Der 1998 erschienene Erzählband “Sommerhaus, später”, der 1970 in Berlin geborenen Autorin Judith Hermann, hat diese zum “Fräuleinwunder” der Literatur gemacht. Burkhard Spinnen, Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek loben auf der Buchrückseite, die “neuen Töne der neuen hervorragenden Autorin”, die den “Sound der neuen Generation”, zum Klingen brachte und laut Wikipedia, “das Lebensgefühl, der Ende 1990 in Berlin Lebenden Künstler- Studenten-Arbeitslosen-Boheme” beschreibt und es sind in der Tat sehr eindrucksvolle Geschichten in denen die Kiffer in “melancholisch gefärbten kurzen Sätzen”, die Liebe und das Leben erfahren.
Das beginnt schon in den “Roten Korallen”, in der die Erzählerin, die Frage stellt, ob “der erste und einzige Besuch bei einem Therapeuten, der sie um das rote Korallenarmband der Urgroßmutter und um ihren Geliebten brachte, die Geschichte ist, sie sie erzählen will?
“Ich bin nicht sicher. Nicht wirklich sicher:”
Dann wird in einem lakonisch distanzierten Ton vom Urgroßvater erzählt, der in Rußland Öfen baute, während die Urgroßmutter nicht aus dem Fenster des schönen Hauses am Malyj-Prospekt in die Fremde hinausschauen will. Weil sie sich einsam fühlt, empfängt sie Liebhaber und weil der Großvater ein Korallenarmband an ihr entdeckt, ruft er seinen Freund Isaak Baruw, um sich mit Nikolaij Sergejewitsch zu duellieren, der ihn erschießt, worauf die schöne Urgroßmutter sieben Monate wartet, dann mit der kleinen Großmutter im Weidenkorb, die Nikolaij Sergejewitsch ähnlich sieht, nach Deutschland zurückzufahren. Isaak Baruw nimmt sie mit und dessen fischgrauer Urenkel ist der Geliebte der Erzählerin, die an ihm leidet, weil er nicht spricht, sondern sein Leben nur seinem Therapeuten erzählt, so daß die Protagonistin ein einziges Mal auch zu diesem geht, das Armband unter seinem Tisch zerreißt und der Geliebte im “wassernassen Bett” auch irgendwie verschwindet…
“War das die Geschichte, die ich erzählen wollte”, aber mein Geliebter konnte mich nicht mehr hören.”
Es wird überhaupt nicht viel gesprochen in Judith Hermanns Erzählungen.
Die “biegsame” Sonja tut es jedenfalls nicht, die ein anderer Erzähler im Zug kennenlernt, als er von seiner Freundin Verena kommend von Hamburg nach Berlin fährt. Sonja steht da und schaut ihn an, bzw. von ihm weg, dann folgt sie ihm in die U-Bahn, fragt “Soll ich warten” und drückt ihn ihre Telefonnummer in die Hand. Später ruft er sie an, trifft sie in einem Lokal, erzählt ihr sein Leben, während sie schweigt und verschwindet, um dann eine Zeitlang jede Nacht zu ihm zu kommen, ihm Bücher zu bringen, die er nicht liest. Sex scheint es zwischen den beiden nicht zu geben, er weiß auch nicht sehr viel von ihr, trotzdem sagt sie, daß sie ihm heiraten und Kinder von ihm haben möchte, was ihn so erschreckt, daß er Verena heiratet, worauf Sonja verschwindet, was auch nicht passt.
Ein seltsam altmodisches Lebensgefühl der Berliner Kiffer Generation eigentlich und Sonja trägt auch “ein “unglaublich altmodisches, rotes Samtkleid und stöckelt in viel zu hohen Schuhen” auf den Erzähler zu und in “Hunter-Tompson Musik” der einziges Geschichte, die nicht in Deutschland spielt, geht es um das “Washington jeffersen, das kein Hotel mehr, sondern ein Armenhaus für alte Leute und die letzte verrottete Station vor dem Ende ist”.
In diesem Geisterhaus wohnt Hunter und kommt mit seinen Einkäufen aus dem Deli, fragt beim Portier nach Post, obwohl es längst keine gibt, zieht sich in sein Zimmer zurück, um seine Musik zu hören, “Glenn Gould”, während die alte Miss Gil draußen singt. Da klopft plötzlich ein junges Mädchen an seine Tür, das nicht herpasst, erzählt, das man ihr ihren Casettenrekorder gestohlen hätte und will mit ihm am nächsten Abend essen gehen. Sie kommt nicht oder zu spät und er ist auch nicht sehr erfreut darüber, trotzdem hat er in einem Geschäft in dem ein alter Mann sitzt und nichts mehr verkauft, einen Rekorder besorgt, sich seinen Begräbnisanzug angezogen und als sie um zwölf Uhr doch klopft, drückt er ihr mit dem Rekorder auch seine Platten in die Hand.
Die Titelgeschichte ist ähnlich skurril, Stein ist ein Taxifahrer und hat sich durch die Bohemine gebumst und dann ein Haus entdeckt, zu dem er die Erzählerin bringt, es ist auch ein Geisterhaus, ganz verfallen ohne Türen, trotzdem hat er achtzigtausend Mark dafür bezahlt und auch eine Frau mit Kind daraus vertrieben, die der Erzählerin einen Schlüßelbund in die Hand drückt. Zu einem Haus ohne Türen braucht man aber keine Schlüßel, so fährt sie nach Berlin zurück und als sie später in Steins Taxi fährt, sieht sie, daß er Baumaterial darin transportiert. Sie bekommt auch Karten Canitz, in dem er “..wenn du kommst”, schreibst und einen Zeitungsartikel in dem steht, daß das ehemalige Gutshaus in Canitz, das der neue Berliner Besitzer wieder instandsetzte, abbrannte.
“Die Polizei schließt Brandstiftung bisher nicht aus.”
Und so weiter und so fort, ein paar Geschichten sind ein bißchen weniger skurril, sondern drehen sich um Beziehungskrisen, in “Ende von Etwas” erzählt Sophie von der pflegebedürftigen Großmutter, eine “Camera Obscura” und eine “Bali-Frau” gibt es auch und am Ende dankt die Autorin “der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, der Stiftung Kulturfond, der Akademie der Künste, dem Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth und insbesondere Katja Lange-Müller, Burkhard Spinnen und Monika Maron für die Unterstüzung an diesem Buch.”
Judith Hermann hat für “Sommerhaus, später”, auch ein paar Preise bekommen und laut Wikipedia lernen müßen “mit dem Druck der Verlage, Öffentlichkeit, Medien umzugehen.”
2003 folgte der Erzählband “Nichts als Gespenster”, der schon nicht mehr so gelobt wurde und 2009 der Erzählband “Alice”, denn Judith Hermann schreibt offenbar nur Erzählungen.
“Nichts, als Gespenster”, habe ich mir von einem der Buchgutscheine ausgesucht, die ich beim “Luitpold Stern Preis” gewonnen habe, aber noch nicht gelesen, weil ich Erzählungen ja nicht so mag.
“Sommerhaus,später”, habe ich zu Ostern in der Wilhelmsburger Bücher Abverkaufskiste gefunden und als letztes meiner Harlander Listenbücher gelesen und war beeindruckt, weil mir die Erzählungen gut gefallen haben und weil ich jetzt noch ein bißchen mehr kapiere, wie der Literaturbetrieb funktioniert.