Amerikatz

Jetzt kommt ein Zwischenbuch, nämlich in den letzten Tagen von 2015 begonnen und am ersten Jänner zu Ende gelesen, ein Buchgewinn von “Buchrevier”, denn dort wurden, im Oktober, zehn Bücher von Wilhelms Bartsch “Amerikatz” aus dem “Osburg-Verlag” verlost.

Darunter stand noch etwas wie “Verlagspromotionen sind Werbung und werden von Buchrevier  redaktionell  nicht kommentiert und begleitet”

Bekommen habe ich das Buch  mit lieben Wünschen vom Verlag.

Den Bücherbloggern ist es ja sehr wichtig mit den Verlagen zusammen zu arbeiten und das ist wohl eine diesbezügliche Aktion.

Ich habe also gewonnen und mich nun durch das Buch gelesen und da Tobias Nazemi, den ich durch das Buchpreisbloggen kennenlernte und dessen Blog ich immer noch verfolge, wissen wollte, wie es mir gefallen hat, bin ich wieder ein bißchen ratlos und frage mich, ob er es gelesen, beziehungsweise, wenn, ab welcher Seite er es weggeschmissen hat?

Denn es ist ähnlich oder auch anders, als das “Bessere Leben” von Ulrich Peltzer, ein Buch, das es dem Leser nicht einfach macht, ihm zu folgen und es zu verstehen.

Ich bin ja diesbezüglich schon einiges gewöhnt und keine, die schnell aufgibt, ich schaue bei “Amazon” nach, wie es die anderen empfinden.

Da gibt es aber noch keine Rezensionen, obwohl das Buch schon im August erschienen ist und wenn man weiter googlet findet man etwas, daß das ein Buch ist, für das man ein Lesebändchen, einen Gürtel oder etwas anderes benötigt, um den ausufernden Inhalt einigermaßen zu bändigen und selbst dann wird einer das nicht gelingen,  wie wahr!

Wilhelm Bartsch, der mir bisher unbekannt war, entnehme ich, dem Klappentext, wurde 1950 in Erberswalde, das war wohl in der DDR, geboren und debutierte 1986 mit einem Lyrikband, der ihn schlagartig in beiden Teilen Deutschlands berühmt machte und “Amerikatz” ist sein dritter bei “Osburg” erschienener Roman.

Um was es geht, kann man dem Klappentext entnehmen. Da ist Privatdetektiv Micah Macrobius, mit armenischen Wurzeln, der mit einer Frau namens Adele ein Detetktivbüro in Berlin Charlottenburg hat und dessen Spezialität es ist, nach  Verschwundenen überall auf der Welt, besonders aber in Amerika, zu fahnen.

So wendet sich der Ex Stasi General Boris Untied an ihm, um seinen Sohn Jan zu suchen. Der ist ein Schriftsteller, todkrank und hatte ein Verhältnis mit einer cherokesischen, das ist ein Urindianerstamm, Künstlerin namens Jensie Stone.

Das steht auf ein paar Zeilen, Wilhelm Bartsch führt das nun auf fast vierhundert Seiten aus und führt seine Leser dazu zuerst in den Kaukasus, dann nach Amerika und wieder zurück nach Berlin und nicht genug, denn es ist ja, wie weiters dem Klappentext zu entnehmen ist, nicht nur ein Detektivroman, sonder auch eine “abgründige Liebesgeschichte” und auch noch eine philosophische Weltdeutungsparabe über die verblüffenden Verbindungen nur scheinbar entlegener Dinge”.

Ich glaube, es ist gerade das und nicht, wie ich anderswo lesen konnte, ein Roman über Künstler, Jan Untied war Stipendiat in Wipersdorf und hat in Armenien an einem Poesiefestival teilgenommen, denn es geht wieder mal vom  Hundertsten ins Tausendste und auch zurück.

Um Karl May, Ossip Mandelstam, da hat Wilhelm Bartsch, der Lyriker, auch das Gedicht “Der Wagenlenker” mit Hilfe von Elke Erb, neu übersetzt.

Es geht um Indianer, um den armenischen Genozid, um Franz Werfels “Die vierzig Tage des Musa Dagh und noch  um jede Menge anderer Dichter , von Wolf Biermann bis zu  Berthold Brecht, denen Micah Macrobious auf seinem “irren Wettrennen” durch die Welt und von sämtlichen Geheimdiensten verfolgt, begegnet.

Am Schluß findet er die Urne Jan Untieds, verrät die gnadenlose Spoilerin, froh wenigstens etwas verstanden zu haben und gerät mit ihr bei der Ausreise aus Amerika wieder in Schwierigkeiten mit den Behörden, weil seine Fingerabdrücke darauf zu finden waren.

Aber Schwierigkeiten hat er schon bei der Einreise oder überhaupt auf den vorigen dreihundertfünfzig Seiten zur Genüge gehabt und er kommt auch heil  in Berlin Charlottenburg an, beziehungsweise gerät er, wie der Klappentext weiter verrät, auch noch zu den “Gespenstern der Vergangenheit” und ein berühmtes Berliner Hotel, das es nicht mehr zu geben scheint, spielt auch eine Rolle. Wien und Udo Proksch kommen ebenfalls vor.

Wilhelm Bartsch würde ich unterstellen, hat dieser Parcourritt durch die Genres, großen Spaß gemacht, um sein  literarischen, zeit- und andergeschichtliches Wissen zu zeigen.

Die Leser werden es wohl schwerer haben, denn die, die eine Detektivstory von Berlin durch den Kaukasus nach New York und wieder zurück mit viel Spannung und Action erwarten, werden soviel literarische, geschichtliche etcetera, Anspielungen nicht aushalten und die die sich für Ossip Mandelstam und den armenischen Genozid interessieren, wird die Krimihandlung wieder zu banal sein und die Sprache zu derb.

Der Stil ist auch nicht ganz einfach zu lesen. Manches wird auf den Kopf gestellt “Wer zu früh kommt, straft das Leben!”, heißt es so ein paarmal, “Pidgin-Englisch” wird verwendet und Witze erzählt, wenn Mikah mit dem Geheimdienst im Flugzeug oder im armenischen Kognag-Keller sitzt und auf Seite 196 habe ich mich verlesen und hätte während der “Pinkelpause” fast gedacht, Wolf Biermann wäre dort mit seiner georgischen Freundin bei einem mysteriösen Autounfall umgekommen, es war aber Paruir Sewak, ein Dichter von dem ich noch nie etwas gehört habe, also wieder etwas gelernt auf dieser hektischen Verfolgungsjagd.

Ich bin ja eine, die keine Bücher wegwirft und ich kann auch nicht sagen, daß es mir nicht gefallen hat.

Ich habe nur wieder einiges nicht verstanden,  es aber sehr interessant gefunden, den Dichter Wilhelm Bartsch kennenzulernen und denke, ich sollte jetzt Ossip Mandelstam lesen. Karl May nicht, der interessiert mich nach wie vor, soviel wie Fußball.

Aber “Die vierzig Tage des Musa Dagh” und die habe ich ohnehin zum Geburtstag bekommen.

Der gigantische Ritt zwischen die Genres ist also sehr lehrreich, ich glaube auch, obwohl das ja in den Schreibratgebern anders steht, daß man das durchaus darf und  bin nun sehr gespannt, wie die anderen Leser das Buch empfunden haben?

Jetzt muß ich noch verraten, wieso es heißt, wie es heißt, weil ich das in meinen Bemühungen, eine  Klammer zu finden, fast vergessen hätte. So wird die Künstlerin Jensie Stone genannt. Was Ossip Mandelstam, der von Stalin zu Tode gefoltert wurde, sowohl mit Armenien, als auch mit den Cherokesen zu tun hat, habe ich dagegen noch immer nicht verstanden, außer man würde, die Gewalt auf dieser Welt, als gemeinsamen Nenner nehmen.

“Ein lustvoller Abgesang auf das Zeitalter der Informationsüberflutung, in dem nur überlebt, wer das wirklich Wichtige nicht aus den Augen verliert”, liefert noch der Buchrücken zur Erklärung.

Dazu passt ganz gut ein Buch mit dem ich das Jahr 2015 begonnen habe.

 

Hinter der Zeit

Die 1969 in Bremen geborene und in Linz lebende Corinna Antelmann ist eine Meisterin der psychischen Ausnahmezustände, Halluzinationen und ähnlicher Krisensituationen, habe ich doch 2009 von Dietmar Ehrenreich ihren “Resistenz-Roman” “Die Farbe der Angst” bekommen und mich in eine Psychose eingelesen, so habe ich mir die Geschichte jedenfalls interpretiert. Dann immer wieder mal von Corinna Antelmann gehört, daß sie den “Frau Ava Literaturpreis” gewonnen hat, daß sie ein und dann noch ein zweites Buch bei “Septime”, von denen ich ja auch schon einige Bücher gelesen habe, verlegte, zuletzt, daß sie in die GAV-aufgenommen wurde und sich letzten Oktober bei der Lesung der neuaufgenommenen Mitglieder, am Vorabend der GV vorstellte.

Da ist sie vor mir in der ersten Reihe gesessen, ich habe sie auf ihr “Resistenz-Buch” angesprochen, sie hat ein Stück aus dem neuen Buch gelesen und mir dann ein Mail geschickt, ob ich es nicht besprechen will.

Möchte ich natürlich gerne, denn ich interessiere mich ja sehr für die deutsche und die österreichische Gegenwartsliteratur und lese mich auch gern durch das Ouvre, der vielleicht nicht so ganz bekannten Autoren und voila schon das Cover ist sehr interessant.

Da steht eine Frauenfigur auf einer Wiese, die bis zum Busen und dann wieder vom Kopf abwärts in Schnürre eingewickelt ist und da hat man schon eine erste Ahnung von dem,, was einem im dem Roman erwarten wird.

Da ist Irina, eine junge Frau und alleinerziehende Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Sie ist Restauratorin und soll in ein tscheichisches Dorf, um dort eine Kirche zu renovieren. Aber vorher schleppt sie die Tochter in das Altersheim, in dem ihre demente Mutter lebt, denn Zoe interessiert sich im Gegensatz zu Irina für die Familiengeschichten.

Irina, die Unabvhängige hat dafür kein Interesse und sie hat sich auch von ihrem Kindesvater schon längst getrennt, hat jetzt eine Beziehung zu einem Mann namens Henrik, der mehr an ihr, als sie an ihm hängt.

Es gibt ein Sushi Essen, dann wird Zoe zu ihrem Vater gebracht und Irina fährt mit ihrer Freundin, beziehungsweise Assistentin Astrid ab nach Tschechien. Dort werden sie ihm Pfarrhaus einquartiert, der Pfarrer empfängt sie  sehr freundlich und wundert sich, daß Iriana zu erst in die Kirche und dann erst zum Abendessen will und teilt ihr mit, daß sie leider, leider, das Zimmer mit Astrid teilen muß. Das wird ein Problem, denn die neigt zum Schnarchen, so kann Irina nicht schlafen, wir erleben eine köstliche Szene und die Schlaflosigkeit ist vielleicht der Beginn der seelischen Ausnahmezustände, in die sich Irina die nächsten zweihundertfünfzig Seiten begeben wird.

Sie geht in dem Dorf spazieren, vorher hat sie in der Kirche noch einen Tomas kennengelernt und mit ihm ein Verhältnis begonnen, kommt zu einem verfallenes Gehöft, sieht Hendln darüber laufen und eine junge Frau, die sie zuerst füttert, später Bratsche spielt, aber das ist schon eine halluzinatorische Erscheinung, denn das Gehöft ist verfallen unf verwaist, da wohnt niemand mehr.

Sie lernt aber auch eine alte Frau am Friedhof kennen, eine Kräuterhexe, die ihr von dem Tod ihrer zwölfjährigen Tochter vor Jahren oder Jahrzehnten erzählt, was Irina  in Panik versetzt, kann sie doch Zoe nicht erreichen, dafür meldet Henrik sich bei ihr, von ihm will aber sie nichts wissen.

Hinter den barocken Fassaden, die sie in der Kirche restaurieren wollen, verbergen sich gotische Fresken, was zu einem Baustop führt, denn jetzt müssen neue Gutachten eingehoben werden. Das Team reist ab, Irina bleibt zurück und verliert sich in der Geschichte. Sieht, daß auf dem großen Platz vor dem Rathaus, 1942, Tschechen von den Deutschen erschoßen werden, erfährt, daß die junge Frau von einem Ivo ein Kind erwartet, dann aber vertrieben wird und wir erfahren allmählich, daß es Irinas Großmutter Vera ähnlich ging.

Vera ist die junge Frau, die das Kind auf der Flucht verlor, deshalb nicht freundlich zu ihrer Tochter sein konnte und Irina konnte das nicht zu ihr und auch nicht zu Zoe. Aber allmählich ändern sich die Verhältnisse.

Irina kommt zurück, besucht mit Zoe  die Mutter und schließlich befinden wir uns wieder in der Kirche des tschechischen Dorfes, Irina sagt “Ahoj” zu einer anderen jungen Frau, die nur ein Wort tschechisch spricht und ihr erzählt, daß sie mit ihrer zwölfjährigen Tochter hergekommen ist, um ihr die Kirche zu zeigen, die ihre Mutter einmal restauriert hat…

So zerfließen die Grenzen von der Gegenwart in die Vergangenheit und von dort zurück in die Zukunft und Corinna Antelmann hat wirkliche ein besonderes Gespür mit psychischen Ausnahmezuständen zu spielen und uns dadurch   Geschichte beizubringen und so kann ich das Buch, allen, die ein bißchen über den Tellerrand der LL- Bücher blicken wollen, sehr empfehelen und bin  auch auf die psychischen Ausnahmezustände ihrer anderen Bücher sehr gespannt.

Die Stellung

Wieder kommt ein Roman aus Mara Gieses Bücherkiste und wieder einer aus Amerika und zwar von der 1959 geborenen Meg Wolitzer, der, sowie ihr erster auf Deutsch übersetzer, die “Interessanten”, ich glaube, beide bei “Dumont” erschienen, vor kurzem auf vielen Blogs zu finden war.

Im September war die Autorin auch in Wien in der Hauptbücherei und hat aus der “Stellung” gelesen, da wußte ich noch nichts von meinen Buch-Gewinn und war auch eine andere Veranstaltung.

“Die Stellung” ist ein interessanter Roman, ganz anders als der Vorläufer der “Nachtigall”, leichter, lockerer, ein gekonnt geschriebener Familienroman, der in den Neunzehnhundertsiebzigern, genauer 1975 beginnt.

Da steht ein Buch in einem Haus in dem eine Familie mit vier Kindern lebt. Die Eltern haben es geschrieben, es ist ein Sex-Ratgeber der besonderen Art, probieren die Eltern dabei doch die verschiedensten Stellungen aus und wurden dabei von einem Zeichner festgehalten.

Das Buch der “Sex-Mellows” wird im ganzen Land berühmt und die Eltern, ein aufgeklärtes Paar der Siebzigerjahre, lassen es im Bücherregal stehen, so daß die Kinder es entdecken können.

Sie reden nicht mit ihnen darüber, sondern überlassen es dem Zufall und das erste Kapitel des Buches schildert dieEntdeckung der Kinder, sechs, acht, dreizehn und fünfzehn Jahre alt mit diesem Buch.

Der ältere Bruder Michael wird es entdecken und holt seine Geschwister dazu und das soll, wie am Klappentext oder am Buchrücken steht, das Leben der gesamten Familie verändern, die weiteren zwölf Kapitel, die dreißig Jahre später spielen handeln davon.

Ich die ich ja in der “Brüderschaft” vielleicht etwas Ähnliches beschrieben habe, meine, diese Veränderung ist nicht so umwerfend, obwohl es wahrscheinlich eine interessante  Idee ist, das Buch mit diesen Sexratgeber zu beginnen, aber drogensüchtig werden auch Kinder anderer Eltern, in der “Brüderschaft”, ist es die Esther, Jonas Tochter und homosexuel werden manche Söhne auch.

In der “Bruderschaft”, der Benjamin und dessen Freund Hanno bekommt eine Aidsdiagnose, der jüngere Sohn der Mellows wird Krebs bekommen und daran sterben und Claudia, die jüngste, die schon mit sechs und das finde ich ein wenig künstlich, darauf spart sich einmal einen Mann kaufen zu können, weil sie sich für häßlich hält, wird im Laufe des Buches ihr Glück finden, denn sie fährt dreißig Jahre später als Filmstudentin in den Ort zurück, wo sie 1975 lebte, sie will die Lehrer ihrer Schule interviewen und besucht auch das Haus und  freundet sie sich mit dem Sohn des Paares, dem es jetzt gehört, an und wird am Ende des Buches auch eine bevorzugte Stellung ausprobieren und mit David feststellen, so interessant, wie die Eltern taten, ist sie nicht.

Die Ehe der Eltern ist  kurz nach ihrem Ruhm zerbrochen, beziehungsweise hat sich die Mutter in den Zeichner verliebt und ihren Mann Paul verlassen, den sie vor zwanzig Jahren kennenlernte, weil er ihr Psychoanalytiker war.

Meg Wolitzer hat also interessante Themen und spielt im prüden Amerika vielleicht mit dem Feuer.

2005 soll das Buch wieder aufgelegt werden, die Mutter will es, braucht dazu aber die Zustimmung des Vaters und der verweigert sie zuerst, denn er ist, obwohl oder weil er schon in dritter Ehe lebt, immer noch gekränkt.

So schickt die Mutter Michael nach Florida, um seine Zustimmung zu holen und der hat auch ein Problem. Er ist nämlich depressiv, so nimmt er SSRI und jetzt kann er nicht mehr mit seiner Freundin Thea, einer Schauspierin, die gerade ein Stück über Freuds hysterische Patientin Dora probt.

Sie ist die Dora und wird sich während Michael beim Vater  ist, in ihre Partnerin verlieben und Paul ihretwegen verlassen. Am Ende des Romans ist der Sex-Ratgeber neuaufgelegt, beziehungsweise neu gemacht, denn jetzt posiert ein jüngeres Paar mit einem anderen Zeichner.

Paul und Roz sitzen aber einander trotzdem vor der Kamera gegenüber und fast alle Kinder sind gekommen, um mit den Eltern diesen Erfolg zu feiern, Michael, Claudia, Dashiell, nur Holly nicht, die brachte es nicht über sich herzufliegen, obwohl sich ihr Leben inzwischen auch normalisiert hat.

Sie nimmt keine Drogen mehr, ist mit einem Arzt verheiratet, Mutter eines kleinen Jungen, aber mit ihren Eltern will sie keinen Kontakt mehr aufnehmen. So feiern die Mellows ohne sie, das heißt die beiden Ehepaare gehen spazieren, während die Kinder, Claudia und Dashiell mit ihren Partnern, Michael allein in einer Sportbar sitzen und Dashiell erzählt, daß die Metastasen wiedergekommen sind und er nur ein paar Monate mehr zu leben hat.

Das hängt wahrscheinlich nicht mit dem Buch und mit der “Stellung” zusammen, es ist aber für eine Psychologin, die noch dazu in Wien, der Stadt Sigmund Freuds lebt und die auch in den Siebzigerjahren studiert und ihre Erfahrungen gemacht hat, sicher ein interesantes Buch.

Die Berggasse 19 kommt darin vor, obwohl ich dieses Dora Kapitel, als eines der unnötigeren halte, hat mir diese Idee von diesen Sexratgeber sehr gefallen und ich denke, daß Eltern, die vielleicht wirklich einen Sexratgeber schreiben oder Pornofilme drehen, mit ihren Kindern darüber reden sollen.

Aber altersgemäß, eine Sechsjährige wird sich vielleicht noch nicht so sehr dafür interessieren, eine Fünfzehnjährige warhscheinlich schon.

Es ist aber sicher eine interessante Frage, was macht man im prüden Amerika, wenn man in den Siebzigerjahren so progtressive Eltern hatte?

Man kann die Frage aber auch anders stellen und sich erkundigen, wie es den Kindern geht, die in den Siebziger oder Achtzigerjahtre in der Mühl-Kommune aufwuchsen und da da gibt es auch Filme darüber.

Vor kurzem habe ich mit dem Alfred einen solchen gesehen.

Geh hin, stelle einen Wächter

Zu Weihnachten ein Märchen gefällig?

Da war einmal in den Neunzehnhundertfünfzigerjahren eine junge Frau, die in New York bei einer Fluglinie oder so gearbeitet hat und in den Südstaaten gemeinsam mit Truman Capote aufgewachsen ist.

Eine Anwaltstochter und die hat einen Roman geschrieben, den die Verlage zur Zeiten der Bürgerrechtsbewegung und Aufhebung der Rassentrennung nicht haben wollten, denn zu radikal wahrscheinlich.

Fährt da ja eine sechsundzwanzigjährige von New York in ihr Heimatstädtchen, um ihren vierzehntätigen Sommerurlaub anzutreten.

Sie fährt mit dem Zug und fliegt nicht, um ihren zweiundsiebzigjährigen Vater, der immer noch als Anwalt tätig ist nicht zuzumuten, ihretwegen um halb drei Uhr nachts aufzusgtehen, also nimmt sie ein Schlafabteil und hat dann ein Problem, als sie die Antweisungen mit dem Klappbett nicht beachtet, so daß der Schaffner sie herausholen muß.

“Keine Angst Miß!”, brummt der gutmütig,”Ich kann das ohne hinzusehen!” und sie zieht, als der Zug langsam  in  Maycomb ankommt, ihre Stadtklamotten aus und die Latzhosen, die sie früher dort getragen hat, an, denn sie war ein sehr wildes Mädchen, das ihre Krise hatte, als sie Regel bekam und erfuhr, daß sie fortan bis fünzig bluten würde müßen.

Sie wird nicht vom Vater, sondern seinem Compagnon Hank abgeholt, der aus einer nicht ganz so guten Familie stammt wie sie, also nicht ganz der richtige Ehemann wäre, obwohl er Jus studierte, wie ihr Tante Alexandra gleich einredet und dann noch sieht, wie sie angeblich in der Nacht mit Hank splitternackt im Fluß badete.

So weit so gut und kleinbürgerlich, die Verhältnisse in dem Städtchen, wo Jean Louise, auch Scout genannt, mit ihrem Bruder und dem schwarzen Kindermädchen aufwuchs, weil ihr Mutter gestorben ist, als sie zwei  war.

Dieses Kindermädchen oder Haushälterin rettet sie auch vor dem Selbstmord, als sie sich mit elf vom Wassertum stürzen will, denn sie wurde schon einmal geküßsst und nun wird sie, wie ihr ihre Schulfreundinnen einreden, nach neun Monaten ein  Kind bekommen, Schade über die Familie bringen, in ein Heim gesperrt werden, etcetera und als sie mit Vierzehn auf den Schulball gehen soll, gibt es Schwierigkeiten mit dem falschen Busen, hier rettet sie Hank, beziehungsweise ihr Vater aus dem Skandal.

So weit so gut und dann passiert das Unglück, denn Jean Louise entdeckt unter den Sachen ihres Vaters, der einmal einen Schwarzen, Neger steht in dem Buch und in der Anmerkung auf Seite dreihundertsiebzehn wird erklärt, daß das zu Zeiten, als das Buch geschrieben wurde, so üblich war, “auch wenn der Begriff heute als abwertend gilt”,  verteidigte, der dann auch freigesprochen wurde und jetzt liegt da eine Broschüre einer Bürgerrechtsbewegung in der Sachen stehen, wie, daß Schwarze zu wenig Hirnmasse und daher nicht die gleichen Rechte wie die anderen hätten, etcetera.

Der Vater ist Mitglied dieser Bürgerrechtsbeweung und Hank ebenfalls, wie Jean Louise erfährt und am nächsten Tag arrangiert ihre Tante auch noch das übliche Kränzchen, wo sie sich die Dummheiten der älteren Frauen und Mädchen anhören muß, mit denen sie einmal zur Schule gegangen ist.

Als sie Hank zur Rede stellt, antwortet er, daß man manchmal Sachen tuen muß, die man nicht wirklich will, wenn man als Antwalt in einem kleinen Städtchen Karriere machen will und ihr Vater sagt ihr dann ungefähr dasselben und fragt sie, ob sie wirkliche einen schwarzen heiraten will und, daß sie Zeit eben noch nicht so weit ist, daß man Schwarze regieren lassen kann, weil die die Bildung nicht mitbringen, um das richtig zu tun, etcetera.

Jean Louise will abreisen, beschimpft ihr Tantchen und kommt erst zur Raison, beziehungsweise zur Versöhnung, als ein anderes Mitglied der Famielie, ihr etwas schrulliger Onkel Dr. Finch, ihr eine knallt.

Ein Buch, das in den Fünzigerjahren so nicht erscheinen konnte.

Harper Lee, die eigentlich  Nelle hieß, schien das zu verstehen und schrieb den Roman um, so wurde aus der sechsundzwanzigjährigen, ein kleines Mädchen und der Vater verteidigt den Schwarzen offenbar mit Bravour, verliert aber den Prozeß, das Buch, das 1960 unter dem Titel “Wer die Nachtgiall stört” den Pulizterpreis bekam, wurde mit Gregory Peck verfilmt und damit offenbar zum Nationalheiligtum der Amerikaner und Stoff in den Schulen.

Harper Lee, die inzwischen nach einem Schlaganfall zurückgezogen, wie das heißt, in einem Altersheim lebt, hat seither nicht mehr viel geschrieben, gab es doch Gerüchte, das Buch stammt gar nicht von ihr, sondern von Truman Capote.

Dann kam ihre Anwältin daher,  fand das verschollen geglaubte Frühmanuskript und veröffentlichte es, ob oder mit Zustammung der alten Dame, eine Kommission erschien offenbar  in dem Alterheim, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist und berichtete, die alte Dame hätte sich über die Veröffentlichung gefreut.

Amerika druckte es in Millionen, DVA für den deutschen Raum in hunderttausend Exemplaren, es gab auch einige Specials dazu und dann war das Buch auch noch in dem Buchpaket, das ich von “Buzzaldrin” gewonnen habe und habe in Zeiten, wo alle Blogger aus ihren hundert oder so gelesen Büchern ihre fünf Lieblinge ausuchen, es auch dazu gemacht, zusammen mit dem Setz, dem Houellebeqc,  den beiden Kisch-Bänden und John Knittels “Via Mala” um eine Auswahl aus den wahrscheinlich 163 aus 167000 zu treffen, denn mir hat es gefallen.

“Wem die Nachtigall” stört, habe ich nicht gelesen und auch nicht auf meiner Bücherliste, leider habe ich es noch nicht gefunden und mein Vater hatte es nicht in seinem Bücherkasten, obwohl mir sowohl der Titel, als auch das Cover, das man bei Google sehen kann, bekannt erscheint.

Eine spannende Geschichte und ein Weihnachtsmächen für mich, weil das Buch zufälligerweise gerade da, auf meiner Liste gestanden ist, schön wenn es wirklich so gewesen ist oder eigentlich auch bedenklich und Grund über vieles, in Zeiten, wo alte Menschen vielleicht entmüdigt werden und in Amerika noch immer die Straßen brennen, weil Schwarze und keine Nigger oder Negros von Polizisten viel rascher als Weiße wegen Nichtigkeiten erschoßen werden, etcetera, nachzudenken.

Aber vielleicht war es auch ganz anders, weil die Verlage und die Lektoren, wie wir spätesten jetzt wissen, ja genau auswählen, umschreiben, überlegen, was sie auf den Markt bringen und “Geh hin, stelle einen Wächter”, übrigens ein Bibelzitat, ist im Frühjahr oder Sommer erschienen, da  galt es als Sensation, in München hat es einen Harper Lee Abend im Literaturhaus gegeben, Cornelia Travnicek hat auf ihren Seiten geschrieben, daß sie im selben Verlag veröffentlich und eine Zeitlang in aller Munde, bis die Exemplare eben verkauft oder sonstwie vergeben wurden.

Jetzt ist es, glaube ich, wieder eher still darum, hat der Buchmarkt ja inzwischen  seine neuen Sensationen, das neue Buch von  Karl  Ove Knausgard zum Beispiel oder das mit den handgeschriebenen Zettelchen und Ansichtskarten, das ich eher für eine Spielerei halte. Der Witzel  und der Setz, die ich im Zuge meines Longlistslesen gelesen habe,  sind auch schon Schnee von gestern und jetzt gibt es schon die Frühjahrsvorschauen, mit denen ich mich so gut, wie überhaupt noch nicht beschäftigt habe, denn ich habe ja noch einige Bücher auf meiner 2016-Leseliste.

Und noch ein P.S:

Ich bin ja von den großen berühmten Amerikanern wie Philip Roth, James Salter, Richard Ford, etc nicht immer so begeistert, bei den weiblichen Literaturtalente der Neunzehnhundertfünfzigerjahre scheint das aber anders und so habe ich sowohl die Bücher von Grace Metalious als auch Silvia Plaths “Glasglocke” mit Begeisterung gelesen.

Der Dieb in der Nacht

Die 1984 geborene Katharina Hartwell, deren Debutroman “Das fremde Meer”, in einigen Blogs, als das beste Buch des Jahres bezeichnet wird, ist in ihrem zweiten, ein Gewinn aus “Buzzaldrins” Bücherkiste, ein beklemmender Gespensterroman gelungen, könnte man so schreiben.

Anklänge an E. T. A. Hofmann tauchen auf, schwarze Kleider, todblasse Gesichter, dänische Märchen und auch die dänische Tichterin Karen Blixen, die eine Gespenstergeschichte geschrieben hat.

Es geht aber um das einunzwanzigste Jahrhundert und um die brüchige Familienverhältnisse, derjenigen, die  Ende zwanzig sind, ein Studium abgeschlossen oder abgebrochen haben, auf ihre Dissertation warten, Cupcakes backen oder nach Prag fahren, um dort zu fotografieren und seltsame Begegnungen zu machen.

Es geht um Paul und um seinen Freund Felix, der vor zehn Jahren verschwunden ist, da er ist zur Tankstelle gegangen, um  Cola zu kaufen und nie mehr aufgetaucht.

Jetzt sitzt einer mit schwarzen Kleidern und fahlen Wangen in einer Prager Bar, schaut aus wie Felix, hat dasselbe Muttermal und die gleichen Bewegungen, aber schwarze Haare und ist es oder ist es trotzdem nicht.

Er sagt “Nein!”, denn er heißt Ira Blixen, das ist zwar ein Künstlername und ein Gedächtnis hat er ebenfalls nicht, denn er ist vor einigen Jahren aus der Moldau gefischt worden und kann sich an nichts mehr erinnern.

Nach anfänglichen Zögern folgt er Felix nach Berlin. Zuerst wurde aber ein Frau überfahren und Paul erkrankt auch an seltsamen Symptomen.

Blixen nistet sich bei ihm ein, macht ihn mit Wein betrunken und sucht auch Felix Schwester Louise auf, beziehungsweise trifft er sich mit ihr in einem Cafe. Paul ist empört, als er das erfährt und Louise war das auch empört, als sie Blixen das erste Mal gesehen hat.

Trotzdem gerät auch sie in seinen Bann, verläßt die WG in der sie wohnt, zieht zu Paul und Blixen, den sie bei mehreren Lügen ertappen. So schleicht er nachts aus der Wohnung und kann sich nicht daran erinnern. Es gibt auch eine beklemmende Szene in einem Wald, in den Louise joggen geht, sich vor einem schwarzen Hund fürchtet und dann Blixen mit diesen Hund vor der Haustür sieht, was er wieder bestreitet.

Das läßt an ein Gespenst und an einen Untoten denken. Der tote Felix ist zurückgekommen. Aber wahrscheinlich, weil Gespensterroma heutzutage kitschig oder nicht literarisch sind, wird das nicht weiter verfolgt, sondern löst sich, wie ich in einer Rezensione gelesen habe, “in der Realität auf”.

Vorher komm aber noch Agnes, Felix und Louises Mutter ins Spiel und wir erfahren, daß sich der junge Paul von seinen Eltern abgewandt und Felix Familie zugewandt hat. Er ist dort mehr als zu Hause gewesen. Der Familie auch in das Sommerhaus gefolgt, Agnes, Louise und Felix, denn der Vater Simon hat sich schon vorher verabschiedet.

Paul belauscht einmal, daß er von Blixen “Nimmersatt” genannt wird. Später nennt er ihn “Parasit”, bohrt also in Wunden und um das Geheimnis aufzuklären, bringen Paul und Louise ihn in das Landhaus, bedrohen ihn mit einem Messer, fesseln ihm am Sessel, doch als sie den Raum wieder betreten, steht er im Garten, winkt ihnen zu, beziehungsweise verschwindt er im Schatten.

In der Danksagung steht, daß die “Idee zu dem Roman durch die Dokumentation der “Blender”, der sich mit dem rätselhaften Verschwinden und vermeintlichen Wiederauftauchen des 13 jährigen Nicolas Barclay auseinandersetzt”, gekommen ist und es gibt sehr schöne Sätze, hat Katharina Hartwell ja in Leipzig studiert und sich am literarischen Colloquium in Berlin aufgehalten, beispielsweise die, die sich mit Weltuntergangsszenarien beschäftigen, von denen man ja auch auf der heurigen LL lesen konnte.

Kurt Palm hat sich in seinen “Besuchern”  auch ein bißchen mit Gespenstern beschäftigt und ich finde den “Dieb in der Nacht”,  als originellen Ansatz in der Literaturlandschaft, da ich E. T. Hofmann  sehr mag und ihn, als ich so alt oder jünger, als Katharina Hartwell war,  auch viel gelesen habe.

36,9

“Und es ist wahr, daß man bestimmte Bosheiten dem antut, den man liebt!”, hat der italienische Kommunist Antonio Gramsci an seine Frau Julia Schucht geschrieben und die 1982 in Bremen geborene Nora Bossong, seit diesem Sommer bekannt als Titelfigur in Nora Gomringers Bachmann-Siegertext hat über ihn einen Roman geschrieben und weil man im “Deutschen Literaturinstitut in Leipzig” wahrscheinlich lernt, daß man heutzutage nicht mehr linear und eins zu eins schreiben darf, heißt er auch nicht “Der Revolutionär” oder “Gramscis letztes Heft”, sondern 36,9 Grad, denn das ist seine oder offenbar, die Körpertemperatur bevor sie ins Fieber kippt.

Denn der 1891 in Sardinien geborene und 1937 in Rom gestorbene Gramsci war immer ein kränklicher Typ.

Kleingewachsen und mit einem Buckel, weil ein Dienstmädchen ihn als Kind  fallen ließ, so lernte er die Schucht-Schwestern und seine spätere Frau Julia auch in einem Sanatorium kennen und als er 1937 aus dem Gefängnis entlassen werden soll, erwischt ihn bald die Tuberkolose, so bleibt der dritten Schucht-Schwester Tanja nichts anderseres übrig, als die berühmten Gefängnishefte, die er während seiner Haft geschrieben hat, hinaus und nach Russland zu schmuggeln. Denn Gramsci war Kommunist, Herausgeber einer solchen Zeitschrift und Abgeordneter, als solcher kämpfte er gegen Mussolini, der ihn  verhaften ließ und die Schucht-Schwestern hat er in Moskau kennengelernt, die ältere Eugenia, war eine Vertraute Lenis und die Revolution in Moskau spielte in seinem Leben auch eine große Rolle, beziehungsweise Stalins Aufstieg, der dann  auch einiges säubern ließ.

So weit so gut, historisch verbürgt und spannend in einer Biografie oder Sachbuch darüber zu lesen, wenn aber eine deutsche Nachwuchsschriftstellerin darüber schreibt, werden die Fakten mit der Fiktion vermischt.

In diesem Fall kommt auch etwas sehr Poetisches heraus, denn Nora Bossong hat eine  schöne Sprache mit vielenNeuschöpfungen und weil man ja nicht so linear und ein zu eins schreiben darf, mischt sie  eine zweite Erzählebene hinein und da wird es, wie die einen sagen satirisch, peinlich könnte man es vielleicht auch ein bißchen nennen oder besser “lächerlich”, wie  ja ein großer Dichter das Leben nannte und sein Vorbild ist in der Figur des Antons Stövers zu spüren, der eine durch und durch negative Figur ist. Dem ganzen einen komischen Anstrich gibt, was ich ein bißchen schade finde, denn der Widerstand gegen das faschistische Italien und die hinausgeschmuggelten Briefe sind ja eine ernste Angelegenheit und Antonio Gramscis Leben, der seinen zweiten Sohn zum Beispiel nie gesehen hat, weil er im Gefängnis war und Julia mit ihren Kindern in Moskau lebte, war das sicher auch.

Dieser Anton Stöver ist aberm was Antonio Gramsci sicherlich nicht war, ein Looser durch und durch und dazu noch ein Zyniker, der sich sein Scheitern nicht eingestehen will,  von den Frauen oder von seiner Vorstellung bei ihnen zu landen besessen und so stolpert er durch Rom und das Leben und tritt in ein Fettnäpfchen nach dem anderen .

Er ist der Sohn einer politisch aktiven Achtundsechzigerin, selber eine Gramsci Forscherin, die ihren Sohn nicht mochte, dann zug er von Bremen nach Göttingen, um sich dort der Universitätslaufbahn hinzugeben, wurde aber nicht Professor, so schreibt er alles in einer Zeitung, um sich damit einen großbürgerlichen Lebensstil  zu leisten. Die Mami muß dem Söhnchen unter die Arme greifen, seine Ehe mit Hedda geht schief, er betrügt sie auch mit allen Frauen und ist sehr gemein zu ihr, trotzdem wird er von einem alten Professor nach Rom gerufen, denn er soll dort nach dem letzten verschwundnen Gefängnisheft fahnden.

Die Zeit drängt meint der Professor, der nach Alter richt und eine seltsame Haushälterin in seiner mit Bücher überfüllten Wohnung hat, trotzdem läßt sich Stöver Zeit und tut eigentlich nichts anderes, als einer Frau nachzulaufen, der er ständig überall begegnet, im Gramsci Institut, in der russischen Botschaft, etcetera und die er Tatjana nennt, andere Erscheinungen hat er auch, bis ihm Hedda nach Hause ruft.

Söhnchen ist krank, er steigt aber aus dem Taxi aus, folgt Tatjana in ihre Wohnung, beziehungswweise wird er von einer Frau angesprochen und in ein Zimmer geführt und dort sitzt er dann mit seinem Koffer und nimmt das verschollene Heft heraus.

In abwechselnden Kapiteln werden diese zwei Ebenen erzählt und in dem Stöver Teil geht es noch in seine Vergangenheit in Göttingen, wo er seine Frau betrügt und dann zu seinen Visonen, die er in Rom erlebt und es ist ein sehr poetischer Roman entstanden, der zwar auch nicht auf der Longlist stand, man hat aber ein  schönes Stück Gegenwartsliteratur von einer neuen frischen Stimme gelesen, ob es einen Gramsci Forscher weiterbringt, weiß ich nicht und auch nicht, ob sich die Erfreuer einer poetischen Sprache  unbedingt für einen Kommunisten und seine Beziehung zu den drei Schucht Schwestern interessieren.

Für mich war mein Gewinn bei Mara Gieses “Herbstgeraschel-Gewinnspiel” aber sehr interessant, denn so habe ich die Gelegenheit mich auch jenseits der LL in die 2015 Neuerscheinungen ein bißchen einzulesen und habe Nora Bossong, ich gebe es zu, durch Nora Gomringers Text kennengelernt und da könnte man auch ein kleines Namesspiel daraus machen, denn es gibt noch ein eher experimentelles Buch von dem Autorenteam David Ender und Jack Hauser namens  “Hembert Nora” “entdeckt, belichtet, entwickelt, fixiert und montiert zwischen Juni 1991 und Juli 1996” und in der “Edtion Selene” erschienen, das ich einmal beim Flohmarkt der “Gesellschaft für Literatur” fand und das ich dann eine Zeitlang mit Nora Gomringer verwechselte, wie mir das mit meiner leicht legasthenen Art, wie ich immer sage, manchesmal passiert.

Bora

“Eine Geschichte vom Wind” oder besser, eine über die Liebe, hat die 1963 in Wien geborene Ruth Cerha, die Tochter des berühmten zeitgenössischen Komponisten, da geschrieben, die diesen Sommer durch alle Blogs gegangen ist und durch Mara Gieses “Herbstraschlgewinnspiel” auch zu mir gekommen ist.

Ein Buch das man  im Sommer lesen sollte, aber auf meiner Leseliste weit nach unten gerutscht ist, was aber nichts macht, denn siehe da, Weihnachten kommt, obwohl das Buch im Sommer auf einer kroatischen Insel spielt, sogar sehr ausführlich vor, Weihnachten in Manhatten mit dem großen Baum beim Rockefellercenter, wo man auch schlittschuhlaufen kann.

Tobias Nazemi, einer der Oberbuchpreisblogger hat es schon im Sommer gelesen und gerade zu hymnisch besprochen, nur das Cover, rosa Schrift auf hellblauen Untergrund ist es zu seicht gewesen und ich habe das Buch zwar nicht seicht, aber manchmal ein wenig kryptisch und nicht unbedingt logisch gefunden.

Ein Buch, das ich bei meiner Longlistenschätzung im August auch auf diese getan hätte, weil es eines der wenigen in deutschen Großverlagen, Frankfurter Verlagsanstalt, war, das ich damals kannte, es ist aber nicht darauf gekommen und was ich auch erwähnen möchte, am letzten Dienstag ist es im “Wortschatz” gelegen und ich habe mich, wie immer, wenn da ein Buch liegt, das ich schon habe und  neueren Erscheinungsdatum ist, leicht geärgert, aber Margareten hat großzügige Buchwegleger, die “Kindfrau” habe ich vor einigen Monaten auch dort gesehen.

Ruth Cerha habe ich bei “Rund um die Burg neu” kennengelernt, da hat sie aus ihren “Zehntelbrüdern” gelesen, das  auch vor kurzem auf meiner Leseliste stand und ich schreibe es gleich, mit der etwas verrückten Patschworkfamiliensituation habe ich mehr anfangen können, als mit dieser etwas kryptischen Liebesgeschichte, in drei Teilen, wo mir der dirtte Teil nicht ganz logisch oder nachvollziehbar erschien, aber auch die Mara im ersten Teil, erscheint mir etwas übertrieben, vor allem wenn etwas später steht, daß sie eine Schriftstellerin ist, die bevor sie schreibt, alles über ihre Protagonisten weiß, damit man alle ihre Handlungen versteht, nun ich habe mir ihre Handlungen nicht immer erklären können.

Denn diese Mara, eine Wiener Schriftstellerin, Ende Dreißig, die schon seit Jahren ihre Sommer auf einer kroatischen Insel verbringt, erschien mir anfangs etwas mondsüchtig, denn sie stand um halb acht, wenn das Morgenboot anlegt, am Fischmarkt, um einzukaufen und sieht einen Mann, einen Vierziger aussteigen, ist hinüber und rennt die nächsten Tagen somnabul auf der Insel herum, schläft am Tag, fängt in der Nacht  zu kochen an, ißt aber nicht, sondern verschenkt die Resultate an ihre Nachbarn, darunter an ein Psychotherapeutenpaar, das sie darauf hin mitleidig anschaut.

Schreiben tut sie nicht, denn sie hat eine Schreibblockade, so rennt sie auf der Insel herum, auf der Suche nach Andrej,  so heißt der Ankömmling und der erscheint auch gleich am ersten Tag bei ihr mit einem Fisch und fragt, ob sie eine Bratpfanne hat?

Sie gibt ihm die und sagt, sie hätte schon gegessen, so verschwindet er wieder,  sie trifft ihn aber ein paar Tage später in der Stadt Losinj, wohin sie mit ihrer Freundin Tereza fährt, da weht dann die Bora, der berühmte kroatische Wind, so kann das Nachmittagsboot nicht abfahren, sie müßen sie in der Stadt bleiben, gehen dort in das Wirthaus eines Freundes, wo sie Andrej wiedertrifft und die beiden schauen sich an und betrinken sich.

Dann verschwindet  er, ein Fotograf mit kroatischen Wurzeln, aber schon in Amerika geboren, der jetzt durch die Welt zieht, offenbar keinen wirklichen Wohnsitz hat, nach Montenegro und sie zieht herum auf der Insel und alle wundern sich über sie.

Er kommt zurück und die beiden verfallen in eine wunderbare Liebe, er zieht zu ihr ein und verschwindet wieder, das ist dann schon im zweiten Teil, der ihm zum Protagonisten hat. Da steht er morgens auf und legt ihr einen Zettel auf den Tisch “Bin in Zagreb, meine Mama holen, komme morgen wieder, Kuß A.” und überlegt, ob er das überhaupt machen soll, denn eigentlich ist er nicht gewohnt, das bei seinen Frauen zu tun.

Die Mutter holt er ab, um sie zu dem jährlichen Emigrantentreffen zu bringen, denn in den Sechzigerjahren sind sehr viele von der Insel, darunter auch seine Eltern mit seinem älteren Bruder auf einem Ruderboot zuerst nach Italien gerudert, um dem Titoischen Regime zu entkommen und das feiern sie jedes Jahr mit einem großen Emigrantenfest. Deshalb ist die Mutter aus Amerika angereist gekommen, der Vater bettlägrig und ein Pflegefall, wurde zurückgelassen.

Während das Fest stattfindet, ist Andrej auf der Suche nach Mara, denn die scheint verschwunden, obwohl er seine Kamera in ihrem Haus hat.

Er findet sie aber und die große Liebe geht weiter, bis zum dritten Teil, wo Mara wieder die Protagonistin ist und der beginnt mit einem eher merkwürdigen Streit.

Andrje hat sie trotz der großen Liebe mit einer Frau betrogen, er wirft ihr ihre Schreibhemmung vor.

Er verschwindet, sie rennt  mit zuwenig Wasser über die Insel, bekommt einen Sonnenstich, muß von Tereza gepflegt werden,  fängt aber zu schreiben an, hat sie sich doch vorher schon mit seiner Mutter, der vierundsiebzigjährigen Ana angefreundet und die erzählt ihr von den Emigrantenschicksalen und so beschließt sie ein Buch darüber zu schreiben. Sie stellt sich auch vor Kinder von Andrej zu haben, schließlich ist sie ja bald vierzig und kommt in die Midlifekrise, traut sich das ihm, dem Beziehungsflüchtigen, aber nicht zu sagen.

Er ist im Moment ohnehin nicht da, kommt aber zurück, die Lebe geht weiter, bis zu seiner endgültigen Abreise, sie muß das auch bald tun, hat sie doch Ende September eine Lesung in Wien. So beschließen sie sich ganz altmodisch mit Briefmarke und Poststempel zu schreiben und so endet das Buch auch mit einem Brief von Andrje an Mara “Denk an mich, wenn du das nächste Mal fisch isst. Love, Andrej”

Ich weiß schon, daß man diese Distanz und die manchmal  unlogisch erscheinende Inhalte, poetisch deuten kann. Der Klappentext lobt auch “Ruth Cerhas Sprache ist ein Bilderstrom und diese Sprache nimmt den Leser einfach mit”.

Der Realistin, die in mir steckt, hat aber mit der handfesterem Geschichte der “Zehntelbrüder” mehr anfangen können, als mit dieser verschlüßelten Poetik, wo sich Mara und Andrej auch manchmal als “Marquise” und “Valmont”: “Mein lieber Valmont” sage ich,” werden Sie nach Berlin zurückkehren?” anreden oder ihre Höhlenverstecke haben.

Man lernt aber, das muß ich auch hier zugeben, viel von diesem vielschichtigen Sommerroman, der gar nicht so leicht ist, wie das Cover vielleicht glauben macht, über die Winde, die Flora und die Fauna der kroatischen Insel, ihre Auswanderungsgeschichte und noch mehr und Ruth Cerha scheint eine sehr vielschichtige Schreiberin zu sein, die ihren Ton und ihre Sprache offenbar von Roman zu Roman verändern kann.

Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Weiter geht es mit dem Buchpreisbloggen könnte man so sagen oder nachdem ich jetzt  alle zwanzig Romane gelesen haben, kommen Dank Mara Giese und ihrem Gewinnspiel noch vier deutsche Romane an die Reihe, die in diesem Jahr erschienen sind und es nicht auf die Longlist schafften.

Einer davon  von dem 1979, in Opole, Polen geborenen und als Kind nach Deutschland gekommenen Matthias Nawrat, der 2012 mit einem Auszug aus seinem zweiten Roman “Unternehmer” beim Bachmannpreis gewonnen hat, da habe ich ihm kennengelert und der Roman ist 2014  auf der Longlist gestanden.

Und mit diesem, einem wahrscheinlich Schelmen- oder Episodenroman, der die Geschichte Polens vom zweiten Weltkrieg bis zu Wende auf eine etwas andere Art und Weise neu erzählt, habe ich mir am Anfang etwas schwer getan, obwohl mich die deutsch ponische  Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ja sehr interessiert.

Wahrscheinlich ist es die “umgekehrte Humoristik”, wie Nawrat, die Ironie, die er dabei verwendet, selbst betitelt, die mich etwas störte.

Denn Hitler und Stalin waren wahrscheinlich nicht lustig, auch wenn Humor, das weiß ich schon, ein Abwehrmechanismus ist, aber wenn der Enkel über die Geschichte des Großvaters lacht, in dem er sie sehr verdreht erzählt, weiß man am Ende nicht wirklich, wie sie der Großvater empfunden hat.

Da ist also der Ich-Erzähler, ein Jugendlicher habe ich verstanden, der mit seinem Bruder und seiner Mutter ein paar Jahre nach der Wende zum Begräbnis seines Opas Jurek nach Polen fährt und danach in einem sehr kindlichen Stil, die Familiengeschichte erzählt, kindlich oder mit umgekehrter Humoristik, das letztere wohl und so wächst der Opa in Polen auf, verliebt sich in die Cousine Janka mit der Augenklappe, geht in die Realschule, beginnt zu arbeiten und dann kommt der weltberühmte Politiker mit dem Chaplin Bärtchen daher und der Opa wird von freundlichen Herren zur Befragung zusammen mit der Belegschaft seiner Firma abgeholt und in ein schönes Örtchen namens Oswiciem gebracht.

Da erleidet er dann seine ersten Tode, nämlich Hungersnöte, die zur Folge haben, daß er sich in seinem späteren Leben bei den mehrgängignen Mittagessen immer vier- fünf Nachschläge geben läßt, bis seine Organe nicht mehr mitspielen.

Aber zuerst erleidet er Hunger und hat aus diesem Grund vielleicht sogar einen Mithäftling umgebracht, ja die Menschen sind nicht alle gut und edel, auch die in Auschwitz und im stalinistischen Polen nicht.

Denn der deutsche Chef der ehemals polnischen Firma holt den Opa aus dem Lager heraus und der wird  nach 1945 Direktor eines Warenhauses, wo es keine Waren gibt.So läßt er in dem von einem Deutschen gestohlenen schwarzen Direktorsanzug, die Verkäuferin das Regal hin und herstellen und diskutiert mit seinen Parteigenossen über die Gleichheit, die ja das Ziel der neuen Gesellschaft ist und als statt Weißkraut ein paar Felljacken ankommen, teilen sich die die Direktoren untereinander auf und sagen sie opfern sich für die Allgemeinheit, so weit so gut und auch weiter.

Der Opa findet dann die Oma Zofia, die ihm die mehrgängigen Mittagessen kocht und eigentlich nach Paris möchte, weil er Opa aber so viel ißt, reicht das Geld dazu nicht aus und das Ausreisen war zu Zeiten des weltberühmten Politikers mit der weißen Kellnerjacke, des großen Nachbarlandes wahrscheinlich auch nicht so einfach.

Der Vater des Erzählers will aus aus diesem Polen und möchte über die hohe Tatra und den Rizy nach Canada kommen, dafür läßt er sich in ein Pfadfinderlager stecken, denn nur so kam er nach Zakopane, der Plan scheitert an der mangelnden Kondition des Gruppenleiters, so eröffnet er mit tschechischen Utensilien, ein Sportgeschäft in Opole in dem die Jugendlichen, die Seile, Karabiner, Bergschuhe und Rucksäcke auch gerne kaufen und auch der berühmteste Bergsteiger des Landes besucht einmal seinen Laden.

Da gibt es dann  eine groteske Szene, wo dieser Sportler von der Geheimpolizei bewacht an einer Gala in Warschau teilnehmen und dann den Himalaya besteigen  oder nicht besteigen soll.

Der Vater reist ihm mit seiner besten Grundausrüstung nach, logiert sich in dem Hotel ein, wo auch der Staatspräsident wohnt und klettert an der Fassade in seine Suite. Der ist begeistert, schleift ihn auf die Gala und läßt sich mit ihm fotografieren.

Nur nachher brechen die freundlichen netten Geheimpolizisten seine Beine, so daß es aus mit dem Traum nach Canada zu kommen.

So reist der Vater mit der Mutter und den zwei Söhnen nach Deutschland aus. Das wird auch sehr grotesk geschildert, denn der Opa weigert sich die Familie zu verabschieden, so fangen sie solange zu streiten und auszupacken an, bis er widerwillig zwar, aber doch erscheint und er scheitert als Direktor eines Warenhauspardieses, der er dann geworden ist, an einer Verkäuferin, die gleichzeitig die Frau eines  Polizisten ist.

So wird der Opa wieder in den Keller der Geheimpolizei gebeten, kommt dort lange nicht heraus, verliert seinen Job, wird Hausmeister eines Ferienlagerns und fängt zu schieben an.

Auch eine köstliche Szene, wie er eine Flasche Schnaps, gegen Jeansstoff tauscht, damit nach Budapest auf der Suche nach Kalbfleisch fährt und dieses nicht bekommt, während ihn die Oma von der Plizei suchen läßt.

Dazwischen ändern sich die Zeiten und die Generäle, es wird eine Partei namens Solidarnosc gegründet und am Schluß verliert der Opa seine Organe, sie geben ihre Funktion auf und er verstirbt mit achtunddreißig Kilo und der Enkel kommt mit dem Bruder und der Mutter nach Opole, läpt sich von der Oma bekochen und vom Onkel die Stadt zeigen, während er Episode um Episode aus dem Leben seines Opas neu erzählt.

“Mit poetischer Verdichtung und Verfremdung erschafft Mathias Nawrat eine Welt im Schwebeustand zwischen Wirklichkeit und Phatasie schreibt die Ndeue Zürcher Zeitung.

Wie schon erwähnt, habe ich mir damit ein bißchen schwer getan, kann aber nicht verhehlen, jetzt  mehr über die ponische Geschichte nach 1945 und das Leben in Polen in dieser Zeit zu wissen.

Sabrina Janesch hat in “Katzenberge” das ich diesen Sommer gelesen habe und das sie auch in Klagenfurt vorstellt, über die ponischen Vorfahren ganz anders geschrieben.

Mit der umgekehrten Humoristik läßt sich das Leben vielleicht ein bißchen besser ertragen, ich mag sie, glaube ich nicht so sehr.

Es gibt aber auch Auschwitz-Romane,  die auf diese Art und Weise beschrieben wurden und natürlich ist es gut, wenn man über die Geschichte lachen kann, auch wenn sie nicht immer lustig ist.

 

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Nadine Kegeles Debutroman, den ich auf der vorvorigen “Buch-Wien” beim Bücherquiz gewonnen habe, beginnt schon einmal erschreckend brutal:

“Zum Glück gibt es genügend Tierärzte, die gesunde Hunde einschläfern!”

“Hoffentlich nicht! “, könnte man denken und merkt schon, das ist ein sehr kraftvoller Roman, der 1980 in Bludenz geborenen Autorin  ist, die ich im Zuge des Volksstimmefestes kennenlernte, dann bei einer “Textvorstellung” mit Angelika Reitzer war, den Erzählband “Annalieder” gerne gelesen hätte, jetzt aber den Roman, aus dem die Autorin schon ein Stück 2013 in Klagenfurt gelesen hat und damit den Publikumspreis gewonnen hat.

Bei der Jury, die Diskussion habe ich mir jetzt ein bißchen angehört, ist er dagegen nicht so gut angekommen, wie bei dn Nadine Kegeles Fans und das kann ich ein bißchen nachvollziehen, denn es ist auch sehr verwirrend, was da auf verschiedenen Ebenen erzählt wird.

Der Klappentext spricht von der seltenen Gabe “Poesie und Komik” miteinander zu verknüpfen, aber komisch habe ich den Text eigentlich nicht gefunden, eher wortgewaltig, metaphernreich, Tiere kommen in den verschiedensten Formen vor und es ist auch wahrscheinlich nicht alles realistisch, was da erzählt wird.

Es geht um Nora, eine Protagonistin, die vielleicht Ähnlichkeiten mit der Autorin hat, es geht ihr aber nicht gut und sie hat, salopp gesagt, einen Minderwertigkeitskomplex, hat sie ja nicht studiert, ist keine Akademikerin, nicht aus reichen Haus, wie ihre Freundinnen Vera, Ruth und die Füchsin, sondern hat offenbar eine schlechte Kindheit hinter sich und Probleme mit ihrer Mutter, die sechundfünfzig Jahre alt, im Koma liegt.

Die geht Nora im Spital besuchen, wie, um sich zu überzeugen, ob sie schon endlich gestorben ist?

“Schätzchen!”, sagt dann die Krankenschwester mit dem großen Busen und es passt wieder nicht und der Hund, der eingeschläfert wurde oder werden sollte, gehörte offenbar der Mutter.

Dann gibt es eine zweite Erzählebene, in abwechselnden Kapiteln wird von Nora und von einer Erika erzählt, die vielleicht Noras Mutter ist. Ganz klar kommt das, wie vieles in dem hochpoetischen Roman nicht heraus, weil die Tochter dieser Erika, sie ist eine Kellnerin, die von verschiedenen Männern Kindern bekam, mit ihnen nicht zurecht kommt, ihre Schreibabies dann in die Toilette legt, damit sie sie nicht mehr hören muß, kein Geld hat und von den Männern ausgenützt wird, heißt auch Erika, wie sie, Rika genannt und nicht Nora, es könnte aber trotzdem hinkommen.

Diese Erika lebt also ihr armes Frauenleben der Sechziger und Siebzigerjahre bis sie ins Koma fällt und Nora leidet  unter ihren drei priveligierteren Freundinnen, Vera ist die Tochter eines Sektimperiums, die Füchsin ist Jogalehrerin, Ruth Religionslehrerin und Lesbe und möchte ein Kind, gleich welchen Geschlechts, nur Mädchen oder Bub sollte es nicht sein, man sieht es ist sehr kompliziert!

Nora ist Telefonistin in der Mahnabteilung einer Stromfirma, wird dann aber entlassen und hat kein Geld, sie hat aber einen Freund, den Anton, einen Architekten, der schon eine Tochter namens Maresa hat und sie mitnimmt als er mit Nora nach Roma fährt, dann verläßt er Nora, die dann alleine nach Rom fährt.

Dazwischen hütet sie noch Veras Katze, die nach Brasilien fährt und ihre Nachbarin, eine alte Jüdin und Holocaustopfer nahmens Sarah Tänzer, die sie betreut, beziehungsweise mit ihr auf den Friedhof fährt, hat einen Hund namens Moby, die Füchsin füttert Blutegeln und die Eidechsenmetapher, beziehungsweise der Romantitel bezieht sich auf die Romfahrt mit Anton und Maresa, denn dort beobachet Nora solche.

Am Ende ist sie im Krankenhaus, denn dort hat die Füchsin inzwischen ein Kind geboren, wobei es allerdings Komplikationen gab und Nora geht dann in das Zimmer ihrer Mutter, findet sie aber nicht mehr, nur die Schwester kommt ihr am Gang entgegen und sagt “Wir haben Sie schon gesucht, Schätzchen, geht es Ihnen gut?”

Sehr verwirrend also, nicht nur für die Bachmannjuroren, die allerdings, glaube ich , einen etwas anderen Text hatten, denn da kommt eine Contessa vor, die mir entgangen wäre, auch in den Rezensionen kann man viel von der Tragik des Lebens und dem schrecklichen Schicksal, denen die Frauen ausgesetzt wären lesen. Bei einigen wird dann auf die Autrin, die ja auch im zweiten Bildungsweg studierte und zuerst eine Bürolehre machte, zurückgeknüpft und von Arbeiterschicksalen gesprochen, die in der Gegenwartsliteratur eher selten wären.

Finde ich gar nicht und ich habe die Beschreibung der Mutter eigentlich sehr stark empfunden, sie hat mich auch an mein dreimonatiges Praktikum im Hospitz Hotel in St. Anton am Arlberg, das ich 1972 in der Strassegasse machen mußte, erinnern, da ist es im Service und in der Schank wahrscheinlich ähnlich zugegangen.

Die Polarsierung zwischen arm und reich und die Minderwertigkeitsgefühle, die Nora zwischen ihren reichen Freundinnen empfindet, habe ich dagegen eher ungewöhnlich gefunden, denn meistens wird das, was mich beispielsweise sehr interessiert, in der Gegenwartsliteratur eher nicht thematisiert.

Ansonsten geht es um die Problematik, die moderne Frauen haben können, Kinderwunsch, Verlassenwerden, alternative Lebensweisen, da habe ich ja vor kurzem  erst einen preisgekrönten Roman gelesen, in dem das auch beschrieben wird.

Die vielen Tiere sind sehr auffällig und Nadine Kegele springt von einer Metapher mit einer wortgewaltigen Poetik in die andere, spannend einerseits und hochkomplex, andereres habe ich dagegen noch nicht so ausgereift und eher unfertig gefunden und bin gespannt, was ich noch von der Autorin hören werde, die ich ja gelegentlich bei Veranstaltung sehe und die mir einmal auch ein sehr liebes Mail bezüglich meines “Kevin-Textes” geschrieben hat, den ich ja am Volksstimmefest gelesen habe

Land der Berge

Ein neuer Band aus dem “Holzbaum-Verlag” von Rudi Hurzlmeier, dem Maler, Cartoonist und Autor, der ständiger Mitarbeiter des Satiremagazins “Titanic”, der “Süddeutschen”,  des “Spiegel-Online” und der “Zeit” ist und diesmal ist es etwas Besonderes, denn es ist sehr viel Text dabei.

“Schwindelerregende Steilwandmalerei und Hochgebirgspoesie”, steht am Buchrücken, wo der Rudi offenbar in Mozartuniform herunterlächelt und ein Gebirge mit Österreichflagge auf einem Tablett entgegenhält.

Und die Hochgebirgspoesie, es sind auch Prosatexte dabei und eine Art Kurzkrimi, stammt von Heinz Erhardt, Kurt Tucholsky, Robert Gernhardt, Ödön von Horvath, etcetera und natürlich auch von Rudi Hurzlmeier.

Das Vorwort zu dem Buch stammt von Michael Ziegelwagner, dem St. Pöltner, der  auch für das Satiremagazin “Titanic” arbeitet “Naturkritik spezial”, heißt es und ist eigentlich gar kein solches und das Cover ziert eine romantische Berglandschaft in die ein Hündchen mit Rucksack hinaufspaziert oder stehenbleibt und seine neugierigen Blicke schweifen läßt.

Ein richtiges Buch für den Weihnachtstisch von Österreichpatrioten oder Bergliebhaber, Bergsteiger vielleicht und richtig ein Text, beziehungwweise Interview von  Luis Trenker “Der Mountain Climber”- “Was tut denn ein Mountain Climber? Verdient er dabei Geld?”, ist auch dabei.

Daneben ist das Bild des “Yetis” freundlich lächelnd und ganz in blau weiß zu sehen und so geht es durch die romantisch-kitschige Berglandschaft oder Landschaftsidylle, der österreichischen, schweizer oder was auch immer Alpen oder gehen wir an den Anfang zurück, denn da ist ein Schifahrendes Osterhäschen zu sehen, wie es den Berg hinabflitzt und wenn die Kühe den Berg hinabgetrieben werden, geht es zu “Endreinigung”, wo die Bäuerinnen oder Mägde, die Fladen wegkehren oder wischen, um die Wiese wieder schön sauber zu bekommen.

Dann ist gleich ein “Biwak bei Zermatt”zu sehen,  ein Luxusbett mit einem großen Käse, mitten im Bergmassiv und Robert Gernhardt reimt daneben “In Worten gäb das keinen Sinn, wie sagt man doch im Engadin, sìsch verbal nicht zu fassen!”

Also weiter mit den Bildern:

Da gibt es dann die “Skischaukel”, wo der Schifahrer am Schwanz der Kuh den Berg hinaufgezogen wird, das “Saisonende”, aber auch die “Angetrunkenen Schneekanonenfahrer”, wo das Wasser nur so herumspritzt, daneben kann man dann den “Maskenball im Hochgebirge” von Erich Kästner lesen und das “Wintersporthotel zwischen Graubünden und Vorarlberg” ist irgenwie ein wenig schiefgeraten.

Beim “Wallfahrtsort” ragen die Bergspitzen in Kathedralenform entgegen und den  “Sunset Boulvard” habe ich, glaube ich, schon einmal in einem Museum gesehen oder auch nicht, denn da steht ein einsamer Beobacher in einem Massiv von gelbrote leuchtenden Bergen.

Dann gehts gleich wieder zu Robert Gernhardt, der in diesem Buch eine starke Stimme hat und in “Wenn Dichter einen Ausflug machen” und über Goethes, Nietsches, Rilkes Natureindrücken rätseln läßt.

Der “Sonnenaufgang in Tirol” hat, meint Rudi Hurzlmeier ein Kürbisgesicht mit einer Knollnase und “Integration” ist, wenn das Kamel  mit Hirschgeweih röhrend in der Alplandschaft steht. Minister Kurz hat da vielleicht eine andere Sichtweise. Man könnte  darüber nachdenken, wie sich so ein Kamel  im Hochgebirge fühlt oder wir uns in der Wüste, aber es geht schon weiter mit der Tierwelt, denn ein paar Seiten später läßt Rudi Hurzmeier im “Aquarium”, die Fische um die Berge schwimmen und die schauen, würde ich meinen, nicht besonders glücklich aus.

Dann gibt es noch den “Bergvagabund”, vierarmig mit vier Enzianen in der Hand und auf dem Kopf und einer riesengroßen Sonnenbrille und wir sind schon bei Rudi  Hurzlmeiers Texten.

Es gibt eine “Gulasch-Boutique”, das ist ein Gasthaus mit Hirschgeweih und eine “Kirche von Hinten” zu der das  Weglein führt, nur leider gibt es Hinten kein Eingangstor. Ganz schön hinterfotzig könnte man meinen.

Und eine “Gruselgeschichte” von Rudi Hurzlmeier gibt es auch, sowie ein K-Gedicht, das dem “K2” gewidmet ist und schon sind wir fast am Ende, wo der Waldi vom Cover noch einmal den Berg hinaufspaziert.

“Dem Himmel nah, der Arbeit fern, so hammas gern!”, reimt dazu der Volksmund.

Beim “Plötzlichen Wintereinbruch” steht der Pinguin am Grashaufen neben den Sonnenblumen und die Hühner schauen ihm zu und einen “Sennenhund mit seiner Sennerin”, der uns an die “Erhabende Jungfrau” erinnern könnte, gibt es auch noch.

“Die Berge üben seit jeher eine große Faszination auf die Menschen aus – so auch auf Rudi Hurzlmeier. Seine schwindelerregende Steinwandmalerei huldigt mit viel Liebe zum Detail und feinen Humor dem vermeintlich naturbelassenen Universum abseits des Urbanen”, steht weiter am Klappentext .

Ein Buch für mich könnte man meinen, denn ich bin ja auch gelegentlich in den Bergen unterwegs und Poesie mag ich auch sehr gern, so habe ich dem “Holzbaum-Verlag” wieder einmal sehr zu danken.