Es wird mir fehlen das Leben

Wenn ich schreibe bin ich ja immer auf der Suche nach dazu passender Literatur, so habe ich während der “Anna” im Schrank John Katzenbachs “Der Professor” gefunden und mir ein Buch von Dimitri Verhulst bestellt, das aber nicht gekommen ist, für das “Schutzengelchen”, habe ich “Die Waffen nieder” gelesen und bei der “Mimi” habe ich Anna Gollners “Christine” gelesen und gefunden.

Mein derzeitiges “Work in Progress” wurde durch Ernst Lothars “Die Mühle der Gerechtigkeit” inspiriert, das “Residenz-Buch “Die Jungen fressen den Alten den Kuchen weg” von den SP und ÖVP Seniorenvertreter habe ich im November im Schrank gefunden, war aber für das Sterbehilfethema oder die Behandlungsverweigerung nicht wirklich passend und dann habe ich noch Ruth Picardies “Es wird mir fehlen das Leben” gefunden und zuerst gedacht, daß ich von dem Buch, einmal während einer Leipziger Messe geört habe, es ist aber offenbar ein anderes, wahrscheinlich gibt es mehrere Journalisten und Schriftstellerinnen, die über ihren Krebs oder ihr baldiges Sterben schreiben.

Hennig Mankell hat ja zu Jahresbeginn auch Krebs diagnostziert bekommen, darüber ein Tagebuch geschrieben und manche Leser und Kritiker empört, daß sie mit “soetwas belästigt” werden, ich finde es interessant.

Und das Buch der Journalistin hat sich mir eingeprägt, Ruth Picardie wurde aber 1964 in Reading geboren, studierte in Oxford und arbeitete bis zu ihrem Tod im September 1997 als Journalistin.

Das Buch ist 1997 erschienen, “Ein aufrichtiges oft komisches und ungeheuer anrührendes  Abschiedsbuch”, schreibt der “Spiegel” auf das Cover, auf dem noch das Bild einer lachenden jungen Frau mit kurzen Haaren zu sehen ist, war Ruth Picardie ja gerade dreiunddreißig als bei ihr ein Brustkrebs diagnostiziert wurde und hatte vor kurzem durch eine In-vitro Fertilisation Zwillinge geboren.

Das schreibt ihr Ehemann Matt Seaton, im Februar 1998, da waren die Zwillinge noch nicht drei, im Vorwort und erzählt auch, daß Ruth Picardies Schwester, Justine, ihr eine Kolummne im “Observer” verschafft hat, wo sie über ihren Krebs schreiben sollte.

Fünf solcher Artikel sind bis zu ihrem Tod erschienen, zu wenig für ein Buch, es gab aber auch eine Menge E-Mails, die Ruth Picardie an ihre Freude über ihren Krebs geschrieben hat und auch  viele Leserbriefe, so gab er mit der Schwester das Buch heraus,  das ich interessant finde, auch wenn sich die medizinische Behandlungsweise, seit Ende der Neunzigerjahre sicherlich verändert hat.

Ruth Picardie hat also noch vor der Geburt ihrer Zwillinge, einen Knoten an ihrer Brust entdeckt, die Ärzte beruhigten, nach der Geburt kam er wieder, diesmal war es Krebs und die junge Frau schreibt sehr locker darüber in ihren Kolumnen und auch ihren Freunden. Da gibt es einen Jamie, einen Schwulen, dessen Freund an Aids verstarb, selbst an Krebs erkrankt, eine Carrie und eine India, die offenbar über Übergewicht leidet.

Sie alle trösten und unterhalten sich mit Carrie, sprechen ihr Mut zu und geben ihr Tips, die von der Chemo- zur Strahlentherapie schwankt, dazwischen zu Alternativmediziner geht, Gemüsesäfte-Diäten macht, Unmenge Kosmetika einkauft und sich ärgert, daß ihr das Amt eine Sozialarbeiterin ins Haus schickt, als sie eine Putzhilfe beantragt.

Sie beklagt sich auch, daß ihr Mann sich nicht immer versteht, schickt ihre Kinder zum Psychologen, damit sie später die Trennung von ihr leichter verkraften, es wurde bei ihr auch noch ein Hirntumor entdeckt, nachdem sie unter starken Kopfschmerzen litt, die zuerst nicht ernstgenommen wurden.

Es geht um Erinnerungsschachteln, die sie für ihre Kinder anlegen soll, das aber nicht recht will.

In dem Buch, das Charlotte Link vor kurzem über den Krebstod ihrer Schwester geschrieben hat, gibt es eine Stelle, wo eine Ärztin der Schwester den Krebs diagnostiziert und als die ihr sagt, daß sie kleine Kinder hat, ihr ruppig antwortet, daß es dann für sie Zeit ist eine Erinnerungsbox anzulegen.

Offensichtlich lernt man das bei den Fortbildungen der Onkologen, die Leserinnen raten Ruth Picardie aber das zu lassen, wenn sie es nicht will oder aber ihre tollen Artikel in die Box hineinzulegen, damit die Kinder später wissen, was für einewundervolle Mama sie hatten.

Sie raten ihr auch auf jeden Fall zum Ausverkauf zu gehen, es zahlt sich noch aus, sich was Schönes zu kaufen und Ruth plant auch genau, wie meine etwas ältere Veronika gesund zu leben, es sich gut gehen zu lassen und eine sehr rührige Stelle finde ich, ist, wie sie überlegt, was sie alles beim Aufwachsen ihrer Kinder versäumen wird, sie wird nie zusehen, wie sie schwimmen lernen oder Klavier spielen, aber “Na schön, ich muß auch keine Kinderkacke aus der Badewanne entfernen oder “Pingu” zum  207 Mal anschauen oder Spinatsoße vom Fußboden wischen.”

Es gibt eine Kolumne über die “Konsumtherapie” und eine über Kübler-Ross “Schockphasen”: Depression, Zorn, Verhandeln, Leugnen Akzeptanz, dann brechen die Kolumnen ab, Ruth Picardie wird zu schwach dazu, kommt in ein Hospiz und in den Rollstuhl, zum zweiten Geburtstag der Kinder geht sie nach Hause um mit ihnen zu feiern. Am Schluß gibt es noch zwei Abschiedsmails an Joe und Lola und ein Nachwort von ihrem Mann, der das Ende beschreibt, psychiatrische Krankenschwester vor der Spitalszimmertür, als Ruth Picardie Selbstmordabsichten äußerte, die Hirntumor dürfte zu Psychosezuständen und Verwirrungen geführt haben und Prinzessin Diana ist in dieser Zeit auch gestorben und das war auch die Zeit als ich im Pflegeheim Klosterneuburg Kommunikation unterrichtete und mit den Pflegehelferschülern die Hospiz-Station im damaligen Geriatriezentrum am Wienerwald besuchte.

Ein spannendes Buch, jetzt müßte ich nur die Lust am Korrigieren meines “Therapieverweigerungsbuches” wiederfinden und von den Weihnachtsfilmen, die ich mir nach wie vor anschaue, lassen. Alfred hat mir aber schon den Umschlag für das “Schutzengelchen” gebracht, der sehr schön geworden ist, mit Originalkarten aus dem ersten Weltkrieg, die ich von meinem Großvater erbte und auf meiner Leseliste von 2015 stehte auch ein “Abschiedsbuch” “Before i die” von Jenny Dowwnham, offenbar auch eine Engländerin oder Amerikanerin.

meine schöne schwester

Jetzt geht es weiter mit der Leseliste, die schon korrigiert und meinem Leseverhalten angepasst wurde, aber Ekatharina  Heiders erster Geschichgtenband “meine schöne schwester” muß sich noch ausgehen, ist das doch sozusagen ein Rezensionsexemplar und sogar eines aus dem vorigen Jahr, denn die liebe Chrisa Stippinger gibt mir alles von ihrer “edition exil” was ich haben will und als ich sie Vorjahr nach dem Buch fragte, wahrscheinlich war es auf der “Buch-Wien”, war die Leseliste von 2013 schon so voll, daß ich einen “Weihnachtsmarathon” einlegen mußte.

Die 1990 in Irkutsk geborene Ekatharina Heider, die seit 2001 in Wien lebt, seit 2011 am “Institut für Sprachkunst” studiert und 2010 den Exil- Jungendpreis, 2012 den Hauptpreis gewann, kenne ich seit zwei Jahren, da bin ich zuerst auf die IG-Autoren Demonstration für die Festplattenabgabe mit halben Herz gegangen und dann ins Literaturhaus, wo Christa Stippinger ihre “Edition Exil” und Ekatharina Heider vorstellte und war sehr beeindruckt, wenn nicht fast schockiert über die scharfen schönen Worte in der diese junge Frau die Überforderungen des Lebens, die Beziehungsgeschichten, die Krisen, Kathastrophen etc. erzählt.

Die Titelgeschichte war auch dabei, Katharina Heider habe ich dann 2013 in der “Kolik-Lounge” wiedergetroffen und im November nochmals bei der Exil-Lesung, da gab es dschon das Buch und ein wenig habe ich auch diesmal bedauert, daß es Kurzgeschichten sind und es stimmt ja auch, es ist schwer sich auf einma auf sechsundzwanzig Geschichten einzulassen, die alle geballt von Sprache und dem Leben sind, aber alle paar Seiten von etwas anderen handeln. Oder auch nicht, denn es sind oft sehr ähnliche Themen die da erzähltwerden, zumindest handeln sie von jungen Frauen und ihren Schwierigkeiten  mit dem Leben, das alle in sehr kunstvollen Wendungen und, wie in der  “Edition Exil” üblich kleingeschrieben.

Also durchdie Nöte und Überforderungen der jungen Frauen von heute und seltsam, beim Lesen habe ich das gar nicht mehr so arg empfunden, wahrscheinlich ist das  schon der Gewöhnungseffekt.

So erzählt in “rosarote träume” in unserer heilen Weltidylle eigentlich ungewöhnlich, eine junge Frau, nachdem sie ihre Schwangerschaft entdeckt und sogar  einen Freund hat, der sich darauf freut, wie sie ihr Baby haßt.

“bitte, sage ich. bitte, bitte stirb.”

Ungewöhnlich vielleicht so direkt zu lesen, im Leben selber höchstwahrscheinlich nicht, denn da kommen ja viele Babies gar nicht auf die Welt und bei denen, die doch geboren werden, bekommen die Mütter oftmals Wochenbettdepressionen.

Und auch die Titelgeschichte habe ich diesmal nicht so bedrückend gefunden, vielleicht habe ich inwischen anderes ähnlich Schwieriges gelesen.

Da wird von der schönen Schwester erzählt, bei der alles besser als bei der Protagonistin ist, sie hat eine Tochter, keinen frechen Bengel, wie die Erzählerin, ißt biologisch vollwertig, hat einen tollen Mann, eine schöne Wohnung, einenTraumkob, etc und sie hat Krebs, wie sie bei der Einladung zum Abendessen erzählt.

“ich sage ja, sie hat immer alles. immer alles bekommen.”, lautet der Schlußsatz.

In “mein bruder und ich” ist eine Schwester, die nicht wirklich eine solche ist, in ihren Patchworkbruder mit dem sie aufgewachsen ist, verliebt und bekommt ihn schließlich auch und “angst um michael” müßte mir, der VT-Therapeutin, die oft mit Panikattacken zu tun hat, auch bekannt sein.

In “der himmel/trotzdem geht das nicht” ist die Erzählerin in einen verheirateten Mann verliebt und schreibt ihm E.-Mails, während sie zu Parties geht, arbeitet, sich betrinkt, etc

“als ich dich zum ersten mal sah, sah ich zum ersten mal den himmel.trotzdem geht das nicht.”, mailt er ihr irgendwann zurück.

“Jakob hasst micht” ist ein wenig kryptisch und nicht ganz einfach zu verstehen. Da lebt die Erzählerin mit Jakob und beklagt sich, daß er mit ihr nicht spricht, sie ignoriert, ihre extra für ihn gekaufte Reizwäsche nicht ansieht und sie, als sie sich aus Protest damit auf den Boden legt, nur irgendwann ins Bett trägt, ohne sie weiter zu berühren. Er erzählt das dann auf Parties und seiner Mutter, so holt sie sich eine Natascha von der Straße in die Wohnung, er packt seine Koffer, bleibt aber trotzdem da, bzw. kommt er nach ein paar Tagen zurück, schmeißt Natascha aus der Wohnung und sagt zu ihr immer wieder “wir schaffen das schon”

“ich weiß ehrlich gesagt nicht, was wir schaffen sollen, aber ich vertraue ihm, also wird er schon recht haben, denke ich.”, lautet hier der Schluß.

Ähnlich kryptisch die “schönen schuhe”, wo die Erzählerin, wegen einer schönen Frau verlassen wird und fortan nur mehr “so  vor sich hin vegetiert, aber trotzdem schöne schuhe”, trägt.

Sie färbt sich, wohl um sich zu verändern, die Haare rot, davon ist dann die Badewanne tagelang rot, daß man glauben könnte, es hätte sich jemand umgebracht, sie muß auch schwarze samthandschuhe tragen, um was  zu verstecken? Und es ist auch schwer die Blicke die anderen zu ertragen, die sie einer zuwerfen, wenn man in einer Nervenklinik war.

Ja, ich weiß, das Schöne an den Kurzgeschichten sind, daß sie nicht alles verraten, daß sie nur andeuten, ihre Geheimnisse haben und, wie das Elend einer verlassenen Liebe von der sehr jungen Autorin erzählt wird, ist wirklich sehr beeindruckend. Ein bißchen etwas davon, habe ich vor dreißig Jahrenselbst erlebt, da habe ich mir zwar nur die Haare geschnitten und nicht die Pulsadern, aber, daß es helfen kann, alles zu verändern, habe ich damals auch gedacht und mich vielleicht besonders schön angezogen.

Dann gibt es eine Geschichte über eine Wohngeminschaft, wo es “immer dreckig, meistens laut ist und sich alles wie in einem schlechten Film anfühlt. Neben der Erzählerin leben noch Agnes, Annika und Pat dort, Annika hat Narben an den Armen nach denen man nicht fragen darf. Pat hat trägt eine schwarze Unterhose, raucht einen Joint und liebt sich mit der Ich-Erzählerin, die am nächsten Tag weiß, daß sie aus der Wohnung muß.

In “luisa” zieht die Erzählerin in Luisas Wohnung, in der noch alle ihre Sachen sind, bitte alles so lassen, sagt der Vermieter, die Erzählerin vergräbt aber das Tiefkühlhund im Garten, schlüpft in Luisas Kleider und nach und nach auch in ihre Person.

Und so geht es weiter in den sechsundzwanzig Kurzgeschichten, die meistens eine Ich-Erzählerin haben und die von  Peter dem Maler,  Karl dem Klavierspieler und vielen anderen erzählen.

In “Postkarten” liebt Richard Paula und die Erzählerin Richard bei dem sie wohnt und offenbar auch schläft. Paula ist dagegen ständig auf Reisen, schickt Postkarten, die inzwischen schon vergilbt an der Wand hängen und die Besucher, aber das ist doch schon so lange her, sagen.

“im februar kommt sie vielleicht für zwei wochen nach wien sagt”, sagt er.

das hat er schon oft gesagt, aber nie war sie da.

“du weißt sie wir dir nie gehören”, sage ich.

“o ja, wir heiraten irgendwann, ich sag dirs”, lauten hier die letzten Sätze.

” katarina heider erzählt prägnant, knapp und scheinbar kühl geschichten vom verlust der beziehung des ichs zu sich selbst, von der liebe, platonisch oder sexuell, oder zwischen geschwistern oder alles auf einmal” steht am  Buchrücken und ich füge noch hinzu, daß es hier wieder ein starkes Sprachtalent unter Dreißig zu entdecken gibt, von der ich vielleicht noch hören und schreiben werden.

Vielleicht wenn sie beim Bachmannpreis liest, fürs MUSA ein Stipendium bekommen hat, ihr erster Roman bei “Droschl”, “DVA” oder anderswo erschienen ist, etc und da fällt mir ein, daß ich vor einiger Zeit auch einen anderen themen- und sprachenschweren Geschichtenband einer jungen Autorin gelesen habe, die bei “Exil” einmal gewonnen und begonnen hat.