Nebelkinder

Nun kommt das zweite “Aufbau-Buch” und auch das zweite, das ich von der1970 geborenen Stefanie Gregg gelesen habe.

“Mein schlimmster schöner Sommer”, wo eine Frau ihrer Krankheit davonfährt ha tmich ja sehrbeeindruckt, weil ich ja selber über dieses Thema geschrieben habe und “Nebelkinder”, das hat mich sehr erstaunt hat nun ein ganz anderes Thema, geht es ja um die Nachkriegsgeneration und die Flucht einer Mutter mit ihrer Tochter aus Breslau, was mich ein wenig wunderte, daß da plötzlich ein ganz anderes Thema war.

Stefanie Gregg hat das in ihren Nachworten sehr genau erklärt und was ich auch sehr spannend fand, dazugeschrieben, wie das mit ihrer Familie war und was sie davon verwendet und was ganz anders war, wo ich ja immer höre, daß immer alles ganz erfunden ist und daß man das muß. Aber wie die Autorin in mir weiß, höchstwahrscheinlich gar nicht möglich ist.

Es wird auch der Begriff “Nebelkinder” erklärt, der mir, die ich ja auch Pschologin bin bisher völlig unbekannt war, aber ich gehöre ja nicht zu der Generation der Enkelkinder, die von den Kriegserlebnissen ihrer Großeltern überhaupt nichts wissen, obwohl sehr viel wurde bei mir, der 1953 geborenen auch nicht darüber gesprochen und meine Schwester hat, da 1942 auf die Welt gekommen, ein bißchen miterlebt und war, wahrscheinlich durch die mangelnde Ernährung, kleinwüchsig, auch ihr ganzes Leben davon betroffen.

Das wird und das habe ich auch interessant gefunden, in dem Buch auch erwähnt, daß die 1932 geborene Anastasia kleiner, als die anderen Kinder war, weil zu wenig zu essen.

Die Traumatiserungen, die diese Generation erlebte und das damals sicher nicht so nannte, werden also erst heute aufgearbeitet und da stellt sich natürlich die Frage, wie das gelingen kann, wenn man in die Großmutter vielleicht ein Trauma hineindeutet, das diese energisch bestreiten würde und das schreibt Stefanie Gregg auch, ihre Großmutter war nicht so belastet.

Aber das weiß man ja von den Schreibseminaren “Schreib das Schlimmste auf und übertreibe, damit es die Leser interessiert!”

Also habe mich die vielen Vergewaltigungen der Kriegsfrauen etwas gefundert, einigen werden es schon so erlebt haben, die meisten hoffentlich nicht.

Es ist ein Familienroman über drei Generationen und es wird abwechselnd erzählt und um das Ganze schlüßig zu machen, gibt es noch einen Handlungsfaden, den ich etwas konstruiert empfand, wie auch die Geschichten, die die einzelnen Szene erzähten, sehr ausgeschmückt sind, während sonst, das wird wahrscheinlich auch in den Schreibseminaren so verlangt, manchmal Lücken bleiben, um den Leser wohl neugierig zu machen und an der Stange zu halten.

Es beginnt 1945 in einem Bauernhof bei München, da ist Käthe mit ihren zwei Kindern, der dreizehnjährigen Anastasia, Ana genannt und der kleineren Leni, sowie ihrer Schwester mit deren Sohn Wolfgang gerade angekommen. Käthe ist traumatisert. Ana muß sich um alles kümmern, der Bauer läßt sie im Stall schlafen, um Essen zu besorgen macht sie den Stall sauber und fängt eine Freundschaft mit Franz, dem Sohn des Bauern an. Später bekommen sie eine Wohnung in München, der Vater Ludwig, ein Richter, kommt aus dem Krieg zurück und die Zwischenhandlung spielt 2017. Da bekommt Lilith, Anas Tochter von ihrem bindungsunfähigen Freund Robert, den Auftrag sich um sein Kind dessen Mutter gestorben ist, zu kümmern. Er kann es nicht, weil verheiratet und blöd ist nur, das kind ist von der besten Freundin, die sie damit betrogen hat.

Das ist die Auslangslage, denn Lilith zögert, will natürlich nicht. Würde ich auch nicht anraten und wohl auch nicht gut für den kleinen Aaron sein. Ana drängt aber zur Verantwortung, “Contenauce!”, ist ein Spruch der Familie und fährt mit Lilith nach Breslau, um ihre Familiengeschichte zu erzählen.

Käthe ist aus guten Haus. “Rücken gerade, Kopf hoch, Contenauce bewahren!” und verheiratet, will aber Architektur studieren. Der Mann verbietet es, was er damls durfte. Sie betrügt ihn mit Ludwig, bekommt ein Kind, das sie nicht wegmachen läßt und es dem Gatten auch nicht unterschiebt, wird von der Familie als geschiedene Frau verachtet, was ich auch ein wenig konstruiert empfinde. Ludwig, der Richter heiratet sie. Die Ehe ist aber nicht gut, wie wir noch später erfahren und er betrügt sie sehr oft. Vielleicht bin ich naiv, aber in meiner Familiengeschichte gibt es nicht so viele betrügende oder betrogene Frauen, aber ich weiß schon, im Roman muß alles übertrieben sein und dann machen es die Leser vielleicht nach…

Anastasia, auch ein ungewöhnlicher Name, fühlt sich für die kleine Schwester verantwortlich, die Mutter liegt immer im Bett und kocht dem Vater, wenn er nach Hause kommt, kein Abendessen, wo er dann die Stirne runzelt.

Warum erfährt man auch, denn es war gar nicht so einfach mit dem Zug von Breslau nach München zu gelangen. Es war kalt, es gab kein Essen und um solches für die Kinder zu besorgen, mußten die Frauen sich- und die kleine Leni machte sich an, weil sie nicht aufs Klo gehen konnte, als der Zug hielt, war dann der Urin auf der Unterhose gefroren, was der Grund war, daß sich Ana sehr über die drei Unterhosen freute, die sie dann, schon in München zu Weihnachten bekam, denn nun konnte sie täglich wechseln. Später studierte sie, wie der Vater ebenfalls Jus und wünschte sieh einen verläßlichen Mann, der ihr Sicherheit bieten konnte, der war aber, wie Großvater Ludwig fand, entsetzlich fad. So traf sie Franz wieder und das Kind, als sie dann, ihren Jochen heiratete, war natürlich eine Frühgeburt was aber niemand merkte, weil die Verkäuferin, die das Hochzeitskleid anprobierte, die richtigen Ratschläge gab. So ging es weiter in das Wohlstanddeutschland, das hat auch Eva Sichelschmid ähnlich beschrieben und Lilith fror ein wenig unter der Sicherheit, denn “Ich liebe dich!”, konnte Ana nie zu ihr sagen oder tat es erst später und am Schluß kommen Ana und Lilith nach München zurück. Lilith nimmt Aaron auf und Ana schenkt ihm zu Weihnachten die Spieldose, die ihr ihr Vater schenkte, bevor er in den Krieg mußte und sie nach München rettet,e ihrer Tochter aber nie gezeigt hat.

Sicher wichtig die Traumen der Nachkriegsgeneration aufzuarbeiten. Ich habe ich ein Tagebuch meiner Mutter gefunden, das sie geschrieben hat, sie mit der kleinen Uschi allein Wien war, weil mein Vater noch in Gefangenschaft und habe beim Lesen öfter gedacht, daß wir jetzt ja hurtig den nächsten Traumatsierungen entgegentaumeln, die sich aber wahrscheinlich erst so richtig ausmessen lassen, wenn ich vielleicht schon gestorben bin. Dann kann die kleine Lia drüber schreiben, wie es damals war, als alle plötzlich mit Masken herumliefen und alle, wie man es auch jetzt merken kann, es verdrängten, beziehungsweise nicht darüber schreiben wollen,wie es ihnen damit geht.

Carnival

Jetzt kommt wieder eine “Buchpreis-Pause”, denn “Aufbau” feiert sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen und hat mir dazu einige seiner Juli und August Erscheinungen geschickt und ganz stimmt das wieder nicht, denn der 1988 geborene Philipp Winkler ist ja 2016 mit seinem Debut “Hool” sogar auf der Shortlist gestanden, mit dem kleinen dünnen Abgesang auf alle Gaukler, stand er nicht darauf, trotzdem wurde das Buch in dem sich Winkler wieder in einer Kunstsprache den sogenannten Schwachen der Gesellschaft, die keine Stimme haben auf etwa hundertzwanzig Seiten seine lieh und eine wahre Litanei die fahrenden Gesellen machte.

Da genau setzt meine Kritik wieder ein, obwohl ich den lyrischen Duktus gerne gelesen habe, denke aber wieder, daß die Schausteller und Wanderzirkusbetreiber sich genau, wie die Protagonistin in “Blauschmuck” beispielsweise anders ausdrücken würden, wenn sie ihre Geschichte erzählen.

Es liest sich aber gut, wenn auch nicht sehr leicht, denn Philipp Winkler hat da wirklich eine eigene Sprache erfunden, wenn er von den “Kirmsern” erzählt, die da ihre Shows für die “Örtler” oder “Marks” machen, ihnen eine Wunderwelt aus Zuckerwatte, Popcorn und Fritten vorzaubern und ihren dabei das Geld aus der Tasche ziehen.

Denn wir alle waren ja als Kinder im Zirkus, als es den noch mit Clowns, Tieren und Messerwerfern gegeben hat, waren auch am Jahrmarkt und ließen und dort Zuckerwatte kaufen, vom Papa einen Teddybär schießen oder vom Liebsten ein vielleicht von Mäusen angeknabbertes Lebkuchenherz um den Hals hängen.

Und Philipp Winkler erzählt vielleicht trotzdem auch sehr genau mit einem scharfen Blick, wenn der die Geschichten von der Messerwerferin oder die von der die zu den “Kirmsern” kam, um sich nicht zu Tode zu trinken, erzählt.

Erzählt von denen, die in den Zirkuswagen aufgewachsen sind und von denen, die dorthin kamen, weil sie in der bürgerlichen Welt gestrandet sind und er erzählt vor allem vom Untergang der schönen heilen Kirmes- Welt, die es höchstwahrscheinlich so nie gegeben hat. Die “Örtler” kommen nicht mehr und lassen sich von den Gauklern ihr Geld nicht mehr aus den Taschen ziehen, weil sie zu Hause vor den Fernsehern sitzen oder sich in den Einkaufszentren vergnügen.

Es gibt noch eine große Hochzeit mit Zuckerwatte und Popcorn, wo das Brautpaar dann auf die Superschleuder gesetzt und durch die Luft geschleudert wurden, daß die ihnen zuvor überreichten Blumen und Schokolade allen anderen auf den Kopf fielen

Es gibt ein letztes großes Begräbnis, als der Älteste der Schauleute stirbt und dann geht es auf in den Himmel und der letzten Satz des durchaus beeindruckenden kleinen Romans oder Abgesang auf die Gauklerwelt lautet “Und wenn wir sie von Neuem aufbuckeln, dort oben unterm Himmelszelt, dann wird Er zu uns sprechen und wird sagen: ihr habt gute Arbeit geleistet.”

Wollen wir hoffen, daß Philipp Winkler Recht behält.

Die Dame mit der bemalten Hand

Jetzt kommt schon Buch fünzehn des dBps, das vierte Shortlistbuch und das dritte der 1966 geborenen Christine Wunnicke mit dem sie auf der Longlist stand.

2015 als ich mit dem Buchpreislesen begann war es “Der Fuchs und Dr. Shimamura”, 2017 “Katie”, alle in dem kleinen “Beerenberg-Verlag” und 2015 hat “Literaturen” über den “Fuchs”, den ich in einer Buchhandlung glesen habe, geschrieben, daß Christine Wunnicke nur Außenseiterchancen hat.

Das habe ich wohl auch geglaubt, denn die Bücher sind klein und dünn, graphisch sehr schön gestaltet und sie haben auch eher ungewöhnliche Themen beim “Fuchs” ging es um einen japanischen Pschiater bei “Katie”um den Spirtialismus und bei der “Dame mit der bemalten Hand” wird die Pyschiatrie und ihre Ungewöhnlichkeiten verlassen. Denn es geht nach Jaipur und ins achtzehnte Jahrhundert.

Christine Wunnicke hat einen historischen Stoff gewählt mit dem sie wohl das Nichtverstehen der verschiedenen Sprachen und Kulturen beschreibt und in Zeiten, wie diesen wohl zu größerer Toleranz aurruft und das tut sie mit einer sehr schönen nicht leicht verständlichen Sprache, so daß man sehr aufmerksam und konzentriert lesen muß, um sich in die Welt des Shortlistbuchs einzulesen, über das Sigrid Löffler am Buchrücken “Christine Wunnicke ist eine wunderbare unterschätze Romanautorin schreibt.” und das, glaube ich, inzwischen auch.

Es beginnt in Bombay im jahr 1764, wo der persische Astronom Meister Musa aus Jaipur, der eine Reise nach Mekka unternehmen will und vorher, um dafür das nötige Geld aufzubringen, einem Geschäftsmann ein sogenanntes Asterolabium verkaufen muß.

Auf der Insel Elephanta wo es nur Affen und Ziegen, sowie ein paar Einwohner gibt, findet er den deutschen Karthographen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der von 1733 bis 1815 lebte und 1761 von dänischen König auf eine arabische Forschungsexpedition geschickt wurde. Seine fünf Reisegenoßen sind inzwischen verstorben, er liegt mit Sumpffieber auf der Insel, wird von Meister Musa gefunden und die beiden versuchen sich nun in leidlichen Arabisch zu verständigen und sich kennenzulernen, was wie Christine Wunnicke meint, immer wieder zu großen Mißverständnissen führt, die sie gekonnt beschreibt.

Es gibt auch einen Diener, einen jungen Burschen, der die Beiden, die die Sterne beobachten, wo der eine nun das Sternbild Kassiopeia für eine Dame, der andere für eine hennarotgefärbte Hand, um den Titel zu erklären, hält, mit Hühnchen und Ziegenfleisch bekocht. Es gibt auch eine Großmutter und ihre Enkeltochter und am Schluß werden, die Beiden gefunden.

Carsten Niebuhr kann nach Deutschland zurückkehren und Bücher über seine Expedition schreiben und weiß am Schluß nicht mehr, auch ein Kunstgriff Wunnickes, die in ihrem Autorenportrait meint, daß sie dort, wo es keine geschichtlichen Fakten gibt, sich mit ihrer Phantasie behalf und die Geschichte erfunden hat, ob das, was er in Elephanta erlebte, real oder nur ein Fiebertraum war, während Meister Musa, auch Jahre später, in seiner Heimatstadt ein Buch des deutschen Forschers findet und da er die Sprachen genauso, wie die Mathematik liebte, seiner Tochter während sie ihr fünftes Kind zur Welt bringt, von dieser Geschichte erzählt.

Ein interessantes Buch, das mich sowohl an Trojanows “Weltensammler” als auch an marion Poschmanns “Kieferninsel” erinnerte, das es vielleicht nicht auf die großen besten Listen schafft, über das sich aber viel nachdenken läßt.

Herzfaden

Jetzt kommt Buch vierzehn der heurigen deutschen Buchpreisliste und das dritte Shortpreisbuch, mein vorhergesagter Favorit sozusagen “Herzfaden” des 1965 geborenen Thoms Hettche, der, glaube ich, in der “BachmannpreisJury war, als ich 1995 einmal live dorthinfuhr.

“Ludwig muß sterben” und “Unsere leeren Herzen” habe ich gelesen. Die “Pfaueninsel” mit der er 2014 auf der Longlist oder sogar auf der Shortlist stand noch nicht und jetzt ist er mit der Geschichte über die Augsburger “Puppenkiste”, was ein berühmtes mir bisher unbekanntes Marionettentheater ist, das auch für das Fernsehen spielte, wieder auf die Liste gekommen und ich muß sagen, mein Eindruck hat sich bestätigt, auch wenn es vielleicht mehr im Sinne der Petra Hartlieb ein Buch für die Massen. Für die Leserinnen beispielsweise, die als Kind den “Jim Knopf” gesehen haben, als für den experimentellen Literaturgeschmack geschrieben wurde.

Aber dafür steht ja Dorothee Elmiger auf der Liste und einen Kunstgriff, um diese Nachkriegsgeschichte zu erzählen, hat Thomas Hettche auch gewählt.

Einen sogar mit zwei Farben, in rot und in blau. Ich habe nur ein PDF gelesen, aber gehört, daß es in der Printausgabe auch so sein soll.

Es gibt sehr schöne Zeichnungen von Matthias Beckmann und Thomas Hettche hat in seinem dBp-Filmchen gesagt, daß er mit seinem Buch ein Märchen erzählen, beziehungsweise die “Magie der Marionetten” wiedergeben wollte. Deshalb auch der Titel.

Herzfaden ist der Marionettenstrang, den der Puppenspieler gebrauchen muß, um seiner Puppe Leben einzuhauchen und am Anfang ist mir der Stil auch tatsächlich sehr einfach, fast wie ein Kinderbuch erschienen, obwohl es um etwas viel Ernsthafteres nämlich das Aufwachsen im Krieg, was der 1931 geborenen Hannelore Oehmichen, der Tochter der Schauspielers Walter Oehmichen auch passierte.

Thomas Hettche hat aber einen, meiner Meinung nach, wieder sehr genialen Kunstgriff gewählt, um die Geschichte des Puppentheaters zu erzählen.

Da wird nämlich ein zwölfjähriges namenloses Mädchen, das mit seiner Mutter wo anders lebt, vom geschiedenen Vater in so eine Aufführung geschleppt und sie ist wütend und rennt ihm davon. Ist sie ja kein Kind mehr, was soll sie also mit so einem Puppenkram?

Sie gerät durch eine Tür auf einen Dachbodeen, dort hängen die marionetten und es kommt ihr eine mondäne Frau mit einer Zigarette entgegen und die freche Göre sagt auch gleich “Rauchen tut man nicht!”, wie sie später “Neger und Zigeuner sagt man nicht!”, also den politisch korreckten Jargon, den man offensichtlich in der Schule lernt, sagen wird.

Die Frau lächelt und antwortet “Zu meinen Zeiten schon!”, denn sie ist die 1931 geborene und 2003 verstorbene Hannelore Oehmichen, die, wie im Buch erklärt wird und bei “Wikipedia” steht, 1943 mit ihrem Vater den Schauspieler Walter, der Mutter Rose und der Schester Ulla, das erste Puppentheater im Schrank der Wohnung gegründet hat. Das ging im Krieg verloren und der Vater, der immer wieder dorthin mußte und weil er nicht schnell genug entnazifiziert wurde und deshalb nicht wieder an sein Theater, wo er Brecht spielte oder inszenierte zurück konnte, hat aus dem Krieg einige Puppen mitgebracht und gründete mit seiner Tochter 1948 dann die “Puppenkiste”, das heißt eine Kiste für die Puppen, so daß man sie überall mitnehmen konnte und nicht mehr zerstört werden konnten.

Die Tochter Hannelore “Hatü” genannt ist begeistert, beginnt selbst zu schnitzen. Zuerst werden Märchen, wie “Hänsel und Gretel” und “Der gestiefelte Kater” gespielt, dann den “Kleinen Prinzen” und zuletzt noch “Jim Knopf” von Michael Ende mit denen die Kiste auch ins Fernsehen und dadurch in alle Kinderzimmer Deutschlands kam.

Die kleine Hannelore, die später das Theater, das inzwischen ihre Söhne führen, auch vom Vater übernommen hat, erlebt den Krieg, sieht den Vater in diesen ziehen, sieht die jüdische Freundin verschwinden und die Frau Friedmann, die von der Gestapo abgeholt und verladen wird. Dann kommt die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswundeer, auf einer Messe wird der Vater angesprochen, ob er nicht im gerade gegründeten Fensehen spielen will und es gibt den Kasperl, die erste Puppe, die Hatü schnitze und die spielt in dem Buch auch eine große, nämlich ambivalente Rolle. Wurde sie ja im Krieg geschnitzt und hat dadurch ein böses Gesicht bekommen, was sich auch in der zweiten märchenhaften Handlung äußert, denn die Puppen, die auf dem Dachboden ja lebending sind und mit dem Mädchen bevor es wieder zurück zu seinem Vater geht, kommunizieren. So klaut der Kasperl auch ihr Handy und Hatü erzählt dem Mädchen oder auch uns die Geschichte ihres Nachkriegslebens, sowie die Geschichte des Puppentheaters. Und ich denke, daß das ein Buch ist, daß zu Weihnachten sicher unter vielen Christbäumen liegt. Eines, das sich gut verkauft und auch für mich sehr interessant ist, denn ich habe keine Ahnung von einer “Augsburger Puppenkiste” gehabt und auch den Michael Ende noch nicht gelesen. Den “Kleinen Prinzen” habe ich einmal auf Französisch versucht, denn das war das Lieblingsbuch meiner Französischlehrerin, was sie auch ständig im Unterricht verwendete und die Zeichnung von der Schlange mit dem Napoleonhut auch auf die Tafel malte.

Die Unschärfe der Welt

Buch dreizehn des dBps, der vierte Roman der 1977 geborenen Iris Wolff die 2018 mit “So tun als ob es regnet” für mich überraschend den “Alpha” gewonnen hatm istsehr interessant, hat ihn sich doch Malte Bremer der gestrenge Kritiker des Literaturcafes sich wegen seines geheimnisvollen nicht zu viel preisgebenden Beginn auf die Shortlist gestellt, während “Papierstau”, eine Dreiergruppe, die alle Bücher gelesen und besprochen haben, meinte, es wäre alles vorausichtbar und hätte deshalb nicht beeindruckt.

Interessant, interessant, wie war und wieder viel gelernt von der Literatur und vom Literaturbetrieb. Daß Iris Wolff aus Rumänien stammt, habe ich, muß ich gestehen, damals nicht mitbekommen und ihr “Alpha- Büchlein” auch noch nicht gelesen und die “Unschärfe der Welt” ist, wie auch im Klappentext steht, eine Familiengeschichte, die über vier Generationen ein halbes oder ganzes Jahrhundert erzählt.

Das ist nicht neu, da gibt es viele Klappentexte, die so beginnen und viele Romane die über den Zerfall Rumänien geschrieben wurde, voriges Jahr habe ich in Locarno einen solchen gelesen, Herta Müller weiß davon zu erzählen, also hinein in die Geschichte, wo am Klappentext steht “Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Türe geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätten Samuel seinen besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden wenn er das Ausmaßß seiner Entscheidung überblickt hätte?”

Das klingt schon mal sehr geheimnisvoll. In den Rezensionen habe ich dann gefunden, daß es um eine Familie, beziehungsweise sieben Personen geht, deren Geschichte hier erzählt wird und, um auf das geheimnisvolle oder spannungsgeladene erste Kapitel, das den Schreibratgebern so gefällt, zurückzukommen.

Das beginnt, daß Florentine ihr Jind nicht verlieren will. Dann ist von einer Fahrt ins Krankenhaus und nicht gegessenen Fisch die Rede. Später erfährt man, daß Florentine, die Pfarrersfrau ihren Sohn Samuel, der spät sprechen lernt und anders als die anderen ist, geboren hat, während man den Vater Hannes nicht in das Ceauscescu-Krankenhaus läßt. Dann wird es vollends geheimnisvoll und hat sich mir bis jetzt noch nicht richtig erschlossen, denn es kommen zwei DDR- Studenten Benes und Lothar auf den Pfarrhaus, der naturgemäß sehr gastfreundlich ist und später immer wieder DDR- Studenten, was den Stasimitbarbeiter und Nachbarn veranlaßt Hannes verhören zu lasen.

Da sind wir schon einmal in der Familienstruktur oder in den Kapitel, die “Zapada”, “Echo”, etcetera heißen und man kommt von Kapitel zu Kapitel im wahrsten Sinne in eine andere Welt und kennt sich oft lange nicht aus, wer jetzt wer ist und worum es hier geht?

Hannes Mutter heißt Karline beispielsweise und die schwärmt vom letzten König, während sie Pfannkuchen macht und ihren Enkel Samuel geheimnisvolle Geschichten erzählt. Der haut zuerst ab, weil er nicht in die Schule will, später verläßt er mit seinen Freund Oswald, die Republik, obwohl er sich eigentlich in die Nachbarstochter Stina, die Tochter von jenen Parteigenossen, mit dem die Familie Karten spielt, verliebt ist.

Die Wende kommt dann auch und die beginnt mit einem noch geheimnisvollerern Kapitel, denn da habe ich nicht verstanden, wie der DDR-Student Bene und spätere Buchhändler jetzt von der Nordseeinsel nach Berlin und wieder zurückgekommen ist?

Er liebt jedenfalls Männer, trifft Samuel vor der Buchhandlung und später am Meer, aber der mag keine Männerbeziehungen und als die Mauer fällt ruft dieMutter an und sagt “Kommt zurück!”

Das tun die beiden Männer dann auch und im letzten Kapitel geht es dann um Liv oder Livia, die Tochter von Samuel und Stina, die leben jetzt in Baden-Würthenberg. Die Großeltern sind auch nach Deutschland gekommen und versterben, während die eltern im Banat verblieben und erst zur Taufe der tochter auf Besuch kam, der <parteigenoße aber nicht.

Sieben oder wieviel auch immer Erzählungen, es gibt kein Inhaltsverzeichnis, die diesen Roman erzählen, der vom Inhalt nicht so besonders neu und ungewöhnlich ist.

Die sprache ist sehr schön und sehr poetisch, ich habe mir mehrer Sätze angestrichen und Iris Wolff ist eine sprachgewandte Erzählerin, die ihr Handwerk auf jeden Fall versteht, ob die heutigen Leser auch die Geduld aufbringen, sich in soviel Geheimnis, um etwas ohnehin schon Bekanntes einzulassen, weiß ich nicht und würde es auch bezweifeln.

Mir hat das Buch jedenfalls sehr gefallen und ich würde”Schade, daß es nicht auf die Shortlist gekommen ist!”, schreiben, wenn ich das Ranking, wie ohnehin schon oft geschrieben, nicht für einen eigentlichen Unsinn halten würde, denn man kann und soll Bücher ja nicht vermessen, wie einen Bauplan, weil schon dieses Beispiel sehr schön zeigt, daß das gar nicht möglich ist, weil es jeder Leser anders beurteilt.

“So tun als ob es regnet”, sollte ich jetzt endlich lesen, ob ich angesichts meiner Bücherfülle dazukomme, ist aber auch ungewiß.

Ich bin Linus

“Wie ich der Mann wurde, der ich immer schon war”, steht auf dem “Rowohlt-Polaris-Bach” und auf dem Cover ist ein Kaffeeebecher mit diesen Namenszug zu sehen und das ist wohl der Ausgangspunkt für Linus Gieses-, dessen Blog “Buzzaldrin” ich seit Jahren verfolge und noch immer gern hineinschaue, dadurch auch zum Buchpreisbloggen kam und einmal eine Schachtel Bücher gewonnen habe, von denen ich, glaube ich, immer noch drei lesen muß, – Coming-out, denn am 4. Oktober 2017 ist er in Frankfurt zu Starbucks gegangen und hat den Barmann auf die Frage welchen Namen er auf den Becher schreiben soll, “Linus” geantwortet.

Das Bild wurde dann auch auf dem Facebook-Profil gezeigt und 2018 glaube ich, als ich das letzte mal in Leipzig war, gab es dort auch einen Bloggertag, wo er seine Geschichte erzählte.

Es gab einige Fachartikeln und nun das Buch zu dem Coming-out, das ich nicht nur, weil ich ja viel auf dem Blog kommentierte, lesen wollte. Ich habe mich ja auch mit dem Thema in “Paul und Paula” auseinandergesetzt, Bücher darüber gelesen und Videos gesehen, weil es ja auch ein Thema ist, das derzeit viele beschäftigt.

Die Frage wieviele Geschlechter und, daß es es mehr, als zwei, was viele nicht glauben wollen, gibt und wie man beispielsweise mit den Gendern und den neuen Toilettenformen umgeht?

Diesbezüglich ist das Buch sehr informativ, offen manchmal fast ein wenig aggressiv, denn Giese fordert viel von den sogenannten cis-Menschen und ich muß gestehen, daß mir dieser Ausdruck fremd war und ich vielleicht auch nicht unbedingt in eine Schublade gesteckt werden möchte, in der man sich ich so und so verhalten muß.

Mit dem Starbucks Erlebnis fängt es jedenfalls an, dann erzählt Linus Giese, daß er sich, als er vor jetzt schon fünfunddreißig Jahren geboren wurde, sich nie in seinen Körper wohl gefühlt hatte, sich lange für eine lesbische Frau hielt und sich auch lang nicht zu outen traute.

Dann, im Oktober 2017 begann die Transition. Er ließ sich von einer Künstlerin malen, die sich mit trans Menschen beschäftigt. Es wird auch erklärt, warum man “trans” nicht groß schreiben darf und, daß es verletzend ist, trans Menschen nach ihren früheren, den sogenannten “Deadname” zu fragen.

Das fällt mir zugegebnermaßen wahrscheinlich genauso schwer, wie jemanden nicht zu fragen woher er kommt?

Es werden aber auch, wie schon erwähnt, einige mir bisher nicht so bekannte Begriffe, wie “Mikrodysphorie” oder “Mikroaggressionen” erklärt und, daß man mit Sprache sehr vorsichtig umgehen soll, um nicht die Gefühle anderer zu verletzen.

Das erscheint mir, die ich ja auch im Internet wegen meiner Schreibweise manchmal beschimpft werde, sehr verständlich, will ich ja auch so angenommen werden, wie ich bin.

Sprache ist aber etwas, was sich sehr verändern kann und ich habe, das gebe ich ebenfalls zu, auch in anderen Bereichen oft ein Problem mit den vielen englischen Ausdrücken, die da plötzlich auf eine hinüberschwappen und frage mich oft, warum man das nicht auch Deutsch ausdrücken kann? Linus Giese, der gern geblümten Jacken trägt und sich einen Bart wachsen läßt, schildert dann seinen Weg der Namensänderung, erklärt, was ein Penisaufbau und eine Mastektomie ist, daß er einen Binder benützt, wie wichtig die Testoststeronbhandlung für ihn ist, welche Schwierigkeiten es dabei gibt und warum er eigentlich gar nicht so viel erklären will und man lieber im Internet nachschauen sollte, wenn man etwas über trans Menschen wissen möchte, weil die nicht zu Erklärungen verpflichtet sind.

Es werden, die Gefühlen beschrieben, wie es war, das erste Mal in einer Herrenabteilung zu stehen, aber auch der Weg, den eigenen Kleidungsgungsstil, beispielsweise die bunten Jacken und die eigene Sexualität zu finden, sich nicht benützen zu lassen, nein zu sagen, etcetera.

Sehr spannend fand ich die Stelle, wo von “Brad” geschrieben wird, mit dem er sehr viel Spaß hat, mit dem er seit zwei Monaten zusammenlebt und ihn in einen Onlineaktionshaus gefunden hat, weil Brad ein Vibrator ist.

Linus Giese, der Germanistik studierte und als Buchhändler arbeitete, berichtet von der Freude, als ihm eine Chefin, als er noch nicht seinen neuen Namen offiziell trug, fragte, ob er schon als “Linus” angestellt werden wolle, während es mit einer anderen Buchhandlung Schwierigkeiten gab und es sogar zu einer Kündigung kam, weil sich die Buchhändlerin dadurch bedroht fühlte, weil Linus Giese gestalkt wurde und sie durch ihn zu schlechten Bewertungen kam.

Es gab einige Verfolgungen und Bedrohungen, die große Angst auslösten, zum Beispiel sind Erdbeeren, was ich auch nicht wußte, ein Bedrohungsssymbol “Wir sind hier und wissen, wo du bist!” und eines Tages stand am Kassenpult, eine Erdbeerschachtel, die eine Kundin vergessen hatte und sehr beeindruckend war für mich auch das letzte Kapitel.

Da war es schon März 2020, die Pandemie ist ausgebrochen, Linus Giese sitzt am Fenster, kann wegen des Lockdown nicht hinaus, Operationen, Behandlungen, Therapien wurden abgesagt und spannend für mich war zu lesen, daß dadurch, daß Betten für Menschen, die, wie wir inzwischen wissen, ohnehin leergestanden sind, freigehalten wurden, nicht nur Herzinfarkte und Krebskranke, sondern auch trans Menschen ihre Behandlungen nicht bekommen haben und, wie Linus Giese schreibt, offenbar auch ein größereres Risiko haben, an Corona zu erkranken.

Ein interessantes Buch, das zum Nachdenken anregt und sehr zu empfehlen ist, auch wenn man nachher, wie beispielsweise ich, mit Fragen zurückbleibt und ich mir auch einige Fragezeichen in das Buch hineingeschrieben habe und auch nicht sicher bin, ob ein Mann wirklich schwanger werden oder eine Vagina haben kann und möchte das auch nicht glauben oder sagen müssen.

Aber natürlich ist Solidarität und das gegenseitiges Verständnis, das sich Linus Giese wünscht, um seinen Weg zu gehen, sehr wichtig und auch das Wissen darüber, daß man sich in seinen Körper, sowohl wohl als auch unwohl fühlen kann und das Ziel ist sicher auch, daß jeder so leben kann, wie er oder sie es möchte.

Ob man dazu unbedingt Testosteron oder Ops braucht, die ja schwere körperliche Eingriff sind, glaube ich auch nicht wirklich.

Aber Kinder sollten natürlich, die Art von Kleidern tragen und mit den Spielzeugen spielen dürfen, die sie wollen und nicht in ein Geschlecht hingetrimmt werden und finde es auch spannend, daß Linus Giese sehr oft das Wort “entscheiden” verwendet.

Bis wieder einer weint

Buch zwölf der deutschen Longlist ist “Bis wieder einer weint”, der mir bis jetzt unbekannten Eva Sichelschmidt ist ein Familienroman, vielleicht mit autobiografischen Zügen, denn die1970 geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Autorin arbeitete als Kostümbildnerin und führte ein Maßatelier, bis 2017 ihr erstes Buch erschienen ist und ihre namenlose oder vom Großvater “Es” genannte Heldin ließ sich als Schneiderin ausbilden.

Überraschend war vielleicht der leichte Ton, der für ein Buchpreislisten-Buch manchmal vielleicht fast zu trival und zu leicht lesbar erscheint. Das Bild über das Aufwachsen in den Siebzigerjahren im Ruhrgebiet ist aber stechend scharf gezeichnet, auch wenn das Szenario ein Fabrikantenhaushalt und sein Untergang vielleicht wieder trival erscheinen könnte.

Beindrucken sind auch der Anfang und das Ende, denn wie da die Ich- Erzählerin von dem Tag berichtet, als sie mit Blumenwasser übergossen mit zehn Monaten in ihrem Laufställchen lag, während die Verwandten, um sie herum aufgeregt vom Tod der Mutter berichten und die Großmutter später erklärt, daß man sich vor dem dritten LA nicht erinnern kann, ist so spannend, wie der letzte Satz, wo Tante Hilde seufzend beim Begräbnis “Du warst wirklich ein schreckliches Kind!”, zu ihr sagt.

Heute würde man es wohl als verhaltensgestört bezeichnen und auf den frühen Tod der Mutter beziehen. Eva Sicheschmidt erzählt das erstaunlich lakonisch. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Abwechselnd erfährt man vom “Es” beim Aufwachsen bei den Großeltern. Der Großvater ist Augenarzt, die Großmutter hilft in der Ordination und führt den Haushalt. Der Vater hat den Säugling bis zur Schule in die Großelterliche Obhut gegeben, während er mit der älteren Tochter bei seiner Mutter und seiner Haushälterin lebt und, wie sich der Wilhelm und die Inga, die Augenarzttochter, die sehr jung ihren Wilhelm Fabrikantensohn und Dressurreiter kennengelernt haben.

DieHaushaltshilfe war immer da, die Großmutter Marianne wohnt im Obergeschoß. Es gab sogar einen Liiebhaber und die Ehe war nicht besonders gut. Inga spioniert ihrem Wilhelm sogar nach, ob er wirklich eine Freundin hatte, erfährt man nie. Später hatte er Lebensgefährten. Das erste Kind Asta war ein Vaterkind, der seiner Tochter alles durchgehen läßt. So will sie sich um die kleine Tochter, deren Geburt im Gegensatz zum ersten Kind problemlos erfolgt, mehr kümmern. Aber schon bald danach bricht sie auf einem gesellschaftlichen Ereignis zusammen und bekommt Nasenbluten. Leukämie wird diagnostiziert und Inga verschwindet bis zum Lebensende in einer Müncher Klinik, wo an ihr verschiedene Medikamente ausprobiert werden, die der Gatte zu bezahlen hat, da die Arztttochter nicht krankenversichert war, bis sie mit Dreißig stirbt.

Das Es erzählt nun, wie es dem Großvater die Likörpralinen klaut, weil die drei oder vierjährige keine Kinderschokolade essen will. Im Kindergarten ist sie furchtbar, prügelt sich mit anderen Kindern, der Großvater muß ihnen dann die neue Brille verpassen, zerschnippselt Kleider, so daß sie fortan zu Hause bleiben darf und die Großmutter sie während ihren Ordinationsdiensten vor den Fernseher setzt.

Als sie sechs ist, holt sie der Vater versprochenenweise ab und bringt sie in sein Herrschaftshaus zu der verzogenen Schwester, was zuerst auch eine Katastrophe ist, weil sie mit Vater und Schwester nicht verwurzelt ist. Der Vater benimmt sich ambivalent, überhäuft sie einerseits mit Geld und sie, die immer Schwierigkeiten mit anderen Kindern hatt, versucht sich ihre Liebe zu erkaufen, indem sie ihre riesige Schultüte vor ihnen ausleert oder allen beim Schulausflug mit den zugesteckten fünfzig Mark ein Eis kaufen will.

Die verständisvolle Lehrerin verhindert das, sie istauch in der Schule schlecht, ist Legasthenikerin, wird im Gmnasium verprügelt und erholt sich erst in der Realschule wieder, was in dem Dorf, wo der Vater residiert aber auch eine Schande ist.

Ja, die sozialen Unterschiede werden von Eva Sichelschmidt scharf heraufgearbeitet, als der Bankrott des Vater, der bald zu trinken beginnt, Herz- und andere Medikamente nimmt, später in der Pschiatrie landet, vorerst aber die demente Mutter von philippinischen Pfleger versorgen lassen muß. Asta ist politisch links und streitet mit dem Vater. Sie soll mit der Schwester zu der sie dann doch findet mit Sechzehn nach England fahren, aber da sind die Großeltern, die sie in Schwarzwald zwingen. Da benimmt sie sich wieder unmöglich und köstlich ist auch die folgende Szene, wo sie anschließend mit dem Vater und dessen Freund Uwe an die Nordsee fährt. Ihr Freund Christian ist auch dabei, der bringt sie zu einem Grillabend einer Tante, deren Mann Kinderpyschologe ist. Der fragt sie in aller Öffentlichkeit nach ihren Traumen aus, wie lange, die Schwester im Bett des Vaters geschlafen hat und, daß sie den Vater bebobachtete, wie der Vater von Uwe geküßt wurde. Der schlägt sie dann zusammen, so daß sie mit Sechzehn vorüber gehend wieder zu ihren Großeltern fährt, mit denen sie sich ja auch verstritten hat und dann sind wir schon wieder zehn oder fünfzehn Jahre später, beim Begräbnis des Vaters, wo die Schwestern mit ihren Männern und Kindern in der ersten Reihe sitzen, die junge Pastorin eine beeindruckende Predigt “Und hätte der Liebe nicht”, hält und Tante Hilde dannmit den schon erwähnten letzten Satz kondoliert.

Auch ein Buch das mir sehr gefallen hat und mich wieder eine mir bisher unbekannte Autorin kennenlernen ließ. So kann man Famiiengeschichten auch erzählen.

jetzt bin ich auf Valerie Fritschs “Herzklappen” gespannt und ein bißchen wenn auch viel weniger spekulär erinnernt das buch auch an Arno Camenischs “Goldene Jahre”.

Goldene Jahre

Jetzt gehts schon zu Buch elf der deutschen Longliste, die hundert Seiten lange Erzählung, Roman würde ich es wieder nicht wenden, des 1978 in Graubünden geborenen Arno Camenisch, der auf Deutsch und in Rätoromanisch schreibt,die bei “Engeler” erschienen ist und die mir wieder, ähnlich wie die “Mission Pflaumenbaum” gut gefallen hat.

Denn irgendwie sind sich die Bücher ähnlich, um Vergleich zu ziehen, damit meine Leser nicht glauben, daß ich die Bücher nicht gelesen habe, über die ichschreibe, bei beiden ist das kleine Stille gleich.

Wonneberger hat mehr Handlung und wahrscheinlich die größere Vergangenheit, geht es da ja um einen Kiosk, der in dem Graubündner Dorf steht, in der der kleine Arno Camenisch in die Schule gegangen ist und sich wohl auch hie und da die “Zückerli” aus dem Glas fischte oder sich seine Fußballpickerln kaufte.

Der Kisok, den es seit 1969 gibt und der durch seine Leuchtreklame über das ganze Tal leuchtet wird von Rosa-Maria und Margrit, zwei Schwestern glaube ich, obwohl das nicht so genau beschrieben wird, beide um die siebzig, betrieben wird und die stehen am Morgen auf, fahren mit ihrem Trolley zur Post holen dort beim “liebesblöden” Otto die Zeitungen ab, räumen sie in ihren Kiosk, wischen die Zapfsäule ab und sitzen dann wohl auf dem Bänkli und resumieren über ihr Leben und das, was sie, die beiden Frauen in dem wahrscheinlich recht wohlhabenden Schweizer Dorf in den letzten fünzig Jahren so erlebt haben.

Und das ist es, was mir gefällt und was mich wieder, wahrscheinlich ein wenig unreflektiert und nicht so ganz und klar literaturwissenschaftlich, habe ich es ja in der Knödelakademie bei der Frau Prof Friedl vor nun auch schon fast fünfzig Jahren so gelernt, an Adalbert Stifters “Bunte Steine” erinnert “Nicht das Große das Kleine macht es schön!” und so habe ich das kleine grüne Büchlein auf einen Sitz hinuntergelesen, bedauere ein wenig daß es nicht auf die Shortlist gekommen ist, obwohl mich das nicht wirklich wundert und bin wieder froh, einen mir bisher unbekannten Autor kennengelernt zu haben, der zwar auch nicht auf der Schweizer Liste steht, in meinem Gedächnis hängen geblieben ist.

Male

Nach einigen anderen Neuerscheinungen komme ich nun, nachdem auch auch schon die Shortlist bekanntgegeben wurde zu Buch zehn der deutschen Longlist, dem Episodenroman “Male” des 1983 geborenen Roman Ehrlich, den ich, glaube ich, von seiner “Bachmann-Lesung” kenne.

Er wird als dystopischer Roman angepreist und ist, wie ich einem Interview mit dem Autor bei “Papierstau” entnommen habe, eher eine Episodensammlung,die mit viel Witz und Ironie von einer untergegehenden Insel, die von einigen Aussteigern bewohnt wird, mit vielen Anspielungen auf die Gesellschschaft und der Literatur erzählt.

Und die eher ihnhaltslose Aneinderhäufung von verschiedenen Handlungsträngen, die eigentlich keinen rechten Zusammenhang haben, habe ich als sehr witzig gefunden und Roman Ehrlichs eher leichten Stil sehr angenehm. Ein Buch das mir also sehr gut gefallen hat, obwohl es ja nicht auf die Shortlist gekommen ist.

Es beginnt mit einem Gefesselten, der in einem Keller der ehemaligen Hauptstadt der Maldeviven, wie Roman Ehrlich immer wieder betont, untergebracht ist. Das klingt schon einmal sehr nach einer Dystopie, der Roman ist aber, glaube ich, keine wirkliche, obwohl er wahrscheinlich in der Zukunft spielt.

Die Malediven versinken im Wasser und im Müll, werden von herumpatroullierend Milizen überwacht. Es gibt ein Schiff auf dem Drogen hergestelt werden, die Droge heißt Luna und die Aussteiger der ganzen anderen Welt, haben sich in der ehemaligen Hauptstadt zusammengefunden, die ein ehemaligen Luxushotel, das “Royal Raaman Residence” hat, einen Gasthof, den “Blauen Heinrich”, ein Fastfood Restaurant nahmes “Hühnersultan” und ein Schwimmbad in einem ehemaligen Krankenhaus.

Das nun mal zu dem Sezenario. Elmar Bauch der, wie es immer wieder heißt “verzweifelte Vater der verschwundenen Schauspielerin Mona Bauch”, ist auf die Insel gekommen, um man seiner Tochter zu suchen. Es gibt auch immer wieder erwähnt, die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Frances Ford und den ebenfalls verschwundenen Lyriker Judy Frank, der offenbar gemeinsam mit der Schauspielerin verschwunden ist.

Ja, Roman Ehrlich scheint es auch mit den Namen zu haben. Es gibt, wohl um die Internationalität zu unterstreichen neben den klingenden auch viele schwer zu merkende wie Maliko Barbari. Es gibt aber auch eine Valeria Lenin und einen Professor, der so wie die Gräftin in Raphaela Edelbauers “Flüsssiges Land”, an das mich “Male” ein wenig erinnert hat, der die Ausstiegerriege sozusagen regiert. Der lebt mit Bücher und einer verfaulenden Katze in einem Zimmer über dem “Blauen Heinrich” und der verzweifelte Vater der später auch einen unfall hat, so daß er auf einer Krüke gehen muß, muß zu ihm in Audienz.

Die Müllentsorgung wird thematisiert und es gibt auch immer wieder Anspielungen an das Schreiben oder an die Literatur. So beschäftigt sich die amerikanische Literaturwissenschaftlerin mit der “Österreichischen Literatur des einundzwanzigsten Jahrhunderts” und es steht auch geschrieben “Im Lichte ihrer Forschung und in Anbetracht der überall auf dieser Insel, an den Wänden im Blauen Heinrich und selbst noch auf der Haut der Ausgestiegenen ausgestellten Symbole, der Mondanbetung und des Blümchenfetisch, erscheint ihr alles hier wie eine Re-Inszenierung x-ter Ordnung (Romanticismus to the nth degree), denkt Ford in ihrer Muttersprache und fragt sich, ob das nicht irgendann ein Albumtitel gewesen ist), als die- wie immer- kritiklose Übernahme des ganzen ideologischen Gerümpels von Novalis, Byron, Puschkin, über die sozialistischen Arbeiterpoeten der DDR, bis hin zu den Kornblumen an den Revers der rechtsnationalen Nationaldichter und Politiker der Nachwende- und Nachjahrundertswendezeit, der volle Schwumms dieser Totalüberladung, hier nochmals eingeführt aus der tiefen Sehnsucht danach, eine Heimat aus tiefempfundener Verbundenheit auch andersort installieren zu können und also nicht gefesselt zu sein an die eigene Herkunft und am Herkunftsort herrschenden Verhältnissen, den Mindset, die Trägheit, die Verblödung, die Angst und das Feindselige der anderen, von diesen Herkunftgsort Hervorgebrachten”.

Das nur zum Stil von Roman Ehrlich, was man glaube ich, an diesem Endlossatz hervorragend demonstrieren kann, obwohl ich eigentlich nur die literarische Anspielung zitieren wollte.

Es gibt auch einen beleibten Schriftsteller, der einige Inseltypen zum Essen in den “Hühnersultan” ein und sich von ihnen Geschichten erzählen läßt, um Inspirationen für seine Romane zu bekommen.

Ein interessantes Buch und eine Abwechslung zu den vielleicht allzu hochgestochenen anderen Buchpreisnominierungen, das ich, wie schon erwähnt, sehr amüsant und spannend gefunden habe, weil es mich zumindestens ein bißchen an meinen eigenen Schreibstil erinnert hat.

Himmel auf Zeit

Mit den Frauen aus den Neunzehnhundertzwanzigerjahren geht es gleich weiter, bevor es wieder an das Lesen der deutschen Buchpreisliste geht und zwar hat da Karen Grol einen fiktiven Roman über die vergessene Malerin Anita Ree, die in Hamburg in einer jüdischen Kaufmannsfamilie 1885 geboren und protestantisch erzogen wurde und deren Bilder sich in der Kunsthalle Hamburg befinden, geschrieben.

Im Nachwort gibt es Hinweise auf die verwendeten Materalien und beginnen tut es mit einer Rahmenhandlung.

Da kommen 1937 die Nazis in die Kunsthalle, um sich die Bilder für ihre Ausstellung der “Entarteten Kunst” in München zu holen. Der Hausmeister oder Assistent Wilhelm, dem wir noch öfter begegnen, holt gerade die Bilder, um sie unter seinem Bett zu verstecken.

Dann erfahren wir viel von der schüchternen Künstlerin, Karen Grol hat ja in ihrem Nachwort geschrieben, daß sich der Roman, nicht Biografie aus Fakten und Fiktion zusammensetzt, die gerade von einer Sommerschule zurückkommt, wo sie sich bis 1910 etwa bei einem Arthur Sibelist ausbilden ließ.

Das ist ihr aber zu wenig. Sie will nach Paris, um sich an Matisse, etecerta zu orientieren. Das geht aber in einer gehobenen Kaufmannsfamilie nicht, obwohl der Vater für das Studium der Tochter Verständnis hat. Die Mutter zu der es offenbar ein schwieriges Verhältnis gab, das eher nur bis zur Eheschließung duldete. Anita reist aber nach Berlin, um Max Liebermann ihre Arbeiten zu zeigen. Der lobt ihr Talent und ein Matisse-Schüler namens Franz Nölken nimmt sie ans Schülerin an.

Sie verliebt sich in ihn, er will aber davon nichts wissen und fällt später im ersten Weltkrieg. Sie geht nun doch für einige Monate nach Paris, lernt dort Aktzeichnen, orientiert sich an Renoir, Cezanne und Leger und als der erste Weltkrieg kommt, ihre Schwester Emilie hat sich inzwischen verheiratet, leidet sie an Hunger. Es gibt überall nur Steckrüben zu essen und das Geld des Vaters ist auch durch die Inflation verschwunden. So muß sie Portraits malen und verkaufen.

Sie ist mit verschiedenen Künstlern, wie beispielsweise Ida Dehmel, der Gattin des Dichters befreundet, geht zu Vorträgen von Gerhard Hauptmann und Gottfried Benn, erlebt den anwachsenenden Antisemitismus und geht 1922 für einige Jahre nach Italien. Dort wird sie von einer neuerlichen Liebe, dem Buchhändler Christian Selle öfter besucht, raucht mit ihm Opium und malt die verschiedensten Modelle. Dann muß sie nach Deutschland zurück, da ihre Familie das Elternhaus verkaufte, zieht von Wohnung zu Wohnung, verkauft einige Bilder und hat auch schöne Ausstellungen, trotzdem scheint sie an Depressionen zu leiden und unglücklich zu sein.

Ein Ekzem an der Hand behindert sie auch am Malen und am Schreiben, das sie offensichtlich ebenfalls betreibt. Die Nationalsozialisten kommen und entlarven ihre jüdische Herkunft, so daß sie einige Aufträge, Bemalungen an Kirchenwände verliert.

Geplante Auslandsaufenthalte scheitern, das Geld geht aus. Die letzte Zeit verbringt sie in einer kalten Dachkammer in Sylt, wo sie sich 1933 das Leben nimmt und das Buch endet im Jahr 1947, als alles vorbei ist und der Hausmeister Wilhelm, die Bilder mit seiner Anna wieder zurück in die wiedereröffnete Kunsthalle bringt, die inzwischen von einem Freund von Anita Ree geleitet wird.

Interessant eine mir bisher unbekannte Künstlerin kennenzulernen, am Klappentext gibt es ein Selbstportrait der Malerin, die venezuelanische Wurzeln hat, zu sehen. Im Netz sind weitere zu finden und interessant ist auch, daß die 1964 geborene Karen Grol, wie Robert Seethaler ebenfalls den Kunstgriff mit einer nicht so bedeutenden, wahrscheinlich erfundenen Person, die die Hauptpersonen begleiten, wählte.