Literatursplitter und alte Frauen

Was tut sich so literarisch? könnte man fragte. Gibt es da etwas zu erwähnen oder hat Corona alles andere verdrängtund zugeschwemmt?

So gibt es einiges zu vermelden, auch wenn es derzeit ja keine Liveveranstaltungen gibt und ich am Donnerstag mit dem Doppelpack in der “Alten Schmiede” auch ein wenig ins Schleudern kam, denn um sechs hatte sich ja die Ruth mit Brigitte Kronauer und ihrem neuen Buch beschäftigt und um sieben gab es zwei Buchpräsentationen, darunter Mieze Medusas neues Buch.

“Was mache ich da?”, habe ich mich gefragt und bin dann mit dem Alfred kurz nach sechs nach Harland gefahren und dort kurz nach halb acht angekommen, wo schon Jana Volkmann beim Präsentieren war. Ich habe vielleicht nur halb zugehört, aber aufgehorcht, als ich Mieze Medusa sagen hörte, daß es nur weinige Schriftstellerinnen über siebzig gäbe.

“Was?”, habe ich gedacht und den Kopf geschüttelt. Das stimmt doch nicht! Denn erstens bin ich ja schon bald an dieser Grenze und dann gibt es die Barbara Frischmuth, die Marlene Streeruwitz, die Elisabeth Reichart, die Marie Therese Kerschbaumer, die Friederike Mayröcker und und und…

“Was habe ich da nur mißverstanden?” und am nächsten Tag der Mieze Medusa ein Mail geschrieben und nachgefragt, die mir antwortete, daß sie damit die Romanfiguren gemeint hätte. Daß es nur wenige über siebzig geben würde und das, denke ich, ist ein interessantes Thema über das man nachdenken sollte. Denn bei den Männern ist das ja kein Thema. Da gibt es ja viele, wie den schon verstorbenen Philip Roth oder Martin Walser, die ganz ungniert immer wieder den selben Roman über das Nachlassen ihrer Sexualität und ihre Krankheiten schreiben oder geschrieben haben und offenbar nicht nur Verlage sondern auch Leserinnen finden, die sich damit beschäftigen.

Bei den Frauen ist das wahrscheinlich anders, könnte stimmen und ich habe jetzt auch keine Liste parat welche Autorinnen sich in ihren Werken mit den alten Frauen beschäftigen und sie in den Mittelpunkt ihrer Werke stellen, könnte mir aber vorstellen, daß das tatsächlich ein Problem sein könnte, wollen ja auch die alten Männer nur jüngere Frauen als Freundinnen haben. Ältere Frauen, glaube ich, auch, habe ich einmal in einem Film gesehen und da man ja keine Schwäche zugeben darf, ist es vielleicht ein wenig schwierig über den eigenen Verfall zu schreiben.

Die Friederike Mayröcker tut das, glaube ich, ungeniert, ihre Rückenschmerzen und ihre Schlaflosigkeit zu thematisieren, habe aber da schon Kritiker sich darüber mokieren gehört und als es unsere Schreibgruppe noch gegeben hat, gab es da auch eine wilde Dikussion mit der Ruth und der Ilse Kilic. Damals war der Fritz Widhalm, glaube ich, noch nicht sechzig, und sagte, wenn er das wird, hört er zu schreiben auf. Jetzt ist er das schon und schreibt, glaube ich, auch weiter. Aber da ist es im Gespräch darum gegangen, daß man, wenn man älter ist nicht mehr öffentlich lesen soll, weil man da vielleicht mit dem Text raschelt, die Finger zittern, man stottert, etcetera und das wollen wir nicht hören, das Alter und den Verfall. Ich habe mich natürlich sehr energisch dagegen aufgeregt und mich vielleicht auch deshalb über Mieze Medusa mokiert und mir jetzt ganz fest vorgenommen, in meinem nächsten Werk wird die Protagonistin über siebzig sein.

Das habe ich Mieze Medusa gestern auch gemailt und dazu geschrieben, daß die Frauen in meinen letzten Werken eher zwischen sechzig und fünfundsechzig waren. Die Magdalena Kirchberg beispielsweise und dann die Roswitha Herweg, die Eja Augustin und die Mathilde in den Corona-Texten und mich damit entschuldigt, daß ich da ja noch jünger war, denn die Protagonistinnen werden mit ihren Autorinnen älter habe ich auch noch geschrieben und mir dann gedacht, das stimmt ja nicht, das ist vielleicht genauso eine Fake New, wie Hannes Stein am Abend bei der Buchpräsentation seines “Weltreporters” aus New York an das Berliner Literaturhaus gemeldet hat, daß das bei seinen Büchern so ist.

Denn ich habe mich eigentlich sehr oft mit dem Älter werden und dem Sterben beschäftigt, mit dem Thema “Alzheimer” in der “Anna” und die ist über siebzig, der Jakob Mandelbaum in den “Wiener Verhältnisse” glaube ich sogar fast hundert, wie auch die Clara im “Haus” und dann gibt es ja noch die Protagonistinnen in “Paula Nebel” im “Novembernebel”, “Beim Sterben sollte man zu Hause sein” und und, das könnte ich Mieze Medusa vielleicht noch mailen, was sie, weil ich, da ja nur selbstgemachte Bücher, nicht für so literarisch, sondern vielleicht sogar als Hobbyautorin gelten, vielleicht nicht so besonders berühren würde.

Aber Marlene Streeruwitz, die ja auch eine engagierte autorin ist, hat, glaube ich, sowohl in ihren Covid-Roman als auch in ihrem letzten ältere Protagonistinnen, weil die ja auch mit ihrer Autorin sehr ähnlich sind und bei der engagierten Feminstin Gertraud Klemm, die glaube, ich noch jünger ist, gibt es im “Hppocampus” auch ältere Protagonistinnen und ich finde das Thema sehr interessant, habe Mieze Medusa versprochen mich in Zukunft damit zu beschäftigen, also darüber zu bloggen und es mir zu merken, wenn ich von alten Frauen in meinen Büchern lesen, aber eigentlich fühle ich mich ja gar nicht alt.

Hilde Schmölzer geht es da vielleicht wenig anders, hat aber jetzt noch ein Buch über und für ihre Familie geschrieben, das ihr der Alfred druckfertig machte und ich habe heute auch ein Mail an Peter Paul Wiplinger und an das “Podium” geschrieben, denn der, auch ein alter Mann, weil über achtzig, hat einen neuen Gedichtband mit sehr schönen Gedichten, die sich mit diesem Thema beschäftigen, herausgebracht, das ich vor kurzem gelesen habe und dann bin ich heute wieder mit dem Rad nach St. Pölten und auf den Markt gefahren, um da wieder einmal Doris Kloimstein zu treffen, die noch lange nicht siebzig ist, der ich aber mein zweites Corona-Buch, beziehungsweisen ihren schönen Maskengedichten gewidmet habe, das ich ihr schon lange bringen wollte.

So haben wir uns wieder hinter dem Markt getroffen, denn am Markt selbst herrscht ja Maskenpflicht, so stellen sich die Leute mit ihrem Bier und ihrem Leberkässemmerl ein Stückchen weiter hinten auf und die Doris, die ja auch eine Leseratte ist, hat mir wieder drei Bücher gebracht, darunter, was vielleicht nicht so literarisch ist, aber trotzdem in Zeiten wie diesen sehr interessant eines über “Corona-Impfstoffe”, die Doris interessiert sich auch sehr für dieses Thema und dann zwei Bücher über Erika Mitterer, beziehungsweise von ihrem Sohn Martin G. Petrovsky, der sich ja sehr für das Werk der 1906 geborene und 2001 Verstorbene einsetzt und, die ja als junges Mädchen einen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke führte.

Ich habe auch einige ihrer Bücher gelesen, war einmal bei einem Symposium in der “Gesellschaft für Literatur” und bin dann auch ganz zufällig zur Eröffnung der “Erika Mitterer-Gesellschaft” in der Rainerggasse zurechtgekommen und bin da auch mit martin Petrovsky ins Gespräch gekommen, der auch einen Text von mir in seiner zeitschrift “Zaunkönig” brachte, also auch eine ältere, wenn auch schon verstorbene Dichterin, an die mich Doris Kloimstein erinnerte, die mich auch dan erinnerte, daß ich ihr meinen Lebenslauf und meinen Text über “Noahs Fest” schicken soll, denn da sollen ja die Resultate, die im September bei diesem Skriptorium im Stift Seitenstetten, an dem ich wegen der Maskenpflicht nicht teilgenommen aber trotzdem darüber geschrieben habe, in einem Buch herausgegeben werden.

Es tut sich also trotz Corona doch ein bißchen in Sachen Literatur, mein drittes Corona-Buch liegt beim Alfred und ich bin gerade dabei an meinen dritten “Literaturgeflüster-Buch” nämlich an dem mit den gesammelten Corona-Texten zu arbeiten und da ist “Noahs Fest” auch darin und da habe ich mit dem Korrigieren und dem Durchsehen schon angefangen, etwa fünfzig Texte werden das wahrscheinlich sein. Derzeit hätte ich da auch fünfzigtausend Worte, also endlich ein richtiger “Nanowrimo” und bin auch darauf gekommen, daß es sehr interessant ist, sich das ganze erste Corona-Jahr, das ja jetzt demnächst sein Jubiläum findet, in meinen Texten durchzugehen, denn da kann man die Veränderung ganz schön bemerken.

Ich werde ja wahrscheinlich wieder nicht sehr viele Leser damit finden, die Texte sind aber im Geflüster vorhanden und wenn vielleicht nicht ganz fehlerfrei immer noch zu lesen und das Buch wird der kleinen Lia gewidmet sein. Damit sie später einmal lesen kann, wie das in ihren ersten zwei Lebensjahren war.

Ausklang

Gedichte von 2010 – 2020 des 1939 in Haslach OÖ geborenen künstlerischen Fotografen, Schriftsteller und engagierten Mitglieds der IG Auoren Peter Paul Wiplinger. Sogenannte Lapidargedichte “ohne jeden Metaphernschmus”, wie der Schriftsteller, den ich, glaube ich, in den späten Neunzehnachtzigerjahren bei den IG-GVs kennenlernte, auf einem dem Buch beigefügten Zettel geschrieben hat und ich habe mich 1996 sehr vor Peter Paul Wiplinger gefürchtet, als wir beide in der Jury für das damalige Nachwuchsstipendium für Literatur waren, denn er war vom PEN, ich von der GAV dorthin gesandt, was in meiner Vorstellung starke gesellschaftliche Unterschiede bedeutete. Er rechts, ich links und dann hatten wir dieselben Vorschläge, kämpften für denselben Kanditaten, sprachen uns gemeinsam gegen eine Autorin aus und ich hatte wieder etwas gelernt.

Danach erlebt, wie Peter Paul Wiplinger, der vor einigen Jahren auch einen schweren Unfall hatte, vom PEN austrat und in die GAV hinüberwechselte, da gibt es immer noch diese Bestimmung, daß man nur in einer der Vereine Mitglied sein kann, an die ich mich eigentlich halte, aber ich würde, weil ja “nur” selbstgemachte Bücher wahrscheinlich ohnehin nicht in diesen Verein aufgenommen werden.

Jetzt scheint er sich wieder im PEN zu engagieren, zumindest wurde sein achtziger Geburstag, zu dem er mich eingeladen hat, glaube ich, in einem PEN-Lockal gefeiert und er hat mich, als wir uns einmal beim Empfang der Buch-Wien getroffen haben, sehr freundlich auf meinen Blog angesprochen. Er hat mich auch vor einiger Zeit bei der Krit Lit fotografiert und schickt mir jetzt immer die Einladungen zu seinen Veranstaltungen. So hat er mich auch auf sein neues Buch aufmerksam gemacht, das in der “Edition Löcker” erschien und seit Dezember, glaube ich, im Buchhandel erhältlich ist und als ich ihn fragte, ob er mir das Buch für das “Geflüster” schicken will, hatte ich einige Zeit später ein dickes Bändchen mit gleich drei Büchern im Postkasten.

Darunter die “Lebenszeichen”, die ich schon hatte, denn in meiner Bibliothek haben sich inzwischen einige Wiplinger-Bücher angesammelt und ich kann mich auch an einen Wettbewerb in der Bücherei Pannaschgasse erinnern, den Stephan Teichgräber organiserte, “Die goldene Margarete” hat er geheißen. Ich habe auch gelesen und daneben viele ost- und mitteleuropaische Autoren, die gar nicht persönlich anwesend waren, weil die Bibliothek nicht die Fahrt und Übernachtungskosten zahlen wollte oder konnte.

Peter Paul Wiplinger hat ziemlich zu Beginn soweit ich mich erinnern kann, sehr beeindruckende Holocaust-Gedichte gelesen, wurde dann aber aus Zeitgründen sehr bald von Stephan Teichgräber unterbrochen, was ich eigentlich als sehr unhöflich empfand. An einen Abend im arabisch-österreichischen Haus, kann ich mich erinnern und die drei Büchern darunter der, bei “Arovell” 2006 erschiener Prosaband “ausgestoßen” waren alle sehr schön und handschriftlich für mich signiert.

“Letzten Endes bleibt alles Fragment” steht beispielsweise bei dem neuen “Löcker-Band”, bei den Lapidargedichten, wo am Cover ein Foto des Autors, “Sonnenuntergang am Neusiedlersee” zu sehen ist, das Peter Paul Wiplinger mit der Kamera seines Vaters 1981 aufgenommen hat und am Büchrücken ist noch einmal das Gedicht zu sehen, mit dem der Band auch beginnt: “gehen/ gehen gehen/ gehen gehen/ einfach gehen/ was sonst”, womit man schon eine klare Definition hat, was unter Lapidargedichten zu verstehen ist.

Kurze knappe zweizeilige Gedichte, die sich mit dem Sinn des Lebens auseinandersetzen.

“WEGE GEHEN gehen/ die sich kreuzen/ wege gehen ohne ein ziel/ schnittpunkte begegnungen/berührungen beziehungen/ereignisse menschen/erinnerung vergessen” oder “DAS LEBEN” “das leben ist das märchen/ das leben ist wie es ist/ so ist es”.

Es gibt aber auch Gedichte die bestimmten Personen gewidmet sind, so ist der “Dichter” “tag für tag ein gedicht schreiben”, dem 2014 verstorbenen Politiker und Schriftsteller Hugo Schanovsky gewidmet und sehr berührend “EIN GEDICHT SCHREIBEN”, wo Peter Paul Wiplinger, den Auftrag seiner Ärztin beschreibt, daß er dieses tun soll, als er nach seinem Unfall im Spital liegt “ich soll mit der hand/ ein gedicht schreiben/ sagte heute zu mir die frau/ prof. dr. paternostro-sluga/ im donauspital in wien/ und fügte noch hinzu egal was/ sie dann schreiben ganz egal/ wichtig ist nur daß sie schreiben/ und zwar mit ihrer rechten hand/ die halbseitig nervengeschädigt ist”

So eindrucksvoll habe ich Lyrik noch selten gelesen und davon ist auch die Psycholoin in mir sehr angesprochen, die sich neben der schönen Sprache immer sehr für die psychischen Ausnahmesituationen interessiert.

Es gibt neben den kurzen sich mit dem Lauf des Lebens beschäftigenden lapidaren Gedichtzeilen auch längere Gedichte, beispielsweise die “LEBENBSAUSSICHT”, 2013 geschrieben “heute ist der erste Tag/ in meinem Leben an dem ich/in mein 75. lebensjahr trete/bloß kein Selbtmitleid sage ich” oder “MUTTERS LEBEN- nach ihrer Erzählung” geschrieben.

Kurze lapidare Gedichtzeilen, in denen es viel um das Leben geht. So schreibt er beispielsweise über einen der sich den Suicid wünscht “du kommst zu mir/und sagst du magst nicht mehr leben/ ich sage/ ganz einfach/ ich lebe gern/” oder in “GLEICHZEITIG” “aber ich lebe/in der stadt/da gibt es/keine natur”

Es geht auch zunehmend um Krankheit, Sterben und Tod.

“DAS FOTO” “soeben habe ich/das foto angesehen/das foto betrachtend denke ich/an deinen und an meinen tod” oder

“DER KOFFER” “Seit 36 Jahren steht/ der Koffer meines vaters/ nun schon ungeöffnet/ in meinen Keller./ Jetzt, da ich schon fast/genau so alt bin wie er, /als er damals fortging/mit seinem kleinen Koffer/ins Spital, werde ich/ diesen alten Koffer öffnen,/weil ich wissen will,/was ich mitnehmen soll/ins Spital,wenn es/ans Sterben geht./

Es gibt den “TAGESVERLAUF im Krankenhaus” und die “ZWISCHENBEREICHe im AKH in Wien”, in dem sich Peter Paul Wiplinger offenbar befunden hat “das grünen Bettenhaus/das rote Bettenhaus/der grüne Bodenbelag/der rote Bodenbelag” und die “ABENDSTIMMUNG im AKH Wien” Der Himmel/verbrennt/im Abendrot./Wie lange noch/werde ich leben?”

Besonders berührend die “ENTSCHEIDUNG”

Ich breche jetzt/die Chemotherapie ab,/sagte er und tat es auch;/Wenige Wochen darauf starb er./Ich schrieb einen Nachruf auf ihn/für eine bekannte Regionalzeitung/Und setzte meine Chemotherapie/noch einige Wochen lang fort,/bis sie bei mir beendet war.”

In einer anderen “ENTSCHEIDUNG” geht es um die Bücher, die er noch lesen möchte oder noch nicht gelesen hat. Ein Problem das ich auch genau kenne und mich oft genug damit beschäftige.

Dann geht es sehr aktuell um die “CORONA-PANDEMIE 2020”, im April geschrieben. Dann gibt es noch eine NEGATIV-ASSOZIATION “Eine Negativ-Assoziation besetzt/also mein Assoziationsvermögen./Auch das hat sich so ergeben:/ein Alltagsbild als Schreckensbild!/Und das wird noch lange so bleiben.”

Spannend, spannend in die Assoziationen, Gedanken, Überlegungen eines alten Dichters einzutauchen. Spannend sich in seine “Ausklänge” einzulesen und wenn man noch ein wenig mehr von und über Peter Paul Wiplinger lesen will, sind seine “Schachteltexte” sehr zu empfehlen.