Wiener Wissen in Kunst, Kultur und Alltag

Offenbar eine Reihe bei den “WienerVorlesungen” und eine Diskussion zwischen Daniela Strigl und Eva Bliminger  mit Hubert Ch. Ehalt, dem ich heute den Vorzug vor der “Lesart” mit Hanno Millesi und Dieter Sperl in der “Alten Schmiede” gegeben habe, weil die Hans Weigel-Veranstaltung in der “Wien-Bibliothek” erst am Mittwoch ist und da wird ja die “Buch-Wien” eröffnet, zu der ich erst die Einladung bekommen muß.

Ich gehe ja nicht sehr oft zu den Wiener Vorlesungen, die ja nicht nur literarische Themen zum Inhalt waren, aber das letzte Mal, war ich kurz nach der Präsidentenstichwahl da, wo ich schon glaubte, daß wir einen mit dem Namen van der Bellen haben, während jetzt gerade wieder die ersten Ständer für die Wahlwiederholung aufgestellt werden und da präsentierte Daniela Strigl ihr Buch über die Marie Ebner von Eschenbach und Daniela Strigl ist ja ein Name, der anzieht und mich interessiert und der Wiener Alltag besteht ja auch aus Literatur.

Zumindest habe ich einmal unter diesem Titel auch mein “Literaturgeflüster” im Amerlinghaus vorgestellt und als ich  den Festsaal im Wiener Rathaus betrat und mit einen Platz suchte, winkte mir auch gleich Elfriede Haslehner zu, dann wurde es aber gleich etwas weniger literarischer, begann die Rektorin der “Akademie der bildendenen Künste” ihr Eingangsstatement doch mit der “Wiener Küche”, nun ja die gehört auch zum Wiener Alltag, keine Frage und ein diesbezügliches Wissen kann auch nicht schaden.

Daniela Strigl wurde dann auch literarischer, ging ins Barock und las ein Stück aus Abraham a Santa Clara “Merkks Wienn”, wo es um den Wiener und sein Verhältnis mit dem Tod geht und alle Straßennamen mit dem Tod bezeichnet werden. In der Singerstraße singt er, in der Herrengasse, trägt man diese hinaus, denn Angesichts des Todes sind ja alle gleich und da gibt es keine Standesunterschiede.

Der Wiener Dialekt kam auch vor und die Wiener Gruppe, die ja diesen “mit aner schwarzn Tintn” beschrieben hat, kurz ging es noch um Nestroy, dann ging es schon zu Elfriede Jelineks “Burgtheater”, das, wie Danieal Strigl listig anmerkte, nie in diesem gespielt wurde, aber dem Dialekt eine besondere Nuance gibt, wenn damit die Euthanasie und das Sterben am Spiegelgrund beschrieben wurde.

Diese beiden Statements waren nur kurz, dann schaltete sich das Fernsehen mit einer Signation ein, es gab noch einmal eine Antrittsrede und dann eine einstündige Diskussion mit Hubert Christian Ehalt, die Elfriede Haslehner zu lang war, so daß sie früher weggegangen ist und auch einige Klischees bediente, nämlich ausgehend mit dem Wiener Kongreß und der Revolution von 1848, zu den Wiener Titeldünkeln kam, den wirklichen und unwirklichen Horäten, obwohl es den ja schon seit 1918 nicht mehr gibt, die Hofrähte aber schon. Dann ging es zu den Talaren, der Univ-Professoren mit dem falschen oder echten Hermelin.

Ich habe Anfangs 1980 ja noch eine solche Promotion hinter mich gebracht und Daniela Strigl meinte auch, daß ihr solche Traditionen gefallen würden und die Eltern für ihre Kinder sie auch wünschen, wenn diese in das akademische Leben entlassen wurden.

Die Diskussion endete mit Josef Weinhebers “Wann i verstehst was zreden hätt, i schaffert alles ab”, was Eva Blimiger, die sich ja auch mit den Restitutionen beschäftigt hat, nicht gefiel, denn ja, Weinhaber war ein Nazi, aber auch ein guter Dichter und sein “Wien wörtlich” ist ein Stück Literatur, das vielleicht von der Wiener Kultur nicht wegzudenken ist, aber dann kamen schon die Publikumsfragen und da hat man sich auch nach dem “Mundl” erkundigt, jenem proletarischen Wiener, der Österreich, als die Serie, ich glaube, es war in den späten Siebzigerjahren gesendet wurde, erschüttert hatte, denn der Wiener ist ja, wie Daniela Strig erklärte, außerhalb Wiens sehr unbebliebt und jetzt “kann er nicht einmal richtig Deutsch!”.

Sehr interessant, die Diskussion, wenn sie auch etwas Klischee behaftet war und den K und K-Mantel noch ein bißchen um hatte, denn Hubert Ch. Ehalt fragte nach den Kreisen, die man, wie Eva Bliminger korrigierte, heute Netzwerke nennen würde.

Da wären wir schon bei der Social Media, aber die wurde nicht erwähnt, denn auch Eva Bliniger schwenkte “von der Partie zu der Partei” oder auch umgekehrt und meinte überhaupt, daß das “Scha ma mal!” ein sehr beliebter Wiener Ausdruck ist und dazu kann man vielleicht  die Wien Literatur des “Holzbaum-Verlags” empfehlen, die ja vom “Unmöglichen Wien Wissen” bis zum “Schimpfen wie ein echter Wiener” reicht und ich bin es sie ja auch, eine echte Wienerin, mit der “behmischen” Großmama.

Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau

Die  “Theodor Kramer Gesellschaft” hat das 1986 erschienene “politische Buch”, der Journalistin und Schriftstellerin Elisabeth Freundlich “über die NS-Vernichtungspolitik in Polen von 1939-1945” wieder aufgelegt und mit mehreren Vorworten und Nachworten, Bildmaterial, sowie einem Interview mit Rabbi Moyshe-Leib Kolensik versehen, das von Paul Rosdy herausgegeben wurde.

1986 war die 1906 in Wien geborene Elisabeth Freundlich, achtzig, die 1938 mit ihren Eltern nach Zürich und Paris emigirierte, später in die USA kam, dort eine Ausbildung zur Bibliothekarin machte, in Wien hat sie Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaft studiert und 1950 nach dorthin zurückkehrte.

Sie war die Frau des Philosophen und Schriftstellers Günter Anders und ist 2001 gestorben.

1986 ist zeitgleich mit dem genau recherchierten Buch, ihr Familienroman “Der Seelenvogel” und die vier Erzählungen “Finstere Zeiten”, herausgekommen, wo eine  einmal von Ruth Aspöck im Rahmen des Lesetheaters im Literaturhaus aufgeführt wurde.

Nun also das “politische Buch” der Journalistin, die auch als Kulturkorrepondentin bei der Berichterstattung von NS-Prozessen gearbeitet hat und 1986 ein sehr umfangreiches Werk über die Geschehnisse in der Stadt Stanislau, die heute Iwano Frankowsk heißt, vorlegte.

In sieben Kapiteln nähert sie sich dem “Schauplatz Galizien” an, erwähnt, daß “das bunte Völkergemisch”, das in der K und K Monarchie in der  heutigen Ukraine lebte, “Ruthenen” hießen und beschreibt in der “Neuordnung Euopas”, die vielseitige Besatzungsgeschichte der Ukraine, die einmal zur K und K Monarchie, dann zu Polen und zur Sowetunion gehörte, bevor sie 1941 von den Deutschen besetzt wurde.

In Briefen und Dokumenten wird, die sogenannte “Bevorzugung der Ukrainer” beschrieben, die sich offenbar, um der SU Herrschaft zu entkommen teilweise gerne von den Deutschen “beschützen” ließen und beschreibt auch sehr genau, die “Kindertransporte”, wo im Rahmen der Aktion “Lebensborn” unter der Leitung, der Wiener Psychologin Hildegard Hetzer, von der ich während meines Studiums, ich habe die Entwicklungspsychologie noch bei Prof .Bayer-Klimpfinger besucht, einiges hörte, die blonden und bläuäugigen Kinder nach ihrer “Eindeutschungsfähigkeit” ausgesucht und  nach Deutschland verschickt wurden.

Im vierten Kapitel geht es, um die “Sache” oder die Ermordung der “Professoren” der Universität Lemberg, die sie mit Zeugenberichten beschreibt und anmerkt, daß die “Besetzung durch die Nationalsozialisten im “District Galizen”, bevorzugt durch die “alten Kämpfer aus Österreich” erfolgte.

Nach einem kurzen “Exkurs über die Zigeuner”, geht es zum “Massaker von Stanislau” dem Kernstück des Buches, da diese Stadt in Ostgalizien, beziehungsweise in der Westukraine, die erste war, die im Juni 1943, als “judenfrei” nach Berlin gemeldet wurde, wurden doch am 12. Oktober 1941, “an einem Sonntag und dem letzten Tag des Laubhüttenfests” im Friedhof zwölftausend Menschen erschossen.

Peinlich genau und zu lesen schwer erträglich, hat dies Elisabeth Freundlich in Zeugenberichten Stück für Stück dargestellt.

Im Interview mit der Autorin Susanne Alge, die ihre Dissertation über Elisabeth Freundlich schrieb, meinte sie, daß “ihr das Buch deshalb so wichtig war, weil sie es als  Danksagung betrachtete, daß sie und ihre Eltern den Holocaust überlebten.”

Heute ist Elisabeth Freundlich, wie Konstantin Kaiser in seinem Vorwort schreibt, als Schriftstellerin ziemlich vergessen, deshalb ist die Wiederauflage des Buches sehr wichtig, obwohl die Anneinanderreihung von Fakten, Tatsachen und Protokollen nicht sehr leicht zu lesen ist, es gibt aber immer wieder einen leicht ironischen Unterton,  der den Inhalt ein wenig erträglicher werden läßt.

Das Buch wurde inzwischen auch, wie der Herausgeber in seinem Vorwort schreibt, in der Ukraine herausgebracht. Einige in der Erstausgabe vorhandene Ungenauigkeiten und Fehler wurden von dem ukrainischen Professor Jaroslaw Hryzak in seinem Nachwort aktualisiert und richtiggestellt.