Wilde Worte am Pfingstmontag

Die “Wilden Worte” sind eine der wenigen Veranstaltungen, die auch Oster- oder Pfingstmontag stattfinden, ich gehe aber normalerweise am Wochenende und an den Feiertagen ohne den Alfred zu keinen Veranstaltungen. So war ich vor drei Jahren bei den “Wilden Worten” als dort Katharina Tiwald und der Alfred, glaube ich, in Portugal war und normalerweise fahren wir von Harland auch erst in der Früh des nächsten Tages zurück, aber morgen ist Alfreds Betriebsauflug und bei den “Wilden Worten” war Jürgen Heimlich am Programm, ein Autor der mir an sich unbekannt war, ich habe aber im vorigen Jänner oder Februar, ich glaube, bei “Frick” aus der Abverkaufkiste, zwei “Arovell-Bücher” gezogen, eines von der Anita Schaub und dann “Ende eines Genies” von Jürgen Heimlich und so war mein Interesse geweckt, denn das ist spannend, was und wer so bei “Arovell” erscheint bzw. verlegt.
Gertraud Klemm hatte dort ihren Erstling, bevor sie zu “Droschl” und jetzt zum “Bachmannpreislesen” kam und ganz am Anfang meines Bloggerlebens, hatte ich auch Paul Jaeg bei den Kommentierern, der mir anbot, ihm ein Manuskript für das übernächste Jahr zu schicken. Ich habe das bei der “Sophie Hungers” auch so gemacht, aber weil ich nicht so lange warten wollte, das Manuskript gleichzeitig zum “Digitaldruck” und das ehrlich, wie ich bin auch geoutet. Die Reaktion war die bekannte und ich hatte auch schon einen Termin bei den “Textvorstellungen”, als die Tochter mir absagte.
Wenn sie zugesagt hätte, wäre das vielleicht ein wenig schwierig gewesen, aber ein interessanter kleiner bis mittlerer Verlag, von dem ich das erste Mal, ich glaube 2004 oder 2005 war das, durch Margot Koller hörte, die dann auch nicht dort verlegte, ich greife aber, wenn ich Bücher in der Abverkaufskiste und ich den Autor kenne zu und vorigen Dienstag habe ich auch mit einem “Arovell-Autor” im Amtshaus Margareten gelesen.
Also gut, den Alfred fragen “Sind wir um acht schon zurück?”
“Ja!”, sagte er, aber dann war diesmal alles anders, weil am Sonntag einen Tisch bei Irene im Schloß Walpersdorf bestellt und also erst am Montag zum Pfingstfest nach Nußdorf an der Traisen fahren und dieses Wochenende war ja extrem heiß. Weil wir extra früh wegfuhren, schafften wir es aber einigermaßen frisch um zwölf in Nussdorf einzutreffen. Der Alfred drängte, um zwei zurückzufahren, ich dachte, das wird eine Schweinehitze und so war es dann auch, so daß wir, weil ich bei der Telefonzelle bei der Seedose einen Stop einlegen wollte, dort zwar zwei interessante Bücher fand, aber eigentlich kostete das eine halbe Stunde Aufenthalt und zwei Soda Zitron.
Dann mußte der Alfred noch gießen und auf der Autobahn gab es einen Stau, der Alfred brachte mich zwar hin, aber die Westbahnstraße konnte er nicht hineinfahren, so stieg ich aus und erreichte das Amerlinghaus um viertel neun. Dort war gerade Richard Weihs, sowie der Autor und ich glaube noch ein Besucher da. Es kamen dann noch zwei oder drei und Jürgen Heimlich der, wie ich dem Klappentext seines Buches entnehme, 1971 geboren wurde, eine Verlagsausbildung machte und seit 1989 als Autor aktiv ist, Richard Weihs sagte in der Einleitung noch etwas vom Zentralfriedhof, am Buchrücken steht etwas von “Friedhofsgeher, Fußballfan und Gesellschaftskritiker”, stellte seine bei “Arovell” erschienene Erzählung “Wunschfrei” vor und erzählte dazu, daß die Idee dazu auf Grund eines Traum gekommen ist.
Er hat von Koffern geträumt, die er sich holen sollte und dann irgendwie nie erwischte und mit “Wunschfrei” oder “Ein Koffer voller Wünsche”, wie es eigentlich heißen hätte sollen, wollte er auch gegen die Esoterikwelle anschreiben, die er, wie die Paulo Coelhos Bücher nicht sehr mag.
Das habe ich zwar nicht ganz verstanden, denn die Esoteriker, versprechen ja nicht wirklich alle Wünsche zu erfüllen, sondern reden eher vom positiven Denken oder den Kräften, die man in sich hat und fordern auf seinen eigenen Weg zu gehen und Paulo Coelho ist zwar ein sehr positiver Schreiber, hat aber ein großes Publikum und irgendwie sind seine Parabeln vom guten Leben vielleicht auch interessant und nützlich.
Und bei “Wunschfrei” ist mir natürlich der Roman von Thomas Glavinic eingefallen, der ja auch einmal um zwei Euro zu mir gekommen ist und der mir eigentlich nicht so besonders gut gefallen hat.
Ein spannendes Thema also, vor allem bei einer Veranstaltung in der es auch um “Wunschgedichte” geht und Jürgen Heimlich las drei Stellen daraus und versuchte dabei ganz verlagstechnisch den Inhalt nicht zu verraten, es gab aber, glaube ich, keinen Büchertisch, zumindestens habe ich keine Bücher aufliegen gesehen.
Es geht also um einen Paul und zu dem kommt ein Wunscherfüller bzw. ein Inhaber einer Wunschagentur und legt ihm einen Vertrag vor, Paul unterschreibt und wird damit unzufrieden.
So ähnlich ist es, glaube ich, auch bei Thomas Glavinic und ich habe ja auch einmal eine Wunscherfüllungsnovelle, nämlich “Den verrückten Traum der Thea Leitner” geschrieben, in dem ich versuchte mir meine geheimen Wünsche zu erfüllen.
Nachher gab es trotz der mangelnden Besucherzahl eine lebhafte Diskussion und natürlich auch die “Wunschgedichte”.
Da wünschte ich mir was von einem Autobahnstau, dem zu spät kommen am Pfingstmontag, das mit den Wortes “Es war einmal beginnt.”
Mal sehen was daraus wird und wenn auch Jürgen Heimlich, so habe ich es jedenfalls verstanden, gegen die Wunscherfüllung ist, beim offenen Bücherschrank fand dann eine statt, lag da, von mir fast übersehen, Sarah Strickers “Fünf Kopeken” darin und das steht, nachdem das die Blogger im letzten Jahr alle so eifrig lagen, ganz oben auf meiner Wunschliste und manchmal hat man da Glück.

Wachstumsschmerz

Nach dem “Mängelexemplar” kommt der “Wachstumsschmerz”, zwei Jahre nach dem Romanbestsellererstling geschrieben, widmet sich nun die 1979 in Ost-Berlin geborene Moderatorin dem Erwachsenwerden, beziehungsweise der “Quarterlife-Crisis” und beides stimmt nicht wirklich, denn die Herrenschneiderin und Castingbesucherin Luise ist zweiunddreißig, also schon längst erwachsen und für die Viertelkrise müßte sie hundertrzwanzig werden, was derzeit noch nicht der realistischen Lebenserwartung der Durchschnittsfrau entspricht, wie Luise in circa der Mitte des Buches selbst erkennt.
Und im Gegensatz zum “Mängelexemplar” ist Anfangs alles bestens, Luise und Flo, seit Jahren ein Paar, beschließen zusammenzuziehen und suchen eine gemeinsame Wohnung, weil sie ohnehin schon die meiste Zeit zusammenstecken und das zum Erwachsenwerden auch so gehört.
Sie finden auch eine und packen alles zusammen, die Umzugshelfer kommen, Luises Nachbarin eine Langzeitkunststudentin mit wenig Geld, die die Enge liebt, bereitet für die starken Männer veganes Quche, die allerdings lieber ungesunde Pizza mampfen.
Luise hat eine Schwester, die in Leipzig Psychologie studiert und gerne klettern geht. Flo ist Mangager in einer Kletterhalle. Luise klettert weniger, dafür geht sie gelegenlich zu einem Casting, weil sie einmal in einer solchen Agentur gelandet ist.
Da beginnt vielleicht das böse Ende, denn Luise kommt darauf, daß sie nicht wirklich genommen werden und in den Filmen blöde Rollen spielen will und ihre Mangagerin redet ihr ins Gewissen, sie soll sich überlegen, was sie will?
Das tut auch ihr Vater, der in zweiter Ehe eine kleine Pauli hat und in einem Verlag arbeitet. Luise arbeitet mit Kolleginnen in einer Agentur und schneidert alten Männern für tausend Euro neue Anzüge. Der Vater meint, sie soll eine eigene Kollektion kreieren.
Luise beginnt weiter nachzudenken und wird immer unzufriedener, sie bekommt Heulkkrämpfe, fragt sie Schwester um Rat, die von Sigismund Schlomo Freud zu sprechen anfängt, bei der Hochzeit eines Freundes von Flo eskaliert die Sache endgültig, weil sie und Flo den geforderten Geldbetrag in einem gewöhnlichen Kuvert, statt wie die kreativen anderen, als Selgelschiffchen gefaltet oder im Pudding versteckt mitbringen.
Luise schlägt Flo eine Auszeit vor, der zieht zu seinem Freund, der Großvater der Braut, den Luise bei beim Rauchen kennenlernte, kommt ins Atelier und will sich einen Anzug schneidern lassen, er redet ihrins Gewissen, so daß sie daraufkommt zu Flo zurückzuwollen und ihm schon nach zwei, statt der vereinbarten sechs Wochen eine E-Mail schreibt, jetzt will aber er nicht mehr und Luise bleibt allein in ihrer großen Betthälfte zurück, schreibt Memos und trägt auch zu große Schuhe, die ihr ihre Freundin Ricke borgt, denn das Erwachsenwerden ist schwer, wie in den Klappentexten steht, in Berlin und wahrscheinlich auch anderswo…
“Sarah Kuttner greift den Geist der Zeit auf!”, lese ich in einer Rezensionen, ich denke die liebe Luise hat sich in ihre Krise hineingedacht, beziehungsweise Sarah Kuttner ihre Prota in ihren gewohnten Schnodderton, dorthin gebracht und erinnere mich an die Ratlosigkeit, die vor einem dreiviertel Jahr ihr erstes Buch bei mir auslöste, in das ich erst langsam langsam hineinkam.
Jetzt war es umgekehrt. Das Hineinkommen war nicht das Schwierige. Denn da klappte ja noch alles, klang einfach und verständlich und war auch spannend zu lesen. Nur nachher wurde es schwer, denn so ganz kann ich nicht verstehen, daß zwei Menschen die lange und gut zusammenleben, wirklich durch das Zusammenziehen plötzlich nicht mehr miteinander können und Luise durch die Fragen ihres Vaters und der Agenturfrau den Boden unter den Füßen verliert und hoffe wirklich, daß das ein Reißbrettplot und nicht das das Problem der gesamte Generation Dreißig darstellt.
Irgendwo resumiert Luise einmal, daß sie ihre ersten Male nun schon vorbei hätte. Aber das stimmt ja nicht, das erste Kind, die erste Eheschließung, schließlich der erste Zahnausfall, vielleicht die erste Operation, das Klimakterium, der Haarausfall und zuletzt das Sterben fehlen bestimmt. Das Leben geht weiter, wenn man dreißig ist und bisher alles irgendwie klappte, denn da hat es erst angefangen und ist wahrscheinlich ein knappes Drittel vorbei.