Buchmessen-Surfing

Schön langsam komme ich aus Frankfurt zurück, wo ich mich die letzten Tage sehr intensiv aufgehalten habe. Mit dem blauen oder auch andersfarbigen Bus bin ich nicht dorthin gefahren, habe nicht in einem Zelt geschlafen und auch nicht in einem Hotel in Mainz oder Wiesbaden, wie ich das 2000 oder 2002 so machte. Bin auch nicht durch die Hallen herumgelaufen und zu Mittag meine vollen Büchersäcke beim Stand der IG-Autoren abgestellt, sondern mich ganz einfach und bequem, das Netz machts möglich mit meinen beiden Computern ins Wohn-Schlaf- oder auch ins Praxiszimmer gesetzt, am Abend in die Alte Schmiede gegangen, zwei Bücher von meiner hundert Bücher Liste gelesen, das Vorwort und zwei Jurybegründungen für den “Ohrenschmaus” abgeschickt und trotzdem sehr viel mitbekommen.
Was schon Montagabend begann, als ich von der Haderlap-Lesung aus der Alten Schmiede kam. Denn vorher hatte ich den Namen Eugen Ruge nicht sehr oft gehört und auch nicht gewußt, daß er auch den Aspekte-Literaturpreis, der ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, bekommen hat.
Am Mittwoch wurde mit dem Preisträger das blaue Sofa eröffnet, das habe ich durch meine zehn Uhr Stunde zwar ein bißchen versäumt und die offizielle Eröffnung am Dienstag auch, daß das Gastland Island ist, wußte ich aber und darüber habe ich schon berichtet. Der Hauptverband des Buchhandels hat auf seiner Seite das Bild von der offiziellen Standeröffnung und ladet auch immer zu einem Empfang ein. Das Glas Wein muß ich alleine trinken, aber mit dem blauen Sofa kommt man sehr weit, auch wenn dort nur die Prominenten sitzen. Es ist aber auch sehr interessant, zu sehen, wer darunter fällt. Die Messestars sind aber gar nicht dort zu finden, die sieht man wahrscheinlich wirklich nur auf den kleinen Filmchen, die es diesmal auf ARD zu sehen gibt. Denn da gibt es ein Buch einer Daniela Katzenberger, die wirklich, wie die Barbie aussieht. Blonde Haare, stark gefärbte Lippen und Riesenwimpern, die dann noch freundlich sagt, daß sie sich über den Zustrom ihrer Fans sehr freut, obwohl sie sich nicht so viel Mühe mit dem Schreiben, wie die anderen Autoren gibt und den Nobelpreisträger von 2010, habe ich auch nur auf dem anderen blauen Sofa, dem mehr barock aussehenden mit den geschwungenen Holzbeinen gesehen, das Wolfgang Herles ins Hotel Steigenberger Hof transportieren ließ und sich mit Mario Vargas Llosa vor die Bar setzte. Denn da gab es Donnertagnacht eine Buchmessensondersendung, die ich mir Freitags ansah und die ich diesmal sehr gut fand. Da gab es auch einen Messerundgang und der war ebenfalls sehr interessant, denn ein Buchmessenthema ist ja der Kampf um das gedruckte Buch und da scheint sich jetzt wirklich was zu ändern. Zwar sagen die Besucher, wenn man sie fragt, noch immer, beim Lesen muß ich das Buch riechen und angreifen können, aber die Blogger steigen, wie man auch bei libromanie beobachten kann, langsam auf den Kindle um. Das Literaturcafe.de hat einen Ratgeber veröffentlicht, wie man seine Bücher selbst zu einem E-Buch machen kann und da wurde berichtet, daß das inzwischen wirklich immer mehr Leute selber tun, ganz egal, ob sie einen Verlag finden oder nicht und das war ein wenig Trost auf meine Mühlen, denn dann bin ich vielleicht gar nicht so abseitig. Ich habe das zwar schon 2010 mit meinen Lesern diskutiert, mich aber sehr allein gefühlt. In Frankfurt sieht man das aber offensichtlich schon etwas anders, als bei uns die IG-Autoren. Die wahren Bestseller sind auch in Frankfurt anders und die Bücher der Buchpreisträger werden wahrscheinlich auch nicht am meisten gelesen, sondern Comics und Fantasyliteratur und da strömen auch in Frankfurt, die Verkleideten am Wochenende auf die Messe, wo sie dort die normalen Besucher hineinlassen. Die beiden Male als wir dort waren, sind wir am Wochenende nach Backnang zu Alfreds Tante Edith gefahren, die inzwischen schon gestorben ist und es gibt auch in Frankfurt so etwas, wie eine Büchernacht und Lesungsveranstaltungen und da gab es einen kleinen Film, wo zwei Deutschlehrerinnen erklärten, daß sie nur dorthin und nicht auf die Buchmesse gehen, weil ihnen die zu kompliziert ist. Dafür konnte ich auf Andrea Stifts Blog erfahren, daß sie am Freitag mit Valerie Fritsch sehr früh aufgestanden und nach Frankfurt geflogen ist. Dorthin hat sie das Land Steiermark eingeladen, sie hat ihren Fanclub, darunter Andreas Unterweger und Linda Stift mitgenommen und um halb vier glesen. Vorher tat das Ruth Aspöck aus ihrer Blindschleiche. Andrea Stifts Geschichte habe ich leider fast versäumt, weil dazwischen Franz Joseph Huainigg angerufen hat und mit mir über “Mimis Bücher” und den “Ohrenschmaus” diskutierte. So kann es gehen. Auf der realen Messe wird man wahrscheinlich aber auch abgelenkt. Gibt es da ja die Messezelte im Hof und da stellte der über siebzigjährige Sänger Rene Kollo seinen Kriminalroman singend vor, was Wolfgang Herles sehr bedauerte. Aber der hat auch einen Roman geschrieben, der noch dazu “Die Dirigentin” heißt und der wurde am blauen Sofa vorgestellt.
Der und die DDR-Literatur, denn es haben auch heuer wieder sehr viele ehemalige DDR Autoren ein Buch über die ehemalige DDR geschrieben und einge davon standen auch auf der langen oder kurzen Liste. Angelika Küssendorfs “Das Mädchen” z.B, aber auch Judith Scharlanskys “Der Hals der Giraffe” oder Antje Ravic Strubels “Sturz der Tage in die Nacht”.
Sie alle saßen auf dem blauen Sofa, wo auch der Stargast Charlotte Roche mit ihren “Schoßgebeten” war und das Leben erklärte. Sie hatte, um wohl den medialen Auftritt zu unterstreichen, eine Art Ledergürtel über ihre Kleidung geschlungen, während Vera von Lehndorf, offenbar besser bekannt als “Veruschka”, die ihre Autobiografie vorstellte, eine Art Helm mit Gesichtsvisier trug, um sich vor der Öffentlichkeit zu schützen. Und die scheint nicht nur eine interessante Frau und ehemaliges Starmodel zu sein, sondern wuchs offenbar auch in dem Schloß in Steinort auf, wo wir im Sommer waren. Den Buch und Aspektepreisträger habe ich einige Mal gehört und mich auch ein bißchen über den arabischen Schwerpunkt informiert. Denn der arabische Frühling ist ja auch ein Schwerpunkt. Darüber wurden einige Bücher geschrieben und der Friedenspreis, auch ein berühmter Messepreis, der immer am Sonntag in der Paulskirche vergeben wird, ergeht heuer an den algerischen Autor Boualem Sansal, dessen erstes Erfolgsbuch “Postlagernd Algier” von Ilija Trojanow vorgestellt wurde.
Österreicher gibt es auch auf der Messe. Wenn sie berühmt genugt sind, dürfen sie sich aufs blaue Sofa oder zu 3Sat setzen, wie Josef Haslinger, Marlene Streeruwitz, Thomas Glavinic, Sabine Gruber oder Ilija Trojanow. Maya Haderlap war am Samstag bei 3 Sat und Eva Rossmann, glaube ich, wieder bei den IG-Autoren. Etwas hat mir wieder nicht gefallen und zwar Sibylle Lewitscharoffs Bemerkung, deren preisgekrönter Roman “Blumenberg” hochgelobt wird, daß sie für Selbstmörder nur Verachtung hat. Das sollte man vielleicht nicht so stehen lassen, denke ich. Auf der Buchmesse ist aber wahrscheinlich wenig Zeit zum Innehalten. Man hetzt von Veranstaltung zu Veranstaltung und hoffnungsvolle Autoren, die immer noch mit ihren Büchern dort herumlaufen, bekommen schon mal vorgedruckte Zetteln in die Hand, daß sie ein Expose einreichen sollen. Es gibt aber auch den Island-Pavillon über den ich schon berichtet habe, in dem man sich bei Kaffee und vielleicht auch Kuchen mit einem Buch hinsetzen kann und nächstes Jahr wird Neuseeland Gastland sein.
Und als ich mich als alles vorbei, am Sonntag schließt die Buchmesse um fünf und die letzten ARD Filmchen angsehen hatte, mit Alfred ins Chattanooga am Graben, dem ehemaligen Tanzlokal, das sich jetzt in ein Bierlokal umwandelte und daher an die Haushalte Gutscheine für gratis Spareribs und gratis Bier verschickte, ging, haben wir in dem Keller mit den schönen Wandmalereien, die so gar nicht zu einem Bierlokal passt, Ruth Aspöck mit ihrem Sohn und Enkeltochter, sowie Robert Eglhofer getroffen, die mir gleich noch etwas von Frankfurt erzählen konnte.
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