Longlistentagebuchnotizen III

Am Sonntagabend als ich gerade mit der Anke Stelling, LLBuch zehn, glaube ich, fertig geworden bin, hat das Telefon geläutet und der liebe Otto hat mir avisiert, daß er jetzt alle Bücher hätte und sie haben könne.

Zu diesem Zeitpunkt war ich fast entschloßen das Longlistenlesen nach der Inger Maria Mahlke die jetzt doch zu mir und auch auf die Shortlist gekommen ist, aufzugeben.

Jetzt habe ich wieder umgeschwenkt, natürlich, ich halte  ja gerne meine Versprechen, um nicht für großspurig gehalten zu werden, ich habe die Bücher aber noch nicht und, daß ein Treffen mit dem Otto, der jetzt auch den ganzen Tag am Westbahnhof stand oder steht, um für die “Caritas” die Flüchtlingszuströme zu koordinieren, oft sehr lange dauern kann, weiß ich seit dem Versuch die “Mimi” der Michaela König zu übergeben, also könnten wir vielleicht unken, daß ich schon beim Longlistenlesen 2020 bin, wenn die Bücher kommen oder auch nicht, mal sehen, ich bin gespannt.

Ich habe ja vorige Woche noch zwei Rezensionsanfragen gestellt, dem “Residenz” habe ich noch einmal angefragt und dann hat der Verlag  “Kremayr Scheriau” jetzt eine Debutantenschiene mit Büchern von Marianne Jungmaier und Irmgard Fuchs, die auch am Montag in der “Gesellschaft für Literatur” vorgestellt werden.

Die habe ich jetzt bekommen und bei all dem Longlistenlesen sollte man ja auf die österreichischen Jungautoren, die vielleicht im nächsten Jahr auf der Liste stehen, nicht vergessen.

Daß ich trotz meiner eigenen Leselistenvernachläßigung mit dem Longlistenlesen sehr zufrieden bin, kann man glaube ich merken, ich hoffe, ich gehe den sogenannten offiziellen Bloggern, die mich ja dazu inspiriert haben, nicht allzu auf die Nerven, halte aber jetzt bei Buch dreizehn den Ferdun Zaimoglu, bei dem ich wahrscheinlich noch eine Weile bleiben werde, denn das ist auch ein elendslanges Buch, das mir aber sehr gut gefällt, so daß ich es ein bißchen schade finde, daß es nicht auf die Shortlist gekommen ist, aber eigentlich ist mir das auch egal, weil ich ja nicht soviel auf diese Listen gebe.

Im Internet oder auch sonst zerstreiten sich ja jetzt gerade einige, um die Kompetenz des Auswählens, die Buchhändler schreien: “Wir wollen es bestimmen, denn wir wissen was die Leute lesen wollen!”, die Literaturkritiker schreien “Das können nur wir! Skandal, daß der Setz nicht dabei ist!” und die Bücherblogger stöhnen über den Peltzer, der dabei ist, hochkarätige Literatur, aber offenbar schwer zu lesen.

Ein Problem habe ich, als ich tapfer die LL meiner Bücherliste vorgezogen habe, übersehen, von dem ich nicht weiß, ob es nur ein spezielles von 2015 ist oder auch im nächsten Jahr vorhanden sein wird.

Auf der Liste sind ein paar elendslange Bücher, ein paar habe ich davon schon gelesen, nämlich “Risiko”, “Macht und Widerstand” und “89/90″, die letzteren zwei hatten zwar “nur” über vierhundert Seiten, aber das ist auch nicht so wenig und dann kommt jetzt noch der Setz mit den über tausend und der Witzel, ich glaube achthundert und die hat  auch der Zaimoglu, also ist das in knapp zwei Monaten wahrscheinlich doch nicht zu schaffen, am Tag der Shortlistvergabe habe ich zwar mit Buch zwölf angefangen, eben der Zaimoglu wo ich wahrscheinlich noch die ganze nächste Woche lese, dann kommt die Mahlke an die Reihe und die beiden Debuts und wenn ich mit der Mahlke beginne, rufe ich den Otto an und versuche mit ihm einen Übergabetermin auszumachen für sechs Bücher.

Richtig es sind nur noch sechs, denn gestern hatte ich zwischen dem “Gewalt macht krank-Symposium” und der Supervision Rexlexion zwei Stunden Zeit, bin zum “Kuppitsch” marschiert, der alle Bücher plus Shortlist lagernd hatte und gesehen, es gibt außer der Bronsky noch ein dünnes Buch, nämlich Christine Wunickes “Der Fuchs und Dr. Shimamura”, das ist jetzt auch gelesen und es bleiben nur noch sechs und falls ich es schaffe den Otto zu treffen, hätte ich auch schon eine Lesereihenfolge, da würde ich nämlich mit dem Vladimir Vertlib, der mich interessiert und der glaube ich, auch nicht so dick und nicht so schwer zu lesen ist, beginnen, dann vielleicht doch den Witzel, denn der interessiert mich  und steht auch auf der Shortlist, dann Lappert, Shortlist und Hellinger, der das nicht ist und dann käme der lange Setz, der es nicht geworden ist und der Peltzer, den man angeblich nicht so leicht versteht.

Dann ist wahrscheinlich der zwölfte Oktober oder wahrscheinlich überhaupt der Oktober längst vergangen, ich hätte aber alle Bücher gelesen und noch ein bißchen Zeit für meine Leseliste, wo ich einiges nämlich zehn bis zwölf Bücher unbedingt lesen will, das heißt eigentlich sind es mehr, aber das wäre nicht realistisch, aber die Nadine Kegele, die ich ja auf der vorigen “Buch Wien” gewonnen habe, unbedingt, das “Alpha Buch” der Eva Menasse und drei Bücher von österreichischen Autoren, die sie mir gegeben haben, dann kommen noch die Gedichte vom Dietmar Füssel und das Buch der Hilde Schmölzer, die Gedichte der Jungautorin aus der Edition Exil, und den Rafael Chirbes und die Sybille Lewitscharoff, nicht zu vergessen den “Circle” und die “Zehntelbrüder” will ich auch noch lesen.

Spannend spannend so im Vollen zu wühlen und, daß ich trotz meiner Leseliste im nächsten Jahr wieder gerne LL lesen will, habe ich, glaube ich, schon geschrieben und wenn ich es nicht schaffe, den Otto zu treffen, beginne ich nach der Mahlke mit meiner Liste, vom Alfred könnte ich mir ja noch drei Bücher wünschen oder kaufen lassen, das wären dann wahrscheinlich der Vertlib, der Setz und der Witzel oder sonst warten bis sie zu mir kommen.

Bücher haben ja kein Ablaufdatum und man kann Longlistbücher auch später lesen, beispielsweise, wenn die Buchändler ihre Leseexemplare,  in den Schrank legen und ich sie finden sollte, aber dann kämen sie an das Ende meiner Leseliste und ich müßte noch ein bißchen auf das Lesen warten.

Bodentiefe Fenster

Irgendwie wird Anke Stellings sowohl auf der LL als auch auf der Hotlist stehender Roman “Bodentiefe Fenster” als einer über den Prenzlauer Berg vermarktet, dabei wird, wenn ich mich nicht irre, die Verortung erst auf Seite zweihundervier erwähnt.

Also ein Roman über Mütter, das Pendant zu Gertraud Klemms “Aberland” und die Birgit von “Sätze und Schätze” und auch andere, stöhnen auf.

“Immer dieses Jammern und Klagen!” und wünschen sich  starken Heldinnen, die roten Zoren und die Pippi Langstrumpfs, was ich, vielleicht auch ein bißchen kassandramäßig oder burnoutgefährdet bezweifeln würde, daß eine Gesellschaft, wie unsere, solche so leichtfertig produziert.

Oder doch natürlich, Ronja von Rönne könnte eine solche sein, schreibt in ihren Kolumnen aber auch von ihren gleichaltrigen Freundinnen, die  in der Psychiatrie gelandet und froh sind, sich dort stundenlang überlegen zu können, ob sie Kakao oder Kaffee trinken wollten, statt, wie draußen von einer Bewerbung zur nächsten zu rasen und immer die Beste sein zu müßen.

Vielleicht kommt daher der Wunsch nach den starken Frauen und Frauen, wie Sandra oder Franziska nerven dann, aber es stimmt, ein bißchen haben mich Gertraud Klemms Jammermonologe auch genervt.

Bei Anke Stelling ist das anders, vielleicht ist es die deutsche Distanz, vielleicht ist mir, auch als Psychologin das atemlose Hasten von einer Katastrophe zu anderen im Kopf, vertrauter und ich habe zwar keine Kinderladensozilisierung hinter mir, aber eine Tochter in Kindergruppe und Alternativschule und kenne mich bei antiautoritärer Erziehung vielleicht ein bißchen aus, auch, daß es  da natürlich Grenzen gibt und bin deshalb vielleicht nicht so ganz burnout gefährdet.

Aber wieder schön der Reihe nach. Da ist also Sandra, ein Kinderladenkind aus der Neunzehnachtundsechzigergeneration, ihre Eltern kamen aus dieser, deshalb hatte ihr Name nicht so viele Silben, wie sie es sich wünschte. Sie hätte gerne Kassandra geheißen und jetzt ist sie erwachsen.

So Mitte Dreißig würde ich vermuten, ist Redakteurin und lebt mit Hendrik und ihren zwei Kindern in einem tollen Gemeinschaftshaus mit sozialer Durchmischung mit Gästewohnung und wöchentlichen Plenarsitzung und natürlich, den titelgebenden bodentiefen Fenstern.

Alles leiwand und paletti also, könnte man vermuten, wenn da nur nicht die Zwänge, das Nachdenken, die Erinnerungen, das Grübeln wäre…

Und so fängt es auch  mit Isa an, der Freundin, die in einer sehr eigenartigen Beziehung lebt, sich von ihrem Freund ausnützen und sich nichts sagen läßt und Sandra hat Angst, sie könnte in der Psychiatrie landen.

Hendrik, dem sie davon erzählt, nimmt ihre Sorgen nicht ernst und sie hat auch nicht viel Zeit, muß sie doch Zimtwecken backen für Tinkas Geburtstag, obwohl da eine Freundin kommt und ihr das ausreden will und ihr einen Fragebogen bezüglich der Burnoutgefährdung unter die Nase hält.

Sandra bäckt trotzdem und denkt dabei an ihre Mutter und Tinkas Mutter Marlies, die Mustermütter, der 1968 Generation, die ihre ist inzwischen gestorben, Marlies depressiv und es gibt auch, die Schwester Wiebke, die ihren Kindern nicht widersprechen und ihnen keine Grenzen setzen kann. Sie hat das Münchhausensyndrom vermutet Sandra, kann aber den Eltern ihres Gemeinschafthauses auch nicht sagen, daß sie  ihre Kinder falsch erziehen.

Das darf man in dieser Gemeinschaft offenbar nicht und so kann es vorkommen, daß der kleine Finn, alle andere Kinder, die sich vor ihm fürchten mit einer Ketchupflasche totschießen kann, als aber Ricarda ihm die Flasche aus der Hand nimmt und den Spieß umdreht, sind alle erstarrt, denn das darf man offenbar nicht, seinen Kindern Gewalt antun, sind sie ja, die Kinder einer Generation, die bei den ihren alles besser machen wollen und natürlich daran scheitern.

So streitet sich Sandra mit Jörn, dem Wortführer und Arzt in der Plenarsitzung darüber, ob sie im Gemeinschaftsgarten für ihre Kinder ein Baumhaus bauen darf, ohne die anderen darüber zu informieren und einzuladen mitzutun, während Hendrik sich vor den Pelenarsitzungen drückt und lieber ins Bett geht, wenn Sandra dann Sex von ihm will, ist er zu müde.

Sie kann auch nicht schlafen, denn ihre Gedanken kreisen, um sämtliche Freundinnen und die ihrer Mutter, um die Selbstmorde und Morde, die es in der Familie gegeben hat.

Sie sieht auch ihre Kinder schon tot vor sich, eine Kassandra eben und hat am nächsten Morgen Schwierigkeiten Bo in die Kita zu bringen, denn einmal fehlt eine Gesundmeldung und ohne die darf er nicht hinein, ein andermal will er nicht bei der Erzieherin bleiben, die ihn unfair behandelt.

Es kommt, wie es kommen muß. Zum Zusammenbruch der Mustermutter. Jörn  diagnostiziert den Nervenhzusammenbruch, akute Erschöpfung und Panikattacken.

Sandra wird ins Bett gebracht, bekommt ein Beruhigungsmittel, die das vorausgesehen habende Freundin wird von ihr ferngehalten. Sie soll dann auch auf eine schöne Mutterkur auf eine schöne Insel. Erholung, gutes Essen, nur Pferdefuhrwerke und hält auch das nicht aus. Läßt ihren Koffer im Pferdetaxi, bucht die geführte Wattwanderung und kommt vielleicht nicht mehr zurück.

So ist es manchmal, wenn eine alles besser machen muß, alles voraussieht und die Fehler der anderen nicht aus ihren Kopf bekommt.

Ein wenig erscheint mir der zweifach nominierte Roman, der 1961 in Ulm geborenen Anke Stelling, die am Leipziger Literaturinstiut studierte, auch konstruiert.

Erstens einmal wieder zuviel, alles Leid dieser Welt in ein Schicksal hineingepackt und dann glaube ich nicht wirklich, daß die Kinderladenkinder nicht “Nein!”, sagen können und sich von ihren Kindern auf den Kopf scheißen lassen.

Ich glaube eher, daß gerade die antiautoritär erzogenen Kinder sich abgrenzen können, aber der Leistungszwang und der Druck  funktionieren zu müssen, bei der urbanen Generationen, den jungen studiert habenden Frauen, wird wahrscheinlich sowohl in dem schönen Städtchen Baden, als auch in den Gemeinschaftswohnhäusern mit der schicken Gästewohnung am Prenzlauerberberg und wahrscheinlich auch anderswo sehr hoch sein und schade, wenn man das Lesen solcher Romane nicht aushält und sie entnervt wegschmeißt.

Aber vielleicht ist das auch Selbstschutz, denn das Leben ist ohnehin hart genug und der Druck zu funktionieren sehr groß!

Da muß man sich wahrscheinlich in seiner Freizeit nicht damit beschäftigen und kann besser etwas Leichteres und scheinbar Lustigeres lesen.