Arbeitsbericht

“Wie gehts mit dem neuen Projekt? Ist das erste Kapitel schon geschrieben?”, werden meine Leser vielleicht fragen.
Nein, habe ich nicht. Keine Zeile, obwohl ich schon einen Titel habe.
“Anna kämpft gegen das Vergessen!”
Dann ist mir noch ein “oder Titel” eingefallen, den ich aber wieder vergessen habe. Als ich am Mittwoch den euphorischen Neubeginn-Bericht geschrieben habe, mit der Anna anschließend essen war, beim “Wortschatz” drei ganz gute Bücher für mich und acht “Reader Digest” für die Oma gefunden habe, habe ich nach meiner drei Uhr Stunde, bis zu dem Zeitpunkt, wo ich ins “Jüdische Museum” ging, beginnen können und bin nervös geworden. Das ist so eine Altlast bei mir, ich setze mich vor das Blatt oder jetzt vor den Laptop und im Hirn rast die Gedankenkette ab “Du kannst es nicht! Das wird sicher wieder nichts! Nicht immer über alte Leute und über Bücher schreiben!”
Das hat mich schon bei einigen meiner Bücher an die Wand schreiben lassen, wo ich dann mit den halbherzigen Versuchen übergeblieben bin. Jetzt nachdem es das das siebenunddreißigste Buch und vierdreißigste Selbstgemachte wäre, gehe ich damit natürlich schon ein bißchen anders um. Sage mir “Hör mal, Eva, natürlich kannst du schreiben, da gibt es ja die lange Reihe mit den kleinen weißen und den zwei grünen Büchern in deinem Regal. Aber du hast auch deine Schwächen und das wäre wieder eine Chance darüber hinwegzukommen und irgendwo stehst du ja bei deinem Schreiben! Hole dich da ab, sei geduldiger, laß dir Zeit etc!”
So weit so gut und vollkommen richtig, die Krisen, die ich vor zwei Jahren hatte, zeigen aber, daß das Problem vielleicht ganz woanders liegt. Da schreibe ich und schreibe und keiner nimmt es wahr und niemand merkt es.
Was kann man dagegen machen? Eigentlich hätte ich da ja etwas ganz Tolles dagegen zu setzen, nämlich das Literaturgeflüster und meine Schreibberichte, das Problem ist da aber auch, daß mir auch da keiner mailt “Schick mir doch mal ein Rezensionsexemplar, ich schaue es mir gerne an!”
Nein, nichts, das große Schweigen ist die Reaktion, so als gäbe es meine zweiunddreißig selbstgemachten Bücher nicht. Und als ich zum dreißigsten das große Gewinnspiel machte, ist keine einzige Reaktion darauf gekommen.
Muß ja nicht, aber was kann ich anders machen? Natürlich einiges, ich könnte mir Zeit lassen, zum Beispiel und das habe ich ehrlich vor, bis zum, sagen wir einmal dreizehnten Oktober, wenn Stockholm natürlich wieder nicht anrufen wird, für den Rohentwurf, dann laße ich es mir lektorieren, streiche meine falschen “S”, Fälle, etc, heraus und schicke es unter einem Pseudonym, mit einem ordentlichen Expose versehen an die Verlagswelt.
Das hat mir Gerhard Jaschke einmal geraten, als er auf mich böse war, als ich ihn um seine Hilfe bezüglich des Literaturhauses gebeten habe.
“Mache ich natürlich nicht!”, habe ich damals gedacht.
Wahrscheinlich hat er recht, ich mache es aber wahrscheinlich trotzdem nicht und stelle das Ergebnis von Buch einunddreißig, zweiunddreißig, etc, wahrscheinlich auch nicht auf “Amazon”, weil ich mir denke, das wird sicher wieder nichts, obwohl ich das natürlich nicht wissen kann, wenn ich es nicht probiere.
Das ist schon klar. Aber alles was ich probierte, ist ja herrlich schiefgegangen und hat in einem Fettnäpfchen geendet, das Selbermachen beispielsweise, das ich an sich, 2000, als ich damit begann, für eine Superidee hielt. Dann sparte ich mir aber die ISBN-Nummer und keiner schaut es an, nimmt es wahr und Wikipedia hat mir die “Digis” hinausgestrichen, obwohl das Selbermachen ja inzwischen in und eine neue Möglichkeit ist. Wie komme ich also aus den Fettnäpfchen und zwischen den Stühlen, zwischen denen ich offenbar sitze, hervor?
Mir die Frage stellen “Hör mal, Eva, wo stehst du und da setzt du einfach an und machst weiter!”, ist wahrscheinlich der erste Punkt. Das Zeitlassen bis Oktober, wenn es geht, wenn es nicht geht, macht es natürlich auch nichts, aber ich habe noch nicht mit dem Schreiben angefangen, sondern mir zuerst einmal die Ideen notiert.
Da halte ich derzeit bei der Buchhändlerin, Anna fünfundsiebzig, die bei sich Alzheimer diagnostiziert und sich mit ihren Büchern therapieren will. Sie hat einen Sohn, Hans fünfzig, Bankbeamter, der seinen Zynismus und seine Hilflosigkeit hinter englischen Floskeln verbirgt “Da machen wir ein Outscoring!”, beispielsweise, eine Enkeltochter Johanna, fünfundzwanzig, die Literaturwissenschaft studiert hat und sich nach dem Tod der Oma als MAS-Trainerin ausbilden läßt. Sie stellt den Bericht über Anna auch auf ihre Seite als Blogroman. Und der pensionierte Verlagsleiter M.K findet ihn und nimmt darauf Bezug, das wären drei Ebenen, auf denen ich mich austoben könnte.
Da bei mir aber “nichts passiert”, beziehungsweise ich zu wenig abgehoben schreibe, habe ich gedacht, bevor ich beginne, sammle ich mal Plots, da kann ich mich ja durchaus an die Bücher, die ich lese anlehnen und schreibe ein paar Szenarien. A, B, C, Anfang, Mitte, Schluß, Spannungsbögen etc.
Dann natürlich, was ich schon früher machte, zu meinen Selbstgemachten gehen und das was davon über alte Leute und Bücher handelt, herausnehmen und durchlesen und dann zum Zeitungsstapel und da nach anderen Personen und Handlungsbögen suchen.
Da gibt es ja noch den falschen rumänischen Arzt, den alten Hausarzt und die Idee, daß Anna über ihre Bücher Geschichten ins Netz stellt. Anna ungelesene Bücherregale beispielsweise, damit müßte ich ja bis Oktober beschäftigt sein, denke ich jetzt, aber was weiß man schon genau?
Anni Bürkl verlost auf ihren Blog ein Gratiscoaching, wenn man auf seinen darüber einen Artikel schreibt und ihr ein Expose und das erste Kapitel schickt, aber das habe ich ja noch nicht und sie ist ja wegen dem getauschten Buch vor Jahren böse auf mich. Es wird also ohne gehen, weil ich ohnehin nicht ganh sicher bin, ob mir ein Coaching wirklich etwas bringt oder das ist, was ich brauche?
Ich müßte die Freude an meinen Figuren finden und nicht aus lauter Angst, daß ich das, was ich schon habe, schon wieder nicht gelungen ist, mich verkrampft an die Wand schreibe, sondern bis Oktober experimentieren. Dann kriegt es der Alfred und ich kann immer noch entscheiden, traue ich mich mal das bei “Amazon” einzustellen, aber die Leser können ja auch auf den Blog reagieren und nicht immer denken, das “Selbstgemachte interessiert uns nicht!”
Das ist schon ein Dilemma, weil ich ja wirklich nicht weiß, wieso es ausgerechnet bei mir nicht geht, so schlecht und so blöd bin ich ja sicher nicht! Warum sitze ich dann immer in den Fettnäpfchen und keinen interessierts, was ich über Alzheimer schreibe, obwohl das sicher ein interessantes Thema ist und ich, auch wenn ich nicht so abgehoben und auch ein bißchen fehlerhaft schreibe, das sicher kann, weil ich wahrscheinlich schon mehr, als die meisten anderen, die Erfolg haben, geschrieben habe.
Die Fehler kann man weglektorieren und wie es mir mit einem Plot und einer trashingen Handlung geht, werde ich herausfinden. Zu Trashing braucht sie ja nicht sein, sondern mich frei und nicht gegen die Wand schreiben und dann versuchen, vielleicht doch einmal bemerkt zu werden.
Ich habe es wieder vor. Ein paar Seiten schon in meinem Notizbuch notiert, als nächstes kommen die Bücher und das Plotschreiben und das Szenenschreiben in der Schreibgruppe, hat mir bei der “Brüderschaft” ja auch geholfen.
Ein bißchen Feedback wär natürlich gut, aber was macht man wenn es nicht kommt? Weiter schreiben und die Berichte in den Blog stellen. Vielleicht wirds auch ein Blogroman und vielleicht bekomme ich auch noch einen anderen Handlungsbogen, wenn ich mich dann demnächst an die Materialrecherche mache. Und das kann ich bis Oktober ja überall tun, demnächst in Leipzig, dann gleich in Ungarn, wo wir wieder paar Tage hinfahren werden und dann natürlich im Sommer bei den selbstgemachten Schreibklausuren, in die ich mich ja wieder begeben kann.

Rauschen im Kopf

Jetzt gibt es die Besprechung von “Rauschen im Kopf”, dem Roman des 1948 in Maribor geborenen slowenischen Schriftstellers, Drago Jancar, der 1998 als bester slowenischer Roman ausgezeichnet wurde, bei Zsolnay erschienen ist, von der städtische Bücherei ausgeschieden im Schrank landete, wo ich ihn gefunden habe.
Drago Jancar ist mir wahrscheinlich schon wegen der Ähnlichkeit des Namens, obwohl meiner, beziehungsweise meine Großmutter ja aus der Tschechei stammt, ein Begriff.
Von “Katharina und der Pfau” habe ich eine Leseprobe. In der”Alten Schmiede” beziehungsweise bei “Jugoslawia Revisited” habe ich ihn gehört.
Der Roman beginnt ganz altmodisch mit einem Erzähler, der im Sommer 1975 in einer uralten k.u.k Strafanstalt der Stadt M., von dem Insassen Keber, der als Weltmann und Soldat, der die Welt bereiste, und vielerlei gesehen und in viele Kämpfe verwickelt war, geschildert wird, die Geschichte des Gefängnisaufstandes der Livada geschildert bekommt, die er mit dem jüdischen Aufstand und der Belagerung Masadas vermengt.
Ganz idyllisch wird das geschildert. Von der Hotelterrasse nebenan klingen Musikklänge und der große Keber hat nur zwei Macken, er kann keine obszönen Gesten, kein “Leck mich am Arsch”, sehen und hält das Scharren von Metalllöffeln nicht aus, hat er doch ständig ein “Rauschen im Kopf”, so der Name der Geschichte und damit hat es in der Livada auch angefangen.
Denn da wurde ein Basketballspiel, Jugoslawien gegen Amerika übertragen, das die Häftlinge gerne sehen wollte. So handelte Keber mit dem “Alten”, das ist der Direktor und ein bedächtiger Mann, aus, daß nur drei Wachen dabei sein sollten, damit es auch gemütlich ist. Wärter Albert spielte nun mit seiner Waffe, provozierte damit Keber und als er noch den Fernseher abdrehen wollte, drehte der durch und schmiß den Fernseher aus dem Fenster und so kam es zu dem Aufstand.
Wärter wurden als Gefangene genommen und Keber und sein Kumpan Johann mit dem Goldzahn marschierten in die Zelle des Buchhalters Alois Mraks, einen belesenen Mann, der den Gefangenen die Gesuche schreibt und machten ihn zum Sprachrohr und damit entglitten die Ereignisse, mit denen Dragor Jancar wohl zeigen wollte, daß Revolten meistens oder auch immer in Terror und Unterdrückung ausarten.
Vergleiche mit der russischen Revolution und der “Animal Farm” werden in den Rezensionen angestimmt und Dragor Jancar erzählt den Verlauf der gescheiterten Revolution sehr langsam und bedächtig in über zweihundersechzig Seiten mit vielen Rückblicken und den alltäglichen Grausamkeiten eines Gefängnisalltages, die sehr bald entgleitet.
Frauen aus Kebers Leben, die Huren Katharaina und Mascha in Odessa und die Kellnerin Leonica in Ljubljana, von der sich Keber nicht ganz sicher ist, ob nicht Johann etwas mit ihr hatten, kommen in Kebers Gedanken vor und auch der jüdische Aufstand wird als Methapher immer wieder daneben gesetzt.
In der Levada werden aber zuerst Forderungen aufgestellt, nach besseren Essen, besseren Haftbedingungen, besserer Hygiene, wogegen wahrscheinlich nichts zu sagen ist, Keber fordert aber auch die Wiederholung des Basketballspiels, worauf der Minister mit dem Alois Mrak verhandelt, zu lachen beginnt.
Eine schöne Journalistin wird eingeschleust und Keber darf sich mit ihr unterhalten und als der Gefängnispsychologe, die Haftbedingungen der Wärter inspizieren soll, läßt man ihn nicht mehr hinaus. Alois Mrak reißt indessen bald die Macht mit sich, ein Denunizant macht sich zum Polizeiinspektor, die anderen Häftlinge werden gequält, mißhandelt, gefoltert in der Friseurstube, in der ein Richtermörder das Kommando hat.
Auch Keber wird bald die Macht entrissen, man muß sich anmelden, wenn man zum Direktor will, der philosophiert in der Nacht mit dem Gefängnispsychologen, bringt ihm das Saufen bei und verkauft die Wächter nach und nach gegen Essen, das nicht gerecht verteilt wird.
So kommt es wie es kommen muß, Mrak gibt die Erlaubnis, daß der Innenminister mit dem Hubschauber landen darf, drinnen war aber ein Sonderkommando und Mrak wird ganz genau, wie in der franhzösischen Revolution von ihr aufgefressen.
Revolutionen lohnen sich nie und Aufstände geraten schnell in eine Diktatur, ist wahrschein das, was Drago Jancar, der selbst einige Jahre wegen “feindlicher Proaganda” inhaftiert war, sagen will.
Ein interessanter Roman schon wegen seiner Schreibweise und der bedächtigen Art in der mit vielen Wiederholungen, das erzählt wird, was eigentlich schon auf den ersten Seiten klar ist.
Am Schluß geht es wieder an den Anfang, das heißt in das k.u.k Gefängnis der Stadt M. zurück, wo Keber erzählt und die Band auf der gGegenüberliegenden Hotelterrasse ihr “Besa me mucho” “Küß mich wild” spielt.