Neuerliche entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuchs

Wieder so ein schönes Buch aus dem “Verlag das kulturelle Gedächtnis”, zwei davon habe ich schon gelesen und von ein paar anderen das PDF gekommen und eines das fast nahtlos an das Buch über E.T. A. Hoffmann anknüpft , habe ich jetzt gelsen und über das Grimmsche Wörterbuch, hat ja schon Günter Grass geschrieben.

Bei diesem Buch, das einen noch längeren Namen hat, denn es geht dann noch um den “Lebensocean und die Sprachmenschwerdung”, war ich am Anfang trotz der wieder schönen graphischen Gestaltung Anfangs ein wenig ratlos, denn der von Thomas Böhm und Peter Graf herausgegebe ne springt gleich in das Sujet hinein und erklärt nicht viel, wie es zu verstehen ist.

Es gibt zwar eine Einleitung mit Textzitaten von Jean Paul und aus dem “Wlhelm Meister”, dann geht es aber gleich los mit dem Wortalphabet und dem frommen Wunsch “Wir würden uns freuen, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der vorliegenden Auswahl viele Wortschönheiten fänden, in die Sie ihre Gedanken kleiden mögen. Sprachliche Feinheiten, mit denen sie ihre tägliche Sprache schmücken können. Worte, die eine der vornehmsten Aufgabe der Sprache erfüllen: andere einzuladen, sich über den Lebensocean und die Sprachmenschwerdung auszutauschen.”

Die habe ich zwar noch immer nicht so ganz verstanden. Es beginnt aber gleich mit dem Buchstaben “A” um zum “Z” zu kommen, so tauchen wir also ein und schauen wie am Ende mit den “Wortschönheiten” stehen wird?

“Alpensohn * euch stellt, ihr alpensöhne mit jedem neuen jahr des eises bruch vom föhne den <kampf der freiheit dar.” Das hat “Uland” so formuliert und dann gibt es noch, die “Abendlust”, den “Ahungsdrang”, die “Alraundlelberin”, “ansippen”, bis hin zum “Augenbraunrunzler”.

Bei “B” gibt es den “Bartstreicher”, die “Begehrungskraft”, “beseifen”, “beseufzen” und den “Betbruder”, das ist ein “simulator pietatis” und ein “frömmling”.

Bei “C” finde ich unter anderen das “Complimentierbuch” “ich habe mein ganzes Complimentierbuch ausgebetet” steht dabei.

“D” beginnt mit dem “Dieterlein” und bei “E” kommt man zum “Edelgesidel* weg, edelgsindel, pfui, stinkest mir an! du stinkest nach stinkender hoffart mir an”, das hat ein Bürger so gesagt.

Dann gehts zur “Flederwischjungfer”, das ist ein Ausdruck von Gryphius, Göthe, wie er sich damals wohl geschrieben hat, hat das “Familienlabyrinth” geprägt. Eine “Fernschönheit” ist eine, “die aus der ferne scheint: sie ist eine fernschönheit, sie ist in der ferne schön, nicht in der nähe”, aha und den “Fernschreiber” das ist der “telegraphus”, gab es damals auch schon.

Die “Galgenbekehrung” stammt von Lichtenberg “man fängt seine testamente gewöhnlich damit an, dasz man seine seele gott empfiehlt…solche recommandationen sind galgenbekehrungen”.

“Nüchtern bin ich immerdar nur ein Harfenstümpfer”, sagt beim Buchstaben “H” wieder ein Bürger.

Und interessant oder zum aktuellen Anlaß ausgewählt, kommen wir beim “I” zum “Impfzwang * der vom staate aus an jedem seiner glieder geübte zwang, sich die kuhpocken impfen zu lassen”, das ist mir ja auch passiert und wurde, glaube ich, erst in den Neunzehnachtzigern abgeschafft. Jetzt können wir nur noch auf die endgültige Abschaffung der Corona-Impfung hoffen und gehen zu den “Jugendtrümmer” über “wie will ich dir, der mich in meinen jugendtrümmern unkundigen des wegs zum merkpfahl aufgestellt, die spötterei verkümmern in jener welt.”

Chr. Weise hat zu “Kalmäusern” geschrieben “willstu dem Pindus hier allein ergeben und verbunden sein?” Man beachte die Schreibweise, die dem lieben Uli wahrscheinlich wieder an die Wand springen läßt, aber nur erklärt, wie veränderlich diese ist und natürlich fällt es heute nicht leicht sich durch die vielen “th” etcetera zu lesen, was das Verstehen auf jeden Fall komplizierter macht, man aber damals wohl gewohnt war.

Dann gibts die “Kindverschnürung”, den “Kirchennachbar” und den “Kirchenschlaf”.

Dann kommen wir schon zum “L” und dem “Landschmarotzer”, das ist ein Ausdruck, der von Schiller geprägt wurde. Den “Lebensschreiber” gibt es auch und die “Lebenswärme” ,”liebeberauscht” und “liebebethört” und den “Liederjahn” sowie die “Liederwonne”.

Bei “M” gibts die “Menschenblutbespritzerin” und die “Manngeschichte”, natürlich klar, die “Menschendieberei” und das “Meuchelmaul” . “Mitmacherinnen” kennen wir heute auch, wie die “Mitmacher” hier ist abereine”frauensperson, die sich von mannsleuten küssen läszt”, gemeint.

“Neidischbleich” kommt wieder von Schiller: “staune weisheit auf des wahnsinns wunder neidischbleich herunter.”

Der “Ohrenflüsterer” stammt von Rückert. “nie wirrer war der kopf, der gücksstern düsterer, das glück verkehrter als dem ohrenflüsterer, der ..wirft mitten zwei befreundeten den zwist.”

Bei “P” finden wir den “Paradiesbaum” und die “Paradiesblume”, den Pelzneider” und die “Pfingstzunge”, was zur Jahreszeit passt. Die “Pflichtliebe” gibt es auch und interessant, die “Philosophin”. Das “Pflaumenauge”, die “Pflichtliebe” und die “Puppenlust”.

Den “Quäldämon” gibt es dann auch: “oft aber wird aus höllendunst gezeugt, mit seinen legionen von ungestalteten qual-dämonen, der hypochonder bei ihm wohnen. J. G. Jacobi.

Bei “R” wird die “Rauscheseligkeit” von Anette von Droste-Hülshoff zitiert “da klirrt aus des balkones thür ein mann mit gert und eisensporen, ihm nach ein anderer, flasch im arm, in rauscheseligkeit verloren.”

Die “Reinlichkeitspolizei” ist “der zweig der Polizei, welcher sich mit öffentlichen reinlichkeit zu befassen hat.”. Die “Religionsbeschwerde” ist eine “beschwerde in religionsangelegenheiten”.

Bei “S” gibts die “Streichelhand”, den “Sachenwalter”, die “Sauserei” und die “Sausprache “zottige, grobe zotten, unzüchtige zotten”. Der “Sprudelkopf” ist ein “sprudelnder, leicht aufbrausender kopf”. Es gibt den “Sprühbart” und das “Spukbedürfnis”. Der “Sterbeblick” ist “der brechende blick eines sterbenden” und die “Sterbeblume” wird “methaphorisch für einen todkranken menschen” gesetzt und ein “Stunzel” ist ein kleiner dicker mensch.” “sündengrau” ist, wer “in sünden alt geworden”, was wahrscheinlich uns alle betrifft. Den “Suppenkrieg” gibt es auch und höre und staune, die “Systemsucht” ist die “sucht, alles in ein system zu bringen.”, also erstaunlich aktuell.

Dann kommen wir zum “Tigerlächeln”, zum “Teigaffen” und zum “Thatgepräge”, das ist “zur schau getragenes thun.” Die “Tischzucht” ist die “wohlgezogenheit bei tisch und die anweisungen dazu.” Die “Titelsucht” hat man auch schon gekannt und der “todeskuss” stammt von Lenau: “all ihre pulse beben, in ihm, in ihm zu leben, von ihm zu sinken, den todeskuss zu trinken.” Dann kommen wir zum “Topfgucker * der sich um die kleinigkeiten der weiblichen hauswirthschaft bekümmert.” Den “Trägheitsteufel” gibt es auch und die “Trauerware”, die “Trauerwolke”, die “Trauerzitrone”, die “den toten in den sarg gegeben wird” und den “traumbart”, das ist ein unentschlossener, unaufmerksamer Mensch.” und das “Treppenglück”, die “Trinkpistole” und das “Tripelkinn”, die “Trostsonne”, sowie den “Trosthonig”.

“U” beginnt mit dem “Uselbst” Statement von A. V. Haller “ein unselbst, reich an ja, der seine stimme liest, und dessen meinung stets vorher eröffnet ist.” Dann gibts noch die “Umrede”, die “Umsprache” und den “Umstandsfritze”, das “Ungehör” und das “Ungetröll”, damit ist das “eingeweide” gemeint.

Jetzt kommen wir zum “vaterschweisz * der beste sohn hat immer zuviel vaterschweisz und mutterthränen auf dem kerbholz.” Fr. Müller.Das “Vaterglück” ist dagegen das “durch vaterschaft entstehendes glück.”

Dann kommen wir zum Wort “verficken* durch reiben, jucken, beschädigen, zusammensetzung mit ficken, die obscöne nebenbedeutung des einfachen zeitwortes.”

“verhanseln” bedeutet “eigentlich einen in eine gesellschaft als mitglied aufnehmen, da aber mit solcher aufnahme vielfach ceremonien und neckereien verbunden sind, so heiszt verhanseln an einem gewisse ceremonien vollziehen.”

Und bei “W” gibts den “Wächelwind”, den “Wahlkobold”, die “Wahnbraut”, die “Wahrheitsglut”, die “Wahrheitsperle” und die “Waldeslust”. “Wallerzen” heißt im steirischen “jodeln”. Ein “Wassersüppler” ist ein “schlaffer mensch”. Ein “Weigertrank” ist “ein trank, der sich vor dem munde des dürstenden zurückzieht”, oh weh, wie gemein und wohl ein bisschen mystisch und das “Wortgespenst” ist “eine ungeheuerliche wortbildung” und wer “wortkeusch” ist, ist “vorsichtig, streng mit dem wort umgehend.”

Bei “Z” gibts das “Zukunftsvorgefühl”, die Zanze”, das ist ein “unangenehmes frauenhimmer” und den “zarm”, das ist preussisch und eine “trauermahlzeit”. Das “Zärtelkind” ist ein “verwöhntes kind” und der “Zeitsplitterer” ist ein “zeitvergeuder”.

Das war es dann und was haben wir gelernt? daß sich die Sprach verändert, daß es interessant war, wie man damals sprach und schrieb und welches Lieblingswort bleibt mir im Gedächtnis? Da muß ich passen, habe mich über die Kleinschreibung gewundert und betone, es ist ein sehr interessantes Buch, das vor allem den Sprachpolizisten zu empfehlen ist und die schönen Illustrationen machen wahrscheinlich noch mehr Lust auf das Hineinschauen und darin Schmökern. Also ein großes Lob auf den Verlag, der immer wieder interessante Sichtweisen anbietet und originelle Ideen hat.

2 thoughts on “Neuerliche entdeckungsfreudige Erkundung des Grimmschen Wörterbuchs

  1. Sprachpolizisten? Wenn man lesbare Sätze inklusive Zeichensetzung und Grammatik erwartet, ist man also ein “Sprachpolizist”? Dass Sie eine altertümliche Sprache und Wörter bzw. Schreibweisen als Vergleich heranziehen, der natürlich überhaupt nicht funktioniert, ist bestimmt auch nur eine Auswirkung meiner sprachpolizeilichen Ausbildung, nicht wahr?

  2. Ja, lieber Uli, es gibt Menschen und ich gehöre dazu, für die die, die nach Beckmesserkriterien bemessene Sprache nicht das Wichtigste in der Literatur und im Leben ist!
    Für Sie ist das anders, für Sie scheint die korrekte Grammatik ein Gradmesser für Bildung oder was auch immer, zu sein!
    Ich denke, das über den Tellerrand blicken macht es spannend im Leben, wie in der Literatur! Denn nur so bekommt man die Schattierungen und die Nuancen mit und gerade an diesem Buch und in anderen, in denen Not und Brot mit “th” geschrieben wird, merkt man, wie veränderbar das ist!
    Ich habe wahrscheinlich noch ein paar Bücher zu Haus, wo das die Originalorthographie ist und dann, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren, merkt man ja am Beispiel von Tomer Gardi und seinem “Broken German”, wie das heute mit der Sprache und ihrer Veränderbarkeit ist!
    In meiner Kindheit, Sie wissen, ich wurde 1953 geboren, hat Heinz Conrads “geböhmakelt”. Das war damals in Wien wahrscheinlich ausgeprägter, als dort, wo Sie wohnen und auf der Kit Lit vor drei Jahren hat der Herr Blaha Dialektgedichte gelesen, um auf auf die Wichtigkeit seiner Kindheitsprache in Ottakring hinzuweisen und war wohl etwas irritiert, als ich ihn darauf hinwies, daß “Lawohr”, die “Waschschüssel”, ein gebräuchlicher Dialektausdruck eigentlich aus dem Französischen kommt!
    Es ist also nicht ganz so einfach und gerade das halte ich für interessant!
    Das Wort Sprachpolizist, ist wieder ironisch zu interpretieren! Aber in meiner Kindheit, wenn ich im Waschschaffel in der Küche badete, habe ich eine Sendung, die “Achtung Sprachpolizei!” hieß, verfolgt. Ob die das auch ironisch meinten, wenn sie auf Grammatikfehler hinwiesen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wollten Sie einen Bildungsauftrag erfüllen und das richtige Deutsch in die bildungsgfernen Schichten, wie man heute sagen würde, bringen!
    Ich bin aber zumindestens heute für mehr Toleranz, Akzeptanz und über den Tellerrand schauen!
    In diesem Sinne liebe Grüße und ich war gestern auf einer Veranstaltung, wo nachgewiesen werden sollte, daß alle Impfkritiker wissenschaftsfeindlich sind und einen schlechten Gesundheitsstandard haben!
    Da fühle ich mich auch nicht angesprochen und halte diese Einstellung für engstirnig und falsch!

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