Reportagen, Stimmungsbilder und eine Aufdeckung

Oder Textvorstellungen in der Alten Schmiede moderiert von Renata Zuniga mit Manfred Wieninger, Heinrich Thaler und Judith W. Taschler, wobei Manfred Wieninger nicht sein Faustpfand sondern, die in der Edition Mokka erschienenen Niederösterreich Reportagen” Das Dunkle und das Kalte” vorstellte, eingeleitet wurde er von Kurt Neumann, da Renata Zuniga im Stau steckengeblieben ist und er präsentierte den 1963 in St. Pölten geborenen als eine Mischung zwischen Krimiautor und sozialpolitischen Aufdecker, gibt es ja die Marek Miert Krimis, die in Harland, nicht in St. Pölten spielen und seine Studien und Entdeckungen über das Zwangsarbeiterlager in Viehofen. Der Alfred hat mir schon am Sonntag ein Bild gezeigt, wo Manfred Wieninger an der Harlander Ortstafel lehnt, das ist auch im Buch enthalten, daneben gibt es eines von Zdenka Becker und die Reportagen handeln sowohl von Niederösterreichischen Außenseitern, als auch über die Zwangsarbeiter. Eine solche Reportage hat er auch vorgelesen, die von den Briefen handelten, die die sich in dem Lager befindenden Kinder, an ihre sechzehnjährige Hilfslehrerin geschrieben haben, bevor sie in Richtung Mauthausen abtransportiert wurden, er hat Kurt Neumann dann erzählt, wie er dazugekommen ist, das ehemalige Zwangsarbeiterlager zu entdecken und wie wichtig es ihm war, das aufzuschreiben, damit es nicht verloren geht.
Dann kam schon Renate Zuniga und stellte Judith W. Taschlers bei Picus erschienenen Roman “Sommer wie Winter” vor, in dem es um ein Pflegekind und um ein Familiengeheimnis geht. Das Ganze ist wie ein Therapieprotokoll aufbereitet und Judith W. Taschler erzählte im Gespräch, daß ihr Roman vor allem in Deutschland ein großer Erfolg geworden ist, so daß sie schon einige Lesungen dort hatte.
Heinrich Thaler ist Arzt für Psychosomatik und Geriatrie und hat seine Gedichte, die er immer schon geschrieben hat, ohne vorerst an Veröffentlichung zu denken, bei Roesner herausgegeben. Jetzt schreibt er schon am zweiten Buch und freute sich über den Erfolg, während ich mich wieder fragte, warum es dann ausgerechnet bei mir nicht geht? Und interessant war die Gedichtzeile, daß die Gifte und die Drogen die Menschen verderben, da fragte Renata Zuniga natürlich nach und es ergab sich eine rege Diskussion, auch wenn ich nicht so ganz glaube, daß Kafka mit Medikamenten und Psychotherapie nicht Kafka geworden wäre, das wäre auch ein enormer Schaden für die Literaturgeschichte und ich kann mich erinnern, in den Siebzigerjahren in den Samstagvorlesungen Professor Strotzka einmal gesagt gehört zu haben, daß Hesse nach seiner Psychoanalyse flacher geschrieben hätte, aber er hat geschrieben und, daß ein Arzt Gedichte schreibt, hat Renata Zuniga auch sehr beeindruckt, obwohl er ja nicht der erste ist.
Da gibt es auch den 2006 verstorbenen Tiroler Walter Schlorhaufer, sowie natürlich den Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer, aber der schreibt, glaube ich, keine Gedichte und Kurt Neumann hat auch einmal Medizin studiert.
Es war ein interessanter Abend mit zwei mir unbekannten, einem bekannten Autor, denn über Manfred Wieninger habe ich ja schon öfter geschrieben und habe seine literarische Entwicklung, auch weil wir regelmäßig in Harland sind, mitverfolgen können.

Schule der intellektuellen Selbstverteidigung

Der in Bulgarien geborene,in Kenya aufgewachsene, in Bombay, Kapstadt und jetzt in Wien lebende Autor Ilija Trojanow engagiert sich ja sehr für Aufklärung und Freiheit, so hat er mit Julie Zeh “Angriff auf die Freiheit” herausgegeben, in “Eistau” geht es um das Sterben der Gletscher und jetzt hat er im Aktionsradius am Gaussplatz, den vierteiligen Oktoberkurs “Schule der intellektuellen Selbstverteidigung” initiert, dessen Ziel es ist “Kompetenzen zu vertiefen und altes und neues Wissen mit ungehorsamer Praxis zu verbinden”.
So war letzten Dienstag “Das Recht auf die Stadt” Thema, diese Woche ging es um “Mythen entmachten” und davon habe ich, obwohl ich das Aktionsradiusprogramm ja zugeschickt bekommen, erst vor ein paar Tagen im “Leporello” erfahren, ist der Gaußplatz ja weit und vielleicht auch nicht so unbedingt literarisch, so war ich das letzte Mal, glaube ich, vor drei Jahren dort und habe Christine Werner getroffen und Katharina Tiwald kennengelernt, bei einem Stadtspaziergang zu den unterirdischen Bibliotheken war ich dann auch einmal. So bin ich also statt zur Wiener Vorlesung zur Literatur von Franz Joseph Czernin in der Alten Schmiede zum Gaussplatz hinausgewandert und habe ihn, weil ich schon so lange nicht dort war, fast nicht gefunden, als ich mich in der Unteren Augartenstraße bei zwei jungen Frauen nach dem Weg erkundigte, schauten mich die erstaunt an und meinten, das wäre noch sehr weit, dann habe ich, glaube ich, noch zehn Minuten gebraucht. Ja die Stadtflaneure haben anderen Vorstellungen von den Weiten, ich war aber spät dran und bin zu spät gekommen. So war es in dem Veranstaltungsraum schon sehr voll, die Leute haben gerade geklatscht und Ilija Trojanow hat gerade den Vortrag eingeleitet, dabei hat er vom Perspektivenwechsel gesprochen und davon erzählt, daß die Menschen in den bulgarischen Gefängnissen am besten über die politische Lage Bescheid wußten, weil sie zwischen den Zeilen lesen konnten und, daß die Leute, die gar keine Zeitungen lesen, besser informiert sind, als die, die ihr Wissen von den Boulvardmedien beziehen.
Dann kam er zu den Werbebotschaften von denen wir überflutet werden, es sind dreitausend täglich und er dachte es wären dreihundert und dann schon zu den Mythen, die es zu entmachten galt und da hatte er einen Experten eingeladen und zwar Peter Fleissner vom Verein zur Förderung linker Diskurse und der projezierte eine Reihe solcher Mythen wie “Österreich ist eine Insel der Seligen”, “Wir sitzen alle im selben Boot”, “Jeder der arbeiten will erhält auch Arbeit”, “Wir leben über unsere Verhältnisse”, “Alle müssen ohne Schulden auskommen”, “Die Unternehmen investieren nicht, weil sie niedrige Gewinne machen”, “Die Staatsschulden sind die Ursache der Krise”, “Die Griechen sind faul”, an die Wand und begann sie mit Zahlen und Tabellen zu widerlegen. Nicht alle, eher die, wo es um den Reichtum und die Arbeit ging, den letzten ließ er aus, denn da waren andere Experten eingeladen, nämlich die Schauspielerin Katharina Stemberger und ihr Mann Fabian Eder, dem es reichte immer über die Griechenland Krise zu hören, so daß er hin fuhr, mit dreißig Griechen sprach und einen Film mit dem Titel “Griechenland blüht”, drehte, der schon im Fernsehen lief und Katharina Stemberger erzählte mit Begeisterung, wie viel man als Einzelner bewirken kann, wenn man sich wirklich engagiert und einsetzt.
Die Diskussion drehte sich dann lange über Griechenland, bis Ilija Trojanov wieder energisch zu den Mythen zurückholte und nachdenken ließ, wie man sonst noch Widerstand leisten und etwas bewirken kann. Nächste und übernächste Woche geht es mit “Die Welt als Allmende” und dem “Umgang mit Reichtum” weiter. Ich bin persönlich ja etwas skeptisch, was die Kraft des Einzelnen im Verändern betrifft, es ist aber sicher spannend darüber nachzudenken und das Thema Griechenland ist auch eines, das mich sehr interessiert, da habe ich auch einen Krimi darüber gelesen und mich selbst auch ein bißchen mit dem Schreiben darüber beschäftigt, beziehungsweise darüber nachgedacht, wie ich das tun könnte.
Ansonsten ist es sicher wichtig, nicht nur bezüglich der Literatur, wie ich ja immer schreibe, sondern auch in Sachen Wirtschaftskrise über den Tellerrand hinauszudenken und da das Thema Griechenland bezüglich des Merkl-Besuchs in Athen derzeit in den Medien ist, hatte ich auch die Gelegenheit darüber nachzudenken, daß die siebentausend Polizisten, die die Stadt in eine Hochsicherheitszone verwandelten, um die deutsche Kanzlerin vor den griechischen Emotionen zu schützen, ja sicher auch sehr teuer war.

Politik und Poesie

So heißt Ditha Brickwells neues Projekt, das offensichtlich die Fortsetzung ihrer Geschichte in der Geschichte, zu der der sie mich einmal ins Literaturhaus einladen wollte, es schon eine Vorbesprechung gab und ich ihr dann offensichtlich doch nicht prominent genug erschien. Jetzt ist das zweiundsiebzigste Autorenprojekt der Alten Schmiede daraus geworden Inka Parei, Marcel Bayer und Doron Rabinovichi lasen und erzählten über die Entstehung ihrer Werke und es hat, wie Kurt Neumann in seiner Einleitung erwähnte, schon ein Vorprojekt in Berlin gegeben.
“Da sind gar nicht soviele Leute interessiert!”, sagte mir der Lehrer vorher, den ich auch am Freitag bei “Rund um die Burg” getroffen habe, dann kamen sie aber doch alle nach der Reihe, Thomas Stangl, Angelika Kaufmann, Ferdinand Schmatz, Christian Katt u. u. u.
Und ich fragte den Lehrer noch, wer den deutschen Buchpreis gewinnen würde, der ja um sechs in Frankfurt vergeben wurde.
“Stephan Thome nicht, wahrscheinlich der Herrendorf!”, sagte er und ich gab meine Meinung kund, daß ich Clemens J. Setz oder Wolfgang Herrendorf schätzen würde. Oder doch die Ursula Krechel? Das habe ich schon einmal gebloggt und verrate gleich vorweg, sie ist es geworden und wer den Nobelpreis bekommt, kann man auch schon raten. Der Japaner Haruki Murakami liegt da weit vorne auf der Liste, Peter Handke eher hinten, konnte ich heute im Morgenjournal hören und Ditha Brickwell stellte in der Alten Schmiede einstweilen ihre drei Gäste vor. Mit dem 1965 in Würtenburg geborenen und seit 1996 in Dresden lebenden Marcel Bayer hat es begonnen. Sein erzählender Essayband oder essayistische Erzählung heißt “Putins Briefkasten”, spielt in Dresden und die Stücke die er vorlas, handelten von dem Haus, in dem der KGB-Offizier lange lebte, der ein ausgezeichnetes Deutsch, kein Sächsisch gesprochen hat und am Sonntag mit seiner Frau manchmal in den Tiergarten ging, um die Löwen zu besuchen.
Ditha Brickwell erkundigte sich nach der Leseprobe, nach dem Schreibvorgang und kam dann auf die Wende zu sprechen, denn der Roman, der 1967 in Frankfurt am Main geborenen Inka Parei heißt “Die Kältezentrale” und handelt von einem Mann, der in seiner Jugend in der Kältezentrale vom “Neuen Deutschland”, das heißt in dem Raum gearbeitet hat, in der die Temperaturen eingestellt wurden. Dann ist er in den Westen gegangen und kommt offenbar am Beginn des Buches wieder zurück, um seine Frau oder Freundin zu suchen und Inka Parei erzählte von ihren Schwierigkeiten, die sie als Westdeutsche mit dem Osten hatte, der ihr fremder als in umgekehrter Richtung war.
Dann kam ein großer Sprung zu dem in Tel Aviv geborenenen und in Wien lebenden Doron Rabinovichi, der vor zwei Jahren mit seinem “Andersort” auf der Shortlist stand. Er las einen noch nicht veröffentlichten Essay, in dem es um die Sprache, eine Autoreneinladung nach New York, wo man in einem Glaspalast sozusagen auf die Freiheitsstatue pinkeln konnte und über das Übersehen und Bemerkt werden, ging. Das war dann auch das Thema der Diskussion, in die Ditha Brickwell noch das Publikum einbezog, obwohl die nicht zum Mitreden aufgefordert wurden. Die Freude am Schönen ist für die Wirkung wichtig meinte sie und auch die Berührtheit des Autors, dann fragte sie die Autoren noch, wie es ihnen mit der Vereinnahmung und dem Mißverstandenwerden ihrer Texte ging und ich denke, daß es auch für mich sehr wichtig ist, mich mit den Entstehungsgeschichten von Texten zu beschäftigen, was man im Internet auch gut tun kann. Das Übersehenwerden ist auch ein Thema das mich sehr beschäftigt und die Verbindung von Politik und Poesie berührt mich natürlich auch und vor allem war es für mich interessant Inka Parei und Macel Bayer persönlich kennenzulernen, Doron Rabinovici kannte ich ja schon.

Wie durch dunkles Glas

“Wie durch dunkles Glas” von Donna Leon, Comissario Brunettis fünfzehnter Fall beginnt sowohl rasant, als auch behutsam mit dem Frühling. Brunetti steht am Fenster in seiner Commentatura, schaut auf die Blumen hinaus und erinnert sich, wie er als Kind in diesen Zeiten die Schule schwänzte. Die Mama hats immer gewußt und jetzt kommt ein Kollege und bittet ihn zu einem Farbenwerk hinauszufahren, da dort ein Freund, ein Umweltschützer, während einer Demonstration festgenommen wurde. Seine Frau hat den Freund angerufen und darum gebeten. Der Comissario machts, nimmt den Umweltschützer mit und wird von dessen Schwiegervater angepöbelt, der ihn wüst beschimpft. Der ist ein Glasmaler in Murano und dort gehts gleich hin, auf eine Vernissage, zu der Brunetti mit seiner eingeladen wurde. Dann kommt die Gattin des Umweltschützers zu Brunetti und sagt, sie macht sich Sorgen, um ihren cholerischen Vater, der ihren Mann nicht leiden kann und auch mit Anschlägen gedroht hat.
Einer, der das bestätigen kann, ist Giorgio Tassini, der in der Manufactura als Nachtwächter arbeitet und ein behindertes Kind hat, das auf Grund eines Sauerstoffmangels während einer Hausgeburt dazu wurde, der Vater glaubt aber, es ist durch die Umweltverschmutzung geschehen und, daß die Giftabfälle der Manufactura seine Gene veränderten, macht deshalb Aufzeichnungen und Eingaben und wird eines Tages tot neben dem Schmelzofen aufgefunden.
Wer wars? Offiziell ermittelt Brunetti gar nicht an den Fall, weil das sein Chef zu verhindern versucht, aber der wird ohnehin als schwierig beschrieben, so schwierig, daß seine Sekretärin schon Lotterien veranstaltet, die der gewinnt, der den richtigen Tag errät, an dem der Chef, der sich für einen Posten in London beworben hat, abgelehnt wird. Auf der anderen Seite lernt sie aber Englsich mit ihm und Brunetti hilft sie auch bei der mehr oder weniger inoffizellen Fallaufklärung, die offizieller wird, als noch die Nachbarfactura hinzukommt, dessen Besitzer Fasano, Obmann des Glasbläserverbandes, in die Politik einsteigen will. Er ist auch ein offizeller Umweltschützer, als aber Brunetti das Wasser in seinem Werk untersucht, kommt er auf einen hohen Verschmutzungswert. Der Chef will weiter die Aufklärung des Mordes vertuschen, offiziell ist Tassini an einem Schlaganfall gestorben, da bekommt Brunetti aber, als er sich vom Polizeigondolerle den Canal Grande hininterfahren läßt, heraus daß Fasanao, ausgerechnet an dem Tag, als der Unfall geschah, beim Schwarzfahren erwischt wurde.
“Wie durch dunkles Glas”, ein Fund aus dem offenen Bücherschrank, ist wie schon erwähnt, Brunettis, fünfzehnter Fall. Den ersten “Venerzianisches Finale” habe ich schon hier gesprochen, “Nobilta”, den siebten, einmal als Hörbuch bei einem Hörbuchwettbewerb gewonnen.
“Endstation Venedig”, “Vendetta”, “Sanft entschlafen”, “In Sachen Signora Brunetti” und das “Gesetz der Lagune”, alles frühere Fälle, warten noch auf meiner Leseliste, man sieht, daß Donna Leon gern gelesen und auch gerne wieder weggeben wird. Inzwischen gibts den zwanzigsten Fall “Reiches Erbe”, der glaube ich, gerade auf den Beststellerlisten steht.
Den Fall der “Signora Brunetti”, habe ich einmal bei einer Buchpräsentation im Theater an der Josefstadt gehört, da gabs auch Musikeinlagen, die Autorin war da und Ex Libris hat vermittelt, so daß mich sogar Robert Weichinger angerufen hat und sagte, die Karten sind an der Kasse deponiert. Das Buch habe ich damals nicht gewonnen, aber wenn man lang genug wartet, dann finden die Bücher schon zu mir. Bei “Rund um die Burg” habe ich “Donna Leon” auch einmal gehört, die 1943 in New Jersey geboren wurde und seit 1981 in Venedig lebt und in allen ihren Fällen den Commissario durch die Legunenstadt führt, so daß es wahrscheinlich sehr zu empfehlen ist, auf eine Venedigreise, den einen oder anderen Brunetti mitzunehmen. Es gibt bei Diogenes aber auch einige “Venedig”- Bücher von Donna Leon, die, wie ich einmal hörte, ihre Bücher nicht ins Italienische übersetzen läßt, damit sich die Venezianer nicht über ihre Bücher mokieren, was ich eigentlich gemein finde. Sie können sie aber auf Englisch, Deutsch und wahrscheinlich auch auf Chinesisch lesen und bei ihrem letzten, im Oktober erschienenen Buch “Himmlische Juwelen” scheint sie den Commissario überhaupt verlassen zu haben.
Wir waren auch einmal, ohne Kommissar Brunetti, in Venedig, sind einen Tag lang in der Stadt herumgerannt, mit den Booten gefahren und in Murano waren wir natürlich auch. Ein kleines grünes Schüßelchen, in dem im Wartezimmer meine Visitenkarten liegen, erinnert noch daran.

Oktoberaktivitäten

Das Sommerloch ist geschlossen, die literarischen Orte haben ihre Pforten aufgemacht und meine Herbstaktivitäten, die über das Übliche hinausgehen, haben begonnen und bringen mich, gepaart mit etwas vermehrter Diagnostik und Vereinssitzungen, so hat etwa die WGKK vor, ihr Antragsformular abzuändern, in Streß, obwohl ich, wenn ich erst angefangen habe, mich den Herausforderungen zu stellen, diese meist auch schnell bewältige. Da es jetzt aber sehr viele Veranstaltungen gibt und ich, wieder zum Glück, sehr viele Bücher aufzulesen habe und es auch über die eigene Schreibwerkstatt regelmäßig zu berichten gibt, übe ich mich derzeit wieder im Vorausschreiben. Die Aktivitätsflut ist aber gut und ich denke schon, daß das Literaturgeflüster ein verläßliches Panorama gibt, was so in Wien hüben und drüben des literarischen Mainstreams passiert und da habe ich gleich die erste Jubelmeldung abzugeben.
“Die Wiedergeborene”, mein achtundzwanzigstes self made Buch ist da, am Montag sind zwei Schachteln aus der Druckerei gekommen und da habe ich eine kleine Aussendung gemacht.
Die Vorschau gibts schon seit Juli, das Anfangskapitel, das ich schon dreimal gelesen habe und von dem es Dank dem lieben Rudi auch ein Video gibt, ist ab jetzt auf meiner Homepage zu finden und die Aussendung betrifft das Pflichtexemplar für die NB.
Da war ja in den letzten Tagen zu lesen und zu hören, daß es Johanna Rachinger in Zukunft digital haben will und da sende ich ja immer brav und inzwischen auch etwas resigiert an das Literaturhaus, den ORF, etc aus.
Die “Alte Schmiede” habe ich diesmal ausgelassen, damit Kurt Neumann mich nicht mahnt, ich möge auch die anderen lesen lassen, da es ja am 29. Oktober dort von mir eine Lesung aus der “Frau auf der Bank” in den Textvorstellungen gibt. Das mit den Rezensionsexemplaren ist auch recht mühsam, ich verteile zwar immer Bücher und frage an, dann geht es nur sehr langsam weiter. Das Buch ist aber da und auch schon im Netz zu sehen, wems interessiert, es ist auf der Homepage zu bestellen, ich tausche aber auch gerne und man kann es rezensieren.
Am vorigen Freitag ist ein dickes Kuvert von Franz Joseph Huainigg mit den Texten des neuen “Ohrenschmauses” im Postkasten gelegen. Hundertsechsundvierzig Einreichungen gibt es, glaube ich, diesmal, am fünfundzwanzigsten Oktober ist die Jurysitzung, der Preis wird am 3. Dezember um achtzehn Uhr im Museumsquartier vergeben, wofür ich jetzt schon alle, die wissen wollen, was Menschen mit Lernschwierigkeiten so schreiben, herzlich einladen.
Bis dahin habe ich die Texte durchzugehen und mußte dafür meine eigene Produktion, die Endkorrektur von “Kerstins Achterl” und der “Paula Nebel”, meine Leser wissen es, unterbrechen. Das heißt eine Vorschau auf die “Paula Nebel” wird es demnächst geben, denn da haben wir jetzt sowohl das Foto, als auch den Text für das Cover und dann natürlich die Aussendung für mein literarischen Geburtstagsfest, das diesmal genau an meinem Geburtstag, dem 9. 11. stattfinden wird.
Da war ich mir ja auch nicht so ganz sicher, soll ich überhaupt ein solches machen?, da ich ja nicht wirklich viele Leute kenne und mir auch schon einige Bekannte indirekt zu verstehen gaben, daß sie keine Feste mögen oder sich vielleicht doch nicht so sehr für Literatur interessieren. Das Letzte war aber gut besucht und auch die Liste der Lesenden steht eigentlich schon fest. Die Autoren wurden angefragt anfragen, bevor ich die Einladung und postalisch oder auch über das Internet versendete und ich habe an Stephan Eibel Erzberg, Rudi Lasselsberger, Franz Blaha, Hilde Schmölzer und Lidio Mosca-Bustamante gedacht. Damit war ich die letzten Tage beschäftigt, dazwischen machte ich meine Praxis, ging zu Veranstaltungen, las die Bücher, die auf meiner Leseliste stehen und Frankfurt naht ja auch mit schnellen Schritten.
Morgen wird da der DBP vergeben und wir werden wissen, ob es Wolfgang Herrndorf, Clemens J. Setz, vielleicht doch Ursula Krechel oder einer der drei anderen schaffte und dann beginnt die Messe, die ich zwischen meiner Praxis und dem Veranstaltungsreigen, den es auch nächste Woche gibt, wieder online mitverfolgen will. Werde also sehr beschäftigt sein, bin aber immer noch sehr am Literaturbetrieb fasziniert, ja und “Rund um die Burg” neu, also mit einem Schlafengehen am frühem Morgen ins eigene Bett, gab es dieses Wochenende auch noch. Noch etwas vergessen? Ja vielleicht treffen ein paar Überraschungsbücher ein, die meine Leseliste etwas verschieben, was mit Anna Weidenholzers “Der Winter tut den Fischen gut”, die auf Platz drei der ORF-Bestenliste steht, schon geschenehn ist.
Und auch vom Alpha Literaturpreis meinem Traumatisierungspunkt gibt es Neuigkeiten. Susanne Gregor, Milena Michiko Flasar und Christina Maria Landerl sind auf die Shortlist gekommen. Jetzt bin ich gespannt, ob der freundliche Herr vom Empfang sein Versprechen, mir diesmal eine Einladung zu schicken, hält, was eigentlich so sein sollte, wenn nicht, habe ich ja meine Donnerstag Fixstunde und werde sicherlich erfahren, ob Julya Rabinowich mit ihrer Einschätzung, daß Milena Michiko Flasar gewinnen wird, richtig liegt.

Rund um die Burg neu

Jochen Jung

Jochen Jung

Daß das Literaturfestival im einundzwanzigsten Jahr seines Bestehens umstrukturiert wurde, nicht mehr im zweiten Septemberwochenende, auch nicht mehr rund um die Uhr stattfindet und von Wien live statt von Asset organisiert wird, habe ich schon geschrieben. Allmählich drangen auch die Nachrichten ein, wie die Neuauflage stattfinden wird. Eröffnungsveranstaltung direkt im Burgtheater und ansonsten an verschiedenen Orten im Cafe Landtmann, das ist, glaube ich, nicht ganz so neu, da, wenn ich mich recht erinnere, das Landtmann in den ersten Jahren einbezogen war und statt dem Lesezelt wird es ein Bücherzelt mit sieben ausstellenden Buchhandlungen geben. So weit so gut und irgendwie bin ich nicht mehr jung genug, um mich auf Veränderungen wirklich gerne einzulassen, um so mehr, da zu der Eröffnungsveranstaltung mit Otto Schenk, Zählkarten gefordert waren, die man nur an der Tageskasse bekam. Nun interessiere ich mich ja nicht unbedingt für Otto Schenk, bin aber eine, die Veranstaltungen gerne komplett erleben will und so wußte ich nicht recht, wie ich es mit der Eröffnung mache? Da die Tageskasse aber bis sechs geöffnet hat und ich relativ früh mit den Durchsehen der “Ohrenschmaus”-Texte und einer Befundbesprechung fertig wurde, war ich schon um halb vier beim Burgtheater, stand ein bißchen vor der Kassa an, um zu erfahren, es gibt keine Zählkarten mehr.
Daß das Cafe Landtmann vielleicht nicht die Platzkapazitäten, wie das Zelt hat, habe ich mir schon vorher gedacht, wußte ich ja von früher, daß das bis Mitternacht oft sehr voll war, ein Herr sagte mir beim Weggehen “Wer interessiert sich schon für Otto Schenk? Ich zwar nicht unbedingt so sehr, aber eine Stunde mir die Füße in den Bauch treten, wollte ich auch nicht, umso mehr, da ich auf dem Platz zwischen dem Landtmann und dem Burgtheater, ein kleines Zelt stehen sah, aber das beherbergte keine Bücher, sondern ein Auto und ein paar junge Frauen standen mit riesigen Papptafeln davor und fragten mich zweimal, ob ich eine Autofahrt machen wolle?

Eva Jancak

Eva Jancak

Wollte ich nicht, sondern zum Lesefestival, das ja angeblich eine sehr wichtige Veranstaltung ist, also suchte ich das Bücherzeit, das war dann dort, wo man früher vom Zelt zu den Klos bzw. zum Kinderzelt gegangen ist und ging dann zum Foyer, weil ich dachte, vielleicht steht dort jemand, der eine Karte zuviel hat, ich sah aber nur Helmut Schneider mit seinem Team, wußte nicht, ob ich mich trauen soll, ihn anzusprechen, sprach dann eine seiner Assistentinnen an und erkundigte mich mißtrauisch, ob wenigstens das Cafe Landtmann Platz für alle hätte, inzwischen kam Robert Huez aus dem Burgtheater, der auch keine Karte bekommen hatte und ein freundlicher Mann, bot mir schließlich an, daß ich mit ihm hinaufgehen könne und habe mich dann wieder, das ist vielleicht die österreichische Lösung, auf einen der reservierten und nicht von den VIPs in Anspruch genommenen Plätze, in die zweite Reihe gesetzt. Dann lief in verkürzter Form, das Übliche ab, Stadtrat Mailath Pokorny eröffnete und dann der Edy Winter, der mir damals in der Szene Margareten, die Lesung absagte, als ich mich nach dem Honorar erkundigte und der im Hauptberuf bei den Wiener Linien für die Kinder Bim verantwortlich ist, die am Samstag, um den Ring statt des Kinderzelts herumfuhr. Dann kam noch die Besitzerin des Cafe Landtmanns und teilte ihre Begeisterung für das Lesen und die Kaffeehausliteratur mit und dann schon Otto Schenk mit seinem Buch “Weil mir so fad ist”, eine Art Lebenserinnerung, der beim Hinaufgehen recht gebrechlich wirkte, beim Lesen aber total vital und sprachgewaltig war.
Danach gings los, die Veranstalter wünschten den Lesern viele Bücherkäufe und versprachen, daß die Autoren im Bücherzelt fürs Signieren und für Gespräche zur Verfügung stünden und ich ging in den Keller, nämlich ins Theater “Neue Tribüne”, Wiens ältestes Kellertheater, das seit 1953 bespielt wird, wie der Moderator betonte, der Klaus Nüchtern ankündigte.
Neu war, daß die Lesungen ab da abwechselnd im Keller bzw. in der Bel Etage im ersten Stock des Hauses stattfanden, wozu man das Kaffeehaus umrunden mußte und sich meine Befürchtungen keinen Platz zu bekommen, vorerst bestätigten. Bei Klaus Nüchtern ging es noch, denn Otto Schenk hat keine Stunde gelesen und der Literaturkritiker, der 2011 den Staatspreis für Literaturkritik bekommen hat, hat sein neues Buch über Buster Keaton vorgestellt. Als er damit fertig war, hatte Dietmar Grieser in der Bel Etage schon begonnen und ich lief hinter Barbara Frischmuth, die später lesen sollte, in den ersten Stock hinauf und stand mit ihr, im Nebenzimmer, weil der Lesesaal schon besetzt war und sich die Leute darum stritten, einen Platz zu bekommen. Dietmar Grieser las aus seinem neuen Buch “Das gibts nur in Wien” und kam gleich zu Barbara Frischmuth, mit der er einmal Schwammerln gegessen hat. “Sie liest in zwei Stunden!”, kündete er an und hatte keine Ahnung, daß sie im Nebensaal zuhörte und ich kann meine Geschichte wiederholen, daß ich, wahrscheinlich 2001 im Zelt gesessen bin, das sich allmählich füllte, weil Dietmar Grieser angekündet war. Am Podium saß vom Literaturhaus eingeladen, eine kleine Alte Dame namens Ilse Aichinger und las mit zittriger Stimme und überzog ihre Zeit um ein paar Minuten, was die älteren Damen im Publikum sichtlich irritierte und ich dachte, in ein paar Jahren wird der Grieser dasitzen und über seine Begegnung mit Ilse Aichinger berichten, was ich ihm auch einmal erzählte. Jetzt wird er das nicht mehr im Zelt tun können, denn es ging in den Keller zu Gerhard Tötschinger, einem sehr wortgewaltigen und selbstbewußten Herrn, der wie er sagte, in diesem Theater schon viel gespielt hat. Er stellte sein Buch über “Bella Italia” vor und tat das solange, daß ich wieder zu spät in den ersten Stock kam. Da dachte ich, daß Thomas Sautner lesen wird und war erstaunt, einen älteren Herrn vorzufinden, der von Portraits von Postgeneraldirektoren, Sitzungen beim “Alten” Bruno Kreisky und vom Stempelmarken picken las und wunderte mich auch im Publikum einige Herren in blauen Anzügen und Krawatten zu finden, die man sonst nicht bei Lesungen sieht, bis mich der Moderator davon unterrichtete, daß Anton Wais, der ehemalige Postgeneraldirektor ist.

Andrea Maria Dusl

Andrea Maria Dusl

Man sieht, die Mischung zwischen Literatur und Büchern von prominenten Saalfüllern wurde beibehalten und in den zwei Sälen gab es zwei Moderatoren, die das Publikum nach jeder halben Stunde zum Lesen und zum Bücherkaufen aufforderten. Auch sonst waren die Stimmung äußerst freundlich, denn am Einang zur BelEtage standen zwei junge Frauen, die einen jedes Mal extra begrüßten. Allmählich wurde es Literarischer und im Kellertheater habe ich immer Platz gefunden, in der Bel Etage bin ich zweimal am Boden gesessen, bis es auch da leerer wurde.
Weiter gings, wie schon erwähnt, mit Barbara Frischmuths “Woher wir kommen”, aus dem ich schon in der Alten Schmiede hörte, sie hat auch die zwei selben Stellen gelesen. Oben las dann Thomas Sautner aus den “Glücksmachern”, wo ein Versicherungsangestellter sich einen Haufen esoterischer Bücher kauft und eine Glücksversicherung organisieren soll. Bei den nächsten zwei Lesungen Jochen Jungs “Wolkenherz” und Kurt Palms “Die Besucher” wars auch egal, ob ich zu spät komme, habe ich die Bücher ja schon gelesen. Bei Andrea Maria Dusl “Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen” tat ichs dann und das war sehr schade, denn das Buch über den Russen ihres Vaters und der Russlandreise, die die Familie machte, um offenbar den Kriegskameraden zu treffen, war sehr interessant und die Dusl ist ja eine mit einer deftigen Sprache, obwohl ich nicht mit allen, was sie schreibt, einverstanden bin.
Inzwischen ist der Alfred gekommen und hat ein bißchen fotografiert und statt bei Rudolf Taschner, habe ich die nächste halbe Stunde im Bücherzelt verbracht und auch einen Kaffee getrunken. Dann las Ruth Cerha aus “Zehntelbrüder” und Lilian Faschinger aus einem Art Kriminalroman, wo eine Gerichtsmedizinerin, die bei allen Leuten, die sie trifft, gleich ihre Diagnosen stellt, beim Begräbnis ihres Vaters einen Jugendfreund trifft.
Dann wars halb zwölf und die Kriminacht begann, was auch beibehalten wurde, so daß ich zwar meistens den Anfang versäumte, aber Petra Hartliebs zweiten Krimi über die Wiener Inspektorin Anna Habl und den Berliner Thomas Bernhard, hören konnte. Robert Seethaler, den ich nicht kannte, hatte etwas über einen “Trafikanten”, der in das dritte Reich und in die Zeit des Anschluß führte. Susanne Wiegele habe ich schon einmal auf der Buch Wien gehört und mich über ihren Borderline-Ermittler gewundert und jetzt glatt auf Dolores Schmiedinger und ihre unartigen Lebenserinnerungen vergessen, die genau, wie “Fetzers zweiter Fall” ins Sado Maso Milieu führen und der neue Wiegele Krimi, die auch Psychologie studiert hat, beschäftigt sich mit den Kindesmißhandlungen in Heimen, ein Thema mit dem sich auch Andreas Pittler beschäftigt hat.
Aber noch sollte im Keller die letzte Otto-Stoessel-Preisträgerin Andrea Grill aus ihrer “Liebesmaschine LYC”, vielleicht ein Ersatz für die Erotiknacht lesen, was aber eher ein Reisebericht war und als ich die Stufen hinunterstieg, sah ich sie hinaufkommen und der Theatersaal war geschlossen. Als ich hinaufging, kamen mir einige Frauen entgegen, die auch von der Bel Etage kamen und als ich den Eröffnungsmoderator, der vor dem Cafe stand, fragte, ob Andrea Grill schon gelesen hätte, sagte mir der, daß die Veranstaltung wegen mangelnden Publikumsinteresse ausfallen würde, aber, wenn man vom ersten Stock in den Keller muß, braucht man einige Zeit. Da mir die beiden Frauen folgten und “Wir sind ja da!”, riefen und Andrea Grill auch noch da stand, wurde der Saal wieder aufgesperrt und die Veranstaltung fand vor sieben oder acht Leuten statt. Sogar der Fotograf ist zurückgekommen, es war aber nicht der, mit dem ich die letzten Jahre, die Nacht im Zelt verbrachte und um eins war das Zelt meistens noch sehr voll.
Bei Andreas Pittler im ersten Stock waren aber einige Leute, als ich hinaufkam. Er las aus “Zores”, wo Mayor Bronstein nun auch in der Zeit des Anschlußes einen Mord an einen Nazi aufklären muß, während er sich selbst bedroht fühlt.
Dann gings nach Hause, weil es erst wieder um neun mit Julya Rabinowichs “Erdfresserin” weiterging, das Buch aus dem sie, glaube ich, beim Bachmannpreis gelesen hat und das mich sehr beeindruckte durch die Direktheit des Erzählten. Eine Illegale auf einer Odyssee in den Untergang, sprich in den goldenen Westen, weils im russischen Dorf nicht genug Devisen gibt und sie einen Sohn zu ernähren hat. Daher immer wieder schwarz über die Grenze, der Schwester und der Mutter Geld und Medikamente für den kranken Sohn schicken. Der Vater ist verschwunden, die Schwester eifersüchtig und, um die teuren deutschen Schuhe für sie kaufen zu können, muß sie sich auch prostituieren. Dann ging es diesmal direkt im Landtmann selbst, bzw. in einem Hinterzimmer, wo es zwei Bücherwände zu sehen gab, mit Polly Adler “Wer jung bleiben will, muß früh damit begonnen”, ein Roman der sprachgewaltigen Kolumnistin und ein sehr guter Kontrast, zur “Erdfresserin”, nämlich in die Schicky-Micky Welt einer Seifenoperndrehbuchautorin, die einen Liebsten hat, der ihr marokanisches Hühnchen bruzzelt, eine gute alte Tante, die ihr das Selbstbewußtsein beibrachte “Trau keinem Mann, Schätzchen!” und die trotzdem stirbt, weiter und Cornelia Vospernig im Keller berichtete in ihrem Roman, alle bekannten Journalisten und sonstwie Prominenten, scheinen einen solchen zu schreiben und damit Erfolg zu haben “Genosse Wang fragt!”, von der Gefühlswelt eines offensichtlichen chinesischen Mannes, der seine Gefühle nicht so äußern kann und darf und dadurch seine Frau verliert und auch an Tuberkulose erkrankt. Was dann folgte war Angelika Reitzers “unter uns” und das ist ja eigentlich kein neues Buch, sondern schon vor zwei Jahren erschienen, das aber vielleicht trotzdem ganz gut zum Thema passte und dann ging es in die Breitenwirkung, obwohl anzumerken ist, so voll, wie im Zelt ist es bei “Rund um die Burg”-neu eigentlich nie geworden. Aber Joesi Prokopetz gab in seinem “So weit so komisch” Einblick in das goldene Wienerherz, die Leute lachten und Georg Markus hatte auch was zum Humor mit seinem “Wenn man trotzdem lacht”.
Mit den Science Busters “Gedankenlesen durch Schnecken” war dann dieser Literaturmarathon beendet und einiges fehlte, wie zum Beispiel, die Schule für Dichtung, die Burgtheatereinlage um Mitternacht, die Darbietungen des Literaturhauses und des Volksstheaters und natürlich auch die Erotiknacht, obwohl ich von der ja nie so begeistert war und um ein endgültiges Resumee zu ziehen. So schlecht wars nicht, nur halt eine Sparvariante und einige der aktuellen Neuerscheinungen, wie z.B. die der Vea Kaiser, von Cornelia Travnieck, Milena Michiko Flasar, Martin Horvath mit seinem “Mohr im Hemd”, Anna Kim, die am Freitag übrigens im Literaturhaus las, Clemens J. Setz, Teresa Präauer, die neue Aspekte-Preisträgerin, etc, fehlen. Daß es nicht mehr rund um die Uhr ist, finde ich persönlich schade, habe aber natürlich ein Bett zu Haus und kann auch so zu genügend Veranstaltungen gehen.
Das Cafe Landtmann würde ich sogar sagen, ist ein eleganterer Rahmen, es gibt ein Klo, es war sogar fast zu warm, nur vielleicht ein bißchen zu klein, zumindestens, was die Stoßzeiten betraf und vor allem habe ich das Hin- und Herwandeln lästig gefunden. Man bleibt dadurch zwar wach, versäumt aber nicht nur die Anfänge, sondern, wenn man nicht sehr viel Glück hat, sogar die Lesung selbst und ist meiner Meinung nach nicht nötig!!!
Das Kellertheater hätte auch genügt und jetzt ist es nach eins, das Mittagessen köchelt auf der Herdplatte, der Blog ist geschrieben und wenn ich gegessen habe, breche ich ins Museusquartier auf, um mir den vierten Jeunesse Tag zu geben, das heißt halbstündige Musikveranstaltungen von fünfzehn bis zweiundzwanzig Uhr und das Bücherlesen, ich bin ja gerade bei der Anna Weidenholzer, werde ich auf den Sonntag verschieben.

Von Orten. Ein Poem

Das kleine graue Heftchen mit einem Schuh, grauen Socken und ebensolchen Schnürrlsamt am Titelbild, Oleg Jurews zwischen 2006 und 2009 geschriebene Gedichte, die im Gutleut Verlag Frankfurt am Main und Weimar, erschienen sind, habe ich im Februar beim Fix Poetry Gewinnspiel, das es jetzt nicht mehr zu geben scheint, gewonnen und hatte keine Ahnung, wer Oleg Jurjew ist. Die Ahnung ist mir dann im Juli gekommen, als Olga Martynova beim Bachmannpreis gelesen und gewonnen hat. Er ist ihr Ehemann, 1959 geboren aus Russland emigriert, seit 1991 in Deutschland lebend. Am 23. Oktober werden die Beiden in der Alten Schmiede lesen, er aus seinem neueren, bei Jung und Jung erschienenen Gedichtband “In zwei Spiegeln”, sie aus den bei Droschl erschienenen Gedichten “Von Tschwirik und Tschwirka” und im Programm kann man über Oleg Jurjew “von einem dreifachen Exil, als Lyriker in der Alltagssprache, als Jude in der Sowetunion, als russischer Dichter, der seit 1991 in Deutschland lebt, lesen.
Elke Erb hat bei beiden Bänden übersetzt oder beraten und das Poem besteht eigentlich aus Prosatexten in sechs Gesänge, die sich tatsächlich von Ort zu Ort bewegen.
In der “Kurpfalz” fängt es an “Weinberge im Schnee. Eine Katze geht vorüber”, lautete die Überschrift. Dann geht es “Eine Bergstraße” weiter über “Die Liebe zum Vaterland” nach Österreich. Da trägt eine “Empfangsdame ein Lächeln, das mit einer gewissen Verzögerung ihr Gesicht einholt.”
Mit “Eine Raststätte am Hügel. Kyrillisch und lateinisch, Vokale und Konsonanten” geht es weiter in den “Sonnenwinter in Florenz. Früher Morgen (blau und golden und die scewarze florentinische Luft ist bereits aus der Stadt abgezogen.) zu den “Straßen Chicagogs -Urbana/Champaign, il über Leben und Tod.
Der zweite Gesang führt zuerst in Zürcher Oberland “Auf der Alm lagen Kühe mit den Gesichtern betagter russischer Schriftstellerinnen liberaler Gesinnung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.) von Zürich nach Berlin und dann noch an den Nordseestrand “In den gestreiften Hüttchen lesen die bemäntelten und grestiefelten Kurgäste Bücher deren Umschläge schnattern.”
Dann gibts “Neues aus der Baumkunde, die Schilerhöhe oberhalb von Stuttgart, erstmals Herzogpark, heute Wildwuchs mit numerierten Baumstämmen und biologischen Windbruch, anscheinend Mitte März.”
“Warum riecht der Faulbaum nach billigen Parfum, der Flieder aber nach teurem?” fragt Jurjew weiter, um sich im dritten und vierten Gesang nach Frankfurt zu begeben, wo er zu leben scheint.
Im fünften Gesang geht es nach Leningrad zur “Tram Nummer neun” in die “sechziger Jahre” zum “Winter” und der “Nacht”.
“Puschkinberge. Früherbst 1977. Die Studentengruppe der Leningrader Hochschule für Binnenschiffahrt, an der ich damals studierte, hatte den “sozialistischen Studenten Leistungswettbewerb” gewonnen und wurde mit einem Gruppenausflug in die Puschkinberge belohnt, in die zu einem Museumspark erhobene Gegend im Pskower Gebiet, in der Puschkins Gut lag. Hier ist es wirklich sehr schön.”
Danach gehts nach “Gantiadi, Abchasische Schwarzmeeküste, August 1985, Schwarzsiedlung am Eisenbahndamm, hinter ihr ein wilder Strand” um im Gesang sechs das “Verschwinden Marseilles” zu beschreiben .
“In den dunklen Gesichtern der Araber glühten kleine Zigarettenkreise auf. Dann verschwanden auch sie. Seitdem hat Maseille niemand mehr gesehen.”
Um über Elsaß in die Pfalz zurückzukommen.
Es gibt dann noch einen Epilog “Über die Geometrie der Substanzen und Wesen”, der Oleg Pafil gewidmet ist, sowie eine Danksagung an Elke Erb und etwas habe ich vergessen. Um die biografischen Angaben machen zu können, habe ich mir vorhin das Alte Schmiede Programm hergeholt. Das Büchlein ist aber in graues Packpapier eingewickelt, wenn man es herausschält, kommt man zu einem weiteren Gedicht über die Pfalz, einer Seite Text den Lebenslauf und einem großen Bild des Autors.
Wieder etwas gelernt und vorhin in der Badewanne, eine interessante literarische Kurzreise durch das halbe Europa gemacht.

Volksstück über den jungen Hitler

Am Mittwochprogramm waren zwei Termine eingetragen, Franzobels “Der junge Hitler. Eine Therapie”, in der Alten Schmiede, während im Literaturhaus Daniel Wisser seinen Text “Unterm Fußboden” vorstellte und dann gabs auch wieder eine offene Bücherschranklesung mit dem lieben Rudi in der Grundsteingasse. Die Qual der Wahl, denn eigentlich wollte ich nicht wirklich in die Alte Schmiede gehen, bin ich erstens ja kein richtiger Franzobel Fan und auch kein Fan von Theaterstücken, also doch zu Daniel Wisser, der vor zwei Jahren beim Bachmannpreis gelesen hat, dann dachte ich aber, das Thema ist interessant und als ich dann noch herausbekommen habe, daß der Wisser erst um acht Uhr liest und das Ganze eine theoretische Textcollage zu sein schien, hatte ich mich entschieden und war nur in Sorge vielleicht keinen Platz zu bekommen. Beim Bachmannpreisträger von 1995 war dann aber doch kein so großer Antrag, zumindestes scheint er nicht die Fangemeinde der heimischen Autorenschaft zu haben, wie sie etwa Friederike Mayröcker und auch Barbara Frischmuth hat. Denn außer Lydia Mischkulnig wäre mir kein Prominenter aufgefallen, bei den nicht so Prominenten war Chrstl Greller da, aber die geht ja oft zu Literaturveranstaltungen und dann war es sehr interessant und ich habe mein Franzobel Vorurteil ein wenig revidiert, denn er ist ohne jeden Zweifel ein großer Sprachgewaltiger und wirft Anspielungen und Wortschöpfungen wirklich gekonnt her und hin, er hat auch immer provokante Themen. Vielleicht kommt daher mein Voruteil und die Geschichte des jungen oder auch alten Hitlers interessiert mich ja sehr.
Kurt Neumann hat wieder eingeleitet und die beiden Theatertexte vorgestellt, die vor kurzem von Franzobel im Kyrene Verlag erschienen sind und davon gesprochen, daß Franzobel an die Nestroytradition anknüpft und “Der junge Hitler” etwas von Raimunds Zauberwelt an sich hat. Das Stück wurde schon in Villach aufgeführt, lebt von seinen Kunstgriffen und Rollenspielen und zeigt Hitler als jungen Mann, 1907 in Linz, beziehungsweise spielt es in der Psychiatrie, respektive Irrenhaus in der Jetztzeit, denn da führen drei Patienten und drei Pfleger bzw. Sozialdiener ein Rollenspiel auf, um die Geschichte um, bzw. wieder zurückzuschreiben, die ersteren drei entpuppen sich dann als Anstaltsärzte und brechen das Experiment ab.
So weit so gut. Franzobel und seine Partnerin, die Schauspielerin Maxi Blaha haben gelesen und zuerst einmal die Protagonisten vorgestellt. Da gibt es einen Kevin, einen Niki, eine Michi, die glaube ich, auch noch sprechende Namen tragen, dann die Weiningerin, das ewige Opfer Schlomo und den Dr. Bloch, Hitlers jüdischen Hausarzt und es beginnt mit einem Monolog in Hitler Worten und der Hitler Sprache und noch mit einigen grotz brr, etc, der Weiningerin. Dann kam die Warnung, “Dieses Stück kann Ihre Gesundheit gefährden und ist den Schwangeren, den Stillenden, sowie den Wankelmütigen nicht zu empfehlen!”
Dann ging es los, in der Klinik, wo die Weiningerin, eine Hitler-Forscherin, darüber in Wahnsinn verfallen ist und von den drei Sozialhelfer bzw. Pfleger, die auch Revolutionäre sind, niedergespritzt wird, dann stellt ihnen die Weiningerin ihr Theaterstück über den jungen Hitler vor, mit dem sie die Geschichte zurückdrehen will, wahrscheinlich um wieder normal zu werden und es beginnt. Die Pfleger schlüpfen in ihre Rollen, einer ist der achtzehnjährige Adolf, ein Maturant im schwarzen Anzug, der andere sein Freund Gustl Kubizek, ein Tapeziererlehrling und späterer Musiker, die beiden kommen von einer Rienzi Auffühung, der junge Adolf entbrennt im Idealismus, der Gustl will nur in sein Bett, weil er wieder arbeiten muß und versteht den anderen nicht, der Künstler werden will. Die kranke Mutter, der schlagende Vater werden erwähnt, der Hausarzt kommt und will der Mutter helfen, später sagt er, daß sie gestorben ist, weil die Dr. Weininger ihm von Adolfs späteren Lebensweg erzählte, die taucht auch auf und läßt ihn seine späteren Reden hören, der hat Angst, um seine Mutter, wird von seiner Freundin, die die Menschheit retten sollte, verlassen und zuletzt auch noch von der Kunstakademie in Wien abgelehnt, so daß der Weg frei ist, sich die Macht zu holen, an dieser Stelle verwandeln sich die Patienten in Ärzte und brechen das Stück ab.
Dann gabs noch ein Gespräch mit dem Sozialhistoriker Kurt Bauer, der erläuterte, daß Hitler nicht in Wien, wie es in “Mein Kampf” steht, Antisemit geworden ist, sondern erst nach dem ersten Weltkrieg in München. Es wurde dann noch über den Idealismus diskutiert und darüber, daß sich die Nazis alle als fehlgeleitete Idealisten deklarierten und Lydia Mischkulnig fragte nach dem Unterschied zwischen Idealismus und Größenwahn? Die Grenze ist sicher fließend und irgendwann kippt es und dazwischen merkte offenbar ein anderer Historiker an, gibt es noch den Fanatismus und die Gruppe, denn Nazi wird man nicht allein und dann wurde noch erklärt, daß Hitler offenbar gar kein so schlechter Maler war.
Interessant, interessant, obwohl mir in der Handlung gar nicht so viel Neues zu liegen scheint. Vielleicht ist es 1907 so gewesen oder auch anders.
Dieser August Kubizek scheint seine Lebenserinnerungen hinterlassen zu haben, an der sich Franzobel orientierte. Die Verlegung in die Gegenwart erscheint mir auch sehr interessant und vor allem faszinierte mich die Franzobelsche Sprachgewalt. Uwe Bolius hat ja vor einigen Jahren auch ein Buch über Hitler geschrieben und in der Diskussion wurde noch erwähnt, daß es sehr viele Bücher zu diesem Thema gibt, weil man offenbar die Geschichte und, wie es dazu kam oder kommen konnte, begreifen will und das ja nicht sehr einfach ist.

Erzähltes und Reflektiertes

Ludwig Laher hat bei Haymon ein neues Buch herausgebracht, nach der sogenannten Sozialtrilogie “Und nehmen was kommt”, “Einleben” und “Verfahren” jetzt wieder Sprachkritischeres, nämlich “Kein Schluß geht nicht – Erzähltes und Reflektiertes”, sechsunddreißig Texte, in denen sich der Essay mit dem Erzählten verbindet, vermischt und überschneidet, etc und das wurde am Dienstag in der Gesellschaft für Literatur vorgestellt. Ich habe Ludwig Laher ja, als ich ihm beim Saisonabschlußfest im Literaturhaus traf, versprochen, mir sein Buch zu besorgen. Dann kamen aber die Vorableseexemplare von Haymon und da war es nicht dabei und da ich ohnehin schon eine lange Leseliste habe und außerdem Kürzesttexte nicht so gerne lese – stimmt nicht mehr, inzwischen lese ich Erzählbände und die Form, die der gründliche Recherchierer, wie ihn Marianne Gruber einleitete, wählte, entspricht wahrscheinlich dem, was das Writersstudio als Personal Essay anbietet, eine Gattung die in Amerika bekannt ist, bei uns noch nicht und da hat sie wohl Ludwig Laher für sich selbst erfunden, der ja sehr dokumentarisch schreibt und auch mit der Sprache spielt, in den sechsunddreißig Geschichten, die sich alle oder viele auf Schlüße beziehen, wohl besonders. Die Titelgeschichte hat er aber nicht gelesen, nur Marianne Gruber bestätigt, daß der Titel neugierig macht, da möchte man gern mehr wissen und in dem Buch gibt es eine Einleitung, in der sich Ludwig Laher quasi für seinen Essaystil zu entschuldigen scheint.
Das hat er nicht nötig, meinte Marianne Gruber in der Diskussion oder hat das der Verlag so vorgeschrieben? Der Verlag schreibt Ludwig Laher nichts vor, er hat es selber so gemacht und mit der Geschichte “Bergschluß und Rapfl” begonnen. Da geht ein altkluges Kind mit seinen Eltern wandern und macht Rast in einem Gasthaus, das seine Eltern “Hütte” nennen, weil auf dem Berg heißt das so, aber da ist ja kein Berg, sondern nur ein Tal, meint das Kind und beginnt mit seinen Eltern zu diskutieren, wieso das Talschluß aber Gipfel heißt.
Mit “Weiche” ging es weiter, diese Geschichte hat Marianne Gruber schon in ihrer Einleitung erwähnt. Da ist einer, jetzt fünfzig, als Kind war er oft bei seinen Großeltern und hat versucht die Weichen zu stellen. Mit fünf ist es noch nicht gegangen, aber mit acht oder neun, später dann nicht mehr Eisenbahn gefahren, sondern mit dem bequemen Mittelklassewagen. Dann wird er Großvater und hört die Großmutter das Neugeborene “Du bist aber eine ganz Weiche!”, liebevoll nennen, interessant interessant, wo die Sprachspiele hinführen können und vielleicht ist auch ein bißerl Autobiographie dabei.
Der dritte Text ging übers Sterben und das Verlieren einer Mutter. Der Sohn will einen Text über sie schreiben und kommt über den dritten Satz nicht hinaus. Die Mutter war eine Eigenbrödlerin und sehr vereinsamt, bzw. hat sie selber die Besucher nicht ins Wohnzimmer und ihren Krebs nicht behandeln lassen, dafür ist sie aber noch mit fünfundachtzig mit einem Boot namens Ilse auf dem Traunsee gefahren und nach dem Schlaganfall fast in der Badewanne ertrunken.
“Entwerter” führt wieder mehr in die Sprachasurdität hinein. Da kauft man sich einen Fahrschein und entwertet ihn, damit er gültig wird. Über diese Paradoxie kann Ludwig Laher eine Geschichte schreiben und die Protagonistin, Ruth Gehringer, die in der U-Bahn ein paar Schwarzkappler beim Amtshandeln erlebt, zu einem Schwächeanfall bringen.
“Redende Briefanlagen” führt in die Welt des Adalbert Stifters, der sich darüber freute, daß in Wien Briefkästen aufgestellt wurden, so daß man sich seine Briefe nicht mehr selber zustellen mußte und sich dabei vorstellte, wie es sein würde, wenn man seine Nachrichten redend versendet, für Stifter eine Phantasie, in der heutigen Welt der Mobiltelefonie aber längst verwirklicht ist.
Dann kam ein schon im Standard veröffentlichter Text zur Bundeshymne, in dem sich Laher seine Gedanken zu der inzwischen eingeführten Genderveränderung macht, die der Herr Molden, wie ich immer hören, ja beklagen will. Ich bin eine Frau und ich stehe dazu, im Gegensatz zu Ludwig Laher, der meint, daß man es lassen hätte sollen oder eine neue machen, denn die Jubelchöre gefallen ihn nicht und kann daher nur viel realistischer wiederholen, daß ich die Bundeshymne ohnehin nicht singe, weil ich nicht singen kann, wenn ich es aber täte, würde ich selbstverständlich “Töchter, Söhne” singen und das verhaspelnde “und” weglassen, dann könnte mich der Herr Molden, wenn er will verklagen und ich wäre gespannt, wer den Prozeß gewinnt?
Der Schlußtext, nicht der letzte, wie Ludwig Laher betonte, führte zu einem Ingeborg Bachmann Zitat und zu Grantscherben, die damit nichts anfangen können.
“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar” wird immer zitiert und von den Schülern verlangt, daß sie darüber Aufsätze schreiben.
“Aufhören können ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke”, hat sie aber auch gesagt, vielleicht, als sie keine Gedichte mehr schreiben wollte und Ludwig Laher erzählte in der Diskussion noch einiges über sein Schreiben und davon, daß er in und für die Literatur leben würde.
Die Veranstaltung war wieder nicht besonders gut besucht, was Marianne Gruber damit entschuldigte, daß irgend ein bedeutendes Rapid Matsch stattfinden würde, was mich ärgern könnte, immer diese Fußballvergleiche, als ob sich die Frauen, die zu literarischen Veranstaltungen gehen, wirklich dafür interessieren und die Männer, die vorm Fernseher sitzen, sonst in die Gesellschaft für Literatur gingen? Darüber könnte ich, wenn ich das wollte, einen Personal Essay schreiben, ich habe es jetzt aber geflüstert und mich wieder an dem Büchertisch, freie Entnahme gegen eine kleine Spende, den es immer noch gibt, bedient und habe jetzt Manfred Bauers “Gamma Lex” und Helga Glantschnigs bei Droschl erschienenes Schlittschuhbuch “Meine Dreier”, nach Hause mitgenommen.
Gustav Ernst und Karin Fleischanderl habe ich gesehen und Marianne Gruber nach der Figur des “Anderen” in ihrem Buch gefragt.

Der uralte Vogeltraum

Zur Abwechslung ein bißchen Karikatur, den zweiten Band der Edition der komischen Künste, Dirk Stermann empfiehlt Jürgen Marschals “Der uralte Vogeltraum” und tut das mit dem Band, des 1983 Geborenen und im Weinviertel Aufgewachsenen, der Theaterwissenschaft und Sozioplogie studierte, als Müllmann, Totengräber und Nachtportier gearbeitet hat, seit 2001 Cartoons für das Satiremagazin “Titanic” und seit 2007 für die ORF Lat-Night-Show “Willkommen Österreich” schreibt, sehr gekonnt, in dem er einmal Jügen Marschals Zeichnungen, das Markenzeichen sind die langen Nasen “häßlich” findet, “aber auch sehr lustig”.
So lustig, daß er möchte, “daß das Buch immer weitergeht” und Jürgen Marschal für einen “ungewöhnlichen begabten jungen Herrn hält”, für den er auch gern ein “2000 Seiten starkes Vorwort schreiben würde”.
Aber dann würde es dem Beschauer wahrscheinlich langweilig werden und man hätte nichts von den Zeichnungen, die meiner Meinung nach durch die starken, treffenden und sehr pointierten Texte beeindrucken.
Das Cover zeigt es gleich. Was ist nämlich der uralte Vogeltraum? Klaro, der vom Fahren und so sieht man auch ein gelbes Vögelchen in einem roten Auto, daß genau das in seiner Sprechblase hat.
Die Schreiberin hat nur Worte und sollte vielleicht nicht die ganze Vorschau zeigen, für den dens interessiert, verlinke ich auf die “Marschall-Seite” und weise darauf hin, daß man bis 30. November in der Galerie der komischen Künste im Museumsquartier eine Auswahl sehen kann und es außerdem am 18. Oktober eine Buchpräsentation gibt.
Hier also ein literarischer Einblick.
“Exklusiv! Nur für die Luxusklasse! Airbags aus echtem Marmor!”, steht in der Blase, das Auto klebt am Baum und Blut quillt heraus. Man sieht den bösen Witz, wenn man die Werbesprache wörtlich nimmt.
Und so kommt ein Polizist mit langer Nase und einem Unfallsauto auch ins Schlafzimmer, wo eine Frau mit nackten Busen liegt “Ach, das ist nichts Ungewöhnliches!”, erklärt er ihr “Mehr als 80% aller Unfälle passieren zu Hause.”
Und auch das Bestattungsunternehmen Müller und Sohn hat so seine Probleme “Ein schwer Verletzter bei Unfall auf der A3. Schnell, bevor der Notarzt auftaucht und ihn reanimiert”.
Böse, böse, könnte man so sagen.
Und “Die Operation verzögert sich noch ein wenig. Der Doktor muß sich Ihren offenen Oberschenkelhalsbruch erst schön saufen”, sagt so auch die lange Nasenschwester zum Patienten auf der Liege und ein anderer Doktor erklärt gemütlich “Das Bein konnten wir retten, aber den Rest müssen wir wohl amputieren.”
Und so weiter und so fort.
“Man könnte gar nicht aufhören zu lesen und zu schauen”, wünschte sich Dirk Stermann. Zum Glück gibts ja zweiundneunzig Seiten mit den bunten Bildchen der langen Nasenmenschen und den so markig originiellen Sprüchen, die in ihrer Banalität und Einfachheit so witzig sind und ich, die ich ja auch den ersten Band der Edition, nämlich “Kopf hoch” von Oliver Ottitsch, empfohlen von Gerhard Haderer, gelesen habe, werde, wenn es so weiter geht, dank dem Holzbaum-Verlag wohl bald auch eine Kennerin der jungen Karikaturisten werden. Wem das zu wenig ist, dem kann ich die literarische Schiene des Verlags mit zwei Büchern des unter “Dreißigjährigen” Stefan Sonntagbauers empfehlen.