Der Strohmann

Ein Kriminalroman von Dietmar Füssel, dem 1958 in Wels geborenen GAV-Kollegen, der schon eine ganze Anzahl in Kleinverlagen erschienenen Romane, Gedichtbände, Erzählungen, Satiren, Kinderbücher hat, die er auf seiner Seite regelmäßig vorstellt und die man jedes Monat auch bei einem Gewinnspiel bekommen kann.

So bin ich zu einer ganze Reihe seiner Werke gekommen und kann mich als Füssel-Expertin bezeichnen und das Lesen, seines neuesten Werkes, stimmt nicht ganz, denn wenn ich mich nicht irre, gibt es noch einen Gedichtband, den ich aber erst bekommen muß, war auch sehr spannend, denn Dietmar Füssel ist ein begnadeter Satiriker, macht sich gekommt über alles lustig und so ist das auch bei seinem, wie er mir sagte, ersten Krimi, der wahrscheinlich gar keiner ist, sondern eine Satire auf den amerikanischen Way of life oder auf den amerikanischen Wahlkampf und da sind wir mitten drin in der Satire oder im realen Leben, denn Vorbilder denen Füssel sich bedient haben könnte, fallen einem sofort ein.

Da ist er also der amerikanische Präsident auf dem Weg seine Rede an die Nation zuhalten, aber er ist, wie Füssel schreibt “höflich ausgedrückt ein klein wenig unterbelichtet”, so hat er, weil er auch schlecht lesen kann, Kopfhörer und der Assistent diktiert ihm die Rede, aber leider fällt die Technik aus. Er muß improvisieren und sein Team rauft sich die Haare, denn es ist Wahlkampf und wenn das so weitergeht, verliert er die Wahl.

Hilfe muß her, also macht sich der CIA auf dem Weg, beziehungsweise ein Agent in vorschriftmäßiger Tarnung, die so platt ist, daß ihm eine Menge Neugieriger verfolgt, was der Agent, der vorschriftsmäßig eine Zeitung vor dem Gesicht trägt, nicht bemerkt. Er geht in ein Zierfischgeschäft, denn dessen Inhaber, war einmal ein berühmter Detektiv, wurde aber von der Mafia enttarnt und jetzt kommt der Agent und schlägt ihm vor den Gegenkanditaten, einen begnadeten Bodybildner und Schauspieler mit österreichischen Wurzeln, auch da mag es ein Vorbild geben, zu enttarnen.

James Winston will den Auftrag nicht annehmen, dann lockt es ihm aber doch, sich an dem Mafiaboss Chinchilla zu rächen, läßt sich dafür zwei Millionen Dollar Spesen überweisen, beziehungsweise holt er sich, die selbst bei einem Bankraub.

Füssel strotzt wahrlich vor absurden Einfällen, denn er schickt Winston noch in ein Bordell, um sich dort irgenwelche Tarnausrüstungen liefern zu lassen, beispielsweise Bärte, die sich verfärben oder Pillen mit denen man sich, wenn man sie schluckt, kurzfristig in einen Frosch verwandeln kann.

Er sucht auch ein Gespräch mit dem Mafiaboss, der ihn aber kurzfristig in die Psychiatrie einweisen läßt,  dann nimmt er die Herausforderung an, denn Winston ist der einzige, der ihm Paroli bieten kann und der Kampf beginnt. Denn jetzt gilt es zu beweisen, daß Charlton David Mitglied der Organisation ist, gar nicht so einfach, denn er ist ein Mann ohne Fehl und Tadel, niemand kann ihm etwas Schlechtes nachsagen.

Nur der Hollywood-Priester ist empört, denn David geht zwar jeden Sonntag in die Kirche, er würde auch beichten, hat aber nichts, was er dort sagen könnte, was den Priester ärgert, denn auch der Papst hat ja einen Beichtvater und dann gibt es noch etwas, er sprach immer, wenn es  bei den Drehtagen Schwierigkeiten mit den Schauspielern gab, mit ihnen und alle Probleme waren gelöst.

Also den Schauspieler bzw. Präsidentschaftskanditaten in seiner  gesicherten Villa aufsuchen, der ist sehr freundlich, läßt Winston und die Reporterin, die ihn begleitet, an einer Familienkonferenz teilnehmen und bestreitet  ein Mafiamitglied zu sein.

Jetzt hilft nur noch eines, Winston muß selbst kanditieren und schlägt David im Vorkampf um Runden. Dann tritt er gegen den unterbemittelten Präsidenten an, will aber verlieren, so verwandelt er sich in einen Frosch und dann

Der Strohmann war der Falsche, Winston ist dem Mafiaboß gekonnt in die Falle getappt und begibt sich am Schluß freiwillig wieder in psychiatriesche Behandlung und wir haben ein paar Stunden oder Tage Dank Dietmar Füssel Gelegenheit gehabt, uns über die amerikanischen Zustände köstlich zu amusieren.

Einen kleinen Kritikpunkt kann ich trotzdem anmerken, sie betrifft  die Herstellung des  im “AAVAA-Verlags” erschienen Buches, denn die Qualität des Drucks, beziehungsweise des Papiers ist erbärmlich, der Umschlag viel zu weich, nach einmal lesen ist das Buch unbrauchbar und mit den Seitendruck stimmt auch einiges nicht, so sind einige Seiten nur halb bedruckt, obwohl das Kapitel noch nicht zu Ende ist.

Dagegen ist das Cover schön, Dietmar Füssel hat mich bei der GAV-Lesung extra darauf aufmerksam gemacht. Er und seine Freundin haben es selber hergestellt und den Fisch im amerikanischen Flaggendesign gezeichnet.

Sehr zu empfehlen, wenn man  Satire mag und es stimmt auch nicht, was am Buchrücken steht, daß “Der Strohmann ein sexistischer und politisch unkorrekter  Kriminalroman über amerikanische Politik, den Kampf gegen den Terror, Hollywood und die Haltung von Zierfischen ist”, wie Dietmar Füssel behauptet.

Ich würde meinen, es ist eine herrliche Leistungsshow und Sammlung der gesammten bedächtig erzählten satirischen Füssel-Einfälle und schade, daß das Buch von so einer schlechten Druckqualität ist, zumindestens ein Hardcover hätte dem Buch gut getan und um die Füsselsche Vielseitigkeit, die auch im Klappentext erwähnt wird, zu beweisen, habe ich den Gedichtband  “Menschenfleisch” noch auf meiner Leseliste und werde ihn mir demnächst vornehmen.

Eigentlich müßten wir tanzen

Jetzt kommt buch neunzehn meines heurigen Buchpreisbloggens, nämlich Heinz Helles “Eigentlich müßten wir tanzen”, das dritte oder vierte Buch mit Endzeitstimmung von der Liste und wahrscheinlich, das brutalste, männlichste.

Valerie Fritsch war ja sehr poetisch, Ulrich Peltzers Globalisierungsroman, den man vielleicht auch diesbezüglich einordnen könnte, mir zu kompliziert geschrieben und Ulrich Lapperts “Über den Winter”, der wahrscheinlich, neben dem Setz, mein bisheriger Favorit wäre, ein Buch über die Midlifekrise, die dann ein wahrscheinlich positiveres Ende findet, aber das Leben ist endlich und irgendwann sterben wir alle und wenn wir das auch nicht in realen verlassenen Welten tun, kann man das im Gitterbett mit Alzheimer in einer überforderten Pflegestation oder wenn man zu Hause verhungert, vielleicht ähnlich empfinden…

Interessant ist sicher, daß soviel Winter beiden heurigen LL-Büchern vorkommt, soviel Endzeitstimmung, Jenny Erpenbeck zeigt vielleicht auch Ähnliches und die Flüchtlingswelle überrollt uns gerade, obwohl wir  noch oder auch wahrscheinlich weiterhin gut leben….

Der 1978 in München geborene und in Zürich lebende Heinz Helle, der das Schweizer Literaturinstiut absolvierte und 2013 beim Bachmannpreis mit “Wir sind schön” gelesen und den “Ernst Willner Preis” gewonnen hat, hat eine schöne, klar präzise Sprache, nicht so kitschig blumig, wie Valerie Fritsch, sondern hart, brutal, männlich, wie es bei einem Weltuntergang vielleicht sein muß, schildert er die Apokalypse und hat mir vielleicht gerade deshalb nicht so gefallen, denn ich bin ja nicht für das Brutale Aggressive und Marlen Haushofers “Wand” ähnlich aussichtslos, ist vielleicht weiblicher geschildert.

Da sind fünf junge Männer für ein paar Tage auf eine Berghütte gezogen, um sich dort anzusaufen, sie machen das schon seit Jahren und als sie am letzten Tag mit ihren Kaffeebechern vor die Hütte treten, sehen sie hinab in ein brennendes Dorf und der Untergang hat begonnen.

Auf hunderteinundsiebzig Seiten,  in neunundsechzig sehr kurzen Kapiteln wird das nicht sehr chronologisch und auch nicht zusammenhängend geschildert, von der Stimmung her muß das wohl auch sein und ich würde es als einen sehr kalten,  harten Roman ohne viel Gefühle bezeichnen.

Es ist ja auch Winter oder auch nicht, denn irgenwann wird der April und das knospende grün der Bäume geschildert und einige der jungen Männer haben das Ganze auch ein paar Wochen überlebt, bevor sie  aufgeben uns sich mit einem Messer die Schlagadern aufschneiden.

Vorher passiert noch sehr viel und es sind wirklich schöne Bilder in denen das Brutale geschildert wird und natürlich ist das Ganze auch ein bißchen unlogisch, wahrscheinlich weil sich niemand ein Weltuntergangsszenario wirklich vorstellen kann. Die Häuser brennen, gut, aber wo sind die Menschen? Ein paar Leichen liegen herum ja, aber die Lebensmittel müßten überbleiben, gut sie sind verkohlt, aber schön der Reihe nach, obwohl es die ja nicht wirklich gibt, denn Heinz Helle springt gleich hinein und erzählt erst später nach und nach, wie das alles gekommen ist.

So beginnt es gleichmit einer Vergewaltigung, irgendwo liegt eine Frau und die Fünf,  darunter ein Molekularbilologe, ein Architekt, ein Pilot, ein Versicherungsmakler, einer der ein Exportgeschäft überwacht, stürzen sich auf sie und lassen sie dann zurück, ein Kind mit toten Eltern taucht auf  und Container mit Kühlschränken, verlassene Diskotheken und Supermärkte, in die man hineinkriechen kann, die fünf bewegen sich aber auch viel im Wald. Einer bricht sich bald das Bein und wird zurückgelassen.

Nach und nach wird es dann konkreter, man erfährt, von dem brennenden Dorf, das die Fünf von oben sahen, sie gehen hinunter, sehen eine Autoschlange, die sich im Kreisverkehr verknotete, die Menschen alle weg, auch die aus einem Bus, den sie später finden. Sie kommen zu einer Talstation und einem verlassenen Haus, finden dort noch Bier, alte Sandwiches, Gurken und Betten ohne Matrazzen. Dort tanzen sie die Nacht durch, später irren sie durch die Wälder, essen Tiere, machen Feuer, blenden in ihr früheres Leben zurück, stellen sich vor, was sie nachher machen werden, ein Pissoir für Frauen erfinden oder eine Fernsehshow, wo Häuser in Straßen mit furchtbaren Namen zu gewinnen sind.

Beim Aufstemmen des Containers mit den Kühlschränken kommt noch einer um, dann kehren sie zu der Hütte zurück, finden dort einen Mann im Bett, da stirbt der Dritte, die zwei andere schlagen den Schädel des Angreifers ein, vergraben ihn und verlassen dann nach Tagen halb verhungert die Welt, nicht ohne in die Vison von einem schönen Leben zurückzukehren: “Wenn eines Tages doch noch einmal ein ganzu normaler Montag kommen sollte, von mir aus auch im November, werde ich beim Signal des Weckers um sechs Uhr dreißig aus meinem Bett springen wie das Sankt Petersburger Ballet…”

Die Bücherblogger haben das Buch auf ihre Shortlist gesetzt, zwei von ihnen haben es auch gelesen und ich werde mein dBp-Bloggen jetzt vorläufig beenden, beziehungsweise auf mein Geburtstagstagsfest und darauf warten, ob mir die Trude den Frank Witzel bringt.

Dann gibt es noch ein Resumee, ansonsten kann ich auf meine bisherigen Artikel verweisen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12  und schreiben, das Buchpreisbloggen war sehr schön, interessant, informativ und ich habe viel dabei gelernt, aber natürlich nur neunzehn Bücher aus einer Flut von Neuerscheinungen gelesen.

Über den Winter

Der Endspurt naht, Rolf Lapperts “Über den Winter” ist das achtzehnte Longlist- sowie, das fünfte auf der Shortlist das ich lese, eines das die Bücherblogger, nicht auf ihtre Shortlist setzten und dann, als sie es gelesen hatten, vermehrt den Preis zusprachen und ich schließe mich ihnen, glaube ich, an, obwohl ich Frank Witzel noch nicht gelesen habe und meine persönliche Shortlist eigentlich schon sechs Titel hat.

Jetzt könnte ich die Alina Bronky als zu flapsig, zu sehr Allgemeingeschmack, wieder hinunterstreichen. Ich könnte sie aber darauf lassen, denn wer sagt, daß eine Shortlist nur sechs Bücher hat und meine Meinung ist auch ohnehin trivial und scheint niemanden zu interessieren.

Einer der Bücherblogger hat es, glaube ich, als ein tieftrauriges Buch bezeichnet oder das trauigste, das er je gelesen hat, ein anderer, daß das nur ein Buch für Fünfzigjährige sei und hätte er es mit zwanzig gelesen, hätte er es weggeschmissen.

Ein Satz der mich, der ich es ja nicht so mit den Bücherwegschmeißen habe, bedenklich macht, aber ich habe auch etwas länger gebraucht, mich in das Buch hineinzufinden.

Zuerst hätte ich es, wie das von Ralph Dutli ein wenig aufgesetzt gefunden, dann aber gedacht, daß es das hat, was ich gerne könnte, die Realität nämlich so abgehoben, daß es als literisch gilt und was mir beim Kay Weyandt ein wenig fehlte, zu schildern.

Also da ist Lennard Salm, an die Fünfzig, ein Konzeptkünstler, offenbar erfolgreich, obwohl das nirgend so genau steht, in New York lebend. Zu Beginn des Buches, ist er aber an irgendeinem Stand, wahrscheinlich in Italien, wo das Schwemmgut der Bootsflüchtlinge herangetrieben wird und er ist da, um das zu fotografieren und ein Kunstprojekt daraus zu machen.

Deshalb wohnt er in der seltsam heruntergekommenen Feriensiedlung seines Mäzens Wieland und diese Siedlung ist wirklich irgendwie seltsam. Zwar gehört sie Millionären, aber es ist alles verlassen, kaum jemand da, außer ein paar der Besitzer, mit denen Salm pokert und schon seine Uhr, sein Handy, seine Kamera, etcetea an sie verloren hat.

In der Nacht kommen auch Jugendliche, um Steine auf die Siedlung zu werfen, und die Polizei scheint sich um all das nicht zu kümmern. Ein sehr verlorenes Endzeitbild, wie die LL ja einige zu bieten hat.

Salm geht, als er seine Kamera wieder hat, an den Strand um zu fotografieren und findet dort ein toten Baby, das einfach begraben wird, weil die Polizei für tote Kinder offenbar nicht mehr zuständig ist.

Dann bekommt er einen Anruf seines Mäzens, seine Schwester ist gestorben und er muß nach Hamburg, von wo er herstammt, zum Begräbnis.

Auch da geht es bizarr weiter. Der Mäzen schenkt ihm am Flugplatz ein Handy und einen Mantel, denn in Hamburg ist es Winter und sehr kalt, quartiert ihn in einem guten Hotel ein. Er geht aber in eines namens “Babylon”, kauft sich bei einem türkischen Tandler einen schwarzen Anzug und fährt auf den Friedhof, wo er seine Familie wiedertrifft. Die Schwester Bille, auch eine verkappte Künstlerin, Regieassistentin, die im Laufe des Buches ihren Job verliert, den Vater Albert, der im heruntergekommenen Stadtteil Wilhelmsburg mit seiner polnischen Pflegerin Bascha lebt und damit er sie sich leisten kann, hat er die meisten Mäöbeln verkauft. Die Mutter eine Norwegerin, zu der Salm wegen ihrer Strenge ein sehr schwieriges Verhältnis hat, ist aus Amerika, wo sie jetzt lebt, gekommen und dann gibt es noch den jüngerne Bruder Paul, der aber nicht das Kind von Albert ist.

Bille will, daß Salm bei ihr wohnt, der Vater will das ebenfalls, so kommt er in das herabgekommene Viertel, wo es nur mehr einen alten Friseur, ein leeres Reisebüro und eine imbßbude gibt und als er das Haus betreten will, wird er von einem Jugendlichen mit einem Revolver bedroht. Ja so ist das offenbar in den heruntergekommenen Vierteln in unseren Krisenzeiten.

Der Junge heißt Lorenz und lebt mit seiner Mutter in der Wohnung der Großmutter, die liegt im Bett und hört den ganzen Tag klassische Musik, dann gibt es noch eine andere alte Frau in dem Haus, die im Verlauf des Buches stirbt und die in ihrer Wohnung alte Zeitungen angesammelt hat, um sich von der Kälte zu schützen und den Hausherrn und dessen Sohn Armin mit der Hasenscharte, den der Vater, weil man das, was Gott gibt, nicht wegmachen soll, nie oiperieren ließ und der deshalb zum Gespött der anderen wurde. Armin versogt den alten Mann, der im Bett liegt und dreht ihm zur Strafe auf sieben Fernsehern, die Musik auf, die er die er als Jugendlicher nicht hören durfte.

Man sieht schon, die ganze Bandbreite des Schnitzerlischen “Weiten Landes” kommt hier zum Tragen und einen Koffer, der beim Flug nach Hamburg verloren gegangen ist, gibt es auch. Den schickt die “Alitalia” durch die ganze Welt und sendet Salm immer wieder Mails mit der Nachricht wo er sich gerade befindet. Am Schluß bekommt er ihn zurück, aber da hat sich schon einiges verändert.

Der Junge hat ein Pferd gefunden, das er und Salm aufpäppeln und im Hof verstecken. Er  beginnt auch eine flüchtige Beziehung zu seiner Mutter, aber beide verlassen das Haus, denn die Großmutter ist schon längst gestorben und Nadja hat nur, um den Hausherrn zu täuschen, die Musik laufen lassen.

Jetzt geht sie zu ihrem Mann nach Kiel zurück, der Junge will nicht mit, hat aber keine Wahl und Salm will sich mit seiner Mutter eigentlich nicht versöhnen, obwohl die einen Rückzieher macht und ihren Kindern jetzt das “mit fünfzig all das schnekt, was sie mit fünf nicht haben durften.”

Und Salm will eigentlich als Hausmeister in dem Haus bleiben, das Pferd pflegen, Geld ausgeben, das er nicht hat und nicht mehr Künstler sein. Sich nicht mehr mit dem Irrsinn der Welt beschäftigen, in dem er tote Kinder und das Strandgut von Flüchtlingen in Galerien ausstellt, das dann von der Haut Voile mit Sekt beklatscht wird.

Aber wie soll das gehen, da Armin nur mehr auf den Tot des Vaters wartet, um das Haus zu verkaufen und sein Vater mit Bascha nach Polen zieht, wo es wärmer, schöner, größer ist, um seinen Lebensabend zu verbringen oder ein neues zu beginnen?

Man weiß es nicht, aber ich denke, daß hier das “Bessere Leben” wahrscheinlich verständlicher geschildert wurde. Besser wahrscheinlich nicht, denn in einer Welt wie dieser, ist das wahrscheinlich gar nicht möglich.

Der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert, der schon einmal auf der Shortlist stand und von dem ich schon die “Gesänge der Verlierer” gelesen habe, ist das, ich will nicht sagen meisterhaft, weil mir das zu kitschig klingt und ich auch nicht die Phrase “überzeugt” mag, aber doch sehr eindringlich gelungen.

Also ein neuer Favorit in meinem Buchpreisranking und jetzt wartet  noch ein Buch eines in der Schweiz Lebenden mit Weltuntergangsstimmung auf mich.

Das bessere Leben

Wieder mal ein Buch, das mich etwas ratlos macht, das ich wahrscheinlich nochmals lesen müßte, um es  zu verstehen.

Aber eigentlich steht alles schon im Klappentext, dazu kann man dann “No na!”, sagen und wozu braucht man dann die vierhundertvierundvierzig Seiten, mit den roten Fäden die nirgenwohin führen?

Die Fallstricke durch die Geschichte, in der nicht nur ein Herr Becher und ein Herr Kurella in Moskau bei einer Schriftstellertagung auftauchen, von beiden habe ich Bücher gelesen oder in den Regalen, der eine ist in Stalins Zeiten durch Moskau gefahren, hat es sehr globt und Bücher darüber geschrieben, die in der DDR erschienen sind, der andere war DDR Kulturminister und ein in der DDR berühmter Nationaldichter.

Aber das ist nur ein Nebenstrang, einer von vielen, den ich besser verstanden habe, als das andere, über das ich nur drüber gelesen habe und blöderweise, habe ich mir Ulrich Peltzers “Das bessere Leben”, ein Buch das nicht nur auf der Longlist, sondern auch auf der Shortlist des dBP 2015 stand, vom lieben Otto ausgeborgt, also konnte ich nicht, wie sonst, mir alles anstreichen und da ich es in der Badewanne gelesen habe und das Buch nicht naß machen wollte, sind auch die Notizen weggefallen.

Aber, die braucht man offensichtlich für das Buch, das in der schönen neuen Globalisierungswelt, in Amsterdam, Moskau, Wien, San Paolo, Turin und, wo noch immer spielt und das auch noch durch ein ganzes Jahrhundert lang tut.

Ich bin ja eine geduldige Leserin, die alles verstehen will und selten oder eigentlich nie, Bücher abbricht.

Tobias Nazemi, einer der Bücherblogger, hat das nach sechzig Seiten getan, weil er sich als Leser verarscht fühlte und sich vom Autor nicht länger hinhalten wollte.

Andere, wie Birgit Böllinger bringen Vergleiche mit dem “Faust” und sprechen vom besten Shortlistbuch.

Das ist für mich nach wie vor Clemens J. Setz, der es gar nicht darauf schaffte und das ist ja auch ein sperriges Buch mit einem grandiosen Inhalt.

In diesem geht es, wie im Klappentext steht, um die enttäuschten  Ideale, der Leute, die in den Siebzigerjahren studierten, Ulrich Peltzer ist Jahrgang 1956, die Welt besser machen wollten und jetzt Anfang des neuen Jahrtausends durch die Welt jetten, jede Nacht in einem anderen Hotel schlafen, Versicherungen oder Maschinen verkaufen, überall ihre Freundinnen haben, Geld verschieben, ihre Hoffnungen verloren haben und sich dabei noch manchmal fragen, was das bessere Leben ist?

So weit verständlich und dazu brauche ich gar nicht die vierhundertvierundvierzig Seiten, auf denen viel oder auch  nichts erklärt wird.

In den “Amazon-Rezensionen” steht, daß jüngere Personen, ohne “Wikipedia”, das Buch nicht lesen können, in den Blogs, sind auch die Abbrecher zu finden, die sich ihre Lesezeit nicht stehlen lassen wollen.

Bei “Amazon” steht auch etwas von der schönen Sprache und dem stimme ich zu, ein intellektuelles Buch, gekonnt geschrieben, aber was passiert da eigentlich?

Wieder viel und nichts.

Eine der drei Hauptpersonen, es gibt noch andere, zum Beispiel zwei Nebenfiguren in Wien, heißt Jochen Brockmann, ist um die fünzig und hastet sich durch seine Midlifekrise.

Er verkauft für eine Turiner Firma Maschinen nach Asien, legt in Zürich für seine Tochter ein Gelddepot an, hat eine geschiedene Frau, eine Schwester, Eltern, eine Freundin, ein kaputtes Knie, weil früher zuviel Sport gemacht und Pech im Geschäft, denn er bekommt keinen Kredit mehr, wird von der Firma hinausgelehnt und am Ende gekündigt und am Schluß bekommt er ein unmoralisches Angebot von einem Teufel, wie der Klappentext andeutet.

Birgit Böllinger zitiert Mephisto und ich muß gestehen, ich habe die Machenschaften von Sylvester Lee Fleming, der sich schlaflos in einem Hotelzimmer in San Paolo wältzt, nicht verstanden.

Allerdings auch nicht das Teuflische an ihm, er handelte aber in seiner Jugend offenbar mit Drogen.

Es gibt auch Anspielungen von Polizeiüberfällen und einen Angel. Einen Dr. Engel gibt es auch ( wie war das mit den sprechenden Namen, die man nicht verwenden soll?) und schließlich trifft Sylvester Lee Fleming Joachim Brockmann in San Paolo, lädt ihm ein, drückt ihm ein Kuvert in die Hand, das er nach Wien zu den zwei schon erwähnten Typen schicken soll und überweist ihn dafür achttausend Euro, die er nicht zurückschicken kann.

Brockmann hat sich inzwischen in die Reederin Angelika Volkhart, aus der DDR, die früher Russischlehrerin war, aber das kann man in globalen Zeiten nicht mehr brauchen, verliebt und bricht mit ihr in neue Gefilde auf.

Offen bleibt, habe ich in den Blogs gelesen, ob Brockmann das Angebot annimmt und sich für das bessere Leben, was das wohl ist, kann man wiederum diskutieren, entscheiden wird?

“Die letzten Sätze lauten jedenfalls “Darf ich mich Ihnen vorstellen?”, sagt plötzlich der Mann auf dem Nebensitz.

“Warum nicht”

Daß man dem Teufel wiederstehen muß, lernt man, glaube ich schon im Kindergarten, dafür braucht es keine vierhundert Seiten und ein raffiniertes Spiel des Autors, der übrigens studierter Psychologe ist, mit seinen Lesern, die, weil inzwischen soviele Analphabeten, vielleicht das Lesen nicht mehr richtig können und auch nicht die Geduld haben, mehr als sechzig Seiten von Dingen zu lesen, die sie nicht verstehen.

Und, daß sehr viele Studenten, die 1968 für das Gute kämpften, ihre Ilussionen verloren haben,  korrupte Politiker, Salesmanager, Banker und was auch immer wurden, habe ich auch vorher gewußt.

Ich muß gestehen, daß ich die Fallen, denen die drei erlegen sind, nicht so ganz verstanden ist und was das bessere Leben ist, erscheint mir auch klar.

Ganz naiv “Edel hilfreich und gut” und sich nicht in unseriöse Geschäfte verwickeln lassen, von denen wir in globalisierten Zeiten, nicht nur seit 1989, dem Fall der Mauer umgeben sind, auch vorher war es schon korrupt genug, haben die Nazis und Stilin geherrscht und den Vietnamkrieg kann man wahrscheinlich auch nicht edel nennen.

Davon sind die vorher so aufrechten Idealisten traumatisiert worden und nun kommt Ulrich Peltzer daher und erzählt auf vierhundervierzig sehr komplizierten Seiten eine Geschichte, die der Klappentext auf ein paar Zeilen erklärt.

Ich habe das Buch nicht abgebrochen, hätte es wahrscheinlich weder auf die Long- und die Shortlist gesetzt und habe von Ulrich Peltzer, von dem ich mich, wenn ich mich nicht irre, erinnern kann, Sigrid Löffler einmal sehr enttäuscht war, daß er mit einem anderen Buch nicht auf die LL kam, noch zwei andere Bücher auf meiner Leseliste.

Jetzt bin ich gespannt, wie ich mit ihnen zurecht komme und denke, daß ein Autor natürlich kompliziert schreiben  und ein Leser, das Buch natürlich abbrechen kann, wenn er es nicht mehr versteht.

Aber dann kommen, die zwei nicht zusammen und die Kommunikation stimmt nicht. Interessieren würde mich auch, wieviele  Leute dieses wahrscheinlich doch hochgelobte “Germanistenbuch” wirklich lesen?

Ich bin weder enttäuscht, noch verärgert, fange nur nicht sehr viel damit an, weil ich vieles überlesen habe und mir angesichts meiner überlangen Leseliste, nicht mehr Zeit nehmen will, gebe also Tobias Nazemi vielleicht ein bißchen recht.

Bei Arno Schmidt habe ich auch einmal etwas Ähnliches geschrieben und empfunden.

Richard Obermayr dann doch mehr verstanden und schwieriger zu lesen war wahrscheinlich der Zaimoglu, dann hat  es mir gefallen, hier bin ich nicht ganz sicher, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas sehr Einfaches, bewußt kompliziert erzählt, weil es die Germanisten, die Verleger, er selber, etcetera, so haben wollen?

Dem Otto scheint das Buch gefallen zu haben.

Trophäen

Es ist eine seltsame, schwer verständliche Geschichte, die Isabella Feimer, in ihrem neuen, bei “Braumüller” erschienenen Roman da erzählt.

So schwer verständlich, daß ich es zweimal lesen mußte, um mir einen Reim zu machen, bin ich ja eine, die alles ganz genau verstehen will.

Eine Verhaltenstherapeutin und keine Psychoanalytikerin, obwohl das, für Isabella Feimers Poetik, ihren Nacht- und Schattengewächsen hilfreich sein könnte.

Um nicht zu untertreiben, einiges habe ich schon verstanden, beziehungsweise mir zusammengereimt, obwohl es am Anfang nur die schönen Worte, Sätze, Sprachbilder waren, die haften blieben und mich  der  unerwartete aggressive Inhalt störte.

Damit habe wohl ich meine Schwierigkeiten, mit der Gewalt des Unbewußten, obwohl man in seiner Kindheit ja nicht nur Schönes erlebt, so daß man seine Narben, Wunden, Verletzungen mit sich trägt und oft auch, die Messer in sich spürt, die die Narben schnitzen.

Da sind zwei Schwestern oder eine Ich- Erzählerin, beziehungsweise ein sie, die machmal die Ich-Form schreibt, eine Namenlose, wenn ich alles verstanden habe und es am Ende, nicht vielleicht doch nur eine war, die auf die andere ihre Wünsche, Ängste, Abgründe überträgt.

Natalia ist jedenfalls das Feindbild, die Kranke, die fast gestorben wäre, die auch Narben mit sich trägt, die alleinerziehende Mutter, weil ihr alle Männer davongelaufen sind.

Sie im Hochzeitskleid haben stehen haben lassen, so kümmert sie sich scheinbar liebevoll um ihren Steffen. Er mag das, wie Kinder  eben sind, anders sehen und sie, die nicht Henriette heißt, denn das war, wenn ich richtig verstanden habe, die Jugendfreundin, vielleicht auch eine lesbische Liebe, die die böse Schwester ins Wasser stieß, lernt am Beginn des Buches in einem Zwischenreich, einen Maler und Tierpräparator kennen.

Geht mit ihm in den Zoo, stößt dort auf die Schwester, die sie nur hämisch “Schwesterlein” nennt, die will die Beiden zum Essen einladen, will auch, daß sie zu Weihnachten kommt und sich um Steffen, der nur wertvolle Geschenke bekommt und seine Videospiele verstecken muß, kümmert, wenn sie für eine mögliche Hochzeit ein Brautkleid kaufen will.

Ein Mann ist zwar nicht in Sicht, aber es ist ja auch eine untergründiche, psychoanalytische Geschite, eine, die an E. T A. Hofmann erinnern könnte und den habe ich ja als Psychologiestudentin gern gelesen, die Isabella Feimer da erzählt.

Sie stellt sich jedenfalls ihren ebenfalls namenlosen Maler, als Henriette vor, lügt ihn an, es gibt auch einen Marco, der sie in dem Hotel besucht, in dem sie in der Nacht als Rezeptionistin arbeitet und bringt Steffen in das Zwischenreich, das ist das Lokal einer Hilla, in dessen Hinterzimmer, der Präparator seine Tiere ausstellt.

Natalia ist entsetzt, als sie das erfährt und liegt schließlich am Tisch, um sich vom Präparator malen oder vom Maler die Haut abziehen zu lassen und verschwindet schließlich im Schatzkästchen der Erinnerung ihrer Schwester, die sich dadurch vielleicht von ihrer Vergangenheit, Ängstn und Dämonen befreien kann.

Vielleicht auch nicht, denn die sind, wie auch die Verhaltenstherapeutin weiß, ja hartnäckig und die Seele ein weites Land, tief und unergründlich, wie schon Arthur Schnitzer formulierte.

“Wunden heilen, sage ich,

sagst du mir deinen Namen? fragt er

ja sage ich,  beuge mich zu ihm

er lacht, vielleicht war es doch nur ein Spiel,

ich sage

lüge, lüge  nicht,

war kein Spiel, ist vielleicht Liebe”, lauten jedenfalls die letzten Sätze.

Die 1976 gebore Isabella Feimer, hat jedenfalls 2012 beim Bachmannpreis gelesen, war 2013 mit dem “Afghanischen Koch” beim “Alpha” nominiert und ist es heuer mit ihrem zweiten Roman “Zeit ist etwas sonderbares” wieder”

Ihre poetischen Reisenotizen hat sie vor kurzem im Literaturhaus vorgestellt, da habe ich von ihrem neuen Roman erfahren, der am 21. 10 vorgestellt wurde.

Regisseurin ist sie auch und sehr poetisch, wenn auch eine, die diesmal mit den dunklen Seiten des Lebens spielte und es mir mit dem Lesen daher nicht ganz leicht machte.

 

Lucia Binar und die russische Seele

Jetzt geht es weiter mit dem Longlistlesen und mit den sechzehnten Buch das ich gelesen habe, nämlich Vladimir Vertlibs “Lucia Binar und die russische Seele”, eines der zwei Bücher das mir der liebe Otto, noch originalverpackt, borgte und das auf den Blogs ein wenig untergegangen ist.

“Zeilensprünge” haben es schon recht früh besprochen, den offiziellen Bloggern war es wohl zu unbekannt österreichisch, aber mir ist der 1966 in Leningrad geborene und 1981 nach Österreich übersiedelte Vladimir Vertlib schon lang bekannt.

“Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur”, wo eine alte Dame gemeinsam mit Stalin schläft, habe ich gelesen, 2000, als in Österreich schwarz-blau herrschte, hat er einen Preis bekommen und gleichzeitig mit der Donnerstag-Demo im Rebulikanischen Club” gelesen, ich bin glaube ich, zu beiden gegangen, er lehrt inzwischen, glaube ich, auch am Institut für Sprachkunst und als er einmal seinen Text für das Projekt “Die Welt in der ich schreibe” in der “Alten Schmiede” vorgestellt hat, habe ich ihn gegen Benedikt Lebedur verteidigt, der behauptete, daß man so nicht schreiben könne.

Stimmt, Vladimir Vertlib schreibt realistisch, im vorliegenden Roman mit einem Stück Surrealismus und das ist mir sehr sympathisch und das Buch, das schon im Frühling erschienen ist, ist ein bißchen an mir vorbeigegangen.

Ich war bei keiner Lesung, habe aber Ottwald John einmal wo getroffen, der mir erzählte, daß er zu einer gehen würde, “Denn das ist ein ganz besonderer Roman!”

Stimmt, einer, der es auf die Longlist schaffte und von einer alten Dame, einer Baba Lucia, handelt, die in Wien, im zweiten Hieb, in der großen Mohrengasse wohnt, für alle Nichtwiener, das kann man dem Buch vielleicht ein wenig anlasten, daß das zu wenig erklärt wird und die Namen Maria Vassilakou und H. C. Strache, beispielsweise einfach hingeworfen werden, das ist der zweite Bezirk, wo in Zeiten des Holocausts, die meisten Juden wohnten, bzw. von dort deportiert wurden.

Jetzt wohnen wieder solche dort, wahrscheinlich viele, die aus der ehemaligen UDSSR emigrierten und wieder schwarze Mäntel und Schäfenlocken tragen.

Lucia Binar, über achtzig, lebt schon lange dort und hat das alles miterlebt, war Lehrerin und eines Tages läutet es an der Tür und ein junger Mann oder ist es ein junges Mädchen, will von ihr eine Unterschrift, daß die Große Mohrengasse, in der sie lebt, politisch korrekt in “Große Möhrengasse” umbenannt werden soll.

“Was ist denn das für ein Unsinn?”, ärgert sich die alte Dame und dann noch einmal darüber, daß an diesem Tag ihr “Essen auf Rädern” nicht zugestellt wird.

Sie ruft bei einer Hotline an und eine unfreundliche Elisabeth rät ihr, doch statt zu jammern, Knäggebrot und Manner-Schnitten zu essen.

Sie geht dann bald auf Kur, denn sie hatte einen Unfall und als sie zurückkommt, lagern Obdachlose und Drogensüchtige in ihrem Haus und scheißen alles voll, denn der Hausherr, ein Willi Neff, den Lucia Binar, schon als Kind kannte, will die alten Mieter loswerden, um zu spekulieren.

Es gibt dann noch einen Russen namens Alexander, der eigentlich Moslem ist und der lernt in einem Lift, bei einem eher skurillen Unfall, die bewußte Elisabeth kennen und verdingt sich bei einem Maistro namens Viktor Viktorowitsch, mit ihr als Assistent.

Lucia Binar hat sich inzwsichen mit dem Studenten, der nicht mehr die Gasse umbenennen, sondern gegen den Hausherr kämpfen will, befreundet und besucht mit ihm die große Schow, in der sehr viel abenteuerliches passiert.

Der sehr aggressive Branko einer der Obdachlosen, der ständig stchimpft und Frauen vergewaltigt, wird in eine solche verwandelt, ein Bezirksrat nach Ulan Bator geschickt und die russische Seele wird auch geweckt, das heißt jeder der Zuschauer, der dreiundzwanzig Euro für den Eintritt zahlte, darf sich etwas wünschen und alles alles geht gut aus.

Lucia Binder darf wahrscheinlich in ihrem Haus in der Großen Mohrengasse sterben und die jüdischen Vorbesitzer bekommen es wahrscheinlich auch zurück.

Ein schönes Buch, auf dessen Lesen, ich mich schon sehr freute und wieder eines, wo ich mir nach dem Lesen dachte, “Das kann ich, wenn ich vielleicht ein Lektorat habe, daß mir ein paar surreale Elemente setzt und die Rechtschreibfehler verbessert, auch und ein paar komplizierte Redewendungen, die die wirkliche Luciar Binar, die ständig Gedichte, beispielsweise, die von Wislawa Szymborska, zitiert, wahrscheinlich doch nicht gebrauchen würde, gibt es, so daß es gar nicht so leicht zu lesen ist.

Roter Spritzer

“Der zweite Roman aus der Provinz”, der 1953 in Gleisdorf geborenen Andrea Wolfmayr, wieder bei “Keiper” erschienen, der erste hat “Weiße Mischung” geheißen und die Autorin hat ihn mit mir in den “Textvorstellungen” vorgestellt und erklärt, daß in der Steiermark die Spritzer Mischung heißen würden.

Ich habe aus “Kerstins Achterln” gelesen, wo es ja auch um Rotwein geht. Jetzt also doch ein Spritzer in dieser “Soap-Opera” aus der Steiermark, in der eine Unzahl von Familien vorkommen, die sich lieben, mischen, streiten, das Gesetz umgehen, etcetera, das wirkliche Leben halt.

Daß sie dabei soviel Rotwein trinken würden, ist mir nicht aufgefallen, ging es da eher um härtere Getränke, aber auch um chinesischen Tee, denn die Buchhändlerstochter Barbara, hat sich mit einem chinesischen Apotheker vereinigt, der sie Wasser trinken lehrt und die vegane Küche ist offenbar auch in der Steiermark hoch in Mode, wie das Kinderkriegen.

Doch der Reihe nach oder besser im Anhang nachgeschaut, denn da sind die Familien, die in den Buch vorkommen und sich lustig untereinander vermischen, zur besseren Orientierung aufgereiht und wenn man das erste Buch nicht gelesen hat, tut man sich vielleicht etwas schwer.

Mir ist es jedenfalls so gegangen, daß ich mich am Anfang, wo von Kapitel zu Kapitel, eine andere Familie und deren Schicksal aufgereiht wird, nicht recht ausgekannt habe.

Beginnen tut es mit einer Regina, die lebt mit einem Ludwig auf einem Bauernhof, hat aber im Lotto eine größere Summe gewonnen.

Sie hält das zuerst für einen Spam, Ludwig hat den Schein aber an das Casino geschickt, denn er kann das Geld für den Hof brauchen. Sie nimmt es aber und fährt damit ab und er wird sich später mit einer schönen Praktikantin trösten, die Landwirtschaft studierte.

Dann geht es schon weiter zu Agne,s einer Greißlerin, die bekommt ein Burn Out und wird später mit Wolfgang, das ist der Buchhändler nach Mallorca emigrieren. Migräne hat sie auch und Wolfgang hat drei Töchter, Barbara, Petra, Ami.

Barbara ist die mit dem Chinesen, Amy hat die Buchhandlung übernommen und eine Topchter namens Pearl von einem Musiker, der zuerst in Amerika die große Karriere machen will, dann aber reumütig zurückkommt und Musiklehrer wird.

Petra ist mit Juli verheiratet, der einen Buschenschank führt, in China große Geschäfte machen will, dabei auf schiefe Bahn gerät, beziehungsweise vom Bezirksgauner und seiner Edelnutte gehörig ausgenommen wird.

Man sieht, Andrea Wolfmayr, die selber einmal Buchhändlerin sowie Politikerin war, zieht alle Seiten und kennt sich aus in der Provinz.

Die Frauen werden immer dicker und bekommen alle Kinder, die am Ende von einem anderen Pfarrer getauft werden, denn der früherer, wird gerade selber Vater.

Der Bürgermeister bekommt, glaube ich, in der Kirche einen Schlaganfall und hat Schwierigkeiten mit seiner Bürochefin, die ihn mit Marillenzipfs fütterte und gerne  kurze rote Röckchen trägt.

Ja, die Männer gehen fremd und verlassen ihre mittelalterlichen aus der Form gehenden Frauen, die um die Ehe zu retten, vielleicht gerade noch Kinder bekommen können.

Homosexuelle Paarungen gibt es natürlich auch und einen ehemaligen Kulturreferenten, der sich hinuntergetrunken und versandelt hat. Einen Künstler, der von zwei Frauen, der eigenen und seiner Galeristin “gefangengehalten” wird und nicht sagen darf, daß er Sonnenaufgänge liebt, denn er ist wahrscheinlich ein experimenteller Maler und das wäre dann kitischig.

Allmählich kommt man in das Buch, seine Veränderungen und Wandlungen hinein, kennt sich aus in der vorkommenden Personenschaft und ich habe zwischen meinem Buchpreisbloggen, wieder ein Stück österreichische Gegenwartsliteratur gelesen, die in einen steirischen Kleinverlag erschienen ist, der mir gelegentlich seine Bücher schickt, so daß ich auch in der literarischen Provinz ein bißchen bewandert bin.

Auf einen kleinen Fehler darf ich Verlag und Autorin auch aufmerksam machen, der November hat nur dreißig Tage, aber vielleicht war das so gewollt und ist satirisch zu interpretieren.

Schwarze Liebe, Schwarzes Meer

Daß man die literischen Genres nicht vermischen darf, weil die Leser keine Bücher wollen, wo sich ein Krimi, als Liebesroman erweist oder umgekehrt, lernt man, glaube ich, in den Schreibseminaren und auch, daß man diese Regeln durchaus mal brechen darf und so hat sich der 1946 in Konya geborene Zülfü Livaneli, einer, wie im Klappentext steht, der bekanntesten Künstler, Sänger, Filmer der Türkei, in seinem neuen, mir freundlicherweise von “Klett-Cotta” zur Verfügung gestellten Roman “Schwarze Liebe, Schwarzes Meer” nicht daran gehalten, aber wahrscheinlich hat er gar keine Schreibseminare besucht und Schreibratgeber gelesen.

Ich bin ja auch eine, die sich für Neues und für Regelbrecher interessiert und so habe ich den stillen Roman mit dem Genremix sehr genoßen, obwohl nicht wirklich viel Neues in ihm zu lesen ist und man manches vielleicht auch als  kitischig interpretieren könnte.

Aber trotzdem interessiert mich ein in der heutigen Türkei spielender Roman, ich habe noch nicht sehr viele davon gegelesen und Feridun Zaimoglus “Siebentürmeviertel” kann man wohl nicht wirklich echt türkisch benennen, sein Roman spielt auch in der Vergangenheit und die Beziehung zwischen einem jungen Mädchen und einem hier als alt, obwohl er erst Ende fünfzig ist, beschriebenen Mannes, klingt auch sehr interessant.

Zwei Beschreibungen, eine für den Krimi, eine für die Liebesgeschichte, kommt auch noch dazu. Verlag oder Autor machen es wirklich spannend, so daß ich lange nicht wirklich wußte, lese ich jetzt einen Krimi oder einen Liebesroman?

Wahrscheinlich beides oder auch nichts davon, sondern die Erzählungen des fast siebzigjährigen Autors, der sich  irgendwie mit der Scheherazade aus “Tausend und einer Nacht” zu vergleichen scheint und raffiniert aufgebaut, sind diese Verwirrungen und Fallstricke auch.

Es geht in ein kleines Dörfchen bei Istanbul, am schwarzen Meer gelegen, wohin sich die reichen Istanbuler am Wochenende oder in den Ferien zurückziehhen.

Dort wohnt Ahmed, ein Ingenieur und Rentner, obwohl er erst Ende fünfzig ist und irgendwie ein seltsamer Mensch. Er geht wenig aus dem Haus, hat darin jede Menge Bücher und seinen Zimmer auch den Namen der jeweiligen Genres zugeteilt. So gibt es ein “Liebeszimmer, Eifersuchtszimmer, etcetera.

Das stimmt nun auch nicht ganz, denn er geht doch hinaus, einerseits mit seinem Hund Kerberus ans Meer spazieren, aber auch auf die Party von Arzu Kahraman, einer jungen Frau, die mit einem älteren Künstler verheiratet ist.

Dort zieht er sich bald in den Oberstock und zu Büchern zurück und am nächsten Morgen erfährt er von seiner Putzfrau, sie wurde ermordet.

Dann klopft die junge Journalistin Pelin Soysal, aus Istanbul, bei ihm an, die für ihre Zeitung über den Mord recherchieren will und er erzählt er,  wie einst Schererazade zwar nicht in tausend Nächten, aber in einigen, die Geschichte seines Zwillingsbruders Mehmet, der in seinem Leben keine Liebe finden konnte und nun einsam herum zu irren scheint.

Mit der Liebe von Ahmet scheint es auch ein wenig seltsam zu sein. Denn er verträgt keine Berühungen, hat im Keller aber einen Umarmungsapparat stehen, der offenbar für die Therapie von Auisten verwendet wird,  den er für sich selbst gebraucht.

Die beiden Brüder haben ihre Eltern sehr früh durch einen Autounfall verloren, sind bei den Großeltern aufgewachsen, Ingenieure geworden und nach Weißrußland gegangen.

Dort verliebte sich Mehmet in die schöne Olga, da sie kein Englisch und er kein Russisch spricht, brauchen sie zur Verständigung, die Dolmetscherin Ludmilla, was auch ein wenig seltsam ist und zu spannenden Geschichten anregen kann.

Mehmet will Olga zuliebe sogar konvertieren, sie nach Istanbul mitnehmen, aber zuerst fliegen sie nach Sotschi, die Brüder, Olga und die Dolmetscherin. Sie kommen aber nicht soweit, denn vorher wird Mehmet verhaftet, in ein Loch geworfen und harrt dort eineinhalb Jahre aus, bis ihm der Bart und die Haare bis an den Bauch reichen, ist das wirklich realistisch und sich die Verwechslung aufklärt?

Er wurde für einen tschetschenischen Terroristen gehalten und dann vergessen, nach einenhalb Jahren kommt er nach Weißrußland zurück und findet Olga, sowohl im Wahnsinn, als auch in den Armen einer anderen wieder, so daß er fortan herumirrt oder selber wahnsinnig wird.

Dazwischen die Krimigeschichte, die eigentlich keine wirkliche ist, obwohl die bulgarische Kinderfrau des Mordes verdächtigt wird und am Schluß gibt es noch einen Liebestod, sowie eine überraschende Wende, man sieht Zülfü Livaneli versteht zu plotten.

Briefe an den Staatsanwalt und die weisen oder auch listigen Sätze des Autors, beziehungsweise des Protagonisten “Vergessen Sie nicht, daß auch mein Bruder und ich nichts weiter als eine Geschichte sind!”

Wahrscheinlich genau das Buch, das man den berühmten Schwiegermüttern zu Weihnachten unterm Christbaum legen kann. Meiner würde es, glaube ich, gefallen.

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

“Es beginnt mit einer Verfolgungsjagd eines Heißluftballons!”, hat Angelika Reitzer vorige Woche bei der Präsentation von Clemens J. Setz tausendseitigen, leider nur Longlist-Buchs gesagt und das ist nicht ganz richtig, denn der Taxifahrer, von dem Natalie will, daß er  das tun soll, weigert sich, diesen unmöglichen Auftrag anzunehmen.

“Ich bringe Sie gerne an das Ende der Stadt oder wohin Sie wollen, aber das kann ich nicht!”

Das ist wahrscheinlich auch eine Charakterisierung des tausend Seiten Wälzers, in der sehr wohl Unmögliches und noch viel mehr geschieht und wenn ich mich nicht irre, habe ich auch irgendwo gelesen, daß das einer der beeindruckensten Buchanfänge ist.

“Folgen Sie diesem Heißluftballon!”

Egal, Natalie Reinegger ist jedenfalls einundzwanzig, ehemalige Epileptikerin, die immer noch die “aurigen Gefühle” verfolgt, die einen Grand Mal ankündigen. Sie lebt in Graz, der Heimatstadt des 1982 geborenen  Shootingstars und literarischen Wunderkinds Setz und sie hat ihre einjährige Ausbildung zur Behindertenbetreuerin erfolgreich abgeschloßen.

Deshalb gibt “Red Bull” oder sonst wer eine Heißluftballonparty für die Absolventen. Natalie hat blöderweise in der Nacht davor zuviel Beruhigungspillen genommen und verschlafen, so versäumt sie diesen Beginn.

Sie hat aber schon eine Stelle in einem privaten betreuten Wohnheim, dort hat sie eine zweiwöchige Probezeit absolviert, ja wir leben in Zeiten, wo wir sparen und alles schnell gehen muß und so teilt sie sich alsbald mit drei Betreuerinnen zwei Stellen.

Sie bekommt auch zwei Bezugsklienten, einer heißt Mike und  hat ein Schädelhirntrauma, seither ist er von seiner Frau getrennt und malt schreckliche Sachen in sein Zimmer, die die Betreuer dann wegwischen müßen.

Der zweite heißt Alexander Dorm und sitzt im Rollstuhl, warum habe ich nicht herausgekommen. Es scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Er ist jedenfalls homosexuell, haßt die Frauen und ist ein Stalker und hat die Frau seines Opfers Dr. Hollberg in den Selbstmord getrieben.

So weit realistisch und gut nachzuvollziehen. Dorm wird aber jede Woche von Hollberg besucht und Natalie, die Bezugsklientin oder Bezugerin, wie sie Dorm beschimpft, der mit ihrer knabenhaften Figur nicht viel anfangen kann, muß mitgehen und seine sadomasochistischen Versuche Dorm aus seiner Hand tote Mäuse fressen zu lassen, mitverfolgen.

Es passiert noch viel viel mehr Surrealistisches und Reales, denn Hollberg tritt ihr mit Billigung oder auch ausdrücklicher Duldung der Heimleitung, bezahlt vielleicht er den Betreuungsplatz, zu nahe, zeigt ihr Fotos, steht in ihrem Garten, verlangt von ihr Gespräche etcetera, die bei Natalie zu Haßgefühlen, Panikattacken und auch dazu führen, daß sie selber ihn verfolgt und man weiß nicht recht, wird sie jetzt wahnsinnig oder ist man in einem trivialen Krimi, beziehungsweise Science Fiction Roman, denn, das habe ich jetzt, wie noch tausend anderes vergessen, Natalie ist ein Stephen King Fan.

Sie folgt ihm jedenfalls auf den Friedhof, Hollberg geht nach jedem seiner Besuche dorthin und heuert auch einen seltsamen Obdachlosen, den sie im “Openspace”, einem Lokal, in dem sie ihre Freizeit verbringt, an, ihn zu verfolgen.

Bis zur Lesung vor einer Woche, war ich bei Seite hundert. Bis dahin habe ich das Buch total realistisch gelesen, denn ich bin ja Psychologin und Psychotherapeutin vom Brotberuf und habe mich auch schon literarisch öfter mit überforderten Jugendlichen, Borderliners, etcetera, beschäftigt und Natalie ist eine Borderlinerin, na klar, obwohl nicht sie sich schneidet, sondern die andere Betreuerin B.

Ich bin auch sicher, daß man viele solcher Betreuerinnen in betreuten Wohnheimen finden kann und  bin auch die Mutter einer Behindertenbetreuerin, die mir wahrscheinlich bis zu achtzig Prozent ähnliche Geschichten erzählen könnte, die Sci Fi Bezüge ausgenommen natürlich, wie ich hoffen würde.

Dann gibt es aber auch die Vergleiche zu James Joyce und seinem “Ullysses” und die Tatsache, das Natalie auch Synäthesistin ist, sie sieht Farben zu den Worten, das ist Clemens J. Setz, wie ich hörte und las, auch und beide sind wahrscheinlich hochintelligent.

Natalie wird das von den Kritikern bescheinigt und Clemens J. Setz wurde in einem Interview gefragt, ob er ein Außenseiter ist, was er erfolgreich abwehrte.

“Wie kommen Sie darauf, nur weil ich mit mir selber spreche, das tun doch viele!”

Ja, die zweite Ebene sind die übersprudelnden Phanatasien von denen Clemens J. Setz bei der Lesung einige Beispiel gab.

Da setzt Nataie zum Beispiel Phantasiemäuse auf ihre Schultern, um sich dadurch zu entspannen. Setz tut das auch, ich würde meinen, daß ich mich mehr anspanne, wenn ich  den ganzen Tag aufpassen muß, daß die Maus nicht herunterfällt.

Sie führt mit ihrem Ex-Freund Markus auch “Non sequitur” Gespräche und ihr Bruder Karl der in Dänemark lebt, führte gerne “karleske Redewendungen” mit denen macht Natalie dann in der Freizeit, in denen sie “streunen” geht, die Männer fertig von denen sie sich vorher oral befriedigen läß.

Es gibt auch endlos absurd scheinende Einfälle in dem Buch, manche sind ziemlich beklemmend, zum Beispiel, wenn sie sich vorstellt, was mit Mikes Hirnmasse geschah, die bei seinem Unfall austrat oder auch die, wo sie ein Spielzeugauto, das Hollberg Dorm zum Geburtstag schenkte, klaut, mit nach Hause nimmt und in der Wohnung einen Stock unter ihr, wo Kinder wohnen, aussetzt. Die Fernbedienung nimmt sie mit und macht sie an. Das Auto rast dann in der Wohnung unten herum und in einer anderen Nachbarwohnung läutet öfter ein altes Telefon und irgendwann spaziert dann der Nachbar mit dem Telefon die Stufen herunter.

Wir leben ja auch in einer hochexplosiven Zeit, so muß in Natalies Wonung immer der Fernseher laufen und sie stellt sich vor, wie das ist, wenn alle Radios auf einmal an sind?

Schöne neue überforderte Welt, in der wir und wahrscheinlich noch mehr Leute, die dreißig Jahre jünger sind als ich, schon drin sind. Natalie macht ständig Aufnahmen mit ihrem Handy, nimmt Gespräche, aber auch ihre Schmatzgeräusche auf und stellt sie wahrschein ins Internet, etc.

Im Epilog sind wir überhaupt schon in der Zukunft, wo man von seinen Peers ständig überwacht wird und es kein Echtgeld mehr gibt und das Buch endet, um nicht zuviel zu verraten, es ist ja ein Rezensionsexemplar, wofür ich “Suhrkamp” herzlich danke mir mein LL-Lesen zu ermöglichen, irgendwie so ähnlich, wie John Katzenbach “Der Professor”.

Natalie ist jedenfalls nicht mehr im Wohnheim, sondern studiert Medizin und nein, sie bringt niemanden um, weder aus Mitleid noch sonstwie.

Sechs bis acht Wochen hat mir der “Suhrkamp-Verlag” Lesezeit gegeben. Ich habe es in einer konzentrierten Woche, immer hundert Seiten in der Badewanne geschafft und es war lange nicht so schwer zu lesen, wie der Zaimoglu und ich bin auch eine geübte Leserin.

Wenn man aber auf die “Amazon-Seite” geht, kann man merken, daß sich die Leser schwer tun mit dem Monsterwerk, von dem sie beispielsweise behaupten, daß man es nicht nacherzählen könne und, daß es keine Handlung hat.

Es ist Setz linearstes Buch, habe ich dagegen irgendwoanders gelesen.

Die “Amazon Leser” waren aber meistens bei Seite hundert, dreihundert etc und mit den tausend Seiten wahrscheinlich überfordert, allerdings gab es bei den Kommentaren immer einen, der das dann rügte und wenn man zu den Experten des Schweizer Literaturclubs geht, merkt man, daß die in den Klischees steckenbleiben.

“Wir sind in der Klapsmühle, Natalie ist die irrste Protagonistin, der ich je begegnet bin, das Buch setzt uns den Spiegel vor und man fragt sich wer sind die Verrückten?”

Nicht wir, sondern die Gesellschaft, würde ich hier antworten und Richard Kämmerling hat, als der Roman nicht auf die Shortlist kam, zu einem Jurorenrundumschlag ausgeholt.

Die soll zurücktreten, hat er gefordert, wenn sie nicht die Qualität des Buchs begreift und nach mehr Kritikern statt Buchhändlern und Musikern verlangt.

Dem würde ich ich mich nicht anschließen, obwohl das Buch auch auf meine Shortlist kommt und ich die Anna fragen werde, ob sie es zu Weihnachten haben will? Weil ja interessant ist, wie das  eine dreißigjährige Behindertenbetreuerin, die sicher auch öfter von ihrem Beruf überfordert ist, empfindet.

Daß es nicht auf die Shortlist und daher auch nicht zum dBp kommt, würde ich mir durch die oben beschriebene Überforderung der Leserschaft oder der Angst davor erklären.

Denn wer liest in Zeiten wie diesen, wo das Lesen ja schon bald zu einem Luxusgut wird, wirklich noch tausend Seiten, obwohl es, wie ich wiederholen möchte, leicht und auch spannend zu lesen ist.

Einiges davon ist wahrscheinlich wirklich so Einzigartig und Ungewöhnlich, wie es “Ullysses” zu seinen Entstehunszeiten war, für die Leute wahrscheinlich, für die eine Psychiatrie oder ein betreutes Wohnheim noch immer eine “Klapsmühle” ist und eine F60 Person, wie die Natalie, die ärgste Irre aller Zeiten.

Es gibt auch zur Unterstützung und als Lesehilfe das “Betreute Lesen”, wenn das wahrscheinlich auch mehr als ein Projekt des Social Readings oder des E-Books Lesen zu verstehen ist.

Ich hab da schon mehrmals kommentiert und auch Antworten bekommen.

Wir zerschneiden die Schwerkraft

Die 1984 in Salzburg geborene Irmgard Fuchs, die ich von den “Studentenlesungen” kenne, dann im “MUSA”, weil sie für ihren Erzählband ja Stadt-Wien Stipendiatin war und bei Christine Hubers “DichtFest” hörte, war für mich eine Überraschung.

Denn die über Dreißigjährige, die auch einen sehr freundlichen sympathischen Eindruck macht, bringt es zusammen, einen ohne làrt pour l`art Sprachräusche und Flucht in das vorige Jahrhundert einen neuen frischen Ton in die Literatur zu bringen, erzählt von Einsamkeit, prekären Verhältnissen und löst mit einer neuen frischen Sprachen durchaus Beklemmung und Räsel aus.

So soll Literatur sein, denke ich und so würde ich es auch gern können, ein bißchen poetischer in meinem Realismus sein. Irmgard Fuchs macht es mir vor und ich habe ihren bei “Kremayr und Scheriau” erschinenen Debutband “Wir zerschneiden die Schwerkraft” gelesen

Neun Erzählungen, für die sie, wie sie bei der Präsentation in der “Gesellschaft der Literatur” erzählte, eine Menge Titel hatte, dieser ist finde ich, ein durchaus passender, denn er drückt genau aus um was es da geht und was ich mir auch manchmal denke, das Elend des Menschen und wie es dem Durchschnittsmenschen geht, wenn er nicht zu den Celbrities gehört, aber durchaus einen bekömmlichen Lebenstandard hat.

Oder auch nicht, so ganz sicher ist das nicht und da gibt schon die erste Geschichte, die ich, glaube ich auch damals im “Musa” hörte, einige Fragen auf. Denn da ist eine zulangsam für den Arbeitsmarkt. So schraubt sie Kugelschreiber zusammen und weil man ihren Freund an das andere Ende der Welt versetzte, ist sie sehr allein. Sie hat zwar eine Katze, aber sonst nicht viel Kontakt zur Umwelt, so zählt sie Ameisen und legt manchmal Kugelschreiber auf die Straße, um zu beobachten, wer sich darum bückt und sie kommt auch auf die Idee einen Brief mit einer Rakete in die Luft zu schicken, um denen von oben von der Welt unten zu erzählen.

Damit geht es gleich weiter, mit dem Leben einer Kartenabreißerin, die sich während sich das Publikum im Kozertsaal berauscht, Katstrophen ausdenkt.

“Was ist schlimmer Feuer oder Wasser?”

Das fragt sie ihren Ex.Mann, der paradoxerweise zu ihrem Geburtstagsfest kommt, dafür bäckt sie einen Kuchen und kauft auch Schlagobers, das ihr aber blöderweise vor der Kassa aus der Hand fällt.

Dann geht es in den Zirkus, dahin nimmt ein paar zwei “Attrappenkinder” mit, denen sie dafür soviel Süßigkeiten bis sie speiben versprechen, denn man geht ja nicht ohne Kind dorthin. Der Mann will aber keine Kinder, weil in Zeiten, wie diesen….

Er ist auch sehr umweltbewußt, sammelt die Schnecken aus dem Schrebergärtchen ein und trägt sie in den Wald. An diesem Abend nach der Zirkusvorstellung tut es die Frau und kommt wahrscheinlich nicht mehr zurück.

Danach wacht eine auf, hat Zahnschmerzen, hat vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf geträumt, geht am Sonntag durch die Stadt spazieren, lernt einen entlassenen Mörder kennen und in der Mülltone liegen die toten Goldfische.

That ist live,  im wirklichen Leben ist es wahrscheinlich noch trivialer, Irmgard Fuchs schmückt es als Sprachkunststudentin natürlich entsprechend aus, sie tut es aber auf eine Art un Weise, wie ich es noch nicht gelesen habe.

Surrealer wird es dann in den “Einhundersechzehn interstellaren Abbildungen” und man könnte sich fragen, wird hier eine Psychose oder der ganz normale Wahnsinn des alltäglichen Lebens beschrieben?

Aber das trifft für alle Geschichten zu, Irmgard Fuchs hat nur den realen Ton in dem sie prekäres Leben schildert, das sie vielleicht selbst erlebte.

Wenn das Ich dann hungrig durch die Fastfoodtempeln einer Kleinstadt geht, nach dem sie von  Mc Donald Säcken der Sitznachbarn im Zug dorthin fuhr und dann noch verwechselt wird, ist vielleicht nur mehr die Irrealität zu spüren und ich frage mich auch, ob der Richard, der dann aus dem Entspannungsprobetraining, wie einige andere Prototagnosten der Erzählungen auch, nicht mehr zurückkehrt jetzt ein “Burn out”- oder ein “Bourn out  Verhinderungstraining” machte?

Die akkurate Psychologin fragt sich das. Irmgard Fuchs wird hier wohl wieder listig mit der Ironie gespielt haben. Dann soll ein alter Mann in ein Altersheim, weil seine Frau schon längst tot am Küchentisch sitzt, so habe ich es mir jedenfalls gedeutet. Er putzt wie wild die Wohnung und verschwindet dann mit einem Koffer ins All.

Ja, ja das ist Surreale, mit dem ich doch so wenig anfangen kann oder ist es nur ein Abwehrmechanismus oder eine poetischere Beschreibung für den Tod?

Am Schluß kommen die “Bewerbungsschreiben”, die ich schon  in der “Gesellschaft” hörte. Auch hier verschwindet schließlich die, die vorher in Zeiten wie diesen verzweifelt einen Job suchte, ins Nichts oder auf eine Insel und auf dem Klappentext steht “Die Figuren zweifeln an sich selbst, an der Wirklichkeit und an der Welt im Allgemeinen. Sie haben ihre Schwerkraft verloren, gewinnen dadurch allerdings eine Freiheit, die es ihnen erlaubt, anders zu sein.”

Das würde ich nun bezweifeln, beziehungsweise habe ich die Geschichten anders gelesen.

“Poetische und schräge Geschichten vom Zweifel an der Welt und an der eigenen Daseinsberechtigung”, bleiben es allemal.

Irmgard Fuchs, wie weiter im Klappentext steht “beeindruckt durch ihren genauen Blick und ihren eigenwilligen Ton, der poetisch, leicht, verträumt und ironisch zugleich ist.”

Lesen würde ich raten, weil die Releaseparty im “Siebenstern” ja schon vorüber ist.