Die Stille in Prag

Weiter geht es mit dem Backlistlesen, nämlich mit Jaroslav Rudis “Die Stille in Prag”, 2007, geschrieben, gekauft vor einigen Jahren bei einem dieser Literaturhausflohmärkte.

Es ist ein Sommerbuch könnte man anmerken, denn es spielt in diesem oder am Ende, lautet doch der letzte Satz “Der Sommer ist vorbei” und es ist auch eines in dem man Prag kennenlernen könnte, leben die handeldnden Protagonisten doch dort und ziehen mehr oder weniger erfolgreich in der Stadt herum.

Da ist einmal Petr, er hat sein Studium abgebrochen und arbeitet jetzt als Straßenbahnfahrer. Dazu nimmt er, was eigentlich streng verboten ist, seine Hündin Malmö mit, er ist auch sonst ziemlich unangepasst.

So beginnt das Buch, daß er mit Vanda die Nacht verbrachte, die ist knapp achtzehn, einePunkerin oder Sängerin der Band “Kill the Barbie”, da soll sie am Abend als Vorprogramm auftreten. Einer der Bandmitglieder hat sie betrogen, so ist sie auf einer Bank vor einer Straßenbahnhaltestelle gesessen und Petr hat sie mitgenommen.

Sie hat auch Schwierigkeiten mit ihren Eltern, der Vater hat die Mutter betrogen und ist eigentlich ein Arschloch, seither lebt sie von Wein und Alkohol und der Vater gibt Vanda nicht das von ihr gewünschte Geld für einen Computer. Da soll sie erst ihr Abi machen, aber sie ist ja schon lange ausgestiegen.

Wayne heißt Wayne nach dem berühmten Schauspieler, weil sein Vater einen Cowboyhelden als Sohn haben wollte, er ist Amerikaner aus dem berühmten Delaware, lebt aber jetzt als erfolgreicher Anwalt in Prag und hat die “Kleine” als Freundin.

Die heißt eigentlich Hana, hat Kulturwissenschaften studiert, in Berlin, Genf und sonstwo gelebt und befindet sich gerade auf einen Rückflug von Lissabon, wo sie auf einem Kongreß war. Dort hat sie mit einem Thomas gevögelt, den sie zwar nicht mehr wiedersehen wird, trotzdem aber Wayne  verlassen möchte und der hat auch Probleme, beziehungsweise Panikanfälle, hat er doch im Fernsehen einen Soldaten auf einer Bahre gesehen und denkt, daß es sein Bruder Mike sein könnte, der ja gerade im Irak stationiert ist.

Dann gibt es noch Vladimir, einen ehemaligen Musiker, der seine Frau verloren hat und deshalb am Durchdrehen ist, er haßt den Lärm, die vier anderen sind ja eher laut, so hat er eine Lärmzerstörungsmaschine gebaut, weshalb ihn seine Kinder in die Klapse bringen wollen. Er läuft auch mit Scheren in den Straßenbahnen herum und zerschneidet Passanten, wie beispielsweise Hana, das Kabel ihres Walkmans.

Dann will er sich nur heimdrehen, kauft eine Flasche Wodka, zermörsert sämtliche Tabletten, die er zu Hause hat und trinkt das Gemisch dann trotzdem nicht, stattdessen besucht er das Konzert auf dem sich sämtliche Protagonisten und auch der Hund Malmö, obwohl er das eigentlich nicht darf, befinden, dreht den Strom ab, um die gewünschte Stille zu erzeugen, eine Schlägerei beginnt. Vanda kommt in ein Krankenhaus, Wayne wird auf die  Polizei gebracht. Vladimir ist umgefallen und Petr geht mit Hana nach Hause, beschließt aber Vanda am nächsten Tag im Kankenhaus zu besuchen.

Ein spannender Roman über den man sicher geteilter Meinung sein kann, manchen wird er nicht genug literarisch sein, es ist aber wieder das, was mir auch zu schreiben vorschwebt und was ich auch schon seit einigen Jahrzehnten tue.

Jaroslav Rudis wurde 1972 geboren, ich habe ihn, glaube ich, beim ersten “Literatur und Wein” in Krems kennengelernt, heuer hat er wieder dort gelesen, war auch mit seinem “Winterbergs letzte Reise”, das ich erst lesen muß, in Leipzig prominent und “Grand Hotel” habe ich im letzten Jahr gelesen, weil “Wagenbach” da eine Hotel-Serie herausgebracht hat.

Fliegengewicht

Weiter gehts mit einem richtigen Backlist-Buch, nämlich den 2010 erschienen Debutroman von Anna-Elisabeth Mayer, der bei mir natürlich auch seine Rezeptionsgeschichte hat.

Gehört habe ich von dem Werk, der 1977 in Salzburg gbeborenen Autorin, glaube ich, das erste Mal im Radio, bei den “Neuerscheinungen aus Österreich”, daß es sich bei der in Leipzig studierenden Anna Elisabeth Mayer, um einen ungewöhnlichen Arztroman handeln würde und habe mich noch über das Sujet gewundert.

Dann bin ich am Vorabend des zweiten “Alphas” in die SVA gegangen, weil die da einen Abend für ihre Autoren hatten und habe mich mit Andreas Renoldner über die Autorin, die ja dort für den Preis nominiert war unterhalten.

Am nächsten Tag war die KritLit, der Alfi war zu Hause und hat alles für das Geburtstagsfest vorbereitet, daß ich extra wegen dem “Alpha”, obwohl die sich auf mein Mail nicht gemeldet hatten und ich auch nicht genau wußte, wann die beginnen würde, verschoben hatte.

Ich kam dann sehr spät in das Studio am Rennweg, wollte nach dem Schutting hinein, wurde das aber nicht gelassen, bin nach Hause gefahren und habe mich geärgert und dann auf der Website erfahren, Anna-Elisabeth Myaer hat den Preis gewonnen.

“Wir laden Sie das nöchste Jahr ein!”, hat der nicht sehr freundliche Herr zu mir gesagt und sein Versprechen natürlich nicht gehalten. Da habe ich aber den “Chef” auf der “Buch Wien” angesprochen und ihm die “Buch-Kultur” gezeigt, wo die Veranstaltung wieder angekündigt wurde, ohne, daß dazugeschrieben war, daß man ohne Einladung hinausgeschnissen wird.

Herr Leitgeb hat sich dann zu mir gesetzt, gesagt, daß er sich der Sache annehmen wird, ich aber nicht böse sein solle, wenn….

Angenommen hat sich dann aber erst “Atalante” und ab dann hat es geklappt und 2015 hat Anna-Elisabeth Mayer den “Priessnitz-Preis” bekommen. Da ist mir ein Herr im Literaturhaus aufgefallen, der dort sehr auffällig “Hof gehalten” hat. Der Verleger habe ich gedacht, es war aber der Vater, den habe ich dann angesprochen, ihm mein Karterl gegeben und er hatte meinen Blog gelesen, wo ich ja bei den Bücher von Anna- Elisabeth Mayer und Miliena Michiko Flasar, der Gewinnerin von 2012 immer dazu geschrieben habe, daß ich das Buch leider nicht bekommen und auf meinen “Alpha-Artikel” verlinkt habe, weil man sich bei den Preisverleihungen, die entsprechenden Bücher immer mitnehmen konnte.

Er hat es mir dann aus Lichtenstein, wo er, glaube ich, eine Rechtsanwaltspraxis hat oder hatte, geschickt, wofür ihm nochmals sehr herzlich danke und das Buch dann angesichts meiner übervollen Leseliste liegenlassen, jetzt aber in der Sommerpause oder Sommerloch bevor die Neuerscheinungen des Herbstes kommen, hervorgeholt und ich muß sagen, es war eine Überraschung, nämlich ein Buch, wie ich es eigentlich schreiben möchte. Vielleicht lernt man das in Leipzig mit dem Klischee eines Arztromanes umzugehen und trotzdem keinen Trivialroman daraus zu machen.

Eine junge Frau komm auf eine Herzstation, wo außer ihr im Zimmer noch drei alte Frauen, Frau Ferdinand, Frau Ott und Frau Blaser liegen, die sich über das “Küken”, das sie nun bekommen haben, freuen. Der Stationsarzt heißt Dr. Winter, alle sind in ihm verliebt und träumen von ihm und die drei Frauen schlagen der Ich-Erzählerin eine Wette vor, daß sie ihn verführen soll oder so.

Sie steigt schließlich darauf ein, besucht ihm fortan immer, um drei im Ärztezimmer, um sich von ihm abhören zu lassen. Es gibt aber Schwierigkeiten, die eifersüchtige Stationsschwester mit Schmollmund namen Beatrice und natürlich auch die Frau Dr. Winter, die ein paar Staionen weiter auf der Urologie arbeitet.

Dazwischen laufen die Visiten ab, Medikamenten werden verabreicht und die Patientinnen werden besucht. Da kommt der Herr Abu ein afrikanitscher Ex-Flüchtling aus dem Herrenzimmer und verteilt Pistazien an die Damen, Frau Blaser wird von ihrem Sohn Reini besucht und Frau Ferdinand, die eigentlich nur sterben will, von ihrem Sohn Georg.

Die stets geschminkte Frau Ott, die Sophia Lorens Memoiren liest, ist die aktivste in der Runde. Sie erzählt von ihren Männern und gibt gute Ratschläge. Frau Blaser hat ein Hörgereät, daß einstmal einem russischen Minister gehörte und ihr Sohn Reini ist ihr Sorgenkind, denn er ist arbeitslos, lebt noch bei ihr und ist ein Spezialist für Vogelstimmen. Sie will ihn  auch gern an das Küken verkuppeln und dann gibt es noch ihre Tochter Ursl, die in Amerika ihren Xuan, drei Söhne von ihm hat und mit ihm einen vieatnamesischen Imbiß führt.

Sie kommt zum Muttertag auf Besuch und will Reini nach Amerika holen, was der Mutter so zusetzt, daß sie, was in einem Krankenhaus eben vorkommt, wie Schwester Beatrice belehrt, verstirbt. Der Herr Abo tut das aus, aber die Erzählerin wird entlassen und denkt bedauernd auf ihren Krankenhausaufenthalt zurück und überlegt, ob sich dort schon ein neues Fliegengewicht befindet.

Ein tolles und sehr gut geschriebenes Buch, so eines, wie ich, ich habe es schon erwähnt, auch gern schreiben würde können.

Anna Elisabeth Mayer hat inzwischen, glaube ich, zwei weitere eher ungewöhnliche Bücher geschrieben, die “Hunde von Montpellier” ist das zweite, “Am Himmel” heißt das dritte und das habe ich, höre und staune, vor ein paar Wochen im Schrank gefunden. Jetzt muß ich es nur noch lesen.

Im Inneren des Klaviers

Jetzt geht es noch weiter mit dem Backlistlesen, obwohl Mario Wurmitzers “Im Inneren des Klaviers” erst vor einem Jahr erschienen ist. Da stand das Debut des 1992 in Mistelbach geborenen auf der Longlist des Bloggerdebuts, obwohl er schon ein Jugendbuch geschrieben hat, ich war bei einer Lesung in der “Gesellschaft”, der Co-Leser war Lukas Meschik, den ich erst vor einer Woche beim Bachmannlesen hörte und das Buch habe ich auch ziemlich genau vor einem Jahr im “Seedosenschrank” gefunden. Noch eine Besonderheit gibt es, da ich es ja gleich in mein damaligen “Work on Progress” eingebaut habe, das heißt Magdalena Kirchberg zu einer Lesung daraus ins Literaurhaus gehen habe lassen.

Das Buch ist eine Mischung zwischen Märchen und surrealen Elementen, steht in der Beschreibung, ich füge hinzu, es ist eigentlich ein Fantasyroman, könnte daher auch in den entsprechenden Verlagen erscheinen und daher wahrscheinlich auch ein anderes Publkum, als das, das zu den “Luftschacht-Bücher” greift, haben.

Die Handlung ist einfach. Da gibt es einen Ich-Erzähler, der mit einem “du” spricht und die beiden haben sich in einem Wald gefunden und wollen das korrupte Königreich, in dem sie bisher lebten, verlassen. Die namenlose Frau, da heißt sie nennt sich,  sowohl Nelly Nightingale als auch Petra Blocksberg und noch ein anderer Name kommt vor, das ist interessant weil wir da bei den sprechenden Namen wären, ist, stellt sich bald heraus, die Tochter des Tyrannenkönigs, zuerst weiß das aber der Erzähler nicht.

Sie nächtigen bei einem Paar namens Lucy und Simon, das ist interessant, daß es im “Flugschnee” ein gleichnamiges Geschwisterpaar gibt. Aber das ist Zufall, daß ich die beiden Bücher so nacheinander gelesen habe.

Dann ist  noch interessant, daß Lucy sich für denKönig die Finger wund, um Gold zu erzeugen, spinnen muß.

Es gibt aber auch in Computer in der Welt, in der die Beiden leben und Comics, aber auch Kutschen und in einer solchen finden sie einen Stapel Lucky Luke-Hefte.

Da sind sie schon auf der Flucht über die Grenze in die Freiheit und in eine Stadt namens Port Robinson. Dort ist aber nicht soviel mit der Freiheit, denn die Königstochter wird gleich verhaftet und der Erzähler gerät in einen revolutionären Club und kommt da mit einem Max zusammen, der sich für Nellys Freilassung einsetzt. Sie flüchten  weiter in eine Hütte, werden wieder verhaftet und amSchluß kommen sie ins Königsreich zurück, da springt der Tyrannenkönig aber aus dem Fenster, Max wird sein Nachfolger und die Beiden bekommen eine Villa in der ein Klavier steht, in dessen Inneren sei für die gespoilert, die sich schon fragen, warum das Buch so heißt, sich die Beiden sich dann mit einer Kerze und einem Apfel verziehen.

Interessant, schließe ich meine Besprechung, interessant, daß “Luftschacht” eine solche märchenhafte Mischung bringt, als Fantasyroman hätte es vielleicht größer hinauskommen können, dann hätte man aber die Gedichte weglassen müssen, die Petrus, der Gedichteaufhänger an die Wände von Port Robinson anbringt und die Anspielungen auf den “Club der toten Dichter”, denn Mario Wurmitzer hat ja Geschichte und Germanistik studiert und schreibt vielleicht auch Gedichte.

Ein interessantes Debut allethalben, auf die Shortlist des Bloggerpreises ist es nicht gekommen und auch nicht auf die des östBp, so bin ich gespannt was ich noch von dem jungen Mann hören werde, ob er vielleicht in den nächsten Jahren in Klagenfurt lesen wird und was ich noch so im “Seedosen- und in den anderen Bücherschränken” finden werde.

Flugschnee

Jetzt kommt das letzte Buch der 2017 dBp-Leseliste, womit ich, wie auch 2015m alle deutschen Buchpreisbücher gelesen habe, 2016 fehlt mir, glaube ich, ein und zwei vom Vorjahr, obwohl mir eines davon noch versprochen wurde, wie es 2019 wird, wird man sehen, ob ich da ein fünftes Buchpreisbloggen mache und wenn wieviele Bücher es werden?

Dieses Buch zwanzig der deutschen 2017 Liste habe ich nicht vom Verlag sondern vom lieben Otto bekommen, als wir ihn zu unseren Jahresanfangsfest, um die große von der Angela und vom Josef bekommene Weinflasche zu leeren, eingeladen haben.

Ein Longlistenbuch, der 1962 in Schwanenstadt geborenen und in München lebenden Birgit Müller-Wieland, deren Namen, ich wahrscheinlich von der GAV kenne und die in großen Verlagen einige Bücher hat.

Bei “Otto Müller” ist das Buch erschienen und es besticht, dem würde ich mich anschließen, durch eine schöne Sprache, die Schnee- und Steinmetaphern und behandelt eine Familiengeschichte, deren Geheimnisse wieder Mal das gesamte Jahrhundert umfassen und in der es nichts gibt, was in ihr nicht vorkommt.

In zwei Strängen wird erzählt. Die Ich-Erzählerin Lucy, die nach dem Verzehr von Drogenpilzen, fast einen Haussturz hinter sich und ein Schädeltrauma abbekommen hat, die mit ihrem verschwundenen Bruder Simon spricht. Im Dezember passiert das in Berlin, wo sie mit Lisa und Samir in einer WG wohnt und dabei an das denkt, was zwanzig Jahre vorher in Hamburg zu Weihnachten in dem Haus der Großeltern passierte, das sie mit ihren Eltern und dem Bruder immer besuchte.

Der zweite Strang passiert dann in dieser Zeit in Hamburg und da wird abwechselnd von Arnold und Vera, das sind die Eltern und  Helene und Lorenz das sind die Großeltern erzählt.

Eine Urgroßmutter namens Johanna gibt es auch, aber die hat den Krieg nicht überlebt, ist sie doch statt in den Luftschutzkeller wieder nach oben gelaufen, um das Strickzeug zu holen, um die Socken ihres Sohnes weiter zu stricken oder in den Tod, weil sie nicht weiterleben wollte?

Man weiß das nicht so genau, wie auch alles andere, was da in dieser Familie, die von der Großmutterseite von Adeligen abstammt und alle angesehe Berufe haben, passierte, erst nach und nach klar wird.

Vera, die Mutter aus Österreich stammend, ist Bildhauerin von da kommen die Steinmetaphern und hat ohne Arnold zu informieren, das dritte Kind abgetrieben. Arnold, der Vater ist Historiker, Professor an der Uni. Aber er hat Jahre lang auf seine Ganztagsstelle warten müßen, weil ihm immer wieder andere, darunter auch Frauen wegen der Quote oder weil sie ein Techtlmechtl mit den Vorgesetzten hatten, vorgezogen wurde.

Der Großvater Lorenz war Arzt. Die Großmutter Helene war, glaube ich, Lehrerin, wurde aber von einer Demenz erfaßt und die ganze Familie delegiert sich an den zwei gleichen Büchern.

“Die Ästhetik des Widerstands” von Peter Weiss und eines von einer Karin Boye und ja richtig ein größeres Geheimnis, ein Kind das von einem anderen Vater ist und der Gehörtne, das viel besser, als die Mutter weiß, gibt es auch noch und einen Großonkel, der den eigen Vater an die Gestapo denunizierte und dann im Krieg gefallen ist.

Also etwas, das man schon in vielen Varianten gelesen hat, also nicht wirklich neu ist, aber offenbar so schön geschrieben, das Birgit Müller- Wieland damit auf die Longlist des dBps kam. So experimentell, wie ich es mir eigentlich vorstellte, ist das Buch eigentlich nicht und die beiden Handlungsstränge, so gibt es beispielsweise Anspielungen, das der verschwundene Simon, ein Opfer oder Täter der IS geworden sein könnte und einen Flüchtling in der WG gibt es auch, sind eigentlich recht zusammenhanglos  aneinandergereiht, enthalten aber andeutungsweise wirklich alles, was im letzten Jahrhundert geschehen ist.

Und dazu fällt mir eine Anekdote ein, die eigentlich gar nichts mit dem Buch zu tun hat, die ich aber letzte Woche beim Bücherschrank in der  Josefstädterstraße erlebte. Ich hatte mir dort einige  Bücher herausgenommen und wollte sie, auf der Bank, die es in der Nähe gab und auf der eine Frau saß, einräumen.

“Was gefunden?”, fragte sie und ich gab die Frage zurück.

Sie schüttelte den Kopf, sagte etwas von Sachbüchern und, daß sie keine Romane lesen würde.

“Warum?”, wollte ich wissen.

“Weil ich das alles selbst erlebe!”, antwortete sie mir und war erstaunt, denn so unternehmungslustig sah sie eigentlich nicht aus und ich erlebe ja auch nur einen Bruchbruchteil von dem, was in den Bücher steht, damit sie spannend  genug und Buchpreiswürdig scheinen.

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Jetzt geht es  bei meinem “Backlist-Lesen” um das östDB Shortlistbuch von 2016 Sabine Grubers Kriegsreporterroman, von dem ich ja das erste Mal etwas gehört habe, als die 1963 in Meran geborene, die ich von der GAV kenne und auch immer wieder bei Veranstaltungen sehe, 2015 den “Veza Canetti-Preis” gewonnen hat. Bei den O-Tönen hat sie dann 2016 aus dem Buch gelesen, das oft gar nicht so gute Kritiken hatte und einigen Leuten, wie ich hörte, nicht so sehr gefallen hat.

Als die öst Preisliste bekanntgegeben wurde, habe ich es angefragt, aber nicht bekommen und dann ein halbes oder ein Jahr später ein schon ziemlich ramponiertes Leseexemplar im Schrank gefunden und es dann wegen meiner übervollen Leseliste nicht geschafft, es im Vorjahr zu lesen. Aber jetzt ist ein bißchen Zeit bevor die Herbstneuerscheinungen und Buchpreislisten kommen und ich schreibe am besten dazu, das Buch hat mir gut, besser als “Stillbach”, das ich ja, glaube ich, einmal bei einem Abverkauf kaufte und vor zwei Jahren gelesen habe, gefallen und es behandelt ein rauhes und sehr wichtiges Thema, das Sabine Gruber, glaube ich, auch sehr gut und interessant erzählt.

Am Beginn des Buches gibt es ein Interview mit der Autorin, wieso sie das buch geschrieben hat. Ob das auch in den Originalexemplaren enthalten ist, weiß ich nicht, es war aber ganz interessant, in die Beweggründe und in die Kriegsreporterwelt einzudeuten, denn das ist wahrscheinlich wirklich ein zweischneidiger Beruf, denn ist es Sensationslust, wenn man sich nah an die Mienen stellt und dann die zerschossenen Körper fotografiert? Kann man damit Elend verhindern, in dem man aufklärt?

Wahrscheinlich beides davon und die Berichterstatter gehen auch meistens kaputt daran, Beziehungen zerbrechen, sie fangen an zu trinken, nehmen Drogen, wie Sabine Gruber  genau weiß.

Es gibt auch immer wieder Beschreibungen von Kriegsfotografien und die Handlung ist eigentlich schnell erzählt.

Bruno Daldossi war in Tschetschenien, Sarajevo, Krak, Afghanistan und und und und….

Nun ist er in Pension und erfährt, daß ihn seine Freundin Marlies, eine Zoologin verlassen hat. Daran zerbricht er und während er das tut, geht er sein bisheriges Leben durch und das tut die Autorin ebenfalls in sehr schönen Bildern und scharfen Momentaufnahmen.

Die Ex Freundin eines Kollegen, Johanna, soll nach Lampedusa fliegen, um   über die Flüchtlingezu berichten. Daldossi trifft sich am Flughafen mit ihr, fliegt aber nach Venedig Marlies nach, wo er sich betrinkt und von ihr beschimpft wird.

So kommt er auch nach Lampedusa, Johanna, die vor kurzem ihre Mutter verlorin hat, erkrankt dort, fliegt nach Palermo in ein Spital, während Daldossi sich ein Boot mietet, um auf  Meer hinauszufahren, ob er dort den Bruder einer afrikanischen Flüchtlingsfrau, die als Prostiutierte arbeitet, retten oder nicht nicht mehr zurückkommen will, ist nicht so klar.

Er hinterläßt jedenfalls im Hotel  seine letzten Verfügungen und man taucht, glaube ich, scharf erzählt, ein, in eine Welt, die den, der ein normales Alltagsleben führt, fremd bleibt und trotzdem wichtig ist und für den, der es noch nicht weiß, fühge ich hinzu, Sabine Gruber ist auch Lyrikerin und hat inzwischen auch einen neuen Gedichtband heruasgebracht.

Große Ferien

Nun kommt das Sommerbuch könnte man meinen. Habe ich gemeint, als ich auf meiner Leseliste von 2019 und dem Stapel in meinem Badezimmer Nina Bußmanns “Große Ferien” entdeckte und das Buch zeitgleich zum Wiener Schulschluß am Freitag zu lesen begonnen habe. Der Bachmannpreis war auch gerade, wo die 1980 in Frankfurt Geborene ja 2011 mit einem Ausschnitt den “3 Sat-Preis” gewonnen hat und das war auch der Grund warum ich mir, vor zwei Jahren, glaube ich, beim Flohmarkt des Literaturhauses dieses Buch aus dem Stapel der aufgereihten Bücher herausgezogen und dann darauf vergessen habe.

Ich habe von Nina Bußmann auch seither nichts mehr gehört, nur ihren Namen im Gedächtnis behalten und jetzt eine Enttäuschung oder nicht. Es ist nur kein Sommerbuch, keines das von den Ferien im Juli und August handelt, in denen man auf große Reisen geht, sondern eher das Gegenteil. Mit den großen Ferien ist der Rückzug, das Ende, das Burn-Out gemeint, das ein Lehrer namens Schramm, der sonst immer vorbildlich, vielleicht aber auch ein Einzelgängerund ein Sonderling war, irgendwo habe ich auchdas Wort Autist gelesen, erlebt.

Es ist, könnte man schreiben, ein eher langatmiges, langsames, vielleicht auch langweiliges Buch für die heutige Ungeduld der Leser und vielleicht auch etwas ungewöhnlich für eine so junge Frau.

Denn da wird zu Beginn des zweihundert Seiten Buches sehr langsam und bedächtig der Garten beschrieben, den der Lehrer Schramm gerade jätet, auszupft und betreut.

Er ist auch nicht mehr als Lehrer tätig, sondern hat sich, nachdem er in der Schule zusammengebrochen ist, zurückgezogen und der anrufenden Direktorin, sowie der Krankenkasse erklärt, daß er nicht mehr zurückkehren wird.

Jetzt steht er da im Garten, jätet, sät und denkt über sein bisheriges Leben nach. Das geschieht sprungartig, von hinten nach vorn , so daß bis zum Ende des Buches eigentlich nicht ganz klar ist, was da zwischen dem Lehrer und seinem Schüler Waidschmidt wirklich passierte und, ob das der Grund für den Rückzug und den Tinnitus war.

Eine Ohrfeige, ein Mißbrauch, eine homesexuelle handlung oder vielleicht nur die Erinnerungen an eine Schüler-Lehrer Beziehung?

Es ist aber auch die Kindheit, die schlechte Beziehung zum Vater, das spätere Zusammenleben mit der Mutter, das Warten auf den Bruder Viktor, dem Arzt, dem er sich anvertrauen will, der aber bis zum Schluß des Buches  nicht kommt, weil auf der Autobahn durch einen Stau verhindert, geschildert.

“Bis zum Abend bin ich sicher da!”, verspricht der Bruder am Telefon und, ob er dann, bis er das ein wenig abseits liegende Elternhäuschen mit dem Garten erreicht, den Bruder tot am Boden finden wird, ist auch nicht ganz klar.

Am Anfang habe ich das Buch ein wenig langweilig gefunden, habe mich auch gefragt, ob eine so junge Frau das Burn-Out eines älteren, wie alt ist er eigentlich, Lehrers, wirklich beschreiben kann.

Es sind auch ein paar Anspielungen an Thomas Bernhard, dem Meister, vorhanden. Der Ohrensessel, in dem der Vater immer saß und natürlich, daß alles lächerlich ist und das Leben überhaupt.

Aber das ist eigentlich kompliziert, wie ich mich erinnere, an anderer Stelle gelesen zu haben. Ein paar Klischees über den Lehrerberuf, die langen Ferien und nur bis zu Mittag Schule sind natürlich auch dabei, aber eigenlich ein interessantes Buch, wenn man bis ans Ende gekommen ist, auch wenn die vielen Sprünge dieses hin und her, wo man nichts wirklich festlegen und vielleicht auch nicht nacherzählen kann, manchmal nerven.

Aber man soll ja nicht spoilern, hat mir Bookster einmal emport geschrieben. Nina Bußmann hat sich vielleicht aus diesem Grund nicht wirklich festlegen lassen und sich daher öfter widersprochen oder die Themen nur angerißen ohne wirklich aufzuschreiben, was da im Lehrerleben des Herrn Schramm wirklich passierte.

Ein interessantes Buch, wiederhole ich deshalb am Schluß, auch wenn es nicht von den Sommerferien handelt und ich kann mir vorstellen, daß vieles von dem was hier angedeutet wird, wirklich in einem Lehrerleben passiert.

Man darf nicht leben wie man will

Buch zwei von den Empfehlungen der letzten Lese.Auslese, die Gerhard Fritsch-Tagebücher zwischen 1957 und 1964 geschrieben hat und die jetzt im “Residenz-Verlag” von Klaus Kastberger und Stefan Alker-Windbichler herausgegeben hat und habe mich, weil ich mich ja für die österreichische Nachkriegsliteratur interessiere, auch ein bißchen mit dem Dichter, der 1924 in Wien geboren wurde und sich 1969 dort das Leben nahm, beschäftigt.

Das heißt, ich bin bei einer oder zwei Lesetheateraufführungen gewesen und habe mir einmal bei “Libro” im Abverkauf “Katzenmusik” gekauft und gelesen,

Sonst habe ich gewußt, daß er bei den städtischen Büchereien, als Bibliothekar gearbeitet hat, sein Sohn in der Schönlaterngasse neben der “AS” ein Antiquariat besitzt und glaube ich auch “Literatur und Kritik”, eine Zeitlang herausgegeben hat und auch sonst im Kulturbetrieb der fünfziger und sechziger Jahre sehr tätig war.

Daß er gerne Frauenkleider getragen hat und sich mit solchen an seine Werke setzte, habe ich nicht gewußt.

Klaus Kastberger hat das nun in seinem Vorwort enthüllt und auch sonst ein bißchen in die Biografie des Autors, der dreimal verheiratet war und auch mehrere Kinder hatte, eingeführt.

Der Titel dürfte auch auf die transsexuellen Vorliebe zurückzuführen sein und Gerhard Fritsch hat sich auch in seinen Werken öfter mit diesem Thema beschäftigt.

In den Tagebüchern werden die Künster dieser Zeit, Hans Weigel, Hermann Hakel, der sein Werk auch sehr gerügt hat, Rudolf Felmayer, etcetera, sehr erwähnt.

Einen Briefwechsel mit Thomas Bernhard hat es auch gegeben, da war ich, glaube ich, auch mal bei einer Veranstaltung und, daß das Buch sehr viele Infos über das Wiener Leben der Sechziger- und fünfzigerjahre gibt, wurde in der “Gesellschaft für Literatur” auch erwähnt.

Nach dem Vorwort von Klaus Kastberger, beginnt es mit den Tagebüchern, die in einigen Heften niedergeschrieben wurden, beginnend mit dem Juni 1957 bis zu Heft IV im Mai 1964.

Im Anhang gibt es  sehr genaue und ausführliche Kommentare von Stefan Alker-Windbichler, der Tag für Tag über die erwähnten Personen, Cafehäuser und Orte Auskunft gibt, so daß man sehr genau in das Leben in Wien oder die Kärntnersommerfrische, in die er sich mit Frau und Kind etcetera, begab, bekommt, wobei man natürlich wieder die Frage stellen kann, wie weit es die Öffentlichkeit angeht, in welcher Kleidung Gerhard Fritsch seine Romane “Moos auf Steine” oder “Fasching” schrieb und, wie er den Busen von Sofia Loren nannte?

Man kann jetzt aber nachlesen, wann und wo sich Fritsch seine BHs und Frauenkleider kaufte, seine Frau Annemarie wußte, um seine Leidenschaften und dann geht es hinein in die Reisen nach Salzburg, ins Burgenland und nach Venedig mit seiner Lryriker und Büchereikollegin Christine Busta, mit der er gemeinsam die Lyrikstipendien gewinnt und beklagt, daß da die Frauen wie Christine Busta, Christine Lavant und Doris Mühringer vor ihm gereiht wurden, der Busta und der Lavant gönnt er das, während er bei der Mühringer nicht so sicher ist, wie ihm auch ein Text von Walter Buchebner nicht gefiel.

Anton Wildgans Frau Lilly hielt Vorträge über ihren Mann Anton oder Toni, was ihm auch nicht so gefiel, ansonsten klagt er über seine Wohnung, in der er seine Bücher nicht so richtig aufstellen und auch seine Schriftstellerkollegen nicht empfangen kann.

Er kommt in eine bessere Gehaltsgruppe, muß dafür aber die sogenannte B-Prüfung machen, wo er einige Kurse schwänzt und dafür gerügt wird und so beklagt er auch, daß er nebenbei arbeiten muß und nichtnur als Schriftsteller tätig sein kann.

Politisch kommt 1956 die Ungarnkrise und die Flüchtlinge über den Neusiedlersee, den Austritt aus der KPÖ,  Fritsch wendet sich  vom Sozialismus ab und dem Katholizismus zu.

In Heft II, im Jänner 1959, beginnt Fritsch seine Sachen aus der damaligen Hautbücherei in der Schmidgasse im achten Bezirk, in die ich auch noch öfter gegangen bin, auszuräumen und in die freie Schriftstellerschaft hinüberzuwechseln.

Seine Ehe mit Annemarie wird in dieser Zeit auch geschieden und eine Bärbl geheiratet. Mit dem Sohn Michael geht er aber ins historische Museum der Stadt oder Wien Museum, wie es, glaube ich, jetzt heißt und schaut sich das Grillparzerzimmer an, das es jetzt im Literaturmuseum gibt.

Reisen beispielsweise nach Kroatien, werden weiter gemacht und Vorträge gehalten.

1961, das ist dann wahrscheinlich schon in Heft III bekommt Ivo Andric, den Nobelpreis und Fritsch bedauert, daß den nicht Miroslav Krleza erhält, dessen Werke er bearbeitet.

Der Papst stirbt dann in Heft IV oder am 3. 7. 1963 an einem Krebsleiden. Schriftstellerkollegen, wie Reinhard Federmann oder Hermann Friedl von dem ich mir auch ein paar Romane aus den Libro-Abverkaufskisten gezogen habe, wie auch die junge Barbara Frischmuth, deren siebenundzwanzigsten Geburtstagsfest er besucht, werden weiter getroffen.

In der Mitte des Buches gibt es einen umfangreichen Bildteil, wo man sich Gerhard Fritsch, seine Frauen, Kinder und sonstige Verwandte, aber auch die Cover seiner Bücher und ein paar handgeschriebene Tagebuchseiten ansehen kann und man hat ein sehr informatives Buch gelesen, das ich denen, die sich für die österreichische Nachkriegsliteratur interessiert, abgesehen von der Vorliebe von Frauenkleidern, bei der ich nach, wie vor skeptisch bin, ob man das wissen muß, wenn man sich für Literatur interessiert, sehr empfehlen kann.

Zwei Jahre Nacht

Jetzt kommt eines der Bücher auf das ich durch die letzte “Lese-Auslese” der “Gesellschaft” aufmerksam wurde. Damir Ovcinas “Zwei Jahre Nacht”, in dem der 1973 in Sarajevo geborene, der dort Literturwissenschaften studierte und jetzt Direkter einer Schule für blinde und sehbehinderte Kinder ist, wohl autobiografische Erlebnisse schildert.

Das bei “Rowohlt” von Mascha Dabic übersetzt, erschienene Buch hat viele Preise gewonnen, ist über siebenhundert Seiten dick und überrascht durch seinen Stil.

“Zwei Jahre Nacht” ist in alle Richtungen eine Wucht: diese Sprache! Diese Haltung! Dieses Thema!”, hat Sasa Stanisic, der 1978 in Visigrad geboren wurde, auf den Buchrücken geschrieben und es stimmt, obwohl die Einfachheit der Sprache vor allem am Anfang verblüfft. Da besteht der erste Teil zum größten Teil aus Dialogen ohne Anführungszeichen und man weiß nicht recht, was passiert und wer da spricht?

Oder doch, da ist eine Mutter krank geworden, muß ins Spital, eine Krankenschwester kommt, vom Krieg ist immer wieder die Rede und eine Wohnung im serbischen Teil der Stadt Sarajevo, wo das Ganze spielt, am Klappentext ist noch von “Einer Stadt am RandeMitteleuropas”, die Rede, gibt es auch, dort hat der achtzehnjährige Junge, der, glaube ich, Bojan heißt, eine Freundin, so geht er, obwohl das sehr gefährlich ist, nach dem Tod der Mutter dorthin und wird dann für zwei Jahre dort festgehalten, wird einer Arbeitsbrigade zugeteilt, wo er Möbeln oder Waschmaschinen aus Wohnungen räumen, aber auch Leichen vergraben muß. Da kommt er immer wieder mit Müttern in Kontakt, die ihre verschleppten Söhne suchen oder Leute erzählen ihm, wie sie ausgeraubt und erpresst wurden.

Ein guter Kommandant schützt ihn, der seine Schule noch nicht abgeschlossen hat. Später versteckt er sich in dem Haus, in dem die Freundin mit ihrer Oma lebt, die, eine Lehrerin, versorgt ihn mit Essen und Bücher. Er liest Russische, lernt das russische Alphabet, macht sich ein Tagespensum aus Liegestützen und zu lesenden Seiten. Macht Notizen und flüchtet immer wieder vor Patrouillen von einer Wohnung zur anderen.

Mit der Freundin macht er sich Klopfzeichen aus, bis der Krieg zu Ende ist und er offenbar wieder zu seinem Vater in den anderen Teil der Stadt zurückkehren kann.

Sehr eindrucksvoll und lang das Buch, das sehr beklemmend von einem Krieg erzählt, der in den Neunzigerjahren fast vor der Hausür passierte und von dem ich, während ich meinen Vater betreute und von Wien nach St. Pölten pendelte, trotz der in Belgrad wohnenden Tante Dora offenbar doch nicht soviel mitbekommen habe.

Schlafende Sonne

Jetzt kommt Buch neunzehn der 2017 dBp langen Liste, Thomas Lehr schlafenden Sonne, das ich damals natürlich angefragt habe, aber für Blogger leider leider keine Bücher.

“Aber lassen Sie sich dadurch nicht entmutigen!”

Natürlich nicht, obwohl ich während des Lesens der siebzehn anderen Bücher oder auch schon früher gehört habe, daß das Buch ähnlich unlesebar sein soll wie Reinhard Jirgls “Nichts von euch auf Erden” oder Ulrich Peltzers “Das bessere Leben”, das ich übrigens vovorgestern im Schrank in der Zieglergasse gefunden habe, als ich ins Literaturhaus ging und das ich mir damals vom Otto ausgeborgt habe.

Ich habe ja die Straßergassenschulkollegin Trude K., die mir gegenüber wohnt, mir zum Geburtstag immer ein Buch bringt und weil sie da zwei oder dreimal eines aussuchte, das ich schon gelesen hatte, mich immer vorsorglich fragt, was ich denn haben will?

“Thomas Lehrs “Schlafende Sonne!”, habe ich tapfer geantwortet und das Buch dann bei unserem Fest Anfang 2018, wo wir die Riesenweinflasche, die uns der Josef und die Angela brachten, verkosten wollte, von ihr bekommen.

Da kam dann auch der Otto und brachte, nicht abgesprochen, Buch zwanzig, so daß ich höchstwahrscheinlich in wenigen Wochen, wenn nicht noch zu viele Neuerscheinungen kommen, mit dem dBp 2017 fertig bin, ehe die neue Buchpreisliste kommt und das wäre dann mein fünftes Buchpreisbloggen, wo ich wahrscheinlich wieder anfrage, aber vielleicht mit ein wenig weniger Enthusiasmus, wir werden im August ja auch wieder in der Schweiz sein und heuer wahrscheinlich die Buch-Wien auslassen, das alles lesen werde.

Aber zurück zu Thomas Lehr, obwohl ich vor ein paar Tagen, meine deutsche Liste auf die sich angesammelt habenden, noch nicht gelesenen Bücher ergänzt habe und demnächst wahrscheinlich über fünf Jahre Buchpreisbloggen schreiben will, von dem ich, wenn ich mich nicht täusche, schon einiges gelesen habe.

Die Novelle “Frühling” auf jeden Fall, sonst bin ich mir nicht sicher, ob ich einen seiner Monsterromane gelesen habe und ob das Buch des 1957 in Speyer Geborenen, jetzt unlesbar ist?, wollen meine wahrscheinlich nicht vorhandenen Leser jetzt vielleicht wissen.

Unlesbar nein, würde ich sagen, denn es ist mit einer schönen, kunstvollen, irgendwo habe ich auch Phanatsiesprache gelesen, geschrieben, aber es hält nicht, was der Klappentext verspricht.

Denn da steht doch, daß ein Dokumentarfilmer und Essayist von Tokio, glaube ich, nach Berlin fliegt, um die Vernissage seiner ehemaligen Studetnin Milena Sonntag zu besuchen, die wohl “Schlafende Sonne” heißt und an einem einzigen Tag stattfindet.

Soweit so gut und klingt auch interessant. Man könnte sich wohl fragen, wie man das in sechshundertdreißig Seiten preßt und dann liest man etwas anderes, was eigentlich auch noch nicht so unverständlich klingt und im Text auch beschrieben wird, daß es da, um die Familiengeschichten des gesamten vorigen Jahrhunderts geht und irgendwo im Buch bekommt man auch heraus, daß es 2014 geschrieben oder begonnen wurde und denkt, aha, der erste Weltkrieg ist ja klar und mit dem habe ich mich in meiner Lektüre der letzten fünf Jahre ja auch öfter beschäftigt und mich sozusagen hinauf- und hinuntergelesen.

Was es wohl wirklich so schwierig macht, steht im Nachwort geschrieben: “Dieses Buch ist ein Werk der freien Phantasie und doch zutiefst abhängig von der Wirklichkeit, über deren Erfindungsreichtum der Künstler nur staunen kann.”

Und nach dem letzten Satz steht “Wird fortgesetzt!” und damit man sieht, daß ich mich in der letzten Woche wirklich durch das Buch gelesen habe, zitiere ich auch noch ein paar Sätze von den Seite hundertneunzig und einundneunzig: “Von außen gleich die Räume einzelnen, von Kinderhand übereinandergetürmten Schachteln, doch weil man im Inneren des verworrenen Bauwerks steckt, weiß man nicht, was beim Öffnen der nächsten Tür mit einem geschicht, wo man hingerät , wie schräg der Boden ist, ob man von der Decke her auf einen Küchenboden fällt oder wie auf einer Rampe hinabtaumelt In einem dröhnend beschalten Partykeller oder einen von Endkampf-Parolen widerhallenden Parteitag.”

Damit wird, glaube ich, viel über das Buch und seine Machart gesagt und wem das jetzt zu unverständlich ist, kann es damit und mit dem Klappentext belassen, denn man kommt in das Buch wirklich schwer hinein, weil Thomas Lehr mit seiner Phantasie würde ich so sagen, hin- und hergesprungen ist.

Er erzählt von einer oder vielleicht auch mehreren Familien, beginnend oder endent im Wilhelminismus, dem in der Ausstellung oder im Buch mehrere Kapitel in zum Teil kursiver Schrift gewidmet ist.

Die drei Hauptpersonen sind Rudolf Zacharias, der Professor, Milena Sonntag, die Künstlerin und ein Jonas, mit dem das Buch beginnt, der ist Physiker und der Exmann von Milena, glaube ich und dann wird in den sechshundert Seiten ein bißchen was vom ersten Weltkrieg, vom zweiten natürlich und den Schicksalen jüdischer Familien und dann auch sehr viel vom Aufwachsen in der DDR, Milena Sonntag ist dort, glaube ich, aufgewachsen und, ich glaube, auch vom Heidelberger Studentenleben  der siebziger oder achtziger Jahre erzählt.

Wenn der Uli das lesen sollte und sich über meine vielen “glaube ich”, aufregt, die sind dem Stil geschuldet, denn Thomas Lehr springt durch das Buch, erzählt mal von einem, mal vom anderen, erklärt auch nicht viel, wer jetzt wer ist und wie er das macht, ist auch durchaus spannend, interessant und lesbar, nur der Zusammenhang fehlt.

Worum geht es in dem Buch? Um das letzte Jahrhundert Deutschlands an Hand einiger Schicksale und ,um eine Ausstellung, die von der Sonne handelt und sich in einigen Bildern oder Exponaten, so werden den Besuchern Kostüme angezogen und ihnen Gegenstände in die Hand gedrückt, damit beschäftigt.

So würde ich es ausdrückeh und wieder die Frage nach den Buchpreisbüchern stellen? Nach welchen Kriterien sie von der Qualitätsjury ausgewählt werden?

Nach denen der schönen Sprache, würde ich wieder sagen, denn der Inhalt, eine Familiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde ja schon sehr oft erzählt und kann man wahrscheinlich in jeder Buichpreisliste finden. Da kommen wir wieder zu der Frage, ob die Leser das Lesen wollen und da stöhnen die Buchhändler ja immer und fordern: “Setzt andere Bücher auf die Longlist, denn die Leute lesen das nicht!”

Das ist eine interessante Frage und ich gestehe, ich habe auch einiges überflogen, mich manchmal nicht ausgekannt, das Buch aber trotzdem interessant und spannend gefunden, wenn auch nicht so neu und so ungewöhnlich.

Jetzt kann ich natürlich auf die Fortsetzung gespannt sein und natürlich auf die neue Liste, von der ich derzeit noch sehr wenig Vorstellungen habe, was darauf stehen könnte und mich dann an ein Buch der österreichischen Liste und wie schon erwähnt, an das zwanzigste 2017- Buch zu machen, um wieder einmal vollständig zu sein, denn das war ich bisher ja nur 2015 bei meinem ersten Buchpreislesen und da habe ich geborgt , in Buchhandlungen gelesen und mir die Bücher schenken lassen und den anderen Jahren fehlt mir ein bißchen, wenn auch nicht viel, da ja die Verlage der Buchpreisbloggerin gegenüber sehr großzügig sind, während es für heuer, glaube ich, noch keine ausgesuchten Buchpreisblogger gibt und diese Idee vielleicht fallengelassen wird, obwohl ich das vier oder fünf lesen zwanzig was es ja 2013 gab und der Stein des Anstoßes war, sehr spannend fand.

Dann schlaf auch du

Jetzt kommt ein Buch, das, 2017, als Frankreich das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war, in aller Munde war und das, glaube ich, auf einen wahren Fall basiert.

Hat ja doch in Amerika, glaube ich, ein überfordertes Au Pair- Mädchen einmal ihre Gastkinder umgebracht und Leila Slimanis Debut, mit dem sie den Prix Goncourt gewonnen hat, beschäftigt sich damit und zeichnet auf diese Art und Weise haarscharf die französischen Verhältnisse.

Vor dem Buch habe ich ja die “Subutexs-Trilogie” gelesen, die das noch stärker aufzeigt und Leila Slimani ist eine französisch markkoanische Autorin, die 1981 in Rabbat geboren wurde, in Marakko aufwuchs, auf einer franhzösischen Eliteuniversität sutdierte und jetzt in Paris mit ihren zwei Kindern lebt.

Das Buch, habe ich  bei “Amazon” gelesen, nimmt die Spannung gleich vorweg, denn auf der ersten Seite erfährt man gleich, was geschehen ist.

“Das Baby ist tot.”, lautet der erste Satz und, ich denke, schon das erste Kapitel, gibt eine haarscharfe Schilderung der französischen Verhältnisse mit all ihren Problemen.

Dann wird es ein wenig verworrener und widersprüchiger, als die Portraits von Myriam, Paul und vor allem Louise, dem wunderbaren und doch so widersprüchigen Kindermödchen, der weißen Nanny oder Nounou,  wie sie genannt wird, die am Anfang des Buches an Mary Poppins erinnert.

Das heißt, nicht ganz am Anfang, denn da erfährt man was geschehen ist. Die Kinder, der kleine Adam und die etwas ältere Mila tot. Der Bub ist gleich gestorben. Mila hat sich gewehrt. Das Kindermädchen hat versucht, sich umzubringen, was aber nicht gelungen ist. Die Mutter, Myriam eine erfolgreiche Rechtsanwältin, ist geschockt und weinend in ihr Zimmer geflüchtet und muß von den Ärzten niedergespritzt werden.

Dann erfährt man, daß Myriam, die glaube ich, wie die Autorin, eine marokkanische Herkunft hat, die aber nicht näher ausgeführt wird, mit Mila ein paar Wochen vor ihrer letzten Juraprüfung schwanger wurde. Paul begann da gerade eine Karriere als Musikproduzent. Myriam scheint keine Eltern zu haben, Pauls Eltern lassen aus und ziehen sich lieber auf Land und auf Reisen, als zu ihren Enkelkindern zurück.

Zuerst geht aber Myriam ohnehin in ihrer Mutterrolle auf und damit sie noch länger daheim bleiben kann, schummelt sie auch ein bißchen mit der Verhütung, so daß sie wieder schwanger wird.

Dann wird es ihr doch zuviel. Die Decke fällt ihr auf den Kopf. Mila ist auch noch ein eher schwieriges, schreiendes Kind, das ununderbrochen Karusell fahren will und so findet ein früherer Studienkollege, die abgehetzte Myriam vor dem Karussel und bietet ihr an, in seine Rechtsanwaltkanzlei einzutreten.

Paul murrt zwar, daß, das, was sie da verdient, für die Nanny aufgehen würde. Aber die muß her, denn sie verdienen zuviel, um einen staatlichen Kindergartenplatz zu bekommen. Zu wenig eigentlich sich eine Nanny leisten zu können. Miriam geht aber doch in eine Agentur, hängt dann überall Zettel auf und das Paar nimmt sich  einen Tag Zeit, die Bewerberinnen zu überprüfen.

Da bleibt dann nur Louise über, denn Myiriam will keine, die mit den Kindern Arabisch spricht und auch keine, die Schwierigkeiten mit ihren Papieren hat. Alles soll legal sein und Louise, eine etwa fünfzigjährige Frau, deren Mann gestorben und deren Tochter verschwunden ist, erweist sich auch gleich, als Wohltäterin.

Sie kocht und putzt, schickt das Paar am Abend ins Restaurant, um sich zu entspannen, kocht für die Freunde der Familie, alle sind happy und Paul und Myriam bemühen sich sehr, Louise nicht zu kränken, sie nicht auszunützen und die sozialen Unterschiede nicht merken zu lassen.

Die bilden sich allmählich heraus. Zuerst kommt ein Kapitel, in dem Stephanie, Louises Tochter vorgestellt wird, die mit den Tageskindern der Mutter aufgewachsen ist und als sie einmal von deren Arbeitgebern in den Urlaub mitgenommen wurde, durfte sie sich nicht rühren und sich nicht bemerkbar machen.

Louise wird aber von Myriam und Paul in den Urlaub nach Griechenland mitgenommen, die freut  sich sehr, herrscht die Kinder aber das erste Mal an, als Mila ins Wasser will, sie aber nicht schwimmen kann.

Das ist noch nicht so das Problem, Schwimmflügerl werden besorgt, aber einmal, als Paul nach Hause kommt, ist die kleine Mila sehr geschminkt da herrscht der Vater, die Nanny an und sagt, das darf nicht sein.

Eine Nachbarin, die die Polizei gerufen hat, erzählt der, Louise hätte sie, weil sie sich in finanziellen Nöten befand, um einen Zweitjob gebeten und Paul muß noch einmal mit Louise sprechen, weil sich das Finanzamt gemeldet hat, Louise soll ihre Sachen in Ordnung bringen, aber die verbrennt nur die ungeöffneten Briefe und hat auch Schwierigkeiten mit ihrem Untermietzimmer, wo die Dusche verschimmelt ist und der Vermieter sie hinaushaben möchte.

Deshalb bleibt sie auch, als Myriam und Paul sie beim nächsten Urlaub nicht mehr mitnehmen, heimlich in deren Wohnung, ladet dorthin auch eine andere Nanny ein, aber sonst hat sie mit diesen nicht viel Kontakt und Paul und Myriam überlegen schon, daß sie, wenn Adam auch in den Kindergarten kommt, Louise dann nicht mehr brauchen.

Das darf nicht sein, denkt die, denn wo soll sie dann hin und versucht Myriam ein drittes Kind einzureden, aber die träumt davon, als Partnerin in die Kanzlei einzusteigen und schüttelt den Kopf.

Da gibt es eine bizarre Szene, wo Louise, damit Paul und Myriam  im Bett zueinanderfinden, mit den Kindern nachts auf ihre Kosten essen geht, ihnen beim Chinesen ein Würstchen aufzwingt, dafür ihr letztes Geld ausgibt und die Kleinen dann durch das nächtliche Paris zerrt.

Louise kann nichts wegwerfen, so hebt sie alles auf, Myriam verbietet ihr aber, den Kindern abgelaufene Sachen zum Essen zu geben. So schmeißt sie ein Hühnchen in den Müll, findet dann am Abend, als sie müde von der Kanzlei heimkommt, das Gerippe am Tisch und Louise hat die Kinder gezwungen, das Hühnchen zu essen, was die ihr dann auch brühwarm erzählen.

So werden nach und nach die Klassenunterschiede aufgedeckt. Louise blieb für mich dennoch ziemlich widersprüchlich und das Buch hat bei “Amazon”, sowohl, ein als auch fünf Sterne-Rezensionen bekommen.

Die Ein-Sterner mokieren sich über die einfache Sprache und, daß sie nach dem ersten Kapitel schon alles wissen. Gut der “Subutex” war komplizierter und ein ziemlich genaues Bild der heutigen französischen Gesellschaft mit all ihren Problemen, hat mir das Buch trotz all seiner Widersprüche  gegeben.

Leila Slimani lese ich bei den Blogs, hat gerade ihr zweites Buch herausgebracht, wo es, glaube ich, um eine moderne “Madame Bovary” geht.