mal mehr und mal weniger intensiv ausgeführt. Da wird von Wohngemeinschaften, Unfällen, Mißbrauch etcetera, mehr oder weniger lang geschrieben.

Beeindruckend die Geschichte des Wohnberaterlehrlings Anna, die in einer solchen Zweckgemeinschaft lebt und vor der großen Katastrophe fast ausgelernt gewesen wäre. Da sah sie eine große Zukunft als Wohnberaterin vor sich, jetzt sucht sie nach dem Möbelhaus, um sich vielleicht ein paar gute Möbelstücke in die Zweckgemeinschaft zu transportieren und findet es nicht.

Frau Widehopf, die Siebenundsechzigjährige, die mit ihrer Friseurin Frau Helga vereinbart hatte, sich ab fünfundneunzig nicht mehr dieHaare zu färben, wird in ihrer gemütlichen Wohnung eingeklemmt. Sie kann nicht mehr ins Vorzimmer hinaus, wo die Tasche mit dem Handy liegt, denn Frau Widehopf ist eine agile Alte, die sich auskennt, in der Welt der Smartphoneltelefonie. Leider ist ihr die Kommode auf das Bein gefallen. Jetzt sitzt sie da mit ihren Medikamenten am Schoß, rechnet sich die Blutvergiftung und den Wundbrandt aus und bereitet sich aufs Sterben vor.

Ähnlich eindrucksvoll, die Geschichte von dem demente Alkoholiker, der entlassen und besachwaltert in einer betreuten Wohngemeinschaft, sich auf seinen Selbstmord vorbereiten wollte. Die Medikamente hat er angespart und vergessen, als er sich den Schnaps mit dem er sich betrinken kaufen wollte. Dann kam die Katastrophe. Der Zerfall Wiens ist seinem Selbstmord zuvorgekommen, sein Gehirn regeneriert sich und er beginnt mit Äpfel und mit Nüssen zu überleben.

Dann geht es an das “Ich”, das in sieben Abschnitte aufgeteilt ist. Eine Frau mit einer Autoimunerkrankung, für die sie Medikamente benötigt, hat sich im Sternwartepark eingebunkert, das heißt eigentlich hat sie sich hinausgesperrt, denn die Tore alle zu mit Schlößern, die sie aus dem “Libro” plünderte. Dort vergräbt sie Lebensmittelreserven und bereitet sich auf ihr Sterben beziehungsweise ihre Verwesung vor. Eine Beziehung zu Hunden, wie auch im “Wiener Kindl”, das Stück aus dem Buch, das Karin Peschka in Klagenfurt gelesen hat, gibt es auch.

Das “Wiener Kindl” hat drei Teile und Wolfgang Tischer vom “Literaturcafe” hat sich, glaube ich, im letzten Jahr sehr darüber mokiert, daß man der Autorin das “Kindl” nicht weglektorierte, aber das ist ein Wiener oder vielleicht auch Oberösterreichischer Ausdruck und das Kindl hat auch eine Behinderung oder chronische Krankheit, mußte Medikamente mit einem Silberlöffel nehmen, eine Windel tragen, hat Ergotherapie bekommen, dann kam die Katastrophe. Haus zerstört, Eltern und Brüder verschwunden. Das Kindl steigt aus dem Gitterbett, schleppt sich in den Garten, wo schon die Hunde warten, in dessen Gesellschaft es fortan leben und die Herrschaft über sie erheben wird.

Eine tolle Geschichtensammlung über den Tod, das Sterben und den Zerfall in denen mir Karin Peschkas skurrile Phantasie mit der sie genüßlich, die unglaublichsten Szenen zelebriert, glaubhafter, als in “FanniPold”, beispielsweise, das mir trotz mehrerer Lesungen, immer noch ein wenig unverständlich ist, erschien.

So über die Apokalypse und den Weltuntergang zu erzählen, so poetisch und skurril erscheint mir als das Neue in der Literatur, wie die Kritiker ja immer verlangen, daß sie das haben muß.

Schade, daß es im Vorjahr nicht auf die Shortlist des Öst gekommen ist, dennHand aufs Herz Karin Peschkas Hunde und Menschengeschichten, die nur wenig Kommunikation zueinander haben, haben mir besser als Eva Menasses “Tiere für Fortgeschrittene” gefallen, was auch für manche andere Shortlistbücher gilt. Ausgenommen das dBp-Siegerbuch,  Brigitta Falkners “Strategien der Wirtsfindung” habe ich nicht glesen und das Longlistbuch des Doron Rabinovici hat mir auch sehr gut gefallen.

Jetzt ist Karin Peschka  Stadtschreiberin in Klagenfurt und soll sich dort, wie ich gelesen habe, den Klagenfurtern regelmäßig für Texthilfen zur Verfügung stellen, was auch  einungewöhnlicher Einfall der Autorin ist.

Deine grünen Augen

Jetzt kommt, während die Bücher der Herbstproduktion, die erst im Juli, August, September besprochen werden können im Badezimmer auf mich warten, wieder etwas von der Backlist.

Eines der älteren Bücher, das ich unbedingt lesen wollte, obwohl ich gar nicht so genau sagen kann,  wie es zu mir gekommen ist, wahrscheinlich habe ich es mir vor drei Jahren, kurz bevor wir nach Leipzig fuhren, vom klinischen Mittag kommend, in der ehemaligen “Buchlandung” in der Lerchenfelderstraße, um einen  Euro gekauft, vielleicht habe ich es auch in einem der Schränke gefunden.

Arnost Lustig “Deine grünen Augen” und gekauft oder genommen habe ich es mir höchst wahrscheinlich, weil mich der Name an Gila Lustiger erinnerte, von der ich einmal, langs lang ists her, etwas gelesen habe.

Das wäre aber wieder eine legasthene Verwechslung gewesen, denn Arnost Lustig wurde 1926 in Prag geboren, überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück und arbeitete als Rundfunkredakteur und Schriftsteller. Aufgrund seiner führenden Rolle imPrager Frühling flüchtete er 1968 nach Israel, steht im Klappentext.

“Wikipedia” entnehme ich, daß er 2011 in Prag gestorben ist und ein Schriftsteller und Publizist war, der sich in seinen Werken hauptsächlich mit dem Holocaust beschäftigte. In den USa scheint er auch gelebt zu haben.

“Deine grünen Augen” erschien 2000 im “Berlin Verlag”, die Originalausgabe kam 2000 in Prag heraus und handelt in Auschwitz kurz vor Ende des Krieges, sowie in Ungarn und Prag kurz danach.

“Hanka ist fünfzehn und Jüdin. Ihre Familie ist in Auschwitz umgekommen. Sie selbst gerät als jüngstes Mädchen ins Feldbordell Nr. 232 Ost. Ein erschütterndes Zeitdokument und eine Huldigung an den Lebenswillen. Mit beinahe beängstigender Ruhe erzählt Arnost Lustig von den Möglichkeiten der Selbstbehauptung in einer humanen Welt”, steht am Buchrücken und die Geschichte, die man eigentlich nicht erzählen kann, wie ein “Amazon-Rezensent” schreibt, wirkt, in seiner knappen,”ruhig”, wird es in der Beschreibung genannt, so, als könnte sie auch knapp nach dem Krieg geschrieben worden sein. Vielleicht ist es  auch die Erinnerung, die Arnos Lustig, das Unerzählbare in  eindringlich dichten Bildern und einer sowohl sehr direkten, als auch dissoziativen Erzählweise beschreiben läßt, die teilweise sehr experimentell  wirkt.

So gibt es immer wieder Stellen, wo beispielsweise “Fünfzehn: steht und dann wahrscheinlich ebensoviele Namen aufgeezählt werden “Hermann Hammer, Fritz Blücher, Reinhold Wuppertal…” etcetera.

Das sind wahrscheinlich die Wehrmachtssoldaten, die eine “Feldhure” pro Schicht zu bedienen hatte und Hanka ist mit ihren  Eltern und ihrem Bruder zuerst nach Theresienstadt, was sie noch, als angenehm und menschlich empfand, dann Auschwitz-Birkenau gekommen, dort wurde selektiert. Der kleine Bruder wurde sofort ins Gas geschickt, der Vater hat sich, um seine Würde zu bewahren an den Zaun geworfen, die Mutter hat sie auch verloren. Sie wurde sterilisiert und ist in eine medizinische Baracke zu einem Dr. Krueger geraten, der Experimente machte. Der wurde versetzt und Hanka gibt sich als Arierin aus, um, um ihr Leben zu retten, in das besagte Feldbordell zu kommen.

Hanka wird am Bauch tätowiert und muß bei Madame Kulikowa auch Offiziere bedienen, den Hauptmann Hentschel und den Obersturmführer Stefan Sarazin, der sich von ihr ans Bett fesseln läßt.

Es gibt außer ihr noch ein anderes jüdisches Mädchen Estelle, die eigentlich Esther heißt, mit ihr kann sie  kurz vor der Evakuation, wo alle erschossen werden, fliehen und kommt zuerst nach Ungarn, spter nach Prag, wo der Erzähler dessen Frau sie später werden wird, sie kennenlernt.

“Mit fünfzehn, fast schon sechzehn, hatte Hanka reine Haut, glänzendes Haar – sorgfältig gebürstet und immer wieder nachgewachsen und wunderbare grünen Augen.”, lautet der letzte Satz.

Die werden in dem nicht chronoligisch erzählten Roman, immer wieder erwähnt, den Soldaten und Offizieren, die sie bedienen muß, fallen sie auf. Hanka ist die jüngste in dem Bodell, gibgt sich aber, um zu überleben, als achtzehn fast neunzehn aus, wenn die Offiziere mißtrauisch auffällt, daß sie so jung ausschaut.

Die “Bordellstellen” werden immer wieder mit den “Nachherstellen”, wo Hanka in Ungarn beispielsweise bei einem Rabiner unterkommt, der ihr zu essen und die Kleider seiner ebenfalls umgekommenen Frau und Tochter gibt und der, ob dem was geschenen ist, fast den Verstand verliert und immer wieder Fragen stellt, wie so etwas geschehen und wie Gott das zu lassen konnte, abgelöst

“Warum haben sie das getan?”, flüsterte er. “Wie haben sie das tun können?”

“Worin verstand das Vegnügen beim Töten von Menschen, die man nicht kannte?

An wen konnte er sich wenden, an welches Gesicht Gottes? An den Gott der Unendlichkeit? Den Gott der Weisheit? Den Gott der Rache? Den Gott der Blitze? Oder den Gott der Gnade? Den Gott der Güte? Den Gott der dreißig Pfade zur Weisheit?  Dem Gott der fünfzig Tore zum Licht? Dem Gott mit dem Flammenschwert? Den Gott des Bundes?”

“Du hast ein Recht darauf sie zu hassen”, sagt der Rabbiner zu Hanka.

“Ich weiß nicht, ob ich das will”, antwortet sie ihm.

“Was mich angeht, darfst du sie hassen” sagt er.

“Das will ich aber nicht.”

“Niemand könnte es dir verdenken.”

“Das interessiert mich nicht.”

“Niemand würde dir einen Vorwurf machen.”

“Ich habe keinen Hass in mir” sagt sie.

Eine seltsame Situation. Während sie nur ans Essen dachte, suchte der Rabbiner nach Antworten auf etwas, das er nicht begreifen konnte.”

“Über Auschwitz zu schreiben, sei ein unmögliches Unterfangen behaupten viele Schriftsteller der Nachkriegszeit und unterließen es deshalb. Mit deinen grünen Augen konnte Arnost lustig den Gegenbeweis jedenfalls nicht antreten”, behauptet ein Zweisternrezensent bei “Wikipedia”, dem das Buch und sein Inhalt wohl zu direkt und nahegehend war.

Und es ist wahrscheinlich auch richtig, daß man das Ungeheuerliche, das damals geschehen ist, wahrscheinlich nicht so einfach erfassen kann und auch das Aufschreibensehr schweirg ist. Es ist  aber trotzdem wichtig, ist das zu tun, kann man die Vergangenheit ja nur so erfassen und es ist wahrscheinlich auch die  knappe  und doch sehr deutliche Art von Arnost Lustig,  die das trotzdem möglich macht, auch wenn der Autor heute eher vergessen und das Buch wahrscheinlich schon vergriffen ist, ist es trotzdem sehr empfehlenswert, es zu lesen, auch wenn es dem Leser vielleicht genauso schwer, wie dem Rabbiner Gideon Schapira fällt, das Geschehene  zu begreifen.

“Arnost Lustig schreibt über den Holocaust mit der gelassenen Autorität, die einer großen Bescheidenheit entwächst. Die kluge Sachlichkeit des Tons ist unvergleichlich”, hat die “Washington Post” noch auf den Buchrücken geschrieben.

Eines Tages verschwand Karola

Jetzt kommt das, glaube ich, siebente Buch der 1952 in geborenen Judith Gruber Rizy, die mir einmal in den Neunzigerjahren von Arthur West bei einer Lesung vorgestellt wurde, mit ihr in der GAV und auch eine Zeitlang in der “Frauen lesen Frauen Gruppe des ersten Wiener Lesetheaters” war, bei der sie noch immer tätig ist und wo sie sich auch sehr für die vergessenen Schriftstellerinnen des vorigen Jahrhunderts oder überhaupt für vergessene Frauen, wie Veza Canetti, Gabriele Münter, etcetra, interessiert.

Ich weiß gar nicht mehr genau welche ihrer Bücher ich gelesen habe.

“Aurach” bestimmt und wahrscheinlich auch die Prosa “Zwischenlandschaft”, “Drift” und “Schwimmfüchslein” habe ich gelesen, bei den anderen Büchern war ich, glaube ich, auf Lesungen und habe Judith Gruber-Rizy auch regelmäßig beim Volksstimmefest und bei der Poet-Night gehört und es hat auch eine Zeitlang Frauenlesungen in der Galerie Heinrich gegeben.

Sie hat Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, war, glaube ich, lange als Journalistin bei der Volksstimme tätig und ist jetzt schon länger freie Schriftstellerin, mit Helmut Rizy verheiratet und eine ihrer Eigenarten oder Besonderheiten ist, daß alle ihreHeldinnen den Namen Rosa tragen und ihr neues Buch “Eines Tages verschwand Karola”, zu dem Erika Kronabitter eine Beschreibung im Klappentext gab, hat mich sowohl ein wenig verwirrt, als auch verwundert.

Halte ich sie ja für eine sehr kritische Frau, die sich für die Unterdrückten oder gegen die Unterdrückung einsetzt und jetzt sind die diesmalige Rosa und auch ihre Freundinnen Karola und Antigon eigentlich sehr bürgerliche Frauen und machen oder lassen Dinge mit sich geschehen, wo ich eigentlich einen Aufschrei erwartet hätte.

Es ist ein sehr ruhiges Buch, da passiert ja nichts, könnte man auch hier sagen. Zumindest erfährt man bis zum Schluß  nicht wirklich wohin jene Karola jetzt verschwunden ist und warum und wieso?

Es werden an ihrem Beispiel vielmehr die Pardoxien und Widersprüchlichkeiten des Lebens aufgezeigt und die Widersprüche was und wer jetzt wem was verschweigt sind  vielleicht auch das Interessante daran.

Spannend auch der ruhige und genaue Erzählton, eines der Merkmale der Autorin, hier hat mich aber die Trivialität ein bißchen verblüfft, in der der Stoff öfter abgleitet.

Da ist also die Ich-Erzählerin, die wieder Rosa oder eigentlich Rosemarie heißt und die erzählt ihrer Freundin Anne auf einer Fahrt nach Bilbao, daß ihre Freundin Karola vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden ist.

Und vor fünfundzwanzig Jahren hat sie das ihrer Freundin Antigone “Wer Antigone heißt, ist für sein Leben gehzeichnet.  Es macht das Leben leichter, wenn man Rosa heißt”, auf der Fahrt in das Wochenendhaus erzählt, worauf die spontan beschlossen hat, nach Karola zu suchen und das hat, wie Rosa Anne weiter erzählt, ihr Leben auf einem Schlag oder nach und nach verändert.

Denn damals war sie mit einem Lateinlehrer namens Julius verheiratet, der eigentlich Werner hieß, war Lektorin in einem Verlag und nicht besonders glücklich und Karola war eine Bekannte, die sie in einem Sprachkurs kennengelernt hat. Sie ist an die vierzig und Sekretärin bei einem Rechtsanwealt. Karolas Mutter ruft Rosa eines Montags an und fragt nach ihr, denn sie ist, die noch am Samstag bei ihr war, auf einmal verschwunden.

Die beiden Frauen forschen nun nach und bekommen nicht viel heraus und diese Karola, füge ich vielleicht an, bleibt auch erstaunlich blaß und widersprüchig. Es gibt einen Freund namens Robert und eine Freundin namens Carla, die nie jemand gesehen hat und der Nachbar Gerhard, ein ewiger Sinologiestudent erklärt den fragenden Frauen überheblich, das hätte Karola nur erfunden und wäre eigentlich in ihrem Rechtsanwalt verliebt gewesen.

Aber in den verliebt sich sofort Antigone, bei der Recherche, übernimmt Karolas Posten und bekommt von ihm drei Kinder, bevor er sie wegen einer Jüngeren verläßt und Rosa hat, als sie Anne all das erzählt, ihren Julius längst verlassen und begonnen Romane über vergessene Schriftstellerinnen des vorigen Jahrhunderts zu schreiben.

Sie hat auch ein Jahr nach Karolas verschwinden versucht, einen Roman darüber zu schreiben, der aber nicht fertig geworden ist, war sie doch zu nahe an den real existierenden Personen daran  und ein Teil des Buches widmet sich auch der Frage, wie das mit den verzerrten Erinnerungen ist?

Es gibt dann noch eine sehr kitschige Stelle, das Ende des ersten oder zweiten Romanversuches.

Denn da hat sich inzwischen herausgestellt, daß jener Robert, von dem Rosa ein Bild gesehen hat, einmal vor sechs Jahren vor dem Verschwinden einen Sommer in einer Pension mit Rosa verbrachte, jetzt, drei Wochen vor ihrem Verschwinden hat sie in der Pension angerufen und nach Robert gefragt, der aber nichts von ihr wissen will, weil auch verheiratet, etcetera.

Karola fährt aber in einer Romanversion zu ihm hin und rüttelt an seiner Tür, Antigone ist ihr hinterher, will sie davon abhalten, Karola zieht das Küchenmesser und sticht zu.

“Ja!”, sagt Anne, das wäre ein Schluss, der mir gefallen könnte..”

“Aber so war es nicht”, sage ich, “denn eigentlich hat die Geschichte von Karolas  Verschwinden bis heute kein wirkliches Ende gefunden.”

So war es, kann ich gleich spoilernd anfügen, hat aber zweihundertfünfzig Seiten gefüllt und in einem sehr ruhigen, manchmal etwas widersprüchigen Ton vom Frauenleben, seinen Veränderungen und auch von einigen Ungereimtheiten erzählt.

“Ein Roman geschrieben aus der Sicht einer Frau mit all der Verwunderung über die wechselnden eigenen Befindlichkeiten. Ein Roman über die Reifung zur selbständigen und selbstbewußten Frau. Ein Roman der lange nach dem Lesen im Gedächtnis haften bleibt”, hat Erika Kronabitter am Klappentext geschrieben und am Buchrücken steht noch “Judith Gruber-Rizy brilliert erneut und schafft in ihrem Roman vielschichtige Figuren, die die Dynamik des Lebens in seiner vollen Bandbreite zeigen.”