Nanowrimo-Schwierigkeiten

Die gibt es natürlich auch, gleich gestern Abend sind sie gekommen, prompt und zuveräßig, was täte ich auch ohne sie? Obwohl der gestrige Tag ja sehr gut angefangen hat. Ein Nanobericht am Morgen, dann mit etwas schlechten Gewissen, die fünfzehntausend Worte hineingestellt, die ich schon hatte, aber die anderen Teilnehmer, deren Statistik ich mitlese, haben auch ihre eigenen Regeln. Dann ist es zum Friedhof und in die Wachau, zu einer guten Fasansuppe, einer Rehleber und einem Mohnstangerl gegangen und danach habe ich, statt beim Nanowrimo in die Finger zu spucken, das Literaturgeflüster-Texte-Buch” durchgesehen, keine Fehler gefunden, so daß es an die Druckerei gehen und vielleicht wirklich zum literarischen Geburtstagsfest fertig werden kann. Die erwartete Gästezahl haben wir jetzt auch durchgerechnet, ich schätze zwanzig, der Alfred liegt in seiner Schätzung höher. Danach habe ich die Vorschau in den Blog gestellt und war dann müde und in dieser Stimmung sollte man sich eigentlich nicht über den Nanowrimo setzen, das rät auch Anni Bürkl, die Nanowrimokummertante, aber das schlechte Gewissen plagte. Denn eigentlich habe ich bald nur mehr ab dem fünfundzwanzigsten Zeit und wie schaut das aus, wenn nach der Marathoneintragung nichts mehr dazukommt, wenn ich meine Statistik schon der Öffentlichkeit zugänglich mache? Ich mußte aber erst die dreißig Seiten durchsehen, weil ich außer der handgeschriebenen Szene zwölf keine wirklichen Pläne mehr hatte und da begann dann das Dilemma. Denn das, was ich da letzten Sonntag so rauschartig vor mich hingeschrieben habe, hat mir nicht mehr gefallen und wäre dringend zu überarbeiten.
Aber das soll man nicht beim Nanowrimo und außerdem würde ich die fünfzehntausend Worte so auf zehn oder zwölftausend reduzieren und was mache ich, wenn dann nichts mehr dazu kommt? Also auf die Seite der anderen schauen. Klaudia Zotzmann hatte auch schon an die zehntausend Worte, weil sie ihren Krimi vom Vorjahr überarbeitet und ich hatte ja noch eine Szene, aber die hat mir schon beim Konzipieren nicht gefallen und war außerdem ziemlich unlesbar. Also habe ich mich eine Weile damit gequält, sie dann gelöscht. Am zweiten Tag einen Minusstand von fünfundsiebzig Worten gehabt, denn es war schon nach Mitternach, als ich das tat und mir gedacht, daß ich mich in einem Nanowrimo-Widerspruch befinde, denn eigentlich will ich ja die Qualität, die mir ja angeblich fehlt. Vielschreiben kann ich schon, aber offensichtlich auch nicht immer, vor allem wenn ich mich selbst blockiere. Obwohl es für den Monat November oder die Zeit, die mir dafür zur Verfügung steht, vielleicht eine gute Idee wäre, mir meine zehn Erzählstimmen aufzuschreiben und einfach der Reihe nach eine Szene nach der anderen hinunterzuschreiben. Einen ungefähren Handlungsplan habe ich ja und genau nach Vorschrift nichts planen und nicht denken, um so wie beabsichtigt, den Zensor aus meinem Kopf zu bringen und der ist ja bei mir, glaube ich, besonders stark vorhanden. Hat mir ja Erich Klinger auch auf der letzten GAV-GV gesagt, ich mache auf ihn den Eindruck, als würde ich mich und mein Schreiben ständig verteidigen und das stimmt ja auch, weil der Schock, daß ich es nicht kann, obwohl ich es ja ständig tue, offenbar besonders tief in mir sitzt. So daß ich auch beim Nanwrimo, wo man das nicht soll und nicht braucht, ständig denke, ich kann es nicht! Also den Rest des Monats in der Zeit, die ich habe, einfach schreiben und ab Dezember dann korrigieren. Das ist im Sinn der Veranstalter und für mich auch gut, weil ich da zu einem Plot kommen kann.
Damit bin ich eingeschlafen, wieder aufgewacht und habe dann Szene zwölf noch einmal geschrieben. Ein bißchen den gordischen Knoten aufgemacht, habe damit siebzehntausendfünfhundert Worte, also einen Vorrat für zehn Tage und kann mich jetzt mit Marjanas Gaponeckos blumiger Sprache in die Badewanne legen, dann den Alfred am Markt treffen, ihm später im Garten helfen und am Abend vielleicht mein Konzept noch einmal durchgehen und dann mit dem Szenenschreiben beginnen, ganz egal, wie weit ich damit komme.

Okaasan

Die 1980, in St. Pölten geborene Milena Michiko Flasar, Tochter einer Japanerin und einem Österreicher, schildert in ihrem zweiten, 2010 bei Residenz erschienenen Buch, der Erzählung “Okaasan, meine unbekannte Mutter” in zwei Teilen, die sechsundfünfzig, beziehungsweise, zweiundvierzig kurze Abschnitte haben, sehr poetisch, mit nur sehr wenig Handlung und Chronologie, die Beziehungen von Franziska, einer, wie man erst später erfährt, achtundfünzigjährigen kinderlosen Frau zu ihrer Mutter, beziehungsweise ihre Selbstfindung.
Im ersten Teil kommen viele Freunde vor, Richard, der Schriftsteller, der Schwierigkeiten mit seinem Vater hat, Georg, Judith, die Mutterlose, die die Veränderungen von Franziskas Mutter, die sich in den Alzheimer verliert, als erste bemerkt Christina, etc und Miyuki M, die Okasaan, die 1940 in einer kleinen japanischen Provinzstadt, als sechstes Mädchen geboren wurde, was deren Vater überforderte.
Der Vater hat die Familie bald velassen und Miyuki, die Klavier, Chopin, spielen wollte, ist irgendwann zu Franziskas Vater nach Europa gekommen und hat sich nach dem Tod ihres Mannes immer mehr in sich und in die Küche zurückgezogen und hat alles andere, was sie nicht brauchte, weggeben.
Sehr poetisch und gleichzeitig sehr fremd schildert Milina Michiko Flasar, die Alzeiheimerkrankheit, die Franziska zuerst veranlaßt, die Mutter zu sich zu nehmen und für sie zu entscheiden und später in ein Pflegeheim zu geben, sie, die nur ein Wort Japanisch spricht, versucht der veränderten Mutter näherzukommen und bricht nach ihrem Tod, im zweiten Teil des Buches nach Indien in einem Ashram auf, um dort, Amma, die Übermutter zu finden.
Im Flugzeug sitzt sie neben einem Krishna, einer Gottheit und erzählt ihm aus Angst vor Zudringlichkeiten, sie würde Alina von Grottenstein heißen und vier Kinder haben.
Im Ashram ist die Amma da nicht da und Franziska muß ihren Weg, bei den Gottesdienstes, der unentgeltlichen Arbeit für die anderen, etc, selber finden.
Gelegentlich nimmt sie sich mit Roberto, einem anderen Suchenden eine Auszeit, raucht mit ihm eine Zigarette und kehrt noch bevor die Amma zurückkehrt zu der Wurzel ihres Leidens, der Abtreibung, die sie mit zwanzig bei dem Kind von Erich hatte, zurück, vergibt das Erich und sich selbst, so daß sie noch bevor die Amma wiederkommt, ihre Fluggesellschaft anrufen und sich ein Ticket nach Tokyo, in das Land ihrer unbekannten Mutter bestellen kann.
Sehr poetisch und geheimnisvoll, das zweite Buch der jungen Autorin, die mit ihrem dritten, bei Wagenbach erschienenen “Ich nannte ihn Krawatte”, voriges Jahr den “Alpha-Literaturpreis” bekommen hat, und die ich, daraus sowohl in Leipzig als auch in der Hauptbücherei lesen hörte.
Das ist bei Wagenbach erschienen und Michiko Milena Flasar ist damit berühmt geworden und war, glaube ich, auf der dBp Longlist 2012., das erste Buch “ich bin” ebenfalls bei Residenz 2008 erschienen, handelt von einer großen Liebe.