Bücherlisten-Scheitern

Wenn man auf meine Bücherliste schaut, merkt man, daß ich da heuer nicht mehr zurande kommen werde.

Denn für 2015 stehen jetzt an die zweihundertzwanzig Titel darauf und sechzig oder siebzig, werde ich wahrscheinlich nicht lesen können und dabei war ich doch sehr stolz darauf mit meinen Listen eine Übersicht zu bekommen und alles Ungelesene zu lesen.

Es gibt eben zu viele und es werden, wenn man sich dafür interessiert auch immer mehr und mehr, neunzig- oder siebzigtausend kann man angeblich jetzt davon in Frankfurt finden und ich war schon immer eine Sammlerin.

Habe mir als Studentin viele Bücher gekauft, von den Lesetürmen der “Literatur im März” Bücher mitgenommen und gehe, seit es die offenen Bücherschränke gibt, regelmäßig dort hin. So kam ich auch zu meiner Bücherliste. Aus hundert Büchern, die ich im Jahr lesen wollte, das war 2011 und 2013 habe ich das erste Mal über das Beschränken nachgedacht und  erstmal alles aufgeschrieben.

Vor den Bücherschränken habe ich etwa fünfzig Bücher im Jahr gelesen, wenn man meine Listen ansieht, merkt man daß es dann auf hundertfünfzig bis hundertsiebzig angewachsen ist.

Mehr ist nicht zu schaffen, so habe ich mir die Listen mit hundertfünfzig Stück angefüllt.

2013 das Soll dann auch gerade noch geschafft und im Vorjahr schon im Dezember zwanzig oder dreißig Stück aufs nächste Jahr verschoben und heuer habe ich dann tapfer angefangen, die alten angesammelten Krimis aufzulesen, die Bücher von Karin Struck und mich auf die Flohmarktkäufe von 2012 gefreut, im Sommer habe ich die dann gelesen.

Da kam  schon die Idee mit dem Buchpreisbloggen, bisher hatte ich mir das ja immer mit Verweise auf meine Leseliste verkniffen, mich aber heuer irgendwann entschloßen, die Verlage anzufragen und zu lesen.

Da war schon klar, ich schaffe die Liste nicht und suche mir nach dem LL nur noch die Gustostückerln heraus oder das, was ich unbedingt lesen will, das Buch der Nadine Kegele, voriges Jahr auf der “Buch Wien” gewonnen beispielsweise, den “Circle”, ein Geburtstagsgeschenk vom letzten Jahr oder  auch das der Karin Ivanscisc, der Andrea Stift, der Doris Nußbaumer, die sie mir gegeben waren, aber keine Rezensionsexemplare waren.

Es gibt auch andere die ich gerne lesen wollte, den Haruki Murakami oder Evelyn Waugh zum Beispiel und wahrscheinlich nicht schaffe und jetzt habe ich von einem Gewinnspiel von Mara Giese auch noch zehn beziehungsweise neun Herbsterscheinungen, weil ich die “Baba Dunja”  schon habe, gewonnen, die ich auch nicht erst in zehn Jahre lesen wollte.

Also habe ich “Wenn schon denn schon!”, gedacht und mir sechs davon noch für heuer vorgenommen, wenn ich es schaffen sollte.

Lauter tolle Bücher, von denen ich auf den Blogs immer gelesen habe, Matthias Nawrat “Die vielen Tode unseres Opa Jureks”, das neue Buch von Harper Lee, das da plötzlich entdeckt wurde und von denen dann alle sprachen, Nora  Bossongs “36,9 Grad”, Meg Wollitzer “Stellung, Katharina Hartwells “Der Dieb in der Nacht”, Ruth Cerhas “Boa” und und und…

Ich bin ja in der deutschen Gegenwartsliteratur ohnehin nicht so bewandert, weil ich bisher eher wenig deutsche Verlage angefragt habe und mir keine Neuerscheinungen kaufe, also kann ich da ein bißchen aufholen und dann schauen, wie es mit meiner 2016 Leseliste halte.

Da würde ich gerne ein wenig konsequenter sein und nicht zuviel daraufpacken und es gibt auch einen Vicki Baum Schwerpunkt, den ich da  vorhabe.

An sich ist es ja egal, ob ich etwas Altes oder etwas Neues lese. Allerdings will ich gerne meine angeseammelten Bücher auflesen, wenn ich das aber konsequent betreibe, kann ich nicht viel Neues lesen, was auch ein wenig schade wäre.

Mal sehen, wie es gelingt. Der Vorsatz ist da und tolle Bücher in den Schränken stehenlassen, bringe ich wahrscheinlich nicht zusammen und ich bin auch eine, die keine Bücher wegwirft.

Da gab es gestern eine Radiosendung, wo auch einer der Bücherblogger war, wo es um das Bücherwegwerfen ging.

Es gibt ja Leute die das machen, die  ich dann in den Bücherschränken finde und das ist  auch das Tolle daran und da habe ich vor kurzem auch Bücher einer ganz alten Serie gefunden, einen alten Adalbert Muhr, eine alte Alma Johanna König beispielsweise.

Rare Gustostückerl, aber wenn ich zuviel Altes sammle und zuviel Neues anfrage, komme ich  auch nicht klar.

Mal sehen wie es geht. Heuer sehr viel überlassen und im nächsten Jahr ein bißchen selektierter lesen, so daß  nicht so viel überbleibt.

Buchpreisbloggen will ich allerdings wieder, vielleicht ein bißchen weniger verkrampft, also das Buchhandlungslesen und das Ausborgen wegglassen, aber die Verlage anschreiben.

Da habe ich dann wahrscheinlich wieder die Hälfte und die Gustostückerln, die dann überbleiben, kann ich mir zum Geburtstag schenken lassen, das hat dann den Vorteil, daß ich die Bücher, wenn ich sie in den Schränken finde, liegen lassen kann und man lernt auch viel dabei, wenn man seine Leselücken füllt.

Ich lese  jetzt auch ein wenig selektiver, nehme nicht mehr jeden Krimi und jedes ChickLit, aber, daß ich über den Tellerrand schaue und offen für vieles bin, ist   etwas, was mir gefällt.

Also sehen, wie die geplanten Kompromisse gelingen und ein bißchen durchmischen zwischen dem Neuen und dem Alten kann nicht schaden.

Schwarze Liebe, Schwarzes Meer

Daß man die literischen Genres nicht vermischen darf, weil die Leser keine Bücher wollen, wo sich ein Krimi, als Liebesroman erweist oder umgekehrt, lernt man, glaube ich, in den Schreibseminaren und auch, daß man diese Regeln durchaus mal brechen darf und so hat sich der 1946 in Konya geborene Zülfü Livaneli, einer, wie im Klappentext steht, der bekanntesten Künstler, Sänger, Filmer der Türkei, in seinem neuen, mir freundlicherweise von “Klett-Cotta” zur Verfügung gestellten Roman “Schwarze Liebe, Schwarzes Meer” nicht daran gehalten, aber wahrscheinlich hat er gar keine Schreibseminare besucht und Schreibratgeber gelesen.

Ich bin ja auch eine, die sich für Neues und für Regelbrecher interessiert und so habe ich den stillen Roman mit dem Genremix sehr genoßen, obwohl nicht wirklich viel Neues in ihm zu lesen ist und man manches vielleicht auch als  kitischig interpretieren könnte.

Aber trotzdem interessiert mich ein in der heutigen Türkei spielender Roman, ich habe noch nicht sehr viele davon gegelesen und Feridun Zaimoglus “Siebentürmeviertel” kann man wohl nicht wirklich echt türkisch benennen, sein Roman spielt auch in der Vergangenheit und die Beziehung zwischen einem jungen Mädchen und einem hier als alt, obwohl er erst Ende fünfzig ist, beschriebenen Mannes, klingt auch sehr interessant.

Zwei Beschreibungen, eine für den Krimi, eine für die Liebesgeschichte, kommt auch noch dazu. Verlag oder Autor machen es wirklich spannend, so daß ich lange nicht wirklich wußte, lese ich jetzt einen Krimi oder einen Liebesroman?

Wahrscheinlich beides oder auch nichts davon, sondern die Erzählungen des fast siebzigjährigen Autors, der sich  irgendwie mit der Scheherazade aus “Tausend und einer Nacht” zu vergleichen scheint und raffiniert aufgebaut, sind diese Verwirrungen und Fallstricke auch.

Es geht in ein kleines Dörfchen bei Istanbul, am schwarzen Meer gelegen, wohin sich die reichen Istanbuler am Wochenende oder in den Ferien zurückziehhen.

Dort wohnt Ahmed, ein Ingenieur und Rentner, obwohl er erst Ende fünfzig ist und irgendwie ein seltsamer Mensch. Er geht wenig aus dem Haus, hat darin jede Menge Bücher und seinen Zimmer auch den Namen der jeweiligen Genres zugeteilt. So gibt es ein “Liebeszimmer, Eifersuchtszimmer, etcetera.

Das stimmt nun auch nicht ganz, denn er geht doch hinaus, einerseits mit seinem Hund Kerberus ans Meer spazieren, aber auch auf die Party von Arzu Kahraman, einer jungen Frau, die mit einem älteren Künstler verheiratet ist.

Dort zieht er sich bald in den Oberstock und zu Büchern zurück und am nächsten Morgen erfährt er von seiner Putzfrau, sie wurde ermordet.

Dann klopft die junge Journalistin Pelin Soysal, aus Istanbul, bei ihm an, die für ihre Zeitung über den Mord recherchieren will und er erzählt er,  wie einst Schererazade zwar nicht in tausend Nächten, aber in einigen, die Geschichte seines Zwillingsbruders Mehmet, der in seinem Leben keine Liebe finden konnte und nun einsam herum zu irren scheint.

Mit der Liebe von Ahmet scheint es auch ein wenig seltsam zu sein. Denn er verträgt keine Berühungen, hat im Keller aber einen Umarmungsapparat stehen, der offenbar für die Therapie von Auisten verwendet wird,  den er für sich selbst gebraucht.

Die beiden Brüder haben ihre Eltern sehr früh durch einen Autounfall verloren, sind bei den Großeltern aufgewachsen, Ingenieure geworden und nach Weißrußland gegangen.

Dort verliebte sich Mehmet in die schöne Olga, da sie kein Englisch und er kein Russisch spricht, brauchen sie zur Verständigung, die Dolmetscherin Ludmilla, was auch ein wenig seltsam ist und zu spannenden Geschichten anregen kann.

Mehmet will Olga zuliebe sogar konvertieren, sie nach Istanbul mitnehmen, aber zuerst fliegen sie nach Sotschi, die Brüder, Olga und die Dolmetscherin. Sie kommen aber nicht soweit, denn vorher wird Mehmet verhaftet, in ein Loch geworfen und harrt dort eineinhalb Jahre aus, bis ihm der Bart und die Haare bis an den Bauch reichen, ist das wirklich realistisch und sich die Verwechslung aufklärt?

Er wurde für einen tschetschenischen Terroristen gehalten und dann vergessen, nach einenhalb Jahren kommt er nach Weißrußland zurück und findet Olga, sowohl im Wahnsinn, als auch in den Armen einer anderen wieder, so daß er fortan herumirrt oder selber wahnsinnig wird.

Dazwischen die Krimigeschichte, die eigentlich keine wirkliche ist, obwohl die bulgarische Kinderfrau des Mordes verdächtigt wird und am Schluß gibt es noch einen Liebestod, sowie eine überraschende Wende, man sieht Zülfü Livaneli versteht zu plotten.

Briefe an den Staatsanwalt und die weisen oder auch listigen Sätze des Autors, beziehungsweise des Protagonisten “Vergessen Sie nicht, daß auch mein Bruder und ich nichts weiter als eine Geschichte sind!”

Wahrscheinlich genau das Buch, das man den berühmten Schwiegermüttern zu Weihnachten unterm Christbaum legen kann. Meiner würde es, glaube ich, gefallen.