ÖVP-Sommerfest

Eva Jancak © Harald Stockinger

Eva Jancak © Harald Stockinger

Ich bin ja irgendwie in vielen Karteien, weil ich schon lange zu sehr vielen Veranstaltungen gehe. Erst in letzter Zeit versuche ich mich auch Blogbedingt, auf Literarische zu konzentrieren und es wird ohnehin eher überall eingespart und der Zugang zu Buffets, siehe “Alpha” limitiert und nur per persönlicher Einladungskarte mit Anmeldung und Vorweisen vorberhalten.
In die ÖVP-Kartei scheine ich aber geraten zu sein, kann ich mich ja an eine sehr tolle Veranstaltung etwa 2003 oder 2004 in der ÖVP Akademie bei Schönbrunn erinnern, wo recht wenig Leute waren, der inzwischen verstorbene Christoph Wagner ein Sptzenmenu mit, ich glaube, Muscheln zelebrierte und irgendeine Zeitung vorgestellt wurde, die ich etwa ein Jahr zugeschickt bekam.
Da habe ich gefragt, wie ich in die Kartei geraten bin, was mir niemand sagen konnte, bin ich ja eher nicht ÖVP zentriert, sondern eine sozialistische Arbeitertochter und parteilose Kummunistin, wie ich mich so bezeichnen würde. Zu der ÖVP gibt es aber einen anderen Bezug, allerdings erst später, als ich ich schon in der Kartei war, nämlich durch meine “Ohrenschmaus Jurytätigkeit”, denn Franz Joseph Huainigg der Initiator ist oder war ÖVP Behindertensprecher und wir habven unsere Jury Sitzungen auch einge Male im ÖVP Parlamentsklub im Parlament abgehalten.
Jetzt ist eine Einladung zu einem Sommerfest in die ÖVP Arkaden beim Rathaus gekommen, da ist die ÖVP-Clubszentrale, das weiß ich noch von den Demonstrationen gegen Schwarz Blau Anfang 2000, an denen ich mich beteiligt habe.
Kurz nach fünf habe ich die Arkaden erreicht, mußte meinen Namen sagen und bekam ein Bändchen, wie im Krankenhaus, die ich eigentlich sehr hasse, umgehängt, ein knallgelbes Bändchen, die ÖVP-Farbe zur Identifizierung und bin dann eine Zeitlang in den Arkaden hin-und herspaziert und habe mich sehr eingeperrt gefühlt, denn das Gelände war nach außen abgeriegelt und mit Security bzw. den jungen Frauen in den gelben Jacke bei der Aufnahme verstellt.
Es kamen dann die Leute, wurden immer mehr, zuerst kaum welche, die ich kannte und ich hatte den Eindruck ich wäre zwischen ÖVP-Funktionäre geraten.
Dann wurden die Getränkestände eröffnet, es gab Knabberstangerln mit Aufstrichen und man mußte sich an die Tische stellen, um mitzunaschen, was auch recht schwierig war, weil die Leute sich untereinander zu kennen schienen und niemanden dazuließen.
Dann rief mich schon Eva Singer, die ehemalige Mitarbeiterin von Franz Joseph Huainigg und “Ohrenschmaus-Organisatorin” an und beim Buffet wurde hinter abgesperrten Tischen ein Spanferkel gebraten, Ketchupflaschen und Pfefferonigläser hingestellt.
Das war dann bald von Leuten umringt, während um sechs Michael Spindelegger, der Parteiobmann und Vizeokanzler mit einer Rede begann, von der nur wenig zu verstehen war und mir nicht sehr viel als das “Erneuern der bürgerlichen Werte” im Gedächtnis blieb.
Danach gab ein Buffetgedränge, ich war ziemlich weit vorn, füllte meinen Teller mit zwei Bratwürsteln, Spanferkelstücken und den Beilagen an und es war dann gar nicht so schwer, wie vermutet zurückzukommen, hätte ich doch fast an eine Rauferei gedacht.
Es gab auch genügend zu essen und ich habe mich mit einer Frau, die sich, wie sie mir sagte, auch vor der Drängerei gefürchtet hat, sehr nett unterhalten.
Es gab auch freundliche Leute unter den vielen sich Kennenden, Michael Spindelegger ging herum und reichte allen die Hand und ich begann nach dem Mojito zu suchen, den manche Leute in der Hand hielten und fand ihn erst sehr spät auf der anderen Straßénseite Da gab es dann auch bequeme Polstersessel zum Niedersetzen, allerdings auch recht schwierig einen Platz zu bekommen, obwohl auf der Einladung etwas von “gemütlich” stand.
Ich bin allerdings mit einem sehr freundlichen Fotografen und einem ÖVP-Bürgermeister ins Gespräch gekommen und als ich wieder zurückgegangen bin, bin ich auch auf ein paar Leute gestoßen, die ich von Veranstaltungen kenne.
Dann tauchten plötzlich Schwedenbomben auf, in Schachteln auf den Tischen und zu manchen konnte man hingehen und “Darf ich?” fragen, bei anderen schrieen die Leute “Das ist Unsers!” und rißen einen die Schachtel weg, wenn man danach greifen wollte und ich dachte, die ÖVP wäre eine christliche soziale Partei, die gerne an das Teilen und an andere denkt und die meisten Leute sahen auch sehr wohlhabend aus und waren elegant gekleidet.
Jetzt habe ich aber auch eine Einladung zu einem Coming together in den fünften Bezirk erhalten, wo die Bezirksvorstehung die Künstler mit der Wirtschaft zusammenbringen will, mal sehen wie das wird, vielleicht gibt es da weniger Gedränge, haben solche Maßenveranstaltungen immer eine eigene Dynamik und der Drang nicht genug zu bekommen, scheint offenbar weitverbreitet und ist wahrscheinlich auch bei mir vorhanden.

Forellenschlachten

Bevor es nach Slowenien geht, noch nach Ex-Jugoslawien, beziehungsweise zu dreiunddreißig Briefe aus dem vergessenen Krieg der ORF Journalistin Veronika Seyr, die von 1988 bis 1997 Auslandskorrenspondentin in Moskau und Belgrad war und ihre diesbezüglichen Erfahrungen im “Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft” herausgegeben hat.
Und da ist ja vor kurzem eine Rezensionsanforderung des Verlags an mich gekommen und nach einer Verzögerung auch das Buch und ich muß sagen, da hätte ich etwas versäumt, wenn das an mir vorbeigegangen wäre, obwohl ich die Neuzehnneunzigerjahre ja sehr bewußt und aktiv erlebt habe.
Im April 1991, da war ich über Ostern in Japan, ist meine Mutter gestorben, ich habe dann meinen Vater bis zu seinem Tod Ende 95 betreut, das heißt, ich bin zwei bis dreimal täglich von meiner Wohnung bzw. Praxis in seine gefahren und eine Zeitlang hat sich meine Wohnung in Harland in St. Pölten befunden und die Praxis in der Gumpendorferstraße, bis ich mir die in der Reinprechtsdorferstraße mietete und wir in der Gumpendorferstraße wohnten. Im Zug bin ich mit den bosnischen Flüchtlingen in Berührung gekommen, mit der Tante Dora aus Belgrad habe ich eifrig korrespondiert und sie 1998 war das, glaube ich, auch besucht, ein paar Bücher über die politische Situation habe ich sicher auch gelesen.
Trotzdem oder deshalb ist vieles an mir vorbeigegangen, so daß ich das Buch allen an der Politik Interessierten wirklich nur empfehlen kenn.
Außer dem World war one, der sich heuer zum hundertsten Mal jährt, gab es vor zwanzig Jahren über der österreichischen Grenze den Balkan Krieg. Wolfgang Petritsch, der, als wir in Belgrad waren, österreichischer Botschafter dort war, hat das Vorwort geschrieben und Veronika Seyr eine mutige und offene Frau genannt und so beginnen die Briefe aus dem vergessenen Brief an eine Katja, das Buch ist der Tochter Julia gewidmet, in Belgrad, Ende September 1991.
Veronika Seyr hat gerade in der schönsten Villengegend Belgrads in einer Straße, die auf Deutsch “Opfer von Dachau oder Mauthausen Straße” heißen würde, ein ORF-Büro errichtet, sie wohnt dort auch mit ihrer Tochter und dem russischen Kindermädchen. Sie ist offenbar Alleinerzieherin und will als solche auch nicht bevorzugt werden, kann nicht schlafen, weil in der Nacht die Bomber über ihrem Kopf dröhnen, die “gazela” heißen und am Nachmittag bringen sie die Verwundeten ins Militärkrankenaus.
Das sind meist junge Burschen, die von der Schule in den Krieg geschickt wurden.
“Mama, laß mich nicht sterben, ich habe noch nicht gelebt”, heißt so auch die Kapitelüberschrift und als Veronika Seyr in der Belgrader Hauptstraße in einem Cafhaus sitzt, sieht sie zwei junge Burschen mit Holzbeinen vorrüberhumpeln, die über die Straße wollen, aber nicht durch die Unterführung können, so hält der Verkehrspolizist, den Verkehr für sie an.
Man sieht Veronika Seyr hat Talent zum schreiben und versteht packend zu erzählen, andererseits wäre es auch schwer und vielleicht auch langweilig, den Kriegsereignissen zu folgen.
Im zweiten Brief gehts zuerst nach Vukovar und dann nach Albanien. In Vukovar sind die Serben eingefallen und haben alle Häuser mit “Hier ist Serbien, das ist ein serbisches Haus”, bemalt und die Fahrt in das Armenhaus Albanien ist gespenstig. Es wurde ihnen schon geraten Verpflegung und Benzin mitzunehmen, einen Dolmetscher, der all das übersetzt, haben sie auch und im einzigen offen Hotel reserviert. Die Kinder überfallen sie dann am Straßenrand, betteln um Süßigkeiten und werfen mit Steinen, wenn sie keine bekommen und ein Vater prügelt wegen der kummunistischen Proaganda seinen Sohn, als der die erhaltenen Süßigkeiten in den Mund stecken will, der bösen Ausländer wollten ihn möglicherweise vergiften.
Im Hotel ist dann kein Platz, die Reservierung ist nicht angekommen, sie müßen im kalten Auto schlafen und das noch dazu vom Rezeptionisten bewachen lassen.
Im dritten Brief ist Weihnachten, Julia und das Kindermädchen sind in Wien, Veronika muß Dienst schieben, ärgert sich darüber und hört sich ein Konzert von einem Potestsänder “Wenn du schon ein ganzes Volk hassen mußt, dann versuch jeden einzelnen zu hassen. Es wird dir nicht gelingen”, an, das seltsamerweise von der Zensur nicht verboten wurde.
Dann gehts ins schöne Dubrovnik und ins Holiday Inn, wo auch Radovan Karadic mit seiner Leichwächterschar residiert, die sie dann beim Frühstück trifft. Radovan Karadic ist für eine ethnische Kantonisierung und Veronika Seyr besucht einen Freund, der nicht praktizierender Moslem ist, mit seiner Frau, einer bosnischen Kroatin und einer Tochter lebt. Er zeigt ihr die anderen gemischten Familien in dem Haus, später gehen Frau und Tochter nach Deutschland, während er mit seinem Vater zurückbleibt.
Als der Kampf in Sarajewo losgeht, muß Veronika Seyr nach Belgrad flüchten, um ihren serbischen Mitarbeiter aus der Gefahrenzone zu bringen. Dort erlebt sie den Haß der Mütter auf die Ausländer, sie wird beschimpft, ihrer Tochter Julia wird der schöne Teddypyjama nicht verkauft.
Das Leben der Familie Milosevic wird beschrieben, Slobodan hat sich als Bankangestellter in der Partei hochgearbeitet, seine Frau Mirjana Markovic ist eine Partisanentochter, Sozilogieprofessorin, die schwarze Haare hat und immer Blümchen und Seidenkostüme mit großen Punkten trägt, die sie noch dicker machen, ihre Tochter ist Rundfunkdirektorin mit Waffe, der Sohn Autonarr und Mafiosi, während die Bevölkerung hungert, der Kaffee kostet schon eintausendfünfhundert Dinar und die ehemalige feinen Damen stierln in den Abfallkübeln der reichen Gegenden und freuen sich, wenn sie einen halben Rahmbecher finden.
Im zehnten Brief sind wir im April 1993 und da besuchte Veronika Seyr ein ehemaliges Folterlager in der Nähe von Banja Luka, wo zu Ostern die serbischen Rekruten, alles ganz junge Buben, angelobt und mit Ostereiern beschenkt wurde, der vierundzwanzigjährige Mechaniker Dragan hat seinen Bruder begleitet und gibt ein Interview mit seinen Kriegserfahrungen, er hat einen kleinen muslimischen Buben erstochen, damit der nicht schreien und ihn nicht verraten konnte und bekommt seine Augen nun nicht mehr los und im Sommer 1993 will sie mit ihrem Auto mit Belgrader Kennzeichnen, das schon in Wien die Polizei auf den Plan rief, mit ihrer Tochter und deren Freundin nach Istrien auf Urlaub fahren und erlebt dabei ihre Wunder mit den Grenzern “Wir haben Krieg mit Ihrem Land, Madame, verstehen Sie das nicht!”, einen Hund der ehemaligen serbischen Armee kauft sie auch einer Flüchtlingsfamlie ab und bringt ihn nach Begrad zurück, wo er prompt gestohlen wird.
Dann geht es weiter mit dem Leben in Belgrad mit der wachsenden Inflation, die Not des Belgrader Zoos, den ich 1998 auch mit dem Alfred und der Anna besuchte, wird erwähnt und ein Spendenaufruf im ORF, ein Unfall Julias, die nach Wien ins Krankenhaus ausgeflogen werden mußte und die Reisen in die zunehmenden Krisen- und Kampfgebiete.
Im zwanzigsten Brief geht es um den Kosovo, Veronika Seyr berichtet von einem Wehrdienstverweigerer, der nach Klagenfurt geflüchtet ist und dort Schwierigkeiten mit seinem Asylantrag hat, denn Wehrdienstverweigern ist kein Flüchtlingsgrund.
Im Dezember 1994 ist es kalt in Belgrad, der Strom wurde abgedreht und die Bevölkerung erinnert sich an ihren kommunistischen Bürgermeister Bobgan Boganovic, dem Architekt und Baumeister, inzwischen nach Wien geflüchtet, der das 1985/86 auch mal tat und im Fernsehen im dicken Schal sparratschläge gab.
An das Massakaker von Srevenica vom Juli 1995 dem achttausend muslimische Männer und Burschen zum Opfer fielen, wird im vierundzwanzigsten Brief gedacht, Veronika Seyr berichtet von der serbischen Berichterstattung und gibt in ihrem “Alltagssplitter” auch das damals größte Medienereignis, die Traumhochzeit von Arkan mit der Turbo-Folkpop Dova Ceca, im maßgeschneideter himmelblauer Phantasieuniform, dem ersten Weltkrieg nachempfunden, mit Säbel und Rundkäppi kund.
Mit “Serbien ist ein verrücktes Land, ein Gulag unter der Leitung von Monty Python”, einem Zitat ihres Lieblingsjournalisten und Landespsychiaters Jovan Cerovic, endet dieser Brief, der mit “Sei herzlich gegrüßt aus dem Irrenhaus”, unterschrieben ist.
Bei einer Demonstration wird sie als Hurentochter beschimpft und von Frauen als “daitsches Schwain” angegriffen und traumatisiert, so daß sie sich im Krankenhaus Lain behandeln lassen muß, wobei sie von der bosnischen Putzfrau, die sie für eine reiche Serbin hält, bestohlen wird. Sie wird auch von einer Flüchtlingsfamilie, die sich als eine Mafiabande entpuppt ausgenützt und lernt Peter Handke beziehungsweise sein Buch “Gerechtigkeit für Serbien” kennen, der in der Nationalbibliothek sehr hofiert wird, sich beim Interview als zickig anstellt und Fehler in seinem Serbenbild kann sie auch erkennte.
Ihr Lieblingsschriftsteller ist aber ohnehin Ivo Andric, dessen “Brücke über die Drina” und “Wesire und Konsuln” auch auf meiner Leseliste stehen.
Der dreiunddreißigste Brief vom September 1997 kommt schon aus Wien, Veronika Seyr hat den Kosovo-Krieg nicht mehr abgewartet, sondern befindet sich schon auf den Weg zu ihrer nächsten Station nach Russland.
Jetzt hat sie das Buch mit ihren Balkan Erinnerungen herausgegeben, erklärt in ihrem Nachwort den Grund und erzählt von einer Lesung in der “Alten Schmiede” und im Cafe Korb, die schon vor dem Erscheinen hatte und sehr freundlich aufgenommen werden.
Es gibt noch Anmerkungen zu den Briefen, eine Zeittafel, ein Personenverzeichnis und eine Literaturliste, die einem das Eintauchen in die Geschichte vor zwanzig Jahren erleichtern können. Mir hat der Ausflug in den “vergessenen Krieg” interessante Erkenntnisse und Erweiterung meines Bewußtseins gebracht und kann auch auf mein eigenes Archiv verweisen.