Jetzt habe ich mit dem ersten Kapitel angefangen und wieder habe ich mir dabei ein wenig schwergetan.
Dabei hatte ich am Morgen alles so schön konzipiert und sogar eine Gedichtzeile ist mir eingefallen, die ich der zwanzigjährigen Miranda Schutzengelchen, sie ist doch ein wenig älter, sonst geht sich mit dem ersten Weltkrieg und der Urururgroßmama nicht aus, beim Jointrauchen in den Mund legen wollte.
“Und wenn auf dem Feld die Schüße fallen, keine Angst Mütterlein, wir leben noch!”
Sie heißt auch Himmerbauer, nicht Berger, denn die Himmelbauerfrauen haben nach der Frühgeburt der Urururgroßmutter auch keinen Mann mehr genommen, ich weiß das hatte ich schon ein bißchen beim “Haus im Grünen” in der “Absturzgefahr” und die zwanzigjährige Miranda raucht den ersten Joint in der WG mit Philip und Lena, im Hintergrund läuft der Fernseher und da gibt es gerade den Bericht vom Flugzeugabschuß in der Ukraine zu sehen, Lena denkt an den 3. Weltkrieg, Miranda an ihre Urururgroßmama und die junge Augenzeugin, die im Fernseher davon berichtet, sieht Magdalena Himmelbauer auch sehr ähnlich.
So weit die Einstiegsszene, drei Seiten hat sie in etwa oder 1342 Worte, soweit so gut, aber wie geht es weiter?
Das ist es und das ist wohl mein ständiges Problem, das ich schon bei der “Heimsuchung”, der “Wiedergeborenen” der “Paula Nebel” und wahrscheinlich und und… hatte.
Zwar habe ich ja meine drei oder vier Personenstränge, denn da soll es ja mit dem Retortenbaby Valentina Schneeberger und ihrem Leihvater Bruno Leitner, weitergehen und Magdalena Himmelbauer könnte auch eine eigene Stimme bekommen, aber wie bekomme ich das zusammen?
Wie baue ich einen Plot?
Wenn ich mich da in den Schreibschulen umsehe, lese ich etwas von Spannung, der “Heldenreise” und, daß ich im ersten und im zweiten Akt je einen Konflikt einbauen soll und da habe ich wohl schon immer etwas ausgesetzt und denke zwar, wenn ich in die drei bis vier Geschichten, ob die Magdalena Himmelbauer im ersten Weltkrieg jetzt eine eigene bekommt, ist noch nicht so klar, zusammenbaue, müßte es wohl auch gehen, aber wie bringe ich die Großfamlie, beziehungsweise die Frühgeburt der Urururgroßmutter Mirandas, beziehungsweise die Krise, die der erste Joint bei ihr auslöste mit dem Retortenschicksal von Valentina Schneeberger zusammen?
Die ist zwar Sozialarbeiterin, jetzt in der Drogen-oder Krisenberatungsstelle “Change” und Miranda meldet sich, nachdem sie Magdalena nicht mehr aus ihren Kopf bekommt, auch bei ihr an und die besucht dann ihre Mutter und ihre Doppelmutter Leonie Schwanninger, aber das sind dann zwar sehr viele ungewöhnliche Geschichten, aber irgendwo reißt der Faden ab, das Material ist nicht da und wohl das, was ich nicht wirklich kann.
Schwierig schwierig, weil ich wieder mal nicht weiß, ob ich mit den drei Geschichten, die Buffets des Bruno Leitner sind auch noch da, weiterkommen, denn die Valentina ist ja schon erwachsen, und wie bringe ich jetzt ihre Geschichte mit der von der zwanzigjährigen Miranda zusammen und was ist der ihre, daß sie sich nach dem ersten Joint für ihre Großmutter hält und die überall sieht?
Wenn ich in die Plotratschläge schaue, komme ich auch nicht weiter und denke zwar wieder, Geduld haben, recherchieren, Material sammeln, drei Geschichten schreiben und die immer wieder umschreiben, bin damit aber bisher nicht wirklich weitergekommen oder doch natürlich, zweiunddreißig Bücher sind ja fertig geworden, aber vielleicht doch nicht so, wie ich es eigentlich wollte und vorläufig bin ich mit meinen vagen Ideen und den vier Szenenszenario zu Ende, obwohl ich ja noch nicht wirklich angefangen habe.
Aber doch ein bißchen spannend, wenn ich denke, daß ich die Geschichten parallel entstehen lassen kann, bei der Valentina in die Vergangenheit zurückgehen, denn sonst komme ich nicht zu dem Konflikt, den sie mit ihrer Leihfamilie hat und die Valentina ist vielleicht nur eine Nebenfigur, Ihre Klientin eben, die eine zweite Handlungsschiene bringt.
Mal sehen wie es weitergeht, solche Krisen hatte ich schon öfter und meistens bin ich auch über sie hinweggekommen, weil meine Bücher ja fertig geworden sind und das Weiterentwickeln der Anfangsidee ist wahrscheinlich wirklich der Punkt, wo ich stehe und an dem ich arbeiten sollte und dafür habe ich auch das nächste halbe Jahr oder viel länger Zeit, mal sehen ob mir das einmal gelingt?
Ansonsten geht es mir in der Sommerfrische ja sehr gut, ich versuche, was vielleicht ein bißchen ein Eigentor sein könnte, mir selber Schreibcoaching zu geben, weil ich mit dem Vorausskizzieren der Konflikte, nicht wirklich gut bin, da bin ich eher die, die ihre Ideen spontan entwickeln will, aber dann denke ich, ich müßte mir vielleicht ein bißchen mehr Theorie geben, das wäre ja der Sinn einer Schreibwerkstatt und da es mir ja ein bißchen am Feedback und am Interesse der anderen mangelt, wäre es ja spannend nachzusehen, was die Schreibschulen empfehlen?
Aber die raten zur Spannung und warnen gleich auf der ersten Seite, daß der Leser wegläuft, wenn man ihn nicht mit Konflikten an der Stange hält, dann denke ich zwar immer, daß ich das eigentlich nicht will schreibe und die Bücher, die ich lese, scheinen mir meistens auch nicht so am Reißbrett konstruiert. Aber es stimmt ja, es mangelt mir am Erfolg. Also wird schon was Wahres dran sein.
Mal sehen wie es weiter geht, morgen kann ich ja die geplanten Szenen weiterschreiben und dann, wenn es sein muß, jeden Handlungsstrang etxra vornehmen, aber bis ich soweit bin, fahren wir sowieso in den Urlaub und ich werde abelenkt, beziehungsweise kann ich vielleicht im Elsaß ein bißchen bezüglich des ersten Weltkriegs recherchieren.
Sonst gibt es Erfreuliches zu berichten, nämlich eine wirklich schöne und ausführliche Rezension meines “Literaturgeflüsterbuchs” von Lev Detela, der auch ein slowenischer Autor ist und bei “Hermagoras” verlegt, in der Zeitschrift “Log” und als ich heute meine Sommerfrischenradfahrt zur “Seedose” machte, habe ich dort eine ziemlich neusaussehendes “Blindschleichenbuch” gefunden und gedacht, daß ich es vielleicht der Ruth mitbringen könnte, weil die ja immer klagt, daß sie vom Verlag nur sehr wenige Bücher bekommt, es war aber eines mit ihrer Widmung, also auch sehr interessant, wo die Bücher herkommen und hingehen und ich denke ja auch immer, daß man vielleicht auch eine Bücherschrankstudie machen könnte.
Day: 23. July 2014
Plebanus Ioannes, Thabiti kumi
Da war ich ja einmal in einer Veranstaltung über Kärntner, italienische und slowenische Literatur im Literaturhaus, wo mein diesbezüglicher Bericht Hans Raimund so gar nicht gefallen hat, die mich aber doch sehr beeindruckte und die Namen der von Erwin Köstler herausgegebener slowenischer Bibliothek haben mich auch sehr beeindruckt, obwohl sie für mich alle unbekannt waren.
Zofka Kveder, Ivan Pregelj, Vladimir Bartol und Marjan Rozanc habe ich geschrieben und mir die Bücher wohl auch angesehen. Jetzt ist bei der sommerlichen “Hermagoras-Spende” Ivan Pregeljs “Plebanus Ionannes” zu mir gekommen, was sowas wie Landpfarrer, Leutepriester heißt, denn das Buch hat glücklicherweise einen ausführlichen Anhang, wo die lateinischen Phrasen, die die Landpfarrer in den slowenischen Gemeinden des sechzehnten Jahrhunderts und wohl auch anderswo verwendeten, ausführlich erklärt werden und der Landpfarrer ist Janez Geiler aus Tolmin, den wir sechzehnjährig in Rom begegnen, wo er aus dem Priesterseminar flüchtet, um vorbei an den aufgehängten Inquisiten, zurück in seinen Heimatort zu gehen und dort die Pfarre, zuerst als Kaplan, dann als Vikar zu übernemen.
In dem expressionistisch geschriebenen Roman aus dem Jahr 1921 des 1883 geborenen und 1960 gestorbenen Gymnasiallehrer und Dichter Ivan Pregelj wird auch einiges autobiografisches enthalten sein, war er doch auch in einem Priesterseminar, ist von dort ausgetreten, um ein illegitimes Kind in die Welt zu setzen und ist trotzdem sein Leben lang gläubig und katholisch geblieben und so beschäftigen ihn, beziehungseise seinen Plebanus Ionnes auch diese Themen.
Bei den “Amazon Rezensionen” habe ich gelesen, daß dieser mittelalterliche Landpfarrer kein angenehmer Bursche ist, nämlich prügelnd, fluchend und auch von den Verlockungen des Leibes geplagt, lebt in seinem Haus außer einer alten Köchin, auch ein junges Mädchen, die Katrica, die er mit seinen Mesner verehelichen will, die er begehrt, aber ein Diener Gottes darf ja keinen Leibesfreuden frönen, nur die Mägde und die Knechte auf der Weide, an der der Gottesmann manchesmal sinnierend vorüber geht.
“Das ist die Gesundheit, das ist Jugend, und sie sind sich Mann und Frau. Und wenn sie es nicht sind, du lieber Gott, dann sündigen sie nicht, wie sogar mein guter Padrone geschrieben hat, mit der Absicht Gott zu beleidigen. Er wird die beiden richten, nicht ich! Sie haben nicht Jungfräulichkeit gelobt! Nur ich habe sie gelobt!”
Es gibt im Pfarrhaus eine Weltkammer, wo der Priester sich mit dem damaligen Wissen der Zeit ausgestattet hat, da wird gelesen und lateinisch gebetet, es gibt auch einen Neffen Peter, Sohn der Schwester, den Studenten, den der Pfarrer neben dem Mesner, der Köchin und Katrica auch noch durchhalten muß, so daß ihm nur wenig zu leben bleibt, mit dem er sehr unzufrieden ist. Und als der Neffe zum Oheim zu Besuch kommt, muß er erleben, daß er Katrica schwängert.
Der erboste Pfarrer sperrt das Mädchen deshalb in die Knochenkammer ein, so rau waren damals die Sitten, daß man das mit den ungetreuen Ehefrauen machte, dann wird er vom Dienst suspendiert “Suspensatus a divinis, a beneficio!”, wahrscheinlich nicht deshalb, sondern weil er sich mit seiner weltlichen und geistigen Obrigkeit, da gibt es ja einige Konflikte, die sich bis heute fortpflanzen, angelegt hat, wandert in die Stadt, um sich die Absolution zu holen. Das geht nicht ohne Entschuldigung an den Widersacher und sein Letztes Geld muß er auch in den Opferstock stecken.
Gott hat trotzdem mit ihm Erbarmen, die Pest, die gerade das slownische Land erreicht, rafft seinen Widersacher hinweg, Peter, der Vikar und die Köchin sind auch gestorben, so kann er mit Katrica bis an sein oder das Ende ihres Lebens zusammenbleiben, Wein trinken und die Heilige Messe halten…
Das Buch ist, wie im Anhang steht in seiner expressionistischen Art nicht leicht geschrieben und auch für die Slowenen nicht unbedingt verständlich. Damals, 1921 hat es in den kirchlichen und sonstigen Kreisen auch großes Aufsehen und Widerstand erregt.
In der 1933 erschienenen Novelle “Thabiti kumi”, was soviel wie “Komm steh auf!”, bedeutend dürfte, stolpert der nun gealterte Priester, gefolgt von einem anderen Mesnerknaben in der Nacht und in der Dunkelheit zu einem sterbenden Mädchen, dem er die Beichte abnehmen soll. Er will aber das Wunder der Unsterblichkeit vollbringen und so findet er sich am Morgen nackt neben der Toten liegen und sein Geist ist dahin.
Eine wahrhaft mächtige Geschichte eines fast geistlichen Herrn aus dem vorigen Jahrhundert.
Wer wissen will, wie das Leben eines heutigen Priester in einer Kärntner Gemeinde aussieht, dem ist das “Fünfzigste Jahr” aus demselben Verlag zu empfehlen.