“Verfahren”, der neue Dokumentationsroman von Ludwig Laher wirft wieder ein aktuellen Thema auf. Ein höchst aktuelles sogar, wurden ja unsere Asylgesetzte ausgerechnet diese Woche verschärft und von den Abschiebepraktiken unserer Behörden war in den letzten Monaten und Wochen ebenfalls sehr oft die Rede.
Wieder nähert sich Ludwig Laher sehr gründlich und bedächtig seinem Thema an. So beginnt die teilweise erfundene Geschichte, der Kosovo-Serbin Jelena mit einer Demonstation gegen Frau Minister Fekter, dieser Name wird in dem Buch nicht erwähnt und auch Jelena wird in Wahrheit anders heißen, um uns dann einen Blick in die Akten der Asylbehörden werfen zu lassen, wo es von Fremdwörtern und unverständlichen Abkürzungen nur so wimmelt. So wird Jelena, obwohl sie ja eine junge Frau ist, nur AW – Asylwerber genannt, nur bei der ASt. – Antragstellerin ist man etwas gendergerechter.
Nach und nach erfährt man die Geschichte, über die Ludwig Laher im gestrigen von “Tag zu Tag” Interview meinte, daß schließlich ohnehin viel zu wenig davon erfunden ist. Jelena ist als Angehörige der serbischen Minderheit im Kosovo aufgewachsen, es gibt einen gewalttätigen, trinkenden Vater, der irgendwann die Familie verlassen hat, so daß Jelena sich nicht mehr an ihn erinnern kann, einen Bruder, der stärker, als die Schwester, die Familie verließ, nachdem das Haus angezündet wurde und die beiden kleineren Geschwister darin verkohlten, die Mutter stirbt an Krebs. Jelena kommt in psychiatrische Behandlung und wird in der Neuropsychiatrischen Klinik an den Wert ihrer Matura erinnern, die soll sie machen, um später eine gute Zukunftsaussicht zu haben. So klammert sie sich daran, ein UNMIK-Soldat verschafft ihr eine Stelle als Putzfrau in der Kantine, sie wohnt im leerstehenden Nachbarhaus, besteht die Matura, wird von vier Albanern entführt und vergewaltigt, was sie das scharfe Putzmittel mit dem sie die Klos putzen soll, schlucken läßt, so daß sie wieder in die Klinik kommt, wo ihr die überforderte aber sehr bemühte Ärztin, die Flucht als Rettung und Heilung in Aussicht stellt, denn in Österreich wird Jelena, meint sie, auf Grunde ihres Schicksals sicherlich leicht Asyl bekommen wird. Was sich als Irrtum herausstellen sollte, denn die Dolmetscherin, eine Albanerin, ist so schwer zu verstehen, daß im Asylantrag später falsche Angaben stehen und die Frage, ob sie krank ist, wird Jelena auch verneinen, denn Krebs, Masern oder Mumps hat sie ja nicht, was schwere Folgen haben wird, denn dadurch wird ihr Antrag abgelehnt und hat man erst einmal falsche Angaben gemacht, läßt sich das später nicht mehr korriegieren.
Dazwischen führt uns Ludwig Laher in einen Gerichtshof und läßt uns einer Verhandlung beiwohnen, er schildert auch die Richter als durchaus freundliche Menschen, die den blondgelockten Dreijährigen, die ihm ihre Sportautos vor die Füße fahren, die freundlich zurückschicken. Wir lernen Dr. Zellweger einen Asylrichter kennen, der sich Gedanken zu seinen Fällen macht, zuhört und gelernt hat, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden. Denn Ludwig Laher recherchiert genau und versucht objektiv zu berichten.
Von einer blauäugigen Gutmenschposition ist das Buch sehr weit entfernt. Dr. Zellweger erzählt uns bzw. Ludwig Laher durchaus Fälle, wo die Menschen aus den ärmeren Ländern halt versuchen ihr Glück im goldenen Westen zu probieren, wie ein anderer ins Spielcasino geht, klappt es nicht, macht es auch nichts, dann wird schon mal am Tag vor der Verhandlung eingebrochen, weil man, wenn man ohnehin zurück muß, wenigstens etwas haben will, das sich der Familie mitbringen oder am Schwarzmarkt verkaufen läßt.
Die Lehrerin kommt vor, die sich in ihrer Pension der Flüchtlingsbetreuung widmet und der inzwischen über achtzigjährige Arzt, der es der Initiative seiner Mutter verdankte, die vor langer langer Zeit alle Hebel in Bewegung setzte und die Patientenkartei ihres Mannes, einem Wiener Hausarzt nach Hilfsmöglichkeiten durchsuchte, um wenigstens die Kinder nach dem Anschluß aus Wien hinauszubringen. Der heiratet in England, emigriert im hohen Alter zu seiner Tochter nach Canada und kommt doch wieder nach Wien zurück, um sich dieses anzusehen, bzw. zwei Flüchtlingen, die jetzt dort Aufnahme suchen, mit je fünfzig Euro im Monat zu unterstützen.
Eine davon ist Jelena, deren Fall doch wieder aufgerollt wird und die inzwischen eine kleine Wohnung, eine junge Österreicherin, die mit ihr Deutsch lernt und eine schon integrierte serbisch-kosovarische Familie, die ihr einen Anwalt besorgte, gefunden hat.
Auch die Stimmen am Stammtisch kommen gelegentlich vor, allerdings nur leise und sehr wenig, denn da hält sich Ludwig Laher, der genau und objektiv berichten, will, wie er ebenfalls im gestrigen Interview erklärte, bewußt zurück. Emotionen schaden nur und auch das Geschimpfe auf das Gesindel und die Wirtschaftsflüchtlinge, die uns nur die Arbeit wegnehmen wollen und uns bedrohen.
So ist das Lesen des Dokumentationsromans, wie ich meine, sehr zu empfehlen, erfährt man doch sehr viel über das Schicksal der Menschen, die zu uns gekommen sind, um eine Weile oder auch länger bei uns zu leben, was man in der Kronenzeitung beispielsweise nicht erfährt.
Die Menschen und die Schicksale bekommen Gesichter und das Leben im Kosovo kann man sich dadurch auch besser vorstellen. So bin ich zum Beispiel sehr erstaunt, daß die psychiatrischen Kliniken dort so gut funktionieren und die Patienten, obwohl das ja sicher nicht leicht ist, so gut wie möglich zu betreuen versuchen.
Ansonsten ist mir das Thema ja vertraut, habe ich ja eine Zeitlang Diagnostik bei traumatisierten Asylwerbern gemacht und Ludwig Laher kenne ich auch schon lang. Vor Jahren habe ich ihn entweder bei der GAV oder bei den IG-Autoren, wo er sich ebenfalls sehr engagiert, kennengelernt. War bei einigen seiner Lesungen und habe ihn auch im Radio öfter gehört. So weiß ich, daß der bei Haymon erschienene Roman, der dritte Teil einer Reihe ist, mit der sich Ludwig Laher mit den Rändern unserer Gesellschaft und den Menschen, denen es nicht so gut geht, beschäftigt.
“Und nehmen, was kommt”, 2007 ebenfalls bei Haymon erschienen ist der erste Teil, der sich mit dem Schicksal einer slowakischen Romni beschäftigt.
“Einleben”, handelt vom Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom, darüber habe ich schon berichtet und Ludwig Laher für die Jury des “Ohrenschmauses” empfohlen, jetzt schließt er die Reihe mit einem weiteren wichtigen Thema ab.
Eine kleine Kritik habe ich natürlich auch, bei dem Buch, das ich gelesen habe, es ist ein vom Verlag zur Verfügung gestelltes Leseexemplar, gibt es keine Angaben über den Autor und das ist die Struktur, die ich beim Lesen brauche.
Gut, ich kenne Ludwig Laher persönlich und kann auch bei Wikipedia nachschauen, daß er 1955 geboren ist, Germanistik studierte, Lehrer war und jetzt als Schriftsteller in St. Pantaleon in Oberösterreich lebt. Bei den richtigen Bücher, die ab heute erscheinen, hoffe ich, daß das drinnen steht, denn Angaben über den Autor gehören sicher auch zur Objektivität.
Es gibt aber ein ausführliches Abkürzungsverzeichnis der juristischen Floskeln und ein Nachwort des Autors, über dem er einiges über die Entstehungsweise des Buchs erzählt, das am 7. 4. um 19 Uhr in der Alten Schmiede vorgestellt wird.
Day: 26. February 2011
Nicht zu lange Hörspielnacht
Ich bin ja keine besondere Hörspielfreundin, so höre ich mir die beiden Hörspielleisten, die Ö1 zu bieten hat, auch nicht besonders häufig an und wenn dann die Karte kommt, mit der man das Hörspiel des Jahres wählen kann, schicke ich sie nicht ab, weil ich ja raten müßte. Zu der langen Nacht des Hörspiels, die es seit 1993 gibt, gehe ich aber gelegentlich hin. Wahrscheinlich deshalb, weil mich die erste, wo man durch die Studien gehen, die Hörspiele live hören, live abstimmen und in den Pausen auch noch Gulasch essen konnte, sehr beeindruckt hat. Da hat es auch noch lang gedauert. Inzwischen hat sich die Veranstaltung eingespielt und ist immer kürzer geworden. So gibt es seit so und so vielen Jahren, die Wahl des Schauspieler des Jahres, den Kritiker Preis und die Kurzhörspiele, die Hörspiele werden nicht mehr live abgestimmt und inzwischen auch nicht mehr ganz gespielt, sondern nur mehr in kleinen Probestückerln. Buffet gibt es auch keins mehr. Dafür ist immer noch Prominenz zu sehen und nachdem ich eine Zeitlang nicht mehr dort gewesen bin, bin ich im vorigen Jahr wieder hin und auch heuer dort gewesen. Daß Cornelius Obonya Schauspieler des Jahres wurde, war schon eine Weile bekannt, Freitagmorgen war er auch in der Sendung Leporello und am Abend mahnte die Laudatorin des Kritikerpreises zur größeren sprachlichen Genauigkeit, weil es ja eigentlich Hörspieler heißen müße und sie hoffe, daß es im nächsten Jahr einen solchen geben wird.
Ich greife vor, denn zuerst bin ich in den großen Sendesaal gekommen und habe meinen Platz zufällig hinter Konrad Zobel gefunden, der ja im Sommer meinen Artikel fand und mich in seinem Kommentar “Herr Jancak” nannte. Weiblich bin ich immer noch, das hat sich nicht geändert, weil aber inzwischen Alfred Treiber in Pension gegangen ist, hat Peter Klein moderiert. Den Kasten mit dem afrikanischen Kunsthandwerk, wo sich jeder der Auftretenden etwas aussuchen konnte, gab es noch und es begann mit Hörspielmusik von Max Nagl und seiner Band. Dann kam Sigrid Löffler mit ihrer Eröffnungsrede, in der wie irgendjemand bemängelte, ich weiß ich mehr, ob das die Kritikpreislaudatorin war, daß dabei das Wort “Hörspiel” kein einziges Mal erwähnt wurde. Es ging aber um die österreichische Literatur und die Frage, ob es eine solche gäbe? Ich weiß nicht mehr genau, ob Sigrid Löfflers Antwort darauf ja oder nein gewesen ist. Sie erwähnte jedenfalls drei österreichische Literaten, nämlich Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek, wobei der erstere, wie wir wissen vor zweiundzwanzig Jahren gestorben ist. Dafür gehört er inzwischen zu den Staatskünstlern, hat ihn doch die österreichische Rache inzwischen vom Staatsfeind zu einem solchen gemacht. Dazu kann ich nur sagen, daß ich mehr österreichische Literaten kenne und es sehr schade finde, daß immer nur die drei Namen erwähnt werden. Stimmt nicht, von Arno Geiger und, daß er Chancen hat Preisträger beim Leipziger Buchpreis zu werden, hat Sigrid Löffler auch gesprochen.
Dann ging es weiter mit den Hörspielnamen bei denen Cornelius Obonja mitwirkte, es gab Ausschnitte daraus, eine Laudatio von Philipp Blom, die Rede des Preisträgers und eine Pause, wo mich Patricia Brooks begrüßte und deren Hörspiel “Stella und der Koch”, daß ich zufälligerweise gehört habe, ist unter die besten elf gekommen. Es wurde auch noch die Regisseurin begrüßt, die kurz erklärte, wie die Produktion entstanden ist. Im zweiten Teil wurden die elf besten Hörspiele vorgestellt und die Entscheidung der fünf Kritiker bekanntgegeben. Da hätte zwar fast das Hörspiel der Bettina Balaka gewonnen, die Jury ist dann aber doch bei dem von Sabine Steinfeldt geblieben, wo es um eine Beziehung zwischen einem Meinungsforscher und seiner Probandingeht. Es gab eine Hörprobe von neun Minuten und eine zweite Pause. Dann wurden die Sieger des Kurzhörspielwettbewerbs, die inzwischen im Klangtheater ermittelt wurden, bekannt gegeben. Eine Menge sehr junger Mädchen erstürmten die Bühne und durften sich ihre afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttinnen aussuchen. Der dritte Preis ist an Susanne Toth, die ich vom Lesetheater kenne und eine Musikerin gegangen, die einen sehr schönen Text namens “Begenschelle” hatten.
Die Spannung wuchs, ich tippte auf Daniel Glattauer und seine “Sieben Wellen” als Siegertext, es gewinnen immer die großen Namen und tippte falsch. Denn das ist nur der dritte Preis, der zweite ging an eine Arbeitslosenparodie von Patricia Josefine Marchard und der erste Preis an “Die kleinere Reise” von Alois Hotschnig gegangen und das scheint ein sehr interessantes Stück zu sein. Es gab zwar nur eine Hörprobe von zehn Minuten, es geht dabei aber, um zwei alte Leute, über das Einkaufen und das Essen und die Sorgen, die sie sich machen, was sie am nächsten Morgen einkaufen sollen: “Milch, ein Viertel Butter, etwas Käse, Sardellen, Gurken nein” und das ungefähr die gesamten zehn Minuten in veränderter Reihenfolge. Wenn die Männerstimme dann schon sehr verzweifelt ist, mischt sich eine gütige Frauenstimme ein und meint “Du wirst es nicht vergessen, versuche jetzt zu schlafen!”
Das Gute Nacht kam dann von Peter Klein, der die preisgekrönten Hörspiele zu den nächsten Hörspielzeiten ankündigte und noch auf Bier und Würstel ins Kultur Cafe lud. Ein bißchen Prominenz gabs noch zu sehen und beim nach Hause gehen habe ich Herrn Blaha getroffen, der mir erzählte, daß er eine ganze Sammlung historischer Hörspielen hat.