Die Pendragon-Legende

Die “Pendragon-Legende” von Antal Szerb habe ich mir gleich zweimal gekauft, einmal die englische Version, ohne es zu merken, bei “Buchlandung” auf der Landstraße, vor ein paar Jahren, als ich, glaube ich” zu einem Vortrag oder Seminar zur Sigmund Freud Uni hinausging und dann in einem der zwei Buchgeschäfte auf der Wiedner Hauptstraße, von denen es nur mehr eines gibt, ebenfalls um einen Euro oder zwei, die deutsche Ausgabe.
Die englische Version habe ich inzwischen in den Schrank gestellt, weil es wenig Sinn macht, eine ungarische Übersetzung auf Englisch zu lesen und als ich meine ungarischen Anthologien und die Wespennest-Bücher vom Ungarn Schwerpunkt in Frankfurt zusammengesammelt hatte, um sie auf die Badereise mitzunehmen, ist mir der 1901 Geborene eingefallen, der ja auch vor kurzem widerentdeckt wurde und dessen “Reise im Mondlicht” schon durch das auffallende Cover sich bei mir sehr eingeprägt hat.
Sonst hatte ich keine Ahnung von dem Szegeder Universitätsprofessor, dessen Leben, wie im Nachwort steht aus Büchern und Bibliotheken bestand und der eine Literaturgeschichte schrieb, die heute noch Geltung hat. Sehr jung, nämlich 1945 ist er in einem Internierungslager gestorben und die “Pendagron-Legende”, die ich jetzt in knapp vierundzwanzig Stunden im Bad und in der Badewanne ausgelesen habe, ist wirklich interessant und knüpft irgendwie an die beiden anderen ebenfalls schon längst verstorbenen Ungarn, die ich vorher gelesen habe, obwohl das Buch nicht in Budapest sondern in Wales bzw. in London spielt und wahrscheinlich, sowohl als Satire auf den englischen Snobismus zu verstehen ist, als auch eine Mischung zwischen einer Kriminalgeschichte und einem mysthischen Rätsel ist, die man heutzutage wohl Phantasy nennen würde.
Da ist Janos Batky, ein Philologe, wohlhabend und aus Passion in England lebend, wo er sich reichen Leuten zeitweise als Sekretär zur Verfügung stellt, dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt, obwohl er sonst eine Neigung für die Mystik des siebzehnten Jahrhunderts hat und der lernt auf einer Gesellschaft in London den Earl of Gwynedd kennen, der als seltsamer Mensch beschrieben wird, der auf seinen Besitzungen Experimente macht und auch unsterblich sein soll. Der ist von dem Wissenschaftler begeistert und lädt ihn auf sein Schloß ein, um dort seine Bibliothek zu benützen und die Ereignisse überstürzen sich.
Denn als Batky am nächsten Tag die britische Bibliothek benützt fällt ihm dort ein merkwürdiger Lügenbaron auf, der den Eindruck macht, als hätte er noch nie im Leben eine Bibliothek benützt, sich Batky aber anschließt, ihn nicht mehr aus den Augen läßt und ihn auch nach Wales zu den Besitzungen des Earls begleitet. Vorher lernt Batky noch dessen Neffen Osborne, einen ziemlichen Snob kennen und einen Ring von einer schönen Dame soll er dem Earl auch mibringen. Der empfängt die drei dann ziemlich ungnädig und in den ersten Nächten führt Szerb uns das vor, wie man sich die englischen Gespensterschlößer wohl vorstellen soll.
Das Zimmer hat keinen Schlüßel, draußen wachen die Hellebarden und die Gespenster in mittelalterlicher Kleidung rasen auch vorbei, das Gepäck wird durchsucht, das Päckchen das der seltsame Maloney Batky übergeben hat, verschwindet und der Pfarrer kommt auch, wirkt besorgt, erzählt Batky von den seltsamen Experimenten des Grafen, der die nächsten Tage verschwunden ist und den Ahnungen seiner Schwester. Dann taucht der Earl wieder auf und die Nicht Cynthia, eine seltsam ahnungslose Volkskundlerin, die Bela Bartok für einen Dichter hält, erzählt Batky von einigen Mordanschlägen an den Onkel.
Osborne, Maloney und Batky fahren dann auch zur Burg Pendragon, das ist das Mausoleum der Grafen, wo der erste, der vor einigen hundert Jahren gestorben ist, sich unversehrt befinden soll, wie Batky aus den alten Schriften herausbekam. Die Schwester des Pfarrers warnt davor, denn sie hat geträumt, Osborne wird dort umkommen, es gibt auch eine Falltür und Maloney wird zuerst vom Earl hinausgeschmissen, weil er gestohlen haben soll, später stürzt er aus dem Fenster und der Earl schickt Batky nach London zurück, um eine Schrift aus der Bibliothek zu holen, die will aber die Lady haben, die dem Earl schon den Ring schickte und es beginnt auch in London eine wahre Gespensterjagd. Am Schluß klären sich die Geheimnisse, es geht auch um eine seltsame Erbschaft, ein paar Mal werden dabei noch die Welten gewechselt, Sigmund Freuds Traumdeutung, die Geschichte handelt 1933, spielt dabei auch eine Rolle. Eine Verfolgungsjagd mit einer Verkleidungsszene wo Batky sich mit dem Arzt Morvin trifft, der von ihm die Bestätigung haben will, daß Maloney vom Balkon gestoßen wird, ihm dabei erpresst und dann von den harmlosen Indern am Nebentisch, die sich als Osborn und die Berlinerin Lene Kretzsch, ein in Oxford studierender Blaustrumpf, entpuppten, überwältigt wird, in einen Keller werden die drei auch noch gesperrt, bis sich die Sache aufklärt, die Bösen ihren gerechten Ton finden, der Earl seine Experimente einstellt und die Riesenaxolotls, die er gezüchtet hat, dem Zoo übergibt und Batky, der sich in die schöne Cynthia verliebte, bekommt diese natürlich nicht, da sich die in der Schweiz standesgemäß verlobt.
Spannend spannend, die ungarische Literatur der fast vergessenen und wiederentdeckten Dichter, die heutigen Phantasyromane sind wahrscheinlich mit mehr Bezugnahme auf den Lesergeschmack geplottet, soviel Gelehrsamkeit, Satire und schwarzer Humor ist aber nicht so schnell zu finden. Vielleicht hat es Antal Szerb Spaß gemacht, sich über die Engländer lustig zu machen und die Genres zu verwechseln und so schreibt auch Thomas Steinfeld am Buchrücken “Szerb nicht gekannt zu haben, ist ein Versäumnis” und Gyorgy Dalos weiß über seinen Schriftstellerkollegen auch nur Lobendes zu sagen.
Jetzt wäre es wohl noch spannend Sandor Marais “Ein Hund mit Charakter” zu lesen, das ich ebenfalls nach Ungarn mitgenommen habe, aber dafür ist der Aufenthalt wohl zu kurz

Die Jungen von der Paustraße

Jetzt geht es weiter mit der Ungarnlitertatur, nämlich dem berühmten Jugendbuch von Franz Molnar “Die Jungen von der Paulstraße”, 1910 zuerst erschienen, das ich einmal im Fernsehen gesehen habe. Auf der Ueberreuter-Ausgabe, von 2005, die ich im Schrank gefunden habe, sind auch die Filmgesichter, Mario Adorf, zum Beispiel, zu sehen und beim Zusehen, wie beim Lesen sind mir die Tränen, ob der Senitmentalität und Traurigkeit der Handlung heruntergerunnen, obwohl der Inhalt eigentlich arg ist, diese Geschichte von den aufrechten Jungens der Budapester Josefstadt, die wie die Großen Krieg spielen und dabei echte, wahre und anständige Charaktere sind, obwohl es wahrscheinlich auch satirisch zu verstehen ist.
Es beginnt in der Schule, da geht der Unterricht in fünf Minuten zu Ende, der strenge Professor unterrichtet aber tapfer weiter, obwohl die Jungen den Kopf schon woanders haben. Denn die Fahne der Jungens von der Paulstraße, die auf einem Lagerplatz ihr Hauptquartier haben, wurde von der den “Roten Hemden” geraubt und nun sinnt der Präsident, der später zum General mutiert, der vierzehnjährige Boka, auf Rache, der ist ein besonders aufrechter Typ, der mit Ehre und Anständigkeit handelt, zwar seine Untergebenenen die Leutnants und die Hauptmänner und den einzigen Infanteristen den kleinen Nemecsek, die ständig saltuieren, streng reagiert, auf Rache. Zuerst wird er aber gewählt, nur ein paar Stimmen bekommt Gereb ab, der läuft daher zu den “Roten Hemden über”, die auch so einen aufrechten, ehrenhaften Anführer haben, wird aber von Boka und Nemecsek und noch einem anderen, die auspähen gehen, entdeckt und der kleine Nemecsek, der auch in die höheren Ränge aufsteigen will, versucht besonderen Mut zu beweisen und wird drei Mal ins kalte Wasser getaucht, so daß er sich erkältet, eine Lungenentzündung bekommt und schließlich stirbt.
Das wird von Molnar besonders dramatisch geschildert, so daß die Tränen fließen, die Jungen der Paulstraße haben die Rothemden inzwischen besiegt, die Fahne ist zurückgekommen, ebenso Grebe, der zuerst einfacher Soldat wird, dann doch wieder aufsteigt und der kleine Nemecsek wird Hauptmann und auch sonst rehabilitiert, da gibt es auch noch eine “Kittbande”, die vom Professor verboten wird, aber doch weiterbesteht, bei der er Sekreteär ist, aber keine Zeit für sie hat, weil er ja die Fahne zurückholen will, erlebt das aber nicht mehr richtig und auch nicht, daß das Gelände verkauft wird und Häuser darauf errichtet werden.
Ein sehr berühmtes Jugendbuch, aber auch wahrscheinlich eines, das viele aufrechte Jungen auf den Soldatenberuf vorbereitete, den sie dann später vielleicht auch zweimal ausüben mußten. Zwei kritische Stellen, sind auch zu finden, so wollen die Rothemden das Gelände der Paulstraßen-Jungen nicht aus Machtgier, sondern, weil sie keinen richtigen Spielplatz haben, die Großen, wie die Russen beispielsweise tun das aber auch, merkt Molnar an und zuerst sind die Soldaten mutlos, wenn sie dann ein Ziel sehen, dann rennen sie dafür auch in ihrem Tod und der Herr, der von dem Schneider Nemecsek seinen Anzug haben will, nimmt keine Rücksicht darauf, daß dessen Kind nebenan im Zimmer im Sterben liegt…
Heute wäre ein solch aufrechter Soldatengehorsam mit Freude, Ehre und Anständigkeit nicht mehr vorstellbar, obwohl, wenn man es recht bedenkt, spielen die Kinder vielleicht nicht mehr mit Zinssoldaten oder auf Lagerhalden Räuber und Gendarm, dafür schießen sie aber wahrscheinlich in Viedeospielen auch noch genug “Feinde” ab.
Franz Molnar, oder Ferenc, wie in Wikipedia steht, wurde 1978 in Budapest geboren und starb 1952 in New York und ist der Autor von so berühmten Stücken wie den “Liliom”.