Erzähltes und Reflektiertes

Ludwig Laher hat bei Haymon ein neues Buch herausgebracht, nach der sogenannten Sozialtrilogie “Und nehmen was kommt”, “Einleben” und “Verfahren” jetzt wieder Sprachkritischeres, nämlich “Kein Schluß geht nicht – Erzähltes und Reflektiertes”, sechsunddreißig Texte, in denen sich der Essay mit dem Erzählten verbindet, vermischt und überschneidet, etc und das wurde am Dienstag in der Gesellschaft für Literatur vorgestellt. Ich habe Ludwig Laher ja, als ich ihm beim Saisonabschlußfest im Literaturhaus traf, versprochen, mir sein Buch zu besorgen. Dann kamen aber die Vorableseexemplare von Haymon und da war es nicht dabei und da ich ohnehin schon eine lange Leseliste habe und außerdem Kürzesttexte nicht so gerne lese – stimmt nicht mehr, inzwischen lese ich Erzählbände und die Form, die der gründliche Recherchierer, wie ihn Marianne Gruber einleitete, wählte, entspricht wahrscheinlich dem, was das Writersstudio als Personal Essay anbietet, eine Gattung die in Amerika bekannt ist, bei uns noch nicht und da hat sie wohl Ludwig Laher für sich selbst erfunden, der ja sehr dokumentarisch schreibt und auch mit der Sprache spielt, in den sechsunddreißig Geschichten, die sich alle oder viele auf Schlüße beziehen, wohl besonders. Die Titelgeschichte hat er aber nicht gelesen, nur Marianne Gruber bestätigt, daß der Titel neugierig macht, da möchte man gern mehr wissen und in dem Buch gibt es eine Einleitung, in der sich Ludwig Laher quasi für seinen Essaystil zu entschuldigen scheint.
Das hat er nicht nötig, meinte Marianne Gruber in der Diskussion oder hat das der Verlag so vorgeschrieben? Der Verlag schreibt Ludwig Laher nichts vor, er hat es selber so gemacht und mit der Geschichte “Bergschluß und Rapfl” begonnen. Da geht ein altkluges Kind mit seinen Eltern wandern und macht Rast in einem Gasthaus, das seine Eltern “Hütte” nennen, weil auf dem Berg heißt das so, aber da ist ja kein Berg, sondern nur ein Tal, meint das Kind und beginnt mit seinen Eltern zu diskutieren, wieso das Talschluß aber Gipfel heißt.
Mit “Weiche” ging es weiter, diese Geschichte hat Marianne Gruber schon in ihrer Einleitung erwähnt. Da ist einer, jetzt fünfzig, als Kind war er oft bei seinen Großeltern und hat versucht die Weichen zu stellen. Mit fünf ist es noch nicht gegangen, aber mit acht oder neun, später dann nicht mehr Eisenbahn gefahren, sondern mit dem bequemen Mittelklassewagen. Dann wird er Großvater und hört die Großmutter das Neugeborene “Du bist aber eine ganz Weiche!”, liebevoll nennen, interessant interessant, wo die Sprachspiele hinführen können und vielleicht ist auch ein bißerl Autobiographie dabei.
Der dritte Text ging übers Sterben und das Verlieren einer Mutter. Der Sohn will einen Text über sie schreiben und kommt über den dritten Satz nicht hinaus. Die Mutter war eine Eigenbrödlerin und sehr vereinsamt, bzw. hat sie selber die Besucher nicht ins Wohnzimmer und ihren Krebs nicht behandeln lassen, dafür ist sie aber noch mit fünfundachtzig mit einem Boot namens Ilse auf dem Traunsee gefahren und nach dem Schlaganfall fast in der Badewanne ertrunken.
“Entwerter” führt wieder mehr in die Sprachasurdität hinein. Da kauft man sich einen Fahrschein und entwertet ihn, damit er gültig wird. Über diese Paradoxie kann Ludwig Laher eine Geschichte schreiben und die Protagonistin, Ruth Gehringer, die in der U-Bahn ein paar Schwarzkappler beim Amtshandeln erlebt, zu einem Schwächeanfall bringen.
“Redende Briefanlagen” führt in die Welt des Adalbert Stifters, der sich darüber freute, daß in Wien Briefkästen aufgestellt wurden, so daß man sich seine Briefe nicht mehr selber zustellen mußte und sich dabei vorstellte, wie es sein würde, wenn man seine Nachrichten redend versendet, für Stifter eine Phantasie, in der heutigen Welt der Mobiltelefonie aber längst verwirklicht ist.
Dann kam ein schon im Standard veröffentlichter Text zur Bundeshymne, in dem sich Laher seine Gedanken zu der inzwischen eingeführten Genderveränderung macht, die der Herr Molden, wie ich immer hören, ja beklagen will. Ich bin eine Frau und ich stehe dazu, im Gegensatz zu Ludwig Laher, der meint, daß man es lassen hätte sollen oder eine neue machen, denn die Jubelchöre gefallen ihn nicht und kann daher nur viel realistischer wiederholen, daß ich die Bundeshymne ohnehin nicht singe, weil ich nicht singen kann, wenn ich es aber täte, würde ich selbstverständlich “Töchter, Söhne” singen und das verhaspelnde “und” weglassen, dann könnte mich der Herr Molden, wenn er will verklagen und ich wäre gespannt, wer den Prozeß gewinnt?
Der Schlußtext, nicht der letzte, wie Ludwig Laher betonte, führte zu einem Ingeborg Bachmann Zitat und zu Grantscherben, die damit nichts anfangen können.
“Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar” wird immer zitiert und von den Schülern verlangt, daß sie darüber Aufsätze schreiben.
“Aufhören können ist nicht eine Schwäche, sondern eine Stärke”, hat sie aber auch gesagt, vielleicht, als sie keine Gedichte mehr schreiben wollte und Ludwig Laher erzählte in der Diskussion noch einiges über sein Schreiben und davon, daß er in und für die Literatur leben würde.
Die Veranstaltung war wieder nicht besonders gut besucht, was Marianne Gruber damit entschuldigte, daß irgend ein bedeutendes Rapid Matsch stattfinden würde, was mich ärgern könnte, immer diese Fußballvergleiche, als ob sich die Frauen, die zu literarischen Veranstaltungen gehen, wirklich dafür interessieren und die Männer, die vorm Fernseher sitzen, sonst in die Gesellschaft für Literatur gingen? Darüber könnte ich, wenn ich das wollte, einen Personal Essay schreiben, ich habe es jetzt aber geflüstert und mich wieder an dem Büchertisch, freie Entnahme gegen eine kleine Spende, den es immer noch gibt, bedient und habe jetzt Manfred Bauers “Gamma Lex” und Helga Glantschnigs bei Droschl erschienenes Schlittschuhbuch “Meine Dreier”, nach Hause mitgenommen.
Gustav Ernst und Karin Fleischanderl habe ich gesehen und Marianne Gruber nach der Figur des “Anderen” in ihrem Buch gefragt.

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