Vom öffentlichen Raum zum Kuchldeutsch

Die Ruth hatte ja Idee zu den Kunstwerken, die es im öfentlichen Raum, da gibt es einen Folder, ein Schreibprojekt zu machen und dann im nächsten Jahr eine Lesung oder einen Rundgang etcetera.

Zu Ostern, als ich gerade meine Schreibcampläne bloggte, hat sie mich deshalb angeschrieben oder angerufen und mir dann bei der letzten Schreibgruppe den entsprechenden Folder übergeben.

Lauter experimentelle Kunstwerke vom Hrdklicka-Mahnmal angefangen,  bis zu den Figuren in der Kriau, igitt, igitt, aber ich bin ja neugierig und aufgeschlossen und kann eigentlich über allles schreiben, obwohl mir die in der Schreibgruppe entsehenden Texte manchmal etwas zu essayistisch sind.

Also okay und mich, wie ich glaubte, heute Mittag zu einer diesbezüglichen Vorbesprechung mit der Ruth getroffen. Die ist sehr ehrgeizig und will mit mir in den kommenden zwei Woche je zweimal losstarten und heute hat es gleich mit dem Hrdlicka- Mahnmal gegen Krieg und Faschismus am Albertinaplatz angefangen. Das kenne ich sehr gut, trifft sich da ja Jahr für Jahr die KPÖ am ersten Mai, um zum Parlament zu marschieren und heuer habe ich festgestellt, daß es keine Bänke dort gibt.

Es gibt dort unter anderen, den die Straßen waschenden Juden von der Progromnacht 1938, aber weil sich die Touristen ungehemmt immer darauf setzten, ist der inzwischen mit Stacheldraht umhüllt und vis a vis vor derAlbertina gibt es eine Bank, aber da sitzen meistens auchTouristen darauf und fotografieren sich und als wir uns zaghaft hinsetzen wollten, winkten sie ab, weil sie uns nicht au ihren Fotos haben wollten.

Wir haben es dann doch getan und, wie in der Gruppe zwanzig Minuten geschrieben. Abr was oder wie?

Wenn man Kunstgeschichte studiert, muß man das Werk beschreiben, aber das tue und will ich ja nicht und ich hatte irgendwie die Idee vielleicht auch meine Fortsetzungsgeschichten einzubeziehen.

Es könnte sich ja der Moritz mit der Mathilde dort treffen. Aber dann hatte ich keinen Blick auf die Stelen, weil an mir die Hop on -hoff off- Busse vorbeibrausten, die Fiaker ihre Pferde striegelten und ihre Kutschen putzen, wie die Ruth so s1chön geschrieben hat und ein Polizist ein paar Meter neben mir stand und das Ganze scharf beäugte.

Und da hat es vor einigen Jahren einen Protrest gegen das Mahnmahl gegeben. Heute hasten die Touristen vorbei, die in die Oper und in die Albertina wollen und wir wollten ja auch noch wohin, nämlich zum Ballhausplatz, weil es da ja inzwischen ein Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz gibt und zwar ausgerechnet auf dem Platz, wo es Ende der Achtzigerjahre eine “Kosmos-Prostestlesung” gegeben hat, weil Barbara Klein, die engagierierte Intendtantin ein aufgelassenes Sex-Kino als Spielort haben wollte, aber das wollte auch ein Jazzclub und so habe ich da einmal meine”Verwechslung” und die ist in der “Volksstimme-Anthologe” abgedruckt, die auch ein Hrdlicka-Cover hat, gelesen und gehe inzwischen manchmal ins Kosmostheater, das es inzwischen am Siebensternplatz gibt.

Und die modernen Denkmäler haben, denke ich, alle das Problem, das sie sehr abstrakt sind und ohne Anleitung nicht so leicht zu erkennen, was damit gemeint ist.

Also an der Stelle, wo einmal eine improvisierte Bühne aufgebaut war,  große Stufen, die die Touristen wahrscheinlich zum Einladuen und >Niedersetzen auffordern. Die Rutha hat geschreiben “Kinder spielen glücklich herum.”

Und es gibt natürlich eine Tafe auf der man lesen kann, daß die Bundesregierung 2008 beschlossen hat, alle Deserteure im World War II zu rehabiliteren und den Auftrag an den Künstler Olaf Nikolai gab, das in einem Mahnmahl darzustellen.

Das ist jetzt also ein großes X, das man allerdings erst so richtig erkennt, wenn man hinaufklettert. Dann sieht man, daß oben  “all all all all alone all all alll all” etcetera steht und wir haben uns auf eine der Stufen gesetzt und geschrieben.

Eine Frau ist inzwischen gekommen, die sich, glaube ich, auch für das Denkmal interessierte, ein paar Studenten diskutierten dagegenüber die Hochschulwahl und dann kam noch eine Schulklasse, deren Lehrerin ihnen erklärte, daß es am Heldenplatz inzwischen Container geben würde, weil das Parlament renoviert wird und daher für die nächsten drei Jahre in dieses verlegt wure.

Wor wollten eigentlich noch einen dritten Ort, nämlich die Franz West-Säule in der Raalgasse beschreiben. Aber ich hatte, um fünf eine Stunde und da wäre sich das dann nicht mehr ausgegangen und am Abend gab es eine Veranstaltung behiehungsweise Buchpräsentation in der “Gesellschaft für Literatur”.

“Deutschlernen von unten- Böhmakeln und Kucheldeutsch” eine Gemeinschaftsarbeitder Universität Olmütz und Bamberg und obwohlich  um halb sechs dort war, war es schon sehr voll, weil offenbar ein Fanclub hingepilert ist und auch die achtzig Euro Bücher  alle aufgekauft hatten,  so daß nurmehr ein Ansichtsexemplar über war.

Das Thema ist aber sehr interessant, obwohl heute, nachdem der Heinz Conrad ja gestorben ist, kaum mehr einer böhmakelt. Ich tue es, obwohl meine Großmutter ja von daher hergekommen ist, auch nicht und lese inzwischen ein entsprechendes Pendant, nämlich “Broken German” von Tomer Gardi und das ist es ja, was die Kids mit dem Migrationshintergrund und dem Asylantrag heute sprechen, während damals die böhmischen Köchinnnen in der Küche ihr böhnmisches Deutsch radebrechten und das die Schauspieler in den Kabaretts, ebenfalls taten.

Und der Joseph Schwejk wurde vor fünfzig oder so Jahren selbstverständlich böhmakelnd “Bitte gehorsamst, Herr Oberst!” übersetzt und der Fritz Muliar hat das hervorragend beherrscht, während der echte Joseph in Prag ja wahrscheinlich kein Deutsch, sondern Tschechisch gesprochen hat.

Aber so ist das mit den Klischees und die Leute  haben sich sich auch blendend unterhalten und sehr gelacht.

Miguell Herz-Kestranek hat  Beispiele davon vorgelesen und  sich auch beschwert, daß  man in Prag keinen böhmakelten Schwejk haben wollte.

Der ist inzwischen, glaube ich, auch anders übersetzt und nachher gab es Wein ,tschechisches Bier und Oblatten. Ich habe mich mit Ottlwald John und anderen unterhalten und denke sehr über das Deutschlernen von Unten und die veränderte Sprache nach, werde ich ja auch öfter wegen meiner Unverständlichkeit und meinen Rechtscchreibfehlern kritisiert, obwohl ich ja, glaube ich, ganu gut Deutsch oder besser Österreichisch schreiben kann und mich trotzdem nicht anpassen will.

Der Brief

Als Moritz Lichtenstern, den U-Bahnperron erreichte, war der Zug gerade abgefahren und der Bahnsteig fast gespenstisch leer. Beinahe, wie in einer Geisterstadt mochte es erscheinen, dachte er und schüttelte  über sich selbst und die von ihm gebrauchte Methapher den Kopf.

Denn das war jetzt vorbei. Er war nicht mehr Verlagsleiter, sondern schon fast zwei Jahre in Pension und mußte nicht mehr Manuskripte nach ihren Methapern und Verkaufsfähigkeit absuchen. Das brauchte er jetzt nicht mehr, sondern konnte sich entspannten. Seine Pension und sein Restleben genießen und das hatte er ganz ehrlich, vor fast zwei  Jahren, als er sich vom Verlag verabschiedet hatte und in den Ruhestand gegangen war, auch vorgehabt.

Ruhestand, wie das schon hieß, igitt und schauderhaft. Da konnte er sich nur schütteln und zittern, ob dieses Klischees, das er, als er sich noch lektorisch betätigt hatte, immer aus den Manuskripiten gestrichen hatte, obwohl das Zittern erwas war, was ihn in letzter Zeit bevorzugt überfallen schien und das ihn, wenn er wiederum ganz ehrlich war, auch berunrigte. Er schaute auf seine Hand, die immer noch den Brief umklammerte, den er vorhin, weil er eingeschrieben zu ihm gekommen war und er den gestrigen Tag nicht in seiner Wohnung verbrachte, vom Postamt abgeholt hatte und die zitterte auch ganz schön.

Zitterte stark und unnatürlich. Sowie völlig unnötig, denn er war jetzt nicht mehr allein auf dem Perron. War doch gerade eine junge Mutter mit einem Buggy, die Rolltreppe hinuntergekommen und hatte sich ein paar Meter neben ihn gestellt. Sie beugte sich zu ihrem Kind hinunter, um dessen Sonnenmützchen zurechtzuschieben und seine Nase zu schneuzen.

Das brachte ihm wieder zu dem Brief zurück und zu der Überraschung, die dieser in ihn ausgelöst hatte, was natürlich der Grund für das Zittern seiner Hände war und nicht etwa ein beginnender Parkinson, wie er insgeheim schon befürchtet hatte, weil sein Vater und sein Großbvatter auch an diesem Nervenleiden gelitten hatten und bei beiden war dann auch noch eine Demenz hinzugekommen, vor der er, der ehemalige Verlagsleiter und Germanist naturgemäß einen Bammel hatte, denn er wollte nicht, wie ein Idiot enden.

War festentschlossen etwas dagegen zu tun und hatte sich, als  ihn die Geschäftsführung vor eineinhalb Jahren in Pension geschickt hatte, um einen  Jüngeren den Verlag leiten zu lassen, fest vorgenommen, nun in seiner Bibliothek  der ungelesen Bücher zu beenden, den Urwald zu erforschen, auf Safari zu gehen,  Gedichte zu schreiben, etcetera.

Das was man sich, als rüstiger Pensionist eben bei der Verabschiedung vorzunehmen pflegt und jetzt, fast zwei Jahre später mußte er sich eingestehen, daß fast nichts davon passiert war.

Das heißt, einige Bücher hatte er natürlich gelesen und Gedichte hatte er ebenfalls geschrieben. Aber das war auch etwas, was ihn beunruhigen und an den Vater denken lassen könnte. Denn das, was da herausgekommen war, war nichts, was er im Starverlag durchgehen hätte lassen.

Absolut nichts davon, war er doch vor ein paar Nächten aus dem Schlaf geschreckt und da war ihm wirklich und wahrhaftig, die schöne Maid auf der grünen Wiese eingefallen, die sich die Äuglein nach dem ungetreuen Geliebten ausweinte.

Er hatte diesen Schwachsinn in seiner taumeligen Schlaftrunkenheit auch aufgeschrieben. Am nächsten Morgen natürlich zerrissen. Es hatte ihn aber mitgenommen, so daß er gestern einen Neurologen aufgesucht hatte, der ihn zwar  beruhigte, ihn aber dennoch den ganzen Nachmittag in rastloser Unruhe durch die Stadt getrieben hatte, so daß er den Postboten, der ihm die eingeschriebene Nachricht überbracht hatte, versäumte und er heute extra, was vielleicht auch ein erstes Demenzanzeichen war, das Postamt aufsuchen hatte müßen und das, was ihm die junge Angestellte mit sichtlichen Migrationshintergrund, dunklen Haaren und einer ebensolchen Brille übergeben hatte, hatte auch nicht gerade dazu beigtragen, ihn zu beruhigen, obwohl sich der Perron nach und nach füllte und sogar ein paar Scater, was natürlich streng veroten war, an ihn vorbeischlängelten. Das bewegte eine strenge Lautsprecherstimme zu einer Durchsage und die junge Mutter hatte das Taschentuch  eingesteckt und hielt ihrem Kind, es war offenbar ein Junge oder doch vielleicht ein kleines Mädchen, eine Rassel unter die Nasse und flötete mit verstellter Stimme betont babyhaft: “Bababa, schau, wie das rasselt mein süßer Kleiner!”

Ekelhaft, wie kindisch junge Mütter wurden, wenn sie sie mit ihren Kleinen beschäftigten. Trotz aller Emanzipation und Studium hatte sich das bis heute nicht verändert und rief in ihm ungute Erinnerungen an die eigene Mutter, Großmutter und ältere Schwester wach, die sich auch nicht entblödet hatten, mit dem kleinen Moritzi in einer idiotischen Kindersprache zu palavern. Und da wunderte man sich, daß die älteren Leute, bevor sie starben wieder in das Reich der Demenz und Verblödung hinüberglitten.

Er wollte sich das ersparen und war auch niemals ein Vater gewesen, der seinem oder seiner Kleinen mit einer idoitischen Rassel vor die Nasse herumgefummelt war. Denn er hatte keine Kinder,  dafür war er als aufstrebender Verlagsleiter immer zu sehr beschäftigt gewesen und Natalie mit der er nur drei Jahre verheiratet gewesen war, war mit dem Aufbau ihrer psychoanalytischen Praxis ebenso so beansprucht gewesen, daß sie das nie von ihm gefordert, sondern diesen Wunsch im Gegenteil stark abgewehrt hatte und jetzt, um wieder auf  das Zitterns seiner Finger zurückzukommen, war Natalie offenbar gestorben und hatte ihm diese Tatsache durch einen Notar mitteilen lassen. Hatte ihm durch diesen auch den Termin ihres Beräbnisses, das in Wien, in ihrer Heimatstadt stattfinden würde, bekanntgegeben und ihm noch ein Briefblatt beigelegt, auf dem sie sich, wie sie erstaunlich einsichtig schrieb, für alles, was sie ihm angetan hatte, entschuldigte und  noch mitteilte, daß ihre Schwester Mathilde, die unglückselige Zwillingsschwester, wie sie sie in den drei Jahren ihrer Ehe manchmal genannt hatte, eine Tochter hatte, die ihm erstaunlich ähnlich sehen sollte.

“Vielleicht solltest du daran bleiben, um nicht genauso schuldig, wie ich, die ich mich in den letzten Stadien meines Krebs befinde und daher Zeit ist, über mich und mein Leben nachzudenken, zu werden, lieber Moitz und entschuldige noch einmal, was ich dir und auch Mathilde, der ich ebenfalls geschrieben habe, antat”,, hatte in dem Brief gestanden und seine Hände zitterten stärker denn je und jetzt war es ganz sicher, daß es kein beginnender Parkinson war, der das veranslaßt, denn er hatte sich vor dreißig Jahren in die Verlagssekretärin Mathilde und nicht in die junge  Analytikerin Natalie verliebt, die gerade in der Tautenzienstraße ihre erste Praxis aufzumachen plante und hatte, wie er ihm  schmerzhaft einfiel und wofür er sich immer noch genierte, gar nicht bemerkt, daß sich Natalie im wahrsten Sinne des Wortes bei ihm eingeschlichen hatte. Denn er hatte wirklich und wahrhaftig erst bei seiner Hochzeit und durch seinen Trauschein mitbekommen, daß er Natalie und  nicht Mathilde Schmidt geheiratet hatte. Das heißt, der Standesbeamte hatte diesen Namen natürlich genannt.

“Fräulein oder Frau Dr. Natalie Schmidt!” und als er sie nach der Tafel darauf ansprach, hatte sie aufgelacht und geantworte “Hast du das  nicht gewußt? Ach seid ihr Männer doch begriffsstützig!”

Und Mathilde, seine erste Liebe, die Verlagsseretärin, als die er sie im Starverlag  kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, war  aus seinem Leben verschwunden. Wahrscheinlich war sie in seine Heimatstadt Wien zurückgekehrt, wie Natalie ihm bei einem weiteren Streit spöttisch hingeworfen hatte. Aber dort hatte er, der Feigling, der er war, sich nicht hingetraut, um sich bei Mathilde zu entschuldigen und ihr eingezustehen, daß er so blöd gewesen war, den Unterschied zwischen einer Natalie und einer Mathilde, die  eineiige Zwillinge waren, obwohl sie, wie er jetzt zum wissen glaube, sich charakterlich sehr unterschieden, nicht bemerkt hatte.

Er hatte es nicht bemerkt und Mathilde nicht wiedergesehen. Die Ehe mit Natalie hatte drei Jahre gehalten. Wahrscheinlich da er sich seinen Irrtum und seine Blödheit nicht eingestehen wollte. Dann hatte sie die Scheidung eingereicht, weil er ihr zu langweilig war und er die Leitung des Verlags übernommen und hatte jetzt erst wieder etwas von Natalie, beziehungsweise ihrem Tod gehört, die ihm zu ihrem Begräbnis einlud und ihn aufforderte  Kontakt zu ihrer Schwester aufzunehmen, um nicht so schuldbeladen, wie sie zu sterben und ein Foto von Mathildes Tochter Lily, die ihm angeblich sehr ähnlich sehen würde, hatte sie ihm auch geschickt, dachte er und hätte am liebsten nach dem Bildchen gegriffen, um es sich noch einmal anzusehen, was er aber, da jetzt gerade der U- Bahnzug einfuhr, nicht konnte. So atmete er nur tief durch, griff ein wenig fester nach dem Brief in seiner Hand und folgte dann der jungen Mutter in den U-Bahnzu nach, die den Buggy mit dem kleinen Söhnchen so schnell in den Waggon geschoben hatte, daß er gar nicht dazu gekommen war, ihr,  wie ein Kavalier der alten Schule, der er  war, zu helfen, obwohl er das gern gemacht hältte.