Morgen jährt sich der Tag zum achtzigsten Mal, an dem die Heimwehr auf die Arbeiter in den sozialistischen Gemeindebauten geschossen haben, ein historischer Tag, dem, wie Erich Hackl meinte, in Österreich zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird und sich gleich Lügen strafte, denn der Augarten-Radius war, um halb acht, als ich ihn erreichte, gesteckt voll.
Hinten standen die Menschenmassen Julia Danielczyck habe ich wieder gesehen, Ottwald John hat mir ein Flugblatt entgegengestreckt, Gerald Grassl mich angelächelt und Tina Leisch mich ermuntert mich nach vorn zu drängen, so daß ich den freien Sessel, dicht bei der Bühne für mich besetzen konnte.
Ein historischer Tag und für mich sehr vertraut, denn ich bin ja in einem sozialistischen Haushalt in einem sozialistischen Gemeindebau aufgewachsen und weiß zwar nicht genau, was mein Vater damals am 12. Februar machte, aber wahrscheinlich hat er sich nicht unweit des Ottakringer Volksheimes aufgehalten.
In den Achtzigerjahren bin ich einmal ins Bellariakino gegangen, wo sie die alten Filme zeigten und vielleicht noch immer zeigen, im Februar vielleicht, denn sie zeigten eine alte Wochenschau, wo die Heimwehr die Panzer gegen die Arbeiter auffahren ließ und eine Reporterstimme kommentierte in einem ganz anderen Sinn, als ich in meiner sozialistischen Prägung erwartete und vor dreißig Jahren, als man den fünfzigsten Jahrestag erlebte, bin ich gerade in Mutterschutz gegangen und mit dem Alfred an einem Samstag, vielleicht war das der 12. Februar, irgendwohin zu einer großen Veranstaltung, vielleicht war es die Meidlinger Remise, wo eine entsprechende Ausstellung “Die Kälte des Februars” stattgefunden hat und habe dort, kann ich mich erinnern, Erika Danneberg getroffen uns sie nach dem Arbeitskreis schreibender Frauen gefragt, den es damals nicht mehr gegeben hat.
An eine Februarveranstaltung im Amtshaus Margareten mit dem Arbeitermandolinenchor vor einigen Jahren kann ich mich auch noch erinnern.
Sonst stimmt es, daß es nicht jeden 12. Februar eine Veranstaltung gegeben hat, zu der ich hingegangen bin und dann prägt diesen Tag ja noch ein anderes Ereignis.
Aber ich interessiere mich sehr für dieses Thema, habe viel darüber gelesen, vor einigen Jahren, das Memoir müßte man ja heute sagen, der Paula Wallisch “Ein Held stirbt” aus dem Bücherschrank meines Vaters, denn der hatte so frisch nach dem Krieg geschriebene Literatur und Gustav K. Bieneks “Die Rabengasse” habe ich vor einem Jahr gelesen und da spaziert ja ein kleines Mädchen aus dem berühmten Gemeindebau stolz erfüllt zu den etwas früher stattgefundenen Kämpfen und kommt darin um und wenn ich ehrlich bin, habe ich meine Februar-Prägung durch Heimito von Doderers “Dämonen” in den Siebzigerjahren bekommen, aber da ging es um die Ereignisse in Schattendorf und damals habe ich studiert und in der Otto Bauergasse gewohnt und da hat mir die Elfi ein Wespennest mit einem Auszug von Jura Sojfers “So starb eine Partei” gebracht. Wer war das doch gleich? Damals total unbekannt!
So weit so gut, zum achtzigsten Jahrestag gibt es eine Reihe entsprechender Veranstaltungen, auf die mich Konstantin Kaiser aufmerksam machte und da bin ich erst daraufgekommen, daß Erich Hackl und Evelyn Polt Heinzl eine Anthologie mit den damals entstandenen Texten herausgebracht haben.
“Im Kältefieber” heißt sie und im Augarten-Radius gibt es eine Reihe von Februarveranstaltungen, darunter eine Ausstellung über oder von Kurt Neumann 1902-1984, der auch ein Buch darüber herausgebracht hat.
Als ich mich nach vorne in den Saal gekämpft hatte, hielt Konstantin Kaiser auch gleich die Eröffnungsrede und freute sich über den großen Zulauf und heute morgen, gab es in den Nachrichten schon einen Bericht darüber, wo erwähnt wurde, daß die damals Großen, wie Karl Kraus, Elias Canetti und Joseph Roth über diese Ereignisse nicht berichtet haben.
Auch Stefan Zweig nicht, wie Erich Hackl gleich in seiner Einleitung erwähnte und dann durch das Buch führte, das in einige Teile aufgegliedert ist.
Die ersten Berichte über den Februar 1934 gab es in der DDR und im Wiener Globusverlag sind auch einige Bücher unter Ausschluß der Öffentlichkeit erschienen, darunter vielleicht auch das der Paula Wallisch, deren Mann nach den Kämpfen ja hingerichtet wurde und eine Veronika Knecht hat in der UDSSR auch darüber geschrieben.
Erich Hackl hat die Idee zu dem Buch gehabt und sich an Evelyne Polt-Heinzl gewannt, die ja sehr intensiv über die Zwischenkriegsjahre und auch über anderes forscht und so haben sie sich durch die diesbezügliche Literatur gegraben und die Romane ausgelassen, wo die bürgerlichen Generäle auf die Straße gehen, den Schutzbündlern gut zureden und dabei ihr Leben lassen, aber sehr viel Unbekanntes entdeckt und ihren Fokus auch darauf gelegt.
Die Literatur über den Februarkampf ist meist unlektoriert in den kleinen oder kommunistischen Verlagen erschienen und einige Neudentdeckungen gibt es in den Buch auch und dann wieder bekanntes, wie Anna Seghers “Der Weg durch den Februar”.
Von Franz Kain, dem Vater der Eugenie gibt es drei Geschichten, denn außer in Wien haben die Kämpfe auch in Linz und in der Steiermark stattgefunden.
In Linz hat es sogar begonnen und von Franz Kain, habe ich, glaube ich, ein altes DDR-Bändchen mit Geschichten, vielleicht sind die auch darin, nur finde ich es gerade nicht.
Das Seghers-Buch habe ich einmal gelesen. Von Ilia Ehrenburg gibt es einen Text und einen wo eine junge ungarische Kommunistin von Budapest nach Wien kommt, um an einem Tanzkurs teilzunehmen, es verschlägt sie in den Karl Marx Hof, wo sie die Kämpfe miterlebt und eine großbürgerliche Engländerin hat Geld gesammelt, ist damit noch im Februar nach Wien gereist um es auszuteilen und hat in der Presse darüber berichtet. Hans Raimund hat, wenn ich mich nicht irre, diesen Text, wegen der Großbürgerlichkeit der Autorin kritisiert und drei noch lebende Autoren gibt es auch in dem Buch.
Einer davon ist der über neunzigjährige Alfred Hirschenerger, der den Kampf als Jugendlicher miterlebte. Ihn habe ich vor ein paar Jahren bei einem Abendessen der Ruth Aspöck kennengelernt, dann bei einer Lesung im Palais Studelhof, als das noch der Gewerkschaft gehörte, gehört, bei der Kritlit hat er auch gelesen. Jetzt war er als einer der letzten Zeitzeugen in Ö1 und auch im “Standard, dann hat Melitta Breznik ein Buch darüber geschrieben und von Erich Hackl gibt es auch einen Text.
Interessant durch das Inhaltsverzeichnis geleitet zu werden. Gerald Grassl fragte nach der Literatur der Gegenseite und da erwähnte Evelyne Polt Heinzl daß von Richard Schaukal im “Atelierverlag” ein Buch neu aufgelegt wurde und der hat ein Gedicht auf die gefalllenen Soldaten des 12. Februars geschrieben.
Als ich mir das buch ansehen wollte, waren die dreißig Exemplare ausverkauft, ich habe einige Bekannte im Publikum gesehen und einige andere Feburarveranstaltungen gibt es auch noch, von denen ich mir die im Republikanischen Klub angestrichen habe. Mal sehen ob ich es schaffe hinzukommen.
Day: 11. February 2014
Fuselfieber
David Sedaris kenne ich von der Zeit, als “Nacked” auf den Bestsellerlisten stand und der damilige “Libro” diese Bestselleraktion hatte. Damals habe ich das Buch nicht bekommen, inzwischen steht es auf meiner Leseliste.
“Holidays auf Eis” habe ich einmal in der Adventzeit gelesen und die Evi, eine Bloggerin, die, glaube ich, nicht mehr bloggt, hat vor zwei Jahren ein paar Bücher verschenkt, so sind “Ich ein Tag sprechen hübsch” und “Fuselfieber” zu mir gefkommen, denn ich greife ja bevorzugt nach Autoren, deren Namen ich von irgendwo her kenne, obwohl lustige Kolumnen höchstwahrscheinlich nicht so mein Stil sind.
Das hier sind, wie in der Beschreibung steht, autobiographische Geschichten, jedenfalls beginnen sie mit "Ich" und es geht um die Arbeitswelt, zumindest nehmen sie von dort ihren Ausgang und in der ersten putzt der Erzähler gleich einmal eine Jalousine bei einem Filmproduzenten, denkt daran, aus welchen faulen Elternhaus er kommt und sich die Dankesreden für die Oscars aus, die er mal bekommen wird.
Da war einmal ein fauler Bursche, der mit dem Bus nach Hollywood oder sonstwohin gefahren ist, dann den Produzenten anruft und ihm erzählt, daß er einen Film über sein Leben machen will. Der fragt ihm aus, vier Jahre in einer Cafeteria Tellerwäscher, dann ins Essen gespuckt und sich anschließend die nächsten zwanzig Jahre ins Zimmer eingesperrt, die Eltern schimpfen lassen und nur am Abend den Eisschrank geplündert und ein bißchen Geld geklaut, der Produzent ist begeistert und es wurde ein großer Erfolg.
Wenn das nur so einfach wäre, lustig ist das vielleicht. Aber das mag ich ja nicht so sehr.
Dann gibt es noch das “Tagebuch eines Rauchers”, denn das wird denen ja inzwischen sehr erschwert und einen "Michelin-Mann" gibt es auch. Das ist einer der nicht Auto fahren kann, aber sehr religiös ist, so schickt ihn der Pastor in eine Tankstelle, dort hat er zwar zwei linke Hände, aber als "Michelin-Männchen" ist er bestens geeignet.
Dann wird die Stimme weiblich und entpuppt sich als Quotenqueen, die in Talkshows von ihren Liebhabern a la Charlton Hestoon und Mike Tyson quasselt, während in “Mein Manuskript” ein Puberierender über die Qualen in seinem Elternhaus, die böse Haushälterin, die das Sperma und das Blut in den Unterhosen entdeckt, den verständnislosen Vater, der nicht das schenkt, was man sich wünscht, wie beispielsweise eine Schreibmaschine und der sein Manuskript dann auch noch hinterm Schuppen vergraben muß, erzählt und in der “Dichterlesung” kommt der Schwarm der Studentin auf den Campus, aber sie, die alle seine Bücher gelesen hat, geht nicht zu seiner Lesung, nein, sie forscht sein Hotelzimmer aus, betrinkt sich und als sie dann noch wegen eines Regens in einer Bushaltestelle warten muß, erreicht sie zwar das Zimmer und wird nach mehrmaligen Klopfen hereingelassen, der, der aber öffnet ist ein ganz anderer Mann.
Ob das wohl die Phantasien oder die Erfahrungen sind, die David Sedaris von seinen Dichterlesungen kennt? Dann wäre es doch autobiographisch. Der Dichter, den er da aber beschreibt, ist ein ziemlich unsympathischer Typ.
Dann geht es vielleicht gegen das amerikanische Gesundheitswesen, da das “Ich”, um Geld zu sparen, der Tochter selbst die Wunden vernäht und “Nehmen Sie ungewachste Zahnseide dazu!”, rät. Als es aber, um das Vergipsen geht, müßen anschließend die Beine des Töchterleins amputiert werden und die Mutter hat lange die Arztrechnung abzuzahlen.
In “Wir kommen zurecht” räumen Mutter und Sohn die leerstehende Kellerwohnung auf und kommen dabei auf die Geheimnisse des Untermieters. Der Vater hat als er gestorben ist ein Notizbuch mit Aufzeichnungen über seine Freundinnen hinterlassen, da hat die Mutter fast das Auto zerstört und forscht seither ihren Identitäten nach. Der Sohn weiß, wer die kühle Blonde “M S” ist, Mutters Schwester Margery und die kommt dann noch auf Besuch und er muß ein Bier für sie aus der Wohnung oben holen. Dann gehts zu “Glens Homophobie-Infobrief”, wo sich Sedaris über die “Schwulen-Diskiminierung” lustig macht, bevor es wieder zu dem Alltagsleben einer typisch amerikanischen Familie oder wie soll ich es sonst verstehen, geht.
Da wird einer vom Vater aus dem Haus geschmissen und zieht in die Garage seiner Schwester, um auf das Auto aufzupassen, das Baby zu hüten und als sich der Schwager einen Killerhund anschafft, klaut er dessen Geld und zieht mit dem Baby in die Wälder davon.
Dann kommen zwei Weihnachtsgeschichten, die ich schon in “Holidays on ice” gelesen habe. So kann man auch Bücher machen und in “Mein Vermächtnis” bekommt die Trauergemeinde vom Verstorbenen Briefbeschwerer geschenkt, während der Trinker Dolph im Nachlaß seiner Mutter, die an Krebs verstorben ist, in einer verlesenen “Mein Kampf-Ausgabe”, ihre Neujahrsvorsätze der letzen Jahre hat und Schwierigkeiten mit seinem Freund hat, der sich bei den Anonymen Alkoholikern zum Nichttrinker umwandeln will.
“Schräger Humor, Größenwahn und Menschenliebe”, lese ich noch in der Beschreibung und die Übersetzung hat wieder, wie am Cover steht Harry Rowohlt gemacht.