Jetzt habe ich wieder einen Erzählband gelesen, obwohl ich Clemens Meyers “Die Nacht, die Lichter”, ein Buch aus dem Flohmarkt von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin, für einen Roman gehalten habe. Stories steht aber schon am Einband und sie sind auch sehr zu empfehlen, stark und ungewöhnlich realistisch und auch der Lebenslauf des 1977 in Halle an der Saale geborenen Clemens Meyer, der in Leipzig lebt und mit “Die Nacht, die Lichter”,, 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, ist ungewöhnlich, ist er doch der Sohn eines Krankenpflegers und stieß durch die Bibliothek seines Vaters auf Bücher, nach dem Abitur jobbte er als Bauarbeiter, von 1998 bis 2003 studierte er am deutschen Literaturinstiut in Leipzig und finanzierte sich sein Studium als Wachmann, Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer, es gab einen Aufenthalt in der Jugendarrestanstalt Zaithain und das sind auch die Milieus in denen die Stories spielen.
Handeln sie doch von Arbeitslosen, alten Männern in einsamen Dörfern und anderen Heruntergekommenen , aber auch vom kleinen Glück der Ausgeschlossenen und Übergebliebenen, von denen preisgekrönte Romane und Erzählungen sehr selten erzählen. Ich habe den Namen Meyer und eine Beschreibung des Buchs, glaube ich, nach der Verkündung des Buchmessenpreises gehört, da erschienen mir die Themen zu brutal und aggressiv. Jetzt hat mich die realistische Schilderung sehr beeindruckt und sprachlich genügend abgehoben sind sie natürlich auch, sonst hätte man ihm nicht im Leipziger Literatur Institut aufgenommen, den Buchpreis und noch einige andere Preise gegeben.
Noch etwas ist vielleicht ungewöhnlich, die Geschichten spielen in Leipzig oder sonst wo in Ostdeutschland und handeln nach der Wende, wo die übergebliebenen Arbeitslosen aufs Arbeitsamt gehen, ihre ebenfalls arbeitslosen Mütter besuchen und ihnen Geld in die Tasche stecken wollen und dann drei Briefe aus dem Postkasten nehmen, einem vom Arbeitsamt, eine Absage auf eine Bewerbung und einen aus Cuba, der vom alten Freund Wolfgang kommt, der in Cuba sein Glück machte und Frank davon schreibt.
In “Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe”, rennt ein Mann mit einer Flinte in seiner Wohnung herum und spricht mit seiner Frau, die ihm Bett liegt und wie Mary Monroe ausschauen soll, nach und nach erkennt man, daß sie tot ist und er sie ermordet hat.
Sehr beeindruckend die Geschichte “Von Hunden und Pferden”, da ist auch ein Arbeitsloser, Geschiedener oder anderer Einsamer, der nichts hat als seinen Hund, den er zum Tierarzt bringt, weil er hinkt und den er durch eine Operationen retten kann, wenn er dafür dreitausend Mark aufbringt. Die borgt ihm niemand, so kommt er auf die Idee, sie sich durch Pferdewetten zu verdienen, er gewinnt auch, nur als er in seiner Freude mit dem Geld nach Hause will, bemerkt er nicht, daß ihm drei Gestalten folgen…
“Ich bin noch da”, hat mich vielleicht noch stärker beeindruckt und auch persönlich betroffen, obwohl sie von einem schwarzen Boxer handelt, der die Zahlen 18 – 32 -3 hat, das heißt achtzehn Siege, zweiunddreißig Niederlagen und drei Unentschieden, weil er, obwohl er sich sehr bemüht, immer nur für Kämpfe engagiert wird, wo klar ist, daß er verlieren wird. Er stammt aus Rotterdam hat dort eine Frau und ein Kind und will ein kleines Boxstudio errichten, so kommt er nach Deutschland und gewinnt, obwohl er das offenbar nicht soll, mit dem Geld muß er sich dann vor einigen Angreifern verteidigen, darunter sind auch ein paar Neo Nazis, denen seine Hautfarbe nicht gefällt, am Schluß schaut er noch ein bißchen lädierter aus, fährt aber mit 19 Siegen zum Bahnhof.
Eine Geschichte, die, “Die Nacht, die Lichter” heißt, gibt es auch, aber die Lichter der Nacht spielen eigentlich in dem ganzen Buch eine Rolle, wie auch die jungen Männer, die wegen irgendetwas im Knast landen, dann ihre Begegnungen mit Schwulen und mit anderen Typen haben und ihren Töchtern das ersparte Geld in die Freiheit bringen.
“Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermanns”, ist ebenfalls sehr beeindruckend, obwohl es in der letzten Etage eines Leipziger Luxushotels spielt, Johannes Vettermann ist der Sohn eines Gemüsehändlers der durch die Wende zuerst aufstieg, dann wieder abstürzte nachdem die Vietnamesen den Obst- und Gemüsehandel übernahmen, er hat auch als Maler und Kunsthändler Karriere gemacht, dann ist er dem Rauschgift verfallen und sich zwei schicke Damen in seine Hotelsuite bestellt, damit sie ihm den letzten Schuß setzen.
Ebenso beeindruckend die Geschichte des Weinvertreters, der sich plötzlich mit billigen Fusel in einem Zug wiederfindet, nicht weiß, wie er dorthin gekommen ist, dort die Bekanntschaft eines Zeugen Jehovas macht, der ihn zu Gott bekehren will und nach und nach erkennt er, daß er offenbar Fahrerflucht begangen hat.
Starke Worte, ungewöhnliche Themen , schräge Geschichten, es wird schon viel geschlagen, gesoffen und gekifft dabei, es kommt aber immer auch immer wieder zu den starken Momenten des kleines Glücks, etwa in der Boxergeschichte, obwohl die “Des alten Mannes der seine Tiere begräbt”, mit der das Buch endet, nur beeindruckend depressiv ist, ist dem alten Mann doch seine Frau schon vor Jahren weggestorben, jetzt ist er der einzige Gast der Wirtin und Friseurin des Dorfes, die Geschäfte haben schon längst geschlossen, er hat nur mehr einen Hund, seine Hühner hat er schon begraben, als er sich mit Schnaps betrinkt und sich vom letzten Freund die Pistole ausborgt, um den alten Hund zu erschießen. Man ahnt, daß er dabei zwei Kugeln brauchen wird und hat sehr viel von der Tristesse des ostdeutschen Lebens und der Einsamkeit seiner alten und auch jungen Menschen gelernt.
“Meyer weiß wovon er schreibt”, schreibt die Welt am Sonntag und ich habe in Wikipedia gelesen, daß die “Die Nacht, die Lichter” 2010 szenisch uraufgeführt wurden.
2010 habe ich ihn, glaube ich, auch auf der Leipziger Buchmesse erlebt, als er da wahrscheinlich sein drittes Buch präsentierte, heuer habe ich seinen Leipziger Buchmessenblog in meinem Wohnzimmer sehr intensiv verfolgt.